Montag, 30. September 2019

Klassenfahrt


Die große Buba ist gerade mit ihren Kiddies auf Klassenfahrt, und das lädt mich ein, ein wenig zu sinnieren, wie ich zu dem Thema Klassenfahrt stehe - nämlich am liebsten gar nicht.

Damals

Als Schüler habe ich Klassenfahrten gehasst, und zwar jede einzelne von ihnen. Ich habe es gehasst, an unbekannten Orten schlafen zu müssen, nicht mein Zimmer, das mir Sicherheit gibt, ich habe es gehasst, nicht zu wissen, was es zu essen gibt (wir hatten zuhause einen Speiseplan, der sich nach den Wochentagen ausrichtete, das war großartig), ich habe das Gefühl gehasst, nicht zu wissen, wann ich auf's Klo gehen kann, ich habe es gehasst, dass jemand Anderes meinen Tagesplan festgelegt hat, ich habe es gehasst, mit anderen Jungs in einem Raum zu schlafen (ich kann auch heute nicht schlafen, wenn eine andere Person in der Wohnung ist), immerhin, wenn ich Glück hatte, war ich nicht mit den Jungs auf einem Zimmer, die mich gemobbt hatten, trotzdem habe ich das Bewusstsein gehasst, dass es für die Mobber auf Klassenfahrten wesentlich einfacher ist, ihrer Arbeit nachzugehen., und ich habe es gehasst, zu zelten, nass und kalt und komischer Geruch und vortäuschen zu müssen, ich hätte in einem Schlafsack gut geschlafen.

Heute 

Heute hat sich an der Haltung nicht viel geändert. Als Lehrer habe ich panische Angst vor Klassenfahrten. Ich war an meiner Ausbildungsschule auf zweien dabei, und scheine Vieles falsch gemacht zu haben, was ich natürlich wieder nicht mitbekommen habe. Ich habe Angst davor, die Verantwortung für dreißig Schüler weit weg von ihrem Zuhause zu übernehmen. Ich habe in diesem Blog so oft geschrieben, dass ich an viele wichtige Dinge nicht denke - und das könnte mir auch auf einer Klassenfahrt passieren. Einen Schüler zurücklassen. Oder vielleicht auch nur seine Sachen. Den ganzen Versicherungskram auf die Reihe bekommen. Gut, dass man nicht allein auf Klassenfahrt geht, trotzdem der Horror. Schüler, die sich volllaufen lassen, nach Hause gebracht werden müssen, in den falschen Zug einsteigen, ungeschützten Sex haben und ich muss die ganze Nacht durch wach sein. Nein, muss ich nicht, klar, es gibt Schichten und sowas, aber mein Kopf lässt mich auf einer Klassenfahrt nicht einschlafen. Die falsche Jugendherberge gebucht. Überhaupt zu buchen, unbekannte Menschen anrufen, darauf achten, dass der Busfahrer seine Pflichtpausen einhält. Und die Hälfte der Klasse hat sowieso keinen Bock auf die Fahrt. Warum also überhaupt machen?

Sicher, Klassenfahrten können irgendwo ihr Gutes haben. Manchmal bekommen Schüler eine Möglichkeit, über den Tellerrand zu schauen (ob sie das nun wollen oder nicht), maaaaanchmal kann so eine Aktion die Klassengemeinschaft stärken - aber nur wenn man normal ist; NP damals war nicht normal, hatte schon ihren Grund, warum sie ihr Zelt mit dem Eingang in einem Dornengebüsch aufgestellt hat. Aber Hauptsache, das Kind kommt mal an die Luft. Für sie war die Klassenfart pure Folter.

Wenn ich mit Schülern auf Klassenfahrt gehe, dann bestenfalls als Begleitung. Und am liebsten noch nichtmal das. Ich bin viel zu zerstreut und bräuchte einen Partner, der nicht nur auf die Kiddies, sondern auch noch auf mich mit aufpassen kann.

Ihr seid herzlich eingeladen, meine Leidenschaft für Klassenfahrten zu entfachen.

Freitag, 27. September 2019

Wer möchte probieren?

