Samstag, 7. Oktober 2017

Askese & Genuss, Gaarden und ein Scheißkind

Elisabethstraße

Das wird ein chaotischer Eintrag, ein bisschen Gedankenstrom, wie im Titel angedeutet. Angefangen hat es mit einem Blick aus dem Fenster: Regen. Der Herbst hat Kiel erreicht, ich ziehe mich warm an, nachher werde ich eklig durchgeschwitzt sein, aber das macht nichts, dafür gibt es ja das Badreich. Lost Souls-Outfit an, Regenschirm nicht vergessen. Und ab in das Wetter, auf in die Nasskälte. Ich könnte mit dem Auto fahren, ich könnte mit dem Bus fahren, aber das tue ich nicht, denn ich möchte etwas erleben und gehe zielstrebig die Hamburger Chaussee hinunter. Ein bisschen erinnert mich die Atmosphäre an den Wanderer. Und es heißt immer, man soll aufrecht laufen, Blick nach vorn, freundlich lächeln, aber heute ist einfach nicht das richtige Wetter dafür. Ich schaue auf den Fußweg und beim Rutschen wird mir bewusst, dass meine Schuhe keinen Grip haben, kein Wunder, das sind Sportschuhe, aber ich liebe es, solche Schuhe zu tragen. Ist das ein Pädagogending? Denn Thekla, eine der Sozialpädagoginnen an der Nordseeschule, hat auch immer Sportschuhe getragen. Manche sehen das als Zeichen von Pragmatik. Der Gedanke zerfleddert immer weiter, ich biege nach rechts ein auf die Gablenzbrücke.

War das damals ein Aufwand... die Brücke und die Straße zu erneuern, aber nun ist das Ganze zweispurig und toll und... menschen- und autoleer. Ziemlich wenig los hier, denke ich mir, dabei ist es Samstag mittag. Aber warum sollte auch irgendjemand am Samstagmittag über die Gablenzbrücke gehen? Sie verbindet zwei völlig unterschiedliche Welten - und auch das Arbeitsamt hängt an der Gablenzstraße, auch wenn es eigentlich die Adolf-Westphal-Straße als Adresse hat. Den Weg bin ich nun öfters gegangen. Die große Buba auch. Ich bin allerdings noch nie die Gablenzstraße weitergegangen, auch in dem Bewusstsein: Dort beginnt Gaarden.

Kiel-Gaarden. Das ist kein Ort, das ist eine Lebenseinstellung, und da ich diese nicht kenne, schreibe ich nicht darüber. Aber ich wollte ein bisschen Gaardenluft schnuppern. Warum? Meine verrückte Berliner Tante hat mir einmal gesagt, ich solle - wenn ich bei ihr zu Besuch bin - ruhig mal die Karl-Marx-Straße im Stadtteil Neukölln entlangwandern, ein bisschen Leben erleben. Neukölln ist für Berlin, was Gaarden für Kiel ist. Sehr hoher Ausländeranteil. Hohe Kriminalitätsrate. Niedrige Mieten. Sozialer Brennpunkt. Die Tante hat mir gesagt, ich soll das einfach mal kennenlernen. Seitdem ich an Gemeinschaftsschulen unterrichte, weiß ich, was sie damit gemeint hat, und ich bin dankbar für diese Horizonterweiterungen.

Und so lande ich in der Einkaufszone Karlstal, Elisabethstraße, und es fühlt sich an wie in einem anderen Land zu sein. Es ist Wochenmarkt, trotz des nassen Wetters sind sehr viele Menschen draußen unterwegs. Ich falle in meinem Outfit kaum auf und genieße die Schritte durch das Viertel. Es ist laut, es wird gemotzt, wo man auch steht, wird man ein Polizeiauto finden. Selbst der Sky-Markt hat eine eigene Security. Und ich genieße es, endlich wieder ein bisschen real life, endlich raus aus der "heilen Welt" (die ich nie als solche empfunden habe, bevor die Sannitanic mir die Augen geöffnet hat). Ich gehe einkaufen, wenig überraschend, Tomaten, Ciabatta, Mozzarella. Großer schwarzer Mann geht durch die engen Gänge des Ladens, kein Vergleich mit den weitreichenden Korridoren des Edeka in Hassee. Die Menschen hier sind laut und voller Vielfalt, a motley bunch würde der Engländer sagen. Ich habe, was ich brauche, und stelle mich an Kasse zwei von vier offenen an.

Normalerweise sind KassiererInnen auf ein Mordstempo getrimmt, alles über den Scanner ziehen, beep beep (hey Große Buba, das wirst Du bei unserem nächsten Spiel öfters hören), um möglichst viele Kunden in möglichst kurzer Zeit durchzuschleusen. Aber nicht im Sky-Markt am Karlstal in Gaarden. Wir sind vier Kunden und es geht nicht voran. Mir wird zu spät bewusst, dass da gar keine Kassiererin sitzt, obwohl die Kasse offen ist. Scheint wohl Probleme zu geben. Wie erwartet - wie gewünscht. Die Kassiererin geht mit dem Zigarettenbon zum Zigarettenautomaten, um die Schachtel zu holen. Ich warte und schaue zu Kasse drei, wo eine Mutti mit zur Hälfte lila gefärbten Haaren mit ihrem Sohn spricht: "Lass mich jetzt mal in Ruhe bezahlen, du Scheißkind!" Mensch, da haben sich aber ein paar Menschen lieb.

