Samstag, 29. Mai 2021

Sommerferienticket


Kleine Anekdote aus meiner Jugend, mal wieder ein Eintrag in der Kategorie Ein Glas "Asperger Pur", bitte!

Damals gab es für Schüler das Sommerferienticket: Für gar nicht so viel Geld konnte man während der Sommerferien mit Bus und Bahn quer durch Schleswig-Holstein fahren. Wer diesen Blog häufiger liest, der ahnt schon, was ich damals gemacht habe: Von Heide aus mit dem Zug nach Hamburg, und dort den ganzen Tag S- und U-Bahn fahren. Das Hamburger Liniennetz mag nur ein Bruchteil des Berliner Netzes sein, aber ich bin nicht müde geworden, immer wieder nach Hamburg zu fahren. Angekommen in Altona hat sich ein wundervoller Tag ergeben, natürlich immer mit der gleichen Struktur, zu der es gehörte, abends im Zug zurück nach Heide drei Stücke Pizza Hut zu essen (und den Fußgänger-Elbtunnel zu durchqueren und das Ambiente zu genießen). 

Jedes Jahr habe ich das gemacht, und jedesmal ging es nach Hamburg. Nie irgendwo anders. Irgendwann müssen meine Eltern wohl nachgefragt haben, ob ich nicht auch einmal woanders hin fahren möchte, denn ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich ihnen ab und an gesagt habe, dass ich den Tag in Kiel verbracht habe. Ich hatte Angst, dass sie nicht zufrieden wären, wenn ich immer nur die gleiche Reise machte. Irgendwie muss sich in meinen Kopf der Gedanke eingeschlichen haben, dass es "nicht normal" ist, immer wieder das Gleiche zu machen, und damit auch, dass es "nicht okay" ist. Also habe ich meine Reiseziele in meinen Aussagen variiert - ich bin vor meinem Studium tatsächlich noch nie in Kiel gewesen.

Und wie ich diese Tage in Hamburg genossen habe! Im Rucksack den Kassettenrecorder (heutige Schüler dürften mit einem Bild von Kassette und Bleistift nicht viel anfangen können) von meinem Vater: Ich habe früher gern "Shows" aufgenommen, ich als Moderator, meine Nachbarinnen als Gäste, und natürlich habe ich auch eine der Hamburgreisen aufgenommen - scheißegal, was die Leute wohl über den Jugendlichen gedacht haben, der mit seinem Kassettenrecorder redet. Ich habe all' diese Shows auch heute noch, in digitaler Version, und ich werde heute Nacht mal wieder ein paar der alten Bänder durchhören ;-)

Freitag, 28. Mai 2021

Kontakt

Antwort lesen? Erst, wenn ich mich "bereit" fühle

vorweg: Dieser Artikel schrammt gerade so an der Verschwiegenheit vorbei - da sich das Abgebildete allerdings fast nur auf mich bezieht, sollte das in Ordnung sein.

Wie mache ich das nur? Wie soll ich mit diesem Schüler Kontakt aufnehmen? Ich bin wirklich ein bisschen stolz, dass die Kollegin mich angesprochen hat: Einer ihrer Schüler, mitten in der Pubertät, beschäftigt sich intensiv mit seiner Andersartigkeit, aber bis dato hat niemand herausgefunden, was die Ursache dafür sein könnte. Daher hat sie mich gefragt, ob ich nicht einmal mit in Verbindung treten kann, um ihm vielleicht einen ähnlich getakteten Ansprechpartner zu geben.

Aber wie mache ich das nur? Mir ist klar, dass der erste Kontakt per Mail sein muss; so hat er genügend Zeit, darauf zu reagieren und eine Antwort zu formulieren, die tatsächlich dem entspricht, was er sagen will. Aspis sind nun mal so. Aber was schreibe ich ihm? Angenommen, er tickt wie ich: Eines Tages öffnet er seinen Iserv-Maileingang und sieht eine neue Nachricht. Von jemandem, den er nicht kennt, und es scheint kein Spam zu sein. Meine erste Reaktion auf so etwas wäre eine leichte Panikattacke, weil ich bestimmt wieder irgendwas falsch gemacht habe. Wie kann ich ihm diese Angst nehmen? Und wie kann ich ihm signalisieren, dass er okay ist, und dass es tatsächlich Menschen gibt, die ihn verstehen?

Auf Grundlage eines Gesprächs mit meiner Kollegin ist dabei herausgekommen:

Betreff: Feeling different today?

