Donnerstag, 2. Juni 2022

Bestanden! ...aber...

Heute seid Ihr Helden

Heute haben unsere Prüflinge die Ergebnisse der ESA/MSA-Abschlussprüfungen bekommen. Ist ein interessantes Gefühl, ihnen danach zum ersten Mal in die Augen zu schauen. Ich kann anhand der Augen ihre Gefühle nicht so gut erkennen. Einfach ist es, wenn jemand freudig strahlt, aber sobald es um feinere Nuancen geht, bin ich raus. Eine andere Schülerin schaut mich an, ich habe den Eindruck, dass sie lächelt, aber dann sagt sie, dass sie den Jahrgang wiederholen wird. Ich kann sowas einfach nicht zuordnen.

Ich mache ihnen aber klar, dass ich stolz auf sie bin. Sie haben ihren Schulabschluss bestanden, und das ist toll, gerade wenn ich bedenke, wie sehr ein paar Schüler zu kämpfen haben. Und dann kommen die ersten Fragen: "Meinen sie, ich sollte eine mündliche Prüfung machen, damit ich meine Note nochmal verbessern kann?" In Deutsch und Mathematik ist das möglich, in Englisch nur, wenn man die Englischprüfung gestrichen hat (weil dort der obligatorische sprachpraktische Teil bereits eine mündliche Prüfung ist).

Und dann muss ich all' meinen Mut zusammennehmen und sagen: "Nein." Ich ringe nach Worten, um das nett rüberzubringen - aber es ist eben so, dass bei allen Menschen die kognitiven Fähigkeiten irgendwann ausgereizt sind und nicht jeder sich auf eine sehr gute Note steigern kann. Und die "Aber das ist doch ein tolles Ergebnis!"-Phrase rutscht mir nicht raus.

Faszinierend war es da, dass ein Schüler heute in der Pause ernsthaft meinte, dass mir die Schüler bestimmt leid tun, wenn ich ihnen sagen muss, dass es keine Möglichkeit zur Verbesserung gibt, zum Beispiel keinen Aufstieg in die Oberstufe. Es bricht mir manchmal das Herz, aber an diesem Punkt zählen kalte Fakten und Zahlen auf dem Papier, diese Note mit zwei Nachkommastellen, und das soll jetzt Aussagekraft haben.

Ich sage ihnen nicht, dass diese Zahl immer etwas von Willkür hat. Ich sage ihnen auch nicht, dass diese Zahl ihre Zukunft mit Sicherheit beeinflussen wird. Mir schwebt vor dem geistigen Auge jedes mal eine Eins Komma Neun, die mir keine Türen geöffnet hat, sondern bestenfalls die Möglichkeit verschafft hat, diese Tür anzuschauen. Und weiterzugehen. Hoffentlich schreiben auch einige der SchülerInnen Briefe, obwohl sie die Schule verlassen und es ihnen egal sein könnte. Wäre schön, wenn jemandem bewusst wäre, dass ich diese Kiddies im Fach Englisch zu ihrem Abschluss geführt habe.

Jetzt kommt für Euch der große Blick nach draußen - nicht mehr täglich auf die Tafel gerichtet, sondern auf Eure eigenen Ziele, Wünsche und Träume. Mutig voran!

Dienstag, 31. Mai 2022

Unterricht zerfleddert


In dieser Phase des Schuljahres fällt es mir immer besonders schwer, den Überblick zu behalten, weil meine Gedanken sich in der Regel nur noch um die anstehende Arbeitslosigkeit drehen. So ist mir erst am Wochenende bewusst geworden, dass kaum noch Unterricht stattfinden wird: Nächstes Wochenende ist Pfingsten, in der Woche darauf ist bis auf Montag prüfungsfrei, und am Montag begleite ich wahrscheinlich eine Klasse auf einen Ausflug, und dann sind wir auch schon fast bei Projektwoche, Schulfest und letztem Schultag angekommen.

Also muss ich irgendwie noch Leistungsnachweise zusammenkratzen in diesen zerfledderten Unterrichtsstunden - so schreibt ein Kurs am Donnerstag seine vierte und am kommenden Dienstag seine fünfte Klassenarbeit. Manchmal geht es eben nicht anders, und ich sehe mich gerade nicht in der Lage, alternative Leistungsnachweise einzufordern.