In der Zwischenzeit kommt die Frau mit der Schachtel Zigis wieder, es geht voran... doch nicht. Geschenkpapier. Nimmt der Scanner nicht. Und in aller Seelenruhe blättert die Kassiererin durch die Preistafel, fragt dann ihren Nachbarn, der weiß die Antwort nicht und sie blättert noch ein bisschen weiter, ganz gemütlich... "Fass' meine Bazillen nicht an!" tönt es von der Kasse nebenan, ich lasse all' das auf mich wirken. Endlich ist auch das Geschenkpapier gescannt. Und noch eine Schachtel Zigaretten. Mir wird bewusst, dass hier eine andere Taktung herrscht, als die Kassiererin in aller Seelenruhe mit dem Kunden vor mir über den letzten Urlaub spricht. "Den Pudding gibt es zuhause. ZU! HAU!! SÄH!!!" dröhnt es von nebenan, das Scheißkind scheint einen Puddingbecher aus der Einkaufstasche gefischt zu haben.

Und dann bin ich endlich dran, darf bezahlen (beZAAAHHHwen, sagt die Buba), nehme meine Tüte und gehe an der Security vorbei. Gehe nach rechts, Karlstal entlang, steuere auf die Gablenzbrücke zu. Rückstürz Richtung - was? Normalität? Wie auf dem Hinweg ist die Gablenzbrücke menschenleer und ich kann das Gefühl nicht abschütteln, dass ich eine ganze andere Welt verlasse. Ich biege ab, gelange wieder auf die Hamburger Chaussee, mittlerweile leicht durchnässt, aber glücklich. Das Leben erleben - hat schon was. Die verrückte Berliner Tante hatte Recht - wie schon so oft.

Und nun sollte ich noch etwas zu Askese und Genuss sagen (und auch der Gaarden-Spaziergang war ein echter Genuss!): An Meditationstagen esse ich den ganzen Tag über nichts vor der Meditation. Ich fühle mich dann leichter, befreiter, das ist ein sehr angenehmes Gefühl. Und mein Körper hat sich mittlerweile an dieses intermittierende Fasten gewöhnt. Wenn ich dann im Zustand der Entspannung das Abendessen zubereite, nehme ich alle Aromen noch intensiver wahr. So kann eine Scheibe trockenen Brotes zu einem echten Genuss werden! Ich esse dann langsamer, schließe dabei die Augen... und jetzt verstehe ich auch, warum die Sannitanic im Studium immer den Kopf geschüttelt hat, wenn ich Fertigprodukte, Tütensuppen und co. zu mir genommen hab. Ich fand die damals lecker, aber gerade der Geschmack sei doch ein unidentifizierbarer Brei bei diesen Sachen, meinte sie. Mittlerweile weiß ich also, wie sie das gemeint hat, und ich stimme ihr vollkommen zu. Ich möchte erleben, wie die Dinge wirklich schmecken, ohne Geschmacksverstärker und Konsorten. Ein weiterer Pluspunkt für die Meditationstage ist also das aromatische Abendessen nach einer kurzen Phase der Askese.

Und das bringt mich noch einmal zur Musik beim Meditieren. Gestern hatte ich ein schönes Erlebnis in dieser Hinsicht. Das lange Warten hat sich gelohnt: Das schwedische Duo Carbon Based Lifeforms hat gestern sein viertes Studioalbum Derelicts veröffentlicht, ab dem zwanzigsten Oktober soll es dann auf CD verfügbar sein. Ich habe es in einer wunderbaren Meditation gehört und bin hellauf begeistert. Genau die Musik, die man von CBL erwarten kann. Gut achtzig Minuten entspannender Downtempo-Songs mit wunderschönen Melodien und großem Arrangement. Ich persönlich halte es für das beste der Studioalben, sehr emotional, mit den spacigen Sounds und den Stimmen, die sich quer durch ihre Discografie ziehen.

Wenn es draußen kalt und nass ist, oder wenn es in einigen Wochen vielleicht auch einmal beginnt, zu schneien, ist dieses Album nach einem warmen Bad und einem warmen Tee, der gereinigte Körper meditativ auf einer weichen Decke liegend (ausnahmsweise mal ohne appretierte Handtücher) ein himmlischer Genuss. Und steigert die Vorfreude auf das leckere Essen danach.

Mir wird erst seit ein paar Jahren bewusst, was "Genuss" wirklich bedeutet - und wie wenig ich im Studium genossen habe. Essen war da, um satt zu machen, fertig. Dabei ist Genussfähigkeit unglaublich wichtig (z.B. als eine der vier Säulen im Konzept der Drogenmündigkeit), damit Essen nicht zur Nebensache verkommt. Ich war immer groß darin, etwas im TV anzuschauen und nebenbei Essen reinzuschaufeln.

Man möge mir diesen irgendwie zusammenhanglosen, wirren Post verzeihen, aber ich hatte mal wieder Lust auf etwas stream of consciousness. Und ich entdecke wieder die Lust am Schreiben.

Freitag, 6. Oktober 2017

Horrorfilme

Ring (1998)

Okay, das war jetzt die zweite lange Nacht. Während ich mich vorletzte Nacht mit gay movies bis vier Uhr morgens wachgehalten habe, waren es diesmal Horrorfilme bis halb fünf. Dabei hat es gar nicht so gruselig begonnen - wie geplant mit Transcendence, den ich diesmal zumindest ein ganz klein wenig ernster genommen habe (besonders das "Lad' mich hoch!" gen Ende, was ich letztes Mal total albern fand), dennoch aber nicht wirklich besser finden konnte. Danach hatte ich Lust auf - ich weiß gar nicht mehr, wie das passieren konnte - Ring. Und ich meine nicht das amerikanische Remake mit Naomi Watts, was ich vor einiger Zeit gesehen habe und, naja, einigermaßen okay fand. Sondern Ringu, das japanische Original, von 1998.