Soooooo lecker!

Herbstwetter triggert meinen Wunsch, endlich wieder Basler Läckerli zu backen. Und es ist auch nicht zu früh dafür, denn der Teig bleibt einige Wochen lang stehen, damit das Aroma richtig durchziehen kann - somit dürfte das Gebäck in der zweiten Novemberhälfte fertig sein. Meine Frage an Euch:

Möchte jemand von Euch dieses Gebäck einmal probieren? Es enthält kein Ei, keine Milch, dafür aber Nüsse (Stichwort Allergien), und diverse Gewürze, Honig und Zitronenschale sorgen für adventliche Atmosphäre. Wer einmal probieren möchte, möge mir eine Nachricht mit seiner Adresse schicken, ich notiere mir das, und Anfang Dezember verschicke ich dann kleine Beutel mit den Basler Läckerli ;-)

Mittwoch, 25. September 2019

Nur mal eben Glas

POKAL = okay; nicht POKAL = nicht okay

In meinem Küchenschrank befinden sich zwei verschiedene Typen von Gläsern - zum einen die POKAL-Gläser von IKEA, zum anderen kleinere, schlankere Gläser. Jeweils sechs von jedem Typ. Die Pokale stehen in der vorderen Reihe, die kleineren dahinter. Wenn die große Buba zu Besuch kommt, biete ich ihr immer etwas aus meinem reichhaltigen Sortiment an Erfrischungsgetränken an (a.k.a. Leitungswasser oder Coke Zero). Wenn dann die Pokale gerade alle in der Spülmaschine sind, kommt von mir ein "Äh sorry, die großen Gläser sind gerade aus, ich hab nur die kleinen, ist das in Ordnung?" - was die große Buba natürlich überhaupt nicht stört, denn schließlich ist sie die große Buba, und uns beide interessiert die Jagd auf Sephiroth gerade viel mehr als Gläsertypen.

Für sie ist das kein Problem - für mich aber schon, wie ich merke. Bevor ich selbst eines der kleineren Gläser benutze, hole ich ein großes aus der Spülmaschine und wasche es ab, oder ich stelle gleich die Spülmaschine an. Ich trinke tatsächlich lieber aus den großen Gläsern, ich könnte mir vorstellen, dass es mit der oktogonalen Form der Gläser im unteren Bereich zu tun hat, weiß es aber nicht genau. Ich kenne das von mir - so habe ich unterschiedliche Esslöffel, aber am besten schmeckt mir das Essen, wenn ich einen ganz bestimmten von ihnen benutze. Dieser Umstand hat mich jetzt mehrere Jahre begleitet, und heute habe ich mich dann gefragt, wozu ich überhaupt die kleineren Gläser habe, wenn ich sie eh' nie benutze - und habe sie verschenkt.

Auf zu IKEA, schnell ein neues Gläserset besorgt. Sechs Stück kosten nicht einmal drei Euro insgesamt, das ist keine große Investition, und jetzt habe ich endlich nur Gläser in meinem Schrank, die ich auch benutzen mag. Ich weiß nicht, ob das irgendwas mit Autismus oder mit Hochbegabung zu tun haben könnte, deswegen tagge ich diesen Beitrag einfach mal wieder old-fashioned als geisteskrank.

Und wieder frage ich mich, warum direkt gegenüber der IKEA-Kasse dieser herrliche Schwedenshop ist - und habe mir die Frage damit natürlich selbst beantwortet. "Nur mal eben Glas kaufen" ist nicht; ich kann einfach nicht an diesen Regalen vorbeigehen, voller Hot Dogs, Daim, Punschrullar und Gifflar und Dubbla Chokladflarn. Und in diesem Gläserkarton ist noch genau Platz für eine Packung Kekse, wie passend. Das erinnert mich an die gestrige UFO-Geschichte - deren Einkaufswahn war zwar fiktiv, hatte aber seine Wurzeln in der ganz normalen Realität.

Und so steht jetzt neben mir eine Schachtel Daimkekse mit einem POKAL Leitungswasser.