Hi you,

it seems you know me - or so I've heard. I've talked to Mrs Teacher, and I am the person she mentioned to you - the one that might understand your situation a little better than others. So, first a few things about me ;-)

- My name is Dr Hilarius and I teach English and Latin

- I have Asperger's Syndrome (I think; they've tested me for autism and the test was negative, because they did tests with me that were designed for children and teenagers, not for a 37-year-old adult ^^) - you might already know that Asperger's is a mild form of autism

- It makes me feel different, because:

- I talk to myself at home - I "rehearse" everything I am going to say and do in an upcoming situation or I repeat some of the day's events that I found interesting

- I tend to forget eating and drinking, because they feel "uninteresting" to me (my thoughts are everywhere, but never on food ^^)

- I love to observe and analyze people's behavior (my blog has a tag "Verhaltensmuster"), and I am really interested in psychology

- I don't like to look people in the eyes when I talk to them, and I don't like to be touched

- I have very special interests - black holes, rollercoaster systems, psychoactive substances (and also films, but that is a pretty normal field of interest ^^)

- People couldn't read my handwriting, so I decided to write in "Druckbuchstaben"

- I like mail contact a lot more than contact by telephone - I never answer the telephone or the doorbell when they ring unannounced (because I don't know who it will be and I cannot rehearse what I am going to say)

- I do not have a bipolar disorder, but I may tend to manic depression - feeling great at times, so much so that others can get annoyed with me, and then suddenly "falling into a hole", especially when something unexpected happens, because:

- I need a structure/safety/assurance in my life. Having to change school six times in the last nine years has caused complete chaos in my private life

Well... so now I've bombarded you with stuff about me without having written anything about you. I thought that you might recognize yourself in two or three of these bullet points. Do you? If so, maybe we could talk sometime about your situation in life, or what makes you feel different, and how to deal with these feelings and with certain situations in life.

We could do so by mail, if you want to, or we could talk in person, or use mail at first and later switch to a real dialogue - whatever suits you best ;-) And of course we could continue in German, if you'd like that. Mrs Teacher told me you're an English freak so she thought it would be a nice idea to start this way ^^

I may be a teacher, but I suggest we leave your parents completely out of this, at least for now. This is about you and I'd like you to speak as freely as possible. Looking forward to hearing from you, and if you'd first like to know more about me you can finde some information on http://doctorhilarius.blogspot.com

War das so in Ordnung? Den Rest dieser Episode werdet Ihr natürlich nicht so direkt mitbekommen (§25 anyone?), aber mir ging es in diesem Beitrag auch nur darum, wie man so ein "Projekt" starten könnte. Und das ist eben die Methode DrH: Direkt mit der Tür in's Haus fallen.

Donnerstag, 27. Mai 2021

Zwei-Stunden-Telefonat

Eigentlich mag ich ja nicht gern telefonieren - und trotzdem habe ich mich in der vergangenen Woche am Mittwoch fast zwei Stunden mit einer Doktorandin aus Augsburg unterhalten - man kann schon ahnen, worüber, denn ein Thema, das mich nicht interessiert, würde ich keine zwei Stunden durchhalten. Es ging also um Autismus.

Zumindest so ganz breit gesagt. Die Doktorandin möchte in ihrer Dissertation prüfen, inwiefern englische Unterrichtsmaterialien, die als "inklusiv" bezeichnet släsch beworben werden, auch für Schüler mit einer Autismus-Spektrums-Störung geeignet sind. Ich war total interessiert, als die Mail nach Umfragekandidaten durch das Kollegium ging, habe dieser unbekannten Frau geschrieben und wir haben einen Terminplan gemacht - im ersten Teil hat sie mir Materialien aus sechs verschiedenen Schulbüchern zugesandt, die ich im Hinblick auf typische Autismus-Fragen untersucht habe (Sind die Aufgaben logisch und klar formuliert? Ist die Seite übersichtlich aufgebaut? Werden verschiedene Informationskanäle gleichzeitig eingefordert) etc [was übrigens die tolle Englischstimme der VERA-Prüfung heute als "excetra" ausgesprochen hat, das tat schon ein bisschen weh, oder, Herr Leinhos? Wenn man das so liest?]). 

Und dann habe ich sie zum vereinbarten Termin angerufen (auf die Minute genau, wie Autisten das eben machen, wenn sie einen genauen Termin haben) und es hat sich ein echt interessantes Gespräch entwickelt, in dem es um mich sowohl in der Lehrer- als auch in der Schülerrolle ging, wenn ich feststellen sollte, ob autistische Schüler mit bestimmten Aufgabenstellungen Probleme haben könnten (wie zum Beispiel "Draw a monster. Use a dice." - ich male nicht mit einem Würfel, sondern mit einem Stift).

