Dienstag, 7. April 2020

Essen wegwerfen

Darf es vielleicht noch ein bisschen mehr sein?

Habt Ihr schon einmal Essen weggeworfen? Mir ist das leider letzte Woche wieder passiert - eine Brottüte, in der noch zwei Scheiben übrig waren, aber ich habe sie nicht gegessen - so lange, bis dann Schimmel entstanden ist, und dann musste ich die Brotscheiben wegwerfen.

Das geht echt gar nicht. Und was noch weniger geht, ist der Grund, warum es überhaupt zu solchen Situationen kommt: Ich kaufe mehr Essen ein, als ich brauche, und dann entsteht in meinem Kopf eine Prioritätenliste - was esse ich zuerst, was danach? Und nicht selten kommt es vor, dass ich neues Essen einkaufe, bevor ich das "alte" Essen aufgegessen habe. Mich hat das ein bisschen an Supermärkte erinnert, die vollkommen intaktes Essen wegwerfen müssen, weil das MHD abgelaufen ist, oder Restaurants, die nachts Reste in die Tonne kippen. Das sind definitiv first world problems, und noch schlimmer ist, dass ich nur selten so intensiv darüber nachdenke, wie ich es in diesem Beitrag mache. Das Wegwerfen passiert einfach mal beiläufig - während es unzählige Menschen gibt, die derweil hungern müssen. Das Gewissen sollte mich eigentlich gründlich quälen.

Ausgerechnet ein Film hat mich diesmal an die Thematik denken lassen. Der SciFi/Horror-Hybrid El hoyo (Der Schacht, 2019) veranschaulicht die Konsequenzen dieses Handels so deutlich, dass ich überlegt habe, den Film in meinen Schulkanon aufzunehmen - habe mich aber dagegen entschieden, dazu weiter unten mehr.

Ich kann diese sozialkritische Parabel wärmstens empfehlen; wer sie schauen möchte (auf "Netflix" verfügbar), sollte an dieser Stelle vielleicht erstmal nicht weiterlesen.

"Es gibt drei Arten von Menschen: Die darüber, die darunter und die, die fallen."

Goreng wacht in einer Gefängniszelle auf - ein quadratischer Raum, etwas sechs Meter breit, lang und hoch. In der Mitte befindet sich ein großes, quadratisches Loch im Boden und eines oben in der Decke. Goreng ist nicht allein, auf der gegenüberliegenden Seite sitzt ein Mithäftling. Jede Zelle dieses Gefängnisses beherbergt zwei Gefangene. Goreng tritt näher an das Loch im Boden und schaut nach unten: Unter seiner Zelle ist eine weitere, gleich geschnittene Zelle. Und auch der Blick nach oben zeigt eine weitere Zelle. Alle Zellen dieses Gefängnisses sind übereinander gestapelt. Niemand weiß, wie viele es sind, eine große Achtundvierzig an der Wand zeigt die Ebene an. Mitten durch diese Zellen reicht ein gewaltiger Schacht von ganz oben bis...?

Ein lautes Summen, und langsam schwebt aus dem oberen Loch eine quadratische Plattform nach unten. Darauf befinden sich Essensreste; Goreng zögert, während sich sein Mithäftling gierig auf die Essensreste stürzt. Einen Moment später ertönt das laute Geräusch erneut, und die Plattform senkt sich langsam in die Zelle darunter herab.

Die Prämisse ist genial: Für die Verpflegung der Gefangenen wird jeden Tag auf der obersten Ebene ein Festessen zubereitet und auf der Plattform angerichtet, und diese Plattform fährt dann nach und nach durch alle Ebenen; jeder darf essen, soviel er möchte, er darf aber kein Essen bunkern. Die Menge an Essen, das zubereitet wird, richtet sich nach der Anzahl der Gefangenen - wenn jeder nur so viel essen würde, wie er braucht, würde das Essen für alle Ebenen reichen; da aber die Menschen auf den oberen Etagen sich den Bauch vollschlagen, ist die Plattform jedesmal noch vor der sechzigsten Ebene leergefuttert, und niemand weiß, wie viele Menschen darunter hungern müssen.