Dienstag, 24. September 2019

UFO im Supermarkt

Was man nicht alles entdecken kann!

Ein Tag wie jeder andere, sonnig, Wärme des Restsommers kurz vor dem Herbstanfang, mittags, ich schließe die Fenster, weil ich eine Weile Ruhe in der Wohnung brauche. Die Fenster sind großartig isoliert, der Verkehrslärm wird vollkommen ausgeschlossen, und so wandere ich die Südwestfront entlang, bis zum letzten Fenster direkt an der Wand zu meinem Nachbarn, und schließe es, um danach das Rollo herunterzuziehen. Doch... warte mal, was ist das da unten? Im Eingangsbereich des Supermarkts? Das war doch eben noch nicht da?

Da unten, zwischen den ausgestellten Blumentöpfen und den Säcken mit Pflanzerde, schwebt ein leuchtendes Objekt. Fast rund, bestehend aus unterschiedlich hellen konzentrischen Ringen. Just in dem Moment, als ich das Fenster geschlossen hatte, war es aus dem Ladeninneren in den Eingangsbereich geschwebt, direkt hinter die Eingangstür, und dort steht es nun unbeweglich in der Luft. Ein UFO im wahren Sinne, ein unindentified flying object, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das Objekt überhaupt greifbar ist, aus Materie, oder quasi eine Art Spektralerscheinung? Und was mich noch mehr fasziniert: Immer wieder betreten und verlassen Kunden das Geschäft, ohne sich im geringsten über diese leuchtende Scheibe zu wundern. Was ist hier los? Ich brauche einen besseren Blick, und so öffne ich das Fenster wieder, um direkt in den Eingangsbereich des Supermarkts schauen zu können, da unten, einmal quer über die Straße - doch das UFO fliegt wieder in das Ladeninnere, so als hätte es geahnt, dass ich es beobachte. Nicht mit mir, mein Freund, und so ziehe ich mir Schuhe an und laufe eilig das Treppenhaus hinunter. Die Kamera in der Tasche, dieses Phänomen lasse ich nicht entwischen!

Und dann muss ich an die anderen Phänomene denken, die Hassee mittlerweile heimgesucht haben, und dagegen wäre ein UFO nun wirklich eine Kleinigkeit; im Vergleich zum Keksdesaster, der Riesenheulknuddelpuppe, dem Vulkanausbruch, dem schwarzen Abgrund und dem Sturm des Jahrhunderts, da kann ein UFO kaum mithalten. Irgendwie seltsam, dass laut Lokalzeitung diese Phänomene erst auftraten, nachdem ich hier in meine Wohnung eingezogen bin. Whatever; ich will es aus der Nähe sehen!

Gesagt, getan, rein in den Supermarkt. Wie erwartet, befindet sich das UFO nicht im Eingangsbereich. Dann muss es irgendwo hinten zwischen den Regalen verschwunden sein, und so suche ich einen Gang nach dem nächsten ab, und nehme bei der Gelegenheit auch gleich Tiefkühlpizza, Cola, Dosensuppe, Schokolade, Marshmallows, Tütennudeln, Rote Grütze, Vanillesauce und ein Abführmittel mit. Ich durchwandere jeden Gang zweimal, aber nichts ist zu sehen. Das UFO ist verschwunden. Aus Frust nehme ich auch noch drei Nuss-Marzipan-Sahnetorten mit. Na toll, kein UFO gefunden, dafür reichlich HFOs (Heißgeliebte FettObjekte).

Enttäuscht stampfe ich hinauf in meine Wohnung, gehe zu dem Fenster, das ich offen gelassen habe. Ich schaue nach unten, Richtung Supermarkt, aber natürlich schwebt dort kein unidentifizierbares Flugobjekt. Scheiße. Ich schließe das Fenster, und... WHAT?! Da ist es wieder, schwebt kackdreist im Supermarkt, als ob es mich veralbern will. Als ob es immer nur dann herauskommt, wenn ich mein Fenster... und dann seufze ich erleichtert. Der leuchtende Fleck da unten im Supermarkt ist nichts weiter als die Reflektion des Sonnenlichts, das gegen meine mit Spiegelfolie beklebten Fenster scheint. Ein paar Male öffne und schließe ich das Fenster, nur um ganz sicher zu gehen. Und dann lächle ich, wieder um eine Erfahrung reicher geworden.