Japanischer Horror. Die große Buba liest das und sofort flimmern ihr Bilder vor dem geistigen Auge hin und her: Kleine Mädchen mit langen Haaren, die allein durch düstere Korridore schleichen, den Blick nach unten gerichtet, das Gesicht nicht erkennbar, in Kimonos gehüllt. Flackernde Papierlampen an den Wänden. Zitternde Männerchoräle, düstere Rituale, Geister. Grausame Traditionen, tief verwurzelte Religiosität, Opfer. Eine Kamera. Und die Stimmen: "Whyyyyyyyyyyyy do you kill?" - "I don't want to kill you!" - und der nicht ganz unwesentliche Umstand: Kein Gesplatter vor der Kamera, überhaupt nicht. Sondern psychologischer Horror, der sich ganz langsam ganz tief in's Bewusstsein und darunter frisst, um dann am Ende zuzubeißen und nicht mehr loszulassen. Und lange, ganz lange über das Ende des Horrors hinaus zu wirken (wie hier schon einmal besprochen).

Genau aus diesem Grunde liebe ich den klassischen J-Horror. Und damit ist auch schon klar, worin der hauptsächliche Unterschied zwischen dem japanischen Original und dem amerikanischen Remake von Ring besteht: Viel subtiler. Und es stirbt kein Pferd in einer Schiffsschraube. Sondern ganz langsam baut sich eine Stimmung auf, die gen Ende ein payoff findet - und den Zuschauer dann trifft, wenn er am verwundbarsten ist. Großartig! Hat mir so gut gefallen, dass ich gleich den zweiten Teil hinterher geschaut habe, auch wenn mir der dann nicht mehr so gut gefallen hat. Aber vielleicht schaue ich das Original heute noch einmal. Ansonsten steht für heute Abend purer Schrott auf dem Programm: feardotcom von 2002, der zwar richtig schlecht sein soll, aaaaaaber... Roger Ebert hat ihn zu Lebzeiten dennoch mit zwei von vier Sternen bedacht, da er auf der visuellen Ebene Spuren von Genialität besitzen soll, wenn man weiß, wie man ihn zu schauen hat. Also nehme ich mir das vor.

Ach so, ganz nebenbei - Kunden von Amazon prime können Ringu mit deutscher Synchro kostenlos anschauen; mit dem fire TV Stick hat man den Film mit einem Klick auf dem Bildschirm. Go get your free shivers!

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Schwules Kino / Nervenschrotter

Wollen? Können? Dürfen? (Szene aus Freier Fall)

Schwules Kino

Gestern Abend lief in der ARD der deutsche Fernsehfilm So auf Erden, der sich mit dem Konflikt von strenger Religiösität und unterdrückter Sexualität befasste. Ganz nett anzusehen, sehr ruhig, sehr bedacht, für Interessierte noch eine ganze Weile in der Mediathek abrufbar. Abgesehen davon, dass der Film viel Potential zur Analyse seiner Hauptfiguren ungenutzt gelassen hat (besonders der schwule, drogensüchtige, vom Vater verstoßene Obdachlose Simon hätte viel Stoff für einen weiteren Handlungsstrang ergeben, blieb aber relativ marginal), hat Edgar Selge in der Hauptrolle des Pastors, der von Leidenschaft nach dem jungen Simon ergriffen wird, wunderbares Schauspiel gezeigt. Und dennoch ist das eigentlich kein klassisches schwules Kino - dazu steht zu sehr der religiöse Konflikt im Mittelpunkt.

Aber der Film hat mir gestern Abend Lust auf mehr gemacht, und so habe ich nach einem langweiligen Beginn bei maischberger abgeschaltet und erst Beautiful Thing - einen echten Klassiker - und dann Freier Fall geschaut, der intensiv inszeniertes, ruhig und vor allem frei gespieltes deutsches, modernes Kino verkörpert. War sehr schön, Hanno Koffler und Max Riemelt mal wieder zu erleben (ich hab die Bluray nicht gefunden, aber netterweise kann man den Film bei Amazon prime kostenlos schauen); ein zweiter Teil soll in Arbeit sein, wäre interessant, zu erleben, wie die beiden wieder zusammenkommen nach ihrem tiefen Einschnitt am Ende des Films. Ich bin immer noch der Meinung, dass Er diesen Film mal sehen sollte. Zusammen mit mir. Würde ihm vielleicht gut tun. Und nein, Er ist nicht schwul. Aber das ist "Marc" in dem Film ja auch nicht.

Ich finde nicht, dass man Filme als "schwules Kino" bezeichnen kann, in dem gleichgeschlechtliche Liebe oder Sex nur mal am Rand, als einmalige Szene auftaucht. Denn für die betroffenen Charaktere ist es zufällig für eine Weile (oder mehr) der Mittelpunkt ihres Lebens, um den es da geht. Dementsprechend sollten sie in's Rampenlicht gerückt werden, und Umarmungen und Küsse zweier Männer oder zweier Frauen, das sollte ein Publikum dann einmal aushalten; genau aus diesem Grund zeige ich hin und wieder auch mal einer Klasse einen Film aus dem Genre, und bisher konnten wir gut darüber diskutieren.