Das bietet bereits einen Spiegel unserer Gesellschaft, aber dieses Gefängnis hat noch eine weitere Grausamkeit auf Lager: Jeden Monat wird an einem Tag ein Gas in den Schacht geleitet, ein Schlafmittel. Am nächsten Tag erwachen die Gefangenen auf einer völlig anderen Ebene. So kann es sein, dass jemand einen Monat lang auf Ebene Acht schlemmen kann ohne Rücksicht auf Andere, im nächsten Monat erwacht er dann auf Ebene Neunzig und muss die Konsequenzen dieses rücksichtslosen Verhaltens am eigenen Leib spüren. Auch das findet sich in unserer Gesellschaft wieder, und auch hier fehlt uns oft das Bewusstsein für die Menschen auf den anderen "Etagen".

Es ist eine einfache, aber clevere Idee, und bietet Gesprächsstoff zu Themen wie Solidarität, Egoismus, Klassengesellschaft, need versus want und viele mehr. Dennoch sollte ich den Film nicht in der Schule verwenden, denn die Kamera zeigt schonungslos, was dieses grausame System mit den Menschen anstellt - Selbstmord, Mord, Kannibalismus. Der Film hat seine Freigabe ab achtzehn Jahren verdient, und der subtile Humor schafft es nicht immer, die düstere Atmosphäre leichter erträglich zu machen. Immerhin wird die Gewalt nie als Selbstzweck dargestellt, sondern ergibt sich aus der Not heraus.

Die surreale Story erinnert an den Film Cube (1997), ebenfalls ein minimalistischer SciFi-Film mit großer Wirkung, weitreichenden Implikationen und einer Schlussszene, die ein toller Ausgangspunkt für intensive Gespräche sein kann.

Ich habe mich durch den Film daran erinnert gefühlt, dass ich eben auch manchmal mehr Essen einkaufe, als ich überhaupt brauche, und dass das dann notfalls weggeworfen werden muss. Damit bin ich nicht besser als die Menschen auf den oberen Ebenen des Schachts, und es bleibt nur zu hoffen, dass ich nicht irgendwann selbst gänzlich ohne Mittel auskommen muss.


Freitag, 3. April 2020

Herzchen??? Am Arsch!!!

Wenn man sonst keine Probleme hat...

Ich wäre fast sorry für diesen expliziten Titel, aber er passt nun mal wörtlich und figurativ. Wir bekommen ja alle seit Wochen mit, wie Klopapier und Fertiggerichte gehamstert werden, und ich finde das mildly amusing, solange ich von außen zuschauen und den Kopf schütteln kann. Aber wenn ich selbst darunter zu leiden habe, ist das eine andere Sache.

Vor über einer Woche habe ich dann mal festgestellt, dass ich nun selbst neues Klopapier brauche, da ich bei den letzten zwei Rollen angekommen war. Und seitdem ich in der Drogerie dieses Klopapier mit den blauen Motiven gefunden habe, die wunderbar zu meinem Badthema passen, durfte es auch kein anderes mehr sein. Dieses Klopapier oder gar keines! Da bin ich mal wieder etwas festgefahren.

Also habe ich mich auf den Weg in die erste Rossmann-Filiale gemacht - aber das blaue Klopapier hatten sie nicht mehr, nur noch irgendeins mit Frühlingsblumen und in Lindgrün, und das geht nun echt gar nicht. Und so habe ich bis heute insgesamt neun Filialen besucht. Und es ist nicht nur, dass sie das blaue Papier nirgendwo mehr hatten - ab der vierten Filiale konnte ich dort überhaupt kein Klopapier mehr finden.

Alles nicht so dramatisch, dachte ich erst, aber gestern bin ich bei den letzten zwanzig Blatt angekommen, und dann war das nicht mehr so witzig. Klar, Küchenpapier wäre zur Not im Haus... aber es kann doch nicht sein, dass Opa und Oma an der Bushaltestelle mit acht Packungen á zwanzig Rollen Klopapier auf den Bus warten - und erzählt mir nicht, Ihr hättet nicht ähnliche Szenarien gesehen! Und für Leute, die das dann brauchen, ist nix mehr übrig.

So bin ich dann heute, mein Wille gebrochen, in die zehnte Drogeriefiliale getapert, in der Hoffnung, überhaupt noch irgendein Klopapier zu bekommen. Auch hier wieder gähnende Leere, mit den Aushängen, dass die Leute keine Hamsterkäufe machen sollen, dass es genug Klopapier gäbe, dass ständig nachgeliefert würde und dass sie die Abgabe auf höchstens eine Packung pro Kunde begrenzen. Und trotzdem - alles weg. Doch da... da oben bei den Taschentüchern, ich glaube es gerade nicht, da steht eine Packung Klopapier.

Mit Frühlingsmotiven. Mit Waschbären, und Blümchen, und roten Herzchen überall? Aber es nützt nichts, ich komme nicht drumrum, und so steht das Klopapier nun in meinem Bad, passt überhaupt nicht dorthin, und sobald ich wieder das blaue habe, verschenke ich diese dämlichen Frühlingsrollen. Herzchen??? Ganz ehrlich: Am Arsch!!!

Dienstag, 31. März 2020

Entspannung für die Augen


Zu Studienzeiten hatte ich Schlafmasken noch als fancy abgetan, irgendsoein Etepetete-Zeug, braucht man nicht, warum auch, ich schlafe, wenn es dunkel ist, da brauche ich nicht auch noch eine Schlafmaske, die meine Augen abdeckt - im Gegenteil, ich kann nicht schlafen, wenn ich etwas am Kopf trage; mittlerweile jedoch liegt in meiner Wohnung seit ein paar Jahren eine Schlafmaske, für die ich sogar etwas mehr Geld ausgegeben habe. Warum? Und warum schreibe ich ausgerechnet jetzt darüber?

Corona, Darling (die große Buba sieht einen rosa Tornado und platzt). Die Krise fordert von uns, dass wir auf soziale Kontakte nicht verzichten, aber dass wir social distancing praktizieren - dass wir uns voneinander fernhalten. Eine gute Möglichkeit, trotzdem in Kontakt zu bleiben, könnte FaceTime oder Skype sein - Videotelefonie mit den Menschen, die einem am Herzen liegen; auch in den Nachrichten sehen wir zur Zeit anstelle richtiger Interviews immer häufiger Videoschalten. Und um uns die Zeit zu vertreiben, spielen wir Videospiele.

Klar, ich spreche nicht für alle, aber es geht mir darum: Es wird insgesamt noch mehr auf die Bildschirme geschaut als sonst. Das belastet die Augen, lange Bildschirmzeit kann zu trockenen Augenlidern führen, zu Juckreiz oder Brennen in den Augen, und es kann bei empfindlichen Menschen zu einem epileptiformen Krampfanfall kommen, wenn man nicht jede Stunde eine Pause einlegt.

Ich bin nicht ganz so empfindlich, aber manchmal merke ich nach zwei bis drei Stunden an einem Videospiel, wie die Augen gereizt werden. Das ist der Moment, in dem ich meine Schlafmaske auspacke, Musik von Entheogenic einschalte, die Maske aufsetze und mich auf die Couch lege, um im Dunklen in die Psybient-Welten abzudriften und dabei die Augen zu beruhigen. Die Maske, die ich nutze, sorgt für richtige Dunkelheit, dabei ist sie nach außen gewölbt, liegt also nicht auf den Augen auf, sie ist flexibel "einstellbar", das Material ist weich, bleibt aber trotzdem auch nach dem Zusammenfalten und In-den-Beutel-stecken in Form.

Ich muss zugeben, das war mal eine Anschaffung, die mir richtig nützt und die ich gern nutze. Nach einer Viertelstunde Musik (meistens nehme ich eher das knapp halbstündige Love Letters to the Soul) nehme ich die Maske ab und fühle mich fit, die Augen sind erholt, es kann weitergehen. So wie heute: Ich schreibe jetzt diesen Beitrag, direkt nachdem ich die "Augenpause" hatte und kann problemlos auf den Bildschirm schauen.

Schwarz und angenehm!

Montag, 30. März 2020

Der nächste Schritt


Wie nun damit umgehen? Ich könnte das Gutachten in der Luft zerreißen und rumtönen, dass die Ärzte doch alle keine Ahnung haben. Das wäre allerdings blöd - als sei ich der Experte in Sachen Asperger. Nein, in dem Bericht sind viele interessante Dinge aufgelistet, damit kann man arbeiten. Für mich lautet der nächste Schritt, mich gründlicher über das Asperger-Syndrom zu informieren. Bücher lesen, etwas Bildung aneignen - auch wenn es vielleicht nicht für mich relevant sein sollte, werde ich daraus sicherlich etwas für die schulische Arbeit lernen.

