Freitag, 14. Mai 2021

Psychologische Supernova


Wenn ein Stern unter dem Gewicht der Elemente zusammenbricht, die er selbst produziert, also quasi kollabiert, kommt es zu einer Supernova. Genau so fühlt es sich an, wenn der HB-Aspi realisiert, dass er eine Panikattacke bekommt, weil zu viele neue Informationen auf einmal auf ihn eindringen. Diese einzelnen Gedanken werden plötzlich immer mehr und mehr, bis es zum großen Knall kommt und mein Gehirn dichtmacht.

Auslöser kann eine einzige Information sein, wie zum Beispiel ein unerwarteter Anruf: "Eine deiner Schülerinnen hat sich mit dem Coronavirus infiziert." Dann geht das Denken los. Wann ruft das Gesundheitsamt an? Wo sind die Sitzpläne? Warum habe ich die nicht an die Schule geschickt? Wo sind meine Testkits, ich mache einen Selbsttest. Habe ich die Schülerin überhaupt im Unterricht einmal gesehen? Wechselgruppen? Wie groß war der Abstand zwischen uns? Waren die Fenster geöffnet? 

Den Fragen folgen weitere, es wird immer chaotischer, bis mein Gehirn einfach abschaltet - nichts geht mehr. Der gesamte Tagesablauf bricht zusammen. Ich suche reflexartig nach ritualisierten Abläufen, um mich runterzufahren - zum Beispiel Bad und Meditation. Das funktioniert dann auch. Aber es ist ein Schema, das ich seit so vielen Jahren kenne, und ich frage mich hin und wieder, warum mir nie in den Kopf gekommen ist, es könnte sich um eine geistige Behinderung handeln.

Mittlerweile weiß ich natürlich, warum ich nie auf die Idee gekommen bin. Aber von Panikattacke zu Panikattacke wird es immer offensichtlicher, es schreit mich geradezu an: "AUTIST!" Wird Zeit, mir einen schriftlichen Notfallplan für solche Situationen zu erstellen.

post scriptum: Liebe Eltern, es ist alles okay. Das bedeutet nur, dass ich mal wieder keine Mails lese, geschweige denn beantworte, bis ich meinen Kopf wieder aufgeräumt habe.

Donnerstag, 13. Mai 2021

13-05-2021 - Die Entdeckung

Wer erinnert sich noch an dieses Bild?

"Wäsche-LEINEN LOS!!!"

Als wir damals zu den donnernden Worten des Käpt'ns in See stachen, hatten wir bestes Wetter, doch heute ist der Himmel handtuchverhangen. Überall sieht man Socken und Unterwäsche, so dass man kaum noch einen Blick auf die See erhaschen kann. Aber wir bleiben tapfer!

"Blick nach links!" - "Volle Biotüten!"

"Blick nach rechts!" - "Gefüllte Schreddereimer!"

Seit Monaten - oder sind es mittlerweile Jahre? - sind wir unterwegs auf unserer Entdeckungsreise. Der Käpt'n hat uns bis heute nicht gesagt, wo es hingehen soll, aber schließlich sind wir nur Arbeiter auf dieser Expedition, wir sollen Aufgaben ausführen, nicht Pläne hinterfragen. Ich bin seit Stunden damit beschäftigt, die Schweißausbrüche des Käpt'n aufzufangen; was soll ich auch sonst machen? Ich bin nur ein unbedeutendes Kopftuch. Schwerer hat es da der Rest der Crew - der erste Maat Pappkarton ist unter der Belastung des Papiermülls zusammengebrochen, und ich frage mich, ob den Planern der Exkursion nicht vorher klar war, dass wir undurchquerbare Papierberge durchdringen müssten? Und das war noch, bevor die Isla Kochtopfa ohne eine Vorwarnung auf der See erschienen ist und seither wie ein Bollwerk auf unserer Reiseroute wirkt. 

Auch der Unteroffizier Gelber Sack ist mittlerweile total grün angelaufen; er steht kurz vor dem Brechen. Wir wissen gar nicht, wohin mit den ganzen Kollateralschäden, die wir auf der Suche nach was auch immer verursachen. Und das Einzige, was der Käpt'n uns immer wieder sagt: "Wir haben diese Reise monatelang vor uns hergeschoben. Jetzt hilft kein Jammern mehr, da müssen wir durch. Seid tapfer, Leute, wir befinden uns auf der Suche nach dem Paradies! Ich kann es euch nicht beweisen, dass es dieses Paradies wirklich gibt. Alle Zeitzeugen, die gesamte Generation, die einen Blick dieses Landes erhaschen durfte, weilt mittlerweile nicht mehr unter uns. Wir können uns nur auf ihre Berichte verlassen und hoffen, dass unsere Suche nicht umsonst sein wird."