Und 28.980 Kalorien.

Visitor from outer space?

Montag, 23. September 2019

Die Frage "Warum?"

What are you doing?

"Ich verstehe das nicht, das passt nicht zusammen. Wie kann es sein, dass der beliebteste Lehrer dieser Schule so einen Aussetzer vor der gesamten Klasse hat?"

Auf meiner Fensterbank steht eine Sanduhr, in der der Sand von unten nach oben läuft.

An einer Stelle meiner Wohnung zieht sich ein dicker Riss durch die Wand, von der Decke bis zum Fußboden.

Aus den X-Files: Ein Mann fügt sich einen kleinen Schnitt durch eine scharfe Papierkante zu, während er die Post weiterleitet - bis die Digitalanzeige der Sortiermaschine ihm plötzlich befiehlt, all' seine Mitmenschen zu ermorden.

Ein Schüler mit einem IQ über hundertdreißig, der nicht einmal seinen MSA macht.

Phänomene jeden Tag, und ein paar der obenstehenden können sicherlich ganz leicht erklärt werden. Andere, not so leicht. Ist die Frage, ob man überhaupt der Frage nachgehen möchte, warum die Dinge sind, wie sie sind.

Mein Gehirn ist so konfiguriert, dass es am liebsten auf jede einzelne Warum-Frage eine Antwort hätte. Ich habe eine intrinsische Motivation, die Welt um mich herum zu verstehen, und je abstruser ein Zusammenhang zunächst erscheinen mag, umso faszinierender ist es für mich, die Mechanismen dahinter zu entdecken. Ich kann nicht sagen, seit wann das so ist. Es fühlt sich an, als hätte mich schon immer fasziniert, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Dass der tag Verhaltensmuster einer der meistverwendeten in diesem Blog ist, scheint symptomatisch dafür zu sein.

Menschliches Verhalten interessiert mich. Warum lügen wir Menschen an, die wir lieben? Warum tun wir Dinge, auch wenn sie uns gesundheitlich schaden? Warum bleiben wir manchmal absolut stur, auch wenn der gesunde Menschenverstand uns doch davon abbringen müsste? Ich möchte das verstehen.

Ich möchte verstehen, warum A sich im Unterricht nie meldet. Ich möchte verstehen, warum B mit blauen Flecken in die Schule kommt. Ich möchte verstehen, warum C der Abschluss vollkommen egal ist. Ich möchte wissen, warum D sich mobben lässt. Ich möchte verstehen, warum E seine Schüler so "gemein" behandelt. Ich möchte das alles verstehen, weil ich dann vielleicht mit etwas weniger Blockierhaltung auf Gespräche mit diesen Menschen zugehen kann. Ich weiß noch, wie ich im Studium einen Spruch kennengelernt habe: "Man muss nicht immer alles gutheißen, was Andere tun, aber man sollte es zumindest verstehen wollen."

Und dann gibt es Menschen, die vielleicht auch gern verstehen möchten, warum jemand so tickt, wie er es tut, aber viel wichtiger ist ihnen die Frage, wo wir von hier aus hinsteuern. Ein progressiver Gedanke: "Wie gehen wir mit der Situation um? Wie können wir daran etwas verändern?" Für einen Lehrer ist das eigentlich eine tolle Denkweise, weil man so viel intensiver mit der Situation - womöglich in der eigenen Klasse - arbeiten kann. Man kann schneller an Klassenkonflikte herangehen.

Bei mir ist das anders.

