Mittwoch, 19. Juli 2023

Helgoland geht unter

Jetzt gibt's kein Zurück mehr!

Es wird Zeit, nach vorne zu schauen. Die ganze Verbitterung und den Zynismus abzuwerfen - das dauert eine Weile. Lojong hilft. 

Auf dieses Schreiben habe ich schon lange gewartet: Vor einer ganzen Weile habe ich von den Friseur-Ladies erfahren, dass in unserem Viertel straßenbaulich etwas getan werden soll. Ich wusste aber nicht, was und wie lange das dauern würde, mir fehlten die Details, die nun in einem vierseitigen Schreiben allen Anwohnern zugegangen sind.

"Helgoland geht unter" ist gar nicht mal so übertrieben - die Helgolandstraße, an der ich wohne, soll komplett herausgerissen werden. Die Abwassersysteme sind marode und müssen erneuert werden. In dem Zuge muss sich das Kopfsteinpflaster verabschieden, die Straße wird komplett asphaltiert. Was ich richtig gut finde: Es sollen ausreichend Fahrradbügel installiert werden. Unser Viertel hat viele Fahrradfahrer, die Mieten sind relativ günstig, das zieht Menschen an, die sich ohne Auto auf Fahrrad und ÖPNV verlassen.

Ich bin aufgeregt! Jetzt geht es also endlich los; in den letzten Monaten waren immer mal wieder Landvermesser zu sehen, das hat ein bisschen Vorfreude geschürt. Wobei "Freude" vielleicht nicht der passende Ausdruck ist; die Bauarbeiten werden laut, Verkehr wird eingeschränkt - aber ich werde arbeitslos sein, mir kann das alles einigermaßen egal sein. Die Bauarbeiten sollen etwas über ein Jahr andauern. Werden also wahrscheinlich drei Jahre. 

Ganz so lang werde ich dann wohl hoffentlich nicht arbeitslos sein.

post scriptum: Es ist kaum zu glauben, aber die "Final Fantasy"-Reihe hat endlich - ENDLICH! - ihren ersten schwulen Kuss vor die Kamera gebracht. Nachdem Teil fünfzehn extrem männerzentriert war und vom "male gaze" beherrscht wurde, ist man jetzt einen Schritt weiter. Aber nicht zu früh freuen: Teil sechzehn ist "male gaze" pur! Das merkt man in der Kameraarbeit: Solange die beiden jungen Männer sich nur unterhalten, gibt es close-ups, aber genau für die Dauer des Kusses geht die Kamera so weit auf Distanz, dass man nichts erkennen kann. Wir wollen doch schließlich die homophoben Gamer nicht zu sehr verstören. Ich könnte... whatever. Wer es sehen möchte, möge einmal hier klicken, zu die große Bubas und meinem Twitteraccount, auf dem wir Screenshots und kurze Videos der Spiele posten, die wir gerade spielen. 

paulo post scriptum: "Rising action" ist nicht nur für die Bauvorhaben da unten angesagt: Ich habe heute mit dem "Landesamt für soziale Dienste" telefoniert und man hat mir mitgeteilt, dass eine Entscheidung gefällt wurde und sie mir Ende dieser Woche, spätestens nächste Woche postalisch zukommen sollte. I'll keep you posted!

Montag, 17. Juli 2023

Schulleiter


Das ist Fiktion. Ich glaube, das sind Sätze, die ich in einen Roman über unser Schulsystem schreiben würde. Das wäre dann natürlich eine Satire, denn solche Sätze fallen ja nicht im richtigen Leben.

"Sie sind ein Einser-Lehrer, aber nicht an dieser Schule. Das Gutachten ist eine Zwei, ich kann ihnen nicht erklären, warum, aber das ist meine Meinung und die werde ich nicht ändern."