Das war vor einer Ewigkeit, in der wir bisher nichts entdeckt haben. Unter all' dem Papier, das wir durchquert haben, fanden wir nur noch mehr Papier. Backbord Arbeitsverträge aus einem anderen Zeitalter, Steuerbord Steuerunterlagen, und unter dem Ganzen eine dicke Schicht Klassenarbeiten. Dabei haben wir mittlerweile schon mehrere Meter Bonbontüten, Shampooflaschen und und Räucherstäbchenasche vernichtet. Unsere letzte Hoffnung ist der neue Seemann an Bord, Lieutenant Staubsauger, der sich mit seinem tiefen Atem einen gewissen Ruf erarbeitet hat. Wird er uns helfen können, das Paradies zu finden? 

Die ganze Crew steht auf dem Deck, an die Reling gelehnt, und schaut dem Neuen bei der Arbeit zu. Wie ein Wirbelwind arbeitet er sich durch Pizzareste, Käsekrümel und ganze Heere von Staubmäusen - wir haben so etwas zuvor noch nie gesehen, und tatsächlich dauert es nur noch wenige Stunden und Beuteltransplantationen, bis der Mann im Ausguck aus vollem Halse brüllt: "Hoooooooooolz in Sicht! HOOOOOOOOOOOLZ!!!!" Und so können wir endlich einen bedeutenden Moment in unserem Logbuch festhalten:

13-05-2021 - Die Entdeckung des Fußbodens

Doch für mich ist es eine bittersüße Entdeckung, denn mir ist bewusst, dass der Käpt'n mich nun nicht mehr brauchen wird. Er wird mich in's Badreich verbannen, wo ich vom Mahlstrom der gnadenlosen Herrscherin durchgespült werde. Das hat noch niemand überlebt. Aber mein Glaube ist stark: Ich weiß, ich werde wiedergeboren werden - anders, reifer, sauberer - als Geschirrtuch. Möge das Waschmittel sich meiner erbarmen!

post scriptum: Irgendwie scheint sich das zu einem running gag zu entwickeln, dass Aufräumanfälle mit einem Blogbeitrag bedacht werden. Hauptsache, Ihr seid gut unterhalten ;-)

Mittwoch, 12. Mai 2021

Takes one to know one


vorweg: Manchmal gibt es auch positive Gründe für Funkstille im Blog - zum Beispiel weil der Kopf ununterbrochen an interessante Dinge denkt:

Andrea Brackmann hat wieder zugeschlagen. Ihr Buch Jenseits der Norm - hochbegabt und hoch sensibel (2005), das Zweitausendachtzehn bereits in der zehnten Auflage erhältlich war, steht immer in doppelter Ausführung in meinem Bücherregal. Lieber doppelt, denn ich leihe es gern an Menschen aus, die es betreffen könnte, und da ich quasi ein Geigerzähler für Hochbegabung bin (zumindest habe ich eine hohe Trefferquote), kommt das öfters vor (herrje, das klingt angeberisch, typisch Aspi). 

Derzeit bei einem Schüler und, in der gleichen Klasse, bei einer Schulbegleitung. Ich finde das irgendwie drollig, weil Frau Gelbdrücker mich extrem an Frau Scheißdrauf erinnert - die hochbegabte Schulbegleitung damals in Neumünster-Brachenfeld (und ich finde sie beide toll). Brackmanns Buch kann man gern als eye opener bezeichnen, und es klärt nicht nur den betroffenen Schüler auf, sondern auch die ganze Familie, denn die Hochbegabung ist erblich; man lernt auf einmal sehr viel über die eigenen Eltern und Großeltern - und Geschwister, nicht wahr, die große Buba?

Ich habe immer wieder betont, dass ich mich an Gemeinschaftsschulen wohler fühle als an Gymnasien (weil die Schulgemeinschaft oft authentischer ist); nun kommt noch dazu, dass ich an den GemSen wesentlich mehr Positives bewirken kann, denn nicht wenige verhaltensauffällige Schüler, die aufgrund ihrer "Schrägheit" nicht an einem Gymnasium ankommen, stellen sich als hochbegabte Underachiever heraus. 

Takes one to know one bedeutet, dass ich als HB-Aspi es leichter habe, meinesgleichen unter den Schülern zu erkennen - und das ist an meinen bisherigen GemSen wesentlich häufiger passiert als an den Gymnasien. Dort sind die hochbegabten Kinder meistens schon "erkannt" (wobei es faszinierend sein kann, dass auch an Elitegymnasien Hochbegabung bis in die Oberstufe nicht als solche erkannt werden kann; eine Familie aus Holzdorf kann davon ein Lied singen) - und für mein "Talent" gibt es kaum noch Bedarf.

