Dienstag, 29. Oktober 2019
Back to Films
Neulich hat mich die große Buba darauf angesprochen, dass ich im Blog schon länger nichts mehr über Filme geschrieben habe - und sie hat Recht. Mir ist das gar nicht so bewusst geworden - natürlich nicht: Wenn ich mich kopftechnisch in eine Sache versenke, verschwinden andere Dinge aus meiner Wahrnehmung, und diese eine Sache war in den letzten Wochen mein zweiter Durchlauf der X-Files, nach wie vor horizonterweiternd.
Ich habe tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, eine weitere Serie anzuschließen - Xena: Warrior Princess - aber ich möchte endlich wieder etwas Neues haben. Ich komme wirklich nicht gut mit dem Gefühl klar, mir etwas anzuschauen, das ich schon gesehen habe, wenn ich nichts Neues dabei herausholen kann. Dann denke ich mir danach, dass ich meine Zeit verschwendet habe, mein Kopf fühlt sich nicht reicher an, nicht inspirierter, und ich frage mich, wozu ich das überhaupt getan habe. Ich hätte Besseres mit dieser Zeit anfangen können. Das Gleiche gilt für Videospiele - während ich in meinem Studium Final Fantasy V immer und immer wieder spielen konnte, brauche ich mittlerweile Neues, und bin immer auf der Suche.
So habe ich mich gestern und heute zwei Filmen zugewandt, die bei Netflix bzw. Amazon prime frei verfügbar waren. Über den spanischen Thriller Los Ojos De Julia (Julia's Eyes, 2010) verliere ich nicht allzu viele Worte, obwohl er sehr gut ist; interessanter fand ich den österreichischen Film Ich seh, Ich seh (2014), der auch internationale Aufmerksamkeit erregt hat (unter dem Kinokassen-füllenden Titel Goodnight Mommy).
Die Handlung ist ganz einfach: Zwei Zwillingsbrüder erleben die Rückkehr ihrer Mutter aus der Klinik - eine Schauspielerin, die eine Schönheits-OP hinter sich hat. Irgendwas an ihrem Verhalten scheint aber anders zu sein als sonst, und ganz langsam kommt der Verdacht auf, dass sich jemand an Mamas Stelle eingeschlichen hat. Dass der Kopf der Mutter noch komplett bandagiert ist, nährt natürlich die Fantasie der Jungen, ebenso wie ein Foto, auf dem sie ihre Mutter mit einer Frau entdecken, die genau wie sie aussieht...
Der Film erzählt sehr ruhig, minimalistisch und subtil. Wir sehen viele Szenen der Brüder, die in der Natur spielen, schwimmen, auf dem Trampolin springen, sich im Maisfeld verstecken. Und wir erleben, wie die Jungen Angst bekommen und nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Die Kritiker auf rottentomatoes.com nennen das "Dark, violent, and drenched in dread, Goodnight Mommy is perfect for extreme horror enthusiasts – or filmgoers who prefer to watch between splayed fingers."
Das ist psychologischer Horror, es fliegen keine Körperteile, alles ist eigentlich ganz harmlos, so wie damals in Hitchcocks Shadow of a Doubt (1943), der ebenso als Inspiration zu dienen scheint wie A Tale of Two Sisters (2003). Es tut gut, wieder neue Filme zu sehen, es tut gut, endlich wieder etwas voranzukommen.
Montag, 28. Oktober 2019
Face the Music
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| ...sich den Konsequenzen stellen... |
Im Englischstudium habe ich einen Ausdruck kennengelernt, den ich wirklich großartig finde - wenn jemand Mist gebaut hat, oder was auch immer, then he has to face the music for his actions. Man muss die Konsequenzen tragen, bzw. die Verantwortung für das übernehmen, was man tut. Wir haben das damals im Journalistenenglisch gelernt - diese Übersetzungskurse waren Pflicht, ganz ähnlich wie in Latein die Exercitia Latina; es ging nicht nur darum, einen deutschen Text in die Fremdsprache zu übersetzen, sondern auch einen ganz bestimmten Stil zu treffen. Im Lateinischen sollten wir dem Stil Ciceros nacheifern, im Englischen mussten wir in diversen Kursen Journalese lernen. Und da taucht der Ausdruck immer mal wieder auf, das gibt eine peppige Schlagzeile her: Trump to Face the Music for Ukraine Affair (jaja, ich weiß, wir haben gelernt, dass richtig gute Schlagzeilen nicht mehr als drei Worte enthalten sollten ^^).