Ich möchte irgendwie immer verstehen, warum Menschen sich so verhalten. Ich lasse Schüler in Gesprächen viel erzählen, vielleicht auch, um meine eigene Expertise in Sachen "Warum sind wir Menschen so?" zu erweitern. Und mit genau diesem Gedanken gehe ich an mich selbst heran: Warum tue ich die Dinge, die ich tue? Auch wenn sie von außen irrational erscheinen? Auch wenn ich immer wieder auf Unverständnis damit bei manchen Mitmenschen stoße; für mich ist es wichtiger, das Warum durchblicken zu können. Damit ich irgendwann nachvollziehbar auf Fragen antworten kann wie diese, aus dem Jahr Zwanzigvierzehn, aus St.Peter-Ording:

"Ich verstehe das nicht, das passt nicht zusammen. Wie kann es sein, dass der beliebteste Lehrer dieser Schule so einen Aussetzer vor der gesamten Klasse hat?"

Es gab damals einen Vorfall an der Schule, der ordentliche Wellen geschlagen und schließlich zu einem Klärungsgespräch mit allen Beteiligten geführt hat. Aufgrund der Verschwiegenheit gehe ich an dieser Stelle nicht in's Detail, sondern zähle nur die Frage der Elternvertreterin sowie der Heimleitung auf, für die dieser Vorfall absolut nicht in das Bild des Lehrers DrH gepasst hat. Hell, für die Schulleitung, die Supervisionsleiterin, die SozPäd und die Klassenleitung auch nicht. Dieser Vorfall war absolut nicht nachvollziehbar. Auch für mich nicht, und deswegen habe ich mich lange damit beschäftigt, um in diesem klärenden Gespräch eine Antwort darauf geben zu können. Und das hat auch geklappt - allerdings ist in meinem Kopf bis heute der Wunsch verhaftet, diesen Vorfall wissenschaftlich fundiert zu erklären.

Deswegen bin ich auf der Suche nach einer Diagnose, egal, wie diese Diagnose am Ende genau lautet.

Denn seitdem ich den Wunsch danach geäußert habe, fragen mich Menschen immer wieder: "Und dann?" - eine Frage, die ich anfangs nicht verstanden habe. Wieso "und dann"? Ich möchte verstehen, warum ich ticke, wie ich das tue. Ich möchte verstehen, warum es in meinem Leben trotz aller Bemühungen immer wieder vereinzelte Ausbrüche gibt, die zu für alle Beteiligten unangenehmen Situationen führen.

Was meine Mitmenschen mich wohl fragen wollen, mit diesem "und dann?", ist, wie ich danach mit der Situation umgehen möchte, und die meisten erwarten dann irgendeine Form der Therapie. Um meine sozialen Kompetenzen zu verbessern und meinen Alltag problemloser zu gestalten. Kann ich verstehen, aber darum geht es mir zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich möchte erstmal verstehen, warum ich so bin; genau wie oben beschrieben ist mir das momentan wichtiger. Momentan meine einzige Frage, auf die ich eine Antwort suche.

Und es ist schwierig, das den Menschen zu erklären, die mir dann zu verstehen geben, dass aber doch die Therapie danach viel wichtiger sei, und dafür brauche ich ja eigentlich noch nicht einmal eine Diagnose. Eigentlich könnte ich doch direkt jetzt mit der Therapie beginnen. Diese Frage kommt häufiger, und sie fühlt sich jedesmal unangenehm an, weil ich sie so verstehe, als ob ich auf dem völlig falschen Weg bin (Watzlawick lässt grüßen). Dabei ist genau das momentan mein Ziel - die vergangenen sechsunddreißig Jahre besser verstehen zu können. Wie ich damit umgehe, wie ich danach damit arbeite, darüber können wir gern reden, aber jetzt, an dieser Stelle, ist die Frage für mich irrelevant.

Und wird auch noch ein Weilchen irrelevant bleiben. Deal with it. ;-)

post scriptum: Und diesen Beitrag sollte ich mir ausdrucken und in meinen Psych-Ordner abheften, denn diese Frage werde ich wohl noch öfters erklären müssen. Kann eigentlich auch gleich in die "Thema"-Beiträge.

paulo post scriptum: Total faszinierend, da begegne ich hier im Viertel einem meiner ehemaligen Schüler, der jetzt hierher gezogen ist, und plötzlich rattert mein Gehirn wieder los und alles, was es damals an Klärungsbedarf mit Mutter und Kind und Schule gab, das alles ist wieder da, als wäre es gerade erst gewesen...

