Sonntag, 31. Mai 2020

Miniserien

bingewatching

Falls da draußen irgendein fettschneckiger Serienjunkie das hier liest, wird er Folgendes schon längst wissen: Im Zeitalter des Streaming können Serien eine echte Gefahr für den Alltag eines Singles darstellen. Früher, in meiner Jugend, musste ich eine Woche warten, bis ich endlich die nächste Folge The X-Files oder Ally McBeal oder Diagnosis:Murder schauen konnte - heute gibt es das, was man allgemein binge watching nennt: Eine Folge nach der anderen, viele Streamingdienste lassen noch nicht einmal den Abspann der gerade gesehenen Episode durchlaufen, sondern bieten die Möglichkeit, direkt zur nächsten Folge weiterzuspringen. Und so stellt man sich irgendwann die Frage: "Habe ich jetzt gerade zwei Folgen gesehen? Oder waren es doch eher fünf? Wo ist der ganze Tag hin? Ich wollte doch eigentlich..."

Denn Serien können richtig süchtig machen - man möchte wissen, wie es weitergeht, was mit den Figuren passiert, die man vielleicht schon liebgewonnen hat - oder hasst; vielen Fans geht es so, dass sie die Charaktere ihrer Lieblingsserie bald besser zu kennen glauben als die Macher selbst.

Das ist einer der Vorteile einer Serie gegenüber einem feature film: Mehr Zeit, die wichtigen Figuren dreidimensional zu gestalten, mehr Zeit für Hintergründe, mehr Zeit für Charakterdynamik. Mehr Zeit für Nebenplots, mehr Zeit, einzelne Szenen für den puren Genuss einzustreuen. Ich bin kein großer Serienfreund, ich bevorzuge "kurze", abgeschlossene Filme, aber ich habe einen netten Kompromiss entdecken können - Miniserien, die meist aus einer abgeschlossenen Staffel bestehen, eine abgeschlossene Geschichte erzählen, ihre Figuren ausgestalten können, ohne sich dabei in Unendlichkeiten zu verlieren und eine Staffel an die nächste zu reihen.

Ich hätte mir das so sehr für die deutsche Hörspielreihe Gabriel Burns gewünscht. Sie mag zwar keinen Preis für Originalität gewinnen, aber sie war (und ist) atmosphärisch dicht umgesetzt, hat spannende Plots - und war ursprünglich auf fünfzehn Episoden konzipiert. So hat man in den ersten Episoden viele Handlungsstränge aufgespannt und ich hatte, als es unübersichtlicher wurde, immer die Gewissheit, dass bald alles zu einer Art Schluss führen wurde. Leider hat das Team um den Produzenten Volker Sassenberg gemerkt, dass man hier eine cash cow geschaffen hat, die man noch etwas weiter melken konnte, und so wurde die Serie endlos, mit späteren Folgen, die sich in die Länge ziehen, ohne viel Plot zu bieten, und ich habe irgendwann abgebrochen, mein Interesse war weg.

Ich habe jüngst die Serie Mr.Robot zu Ende geschaut, und auch da hatte ich den Eindruck, als wäre sie idealerweise als Miniserie konzipiert worden; besonders die dritte Staffel wirkte auf mich in die Länge gezogen. Bleibt dennoch dabei, dass ich die Serie gut fand, und einige Momente ganz herausragend.

Anders ist es übrigens bei sogenannten Anthologie-Serien - hier erzählt jede Episode eine abgeschlossene Geschichte, es gibt keine cliffhanger, man kann theoretisch nach jeder Folge eine Pause einlegen. Beispiele dafür wären The Twilight Zone, The Outer Limits, Tales from the Crypt oder Black Mirror.

Ich möchte in diesem Beitrag ein paar Anregungen für Miniserien geben, falls jemand von Euch Lust bekommt, sich auf eine schöne Geschichte einzulassen, die sich nicht über hunderte Episoden hinzieht, und ich freue mich auch, falls Ihr Anregungen habt.