Und mir gefällt nicht nur der sprachliche Ausdruck, mir gefällt auch das Konzept dahinter. Ich muss für meine Handlungen Verantwortung übernehmen, und wenn ich Mist baue, dann muss ich mir das auch sagen lassen, auch wenn es unangenehm ist. Mir fällt auf, dass wirklich sehr viele Menschen durch die Welt stampfen, ohne Rücksicht zu nehmen - ich gehöre dazu, aber ich stehe zu dem Scheiß, den ich mache, und versuche nicht, das irgendwie schönzureden oder etwa zu leugnen. Mir tut der Blog in dieser Hinsicht ganz gut, weil mich immer mal wieder Nachrichten erreichen, die das, was ich hier veröffentliche, kritisch unter die Lupe nehmen. Es ist gut, wenn man darauf hingewiesen wird, dass man nicht immer Recht hat.
Warum ich gerade jetzt auf diesen Gedanken komme: Gestern haben Landtagswahlen in Thüringen stattgefunden, und wer das verfolgt hat, musste den zweiten Platz für die AfD miterleben. Daran mag man sich vielleicht mittlerweile gewöhnen, aber Thüringen ist ein Sonderfall, denn dort gibt es einen Spitzenkandidaten mit völkischem Gedankengut, der in Satiren gern mit dem Vornamen Bernd genannt wird, ich nutze einfach seine Initialen BH.
Es ist ein wenig erschreckend, dass sich fast jeder vierte Wähler für diesen BH entschieden hat, obwohl er ihnen nicht gut bekommen könnte. Es gibt da ein Buch von ihm, aus dem man im Internet erschreckende Zitate lesen kann, von denen der "Volkstod" noch zu den harmloseren Sachen gehört; prickelnder wird es, wenn man liest, dass dieser BH eine Politik der "wohltemperierten Grausamkeit" anstrebt. Ich finde nicht, dass Deutschland den BH tragen sollte, aber darum geht es mir gar nicht: Seitdem sein Buch erschienen ist, wird er immer wieder auf seine nationalistische Diktion angesprochen und zeigt dann, dass er die music eben nicht facen kann, indem er zum Beispiel keine Interviews gibt, schmallippig antwortet der Reportern komplett ausweicht. Ziemlich schwache Leistung.
Ich finde, dass dieser BH ein bisschen Musik gut vertragen könnte, so wie wir alle.
Samstag, 26. Oktober 2019
Unerwünschtes Verhalten löschen
vorweg: Dieser Beitrag könnte polarisieren, wie auch das Thema an sich. Und das ist auch gut so; Ihr seid herzlich eingeladen, Eure Meinungen dazu zu schreiben.
Projektwoche. Ich leite das Projekt Rollenspiele selbstgemacht für Schüler ab der achten Klasse. Eine kleine Truppe von elf Schülern hat sich eingetragen, viele aus der Mittelstufe, aber auch drei Schüler aus der Oberstufe. Ich genieße den ersten Tag in vollen Zügen: Hier spiele ich mein eigenes Rollenspiel Das Schwimmbad mit ihnen, um ihnen dann an den folgenden Tagen das Knowhow dafür an die Hand zu geben, damit wir am Ende der Woche alle Spiele zusammen spielen können.
Die Schüler lassen sich von der spannenden und abstrusen Geschichte in den Bann ziehen, machen neugierig und kreativ mit und schaffen es schließlich, das Schwimmbad vor einem Terroranschlag zu schützen. Einer der Schüler ist besonders involviert, er scheint vollkommen in dieser Welt, die ich da geschaffen habe, absorbiert zu sein, begeistert, man kann sein Gehirn rattern sehen. Die erwachsene Frau neben ihm lächelt und freut sich für ihn. Sie ist seine Schulbegleitung, er ist ein Schüler mit dem Asperger-Syndrom.
Davon merkt man allerdings nichts. Fast nichts - er ist ganz ruhig und aufmerksam, aber wenn er etwas sagt und dabei von Anderen unterbrochen wird, dann wird er laut. Wenn er seine Gedanken nicht zu Ende führen kann, platzt er. Die drei Oberstufenschüler finden das erst witzig, dann creepy, und sind recht bald von ihm genervt. Es kommt, wie es kommen muss: Tag Zwei des Projektes, und nun sitzen hier nur noch acht Schüler. Die älteren Jungs sind nicht zurückgekommen, nicht heute, nicht für den Rest der Woche. Alle anderen sind wieder da, und so entfaltet sich ein tolles Projekt.
Die Sek II-Schüler haben es sich einfach gemacht: Der Typ nervt uns, das geht gar nicht, wir hauen hier ab. Damit wir Ruhe vor ihm haben, mit dem stimmt doch was nicht. Recht haben sie; nur noch einmal zur Erinnerung: Der Asperger-Autismus ist eine geistige Behinderung. Er sucht sich das nicht aus, plötzlich so laut zu werden, oder lieber allein zu arbeiten, er sucht es sich nicht aus, Andere zu nerven. Er kann oft nicht anders.
Es gibt mehrere Möglichkeiten, damit umzugehen, und nun komme ich zum Grund dieses Beitrags. Mir schwirrt seit meinem Besuch bei der Psychiaterin immer wieder der Begriff Therapie durch den Kopf. Ich benutze Suchmaschinen, schaue, was bei "Autismus Therapie" so herauskommt, und finde verschiedenste Ansätze - biomedizinische wie die Darmsanierung, aber auch verhaltenspsychologische wie die Applied Behavior Analysis (ABA). Soll alles darauf abzielen, den Autisten so gut wie möglich in die Gesellschaft zu integrieren. Man kann also versuchen, alles störende, unerwünschte Verhalten zu löschen, zum Beispiel mit einem Sanktionssystem. Das ist etwas altmodisch, wird aber immer noch praktiziert - Strafe bei zu lautem Reden, Belohnung, wenn der Aspi nicht auffällt.
Und das macht mir Angst. Der Wunsch, den Aspi "normalisieren" zu wollen. Das wirkt auf mich wie Umerziehungsmaßnahmen, und ich finde im Internet ein weit gefächertes Echo dazu. Da gibt es Menschen, die auf viele dieser therapeutischen Ansätze schwören, und solche, die das Verbiegen des Aspis ablehnen (oft die Betroffenen selbst oder deren Angehörige). Diese Umerziehungsmaßnahmen, suggerieren sie dem Aspi nicht, dass er irgendwas falsch macht und sich bessern muss?
Wäre es nicht auch eine Möglichkeit, zu akzeptieren, dass dieser Mensch eine Behinderung hat, und darüber aufzuklären? Seinen Mitmenschen klarzumachen, was es bedeutet, Aspi zu sein, und wie sich das im Verhalten widerspiegeln kann? Und von ihnen Akzeptanz zu erbitten? Meiner Meinung nach bedeutet Inklusion nicht, dass wir versuchen, die behinderten Menschen mit diversen Methoden möglichst normal zu machen, sondern sie mit ihrer Behinderung in die Gemeinschaft aufzunehmen und zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die Spastiken haben, oder Wutanfälle, oder viel zu laut reden, oder was auch immer.
Ich frage mich halt, was ich für eine Therapie machen sollte. Was ich tatsächlich gebrauchen könnte, wäre ein Medikament gegen die Panikattacken. Aber anstatt als Lehrer zu trainieren, unbedingt unauffällig zu sein, würde ich viel lieber Aufklärung im Kollegium leisten, und vor allem in meinen Klassen, damit meine Schüler darauf vorbereitet sind, wenn zum Beispiel mal ein Verbalausfall kommt. Damit sie wissen, dass ich in meiner Sprache keine Hemmschwellen habe, und dass es an dieser Behinderung liegen könnte. Damit sie wissen, wie sie damit umgehen können.
Ich weiß nicht, wie das bei Euch ist, aber ich habe in meinen I-Klassen immer offen darüber gesprochen, wenn ein neuer I-Schüler dazukommt, was bei ihm "anders" ist. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schüler aus I-Klassen wesentlich aufgeschlossener und sozialer im Verhalten sind als solche, die sich vor Menschen mit Behinderung in Sicherheit bringen "konnten" - wie meine drei Jungs in der Projektwoche.
Donnerstag, 24. Oktober 2019
Bushaltestellen-Kontemplation
vorweg: Vielen Dank für Eure anregenden Kommentare zum letzten Thema! Wenn man so wenig mit anderen Menschen macht, ist es richtig erfrischend, mittels Blog ein paar andere - oder auch ähnliche - Sichtweisen zu bekommen.
Heute bin ich zu Fuß unterwegs. Es ist grau draußen, aber nicht sonderlich kalt, und nur ein kleiner Tropfen hier und da. Da muss ich nicht den Bus nehmen, sondern verlasse meine Wohnung und gehe einfach an der Bushaltestelle vorbei und schaue den Wartenden zu. Es ist die Diesterwegstraße und die Wartenden sind um die Mittagszeit Schulkinder. Noch sehr jung, sie johlen, kreischen, spielen Tick, lachen, eine Soundkulisse, die ich schon beim Aufbruch oben in der Wohnung mitbekommen habe. Und ich frage mich, ob ich selbst gern noch einmal so jung wäre.
So unbeschewrt, so unbesorgt, so naiv, so fantasievoll. Sie müssen sich keine Sorgen darum machen, dass es nichts zu essen für sie gibt, sie bekommen viel Liebe und auch für neue Klamotten ist gesorgt. Mir ist natürlich klar, dass es unter diesen Kindern auch welche gibt, deren Kindheit nicht so behütet ist, die vielleicht nicht wissen, was es an diesem Tag zu essen gibt, bzw. ob es überhaupt etwas gibt. Oder ob sie diese Woche bei Mama oder bei Papa verbringen dürfen. Ich weiß, dass auch der Eine oder die Andere von Euch in der Kindheit nicht alles so selbstverständlich hatte.
Es geht mir um das mindset, die Gedankenkonfiguration in dem Alter. Ausgerichtet auf Neugier, Spaß haben, Farben, Spiele, noch kein Bewusstsein für Krankheit, Tod, unmenschliches Verhalten (homo homini lupus und so). Einfach fröhlich sein oder traurig, noch nicht so kompliziert zu denken, sich selbst das Leben noch nicht so schwer zu machen. Unabhängig sein von dem, was andere Menschen über einen denken. Laut dazwischenreden, den Spielplatz zu einem Mikrokosmos an Spaß werden lassen - so leicht zu beeindrucken, so gierig darauf, zu staunen. Ist doch irgendwie schön, oder?
Diese Gedanken begleiten mich, während ich der Buslinie Einundsechzig zu Fuß nach Hassee hinein folge. Und ein paar Stationen später wird mir dann bewusst, warum ich vielleicht doch nicht noch einmal jung sein möchte. Gleiche Situation wie vorhin: Ich komme an einer Bushaltestelle vorbei und beobachte die Wartenden, doch diesmal sind wir auf Höhe der Gemeinschaftsschule Hassee, und die Schüler sind deutlich älter.
Sie sind wesentlich stiller. In sich gekehrter, nachdenklicher, die Gedanken drehen sich um Sex, Liebe, Drogen, wer bin ich, wer will ich sein, was denken meine Mitschüler von mir? Mobbing, kein Bock auf Schule, auf der Suche nach Transgression, im Konflikt mit den Eltern, Zigarette im Mundwinkel, Nasenpiercing, Ohrlöcher. Anfangen zu realisieren, dass es Schlechtes in der Welt gibt, nicht mehr ganz so leicht in's Staunen kommen, den eigenen Körper hassen lernen. Die Zukunft konfrontieren, bald wird die Unterstützung von Mama und Papa zu Ende sein, bald muss ich mir selbst all' diese Dinge des täglichen Lebens verdienen.
Von Unbeschwertheit ist da nicht mehr ganz so viel. Sicherlich, manche machen aus ihren Teenagerzeiten high life in Tüten, aber nur weil sie etwas flamboyanter sind, heißt das nicht, dass sie keine eigenen düsteren Gedanken mit sich herumtragen. Der Film Super Dark Times (2017) hat diesen Wandel, diese Initiation von der Unschuld hin zur Realität sehr treffend und verstörend umgesetzt.
Und darauf kann ich dann doch verzichten. Klar, jetzt ist meine Gedankenwelt mehr von Sorgen geprägt, von Unsicherheiten, und pure Unbeschwertheit habe ich kaum noch - und auch wenn sich das ändern könnte, falls ich jemals unbefristet beschäftigt werden sollte, so ist mein Kopf deutlich offener für negative Gedanken. Aber dadurch lerne ich, das Positive mehr zu schätzen, intensiver zu genießen, und das macht das Leben dann wieder zu einem echten Abenteuer mit einem Lächeln im Mundwinkel.
Dienstag, 22. Oktober 2019
Siebenundzwanzigtausend
| Mensa-Days |
Vor recht genau sechzehn Jahren habe ich die erste universitäre Vorlesung meines Lebens besucht. Ich fühlte mich klein und dumm, ungebildet, gegenüber diesen gescheiten Herren und Damen, die die Lehre an der Universität voranbringen. Und um mich herum waren viele orientierungslose Erstis, genau wie ich. In Latein gab es im Wintersemester Zweitausenddrei fünfundvierzig Neueinschreibungen! Ich darf das mit einem Ausrufezeichen notieren, denn das waren damals gewaltige Mengen, wie mir meine Grammatiktutorin erzählte - sie selbst natürlich ein höheres Semester, und als sie damals angefangen hatte, gab es gerade einmal fünfzehn Erstsemester in Latein.
Es gab obligatorische Vorlesungen, die die Seminarräume und Hörsäle sprengten. Ich weiß noch sehr gut, wie Dr. Jens-Peter Becker den Raum Zweihundertfünfundzwanzig in der Leibnizstraße Zehn regelmäßig zum Bersten brachte, Sitzen auf dem Fußboden inklusive. Und von der Vorlesung zum Grundkurs Englische Sprachwissenschaft fange ich gar nicht erst an, der Saal der OS75 war gerammelt voll.
Leider gerammelt voll mit Studenten, von denen sich neunzig Prozent eigentlich überhaupt nicht für englische Sprachwissenschaft interessierten. Die diese Vorlesung und den Grundkurs nur besuchten, weil es in ihrem Lehrplan stand. Und wenngleich Rebekka Klingshirn (née Mösenfechtel) und Susanne Hackmack sich alle Mühe gegeben haben, den teilweise sehr trockenen Stoff für junge Erwachsenen peppig aufzubereiten, führt kein Weg drumherum: Sehr viele der jungen Menschen waren einfach fehl am Platz.
Und das ist ja auch vollkommen normal. Erstmal herausfinden, was man überhaupt machen möchte, darauf wird an manchen Schularten meiner Meinung nach zu wenig vorbereitet, gerade an den Gymnasien fehlen Praxisanteile in den Oberstufen.
Naja. So haben wir damals jedenfalls gestopft gesessen, unseren Kakao aus dem Getränkeautomaten getrunken, um gegen die Kälte da draußen anzugehen, und haben zugehört. Und am Ende der Seminare sind viele von uns mit dem Bus Richtung Heimat-WG gefahren - weil es Kiel ist: nass, kalt, dunkel, ungemütlich, und damals gab es noch Linien wie 81/82, damals ist noch die 22 die Olshausenstraße entlang gefahren, man hat versucht, so viele Studenten zu befördern, wie es nur irgendwie ging, aber es nützte nichts: Gerade zu Seminarpausen waren die Busse brechend voll, und ich würde mein drittes Auge verwetten, wenn ich denn eines hätte, dass einige von Euch auch einmal in einem Bus gestanden haben, der an einer Haltestelle einfach vorbeigefahren ist, weil es drinnen und draußen viel zu voll war.
Wir waren damals soooo viele Erstsemester. Der pure Wahnsinn, die Uni konnte das mit ihren Kapazitäten kaum wuppen. Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hatten damals über einundzwanzigtausend Studenten, und die Mittagszeiten in den Mensen waren Beweis dafür.
Und dann höre ich neulich in den Regionalnachrichten, dass die CAU mittlerweile auf siebenundzwanzigtausend Studenten angewachsen ist. Natürlich habe ich die Neubauten verfolgt, zum Beispiel den neuen Bioturm in der Leibnizstraße, und natürlich habe ich verfolgt, wie die Buszeiten auf der OS deutlich intensiviert worden sind, neue Schnellbusse sind hinzugekommen, selbst der Stadtteilbus Linie 6 fährt jetzt mit Gelenkwagen, und es kann nicht nur an dem Doppeljahrgang gelegen haben.