Irgendwann möchte ich endlich mal Radi an der Uni besuchen und ihm dafür danken, dass er das in mir erkannt hat (das Talent, mit Menschen zu arbeiten), denn ich hatte zeitweise auch mit einer akademischen Laufbahn geliebäugelt.

Viele liebe Grüße an Alex, Inka und Anne!

Samstag, 8. Mai 2021

C U 2n8!


Wie es scheint, sind es der Beiträge drei. Da Samstag generell weniger Leser den Blog besuchen, hebe ich den mir persönlich wichtigsten Beitrag für morgen auf, heute gibt es eine Sache, die aber auch nicht ganz unwichtig ist, denn da blockiert mein Kopf - vor versammelter Klasse.

Das Englisch-Lehrwerk Orange Line 2 für die Klassenstufe Sechs bringt den Schülern in den hinteren Units als Pflichtvokabular folgende Phänomene aus dem Universum des short message service bei:

TTYL - Talk to you later - Ich spreche dich später!

LOL - Laugh out loud - laut lachen

Das lässt mich auf verschiedenste Weise nachdenken.

Ich finde es tatsächlich ganz sinnvoll, dass die Kiddies mal lernen, was die Dinge eigentlich bedeuten, die sie da in ihre Kurznachrichten tippen. Sprache entwickelt sich immer weiter, und gerade die Schulbücher der modernen Sprachen müssen dem Rechnung tragen.

Dann allerdings soll ich den Schülern beibringen, dass C U 2n8! "See you tonight!" heißen soll, und da gehen bei mir die Lichter aus. Okay, ganz unbekannt ist die Formulierung mit der Acht nicht - im Deutschen gibt es den Ausdruck gn8 für "Gute Nacht", das kann ich nachvollziehen. Aber im Englischen funktioniert das nicht:

Die Aussprache von "See you tonight" ist /si ju tunait/. Die Aussprache von "C U 2n8" ist /si ju tuneit/, denn die englische Acht heißt eight und nicht aight. Das macht mich ganz kirre - habe ich da etwas falsch gemacht? Oder ist das einfach mal wieder ein Fall von unlogischer Sprache? Ich musste das im Unterricht vor der Klasse direkt thematisieren, denn wenn ich eines nicht vertrage, dann, den Schülern bewusst falsche Sachen beizubringen. Vor allem gibt es ja eine korrekte und tatsächlich verwendete Kurzschriftvariante von "See you tonight", und die heißt C U 2nite. 

Bin das nur ich, oder habt Ihr auch schonmal an Eurem Schulbuch zu knabbern gehabt? Betrifft ja nicht nur Englisch, sondern alle Sprachen (und gewissermaßen jedes Schulbuch an sich).

Ich freue mich auf Eure Eindrücke!

Freitag, 7. Mai 2021

Inhale - Exhale


Zwei Beiträge schweben, ach, in meinem Kopf! Heute gibt es diesen:

Rituale zu Stundenbeginn - fand ich anfangs irgendwie gezwungen und konnte nicht verstehen, warum man so etwas macht. Erst recht nicht dieses monotone Aufstehen, GOOOOOOOD MOOOOOOOOOOORNING MISTER HILARIUS, Hinsetzen. Mittlerweile bin ich ein wenig klüger geworden - ja, es lohnt sich durchaus, hin und wieder auf andere Menschen zu hören.

Ein kleines Ritual zu Stundenbeginn kann gerade in der Orientierungsstufe helfen, die Kinder aus der Pausenstimmung herauszuholen und für den Unterricht vorzubereiten. Es gibt da unterschiedlichste Methoden, in Englisch zum Beispiel den five minute teacher, bei dem ein Schüler die ersten Aufgaben des Lehrers übernimmt (Klasse begrüßen, Anwesenheit prüfen usw.). Man kann es auch so machen, dass alle sich hinstellen, warten, bis es ruhig ist, dann ein "Good morning" und setzen, und dann darf ein Schüler "Los!" sagen und für sechzig Sekunden sollen alle ganz still bleiben.

Ich muss zugeben, ich fand es sehr schön, dass an der Toni solche Unterrichtsrituale noch gemacht werden, und habe erstmal versucht, mich mit den vorhandenen Ritualen anzufreunden und sie zu übernehmen.

So weit, so gut. Aber jetzt ist wieder diese Phase, in der meine berufliche Zukunft in der Schwebe ist. Ich weiß nicht, wie es weitergeht, wenngleich ich mir bewusst bin, dass alle Beteiligten es irgendwie schön fänden, wenn ich bleiben kann. Das lässt mich an meine allererste Schule zurückdenken: Viele neue ungewöhnliche Ideen, alles einmal ausprobieren. Eine Sache habe ich dort gemacht, die ich - auch wenn das Schuljahr dem Ende zugeht - in meine Englischstunden einbringen möchte. Etwas, mit dem ich mich identifizieren kann, denn wenn ich etwas von einem Kollegen übernehme, fühlt es sich nicht an wie "mein" Unterricht.

Also stehen wir zu Stundenbeginn alle auf. "Close your eyes. Left hand: Inhale." Alle heben den linken Arm hoch, während sie tief einatmen. Kurze Pause. "Exhale." Alle senken den Arm, formen eine betende Hand dort, wo sie ihren Solarplexus vermuten. "Right hand: Inhale." dasselbe vollzieht sich mit dem zweiten Arm, so dass schließlich zwei betende Hände ohne Berührung voreinander auf Höhe des Solarplexus gehalten werden. "Open your eyes. Sit down."

Natürlich ist das ein bisschen esoterisch - aber ich habe die Schüler damals gefragt, ob sie das albern finden; dem war nicht so, und deswegen ist dieses Begrüßungsritual auch in meine Englisch-Examensstunde eingegangen. Auch über acht Jahre später finde ich dieses Ritual noch sinnvoll (warum auch immer), und deswegen werde ich es jetzt an die Toni mitnehmen. Damit ich mir endlich "meinen Platz" dort schaffen kann (und der Zen-Garten für den Arbeitsplatz im Stützpunkt ist bereits bestellt).

An der Berufsschule hätte sowas natürlich keinen Platz gehabt. Zu albern.

Donnerstag, 6. Mai 2021

Der Aha-Moment


Worüber schreibe ich heute?

Ich könnte darüber schreiben, dass ich derzeit den Arsch voll Arbeit habe, dass mein Kopf seit Anfang der Woche nur noch auf Schule eingestellt ist, oszillierend zwischen Schülertests, Impfterminen, VERA, Notensticks und der Erforschung spannender Schüler, und dass alles Andere momentan warten muss - Nachrichten auf dem AB, Mails etc.

Ich könnte darüber schreiben, wie ich heute versucht habe, einen Impftermin zu bekommen, und dass zwanzig Minuten nach Öffnung der Online-Warteschlange noch vierhundertsiebenundneunzigtausend Teilnehmer vor mir warteten, und dass zehn Minuten später alle Termine bereits vergeben waren - wobei ich eh' nicht geglaubt hatte, dass ich heute einen Impftermin bekommen würde.

Darüber schreibe ich aber nicht, sondern ausgerechnet über eine Vertretungsstunde heute, und dabei war die noch nicht einmal besonders kreativ, aber sie hat mir einen ganz bestimmten Moment vor Augen geführt, den ich total toll finde. Klasse Sieben, mittlerer Englischkurs (äußere Differenzierung), kleine Vorstellungsrunde, What's your name, how old are you, tell me about your hobbies, in einem Wechselunterrichtskurs mit sechs Schülern.

Bei der Vorstellungsrunde bekam ich den Eindruck, dass die jungen Leute kein Problem damit haben, Englisch zu sprechen - also habe ich eine Black Story ausgepackt. Ich hab' ein bisschen gestaunt; niemand von ihnen wusste, was eine BS ist, und so habe ich ihnen das Prinzip erklärt und ihnen eine schöne Geschichte auf Englisch serviert. Ich finde das für eine Vertretungsstunde sehr sinnvoll - die Schüler wiederholen, wie man auf Englisch Fragen stellt, im Präsens und Präteritum, sie müssen irgendwie ihre Gedanken versprachlichen, das ist super.

Die besten BS sind total abgefahren und haben Herleitungen zu den jeweiligen Situationen, auf die man von selbst kaum kommen kann (zum Beispiel die Frau, die sich nach Genuss eines Leguansteaks erschießt, oder der Mann, der mit dem Fahrstuhl in den zehnten Stock fährt, dann die Treppen bis zu seiner Wohnung im zwanzigsten Stock nimmt, seine Wohnung betritt und sich dann aus dem Fenster stürzt). Deswegen habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich den Schülern dabei helfe, indem ich ihnen Tipps gebe, was sie vielleicht herausfinden sollten.