Das war unglaublich inspirierend, ich habe sehr viele Gedanken daraus mitgenommen, und ich bin wirklich gespannt darauf, die Dissertation zu lesen, wenn sie irgendwann durch die Prüfung ist. Ich bin zwar - ich weiche von der Einschätzung nicht ab - "nur" Aspi, aber ich weiß, welche meiner Ticks ich mir extremer vorstellen muss, um autistisch zu denken. Und es ist ein tolles Gefühl, auf irgendeine Weise etwas beitragen zu können.

post scriptum: Flower Power! Erbsechore zeigt die ersten Blüten - will sie sich etwa schick machen, um aus ihrer Geiselhaft entlassen zu werden? Mal schauen, wann ihre Schwestern es ihr nachmachen.

Mittwoch, 26. Mai 2021

Hausaufgabe zu... irgendwann.


Scheinbar sind es noch dreieinhalb Wochen bis zu den Ferien. Allerdings fällt wegen der mündlichen Prüfungen im ESA, MSA und Abitur wieder eine ganze Menge Unterricht aus, und natürlich auch wegen der Testungen in der Schule. Hat sich was mit comprehensive tests, die ich noch schreiben wollte, Tests, die den gesamten Stoff des Schuljahres abfragen. Also machen wir das live im Unterricht, so dass die Schüler selbst in der zweiten Stundenhälfte die Möglichkeit haben, sich zu korrigieren und eine Note zu geben. Da hat dann ein kleines vocab quiz eben sechzig Vokabeln, und es folgt ein Mix aus allen grammatikalischen Zeiten, die wir bisher hatten.

Waren die letzten vier Schulwochen auch vor Corona schon immer so zerfleddert? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich um diese Zeit schon einmal gefragt habe, warum wir überhaupt noch Unterricht machen. Ich versuche, den sechsten Klassen noch als takeaway das going to-future zu erklären, damit sie mir erzählen, was sie in den Sommerferien alles machen werden. Ich versuche, der neunten Klasse noch etwas über indirekte Rede in Hong Kong zu erklären. Ich versuche, der achten... who am I kidding? Die Doppelstunden morgen gehen für die Vergleichsarbeit drauf. Und ja, das hätte ich online machen können, aber ich bin da altmodisch und mir ist es tatsächlich wichtig, zwischendurch zu sehen, wie gut meine Schüler damit klarkommen.

Aber da ja bekanntlich nichts entspannender sein soll als das anzunehmen, was kommt, fühlt sich diese Zeit tatsächlich sehr gechillt an und macht wieder richtig Spaß. 

post scriptum: Der Kampf um ein weiteres Jahr an der Toni läuft, aber es ist eben genau das (für alle Beteiligten): ein Kampf. Querversetzungen gehen vor - wobei es mir eh' nicht mehr um eine Planstelle geht, sondern darum, überhaupt irgendwie bleiben zu können.

Montag, 24. Mai 2021

"Germany - no points"

Wir versinken mit Stinkefinger in der Bedeutungslosigkeit...

Am Samstag war es mal wieder soweit - der Eurovision Song Contest, den die große Buba und ich uns hier gackernd zu Gemüte geführt haben. Wer das Ganze ebenfalls verfolgt hat, hat Deutschlands Niederlage mitbekommen - mal wieder. Der Sänger Jendrik ist auf dem vorletzten Platz gelandet, mit drei Punkten aus allen Jurywertungen und null Punkten vom Publikum.

Man gewöhnt sich daran. In den letzten fünf Wettbewerben ist Deutschland immer auf dem letzten oder vorletzten Platz gelandet - ach warte, einmal war ein vierter Platz dabei. Man sollte meinen, dass irgendwann mal das Auswahlverfahren für den deutschen Beitrag hinterfragt würde, aber nein, man nimmt einen unbekannten Song, dem die Buchmacher nicht einmal Außenseiterchancen einräumen, und verliert verdientermaßen.

Drollig, wenn es danach in der NDR-Pressemitteilung heißt, es sei eine "perfekte Performance" gewesen. Drollig auch wieder Kommentator Peter Urban, den man eigentlich nur so ertragen kann, wie er selbst an dem Abend offensichtlich war: Hackendicht, verpeilt, völlig neben der Spur. Auch er fand unseren Beitrag ganz toll und mutmaßte nach der Niederlage, dass der Song wohl "zu schwierig" gewesen sein. Auf welchem Planeten Herr Urban lebt, das fragt man sich schon lange nicht mehr.

