Samstag, 24. November 2018

Dresscode

Kompromiss?

Bin ich ein Kaufmann? Bin ich ein Lehrer?

Ich werde konfrontiert mit der Tatsache, dass in der Wirtschaftswelt Oberflächlichkeiten zählen. Meine Aufgabe ist es, jungen Erwachsenen klar zu machen, dass ihr äußeres Erscheinungsbild in der Welt der Wirtschaft wesentlich mehr zählt als ihre tatsächlichen Begabungen. Ich muss ihnen klar machen: Wenn ihr so auftretet wie ich, könnt ihr euch eine Einstellung abschminken.

"Naja, aber sie sind ja auch irgendwie an der Schule eingestellt worden." Richtig, und langsam kommt die Frage auf, warum das so ist. Sicherlich haben wir im Rahmen des Auswahlgesprächs auch über den Punkt "Outfit" gesprochen. Darüber, dass Menschen Angst haben, dass ich mit den schwarzen Shirts mit Motiven von Totenköpfen o.ä. vielleicht eine subversive Botschaft vermitteln will. Eine, die den Schülern oder den Geldgebern/"Zulieferern von Schülern" da draußen signalisiert, dass diese Schule schlecht sein könnte.

Ich bedauere es ein bisschen, dass die Auskunft über eine Lehrkraft, die dienstliche Beurteilungen und/oder ein Lebenslauf mit sich bringen können, unter Umständen weniger zählen als das Erscheinungsbild. Ich habe ernsthafte Probleme, mich mit dieser Oberflächlichkeit zu arrangieren. Allerdings verstehe ich auch, wie es zu diesem Denken kommt, und ich brauche momentan einfach Zeit, um darüber nachzudenken.

Ich habe in den vergangenen sieben Jahren mein Outfit gern als case in point benutzt für Schüler, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass Menschen mehr sind als die Vorurteile, die wir ihnen aufgrund ihrer Kleidung entgegen bringen. Zumindest war das eine Rückmeldung, die ich immer wieder bekommen habe: Never judge a book by it's cover  - aber das kann ich hier, an der Berufsschule, in der Abteilung Wirtschaft nicht vermitteln, denn ich muss diesen jungen Menschen beibringen, dass das Erscheinungsbild verdammt wichtig ist. Hier gibt es einen clash zwischen Lehrer und Geschäftsmann.

Und ich brauche einfach mehr Zeit, um zu überlegen, was mir wichtig ist, was es für mögliche Kompromisse gibt und ob ich mit der Oberflächlichkeit klarkommen kann. Für diese Berufsschule ist der junge Kollege in dieser Art ein novum, und man muss abwarten - ausprobieren, ob das möglich ist. Ich bin allerdings sehr dankbar dafür, dass man mir diese Chance überhaupt eingeräumt hat.

Warten wir erstmal das Planstellenzuweisungsverfahren (PZV) ab, das könnte die Frage bereits ohne viel Diskussionsmöglichkeiten klären.

Donnerstag, 22. November 2018

Kreative Kaufleute


Ich lerne Vieles aus dem Wirtschaftswesen - zum Beispiel, wie man Werbeanzeigen gestalten sollte. Ganz ohne Rahmenbedingungen durften meine Leutchen ihre erste Anzeige gestalten, und eine hat mir direkt aus der Seele gesprochen. Wer das oben auf dem Bild nicht lesen kann:

Why fall in love when you can fall in your King's Bed?

(und dazu der etwas bedröppelt dreinschauende Mann ^^)

Montag, 19. November 2018

Dauert alles so lange...

Ich werde die Kirche einfach nicht los...

Heute ein Beitrag, der eine Art Beichte darstellt, oder auch einfach nur eine Weiterführung des Artikels liegengelassen. Und diesmal hat es definitiv mit Hochbegabung zu tun - auch wenn wiederum Andere sich in diesen Zeilen werden wiedererkennen können.