In was für einer Welt wollen wir leben?


Nervenschrotter

Heute habe ich endlich, nach langen Stunden des Hirnzermarterns, das Spiel The Talos Principle beendet. Richtig beendet, das heißt, ich kenne jetzt die verschiedenen Enden des Spiels. Und was für ein Spiel das war! Wollte man es auf ein Wort runterbrechen: Ein Puzzlespiel. Und schon gehen die Lichter in den Köpfen meiner Leser aus, denn Puzzlespiele sind langweilig, klar, Hochbegabte können solche Sachen stundenlang machen, aber Normalos? Warum sollten sie dieses Spiel erleben?

Die Kritik hat Antworten auf diese Fragen gefunden und das Projekt mit Lob überhäuft (und nicht ohne Grund hat das Spiel international die Runde gemacht und ist in diverse Sprachen übersetzt worden), und jetzt weiß ich auch, wieso. Weil es oberflächlich zwar ein Puzzlespiel ist, aber ziemlich schnell merkt man, dass es hier einen philosophischen Plot gibt. Eine Handlung, die epischer, tiefer gehender als Vieles ist, was ich sonst so erlebt habe. Und ich finde, es ist eine wesentlich bessere Bearbeitung des Themas "Künstliche Intelligenz in einer postapokalyptischen Welt" als z.B. der Film Transcendence - den ich nun aber ein bisschen besser verstehe.

Ich werde mir den Film heute Abend wohl noch einmal anschauen, diesmal mit dem neuen Wissen, mit dem neuen Hintergrund, vielleicht kann ich ihn jetzt ja ganz neu und anders erleben. Toll, wie verschiedene Kunstobjekte (Film, Spiel, Schrift usw.) miteinander interagieren können und ich als Rezipient dadurch eine Wandlung erfahren kann. Ja ja, Dr Hilarius lernt die Welt kennen.

Aber das ist auch mein Verständnis vom Leben: Wahrheit finden, Neues entdecken.

post scriptum: Ach so, "Nervenschrotter" ist der Name eines der Puzzles im Talos-Principle, und sollte darauf anspielen, dass ich mir an diesem Spiel wirklich stundenlang den Kopf zerbrochen habe. Ich war positiv beeindruckt, wie einem Puzzlespiel, das doch eigentlich ruhig und entspannt sein sollte, so ein nervenaufreibendes, spannendes und eben episches Finale verpasst werden konnte - Respekt, da haben geniale Köpfe gearbeitet. Es war ein herrliches Erlebnis; ich lese, dass eine Fortsetzung in Arbeit ist - auf die ich sehr gespannt bin. Und ja, das Add-On "Road to Gehenna" finde ich ebenso fantastisch!

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Extrem verhaltensauffällig: Franz


Franz (F) ist der Alptraum einer jeden Lehrkraft in der Mittelstufe. Achte Klasse, aber F wirkt schon erwachsen. Er ist nicht "einfach nur kleben geblieben", sondern mittlerweile am Ende der Leiter angelangt, an der untersten Sprosse. Er geht in Nordfriesland zur Schule, dabei kommt er aus der Mitte Deutschlands. Kein Wunder: Dank seines Verhaltens ist er von einer Schule nach der anderen geflogen und hat diverse jugendpädagogische Einrichtungen (a.k.a. Kinderheime) hinter sich, und ist nun ganz im hohen Norden gelandet. Am Meer. Wo viele hoffnungslose Fälle hinkommen, weil man glaubt, dass ihnen die Luft und die Ruhe gut tun werden.

F erinnert an einen Bullterrier. Er ist nicht gerade groß, so um die eins fünfundsiebzig. Höher wirkt er nur durch die dicken Sohlen seiner Sportschuhe und durch sein Käppi, das ein paar Zentimeter über seinem fast kahlrasierten Kopf aufliegt. F lässt sich nicht in die Augen schauen, zusätzlich zum Käppi trägt er oft eine Sonnenbrille. Beides soll er im Unterricht abnehmen, weigert sich aber stetig. Außerdem bockt er, widersetzt sich den Lehrkräften ausnahmslos, hinterfragt ihren bescheuerten Unterricht. Konsequent, bis er von den Lehrkräften angeschrien wird, sie als "Fotze" oder "Spasti" beschimpft, kurz davor zu sein scheint, ihnen die Nase zu brechen und aus dem Unterricht fliegt. Das kümmert ihn nicht, denn auf die Schule hat er eh' keinen Bock.

Seine derbe Sprache ist nur einer der Gründe, weshalb kaum ein Lehrer ihn unterrichten möchte. F ist gewaltbereit, in der Schule häufig aggressiv. Er hat seinen Körper viele Monate lang im Fitnessstudio aufgepumpt, hat vierundvierziger Oberarme und man möchte ihm nicht im Dunklen begegnen, denn man muss ernsthaft fürchten, zusammengeschlagen zu werden. F hat keine Angst vor körperlichen Auseinandersetzungen. Schmerz interessiert ihn nicht, er hat sich daran gewöhnt. Er teilt aus, er steckt ein.

Und oft bekommt er den Schmerz nichtmal mit - denn F ist abhängig von psychoaktiven Substanzen, körperlich und seelisch abhängig. In der Schule ist er nur manchmal nüchtern, aber so sehr daran gewöhnt, dass man es ihm oft nicht anmerkt. Er zieht sich diverse Substanzen rein, feiert dann oft mehrere Tage und Nächte durch, geht gegen den Schlafmangel mit Uppern an, bis er zusammenbricht und in einer Klinik wieder aufwacht. Der Schlafmangel erhöht seine Reizbarkeit und Gewaltbereitschaft zusätzlich - und seine Unruhe im Unterricht. Er ordnet sich keinem Lehrer unter, kein Schüler wird so oft angeschrien und des Unterrichts verwiesen wie F. Irgendwie muss er es ja geschafft haben, von zahlreichen Schulen verwiesen zu werden. Seine Schülerakte wird zur Semesterliteratur.

Niemand will F unterrichten. Seine Mitschüler haben Respekt vor ihm, denn auch sie wollen sich nicht mit ihm anlegen. Die anderen "schwierigen Jungs" in der Klasse finden ihn cool, weil er sich überhaupt nichts sagen lässt und noch eine Nummer tougher als sie zu sein scheint, und die Mädchen in der Klasse wollen mit ihm in die Kiste steigen. Er versorgt die halbe Schule mit Drogen. Achte Klasse eben, und irgendwann dann neunte Klasse.

Neunte Klasse - und es geht auf den ESA, den Ersten allgemeinbildenden Schulabschluss zu. Was man früher Hauptschule nannte. F interessieren seine eigenen Noten kein Stück. Er lernt nichts für die Schule, darin sind die Lehrer sich einig. Sie sind sich auch in einer anderen Sache einig: "Der Junge ist gar nicht dumm, verhält sich aber wie ein Aas, aus dem wird nix werden." Und wenn man beobachtet, wie F auf den Abschluss zugeht, möchte man diese Einschätzung teilen, ob es einem nun passt oder nicht. Warum F trotzdem im Fach Politik beim Kollegen L eine Eins hat? Das versteht keiner, auch L nicht. Seine Noten reichen auf HS-Niveau von Drei bis Fünf, sein ungenügendes Betragen in der Schule hat ihm hier und dort auch schon eine Sechs eingebracht.

F hat keinerlei Respekt vor dem Gesetz. Um seinen eigenen Bedarf an Drogen zu sichern, vertickt er selbst weit mehr als nur Gras, Kleinkriminalität ist für ihn Teil des Überlebens. ACAB - All Cops Are Bastards - ist für ihn ein Lebensmotto, die Bullerei ist in der Regel nur scheiße, es sei denn, sie lässt ihn vom Haken. Polizisten bringen nichts als Ärger. Genau wie Lehrer. Deswegen macht er dicht.

Kurzum: Ich fand F unglaublich spannend.

Ich finde ihn immer noch unglaublich spannend. Ich habe F an seiner letzten Schule eine Weile unterrichtet. Klar hat er auch in meinem Englischunterricht sein Ding durchgezogen, aber anders, als gleich auf autoritär zu schalten, habe ich das Verhalten erstmal nur beobachtet und, falls nötig, im Klassenbuch vermerkt. Ich fand das faszinierend und wollte wissen, warum er so tickt. So selbstzerstörerisch. Was ihn anregt. Woher er kommt, welches die Hintergründe sind. Und ich wollte mit ihm eine Regelung finden, wie er mir nicht meinen Englischunterricht zerlegt. Und deswegen habe ich relativ früh angefangen, mit ihm zu sprechen. Ich habe ihn in den Pausen beiseite genommen, bin auch während des Unterrichts in Arbeitsphasen mit ihm rausgegangen und wir haben geredet. Mitten auf dem Schulhof, für alle sichtbar, damit keine Gerüchte aufkommen, sowas kann sehr schnell gehen.

Ich habe versucht, F möglichst deutlich, aber nicht aufgesetzt zu signalisieren, dass ich mich ernsthaft dafür interessiere, ihn zu verstehen, und er hat ein wenig ausgepackt. Einiges von dem Scheiß, den er mir bisher erzählt hat, glaube ich ihm nicht, aber das ist egal, denn auf die Sachen kommt es mir vielleicht auch gar nicht an. Ich entdecke in ihm einen Menschen, der ein riesiges Potential hat.

Es dauert etwa drei Wochen, bis ich die Vermutung äußere, dass der Junge hochbegabt ist. Das stößt im Kollegium nicht gerade auf Verständnis, aber man ist bereit, vor diesem Hintergrund neu zu überlegen, wenn auch mit Vorbehalten. Ich gehe mit meiner Vermutung direkt auf F zu, nehme ihn wieder in's Gespräch und will von ihm wissen, warum er sein Potential nicht nutzt. Und nun kommen langsam die wirklich interessanten Brocken seiner Vita zum Vorschein, die ich hier nicht offenlegen möchte. Tatsache ist: Er ist hochintelligent, zeigt auch die übrigen HB-Verhaltensauffälligkeiten und fällt damit in die klassische Kategorie Underachiever, und als solcher fällt es ihm schwer, Anerkennung im Kollegium zu bekommen, weil dazu sehr viel Offenheit nötig ist. Hell, er hat sogar Neurodermitis, passt doch alles!