Sharp Objects (2018) erzählt von einer Reporterin, die über ein vermisstes Mädchen in ihrer Heimatstadt berichten soll - und damit ihre eigene Kindheit aufarbeiten muss, als sie ihre Mutter nach langen Jahren wiedertrifft. Sehr schwarzer Humor, spannend, düstere Südtstaatenatmosphäre, ein toller Soundtrack und zwei brillante Schauspielerinnen in Amy Adams und Patricia Clarkson können erklären, warum diese Miniserie mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. [acht Episoden je fünfzig Minuten]



Twin Peaks: A Limited Event Series (2017), auch bekannt als dritte Staffel der Kultserie Twin Peaks (1990-92) führt die damals mit einem intensiven Cliffhanger abgebrochene Serie ganz logisch weiter. Damals ging es um den Mord an Laura Palmer, witzig, idiosynkratisch, schräg und spannend. Regisseur David Lynch hat sich in fünfundzwanzig Jahren weiterentwickelt, und so hat diese neue Staffel stilistisch nur noch wenig mit den vorherigen gemein. Das soll keine Wertung sein; diese neue Staffel, die von der renommierten Zeitschrift Cahiers du Cinema als bester "Film" des Jahrzehnts ausgezeichnet wurde, ist qualitativ hochwertig. Langsam, düster, spannend, witzig - wenn man Lynchs Humor versteht. Ein echtes Meisterwerk, aber nicht für jedermann. Wer Mulholland Drive (2001) und Inland Empire (2007) mochte, dem könnte diese Miniserie, die sich mit Special Agent Dale Coopers Rückkehr nach Twin Peaks beschäftigt, richtig gut gefallen. [achtzehn Episoden je sechzig Minuten]



The Haunting of Hill House (2018) ist die neueste und meiner Meinung nach beste Verfilmung von Shirley Jacksons Romanvorlage - und das will etwas heißen, wenn man bedenkt, dass der Wise-Film aus den Sechzigern ebenfalls großartig ist. Regisseur Mike Flanagan hat hier ein kleines Kunstwerk geschaffen, dass von Kritikern als essential viewing bezeichnet wird - wer also gothic horror mag, ohne Blut und Zeugs, der kann sich hier wohlfühlen. Die Serie ist deutlich anspruchsvoller als alle bisherigen Verfilmungen, und das macht sie zu einem Genuss. Die Handlung erstreckt sich nur über wenige Tage, wird aber je Episode mit dem Fokus auf einer anderen Hauptfigur gezeigt - und wechselt zwischen der Vergangenheit, in der die Crain-Familie im unheimlichen Hill House aufgewachsen ist, und der Gegenwart, in der wir erleben, was aus den Kindern von damals geworden ist - wie sich die damaligen Erlebnisse auf ihr Leben als Erwachsene auswirken. Das bedeutet, dass es hier nicht nur um Horror geht, sondern um ein packendes Familiendrama, das technisch dem state of the art entspricht. Ich bin begeistert. [zehn Episoden je vierzig bis siebzig Minuten]



The Terror (2018/19) war ursprünglich eine Romanverfilmung um eine Crew und ihr Schiff Terror, die bei einer versuchten Überfahrt vor über hundert Jahren in's Treibeis gerät und dort festfriert. Das Drama zeigt, wie die Menschen mit dieser aussichtslosen Situation umgehen. Die zehn Episoden der ersten Staffel drehen sich darum; die zweite Staffel The Terror:Infamy spielt zu Weltkriegszeiten und stellt eine klassische japanische Geistergeschichte mit einer tragischen Vorgeschichte dar - beide Staffeln sind atmosphärisch dicht umgesetzt, und wenngleich die zweite Staffel sich manchmal allzu bekannter Horrortropen bedient, hat sie mir sogar etwas besser gefallen, weil ich zu period dramas nur selten den richtigen Zugang finde. [je Staffel zehn Episoden je fünfzig Minuten]



Weinberg (2015) kann man als deutschen Abklatsch von Twin Peaks bezeichnen, denn die Parallelen sind offensichtlich: Die lokale Weinkönigin im urigen Örtchen Kaltenzell wird ermordet und eine enigmatische Figur versucht, den Fall zu lösen und trifft dabei auf allerlei schräge Charaktere und Abgründe hinter der bürgerlichen Fassade. Allerdings ist es ein technisch einwandfreier und sehr atmosphärischer Abklatsch, und deswegen kann ich diese kurze Mysteryserie sehr empfehlen. [sechs Episoden je fünfzig Minuten]


Samstag, 30. Mai 2020

Feuerwerks-Psychologie (Seelenstriptease?)