Als HB ist man es gewohnt, dass Aufgaben schnell erledigt werden können. Kopfrechenaufgaben, Logikprobleme. Klassenarbeitskorrekturen, da fliegt man so durch. Manche können unglaublich schnell die Tonart eines einzigen Tons bestimmen (absolutes Gehör). Jedenfalls fühlt es sich für mich so an, dass das alles ganz schnell gehen kann: Für einen Satz Klassenarbeiten Englisch Sek I brauchte ich im Schnitt fünfundvierzig Minuten; für die Arbeiten in der Berufsschule - Oberstufe - brauche ich nun doch zwei bis drei Stunden. Unterrichtsplanungen gehen ganz rasant neben Abwasch und Staubsaugen. Aufschreiben muss ich nichts, denn ich habe es ja im Kopf - ich weiß, das klingt unglaublich arrogant, und trotzdem habe ich jeden Tag einen kleinen Notizzettel mit den Stichpunkten zum Ablauf meiner Stunden mit mir. Aber vielleicht würde es auch ohne gehen. Das ist wie mit den HB-Mathematikern, die zu faul sind, den ganzen Rechenweg aufzuschreiben, sondern einfach das Ergebnis hinpappen und fertig. Wozu soll man sich die ganze Arbeit machen? Mathelehrer werden diese Erfahrungen mit ihren HB-Schülern in ausreichendem Maße machen.

Faul. Denn das sind lästige Arbeiten, ich genieße keine Korrekturen - es sei denn, es sind "offenbarende" Textproduktionen, freie, kreative Schreibarbeiten, die mir Aufschluss über die Schüler geben können (Gedankenreisen auf Englisch niederzuschreiben ist eine wunderbare Kombination aus Lernstandserhebung Sprachfertigkeit und Hinweisen auf das Wesen eines Schülers, in manchen Fällen).

Auch im Studium habe ich für Latein keinen Handschlag mehr als nötig gemacht. Klingt fies, ist einfach so. Daran lässt sich für einen Hochbegabten das eigene Interessenspektrum erkennen: Wofür ist er bereit, seine wertvolle Denkzeit zu verwenden? Postmoderne amerikanische Literatur, Generation X, das waren so Dinge, die mich interessiert haben. Oder die Seminare Släsch Hausarbeiten bei Jay. Darin konnte ich mich stundenlang versenken.

Heute kann ich mich stundenlang in gute Filme versenken, in immersive Videospiele, in Logikrätsel. Nicht lange versenken kann ich mich in Wäscheaufhängen, Steuererklärungen, Staubsaugen, Blogartikel schreiben (manchmal, wenn ich nicht in Stimmung bin). Dauert alles so lange, dass ich lieber gar nicht erst anfangen will. Und wie der Kühlschrank Ellen Burstyn in Reqiuem For A Dream (2000) bedroht, wird die unerledigte Arbeit mit jedem Tag Wartezeit größer, fieser und böser und meine Abneigung, sie endlich zu erledigen, steigt immer mehr. Beispiel gefällig?

Ich bin vor einer gefühlten Ewigkeit aus der Kirche ausgetreten. Vierzehn Monate, um genau zu sein. Im Februar diesen Jahres habe ich dann einmal im Finanzverwaltungsamt (FVA) angerufen, weil ich fortlaufend weiter Kirchensteuer bezahlte. Von dort hat man mich an's Finanzamt verwiesen, dort hieß es dann "Jaja, wir sind mal wieder die Schuldigen, nix da, das haben die im FVA versaut." Das ist mir so auf die Nerven gegangen, dass ich das erstmal bis zu den Ferien liegenlassen wollte. Tja. Osterferien. Sommerferien, Schulwechsel, viel zu aufwühlend. Herbstferien, viel zu viel Chaos im Kopf. Und das dauert ja alles so lange!

Heute habe ich endlich mal die Sache in's Rollen gebracht; offensichtlich muss ich irgendwas an meinen Verhaltensmustern ändern, und Dinge sofort erledigen, damit sie sich nicht in psychologische Monster-Kühlschränke verwandeln. Ja, diese Sachen dauern, kosten Zeit, sind nervig. Aber vom Nichtmachen verschwinden sie nicht. Und wenn ich sie gemacht habe, und wenn es Zeit gedauert hat, dann bin ich wenigstens froh, dass da nicht mehr der Kühlschrank in der Ecke steht. Fein, Last liegt nicht mehr auf meinen Schultern.