Samstag, 21. September 2019

An mein jüngeres Ich

Freiheit - sooo viele Entscheidungen...

Lieber Dr Hilarius!

Ach ne, den Namen kennst Du wahrscheinlich noch gar nicht, und niemand würde auf die Idee kommen, Dich so zu grüßen. Das fängt ja toll an, ich möchte einen Brief an Dich schreiben und schaffe es nicht einmal ansatzweise, mich in Dich hineinzuversetzen. Also... wie hatten sie Dich damals noch genannt?

Moin Homie!
*ToolTime-Gruß*

Hier spricht Dein zukünftiges Erwachsenen-Ich und möchte an Dein jugendliches angepasstes Kind-Ich appellieren. Ach fuck, das geht ja auch wieder nicht, Du bist womöglich erst in der fünften Klasse und hast noch nie etwas von der Transaktionsanalyse gehört. Also versuche ich das jetzt ganz einfach zu machen. Es kann natürlich sein, dass die Dinge für Dich anders laufen werden, als sie für mich gelaufen sind. Heute, ein Vierteljahrhundert in der Zukunft, lebe ich nach dem Motto Nichts bereuen! und halte mich auch daran, so gut es geht. Ich versuche, nichts zu tun, was ich später einmal bereuen werde, und ich versuche, nicht zu bereuen, was ich einmal getan habe. Wenn es Dinge gibt, die ich bereue, Taten oder Denkweisen, dann liegen sie in meiner Jugend, und genau deswegen schreibe ich Dich jetzt an und gebe Dir ein paar Hinweise. Ich weiß, Dein Querkopf wird sie ignorieren, aber dann kannst Du später wenigstens nicht behaupten, niemand hätte Dich gewarnt.

Ich habe keine Ahnung, wie alt Du jetzt gerade gewesen sein wirst, also ordne ich meine Punkte im Ansatz chronologisch an. Schon in der Grundschule hat man über Dich gesagt, Du würdest Ordnungssysteme in Schriften favorisieren - na denn. Wahrscheinlich liest Du diesen Brief gerade in einer ruhigen Phase - ruhig für Dich, weil Du mal wieder aus dem Unterricht geflogen bist. Reiß' Dich mal zusammen.

Solltest Du noch in der fünften Klasse sein, nimm' Dir bitte dies zu Herzen: Wirf' auf der Klassenfahrt nicht KS in die Wakenitz! Es ist wirklich nicht lustig, zusammen mit anderen Jungs eine Mitschülerin in einen Fluß zu werfen. Das sagt nicht nur der gesunde Menschenverstand; KS wird danach mit einem Küchenmesser auf Dich losgehen, und auch wenn Du selbst das witzig finden wirst, und auch wenn Deine Mitschüler Dich vor ihr beschützen - lass' es bleiben. Du verletzt damit jemanden sehr empfindlich, und ich bin mir sehr sicher, dass Du selbst das nicht wollen würdest. Und wenn Du mir das nicht glauben willst, dann warte ab, bis Du in die achte Klasse kommst und sich die Fronten tauschen. Oder schau Dir den Film Flatliners (1990) an, dann erlebst Du, wie sich so etwas später rächen kann. Nimm' das Original, nicht die Neuverfilmung, auch wenn Ellen Page da mitspielt. What the fuck, Du interessierst Dich ja noch gar nicht für Filme!

Irgendwann fangen sie alle an, Alkohol zu trinken. Das beginnt mit Bier, endet dort aber längst nicht - hallo? Herzlich willkommen in Dithmarschen, hier wird man mit einer Buddel Korn in der Hand geboren. Dir werden betrunkene Menschen wahrscheinlich auf die Nerven gehen, erst recht auf Klassenfahrten, wenn Du davor nicht weglaufen kannst. Wie wäre es denn, wenn Du das alles einfach mal ein bisschen lockerer siehst? Nicht in einen "Auf gar keinen Fall Alkohol"-Krampf fallen, denn es wird Deine Mitmenschen, Familie und Freunde zwar immer wieder erstaunen, dass Du nicht einmal zum Abitur und Führerschein mit Sekt anstößt, und daraus leitest Du dir ein starkes Rückgrat ab (und nach dem Mobbing in der Mittelstufe kannst Du das gut gebrauchen; ja, Du wirst gemobbt, und seien wir mal ehrlich, nach der KS-Geschichte hast Du dir das auch verdient, mal die andere Seite vom Mobbing zu erleben), aber wie wäre es einfach mal, das Leben ein bisschen zu genießen, anstatt immer nur auf irgendwas in der Zukunft zu warten? Man nennt solche Sachen nicht ohne Grund Genussmittel. Und hör auf, in Bandwurmsätzen zu schreiben, nur so am Rande, denn das wirst Du dir sonst niemals abgewöhnen können.

Ach ja, Sex. Du wirst merken, wie um Dich herum plötzlich jeder mit jedem in's Bett steigt - natürlich nur Jungs mit Mädchen, denn wir sind in Dithmarschen, und etwas Anderes ist dort einfach nicht zulässig. Aufklärung braucht Zeit. Ist vielleicht keine blöde Idee, mit Deinem Outing noch ein Weilchen zu warten, nur solltest Du dir dafür keine Vorwürfe machen, und nicht irgendwelche Gedanken von "Ich habe keinen Sex, was mache ich falsch?" - alles ganz entspannt, irgendwann wirst Du Dithmarschen und die Neunziger verlassen und an eine Universität gehen, an der Vielfalt gelebt wird.

Vielfalt gibt es übrigens auch in Berufen. Du musst nicht Lehrer werden wollen, nur weil sich das quer durch Deine Familie zieht. Vielleicht studierst Du ja etwas völlig Anderes? Und falls Du doch Lehrer werden möchtest, dann auf keinen Fall Latein. Wobei... ich habe das falsch formuliert. Lass' Dir nicht einreden, mit Latein wäre es später ein Kinderspiel, an eine feste Stelle zu kommen. Ganz im Gegenteil, Latein wird ein Hemmschuh, ein Klotz am Bein, der Dir Wege in andere Schulformen versperrt. Latein wird Dich arbeitslos machen. Als Gegenleistung lernst Du in diesem Studienfach wirkliche Freaks kennen, Menschen wie Dich, und Du musst abwägen, ob es das wert ist. Ob Du erleben möchtest, dass Nerdsein okay ist.

Und wo ich schon bei Gedanken bin, die schwachsinnig sind: Viele Leute werden immer und immer wieder sagen, Du sollst Dich in Ehrenämtern engagieren, das macht sich gut im Lebenslauf. Was für ein Unsinn, scheiß' auf's Ehrenamt, kostet nur Zeit. Kein Mensch von Bedeutung in Sachen Jobsuche wird jemals der Auflistung von Ehrenämtern in Deinem Lebenslauf Gewicht zumessen. Es ist viel wichtiger, dass Du gut gekleidet bist. Scheiß' auf den Idealismus "Menschen nach inneren Werten beurteilen", so funktioniert die Welt einfach nicht. Es sei denn, Deine persönliche Entwicklung ist Dir wichtig: Dann bleibe dabei. Denn die diversen Ehrenämter werden Dich persönlich bereichern. Du wirst Menschen aus anderen sozialen, kulturellen, universitären Kreisen kennenlernen, Du wirst Deinen Horizont erweitern, und Du wirst irgendwann das tolle Gefühl erleben dürfen, Deinen Mitmenschen geholfen zu haben. Wenn Dir das etwas bedeutet.

Deine Entscheidung. Denk' drüber nach!

Verschmitzte Grüße aus einer Weltraumbasis aus der Zukunft,

Ich a.k.a. Du

Freitag, 20. September 2019

Auf die Straße!