Sein Verhalten ergibt jedenfalls für mich einen Sinn, und ich finde es toll, welches Potential in ihm steckt. Er ist mittlerweile raus aus der Schule, hat den ESA mit links gemacht, ist beim MSA zu einem Teil der Prüfung nicht angetreten, der Vollidiot. Ich darf das sagen. Denn er hat diesen Artikel probegelesen und hier steht nichts, was nicht auf unser beider Mist gewachsen ist. Den Dreh hat er noch nicht raus, er ist noch nicht auf der "richtigen" Bahn. Da sind immer noch die Drogen, was ja okay wäre, wenn er sein Konsummuster unter Kontrolle hätte. Und wenn er sich nicht so oft auf die illegale Seite des Alltags begäbe. Wenn er etwas mehr Respekt für den Rechtsstaat hätte. All' das sage ich ihm unverblümt - auf das Risiko hin, angepflaumt zu werden und die Nase gebrochen zu bekommen; aber ich habe ihn damals in der Schule ernst genommen und das weiß er zu schätzen.

Er ist ein verdammt guter Junge, es fehlt ihm momentan nur ein bisschen an der richtigen Orientierung. Und ich hoffe, F wird noch richtig viel aus sich machen. Ich würde es ihm gönnen. Denn er hat sich sein Verhalten nicht ausgesucht. Er möchte. Er kann nur (noch) nicht. Aber die Zeit wird es bringen.

post scriptum: Dieser Beitrag ist mit F abgesprochen, es muss sich also niemand Sorgen machen. Mir liegt das sehr am Herzen, solch' einen Fall einmal zu schildern, als Indiz dafür, dass wir als Lehrkräfte Schüler nicht nach dem ersten Eindruck beurteilen sollten. Auch nicht nach dem zweiten oder dritten... remember Humanismus? "Jeder Mensch ist an sich gut."

Dienstag, 3. Oktober 2017

Ich und meine SIG Sauer

Eigentlich vollkommen egal, welche Waffe man hier zeigt - die menschliche Besessenheit von Waffen aller Art bleibt ungebrochen. Not sexy.

Gun violence in the United States hat einen eigenen Eintrag in der Wikipedia.

Vorgestern zeigte die ARD den Tatort "Goldbach", in dem das Thema Waffenbesitz thematisiert wurde. Irgendwie zynisch, dass gleichzeitig in Amerika sechzig Menschen (Täter inklusive) bei einer shooting spree in Las Vegas um's Leben gekommen sind.

Aber die Amerikaner sind stolz auf ihr Second Amendment, zumindest viele von ihnen. Das Recht auf Verteidigung des eigenen Lebens und des eigenen Besitzes, notfalls auch mit der Waffe - und so lässt sich in den Staaten problemlos eine Waffe für jedermann organisieren. Teilweise bekommt man sie sogar als Dreingabe, wie Michael Moore im erschreckenden Bowling for Columbine (2002) thematisiert; dort bekommt er ein Gewehr als Geschenk, wenn er bei einer lokalen Bank ein Konto eröffnet. Und das tut er, alles fein säuberlich mit der Kamera dokumentiert: Die Amerikaner sind stolz auf ihr Second Amendment.

Und sie haben ihre Waffenlobby. Wann immer die Demokraten Fortschritte machen im Kampf für strengere Waffengesetze, fließen die richtigen Gelder an die richtigen Menschen und wie von Zauberhand verebben die Proteste nach jeder neuen Schießerei nach relativ kurzer Zeit. Es müssen wohl noch sehr viel mehr Menschen sterben, bevor sich wirklich etwas ändern wird.

Und dann bleibt die Frage, ob strengere Regulation schon ausreicht. Wozu muss ich eine Waffe in meinem Haus haben? Damit ich mich sicherer fühle? Meine eigene Erfahrung ist, dass ich leider auch noch andere Dinge fühle, wenn ich eine Waffe in meiner Hand habe. Und leider sind das gewissermaßen positive Dinge: Ich fühle mich stärker, sicherer, größer, als ich es bin. Ich habe hier in meiner Wohnung nicht geschliffene Hieb- und Stichwaffen, als Schauwaffen bzw. als Brieföffner, das reicht von einem großen Schwert über Dolche bis hin zu Brieföffnern. Je massiver die Waffe, die ich in der Hand halte, umso stärker das Gefühl, das sich dabei in mir breit macht.

Das Gefühl, dass ich ein menschliches Leben mit einer einfachen Aktion auslöschen kann. Dass ich somit totale Kontrolle über mein Gegenüber habe. Dass ich machen kann, was ich will.

Und genau bei diesem Gefühl wird mir schlecht. Ich möchte das nicht mehr fühlen, und leider verstehe ich, warum so viele Amerikaner scharf darauf sind, einen wohl sortierten Waffenschrank im Haus zu haben. Ich finde es entsetzlich. Als vor einiger Zeit jemand aus meinem Freundeskreis ein Foto mit einer Waffe am Schießstand gepostet hat, fand ich das nicht wirklich toll. Ich habe mich mit Kommentaren zurückgehalten, aber ich konnte das wirklich nicht gut finden. Warum macht man sowas?

"Warum überhaupt Waffen?" halte ich für eine viel zu generelle Frage; ebenso kann man den Waffenherstellern (wie im Krimi) nicht generell die Schuld in die Schuhe schieben; leider braucht es in unserer Gesellschaft Waffen, da es Regeln und Gesetze braucht und zu viele Menschen gibt, die diese Regeln und Gesetze brechen. Aber Waffen gehören nur in die Hände von Menschen, die damit verantwortungsvoll umgehen können. Ich finde, sie haben bei Privatpersonen nichts zu suchen.

Oben habe ich den Tatort erwähnt, der relativ ernsthaft an das Thema Waffenbesitz herangeht - doch bereits vor sechsundvierzig Jahren hat Mario Bava in seinem Bay of Blood (1971) mit einem relativ grausamen Zusatzkommentar geschlossen: In diesem Horrorfilm werden am Ende die scheinbaren "Sieger" des Massakers von den eigenen Kindern im Spiel mit ihren eigenen Schusswaffen erschossen. Zynisch und grandios. Makaber und absolut notwendig:



Leider nicht ausreichend, um die Debatte in den USA weiter zu befeuern. Die Zahlen sind niederschmetternd: Allein 2015 starben dort 13.286 Menschen durch Schusswaffen (Suizid ausgenommen). Zwischen 1968 und 2011 kamen ungefähr 1,4 Millionen Menschen um; der amerikanische Steuerzahler bekam allein in 2010 etwa 516 Millionen Dollar auf seine Rechnung für schusswaffenbedingte Krankenhausaufenthalte. Und dennoch gilt: Die Amerikaner sind stolz auf ihr Second Amendment.

Und wir? Sind ja so stolz darauf, dass die Lage bei uns nicht so schlimm ist. Feiern heute in aller Förmlichkeit den Tag der Deutschen Einheit. Einheit? Am Arsch! Ganz ehrlich, wenn die letzten Wochen uns eines haben beweisen sollen, dann, dass wir ein gespaltenes Land sind, und dass Einigkeit offensichtlich nicht in den Herzen aller Deutschen herrscht. "Merkel muss weg!", "Entsorgen!", "Schießbefehl", "widerliches Gewürm", "Gebt uns unser Land zurück!", "Wir werden sie jagen!" - das hat nichts mit Einheit zu tun.

Schenkt Euch diese Farce und arbeitet lieber mal dran, wirkliche Einheit zu zeigen. Wirkliche Freundschaft mit anderen Menschen. Aber nein, das ist ja so anstrengend, dann kann man sich nicht mehr in seinem Mikrokosmos ausruhen. Dann lieber Türen und Fenster zu und ungestört meinen Kolben polieren. Den Kolben meiner SIG Sauer, meine ich.

post scriptum: Um Missverständnissen vorzubeugen - ich habe keine Schusswaffe, und der letzte Absatz ist aus der Perspektive eines Waffennarren geschrieben. Wisst Ihr natürlich.

Montag, 2. Oktober 2017

Don't Do It Yourself

Wenn ich das sehe, muss ich immer an eine Maus denken...

Die Woche beginnt, wie es sich für Schleswig-Holstein gehört, mit Regen. Es passt wieder alles zusammen: Am vergangenen Wochenende haben sieben Bundesländer Herbstferien bekommen, massenweise Urlauber blockieren die A7, die Rader Hochbrücke ist nur einspurig befahrbar, der Rendsburger Kanaltunnel nach wie vor zur Hälfte blockiert. Wir merken, es wird Herbst.

Welch' wunderbarer Anlass, aufzuräumen, dann rausgehen mag ich bei diesem Wetter nicht. Und es liegt zu viel in der Wohnung herum, noch unfertig. Irgendwie muss ich die Station für den Handstaubsauger an die Wand bekommen, irgendwie die Küchenreling und auch das Werkzeugregal. Und auch wenn ich mir immer einrede, dass ich in meiner Wohnung alles allein hinbekomme - Möbel zusammenbauen hat ganz gut geklappt - so bin ich doch zu blöd - oder ängstlich, oder ungeschickt, eine Bohrmaschine zu benutzen.

Ist das ein HB-Ding? Dass ich Angst davor habe, Löcher in die Wand zu bohren? Mein Gehirn sagt mir "Ich kann das nicht", und malt sich alle möglichen Szenarien aus: Zu tief gebohrt, Stromleitung getroffen, schief gebohrt und so weiter... und angesichts dieser Bilder hole ich mir da Hilfe. Muss sein. Ich habe in diesem Blog schon öfters darüber geschrieben, dass es schwer für mich ist, Hilfe anzunehmen.

Whatever, jetzt bin ich jedenfalls erstmal glücklich, das Home Improvement wirkt. Ich sollte mir noch einen Namen für den Handstaubsauger überlegen, denn wir werden eine innige Beziehung führen angesichts der ganzen Krümelei, wenn ich mir aufgebackenes Brot aufschneide.

Heute mal uninspiriert, aber besser als die letzten beiden Tage gar nichts. Ich brauche mal wieder einen irren Einfall!

Freitag, 29. September 2017

Positives über das Arbeitsamt

Auf ein Neues...

Ich habe bereits vor einem Jahr so meine Erfahrungen mit dem Arbeitsamt sammeln dürfen. Und die waren gar nicht mal negativ, Herr Denk war nett und geduldig, hat mir alles Mögliche erklärt und sich ein bisschen Zeit genommen, mich zu verstehen. Das tun nicht viele, weil es anstrengend ist und Offenheit zum Ausbrechen aus klassischen Denkmustern erfordert.

So war ich ganz froh, als dann vor ein paar Wochen die Einladung ins Arbeitsamt kam, "Sehr geehrter Dr Hilarius, ich möchte mit ihnen gern ihre berufliche Situation besprechen." Unpersönliches Schreiben, ist auch richtig so, dauert ja sonst viel zu lange. Und oben rechts in der Ecke stand dann beim Namen des Sachbearbeiters "Denk". Das war ein wenig unerwartet, nach über einem Jahr immer noch oder schon wieder denselben Sachbearbeiter zu haben, aber es war keinesfalls unwillkommen. Er kannte den Doc ja schon ein wenig, so würde das Gespräch nicht vollkommen bei Null anfangen müssen, und so begab sich Dr Hilarius heute pünktlich zum Arbeitsamt.