Um meine Psychiaterin zu ziteren: Der Trend geht dahin, das Abitur zu verschenken. Dass viel mehr Schüler an die Universitäten gehen, ist ein bundesweites Phänomen. Eigentlich ja schön, aber genau diese jungen Leute fehlen den vielen Ausbildungsbetrieben in unserem Land. Wo sind die Tischler, wo sind die Handwerker, wo sind die Bäcker, wo die Köche, wo die Elektroinstallateure? Haben viele junge Erwachsene Angst, sich die Hände schmutzig zu machen? Wird ihnen durch einen niedrigeren Schwierigkeitsgrad im Abitur suggeriert, sie alle seien für ein Studium an einer Universität geeignet?
Ich sehe diese Entwicklung problematisch - wie geht es Euch?
Montag, 21. Oktober 2019
Langsam reicht's
Heute war in Schleswig-Holstein der erste Schultag nach den Herbstferien, die Busse wieder dementsprechend voll morgens und um die Mittagszeit. Und langsam kommt mir der Gedanke, dass es reicht mit der Arbeitslosigkeit.
Dabei ist das nicht selbstverständlich: Als man mir mitgeteilt hat, dass man mich für eine unkompliziertere Lehrkraft vor die Tür setzt, ist eine Welt zusammengebrochen, und ich war heilfroh, dass ich mehr als ein Jahr durchgehend gearbeitet und damit Anspruch auf Arbeitslosengeld I hatte. So konnte ich die freie Zeit nutzen, um meinen Kopf ein bisschen besser zu verstehen, die Dinge in Bewegung zu bringen. Das ist jetzt erledigt. Ich hatte die Befürchtung, dass ich Diagnose und Arbeit nicht parallel wuppen könnte, aber mittlerweile ist der Kopf frei genug.
Außerdem konnte ich die Zeit nutzen, um ein zweites Mal The X-Files anzuschauen, manches etwas besser zu verstehen, ein richtiger Genuss. Auch das ist erledigt. Und auch wenn es immer wieder neues Material gibt, mit dem man sich beschäftigen kann, muss ich feststellen, dass ich nichts dagegen hätte, wieder zu unterrichten und vernünftige Arbeitstage zu haben; ich fühle mich einfach unterfordert.
Ich habe hier Mittel gegen die Unterforderung, und so habe ich heute nach einer langen Pause endlich wieder Thomas Pynchons Gravity's Rainbow (1973) zur Hand genommen und im Bus weitergelesen, und ich bin fast gestorben vor Lachen und frage mich, warum das Buch so lange beiseite lag. Ja, es ist anspruchsvoll, nervenaufreibend, neunhundert Seiten, die eine gewaltige Aufmerksamkeitsspanne fordern, aber die Belohnung ist reichlich, und ich glaube, ich werde mich morgen mal wieder mit Slothrop in den Mittelwerken versenken, am Ende des zweiten Weltkrieges, während der Konstruktion der V-2-Rakete, und mich schlapplachen über Passagen wie
There was a technician namend Urban,
Who had an affair with a turbine.
"It's much nicer", he said,
"Than a woman in bed,
And it's sure as hell cheaper than bourbon!"
und parallel die Serie The Terror (2018) beenden, man könnte das als historisches Drama einordnen, weil es um zwei Schiffe im neunzehnten Jahrhundert geht (wer kommt eigentlich auf die Idee, zwei Expeditionsschiffe Terror und Erebus zu nennen???), die eine Passage von Großbritannien nach Indien oder China suchen, dann allerdings im Packeis festfrieren - und dann endet auch schon das historische Drama, und das psychologische setzt ein. Kälte, Paranoia innerhalb der Crew, Krankheit, absterbende Zehen, Alkoholismus, Sex unter Matrosen, wenn man erstmal die etwas zähen ersten vier Folgen gesehen hat, schreibt Matt Zoller Seitz, dann lohnt es sich, denn es ist in der Tat verdammt atmosphärisch und spannend, und erinnert ein kleines bisschen an Wolfgang Petersens Das Boot (1981). Hat schon seinen Grund, warum Ridley Scott das Projekt finanziert hat. Und ich finde es angenehm, dass es eine Event Series ist, also eine abgeschlossene Serie, die nicht zum endlosen weiterschauen verlocken kann. Ich mag es, wenn Serien Anfang und Abschluss haben, denn ich habe keine Lust, in Seriensucht zu verfallen, nach Art von "Naja, eine oder zwei Folgen kann ich ja schnell noch schauen".
