Freitag, 10. Januar 2020
Versprochen
Heute kurz und bündig, ich hatte Euch ja versprochen, dass noch eine Erklärung dafür kommt, dass hier zu Jahresbeginn tote Hose war: Es gab mal wieder eine Stellenausschreibung, unbefristet, an einer Gemeinschaftsschule in Rendsburg, und ich hatte mich beworben und vorbereitet und war Dienstag zum Vorstellungsgespräch, aber das alte Lied: Man traut mir nicht zu, ein guter Lehrer zu sein, heute kam die Absage.
Das tut gar nicht mehr so weh. Was mehr schmerzt, ist die Frage "Warum haben sie dich denn nicht genommen?" - weil ich darauf nicht antworten kann. Weil es mich daran erinnert, dass innere Werte nicht so wichtig sind wie der erste Eindruck. Weil ich mal wieder feststelle, dass es nicht reicht, ein guter Mensch und ein guter Lehrer zu sein. Das Nachdenken darüber kann unglücklich machen - deswegen freue ich mich jedesmal, wenn diese Frage nicht kommt.
Der positive Blickwinkel ist zum Glück direkt nebenan: Jetzt kann ich mich auf die Psychiatrie konzentrieren, jetzt kann ich mich wieder um Kurzzeitvertretungen kümmern.
Donnerstag, 9. Januar 2020
"Wer bist du nochmal?"
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| Es ist immer noch nicht so leicht, in Deutschland schwul zu sein... |
Kiel Dreiecksplatz. Ich warte auf den Bus nach Hause, in sechs Minuten kommt die Fünfhundertzwei, die Zweiundsechzig kommt erst in einer halben Stunde, die habe ich nämlich gerade verpasst. So stehe ich dort und schaue in's Nichts, da gehen drei Schülerinnen von der Schule da über die Straße, eine hatte ich mal im Unterricht. Sie schaut zu mir; als ich ihren Blick erwidere und lächele, schaut sie verschämt zur Seite und tuschelt zu ihren Begleiterinnen "Das da vorne ist Dr Hilarius!" - wieso scheinen Schülerx so oft zu glauben, dass man nichts von dem mitbekommt, was sie "flüstern"? Ich strahle sie weiterhin freundlich an, sie verschwindet rot im Gesicht hinter der Werbeanzeige für Kondome. Ich freue mich, dass ich gar nicht mitbekommen habe, wie drei Minuten vergangen sind, und da hinten kommt auch schon mein Bus nach Schulensee, ich lese "Schwulensee", als hätte ich hellseherische Begabung. Alles einsteigen, bitte!
Und der Bus ist recht voll. Ich arbeite mich in den hinteren Bereich durch, ich hätte zwar gern einen Stehplatz im Busgelenk gehabt, aber je nun. Also stelle ich mich in den Bereich des hinteren Ausgangs, froh, ein freies Fleckchen gefunden zu haben, drehe mich um und atme tief durch, und schaue herum, ob vielleicht noch weitere ehemalige Schülerx dort sitzen. Mein Blick bleibt an einem jungen Mann haften, irgendwie kommt mir das Gesicht... und dann fängt er an zu grinsen - ja, ich kenne ihn, und offensichtlich erkennt er mich, ich muss das Gesicht einordnen, Studium? Referendariat? Ehemaliger Kollege? Oder Schüler? Oh nein, ich habe keine Ahnung, aber ich habe auch schon angefangen zu grinsen, irgendwas muss ich jetzt sagen, ach herrje...
DrH: "Hey, wir haben uns ja ewig nicht gesehen!"
???: "Ja, tatsächlich, wie läuft es bei dir so?"
Weiß er, dass ich Lehrer bin? Haben wir zusammen studiert? Weiß er, dass ich arbeitslos bin? Wie komme ich möglichst unverfänglich weiter?
DrH: "Hm, eigentlich ganz gut, ich bin momentan mal wieder in einer Bewerbungsphase und hoffe, dass sich was Gutes findet."
???: "Ah, du bist jetzt Lehrer, oder?"
Wie peinlich. Er weiß das, und ich weiß nix von ihm, okay, was sage i...
DrH: "Und wie ist es bei dir momentan?"
???: "Im Moment wieder ganz gut, es war ein bisschen schwierig nach dem Coming Out, aber jetzt komme ich gerade wieder auf die Bahn, bin auf dem Weg zur Stadtmission, da arbeite ich zur Zeit."
Okay, das sind Anknüpfungspunkte, ich frage ihn einfach ein bisschen über seine Arbeit aus, und währenddessen kann ich überlegen, wie sein Name war, also einfach...
DrH: "Ja, das Outing ist manchmal eine echt schwierige Phase, ich bin auch froh, dass ich das lange hinter mir habe. Wie ist es denn bei dir gelaufen?"
???: "Eigentlich ganz gut, naja, mit meinen Eltern nicht so. Streng katholisches Elternhaus und so..."
DrH: "Wie bist du denn auf die Idee gekommen, dass du schwul bist?"
???: "Ich war in einer Beziehung mit einer Freundin, aber hab da irgendwie gemerkt, dass das nicht so wirklich lief, und dann hatte ich Schluss gemacht und gemerkt, dass es mit Jungs wesentlich besser läuft."
DrH: "Und deine Eltern kommen damit nicht klar?"
???: "Nein, meine Mutter sagt, sie hätte es lieber gern wie früher, da war alles in Ordnung. Und ich meinte dann, ach so, wie früher, als ich depressiv war und die ganze Welt angelogen habe und überhaupt nicht ich selbst sein konnte?"
DrH: "Hoffentlich können sie dich irgendwann so akzeptieren, wie du bist... wie gehst du mit der Situation um?"
???: "Naja, ich habe jetzt erstmal den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen..."
Ach du Scheiße. Und ich dachte, solche harschen Geschichten gibt es nur in Filmen oder anderen Kulturkreisen, oder bei den Amerikanern... aber jetzt sitzt da vor mir dieser junge Mann, den ich nicht identifizieren kann, in einer absolut miesen Situation, und jetzt werde ich wirklich neugierig und interessiere mich für seine Geschichte...
...und deswegen hat der Rest des Gesprächs hier auch nichts zu suchen. Das hat die Busfahrt wie eine leichte Brise wirken lassen, auch wenn das ein hartes Gesprächsthema war. Ich habe ihm gesagt, dass ich es toll finde, dass er sich geoutet hat. Und es zeigt, dass wir in Deutschland noch ein gewaltiges Entwicklungspotential in LGBTQ-Angelegenheiten haben. Nur weil wir (endlich) die Ehe für Alle haben, und weil es mittlerweile m/w/d-Ausschreibungen gibt, heißt das nicht, dass man als schwuler Mann vollkommen akzeptiert wird. Das tut mir verdammt leid, und hat mich in's Nachdenken gebracht. Und erst als ich in meiner Wohnung angekommen bin, wird mir bewusst, dass ich vergessen habe, das Wichtigste zu fragen:
post scriptum: Fachschaft, in meiner Abschlussphase, ich erinnere mich wieder, und wünsche ihm ehrlich, dass er irgendwann den Kontakt zu seinen Eltern wieder herstellen kann, denn es ist traurig, wenn man den familiären Rückhalt verliert, nur weil man schwul - oder irgendwas aus der LGBTQ-Ecke - ist. Zeigt auch, dass wir als Lehrkräfte dort noch eine Menge Aufklärungsarbeit leisten müssen.
Freitag, 3. Januar 2020
Rauchen gefährdet die Gesundheit???