Auf an die PS4! :-P

post scriptum, weil das gerade passt:  Weil das Kopfrechnen so schnell geht, ist es für mich ein herrlicher Spaß, während ich beim Einkaufen die Artikel auf das Kassenband lege (oder schon beim Besorgen), die genaue Summe auszurechnen und mit Kleingeld abzuzählen. Dann sagt die Kassiererin (lang lebe Rollenverteilung) "Sechs siebenundfün..." und noch bevor sie zu Ende gesprochen hat, drücke ich ihr passend € 6,57 in die Hand. Das gibt dann ein verwundertes Gesicht, ich sage "Bon brauche ich nicht, schönen Tag noch!" und gehe. Das macht Spaß!

(wie armselig :D )

Sonntag, 18. November 2018

Angst vor dem Rampenlicht

Schüchtern, Arme hinter dem Körper verschränkt, Angst - ja, so war ich mal.

prae scripto: Das wird jetzt wieder wie ein Ich-bin-so-geil-Artikel klingen, aber genau genommen geht es mir um Pädagogik - darum, wie wir mit (zumindest einigen) Schülern umgehen können, die im Unterricht "klein und unauffällig" sind. Wer den persönlichen Scheiß überspringen und gleich zur schulischen Anwendung gehen möchte, soll einfach zur Linie herunterscrollen.

Flamboyant - dieser Begriff wird gern für ein Verhalten benutzt, was all over the place ist. Wenn jemand die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht, eine Ausstrahlung hat, der man kaum ausweichen kann, ob man das nun möchte oder nicht. So ein Mensch kann sehr unterhaltsam sein - er kann aber auch unglaublich nervig sein. Ich kann unglaublich nervig sein, damals wie heute, und darüber hatte ich einmal in einem Saturnalien-Beitrag hier im Blog geschrieben. Das hat mir damals auch Er erzählt, als Er neu zur Saturnaliengruppe gestoßen war. Nicht das Nervige, sondern das mit dem Im-Mittelpunkt-Stehen. Und wenn ich mir die Saturnalienaufführungen aus meinen letzten Jahren in der Gruppe anschaue, ist es mir fast unangenehm, wie präsent ich auf der Bühne war. Nicht fast. Es ist mir unangenehm - dass ich zu einer solchen Rampensau geworden bin.

Das war nicht immer so; ich habe mir gerade die erste Saturnalienvorführung angeschaut, bei der ich selbst auf der Bühne stand. Vor fast genau vierzehn Jahren. Bei Sketchen in der Gruppe mitzuspielen, okay, das ging noch, habe ich dann gemacht, weil die Anderen meinten, dass ich einen unserer Dozenten recht treffend auf die Bühne brächte. Und um selbst kreativ zu sein, habe ich auch einen Sketch und einen Song für die Aufführung geschrieben. Den Sketch aus meinen Erfahrungen in den Lateinischen Stilübungen I heraus, und den Song aus der Lateinischen Metrik bei Prof. Dr. Jan Radicke.

Ich wollte den Song nicht singen. Auf keinen Fall. Ich hatte ihn nur geschrieben, weil er mir aus der Seele gesprochen hat. Weil Radi im Seminar jede einzelne Woche mich dran genommen hat, um das jeweils neue Metrum vorzustellen, und ich wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte, dass ich das verdient hatte. Kopftuch? Sandalen im Winter? Nee, oder?

Und so habe ich den Song auf Grönemeyers Was soll das? umgedichtet. Einfach meinen Frust loswerden, mit dem Gedanken, gut so, wenn die anderen das im Chor singen, dann wird nicht so ganz direkt deutlich, dass das von mir stammt. Und ich kann eh' nicht singen. Ich möchte nicht allein auf die Bühne. Auf gar keinen Fall! Und so habe ich den Song zu einem Saturnalientreffen mitgebracht, und er scheint auf positive Resonanz gestoßen zu sein, aber ich habe gleich gesagt: "Überlegt euch, wer das von euch singen möchte. Ich kann nicht singen, ich will das nicht."

Und so blieb der Song mehrere Wochen fest im geplanten Programm - aber ohne Besetzung. Und immer wieder bei den Treffen sind andere Saturnalier auf mich zugekommen und meinten, ich solle das machen, das sei echt witzig. Und Ich? Hab' gedacht, sie verarschen mich. So wie mich auch in der Schule in der Mittelstufe immer alle verarscht haben, denn irgendwie konnte ich nichts richtig. Zumindest nicht singen, deswegen war ich beim Schulmusical auch immer "nur" Teil der Band. Und trotzdem habe ich den Song zuhause immer wieder gesungen, weil er Spaß gemacht hat, und weil er mir eben doch aus der Seele gesprochen hat. Auch wenn die Töne schief und krumm waren; ich wohnte damals in den Kronshagener Bergen im fünfzehnten Stock, und außer Conny musste niemand mein Gekreische ertragen.

Ich hatte richtige Angst davor, allein auf der Bühne zu stehen, im Rampenlicht, und vor Leuten irgendwas zu machen, was ich nicht kann, die Töne nicht zu treffen, meinen Text zu vergessen.

Und trotzdem haben unser Pianist und ich uns dann regelmäßig bei den Probentreffen zusammengesetzt und haben das geübt. Haben versucht, eine passende Tonart zu finden, und er hat mir immer wieder Mut gemacht, immer wieder gesagt, dass das echt witzig ist. Und dann, bei den Hauptproben, haben auch die Anderen das zu mir gesagt, und ich habe mir gedacht, hey, ihr lügt mich doch jetzt nicht alle zusammen an, oder? Aber es gab kein Zurück mehr: Der Song war fest im Programm verankert, in der zweiten Hälfte des Programms, und ich hatte panische Angst vor der Aufführung. Ich war heilfroh, dass ich vorher im Rahmen zweier Sketche mit vielen anderen Studenten auf der Bühne stand und schonmal das Rampenlicht "einatmen" konnte, und es waren so tolle andere Lieder vor mir dran, ein wunderbarer Choral und Sashs zauberhafte Version von Durch die Nacht - das ich mir jahrelang immer wieder angehört habe, weil sie eine tolle Stimme hat, und es für mich einer der besten Examenssongs war, die ich in meinen Saturnalienjahren hören durfte. Aber dann war es irgendwann soweit. Ich, spindeldürr, Akne, schlabberige Körperhaltung, komisches Outfit, allein auf der Bühne mit Town rechts von mir, der die richtigen Töne anstimmte. Kein Zurück mehr, Augen zu - oder besser auf - und durch.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das Gefühl während des Songs war. Das Einzige, was mir bleibt, ist die Videoaufnahme des Songs, auf der man, glaube ich, nicht merkt, wieviel Angst ich dabei hatte. Aber man merkt, dass der Song gut angekommen ist, und dieses Erlebnis, diese Reaktionen haben mir geholfen, das Eis zu brechen und die Bühne tatsächlich für mich zu entdecken.

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Warum ich hier davon erzähle: Ich habe auch unter den jungen Erwachsenen, die ich jetzt unterrichte, Schüler, die Einiges draufhaben, die sich aber nicht trauen, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen. Ich dachte, das tritt nur in der Mittelstufe auf, aber hey, es scheint offensichtlich bis in's Studium hinein zu reichen. Und ich versuche, jegliche kleine positive Beteiligung dieser Schüler mit einem persönlichen, Mut machenden Feedback zu versehen - so wie Town mich damals ermutigt hat, diesen einen Song auf die Bühne zu bringen. Es braucht jemanden, der an Dich glaubt, um diese Barriere zu durchbrechen, und wir Lehrer sind, meine ich, prädestiniert für diese Rolle.

Ich habe einmal gelesen, dass manche Lehrer sich zu sehr darauf konzentrieren, den Schülern aufzuzeigen, was an ihrer Antwort falsch ist. Manchmal werden Klassenarbeiten nur konzipiert, um herauszufinden, was die Schüler alles nicht können. Ich versuche immer wieder, mich an Grönemeyer zu erinnern, damit mir das nicht auch passiert.

post scriptum: Sandro Boldrinis "Metrik und Prosodie der Römer" steht immer noch in meinem Regal, und den Songtext werde ich auch nach vierzehn Jahren nicht mehr los...

Was soll das?

Boldrini hat mich lang´ gequält,
ist Metrik alles, was hier zählt? Was soll das? Was soll das?
Der Dienstagabend mir versaut,
wenn Radi auf die Pauke haut, was soll das? Was soll das?
Die altrömische Prosodie,
die int´ressierte mich noch nie, was soll das? Uh, was soll´s?

Hexameter mit Daktylus,
das lern´ wir jetzt im Überfluss, was soll das? Was soll das?
Mit trochäischem Septenar
Kommen wir hier nicht wirklich klar, was soll das? Was soll das?
Der Plautus hat es ausgeheckt
Und wir, wir stecken tief im Dreck, was soll das? Uh, was soll´s?

Oh, womit hab´ ich das verdient, dass der mich so blöde angrient?
Warum hat er mich nicht einmal nur verschont?
Dass des Plautus cantica ein rotes Tuch für mich war´n,
das weiß er genau, doch in sein´ Augen blitzt es auf
und diabolisch - uuuhhhh... nimmt er mich wieder dran.

Vor´m Lesen wird mir übel schon,
doch Radi grinst auf seinem Thron, was soll das? Was soll das?
Erklärt´s mir dann mit Müh und Not,
mein Kopf, der raucht schon wie ein Schlot, was soll das? Was soll das?
Alles Primitivtheorien,
doch ich kann sie nicht nachvollzieh´n, was soll das? Uh, was soll´s?

Oh, womit hab´ ich das verdient, dass der mich so blöde angrient?
Warum sieht er es nicht endlich einmal ein?
Die Metrik passt nicht mehr rein, dazu ist mein Kopf viel zu klein,
der platzt eh´ schon bald, doch das lässt den Radi kalt,
und dämonisch - uuuhhh... würgt er mir wieder eins rein!

Ich glotz´ mit meiner Unschuldsmiene, denk´ dass ich eine 1 verdiene,
doch es stellt sich dann anders raus!
Der Radi hat ganz and´re Pläne, oh, wie ich mich nach Hause sehne!
Doch bevor ich die Ohren schließ´, hab´ ich die 6, wie mies!

Oh, womit hab´ ich das verdient, dass der mich so blöde angrient?
Warum hat er mich nicht wenigstens gewarnt?
Dass ich hier was vortragen muss, ich dachte, mit Metrik wär´ Schluss!?
Hätt´ mich zwar gefreut, wahrscheinlich hätt´ ich´s doch bereut,
denn die Metrik, hhmmm... die ist ja schließlich ein Muss.

Samstag, 17. November 2018

Manipulativ

Und wo bist Du?

Es hat eine kleine Weile gedauert, bis ich realisiert habe, dass Jake Gyllenhaals Hauptfigur in Nightcrawler (2014) hochbegabt ist. Ab jenem Moment konnte ich mich wunderbar mit ihm identifizieren, und es geht hier gar nicht um eine Filmbesprechung, sondern um eine Eigenschaft, die Hochbegabte besitzen, auch wenn sie nicht immer Gebrauch davon machen (aber selbstverständlich werde ich diesen Beitrag und Film im Artikel Hochbegabung im Film verlinken). Sie können ihre gesamte Umwelt manipulieren, sie können Menschen dazu bringen, genau das zu tun, was der HB sich gerade überlegt hat. Einzige Ausnahme ist die Interaktion mit anderen Hochbegabten, merke: Leg' Dich nie mit einem Hochbegabten an, der sich seines Potentials bewusst ist.

Der Charakter im Film nutzt sein intellektuelles Potential voll aus, um etwas zu erreichen, was fast undenkbar wäre - oder zumindest sehr kompliziert. Als Hochbegabter macht man in seinem Leben nun mal die Erfahrung, dass alles irgendwie klappt. Meine Mutter hat, wenn Probleme anstanden, immer wieder zu mir gesagt: "Du machst das schon, du hast immer alles irgendwie geschafft." (Welche Konsequenzen das hatte, habe ich in diesem Beitrag beschrieben)

Und auch ich hatte mir vor ein paar Jahren etwas vorgenommen, was eigentlich kaum machbar ist. Als Herausforderung, als zu erklimmenden Berg. Ich habe es aus Faulheit nicht durchgezogen, und ich werde einen Teufel tun und hier schreiben, was mein Vorhaben war.

Im Film driftet ein Mann mit dem Namen Lou durch die Nächte. Arbeitslos, hält sich mit kleinen Diebstählen über Wasser. Immer wieder der Versuch, eine Arbeit zu finden, die zu ihm passt. Mir ging es ähnlich, Hauptunterschied ist, dass ich vor einiger Zeit beschlossen habe, das Gesetz nicht zu brechen - es fühlt sich einfach besser an. Ich hatte im Studium nie in Frage gestellt, dass ich Lehrer für Latein und Englisch werden will. Warum? Ich konnte damals noch nicht so gut auf mein Herz hören.

Der erste Mensch, der mir das in's Gesicht gesagt hat, war Thekla, Schulsozialpädagogin in St.Peter-Ording. Als Reaktion auf meine Erkenntnis, dass ich die Arbeit an der Gemeinschaftsschule viel lieber mochte als am Gymnasium. Dann habe ich angefangen, in mich hinein zu hören, um herauszufinden, was ich möchte. Durch dieses Hinterfragen bin ich nun an der Berufsschule gelandet - wäre damals im Abitur für mich undenkbar gewesen.

Na super, jetzt bin ich komplett abgedriftet. Eigentlich wollte ich doch herausstreichen, wie leicht es Hochbegabten fallen kann, ihre Mitmenschen zu manipulieren. Ich tue das auch, manchmal unbewusst. Manchmal bewusst, wenn zum Beispiel die große Buba zu Besuch kommt - da achte ich immer drauf, was auf dem Couchtisch liegt. DVD-Hüllen, vielleicht ein Buch, weil ich mir vorstelle, dass dadurch ihr Interesse daran eher geweckt werden kann als durch direkte Empfehlungen. Wir haben über dieses Thema gesprochen, und DGB meinte damals zu mir, dass ihr der Gedanke missfalle, ich würde sie manipulieren. Ich verstehe das: Wer ist sich gern dessen bewusst, dass es nicht seine eigenen Gedanken sind, die er denkt?

Ich fand das sehr interessant, weil ich in Konsequenz des Gesprächs überlegt habe, wozu ich diese manipulativen Fähigkeiten benutze, und ich habe mir vorgenommen, das so wenig wie möglich zu nutzen, und wenn, dann nur, damit mein Gegenüber einen positiven Effekt dadurch hat. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass es da draußen hochintelligente, eiskalte (manchmal ist diese Sachlichkeit erschreckend, und man fragt sich, ob Hochbegabte fähig zu Emotionen sind - ich ja, anders könnte ich mir nicht erklären, dass Er da draußen ist, und dass ich ihn liebe) Menschen gibt, die ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind - so wie Lou in Nightcrawler.

Und damit hätten wir einen Rundschluss. Ich werde auch weiterhin versuchen, niemanden so zu manipulieren, dass er einen Schaden davon hat (aber ich manipuliere natürlich trotzdem, dafür macht es viel zu viel Spaß).

Freitag, 16. November 2018

Wirklich originell

Das trifft die Atmosphäre

Die Schulwoche ist zuende und sicherlich gäbe es auch nach der Typisierungsaktion vom Mittwoch noch nette kleine Geschichtchen zu erzählen - allerdings drängt es mich heute zu einem anderen Beitrag. Ich habe neulich im Artikel über Abwechslung ein paar Filme erwähnt, die ich wieder und wieder schauen kann, ohne dass mir langweilig wird. Ich habe jeden dieser Filme zum entsprechenden Beitrag in diesem Blog verlinkt, mit einer Ausnahme: Der allererste Film dieser Aufzählung, Dark City (1998), hatte noch keinen Beitrag. Eigentlich kann ich nicht verstehen, warum das so ist, denn der hat mich vom ersten Ansehen an umgehauen. Uneigentlich kann ich es doch verstehen, weil ich warten wollte, bis mir ein wirklich guter Text dazu einfällt. Nun habe ich ihn mir gestern Abend wieder angeschaut und kann einfach nicht länger abwarten, sondern muss hier ein paar Worte verlieren.

Und dabei ist beim ersten Ansehen damals eigentlich alles suboptimal gelaufen. Ich war über Roger Eberts Great Movies auf den Titel gekommen und habe Amazon prime danach gesucht - und tatsächlich eine Version gefunden. Okay, nur SD statt HD. Okay, nur in deutscher Sprache. Okay, mit viel zu dunklem Bild - was mich aber wiederum nicht gestört hat, denn angesichts des Filmtitels dachte ich, dass das so gehört.

Und dann wird es dunkel, ein dunkler Nachthimmel, und aus dem Himmel sinkt die Kamera abwärts, in eine scheinbar zeitlose Stadt: futuristische Konstruktionen finden sich hier ebenso wieder wie Einrichtungen aus den Dreißigern - und das finde ich großartig, denn ich konnte mich in dieser Stadt gleichzeitig wiederfinden und trotzdem spüren, wieviel Fantasie in die Ausgestaltung gesteckt wurde. Ein Mann kommt auf die Kamera zu, lächelt sinister, trägt einen Trenchcoat und einen Fedora. Er holt eine altmodische Taschenuhr hervor, die Zeiger nähern sich Mitternacht. Blick auf die Stadt, ohne Verzögerung setzt das musikalische Hauptthema des Films ein und zeigt uns zu bombastischer, sinistrer Musik überfüllte Straßen, Hochbahn, volle Cafés, Kinos, zahlreiche Menschen auf der Straße. Blick zurück auf die Taschenuhr: Es schlägt Mitternacht, und plötzlich steht die gesamte Stadt still. Die Autos und Bahnen halten an Ort und Stelle an, Fahrer schlafen ein, Menschen auf der Straße legen sich hin. Totenstille kehrt ein, nur die jetzt ominöse Musik fährt fort - und der Mann mit der Taschenuhr scheint nicht von der "Lähmung" betroffen zu sein. Er lächelt, steckt die Uhr ein und geht hinkend davon. Fade to Black, und im Zwielicht schimmert der Titel über den Bildschirm: Dark City.

Diese Eröffnungsszene dauert nicht einmal drei Minuten, wir werden sofort in die Handlung geworfen, in ein seltsames Phänomen, das um Mitternacht eintritt. Und in diesem Stil wird der Film voranschreiten: Pausen zur Erholung gibt es nicht - das soll aber nicht auf übermäßige Action hinweisen, ganz im Gegenteil, es ist beängstigend ruhig und friedlich. Durch den fast ununterbrochen dräuenden Soundtrack wird eine beklemmende Atmosphäre aufgebaut, und die Geschichte wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt (klingt komplizierter, als es ist): Der Mann mit dem Filzhut, der einiges zu wissen scheint, ein Inspector, der eine Mordserie an Prostituierten lösen soll, seltsame große, in schwarz gekleidete Männer, und nicht zuletzt: aus der Sicht des Mörders, der völlig unvermittelt während der ersten "Stadtlähmung" aufwacht und sich an nichts erinnern kann. Wo ist er? Wer ist er? Und warum sind so viele Menschen hinter ihm her?

Seine Suche nach Antworten auf diese Fragen ist Dreh- und Angelpunkt des Filmes, der ein ordentliches Erzähltempo vorlegt - so dass nach gut achtzig Minuten der Höhepunkt erreicht wird. Und in dieser kurzen Zeit wirft der Film unglaublich viele Fragen im Kopf des Zuschauers auf, verlangt Aufmerksamkeit, behandelt die Zuschauer wie intelligente Wesen - und ist ein kleines audiovisuelles Kunstwerk (was Roger Ebert in seinen Rezensionen besser erläutert, als ich das könnte). Die künstlerischen Einflüsse sind vielfältig - Gemälde von Edward Hopper, alte Filme wie Metropolis (1927), Nachtclubmusik - und all' das fällt letztlich zusammen in einem Film, der sich als science-fiction film noir einordnen lässt. Noir war Eberts Lieblingsgenre, ich muss mich dafür erst noch begeistern, aber ich liebe SciFi und ich habe diesen Film verschlungen.

Ich möchte auf keinen Fall spoilern, weil der Film in eine andere Richtung gehen wird, als man vielleicht denkt. Einen Hinweis möchte ich aber unbedingt loswerden: Wer sich Dark City anschauen möchte, sollte den Ton am Anfang abschalten - so lange, bis die Taschenuhr in Großaufnahme gezeigt wird. Die Filmstudios hatten Angst, dass das Massenpublikum den Film nicht verstehen würde, und deshalb eine erzählerische Exposition über die ersten dreißig Sekunden gelegt, die alles vorwegnimmt. Ich finde das sehr schade (und im Director's Cut wurde diese Erzählung gestrichen).