Und dann? Eine Möglichkeit wäre, zur Psychiaterin hier in Kiel zu gehen, mit ihr das Gutachten zu besprechen und Rat einholen, wie in der Sache weiter verfahren werden sollte. Ich könnte auch schauen, ob ich einen Arzt finde, der sich auf Asperger spezialisiert hat. Unabhängig von dieser Geschichte würde ich mich gern an die Praxis Karin Joder wenden, die auf Hochbegabung spezialisiert ist. Dafür bräuchte ich allerdings eine private Krankenversicherung - und die wiederum muss warten bis zur Verbeamtung (an die ich ganz realistisch nicht mehr glaube).

Da hätten wir also ein paar Möglichkeiten, konstruktiv mit dem Bericht umzugehen. Zuerst würde ich mich allerdings gern auf die schulische Arbeit konzentrieren, das muss jetzt erstmal vorgehen. Ich möchte aber an dieser Stelle unbedingt noch einmal herausstreichen, wie stolz ich auf die Sannitanic und die große Buba bin, denn ohne deren Zuspruch und praktischer Unterstützung wäre ich immer noch kein bisschen schlauer. Genau das ist mein Konzept mit der Freundschaft, ich hab' diese beiden irren Tanten, die sich um den irren alten Mann kümmern, und mehr soziale Kontakte brauche ich eigentlich nicht wirklich. Whatever.

Danke, Ihr Beiden!

post scriptum: Und die große Buba hat mir indisches Curry mit Reis mitgebracht, sooooo lecker und lieb von ihr :-)

Samstag, 28. März 2020

Diagnose


Liebe Frau Dr X!

Hier schreibt Ihnen der (mittlerweile entlassene) Patient mit den schwarz lackierten Fingernägeln. Ihr Befund hat mich erreicht und ich möchte mich noch einmal bei Ihnen dafür bedanken, wie nachvollziehbar Sie mir erklärt haben, was es bedeutet, eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zu haben, und warum diese bei mir nicht festgestellt werden kann. Sie haben mir anschaulich dargelegt, dass bei Autisten bestimmte Verknüpfungen im Gehirn einfach nicht vorhanden sind, und dass es deshalb zu Schwierigkeiten in der Kommunikation kommen kann, im emotionalen Erleben oder im Erstellen von Zusammenhängen. Das alles funktioniert bei mir offensichtlich und so weiß ich nun, dass ich kein Autist bin. Sie bescheinigen mir, dass ich ein völlig normaler, etwas exzentrisch gekleideter Mensch bin. Vielen Dank für diese Antwort, das gibt mir etwas Ruhe!

Nur... manchmal brauche ich wirklich lange, um zu schalten.

Das nervt mich immer wieder, denn oft fällt mir erst Stunden oder Tage nach einer bestimmten Situation etwas ein, das ich eigentlich sagen wollte. So war es auch bei unserem letzten Gespräch - erst Stunden später, als ich schon längst wieder in Kiel war, ist mir eingefallen, dass ich gar nicht zu Ihnen gekommen bin mit der Frage, ob ich Autist bin. Ich hatte mich im Vorfeld einigermaßen mit dem Thema beschäftigt, und bin bereits selbst zu diesem Schluss gekommen. Meine Frage ging dahin, ob das Asperger-Syndrom - eine milde Variante der ASS - bei mir mit Sicherheit ausgeschlossen werden könne - so wie es auch auf der Überweisung zu Ihnen steht. Und da sind nun doch einige Fragen offen geblieben.

Da geht mir zunächst etwas durch den Kopf, was Sie mir bei unserem letzten Gespräch gesagt hatten: Dass es nämlich einige Auffälligkeiten in den Selbsteinschätzungsbögen gebe, und dass Sie einige Widersprüche in Ihrem Interview mit mir festgestellt hätten. Leider sind wir darauf nicht näher eingegangen, aber auch das haben Sie mir erklärt: Patienten fehle bei einer Selbsteinschätzung in der Regel die Referenz, und deswegen schätzten sie Werte oft zu hoch oder zu niedrig ein. Und die Widersprüche im Interview?

Sie haben wir eine Differentialdiagnostik aufgezeigt, die das alles wohl erklären könnte, nämlich ein stark ausgeprägtes ADHS in der Kindheit, das nicht bis in's Erwachsenenalter persistiere, das aber die Auffälligkeiten in den Zeugnissen erklären könnte, ebenso auch meine Verhaltensauffälligkeiten in der Gegenwart, wie zum Beispiel "leicht bestehende reduzierte Inhibition" (was als mangelnde Empathie wahrgenommen werde). Das empfand ich in unserem Gespräch als nachvollziehbar.

In Ihrem Bericht sind nun allerdings auch die Testergebnisse genauer aufgelistet, und um sie zu verstehen, musste ich zunächst einen neuen medizinischen Begriff lernen, nämlich den Cut-Off (CO), also den Wert auf einer Skala, ab dem eine medizinische Auffälligkeit besteht, bzw. den Wert, den ein Großteil einer Testgruppe mit der zu untersuchenden Diagnose erreicht. Ein Beispiel wäre vielleicht der Intelligenzquotient - der CO, ab dem man von Hochbegabung sprechen würde, liegt bei 130, der CO, ab dem man von einer geistigen Behinderung spricht, liegt bei <70.

So erreiche ich auf der Attention-Deficit-Scale for Adults (ADSA) 168 Punkte, der CO liegt bei 181, und auf der Brown Attention Deficit Scale (BADS) 65 Punkte bei einem CO von 50-60. Das ist ein interessanter Befund, würde ich meinen. Das deutet in die Richtung der von Ihnen gestellten Differentialdiagnose.

Im Bereich der Screeningbögen für Persönlichkeitsstörungen zeigen sich Hinweise auf eine schizoide Persönlichkeitsstörung; dort liege ich genau auf dem CO von vier von neun möglichen Symptomen. Diese Störung schließen Sie allerdings bei mir aus, als Resultat des klinischen Interviews. Ihre Kollegin hat mir aber empfohlen, mich einfach einmal über die schizoide Persönlichkeitsstörung zu informieren - was ich auch gemacht habe, und dabei habe ich erkannt, dass es wirklich viele Übereinstimmungen mit meinem Verhalten gibt. Eine interessante Feststellung; ich wüsste gern, wieso Sie das bei mir mit Sicherheit ausschließen können.

Sowohl diese Auffälligkeit als auch die Punkte auf den ADHS-Skalen ließen sich auch mit einer Autismus-Spektrum-Störung erklären - wie also lauten die Werte auf den einschlägigen Testbögen zur Autismus-Diagnostik?

Auf der Cambridge Behaviour Scale (EQ) liegt der CO bei <30 - unauffällige männliche Probanden erreichten im Schnitt 41,8 Punkte, das bedeutet, je geringer der Wert ist, umso eher ist hier eine Auffälligkeit zu sehen. Meine Punktzahl beträgt 12. Im Autismus Quotient Test (AQ) liegt der CO bei 32, unauffällige Probanden erreichten im Schnitt 16,4; meine Punktzahl beträgt hier 44. Leider gehen Sie auf diese Auffälligkeiten nicht tiefer ein, sondern schreiben dazu: "Beide Ergebnisse lassen jedoch keine Rückschlüsse auf die Spezifität der Tests zu. Pat. mit Angsterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen zeigten ebenfalls einen hohen score." Das würde dann doch eigentlich zur schizoiden Persönlichkeitsstörung passen können - oder? Auf der Marburger Beurteilungsskala zum Asperger-Syndrom (MBAS) lande ich in den Kategorien "stereotypes / inadäquates Verhalten" und "auffälliger Sprachstil / Sonderinteressen" jeweils auf oder über dem CO; insgesamt errreiche ich auf der MBAS 63 Punkte bei einem CO von 103.

Dann wäre da noch der reading-mind-in-the-eyes-test, bei dem ich 36 Fotos von Mienen bekommen habe und einschätzen sollte, welche Stimmung diese Miene gerade darstellt. Unauffällige Kontrollgruppen erreichten im Durchschnitt 26,2 bis 30,9 Punkte, Patienten mit einer ASS dagegen erreichten 21,9 Punkte. Meine Punktzahl in diesem Test beträgt 22. Sie schreiben dazu allerdings, dass es sich hierbei noch um ein Forschungsintrument handele (und damit nicht genügend belastbar sei).

Zusammenfassend kann man feststellen, dass es bei mir Auffälligkeiten auf den ADHS- und Autissmusskalen sowie der schizoiden Persönlichkeitsstörung und bei den Tests zu Mimik und Prosodie gibt. All' diese Auffälligkeiten reduzieren Sie allerdings als Resultat des klinischen Interviews auf ein ADHS in der Kindheit, das nicht bis in's Erwachsenenalter andauere. Stark vereinfacht: Im Gespräch erschien ich Ihnen zu normal, als dass irgendeine Störung erkannt werden könne. Und das glaube ich Ihnen sofort, allerdings gab es Dinge in diesem Gespräch, die ich nicht verstanden habe, und auch Sie selbst haben von Widersprüchen und Auffälligkeiten gesprochen. Leider findet sich davon nichts in Ihrem Bericht wieder, also versuche ich mich einmal zu erinnern, was mir aufgefallen war.

Da wäre zum Beispiel Ihre Eingangsfrage "Wie geht es ihnen?" - wenn Sie sich recht entsinnen, habe ich bei der Antwort gestottert, bzw. gezögert, denn ich wusste nicht, was Sie meinen: Meinen Gesundheitszustand, physisch oder psychisch, die allgemeine Situation oder das Befinden in diesem Moment. Ich wusste nicht, ob Sie sich vielleicht auf das Coronavirus beziehen. Also habe ich Ihnen geantwortet, dass es mir im Moment gesundheitlich gut gehe. In Rückschau auf das Gespräch meinten Sie dann "Sie haben gesagt, dass es ihnen gut geht, und das konnte man ihnen auch ansehen, sie haben durchgehend gelächelt." - und diese Ableitung finde ich leichtsinnig (vor allem, weil Sie mich in Ihrer Patientenbeschreibung als "psychomotorisch unruhig, angespannt" bezeichnet haben).

Ich versuche immer zu lächeln, weil das einer der buddhistischen Grundsätze ist, nach denen ich zu leben versuche. Dass es mir in dem Moment insgesamt scheiße ging, weil ich kein Gehalt hatte, mein Konto gesperrt war, ich meine Miete nicht zahlen konnte, täglich Mahnungen eingetrudelt sind, ich nicht wusste, ob ich meinen Job würde behalten können und mir nicht einmal etwas zu essen kaufen konnte und auch nicht wusste, ob ich mir überhaupt die Zugfahrt zu diesem Untersuchungstermin leisten konnte, davon wussten Sie nichts - denn danach haben Sie ja auch nicht gefragt. Kann man meinem Gesicht ansehen, wie es mir geht? Wenn ich meiner ersten Schulleiterin glauben darf, dann nicht - denn als ich ihr damals erzählt habe, wie mies es mir im Referendariat ging, hat sie mich vor mehreren Zeugen als "reichlich unglaubwürdig" bezeichnet.

Sie haben mich nach Sonderinteressen gefragt - die ich durchaus habe, zum Beispiel SMBHs oder Achterbahnsysteme. Das habe ich Ihnen auch erzählt, daraufhin meinten Sie: "Aber nicht so, dass sie in Gesprächen immer wieder auf ein Thema zurückkommen können, oder?" - woraufhin ich Ihnen erklärte, dass man mir das im Studium mehrfach zurückgemeldet hatte und dass ich seitdem nicht mehr viel von mir aus erzähle, aus Angst, dass ich eben immer wieder auf meine Spezialthemen zurückfalle. Auch hier haben Sie keine Auffälligkeit festgestellt.

Sie haben eine Anekdote von sich erzählt, von einem Familienessen zu Weihnachten "...und ich musste mich um all' das kümmern, und ich hatte den Tag so genau geplant, und dann kam es schließlich zur Katastrophe." Schweigen. Ihr Blick auf meinem Gesicht. Schweigen. Natürlich frage ich dann nach, was das für eine Katastrophe war, aber glauben Sie deswegen, dass ich mich ernsthaft dafür interessiere, was bei Ihrem Weihnachtsessen passiert ist? Ich habe nachgefragt, weil sie mich so stechend angeschaut haben und weil ich nicht wusste, was ich mit diesem Schweigen anfangen soll. Ich habe mich unter Druck gesetzt gefühlt; Sie haben das als persönliches Interesse und Zeichen meiner Empathiefähigkeit ausgelegt. Auch hier also keine Auffälligkeiten.

Sie haben mich mehrfach gefragt, ob ich mich lange und intensiv mit einer Sache beschäftigen kann, ohne abgelenkt zu werden, und ich habe Ihnen mehrfach geantwortet, dass das der Fall ist - dass ich sogar öfters die ganze Welt um mich herum dabei vergesse. Sie haben jedesmal nachgefragt, ob das wirklich so sei und ob ich mich da nicht vielleicht irre, bzw. ob mir das nur so vorkäme. Im Nachhinein frage ich mich, ob das nicht mit Ihrer Einschätzung des ADHS zusammenpasst und Sie das deshalb nicht übernommen haben?

Ich habe Ihnen von den vielfältigen Problemen erzählt, die teilweise sehr speziell sind - so habe ich bisher erst drei weitere Menschen kennengelernt, die das Essen und Trinken bis hin zum Kreislaufkollaps vergessen. Das erwähnen Sie in dem Bericht nirgends, auch nicht den Verdacht auf Hochbegabung. Sie gehen auf keine der Auffälligkeiten in den Testbögen ein ("Patienten schätzen sich da in der Regel als zu gut ein") und schließen die schizoide Persönlichkeitsstörung ohne Angaben von Gründen aus. "Weiter zeigte sich insbesondere kein Hinweis auf eine (...) schizoide Persönlichkeitsstörung, die sich nicht mit den klinischem (sic) Eindruck deckt." - Das verstehe ich nicht. Zeigt sie sich nun oder nicht?

Gerade wenn Sie dem klinischen Interview so viel mehr Gewicht einräumen als den Testbögen, würde ich gedacht haben, dass wir dann noch einmal näher auf die Widersprüche eingehen, die Sie in meinen Aussagen im Vergleich zu den Testantworten entdeckt haben. Es fühlt sich ein wenig so an, als würde das alles unter den Tisch gekehrt. Ich darf natürlich nicht von mir auf Andere schließen, aber es wirkt, als ob Sie nur die Aspekte und Antworten herausgepickt haben, die zu der ADHS-Diagnose (soweit möglich) gepasst haben, und dass alle anderen Auffälligkeiten "discounted" wurden - aber das ist sicherlich nur mein Eindruck.

Ich würde mich daher freuen, wenn Sie mir in einem weiteren Gespräch Ihren Befund erklären könnten, denn letztlich sind am Ende mehr Fragen bei mir offen als vorher, und ich bedaure, dass Sie den Begriff Asperger-Syndrom weder in unseren Gesprächen, noch im Gutachten auch nur ein einziges Mal erwähnen, so dass ich mich in diesem Feld selbständig informieren werde.

Ich danke Ihnen nochmals für die vielen allgemeinen Informationen, die ich aus meinen beiden Besuchen bei Ihnen mitnehmen konnte. Dass bei mir der Eindruck entstanden ist, dass Sie mich nicht ernst genommen haben, ist mein persönliches Problem, an dem ich derzeit arbeiten könnte. Sie waren sehr freundlich zu mir, auch wenn Sie bei mir darüber hinaus den Eindruck erweckt haben, ich würde mir das alles nur einbilden. Der Satz "Autismus ist momentan auch so eine Modediagnose" hätte nicht sein müssen, da er diesen Eindruck noch zusätzlich befeuert. Aber auch das werde ich bei Gelegenheit mit mir selbst ausdiskutieren.

Vielen Dank für Ihr Hilfsangebot!

Mit freundlichen Grüßen,
Dr Hilarius

(dieser Brief ist fiktiv)

post scriptum: Also, ich fühle mich zwar etwas schlauer in der Hinsicht, wie eine Autismusdiagnostik funktioniert, habe aber auf meine Frage, ob das Asperger-Syndrom bei mir mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann, keine Antwort bekommen, im Gegenteil, die Auffälligkeiten in den Befunden lassen mich auch weiterhin über das Thema nachdenken. Ich sehe diesen Entlassbrief also nicht als Schlussstrich einer Untersuchung an, sondern eher als gute Ausgangsgrundlage für weitere Gespräche, und bin ziemlich dankbar dafür, dass ich jetzt endlich etwas in der Hand habe, auch wenn ich das Gefühl nicht abschütteln kann, nicht ernstgenommen worden zu sein. Aber vielleicht kommt mir das wirklich nur so vor, und das meine ich auch so.

Dienstag, 24. März 2020

...und die Arme gehen hoch!

...naja, zumindest bei Dr Hilarius.

Da töne ich vor ein paar Tagen noch groß rum, dass es mir ja überhaupt nichts ausmacht, dass das soziale Leben durch die Krise eingeschränkt wird - ich bin ja eh' die meiste Zeit allein in meiner Wohnung (und genieße das sehr). Was ich da aber noch nicht bedacht hatte: Die Freizeitparks, die normalerweise mit den Osterferien öffnen, werden erstmal geschlossen bleiben.

Hoffentlich nicht zu lange! Denn der Besuch im Freizeitpark ist für mich quasi lebensnotwendig. Ich brauche airtime, ich brauche das Gefühl, gesichert zu sein und trotzdem herumgeschleudert zu werden, ich brauche die Überwindung, mich in einer Achterbahn nicht mehr krampfhaft festzuhalten, sondern die Arme nach oben zu strecken und aus dem Sitz gehoben zu werden.

Das ist eine Möglichkeit der Transgression, bei der ich niemandem schade, und ich habe in den Jahren gemerkt, dass ich die Extreme ab und an brauche, egal ob es um Emotionen geht, um die Backofentemperaturen in meiner Wohnung während des Sommers, oder eben um einen senkrechten Absturz aus einem Turm hinaus mit hundertzwanzig Sachen.

Dieser Tage überlege ich normalerweise, ob ich einen Freizeitparkurlaub im Sommer mache. Beliebtes Ziel ist der Europa-Park, aber ich würde gern endlich das Phantasialand besuchen. Zwei Tage im Park, je einen Tag An- und Abreise, Übernachtung im Hotelzimmer. Flow-Erleben (Flo-Erleben?) pur. Da ich aber nicht weiß, ab wann die "Ausgangssperren" wieder aufgehoben werden dürfen, fällt die Planung flach. Das fehlt mir sehr - das ist dann quasi meine "große" Einschränkung durch das Coronavirus.

Aber - Gesundheit geht vor, gelle?

Montag, 23. März 2020

Das Gute im Menschen


Jeder Mensch ist an sich gut. Das ist einer der zentralen Grundsätze des Humanismus; sicherlich mag mich das Verhalten mancher Menschen ärgern, verwirren oder betrüben, aber grundsätzlich sind alle Menschen gut - ich glaube das tatsächlich. Und zu Zeiten der Coronakrise merkt man das. Eigentlich wollte ich mich nämlich aufregen über all' die Menschen, die sich nicht an die Regeln und Ansagen des Ordnungsamtes halten (auch wenn aufregen so gar nicht buddhistisch ist...), aber ich würde überrascht: Laut Nachrichten gibt es wesentlich weniger Regelverstöße, als ich mir das erwartet hätte. So langsam kommt der gesunde Menschenverstand bei uns allen durch.

Und es kommt noch besser. Klar, man sieht das mittlerweile überall in den Nachrichten, aber es fühlt sich noch einmal anders an, wenn man sie live sieht: Diese Aushänge, die Hilfe anbieten. So hing an der Aldi-Filiale ein Zettel, dass die Mitarbeiter für jeden, der es benötigt, zwei Pakete Nudeln, Klopapier und andere Dinge kostenlos herausgeben. Großartig! Und an den Bushaltestellen am Hauptbahnhof hängen Zettel "Wir helfen Ihnen!" mit kleinen Schnipselchen, auf denen die Telefonnummer steht. Das heißt, es sind mittlerweile schon viele dieser Schnipselchen abgerissen.

Ist das nicht toll? Dass Menschen außerhalb der Risikogruppe freiwillig Hilfe anbieten für die Menschen, die nicht mehr raus dürfen? Einfach mal die Einkäufe übernehmen? Und das ohne Aufforderung durch die Regierung - hier gibt es also Mitmenschen, die füreinander sorgen. "In einer Krise zeigt sich die Seele eines Menschen", diesen Satz habe ich in letzter Zeit häufiger gelesen und gehört, und da scheint etwas dran zu sein (passend, dass Trump sich in erster Linie um die Wirtschaft und seinen Ruf kümmert).

Ich finde es großartig, wie das Gute im Menschen in so einer Situation durchscheint. Wäre toll, wenn wir das auch ohne Krise leisten könnten.