Rauchen gefährdet die Gesundheit - das ist ein wunderbar griffiges Narrativ, und für alle, die das nicht so ganz glauben wollen, hat man dann irgendwann beschlossen, die Zigarettenschachteln mit Schockfotos und Panik machenden Aussagen zu versehen - "Raucher sterben früher" - "Rauchen macht impotent" - "Rauchen erhöht das Brustkrebsrisiko" und ähnliche Warnungen sollen abschrecken. Heute stand ich einmal wieder an einer Supermarktkasse und habe die Zigarettenschachteln durchgeschaut und mich gefragt, was ich eigentlich von dieser Aktion halte. Statt zu einer Antwort zu kommen, hat sich eine neue Frage aufgedrängt:
Wo ist dieser Hinweis auf Alkoholflaschen???
Wo sind Sätze wie "Alkohol führt dazu, dass Sie sich vor ihren Liebsten wie ein Vollidiot aufführen" - "Alkohol am Steuer kann Sie zum Mörder machen" - "Alkoholismus bringt Familien auseinander" - "Alkohol kann Sie Ihren Job kosten"?
Wo sind Bilder von Verkehrsunfällen, von Menschen in Ausnüchterungszellen, von Scheidungsanwälten, von zerstörten Lebern, von Kindern, die im Heim landen, von Menschen, die ihre Ehepartner schlagen, von Vollidioten, die auf der Hochzeit ihres besten Freundes blank ziehen, von kotzenden Menschen, am besten noch mit Soundfiles von lallenden Besoffskis, die sich selbst gerade einkotzen.
Sicherlich gibt es noch viele Bilder und Sprüche mehr, die sich auf Alkoholflaschen gut machen würden, aber ich denke, der Punkt ist rübergekommen. Diese seltsame Doppel- und Dreifachmoral unserer Drogenbeauftragten macht mich krank. Aber Hauptsache Kiffer kriminalisieren, denn: Gras ist böse.
Donnerstag, 2. Januar 2020
Zwanzig Zwanzig: Regeln
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| Klare Ansage hilft weiter. |
Ich wünsche allen Lesern ein frohes neues Jahr, hoffentlich von Gesundheit gesegnet. Viele Menschen machen sich Vorsätze für das neue Jahr; ich kann das nicht so gut nachvollziehen. Oder besser gesagt: Ich kann das nicht. Ein Vorsatz, das klingt so nach "Ich nehm mir das mal vor, aber wenn es nicht klappt, ist es auch nicht so schlimm", und dann würde ich haufenweise Gründe finden, warum ich die Vorsätze nicht durchziehe.
Ich mache mir Regeln. Ganz klare Richtlinien, an die ich mich halten muss, ohne Interpretationsspielraum. Ist vielleicht wieder der kleine Autist in mir; Ihr Lehrkräfte wisst ja, wenn Ihr autistische Schüler unterrichtet, dann brauchen sie klare, eindeutige Ansagen. Zu diesen Regeln gehört zum Beispiel, dass ich nichts Süßes mehr einkaufe. Die Haut wird es mir danken. Eine weitere Regel schreibt mir vor, dass ich mit der großen Buba keine Wiederholungen mehr mache. Kein "Können wir den Film nochmal schauen?" oder "Können wir das Spiel nochmal spielen?" - ich habe gemerkt, dass es sich für mich einfach wie verschwendete Zeit anfühlt, und das ist ein unangenehmes Gefühl.
Ich bin ganz froh, dass ich mir diese Regeln endlich verschriftlicht habe, denn so habe ich sie immer vor Augen und kann danach leben. Das, kombiniert mit den Lojong-Losungen, könnte ein etwas besseres Lebensgefühl in Zwanzig Zwanzig geben.
Kommt gut im neuen Jahr an!
Montag, 30. Dezember 2019
Wie verbringt Ihr Silvester?
Sorry für's Verlinken, aber mich interessiert wirklich, was Ihr an Silvester macht. So egal mir Weihnachten ist, so wichtig ist mir die Ausgestaltung des Jahreswechsels.