Langsam kommt also das große Finale. Nächste Woche beende ich mit meinem Kurs in 9 die Arbeit an Lois Duncans Down a Dark Hall, das hat richtig Spaß gemacht und wir schauen uns an, ob die Romanverfilmung etwas taugt. Den Rest der Unterrichtszeit verbringe ich mit etwas, worüber ich hier im Blog nicht schreiben sollte. Es geht also langsam auf den (vorläufigen) Abschied zu.

Montag, 30. Mai 2022

Gefährliches Pflaster


Ich bin damals am Werner-Heisenberg-Gymnasium in Heide (Dithmarschen) zur Schule gegangen. Wenn das Wetter gut war, bin ich mit dem Fahrrad zur Schule gefahren, wenn es schlecht war, mit dem Bus. Linie 15 war das damals, Weddingstedt-Heide, alle zwei Stunden ein Bus. In Weddingstedt vor der Zahnarztpraxis eingestiegen, und für den Rückweg habe ich an der Bushaltestelle am Markt gewartet - es sei denn, der Unterricht war so zu Ende, dass ich besser mit der 14 oder 16 vom ZOB fahren konnte.

Diese Bushaltestelle ist berüchtigt. Gegenüber Wandmaker, so hieß der Laden damals, keine Ahnung, was da jetzt drin ist. Das war ganz praktisch, wenn ich warten musste, konnte ich mir bei Wandmaker noch einen Müsliriegel holen. Ich habe nicht gern am Buswartehäuschen gewartet, denn das war der Sammelplatz für Heider Obdachlose, mit viel Alkohol und dem Stress, den die Situation dann auch mal mit sich gebracht hat. Es ist öfters laut geworden.

Wandmaker gibt es zwar nicht mehr, aber das gefährliche Pflaster ist dort noch immer, nur gut fünfzig Meter verrutscht: Der Heider Südermarkt ist seit einer Weile offiziell zur "gefährlichen Zone" deklariert worden. Dort kommt es häufiger zu Schlägereien, allein in diesem Jahr sind bisher vierzig Anzeigen eingegangen. Und letzte Woche scheint dort ein junger Mann, zwanzig Jahre alt, an den Folgen einer Schlägerei verstorben zu sein.

Heide. Idylle auf dem Land.

Donnerstag, 26. Mai 2022

Kuh


best science fiction films 2021 rotten tomatoes

best psychological thrillers rotten tomatoes

best horror films 2022 rotten tomatoes

Das sind ganz klassische Suchanfragen, die ich Google stelle, wenn ich mir einen neuen Film anschauen möchte, und so war ich auch heute wieder auf der Suche. Da waren interessante Filme dabei, die ich noch nicht kannte (es ist sehr schade, dass man irgendwann die Besten alle kennt), über ein Attentat auf den amerikanischen Präsidenten, über einen afroamerikanischen Polizisten, der einen Mord in einer Kleinstadt aufklären soll und mit Rassismus konfrontiert wird, und dann fällt mir ein, dass mir ein anderer Film in den letzten Tagen häufiger untergekommen ist und dass ich heute eigentlich keinen Thriller brauche. Ich entscheide mich für ein anderes Genre - mit einem tollen Filmerlebnis.

Im Stil einer Dokumentation zeigt der Film Cow (2021) Szenen aus dem Leben einer Kuh - erfrischend unsentimental, einfach sachlich, fast komplett ohne Dialoge und es gibt keinerlei talking heads. Die subjektive Kamera zeigt uns das Leben einer Milchkuh. Wir sehen, wie sie kalbt. Zweimal. Wir sehen, wie sie frisst, hören, wie sie atmet. Das klingt unglaublich langweilig.

Aber es ist wie mit den Filmen Andrej Tarkovskys: Lange Szenen geben einen Denkimpuls und lassen uns als Zuschauer dann reichlich Zeit, ernsthaft philosophisch nachzudenken. Und so habe ich heute auch viel nachgedacht, während ich mir angeschaut habe, wie diese friedliche Kuh täglich zum Melken geführt wird, wie eine Maschine sie zur Seite klappt, damit ihre Hufe gefeilt werden können, wie sie mit einem Zuchtbullen zusammengebracht wird, wie sie Milch gibt, frisst, und irgendwann schleicht sich dieser Gedanke ein:

Wir holen uns also nüchtern nach Zyklen berechnet aus dieser Kuh (mit dem Namen Luma) möglichst viele Kälber heraus (sechs). Wir pumpen aus ihr so viel Milch heraus wie möglich. Jeden Tag. Und jedes Jahr ein neues Kalb. Das Ende ist natürlich erwartbar, Luma hat inzwischen ein riesiges Euter, sie kann kaum noch geradeaus gehen, also führt der Bauer sie in eine Scheune, gibt ihr einen Eimer mit Kraftfutter, verschwindet kurz, kommt mit Kopfhörern wieder und erschießt die Kuh, die - unsentimental - umfällt und ihr Leben aushaucht. Und ich frage mich, wie wir eigentlich mit Tieren umgehen.