Ich habe den Film mit der großen Buba geschaut, die ebenfalls begeistert war (hat mich gefreut) und den Film nun auch ihren Schülern zeigt oder empfiehlt - jedesmal ebenfalls ohne Ton ganz am Anfang. Da hat jemand eine sehr präzise Vision davon gehabt, wie der Film aussehen sollte. Und falls sich jemand fragt, wie es zum Titel des Beitrags kommt, der kann im PPS eine Erklärung lesen - aber SPOILERWARNUNG, denn dort werden wichtige Informationen aus dem Film verraten.

post scriptum: Der heutige Film war "Moon" (2009), eine tolle Kombination aus Erkenntnis- und Science Fiction-Film. Passt wegen des Erkenntnis-Aspekts sogar zum heutigen Beitrag. Ich kann den Film weiterempfehlen; Hauptdarsteller Sam Rockwell hat endlich für "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" den Oscar erhalten, aber auch schon bei Moon habe ich ihm abgekauft, dass er drei Jahre lang allein auf dem Mond gearbeitet hat. Erinnert an "The Martian" (2015), aber Moon ist psychologischer, und das liebe ich.

paulo post scriptum: "Dark City" ist deswegen wirklich originell, weil es die Idee von "konstruierter Realität" und "shape your reality" und "der Eine" bereits ein Jahr vor dem Film dargestellt hat, der damals unglaublich gehyped und als bahnbrechend bezeichnet wurde: "The Matrix" (1999) - kein schlechter Film, aber Dark City war vorher da und geht noch einen Schritt weiter. ;-)

Mittwoch, 14. November 2018

DEH-KAH-EMM-WTF?!

Vielleicht haben sie heute an unserer Schule ihren Helden gefunden.

Heute hat an unserer Schule eine Typisierungsaktion der DKMS stattgefunden. Gestern und morgen auch; Teilnahme aller Schüler an einem Vortrag verpflichtend, um sich darüber aufklären zu lassen, was das eigentlich bedeutet - und was eigentlich genau gespendet wird, denn obwohl man ja von einer Knochenmarkspende spricht, betrifft die Entnahme aus den Beckenknochen nur etwa zwanzig Prozent aller Fälle. Schön, ich habe wieder dazugelernt.

Und da ich ja immer noch nicht so ganz an das Gute im Menschen glauben kann, hatte ich mir gedacht, naja, die Schüler werden einfach froh sein, dass sie während des Vortrags keinen Unterricht haben. "Höhöhö, Freistunde, was soll das BDSM-Zeugs sein, keine Ahnung."  Und bin doch noch überzeugt worden; eine ganze Reihe Schüler hat sich direkt typisieren und in die Datei aufnehmen lassen - darüber hinaus hat ein Schulteil gestern bereits in deren Cafeteria Spenden gesammelt und konnte heute mehrere Hundert Euro an die junge Dame von der DKMS überreichen (je Typisierung entstehen Kosten von fünfunddreißig Euro, die aber komplett freiwillig von den potentiellen Spendern erbeten werden; gerade Schüler haben nicht unbedingt das dickste Konto).

Hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass sich solche Typisierungsaktionen nicht an jeder Schule mit gewaltiger Beteiligung durchführen lassen - man muss volljährig sein für eine Stammzelltransplantation, und deswegen konnten an der Typisierungsaktion an diesen Tagen nur Schüler teilnehmen, die mindestens siebzehn Jahre alt sind. Trotzdem glaube ich, dass auch bei den jüngeren Schülern ein Eindruck geblieben ist, und das fand ich klasse.

Und erst recht klasse fand ich den Gesichtsausdruck der Schüler, die sich heute in der Unterrichtsstunde später gemeldet haben, auf meine Frage hin, wer sich hat typisieren lassen. Das hatte nichts von "Naja, muss ja, sonst bin ich bestimmt ein Arsch", sondern viel eher etwas von "Ich wäre stolz, wenn ich helfen kann!" - made my day!