Je weiter ich in dem Handbuch über das Asperger-Syndrom vorankomme, umso mehr Puzzleteile fallen an ihren Platz. Und es fallen auch Puzzleteile hervor, die ich bis dahin weggeschlossen glaubte - es kommen Erinnerungen an die Kindheit wieder, obwohl ich in den letzten Jahren immer wieder davon überzeugt war, dass ich mich nicht an meine Kindheit erinnern könne. Einige Dinge bleiben immer noch weggeschlossen, oder zumindest verschwommen, wie zum Beispiel der Moment, in dem ich als Teenager im Supermarkt von einem älteren Mann sexuell belatschert wurde. Andere Momente kann ich dagegen kristallklar vor meinem geistigen Auge sehen.

Einer dieser Momente, da war ich noch ein Kind, und es war Silvester. Ich habe Feuerwerk geliebt. Ich fand es so aufregend, die einzelnen Feuerwerkskörper so studieren, wie sehen sie aus, wie funktionieren sie, wo läuft die Zündschnur entlang, welche Effekte würden wohl herauskommen. Jeden einzelnen Feuerwerkskörper hatte ich bis zum Silvesterabend intensiv begutachtet. Wie das nun mal so ist, wenn ein Aspi sich für eine Sache interessiert.

Und dann ging es ans Zündeln. Ich war damals noch klein und traute mich nicht nach draußen, wo so viele Menschen stehen und es knallt laut herum - ich war sehr schreckhaft. Also habe ich mich an's Küchenfenster gesetzt, und mein Papa hat draußen das Feuerwerk gestartet. Und somit konnten meine "Feuerwerksstudien" schließlich zu ihrem Abschluss gebracht werden, jeder Feuerwerkskörper einzeln, und nacheinander.

Dann kam mein Papa auf die Idee, in der linken Hand einen Silberregen und in der rechten Hand einen Goldregen gleichzeitig zu entzünden und dann mit den leuchtenden Fontänen Muster in die Luft zu malen. Das sah richtig toll aus - aber ich fing an zu weinen, eine Mischung aus wütend, traurig und hilflos, denn ich war vollkommen überfordert. Zwei unterschiedliche Feuerwerksteile gleichzeitig, das ging absolut nicht! Ich kann mir doch nur eins zur Zeit anschauen, und dann verpasse ich das Andere und dann ist es futsch und die ganzen Studien vorher waren umsonst. Das war ein wirklich schlimmer Moment - es muss einen Grund haben, dass er mir so lebhaft in Erinnerung geblieben ist.

Objektiv betrachtet: Überforderung kann bei Aspis leicht auftreten - sehr leicht. Weil sie sich nur auf eine Sache zur Zeit intensiv stürzen können. Gerade junge Aspis wissen dann nicht, wie sie mit der Überforderung umgehen sollen, und nicht selten fangen sie an, herumzuschreien oder bitterlich zu weinen - bei Schülern dann auch mitten im Unterricht, und Lehrkräfte, die sich nicht mit Aspis auskennen, sind dann oft hilflos.

Endlich verstehe ich diesen Feuerwerks-Moment von damals richtig.

post scriptum: Mittlerweile bleibe ich zum Feuerwerk wieder in meiner Wohnung. Ich habe einen guten Blick über die Hamburger Chaussee, kann das toll sehen, und leider gehen junge, alkoholisierte Männer (und Frauen) mit Feuerwerkskörpern nicht immer sehr verantwortungsvoll um. In den letzten Jahren durfte ich immer wieder beobachten, wie Raketen aufeinander losgelassen werden, und dann die Saufköppe noch darüber lachen, wenn man jemanden getroffen hat. Ich komme mit alkoholisierten Menschen nicht klar. Deswegen habe ich mit Alkohol vor ein paar Jahren aufgehört - aber das ist ein anderes Thema.

Donnerstag, 28. Mai 2020

Fehlen nur noch die Uschebti...

Das Gelb schimmert im richtigen Licht ;-)

Kunstleder zerfällt nach einigen Jahren Dauerbelastung durch ein altes Fossil und eine fette Schnecke (besonders durch ersteren), und das gilt auch für einen Sofabezug. Daher habe ich seit Längerem eine Decke über mein Sofa gelegt, die ich vorher sowieso schon für die Meditationen benutzt hatte. Seither hatte ich aber den Wunsch nach einer Decke, die für die richtige Atmosphäre sorgt; ich höre schon seit Jahren in der Vorbereitung zu den Meditationen die ägyptischen Alben von Karl Sanders, also wäre eine ägyptische Decke ganz passend. Fleece, schwarz soll sie sein, mit gelb-goldenen Motiven.