Ein ganz großartiger Film, gerade weil kein Kitsch dabei ist, keine romantische Verklärung der fröhlichen Milchkuh auf der grünen Weide, sondern cinéma vérité - beobachten und zum ernsthaften Nachdenken anregen.

Das schafft kaum ein Thriller.

Mittwoch, 25. Mai 2022

And... again.

Symbolbild, Oxford hat nix damit zu tun

"He shot and killed, horrifically, incomprehensibly..." (Greg Abbott, Texas' Governor)

Ich würde ja schreiben "Es geht schon wieder los", aber passender wäre wohl "Es hört einfach nicht auf." - ein Achtzehnjähriger hat an der Robb Elementary School in Uvalde, Texas mindestens neunzehn SchülerInnen und zwei Erwachsene erschossen. Die Waffe hat er sich kurz zuvor gekauft, direkt nach seinem achtzehnten Geburtstag.

Jetzt wird es in den USA ablaufen, wie es immer abläuft in diesem Zweiparteienland mit seiner gun lobby: Die Demokraten werden laut nach strengeren Waffengesetzen schreien, die Republikaner werden zurückschreien, dass jetzt nicht der Zeitpunkt sei, um über gun control zu reden, jetzt müsse man erstmal trauern. Und es wird nichts passieren - da können Präsident Joe Biden und Vizepräsidentin Kamala Harris noch so fassungslos sein und Beflaggung auf Halbmast für den Rest der Woche anordnen. Sie kommen nicht gegen die einflussreiche Waffenlobby an, in einem Land, das die Wörterbuchdefinition von trigger happy darstellt.

Das muss man sich mal vorstellen. Diese GrundschülerInnen haben überhaupt nichts verbrochen, und jemand kommt und erschießt sie nacheinander mit zwei assault rifles (Sturmgewehren). Und dann soll mir nochmal irgendjemand erzählen, die Szene in Gus Van Sants Elephant (2003) sei unrealistisch: An einem ganz normalen Schulvormittag, an dem jeder seinen Tätigkeiten in einer High School nachgeht, betreten zwei Schüler das Gebäude und erschießen systematisch Mitschüler und Lehrer. Emotionslose Darstellung, unsentimental, ohne Glamor, ohne Erklärung.

"incomprehensibly" sagt Greg Abbott - unverständlich, nicht nachvollziehbar sei diese Tat gewesen. Unverständlich? Unbegreiflich?? Was erwartet ihr denn, wenn in eurem Land jeder volljährige Einwohner Zugriff auf eine oder mehrere Waffen haben kann? 

You're fucking kidding me. 

This will never stop.

post scriptum: Hier gibt es eine knapp dreiminütige, sehr emotionale Rede von Steve Kerr, Basketballcoach, vor einem anstehenden Spiel, in der er sich über die Bedeutungslosigkeit der Schweigeminuten und die Machtlosigkeit angesichts des Senats aufbringt:

Hier geht's zum Video der Ansprache

Montag, 23. Mai 2022

Have your cake... and eat it!


Oh mann.

Das war mal echter Horror - so schlecht, dass es wehgetan hat. Und dieser Schrott hat haufenweise Nominierungen für Preise erhalten, darunter Golden Globe und Emmy-Awards. Jetzt werde ich einen Beitrag schreiben, in dem ich fürchterlich arrogant klingen werde, wenn man zwischen meine Zeilen etwas hineinliest. Aber wer mich kennt, weiß, dass ich einfach nur Fakten aufliste.

Es ist ein Irrglaube, wenn man denkt, nur weil eine TV-Serie viele Staffeln hat, weil einige Gaststars dort auftreten, weil sie Publikumspreise bekommen hat, weil sie in der IMDb eine sehr gute Wertung halten hat, dass das dann tatsächlich eine gute Show ist. Es ist mal wieder ein Fall von unterschiedlicher Wahrnehmung: Das Publikum liebt es, die Kritiken verreißen es.

Zumindest teilweise: Viele bemühen sich, der Serie American Horror Story Gutes abzugewinnen. Gibt es auch: Etwa Eins Komma Drei gute Szenen in jeder Folge und Jessica Lange spielt mit. Eine der großen Schauspielerinnen, die sich trotz der Triple Crown of Acting nicht zu schade dafür sind, sich dem Schrott hinzugeben. Helen Mirren ist auch so eine. Ich akzeptiere das.

Und ich glaube, wenn man mit dem Bewusstsein herangeht, dass es eine Serie von inkompetenten Machern ist, dann kann man da auch viel Spaß haben; wenn man einfach nicht zu viel erwartet. Da fällt das alles gar nicht auf: Grottenschlechte Schauspieler, tonnenweise acting out of character, plot holes, fehlende Anschlüsse, Kameraführung ohne Konzept, Sinn und Verstand, infantile Dialoge, negativ-dimensionale Charaktere, die ohne Vorwarnung zwischen verschiedenen Persönlichkeiten hin und her springen (und dafür gibt es leider keine plotbedingte Erklärung), male gaze, dass es einem zu den Ohren herauskommt, Homophobie und natürlich auch eine Frau mit dem Down-Syndrom, die "tragisch" in der Mitte der Serie stirbt, nachdem sie eine Barrikade von "Mongo-Sprüchen" abbekommen hat. 

Wenn man tatsächlich die ganze erste Staffel (Murder House) durchgeschaut hat, ergibt am Ende alles irgendwie Sinn, und die vorletzte Szene ist auch gut. Blöd nur, dass der schöne Eindruck durch die letzte Szene kaputt gemacht wird - als hätten die Macher das Gefühl, sie müssten immer noch einen obendrauf setzen, völlig egal, ob die Drehbuchlogik das überhaupt hergibt.

Unheimlich ist das ganze an keiner Stelle. Das ist kein Horror, das ist Trash-Comedy. Sicherlich hat auch das Genre seine Berechtigung, aber ich habe gemerkt, dass ich das nicht aushalte. Ich habe eine Aufmerksamkeitsspanne von mehr als drei Sekunden, und deswegen fällt mir jede noch so kleine Ungereimtheit auf, und ich kann nicht einfach drüber hinweglächeln und Spaß haben. Ich habe mehrfach überlegt, das Ganze abzubrechen - aber sowas mache ich nicht. Ich habe Geld für die gesamte Staffel ausgegeben, also schaue ich sie mir auch bis zum Ende an. Have your cake... and eat it! 

Hier ist mir meine Intelligenz im Weg. Ich bin völlig unfähig, so etwas zu genießen. Ich habe mittlerweile so viele von Roger Eberts Filmrezensionen gelesen, dass ich zu dem Schluss komme, er könnte auch ein Aspi gewesen sein. 

*kurze Recherche* 

OMG! Ich lese, dass Ebert tatsächlich auch ein Aspi war - da fällt mir alles wie Schuppen von den Augen - warum er so viel Gutes in Filmen sehen konnte (wie zum Beispiel in The Cell (2000) oder Stay (2005), die von den meisten anderen Kritikern komplett verrissen wurden), warum er mit Dummheit überhaupt nicht klargekommen ist, warum so viele ihn gehasst haben, warum ich seine Rezensionen liebe.

Das macht jetzt alles einen Sinn.

Ich sollte American Horror Story dankbar sein.

post scriptum: Ich brauche dringend ein Antidot, ein Gegengift gegen diese stupide Unterhaltung, Zeitverschwendung, wie auch immer man es nennen will. Also schaue ich mir nochmal "The Haunting of Hill House" an - um wieder zu erleben, was eine wirklich gute Haunted House-Serie ist.

paulo post scriptum: Ohklott, das klingt jetzt alles so bösartig! War aber nicht so gemeint. Es ging mir nur darum: Ich kann mein Gehirn nicht abschalten, und ich kann den Fehler-Geigerzähler nicht abschalten. Ich *kann* so eine Serie nicht genießen, und ehrlich gesagt beneide ich die Zuschauer, die das schauen und einen Mordsspaß haben...

Freitag, 20. Mai 2022

Die Korrekturen


Ich habe vor einer Weile hier im Blog geschrieben, dass meine Schule ganz besondere Vibes habe, die mich an SPO erinnern. Das ist falsch. Die Toni hat keine SPO-Vibes.

Und trotzdem unterrichte ich dort von Herzen gern.

post scriptum: So, endlich sind alle Abschluss-Prüfungs-Angelegenheiten durch, jetzt stehen neun freie Tage bevor. Zeit zum Aufräumen.

Und sorry an alle, die bei dem Beitragstitel vielleicht an Jonathan Franzen dachten, oder an Klausuren. Hat nix damit zu tun.