Bushaltestelle Diesterwegstraße,

20 Menschen warten auf den Bus, der in 3 Minuten kommt... 

30 Menschen warten auf den Bus, der in 2 Minuten kommt...

50 Menschen warten auf den Bus, der in 4 (?) Minuten kommt...

70 Menschen versuchen, in 2 bereits überfüllte Busse einzusteigen.

Herzlich Willkommen auf dem Weg zur Fridays For Future-Demo!

In meinem Studium bin ich mehrfach auf die Straße gegangen für die Rechte meiner Kommilitonen - egal, ob es um Inklusionsfragen, Studiengebühren oder die Abschaffung der MedFak in Lübeck ging, und vollkommen egal, ob wir vierhundert oder achthundert Demonstranten waren, oder aber zwölftausend. Für mich war das nie eine Frage, erst recht nicht, seitdem Dr. Jens-Peter Becker damals in der Studienberatung am Englischen Seminar uns Erstis dazu aufgerufen hat, den Arsch hochzubekommen für unsere Rechte, und die oftmals armselige Beteiligung bei den Universitätswahlen hat die Notwendigkeit solcher Aufrufe unterstrichen.

Seit einigen Monaten gehen weltweit Menschen der Fridays For Future-Bewegung auf die Straße, mit Greta Thunberg als Gallionsfigur, quasi, seitdem sie mit ihrem Skolstrejk för Klimatet-Schild ihren Freitagsunterricht bestreikt hat. Heute war weltweit zur dritten großen Aktion aufgerufen worden, und ich habe lang genug zuhause herumgesessen. War einfach mal wieder Zeit, den Verkehr zu blockieren, und endlich mal den Menschen in die Augen zu schauen, deren Zukunft wir verbraten. Mal Position zu beziehen.

Was mich begeistert hat, war die Vielfalt der Demonstranten. Da geht vor mir ein fünfjähriges Mädchen vorbei, bitterböser Blick, und um ihren Hals hängt ein großes Schild "Kohleausstieg SOFORT!", und ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Links neben mir stehen zwei Rentner mit einem Schild "Opas & Omas For Future", und rechts radelt eine ältere Dame mit einem "Omas gegen rechts!"-Schild am Gepäckträger. Alle Altersstufen sind vertreten, alle sexuellen Orientierungen, diverse Behinderungen, unterschiedlichste Outfits, was mir zeigt, dass diese Sache dann doch etwas größer ist, als dass man die Demonstranten in Schubladen stecken könnte.

"Ne, ich gehe da nicht hin, das bewirkt doch eh' nix", diesen Satz habe ich schon damals im Studium regelmäßig gehört, wenn ich Kommilitonen zum Demonstrieren überrreden wollte. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich gehe nicht auf eine Demo, um etwas zu ändern. Dafür sollte ich lieber mal meinen Lifestyle überarbeiten. Ich gehe hin, um sichtbar zu sein. Ich möchte zeigen, dass ich ein Mensch bin, der sich Sorgen um unseren Planeten macht. Ich möchte diese Sorgen nicht heimlich in mich reinfressen. Wir müssen zeigen, dass wir da sind - "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!" - diesen Slogan hatten wir auch damals an der Uni und haben einfach statt Zukunft den Begriff Bildung verwendet. "Leistet Widerstand - gegen Kohle, Öl und Gas im Land!" - genau den Spruch hatten wir damals auch, in leicht abgewandelter Form. Sind halt Demoklassiker.

Aber... soooo laut waren wir heute gar nicht, und das hat mich tatsächlich etwas irritiert. In meinen letzten Demos war immer hier und da ein Truck, der die Meute mit Musik versorgte; heute waren noch nicht einmal Trillerpfeifen da, und falls doch, dann wesentlich leiser, als sie hätten sein sollen. Immerhin: Die Spitze des Umzugs bildeten etwa vierzig Fünftklässler, mit einem hübschen Transparent und einem Einpeitscher mit Flüstertüte, der die Kleinen zum lautstarken Demonstrieren ermunterte.

Trotzdem war es schön, wieder einmal Menschen in Autos den Weg zu versperren - wie passend - und ich hoffe, dass heute weltweit Millionen Menschen auf die Straße gegangen sind. Schauen wir gleich mal in die tagesschau.