"Ja, wir hatten das Vorstellungsgespräch mit ihrer Mitbewerberin, wir haben das nicht mit ihnen gemacht, denn wir kennen sie ja. Wir haben uns nicht für sie entschieden. ... Sie sind recht gelassen?" - "Man gewöhnt sich daran." - "Tschüß, Herr Ro, äh, Ho, äh, ja..."

"Ja ich weiß, sie haben das alles kommen sehen, aber trotzdem muss ich ihnen jetzt diese Dienstanweisung schreiben."

"Sie verstoßen damit gegen die Verschwiegenheitspflicht." - "Um welche sensiblen Informationen, die nicht unter die Ausnahmen fallen, geht es denn?" - "Das weiß ich jetzt auch nicht, ich habe die Blogs nicht vor mir."

"Ihre Aussage ist arrogant, überheblich und vermessen, und ich finde sie ehrlich gesagt ein bisschen unglaubwürdig."

"Und mit deiner Behinderung, das ist ja nochmal was Anderes, es ist ja jetzt nicht so, dass du eine Behinderung an deinem Fuß hättest."

"Wenn wir Inklusion leben sollen, dann gilt das selbstverständlich auch für das Kollegium." Drei Monate später: "Das geht so nicht, du musst dich eben besser anpassen."

"Sie schreiben hier, dass ich den Großteil meiner Lehrproben nicht mit meinen Mentoren abgesprochen hätte. M1 sitzt hier neben mir und wird ihnen gern bestätigen, dass alles durchgesprochen war, und hier habe ich den kompletten Mailverlauf zu jeder M2-Lehrprobe ausgedruckt. Wie kommen sie also zu dieser Aussage?" - "Naja, dann streichen wir das eben."

"In der Dienstanweisung steht, dass ich private Treffen mit Schülern unterlassen soll. Können sie mir sagen, welche Treffen sie damit meinen? Ich treffe mich nicht privat mit Schülern." - "Nein, ich muss ihnen das auch gar nicht erklären. Unterschreiben sie einfach, und dann ist die Sache gut. Das wird gar nicht in ihre Ministerialakte kommen, machen sie sich keine Sorgen."

"Sie werden da draußen sofort eine neue Schule finden."

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Warum wird man Schulleiter?

Ich würde niemals Schulleiter sein wollen. Man bekommt einfach alles ab. Es gibt da diesen Spruch Der Fisch stinkt vom Kopf. Wenn irgendwas in der Schule nicht läuft, fällt alles auf die Schulleitung zurück. Das würde ich nicht aushalten wollen. Oder ist da etwas dran?

Warum geht man auf Funktionsstellen? Als Autist fände ich es ganz interessant, Stundenplaner zu sein. Klassen, Kollegen, Fächer, Stunden hin- und herschieben, bis irgendwann alles passt. Aber an einer großen Schule passt nie alles. Und ich weiß, dass es immer KollegInnen gäbe, deren Wünsche ich nicht würde erfüllen können. Also doch kein Stundenplaner. 

Stufenleiter? Bloß nicht! Ich muss mich mit Elternhäusern auseinandersetzen, mit neurotypischen, manchmal dummen, aber Recht haben wollenden Menschen, die Geld und Einfluss haben, ich müsste die Zeugnisnoten eintreiben von KollegInnen, die es vielleicht nicht so sehr mit der Pünktlichkeit haben... nix da.

Was ist meine Aufgabe als Schulleiter? In Kontakt mit dem Schulträger zu treten. Kontakt mit dem Bildungsministerium. Dort sitzen... Menschen. Mit denen ich vielleicht nicht unbedingt kommunizieren möchte. Diese Aufgabe schieben wir mal beiseite; bliebe da noch die Fürsorgepflicht. Ich muss mich um meine Lehrkräfte kümmern. Falsch: Ich möchte mich um meine Lehrkräfte kümmern! Ich möchte, dass sie gern hier an dieser Schule arbeiten, ich möchte, dass sie sich wohlfühlen und das Beste aus sich herausholen können. Ich möchte, aber ich kann nicht, denn ich bin völlig empathielos.

Ich habe meine Sätze zurechtgelegt, die man eben so sagt, bei Einstellungen, Abmahnungen, Verabschiedungen, Konferenzen. Die gehen immer, da muss nix individualisiert werden, und damit könnte ich maskieren, dass Empathie meine große Schwäche ist. Das schadet mir auch schon als Lehrkraft, die SchülerInnen mögen mich nicht, und ich weiß nicht warum. Also ist es doch eigentlich eine gute Idee, Schulleiter zu werden, denn dann muss ich nicht mehr so viel unterrichten.

Aber auf der anderen Seite... als Schulleiter hätte ich eine Machtposition inne. Und ich bin für Personalangelegenheiten zuständig. Ich dürfte meinen Lehrkräften vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Ich dürfte sie in Vier-Augen-Gesprächen ermahnen, zumindest bis sie auf die Idee kommen, sich einen Beisitzer zu holen. Ich könnte all' ihre Akten durchsehen und sie angemessen einnorden. Ich könnte endlich Schule so gestalten, wie ich mir das vorstelle. Rote Einträge in meiner Dienstakte im Ministerium können mir egal sein, solange es nur zwei sind, und nach fünf Jahren werden sie getilgt. Und die meisten jungen Lehrkräfte haben ja noch gar kein Rückgrat, also kann ich mit ihnen umgehen, wie ich will. Sollen sie doch froh sein, dass sie überhaupt eine Stelle gefunden haben! Zur Not kann ich ihnen das auch nochmal direkt in's Gesicht sagen. Dass sie nur A Dreizehn sind und nicht A Fünfzehn. Ich kann mir unangekündigt ihren Unterricht anschauen, wenn ich sie loswerden möchte, denn irgendwas werde ich da schon finden, was mir nicht passt. Und für all' das ist es sogar ganz gut, dass ich keinerlei Empathie empfinde. Dann muss ich mir keine Gedanken darüber machen, dass ich mal wieder eine Lehrkraft in den Nervenzusammenbruch geschickt habe, denn ich habe schließlich Wichtigeres zu tun. Meine Lehrkräfte sind für mich nichts weiter als eine Fächerkombination.

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Natürlich gibt es solche Schulleitungen nicht (oft). Aber allein, dass ich das alles nachvollziehen kann, macht mir klar, dass ich niemals Schulleiter würde werden wollen.

post scriptum: Euch ist irgendwas davon schonmal passiert? Sorry, ich wollte niemanden verletzen, jegliche Ähnlichkeiten sind rein zufällig!

Freitag, 14. Juli 2023

Ab mit Schaden


Ich wünschte, ich würde diesen Beitrag nicht schreiben; ich wünschte, es gäbe keinen Anlass dafür.

Jedesmal, wenn ich eine Schule verlassen musste, habe ich mich entweder von der letzten Dienstversammlung freistellen lassen oder darum gebeten, mich nicht zu verabschieden. Der Hintergrund ist, dass das für mich kein schöner Anlass ist. Ich weiß nicht, ob es am Autismus liegt - ich nehme es nicht als nette Geste wahr, wenn ich eine Karte bekomme, auf der viele KollegInnen unterschrieben haben, und eine Blume, und die besten Wünsche für die berufliche Zukunft. Was ich wahrnehme ist:

Ja, dann hat es halt mal wieder nicht geklappt. Zum Glück sind wir Dich losgeworden, dann haben wir nicht mehr so viel Aufwand, Umstände und Stress. Manche Schulleitungen haben mir das sogar in's Gesicht gesagt. Viel Erfolg auf der Suche nach einer Schule, die dich aushält. Die dich wirklich haben will. Kann noch ein paar Versuche dauern. 

Kurz: Ich fühle mich gedemütigt.

Nach den ersten drei Schulverabschiedungen hatte ich jedesmal einen Nervenzusammenbruch, der mich mehrere Tage lang ausgeschaltet hat und mir jegliche Illusionen genommen hat, dass ich in diesem Beruf tätig sein könnte. Pattern recognition: Ich habe dieses immer wiederkehrende Muster erkannt und als reine Maßnahme zum Selbstschutz habe ich angefangen, meine Schulleitungen zu bitten, mich nicht zu verabschieden.

Darum habe ich auch meine jetzige Schulleitung gebeten. Bereits vor zwei Jahren, als der Vertrag zu enden drohte, und zur Sicherheit auch letztes Jahr noch einmal, als es wirklich so aussah, als würde es nicht klappen. 

Und so bin ich dann heute zur Dienstversammlung gegangen. In der Tasche zwei verschiedene Medikamente gegen Panikattacken für den Fall, dass mein Schulleiter mich doch aufrufen sollte, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er es nicht tun wird, weil er genau wusste, wie viel Leid mir das zufügen würde. Genau über solch' ein Szenario habe ich am Dienstag extra noch einmal mit meinem Psychiater gesprochen und bin gut vorbereitet, guten Willens, aber mit einem kleinen bisschen Angst im Hinterkopf in den Bus gestiegen und zur Dienstversammlung gefahren.

Und so wurden heute im Schnelldurchlauf die Verabschiedungen abgefrühstückt; ich bin überrascht, wie unpersönlich das an so vielen Schulen abläuft. Wenn ich Schulleiter wäre, würde ich mich zumindest ein wenig über die Person informiert haben und einen individuellen Abschiedsgruß geben. Nils-Ole Hokamp, Schulleiter der Nordseeschule in St.Peter-Ording hat das so gemacht. Niemand sonst. Kostet wohl zuviel Zeit, und schließlich wollen die KollegInnen alle möglichst schnell in die Ferien; Letzteres wurde heute auch wieder explizit gesagt. Kann ich auch verstehen. Trotzdem finde ich es recht kühl.

"Tobias! Du warst ja bei uns..."

Und dann höre ich diesen Satz. Satzanfang. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was danach passiert ist, irgendjemand hat wohl "Nein" gesagt, ich weiß nur noch, dass ich meine Tasche genommen habe und rausgerannt bin, große, schnelle Schritte, nur weg von hier, schnell aus dem Portemonnaie eine Tablette holen, Wasser ist gerade nicht da, dann muss ich sie eben so schlucken. Schnell weg, nur noch weg. Weit weg. Hoffentlich wird die Ampel schnell grün, ich habe panische Angst, dass irgendjemand hinterherkommt und mich verfolgt, ich traue mich nicht einmal, mich an die Bushaltestelle Lüderitzstraße zu setzen, weil jemand mich erkennen könnte und ich möchte eigentlich nur noch, dass die Erde sich auftut und mich verschlingt. Zwei Schüler vor Aldi grüßen mich, ich weiß nicht, was ich sagen soll, also hebe ich nur kurz die Hand und marschiere stramm weiter. "Schöne Sommerferien!" rufen sie, und das Einzige, was mir einfällt ist, das Victory-Zeichen mit den Fingern zu zeigen. Also renne ich eine Bushaltestelle weiter, Tiefe Allee, und komme dort zur Ruhe. Zehn Minuten später kommt ein Bus, als stimming löse ich Logikrätsel, ich möchte nur noch nach Hause.

Zuhause angekommen, Telefon rausgezogen, keine Tränen. Die kommen erst jetzt, bei'm Schreiben.

How could you do that?

Eine lange Meditation steht an. Bitte nicht böse sein, wenn ich mich über das Wochenende nicht melde. Das war alles so absehbar, aber dass es dann so unvermeidbar dazu kommt, hätte ich nicht gedacht. 

Weg von der Schule. Ab mit Schaden. 

post scriptum: Meine SchülerInnen wussten das natürlich auch, und sie haben darauf voll Rücksicht genommen und wir hatten eine großartige letzte Stunde. Danke! Ihr seid echt toll!

Donnerstag, 13. Juli 2023

Zündende Idee


Die Meditation gestern hat mir richtig gut getan, denn irgendwann ist mir eine richtig gute Idee gekommen. Eine dieser Ideen, die mir im Studium ein paar der besten Beiträge (nach meinen Maßstäben) für die Saturnalien eingebracht haben. Es geht um den Abschiedsgruß für die Toni, wenn es denn beschlossene Sache ist. 

Das Problem ist: Dr Hilarius in diesem Zustand ist zynisch. Er würde einen Beitrag schreiben, der in alle Richtungen austeilt, egal ob "verdient" oder nicht. Der alles mit sich runterziehen würde. Und weil das schädlich für mich ist und unfair für alle Anderen, mache ich das nicht, sondern werde die Sommerferien zum Schreiben nutzen. Ich werde die Zeit brauchen, denn das Ding wird zwar nicht lang, ist aber recht komplex konzipiert. Außerdem weiß ich, dass meine Schulleitung mir morgen nicht den Platz einräumen würde, das live zu machen: es gibt bereits ein paar Kollegiums-Verabschiedungen und die KollegInnen haben sich ihre Sommerferien nach dieser für alle harten Phase redlich verdient.

Das Schreiben wird anstrengend, weil dieser Abschiedsgruß zur Abwechslung mal auf meinem Mist wachsen wird. Es ist leicht, eine Nummer von zum Beispiel dem großartigen Georg Kreisler abzuwandeln, auswendig zu lernen und vorzutragen. Das hatten wir an der Toni schon; diesmal soll es etwas Eigenes sein. Ich werde nichts weiter zum Inhalt sagen, aber einen Tipp möchte ich geben, worum es gehen wird - die Freaks unter Euch bekommen vielleicht eine kleine Vorahnung:

Boldrini.

Das Schreiben hilft mir außerdem, meine Gedanken auf etwas Anderes zu fokussieren als auf die Art und Weise, wie seitens gewisser Personen in den letzten Jahren mit mir kommuniziert wurde. "Gewisse" heißt nicht alle, und ich hoffe sehr, dass eine ganz bestimmte Mutter aus der Elternschaft diesen Beitrag liest, denn sie hat mir in den vergangenen zwei Monaten sehr viel Kraft und Rückhalt gegeben, und das, obwohl sie keiner Fürsorgepflicht nachkommen müsste. Im Buddhismus wäre man von ihr begeistert.

Ich freue mich riesig darauf, diese zündende Idee umzusetzen und meinen Kopf auf andere Gedanken zu bringen. Am Ende werdet Ihr diesen Gruß natürlich hier im Blog zu sehen bekommen, wenn Ihr denn wollt, und er wird der gesamten Schulgemeinschaft zugehen. Und auch, wenn die Gefahr besteht, einen Ab-mit-Schaden-Text zu schreiben, wie es mir hier schon einmal passiert ist, und auch wenn sich für mich persönlich die letzten dreieinhalb Jahre wie pure, nervenaufreibende Zeitverschwendung anfühlen (es ist leider so, und die Schulleitung weiß auch, warum), und auch wenn sogar mein Psychiater mir sagt, dass ich bitte Lehrer bleiben soll (und mich das Nachdenken darüber und die Angst vor neuer Ablehnung in einem unbekannten Kollegium Einiges an Kraft kostet), wird es diesmal anders, mit ehrlichem Lächeln und Zwinkern. Und wenn sich dadurch dann jemand angegriffen fühlen wird, sollte dieser Jemand sich im Anschluss einmal fragen, warum das so ist.

Let's go, noch fast leeres Word-Dokument! Ba-DAMM-da. Da-Da-DAMM!

Mittwoch, 12. Juli 2023

Wie in der Twilight Zone


So ein durchgetakteter Tag kann nur schiefgehen. Dabei war der Plan eigentlich safe & sound. Morgens um halb sieben klingelt der Wecker. Ich nehme mein Tablettenfrühstück, lese kurz die Schlagzeilen bei Google News, dann setze ich mich in den Bus, fahre zu meinem Hausarzt und hole dort die Überweisung zum Psychiater für das dritte Quartal ab, fahre dann zurück zum Hauptbahnhof, um zwei Minuten nach neun fährt der Zug nach Neumünster ab und ich bin pünktlich um zehn Uhr im Friedrich-Ebert-Krankenhaus, nehme dort meinen Termin bei'm Psychiater wahr, eine Stunde, passt, danach mit Zug zurück nach Kiel (DE-Ticket ist schon echt cool), mit dem Bus Richtung Dietrichsdorf und rechtzeitig bei den Oberstufenkonferenzen antanzen, da sind ein, zwei interessante SchülerInnen dabei, zu denen es etwas zu sagen gibt.

Okay, den Hausarzt musste ich streichen, weil die leider nicht schon um acht öffnen, sondern erst um halb neun, und dann würde ich den Zug nicht mehr bekommen und der gesamte Tagesplan fällt um wie eine Reihe Dominosteine. Aber der Rest hat geklappt. Ich fahre viel zu früh ab Diesterwegstraße los, am Hauptbahnhof kaufe ich mir noch zwei Hefte mit Logikrätseln, ich brauche manchmal einfach brain food. Und da steht der Zug auch schon bereit, auf Gleis Vier, der Regionalexpress nach Hamburg, Abfahrt zwei Minuten nach neun, es ist zwanzig vor, passt. Der Zug wird recht voll, ich suche mir einen schönen Einzelplatz mit reichlich Ablagefläche, auf der ich Rätsel lösen kann, und vertreibe mir die Zeit. Neun Uhr zwei, ich höre durch das Fenster die altbekannte Lautsprecherdurchsage. "DING-DONG.. Abfahrt Regionalexpress nach Hamburg Hauptbahnhof. Bitte von den Türen fernbleiben." Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie der Zug abfährt.

Von außen. Zwei Gleise weiter.

Und ich bleibe in meinem Zug stehen. Nichts bewegt sich. Es dauert ein paar Momente, aber nach und nach recken sich die Köpfe der anderen Fahrgäste und jeder realisiert, dass er nicht im Regionalexpress RE Sieben nach Hamburg sitzt, Abfahrt neun Uhr zwei - sondern im RE Siebzig nach Hamburg, Abfahrt neun Uhr fünfundzwanzig. Die Anzeige am Bahnsteig war falsch. Es dauert ganze fünf Minuten, bis endlich eine Durchsage von der Zugführerin kommt, die uns erklärt, dass wir im falschen Zug sitzen und sie sich nur dafür entschuldigen kann und dann noch irgendwelches Anschlusszüge-Bürokratiergehege.

Eigentlich sollte ich gerade psychisch labil sein und unter Stress stehen. Aber ich entspanne mich. Nichts ist entspannender als das anzunehmen, was kommt. So langsam scheine ich den Satz des Dalai Lama zu verinnerlichen. Ich bleibe ruhig, ich kann nichts an der Situation ändern, und natürlich habe ich kein Smartphone bei mir, kann also auch nicht in der Klinik anrufen und Bescheid geben - dann kann ich die Zeit auch weiter genießen und habe schmunzelnd an meinen Rätseln weitergearbeitet.

Gut zwanzig Minuten später sind wir dann ja auch losgefahren, und mit strammem Fußmarsch in Neumünster diesmal direkt richtig, ohne mich zu verlaufen, bin ich gerade mal vier Minuten nach zehn in der PIA angekommen und kann in's Wartezimmer gehen, Termin klappt. 

Dass sich dann doch alles verspätet hat und ich die Konferenzen nicht mehr geschafft habe, war irgendwie sekundär, denn das Gespräch mit meinem Psychiater hat mir diesesmal richtig gut getan. Er hat mir geholfen, andere Blickweisen zu finden und das meiner Wahrnehmung nach grausige Gespräch mit meinem Schulleiter besser zu verstehen. Eine Menge gedankliche Klarheit am Ende eines solchen Termins ist viel wichtiger und mehr wert als jedes Medikament, das ich mitnehme (wird aber natürlich ausprobiert).

Das war ein irrer Dienstag; als ich im Zug aus dem Fenster geschaut habe und realisiert habe, wie mein Zug da vom anderen Gleis abfuhr - für einen Moment habe ich mich gefühlt wie in einer Folge der klassischen Twilight Zone (1959). Das musste hier festgehalten werden.

Montag, 10. Juli 2023

Kinder schlagen


Samstag nachmittag, ich sitze in der Vierzehn von Bettendorf zum Hauptbahnhof. Vorne links, hinter der Fahrerin, Einkaufstasche zwischen den Beinen, Logiktrainer auf dem Schoß. Auf den Platz vorne rechts setzt sich eine ältere Dame, Lehrerin im Ruhestand, wie ich erfahre. Sie fängt an, sich mit der Busfahrerin zu unterhalten, und ich kann ihr Gespräch nicht ausblenden. Ich habe mich ein bisschen wie die große Buba mit ihrer selektiven Schwerhörigkeit gefühlt; der Bus war voll, überall wurde geredet, aber dieses eine Gespräch hatte ich vollkommen im Fokus.

"Die Jugendlichen heute werden auch immer unhöflicher. Der junge Mann, der eben hinten eingestiegen ist. Sie haben extra für ihn nochmal gebremst, aber er hat sich nicht einmal bedankt. Frecher, und unerzogen! Die bräuchten mal einen ordentlichen Klaps. Ich habe das während meiner Lehrzeit gemacht, am Anfang, wenn ein Schüler zu ungehorsam war. Mittlerweile darf man das ja nicht mehr! Dann bekommt man eine Dienstaufsichtsbeschwerde!"

Ich bin nicht so gut darin, den Tonfall anderer Menschen richtig zu deuten, aber die Dame war definitiv etwas enttäuscht davon, dass man Kinder heute nicht mehr schlagen darf. Erstmal: Ich habe Verständnis dafür, dass Kinder einen triezen können, bis man explodiert. In der Orientierungsstufe fange ich dann an zu schreien, so laut, dass manche SchülerInnen tatsächlich Angst bekommen. Das ist psychische Gewalt, und es hat mir jedesmal Leid getan, wenn das passiert ist. Ich bin Autist - ich kann nicht anders. Wenn ich von Reizen überflutet und von frechen Kiddies bombardiert werde, dann staut sich Energie an und platzt dann heraus. Ich kann das nachvollziehen.

Aber handgreiflich zu werden - da wäre für mich eine Grenze überschritten. Ich habe noch nie jemanden geschlagen und werde es auch weiterhin nicht tun, nicht einmal "nur eine kleine Ohrfeige", so wie sie damals in meiner Schulzeit mein Biolehrer an einen Mitschüler ausgeteilt hat. Zum Glück haben wir mittlerweile ein Gesetz, dass es verbietet, Kinder zu schlagen. Zum Glück würde so etwas zu einer Dienstaufsichtsbeschwerde führen! 

Die Kiddies sind, wie sie sind. Als Lehrer muss ich an mir arbeiten, um damit umzugehen. Meine Behinderung macht es mir etwas schwerer, aber das Lojong-Training hat schon sehr weit geholfen. Ich darf das nicht an den SchülerInnen auslassen. Sicher mögen manche von ihnen schlecht erzogen sein - aber das ist nicht ihre Schuld! Zu wenig Aufmerksamkeit zuhause, zu wenige Richtlinien, generell zu wenig Zuwendung seitens der Eltern - all' das kann dazu führen.

Lasst es nicht an dem Kind aus.

Freitag, 7. Juli 2023

Gerührt (nicht geschüttelt)


"Ähm, sie, also ich wollte sie mal was fragen, ich meine, äh, also weil sie weggehen, ich hab das unterschrieben, äh, weil ich das voll gemein finde, dass andere bevorzugt werden und sie nicht."

Manchen fällt es schwer, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Das gilt für einen Großteil der Menschen auf'm Spektrum, und das gilt auch für den Schüler, der mir das heute an der Bushaltestelle gesagt hat. 

Etwas hat sich in den letzten zwei Wochen verändert an der Schulatmosphäre. Ihr, die Ihr schon länger fest an einer Schule seid, kennt das vielleicht. Es fühlt sich anders an, durch die Schulflure zu gehen. Anders als sonst. Auf einmal grüßen mich viel mehr SchülerInnen, die ich noch nie unterrichtet habe. Das hat mich anfangs extrem verwirrt, natürlich grüße ich zurück, aber bei jedem "Guten Morgen!" oder "Hallo!" ist mein Gedankenzug wieder entgleist. Warum grüßen sie mich auf einmal? Und dann hört man aus der Entfernung sowas wie "Ach, das da ist Dr Hilarius".

Bis mir dann irgendwann ein Licht aufgeht. Ein paar meiner SchülerInnen haben eine Petition für mich gestartet. Sie sind durch die Klassen gegangen, ich habe diese Listen mit hunderten Unterschriften gesehen. Es fängt also an zu wirken, das, was ich bisher im Blog verschwiegen habe und worüber ich auch weiterhin nichts sagen werde. Im Kopf bin ich natürlich schon drei bis fünf Schritte weiter, das ist der Hochbegabung geschuldet, ich kann nicht anders. 

Und deswegen hat mich das Erleben in der Schule so überrascht, und ich bin total gerührt von der ganzen Unterstützung, die mir entgegen gebracht wird. Ich weiß tatsächlich nicht, was ich sagen soll.

Ende des Beitrags.

post scriptum: Und es kommt noch etwas Freude hinzu - heute habe ich im Unterricht zum ersten Mal "Joan Is Awful" (eine Black Mirror-Episode) behandelt, klassisch mit Vorentlastung und Voreinstellung. Ich dachte mir bei'm ersten Ansehen schon, dass das etwas für den Unterricht sein könnte. Es hat meine SchülerInnen zum Reden gebracht, und das war großartig! Nächste Stunde ist noch die Nachbereitung dran, und ich freue mich, dass meine Vorbereitung aufgegangen ist. Wir schauen das auch irgendwann mal, die große Buba, ja?

paulo post scriptum: Und ein sehr intelligenter Kopf meinte dann heute "Schön, sie lassen uns Netflix schauen und mussten dafür keinen Unterricht vorbereiten." Und weil ich weiß, was Sachlichkeit ist, habe ich dann damit gekontert, wie viel Vorbereitung tatsächlich in dieser Stunde steckte. Das Ansehen der Episode für mögliche Vokabelprobleme, sehen, wo pausiert und welche Frageimpulse gesetzt werden können, SchülerInnenreaktionen antizipieren - das braucht alles seine Zeit, und Ihr lieben Lehrkräfte da draußen wisst das, Euch brauche ich das nicht zu sagen. Aber dieser intelligente Kopf heute brauchte eine Aufklärung. ;-) 

addendum: Gestern hatte ich darüber geschrieben, wie ich die Verabschiedung unserer AbsolventInnen verschlafen habe. Eben lese ich eine Mail, angehängt ist das Foto der Kiddies auf den Abitreppen. Da stehen sie alle, die ich verpasst habe. Strahlend (nicht alle, Fotomoment eben), das Zeugnis in der Hand, viele von ihnen haben sich für diesen Anlass schick angezogen, ich erkenne manche von ihnen kaum wieder. Kennt Ihr das Gefühl? Und während ich dann so einzeln nach und nach die Gesichter durchscanne und sie wiedererkenne, rollen die Tränen. Ich bin so stolz darauf, wie einige für ihren Abschluss gekämpft haben.

Heute also doppelt gerührt.