Und das ist gar nicht so leicht zu finden - letztlich nur als Extraanfertigung (in der richtigen Größe) über einen amerikanischen Händler aus China, aber egal, es ist wie mit den Boots aus Spanien: Die müssen es sein. Und nun halte ich diese Decke endlich in Händen, sie ist herrlich dünn und weich und die Farben sind genau, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Nun mag man natürlich argumentieren, dass die tibetischen und ägyptischen und Goa-Motive in meiner Wohnung nicht zusammenpassen. Stimmt auch - aber ich finde, dass auf diese Weise angemessen mein Innenleben widergespiegelt wird, in dem auch nicht so viel zusammenpasst. Wieder ein Punkt für das home improvement!

Mittwoch, 27. Mai 2020

English with... a smile???


Heute erreicht mich ein Werbeflyer zu einem neuen Schulbuch, und oben links in der Ecke ein richtig eingängiger Slogan - "English with a smile", und dazu das Bild einer (Schülerin?), die das Buch in der Hand hält und dabei selig lächelt.

Jetzt dürft Ihr mir erklären, ob das wieder nur der Aspi ist, der reading mind in the eyes nicht auf die Kette kriegt, oder ob Andere das vielleicht auch so sehen, denn diese Schülerin sieht absolut nicht authentisch lächelnd aus, sondern eher, als würde sie sagen "Ohgott, wann ist dieses Fotoshooting endlich vorbei? Warum hat Thorsten mich verlassen, und ich soll jetzt hier dumm lächeln? Mit so einem Scheißbuch, und dieser dämlichen Zahnspange? Wie peinlich! Hoffentlich lohnt sich die Gage wenigstens! Wann kann ich hier weg? Und Papa steht da links und schaut, als ob er mich wieder verprügeln will... Ich hasse Englisch!"

Sorry, aber an der Berufsschule hätten meine Schüler diese Werbeanzeige als nicht überzeugend analysiert...


post scriptum: Ich finde es toll, dass ich im Zeitalter der Globalisierung brillante Horrorfilme aus anderen Ländern bewundern kann - oft enthalten sie folkloristische Züge, so dass ich mehr über andere Kulturen lernen kann, und sie sind weder albern noch eklig. Das heutige Beispiel dafür ist der polnische Film "Demon" (2016), in dem es um eine polnische Hochzeit geht, die einen israelischen Mythos erfährt. Unterhaltsam und politisch scharfzüngig, das war unerwartet gut!

Dienstag, 26. Mai 2020

"Kleines Problem"

School can be more than vocab and grammar.

Ein Mann betritt ein Hochhaus. Er geht zum Fahrstuhl, fährt in den zehnten Stock und geht die restlichen zehn Etagen bis zu seiner Wohnung über die Treppen. Er betritt seine Wohnung, schaut sich um - und springt aus dem Fenster.

Wie kam es dazu?

Ich denke, einige von Euch kennen die black stories, die sich wunderbar für Vertretungsstunden in Englisch eignen. Fragen stellen, simple past, Vokabeltraining, das wird alles abgedeckt. Heute wieder gemacht, und hier kommt die Lösung für diejenigen, die diese Geschichte noch nicht kannten:

Der Mann fährt nur bis in den zehnten Stock, weil er nicht an die höheren Knöpfe im Fahrstuhl kommt - er ist kleinwüchsig. Er ist sogar der kleinste Mann der Welt, und ist die Sensation in einem Zirkus. Er verdient damit seinen Lebensunterhalt. Sein Arbeitskollege ist der zweitkleinste Mann der Welt - und er ist eifersüchtig. Also bricht er in die Wohnung des Konkurrenten ein und sägt von allen Möbeln die Beine fast komplett ab: Tische, Stühle, Sessel, Kommode. Als nun der kleinste Mann seine Wohnung betritt, sieht er die "geschrumpften" Möbel. Er ist schockiert, denn die einzige Erklärung ist, dass er letztlich doch noch gewachsen ist. Ihm schwant, dass er seine Karriere damit an den Nagel hängen kann, und begeht Selbstmord.

post scriptum: Noch höllischer wäre der Präsenzunterricht, wenn die eigenen Lerngruppen spontan nicht da wären. Nicht nur hätten sie die Räume getauscht, sondern auch der Stundenplan wäre ausgewechselt worden. Der Aspi würde in solch' einer Situation sich am liebsten vor die Wand setzen und die Fibonacci-Reihe aufsagen.

paulo post scriptum: Hin und wieder fühle ich mich zu Indiefilmen hingezogen. Ich mag den "quirky style", ich mag die Ungebundenheit an Mainstream-Verlangen, und so gab es heute "I don't feel at home in this world anymore." (2017), eine Mischung aus Komödie, Offbeatromanze und Thriller. Hat mir sehr gut gefallen und ist auf Netflix unter "Fremd in der Welt" zu finden.

Montag, 25. Mai 2020

Präsenzunterricht - wie gut!


Wie gut doch heute der Präsenzunterricht geklappt hat!

Wie gut, dass alle Wege auf dem Schulgelände genau markiert sind, mit Pfeilen, damit man weiß, wie man gehen soll. Wie gut, dass alle Schüler sich daran halten, und erst recht die Lehrkräfte, die mit gutem Beispiel vorangehen! Wie gut, dass man niemandem erklären muss, warum man einen Umweg geht, um an sein Ziel zu kommen (nämlich um sich an die Wegmarkierungen zu halten). Und wie gut, dass alle sich an die Abstandsregeln halten!

Wie gut, dass alle Lerngruppen von ihren Fachlehrkräften Aufgaben bekommen haben, die dann im Präsenzunterricht heute bearbeitet werden konnten, und dass alle Beteiligten genau wussten, was wann wie ablaufen wird, und dass kaum jemand fachfremd unterrichten musste!

Wie gut, dass unser Bildungsministerium sich diesen Plan gründlich überlegt hat - und wie gut es erst laufen wird, wenn nächste Woche auch die anderen Jahrgänge wieder in die Schule kommen!

Oder lief es bei Euch etwa nicht so gut?
Denn für einen Aspi wäre alles Andere die Hölle gewesen.
Morgen kann kommen!

Samstag, 23. Mai 2020

Mal wieder diese Zeit


Es ist mal wieder diese Zeit - das Schul(halb)jahr geht zu Ende, mein Arbeitsvertrag läuft aus und ich muss meine Unterlagen im pbOn aktualisieren. Ich weiß nicht, ob ich bleiben kann; ich soll mich auf offene Stellen bewerben. "Du musst da unbedingt zweigleisig fahren", heißt es. So hieß es auch an den vergangenen sechs Schulen. Jedesmal wieder. Und jedesmal wieder fahre ich nicht zweigleisig, weil ich das nicht kann.

In meinem Kopf ist das nicht vereinbar, dass ich mich auf der einen Seite für die Schule engagiere, an der ich gerade bin, ihre Werte und Denkweisen verinnerliche und versuche, gute Arbeit zu machen, dass ich mich auf der anderen Seite aber wegbewerben soll. Mein Kopf blockiert da - und das ist nicht erst jetzt so.

Ich habe diese Zeit in den letzten acht Jahren immer wieder erlebt. Jedesmal beginnt sie mit einem Nervenzusammenbruch, wenn ich realisiere, dass ich bald wieder arbeitslos bin und mein mühsam erkämpfter "Alltag" wieder zunichte gemacht wird. Und jedesmal habe ich erst dann angefangen, mich aktiv nach anderen Stellen umzuschauen, wenn mein letzter Tag in der Schule vorbei war. Und das schiebe ich jetzt definitiv auf das Asperger-Syndrom; hätte ich nicht sonst aus den letzten Malen gelernt und würde es mittlerweile besser machen? Es passt in meinem Kopf einfach nicht zusammen.

Diese Situation macht mich traurig und ängstlich und ich funktioniere noch weniger, als ich dank Corona sowieso schon nicht funktioniere. Immerhin habe ich gelernt, die Wut nicht mehr zuzulassen. Lojong, das Geistestraining aus dem tibetischen Buddhismus ist Gold wert. Sonst würde ich mich extrem aufregen über Frau Karschin, meine erste Schulleiterin damals an der Theodor-Storm-Schule in Husum, die mir meine Zwei im Schulleitergutachten erklärt hat mit: "Dr Hilarius, sie sind ein Einserkandidat, und sie werden da draußen sofort eine Stelle finden." Ergibt keinen Sinn? Hat es für mich damals auch nicht.

Jetzt muss ich erstmal versuchen, den Kopf nicht hängen zu lassen.