Früher habe ich das anders gemacht - völlig ohne Tipps, und wenn sie am Ende die Lösung nicht hatten, habe ich ihnen die Geschichte komplett erzählt. Ich fand das sinnvoll - aber in hindsight war das blöd. Es ist viel toller, wenn die Schüler selbst auf die Lösung kommen. Klar, dazu muss ich Tipps geben, dazu muss ich ein wenig steuern. Aber die wichtigsten Erkenntnisse und die Lösung, darauf sollen die Schüler dann selbst kommen - denn dieser Aha-Moment, dieses Leuchten in den Augen, als die Schülerin mir heute die richtige Erklärung gegeben hat, das ist Gold wert. 

Wenn am Ende der Stunde die Schüler erzählen "Joah, wir haben eine Black Story gemacht, die war total abgedreht, haben wir nicht herausgefunden", dann ist das eine Sache. Wenn die Schüler am Ende aber das Gefühl haben, dass wir alle zusammen ein schwieriges Rätsel gelöst haben, und dass die entscheidenden Hinweise von ihnen selbst kamen, dann ist das Gold, dann ist das etwas, was man mit nach Hause nimmt.

Lehrer-nerdig. Aber ich mag dieses Aha-Leuchten!

Samstag, 1. Mai 2021

Videospiele und Schule


Hallo, Frau Mutter!

Ich habe Ihrem Sohn das Videospiel "The Talos Principle" vorgeschlagen. Das ist - unter Erwachsenen gesprochen - ein kleiner Versuch. 

Ich selbst bin damals fast im gleichen Alter wie Ihr Sohn von einem Rätselspiel gefesselt worden; ich war fasziniert von der unbekannten Welt, die mir da präsentiert wird, von den Klängen und der Musik. Ich mochte es, dass dort kein Stress herrscht und, das war mir damals noch nicht so bewusst, dass alle Aufgaben und Rätsel einem logischen Prinzip unterliegen. Alle Rätsel sind - teils mit sehr langer Nachdenkzeit - logisch lösbar. Ich konnte mich stundenlang in diesen Welten aufhalten und einfach nur nachdenken, das war für mich absolut wunderbar - das, was man in der Psychologie "Flow-Erleben" nennt: Genau in der Balance zwischen Über- und Unterforderung, der Kopf hat Einiges zu tun, wird dabei aber nicht gehetzt. Ihr Sohn ist in einer der letzten Stunden zu mir gekommen und meinte, dass die Englischaufgaben zuhause alle klappen, aber in der Klassenarbeit geht dann mal etwas schief - und das glaube ich ihm sofort, denn ich kenne das von mir selbst. 

So wie ich einen Zugang zu meinem intellektuellen Potential über ein Computerspiel gefunden habe - damals war es "Myst" - so könnten wir vielleicht auch zum Kopf Ihres Sohnes einen Schlüssel über die Videospiele finden - etwas, das er mag, wo er "frei" sein kann, nicht unter Druck, und intellektuell hoch gefordert wird, ohne dass er es merkt. Solche Spiele gibt es für alle Altersstufen; für Jugendliche sind sie mit einer interessanten Storyline versehen, für Erwachsene sind sie etwas abstrakter / philosophischer. Ich kenne zum Glück mittlerweile eine ganze Reihe dieser Spiele, und die Digitalisierung der Welt schreitet immer weiter voran, so dass ich als Lehrer mittlerweile aus Überzeugung Videospiele empfehlen kann. Ich finde es faszinierend, dass vielleicht ausgerechnet Videospiele ein pädagogisch-psychologisch wertvolles Mittel sein könnten (in den USA werden sie noch immer von vielen Republikanern verdammt, weil sie die Kinder angeblich gewaltbereiter machten, und auch hierzulande hat man ihnen lange Zeit vorgeworfen, den Kopf zu verdummen).

Ich schreibe Ihnen, weil ich gerade selbst wieder ein neues Spiel gefunden habe, das mich zum Nachdenken gebracht hat. Deswegen empfehle ich "The Talos Principle" quasi als Wünschelrute für eine mögliche Hochbegabung Ihres Sohnes.

Herzliche Grüße,

Dr Hilarius

post scriptum: Ein Hinweis noch - helfen Sie Ihrem Sohn nicht bei dem Spiel, und überzeugen Sie ihn, auf keinen Fall im Internet nach der Lösung bestimmter Rätsel zu suchen. Er wird sich an einigen Stellen das Hirn zermartern, vielleicht sogar sehr lange, aber das könnte eine wichtige neue Erfahrung sein: Das Videospiel nach einer Weile Denkzeit zu beenden, ohne dass ein Fortschritt erzielt wurde. Vielleicht kann er auf diese Weise auch üben, mit einem neuen Blick an Aufgaben heranzugehen, die ihm bisher unlösbar schienen.