Früher war ich ein flammender Feuerwerk-Fan. Ich fand es immer unglaublich spannend zu erleben, was passiert, wenn man die Pyroartikel anzündet. Aber irgendwann kennt man die Effekte. Da fehlt das Neue, und irgendwie ist es dann nicht mehr aufregend. Dieser Umstand, kombiniert mit der Klimawandel-Feinstaub-Debatte, bedeutet für mich, dass ich kein Feuerwerk mehr zünde. Ich habe nur noch zwei Stück Kleinfeuerwerk in der Wohnung - Wilde Hummel - für Feieranlässe mit der großen Buba.
Ich verbringe Silvester allein. Ich möchte den Tag ruhig und ausgeglichen verbringen. Der Abend fühlt sich ein bisschen "magisch" an, oder zumindest irgendwie bedeutsam. Natürlich mache ich daraus einen Meditationstag; ich denke nach über alles, was im vergangenen Jahr passiert ist, und was mich stark bewegt hat, und da gab es in Zweitausendneunzehn wieder Einiges. Ich möchte das vergangene Jahr wertschätzen und mich seelisch vorbereiten auf das, was im neuen Jahr kommt, und das wird in Zwanzig Zwanzig Einiges Wichtiges sein. Vielleicht finde ich etwas über mich selbst heraus. Vielleicht finde ich ja einen neuen Job. Vielleicht nehme ich endlich wieder Kontakt mit ihm auf, damit Er nicht denkt, ich hätte ihn abgehakt.
Schöne Musik, die Wohnung dunkel, um Mitternacht aus dem Fenster schauen. Leckeres Essen, Berliner, tolle Filme. Ich genieße es, dass ich den Jahreswechsel allein verbringen kann und nicht auf irgendjemanden Rücksicht nehmen muss, bzw. mein Abendprogramm an irgendjemanden anpassen muss.
Und was macht Ihr?
Samstag, 28. Dezember 2019
Technokratie
| Darf's noch eine mehr sein? |
Im Griechischkurs an der Universität habe ich die Begriffe téchne und kratía gelernt. Technokratie dürfte also in etwa "Herrschaft der Maschinen" bedeuten; es geht mir einfach darum, dass wir wirklich sehr viele elektronische Geräte in unseren Wohnungen haben. Nein, das ist kein pluralis maiestatis, ich gehe einfach davon aus, dass Ihr auch Eure kleinen gadgets habt. Nachtlicht, Ventilator, Raumbe- oder Entfeuchter, Vaporizer für die Aromatherapie, alles, was das Leben einfacher oder angenehmer macht.
Bei mir ist es jedenfalls so. Da hinten steht eine Ethnolampe, die für schummrig-stimmungsvolles Licht sorgt, dort rechts sind die Nachtlichter, die auf Bewegung reagieren, und noch mehr. Je nachdem, welche Atmosphäre ich in der Wohnung also haben möchte, gehe ich durch die Wohnung und knipse die kleinen Gadgets an oder aus.
Leichter geht es natürlich mit Fernbedienungen. Heute hat sich die mittlerweile vierte auf meinen Couchtisch begeben. Eine Fernbedienung für den Fernseher, eine für das Heimkinosystem, eine für Amazon FireTV, und jetzt eine, mit der ich die Lichtatmosphäre durch Klicks von der Couch aus steuern kann und nicht mehr in die hintersten Ecken zu den Schaltern kriechen muss (Dachschrägen anyone?). Mich erinnert das ein wenig an den Film Wall-E, in dem die Menschen so faul geworden sind, dass sie ihr ganzes Leben nur noch per Knopfdruck von der Couch aus steuern.
Und trotzdem mag ich solche kleinen Gadgets - ebenso wie diese kleine Löffelwaage, mit der ich die Zutaten direkt aus der Tüte heraus abwiegen und in den Topf werfen kann. Auch für Tee ganz praktisch ;-) Irgendwann werden wir von der Technik vollkommen beherrscht werden...
Freitag, 27. Dezember 2019
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