Kommt gut in die Schulzeit, liebe Leute, hoffentlich gehöre ich bald wieder dazu! Und: Keinen Lippenpflegestift in der Waschmaschine waschen, nur so am Rande.
Samstag, 19. Oktober 2019
Patriotismuss ich das verstehen?
Ein Freizeitpark in den USA, Kings Island, Zweitausendelf. Kurz vor zehn Uhr morgens, viele Besucher sind bereits auf der Main Street verteilt, obwohl die meisten Bereiche des Parks und die Attraktionen erst ab zehn Uhr zugänglich sind. Unter diesen Menschen befinde ich mich, habe meine Parkkarte in die Hosentasche gesteckt, Diamondback-Cap auf, Sonnencreme verteilt, bereit für Adrenalin. Und dann, zwei Minuten vor zehn Uhr passiert das Unvermeidliche: Die amerikanische Nationalhymne dröhnt aus allen Parklautsprechern bis in die hinterletzten Winkel, und alle Amerikaner stellen sich aufrecht hin, nehmen ihre Mützen ab, halten ihre Hand auf das Herz und singen ihre Zeilen mit. Nicht euer Ernst, ist mein erster Gedanke. Der zweite: Das hier sind die USA. Und aus Rücksicht nehme ich zumindest mein Cap für die Dauer der Hymne ab.
Die Anekdote habe ich hier im Blog schon häufiger verteilt, und es geht mir eigentlich auch gar nicht um die Vereinigten Staaten, sondern um die dahinter steckende Denkweise, die sich in wesentlich mehr Ländern dieser Erde wiederfindet. Vielleicht in allen. Und ich kann bis heute nicht nachvollziehen, was es mit diesem Patriotismus auf sich hat.
Lassen wir die sprachlichen Überlegungen beiseite. Warum es nicht Matriotismus heißt. Was eigentlich mein Vaterland ist, wenn mein Vater im Ausland geboren wurde. Und ich verstehe noch nicht einmal, warum man überhaupt stolz auf sein Vaterland sein soll. Immer wieder, bei Aufmärschen bestimmter politischer Richtungen, die in den Nachrichten übertragen werden, sehe ich stolze, aufrecht marschierende Deutsche, Deutschland über alles, und alles Nicht-Deutsche hat hier nichts zu suchen. Lassen wir auch die rechten Denkweisen beiseite; warum sollte ich mich mit Deutschlandflagge zeigen wollen, was ist so toll an Deutschland? Und lässt Patriotismus mich denken, dass andere Länder nicht so toll sind?
Sind diese Denkweisen nicht austauschbar? Wenn ich in Spanien leben würde, wäre ich dann stolz auf Spanien? Oder in Japan? Und wie verhält sich das mit dem Patriotismus, wenn ich auswandere?
Geht es einfach nur um's Prinzip, oder hat Deutschland irgendwas besonders Tolles? Sicher, das Sozialversicherungsystem. Gesetzliche Krankenversicherung. Gleichzeitig lässt es mich nicht in einem dramatisch unterbesetzten Beruf zu (Grundschullehrer), weil ich vor sechzehn Jahren ein unpassendes Schulfach studiert habe.
Muss ich Patriot sein? Wenn ich nicht stolz darauf bin, in meinem Heimatland zu leben, werde ich dann schief angeschaut? Ehrlich gesagt bin ich ganz froh darüber, dass ich zum Beispiel nicht zu den Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes gehöre. Wird Patriotismus von manchen Menschen als Ausrede dafür benutzt, Ausländer zu hassen? Gegen Minderheiten zu sein?
Ich verstehe nicht, was Patriotismus ist, worauf er sich begründet und wie er sich in meinem Verhalten niederschlagen könnte? sollte? müsste? Whatever.
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