Pünktlich, denn ich hatte ja so meine Erfahrungen mit Sperrfristen und wie sehr im AA (Buba spült) darauf Wert gelegt wird, dass man sich an die Vorgaben hält. Termin um viertel vor zehn, also saß ich um genau neun Uhr vierzig im Wartebereich vor Zimmer siebenundfünfzig, hatte schon einmal angeklopft, um zu signalisieren, dass ich da bin (wie es laut Aushang gewünscht wird, was ja ebenfalls nachvollziehbar ist). Keine Antwort, nun, sicherlich sitzt Herr Denk noch in der Frühstückspause und kommt gleich den Gang heruntergebummelt.

Fünf Minuten später. Zehn Minuten später. Eine andere Angestellte kommt am Wartebereich vorbei, verschwindet in einem der hinteren Büros und durch geöffnete Türen hört man eine angeregte Unterhaltung zweier Damen, in deren Verlauf es irgendwo heißt "Marc ist diese Woche ja nicht da, deswegen übernehme ich dies (und jenes blabla...)" - moment mal, ich weiß noch, dass mein Sachbearbeiter mit Vornamen Marc heißt und werde ein wenig misstrauisch. Nochmals fünf Minuten später, im Denk-Zimmer ist noch immer kein Licht angegangen und jene Angestellte, die vorhin von rechts nach links spazierte, kehrt nun von links nach rechts zurück, keine Unterhaltung mehr, und so mache ich mich auf zum hinteren Büro, um einmal nachzufragen.

"Ja, Herr Denk fällt zur Zeit aus, ach, hatten sie einen Termin beim ihm? Oh, da muss ich mal nachschauen..." und da ich ja mein Gehirn noch nicht so leicht zügeln kann, explodiert schon wieder alles in mir, weil es nicht das erste Mal ist, dass ein AA-Termin platzt, ohne dass man davon in Kenntnis gesetzt wird, nicht wahr, Buba la Tättah. Und ich atme tief durch und höre nur "Also, eigentlich sind davon alle in Kenntnis gesetzt worden, ich schaue gerade mal bei ihnen..." und ich bin kurz davor auszurasten "...da steht, es wurde eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen..." und all die Wut verfliegt und ich bekomme Bauchschmerzen. Wie, AB? Sicher, darauf war eine Nachricht, aber die war doch von meinen Eltern, oder? Hatte ich etwa nicht eine eventuelle zweite Nachricht abgehört? Oh man, wie peinlich, und ich bitte mal eben, dass sich die Erde auftut und all' die fiesen Gedanken verschluckt, die ich der jungen Dame habe entgegen schleudern wollen.

Und dann kommt es zum Glück im Unglück, denn die junge Dame hat gerade Zeit - weil ihrerseits ein Kunde (so heißt man im Arbeitsamt) gerade nicht zum Gespräch erscheinen konnte, also schieben wir eine spontane Session ein, eingeleitet durch ihr "Haben sie denn ganz dringende Fragen, etwas, was sie wissen möchten?" und damit habe ich nicht gerechnet. Das ist ja klasse. Und ich setze mich, sie schließt die Tür. Und dann nimmt Frau Hauschildt sich eine halbe Stunde Zeit und ganz viel Verständnis und klärt mich über all jene Dinge auf, über die ich im Unklaren war:

1) Wenn sich für mich ein Angebot ergibt, bei dem ich netto weniger als mein derzeitiges ALG verdienen würde, muss ich das nicht annehmen.

2) Wenn ich eine kurzweilige Vertretung annehmen würde, z.B. drei Monate, wird danach mein ALG unverändert weitergezahlt und der Bewilligungszeitraum entsprechend verlängert.

3) Ich muss, genau genommen, überhaupt kein Angebot annehmen, da das Bewerbungssystem über das pbOn eine Arbeitsvermittlung durch die Agentur für Arbeit ausschließt. Nur wenn mir eine Arbeit vermittelt würde, mit Rechtsfolgenbelehrung, könnte mir aus einer Ablehnung ein Nachteil entstehen.

Das Alles beruhigt mich schon sehr. Denn ich möchte auf keinen Fall so eine Pleite wie an der Jungmannschule in Eckernförde nochmal erleben, in deren Kollegium ich einfach nicht gepasst habe, und auch möchte ich nicht für drei Monate befristet ohne Aussicht auf Verlängerung an einer neuen Schule antreten, nur um dort von der Hälfte des Kollegiums wieder misstrauisch beäugt zu werden. Diese Ängste sind allesamt ausgeräumt, und das sehr geduldig und verständnisvoll und ganz spontan, so dass der nächste Gesprächstermin nun bis Mitte November warten kann.

Und das finde ich toll, also einmal danke an Frau Hauschildt und an die AA (nicht so schlimm wie der Sprung in der Schüssel). Hätte nicht gedacht, dass es einmal so angenehm verlaufen kann. Wochenende kann beginnen! Und bitte, liebe Kollegen, geht Skilaufen oder was weiß ich und brecht Euch die Beine, muss ja erstmal nur für ein halbes Jahr sein, aber das wäre schon ganz nett. Sorry für den Zynismus!

post scriptum: Beim Lesen "Im Denk-Zimmer ist noch kein Licht angegangen" klingt irgendwie witzig!