In einer Zeit, in der seit einigen Jahren der Trend zu Musik in der Heimatsprache und heimischem Stil geht, hält Deutschland an undefinierbarer Musik mit englischem Text fest. Dass die Sieger des ESC auf italienisch gesungen haben, die zweitplatzierte französisch, das wird man bei'm NDR nicht weiter beachten. Lieber wieder ein weichgespülter Auftritt, den man nur mit Jendriks eigenen Worten kommentieren kann:

"I don't feel hate - I just feel sorry." 

Freitag, 21. Mai 2021

...Gummibärchen?


Drollig, in der Sechs D hat sich ein running gag eingeschlichen. Ich hatte in meiner Schultasche noch so eine Minitüte Gummibärchen - muss von den Abschlussprüfungen übrig geblieben sein. Also habe ganz rändömpömpöm mitten in der Englischstunde gefragt "Möchte jemand Gummibärchen?" - es hat eine Sekunde gedauert, um die Botschaft zu verarbeiten, aber dann sind die Finger in die Höhe gegangen und der Schnellste hat die kleine Tüte bekommen.

Irgendwie fand ich das witzig, und als eine Schülerin meinte "Ich hab' das gar nicht mitbekommen, dass sie das gesagt haben!" ist mir eine Idee durch den Kopf gewabert: Ich nehme einfach jede Stunde eine von diesen Minitüten mit in den Unterricht. Irgendwann zwischendurch frage ich unauffällig "...Gummibärchen?" und dem Ersten werfe ich sie zu. Das dauert exakt vier Sekunden, ist eine Kleinigkeit und hat in den letzten zwei Stunden tatsächlich dazu geführt, dass einige der Schüler besser aufpassen.

Ich höre schon die Unkenrufe bezüglich Vegetarier, unfair, falscher Konzentrationsfokus und Konsorten - aber es geht um acht Gummibärchen. Ein kleiner Spaß zwischendurch von diesem Lehrer mit dem komischen Kopf ;-)

post scriptum: Wie niedlich. "Maggi Fix" muss das K vergessen haben, bei der Aufforderung "50g Käse über den Nudelauflauf geben". Und ja, ich brauche momentan Geschmacksverstärker, ich will irgendwie bis zu den Sommerferien überleben und die sind gut für die Seele or whatever ^^

Donnerstag, 20. Mai 2021

Fast Privatunterricht


Meinen Drei-Schüler-Rekord habe ich heute Nachmittag unterboten, als in der achten und neunten Stunde tatsächlich nur zwei Schüler aus meiner Lerngruppe vor Ort waren. Irgendwie ist das ein surrealer Moment - man geht auf den Klassenraum zu, geht durch die Tür und es sitzt nur eine Schülerin da.

"Hey Frettchen! Die anderen sind wahrscheinlich noch in der Mensa? Oder auf dem Schulhof?"

"Nein, ich bin nur noch übrig und Töwe, der kommt gleich. Nur wir zwei."

Also haben wir quasi Privatunterricht gemacht: Die Schülerin, der Autist, die Schulbegleitung und ich - und wir haben die Gelegenheit genutzt, Englisch zu reden, denn wenn weniger Mitschüler da sind, ist der Gedanke "Ich trau mich nicht, das zu sagen, das ist bestimmt falsch" nicht mehr so stark. Es war tatsächlich total entspannt, und so haben wir uns über das Thema Liebe unterhalten, und die Frage erörtert, ob Liebe auch unheimlich sein kann, ob sie Horror sein kann, oder ob sie einen verletzen kann. 

Dazu haben wir uns eine der besten Folgen Are You Afraid Of The Dark? angeschaut - The Tale of the Dream Girl, in dem es um Johnny und Erica geht, Bruder und Schwester, die die besten Freunde sind, bis Johnny eines Tages in seinem Spind einen mysteriösen Ring findet. Ganz ehrlich, das ist eine tolle Episode, die man wunderbar mit Mittelstuflern schauen kann - nicht zu unheimlich, bisschen romantisch. Sie hat ein wunderbares twist ending, Jahre vor einem Hollywood-Film, der es weltweit bekannt gemacht hat. Wenn Ihr fünfundzwanzig Minuten Zeit habt, dann schaut Euch die Geschichte unten an.

Ich war jedenfalls total überrascht, wie gut sowohl Schülerin als auch Autist Zugang zu der Story gefunden haben, wir haben zwischendurch überlegt, wie es wohl weitergehen könnte, versucht, Erklärungen zu finden - eine der schönsten Englischstunden dieser Woche. Nice!

Und hier könnt Ihr Euch The Tale of the Dream Girl ansehen: