Samstag, 10. November 2018

Ein ganz besonderes Kind


Meinen Eltern könnte dieser Beitrag aus der Seele gesprochen sein, aber vielleicht finden sich auch andere Leser hier irgendwo wieder, sei es nun als betroffenes Kind oder betroffener Elternteil. 

Mit nicht einmal zwei Jahren kaut er seinen Eltern ein Ohr ab, ist in der Lage, ganze Sätze zu bilden und kommt kaum zur Ruhe. Mit vier Jahren liest er aus der Tageszeitung vor. Mit sechs Jahren kann man ihn glücklich machen, indem man ihn vor eine Waschmaschine setzt, und er kann dort ununterbrochen fasziniert zuschauen. Sein Interesse für Sprache ist so hoch, dass er versucht, aus jedem ungewöhnlichen visuellen Input ein Wort zu kreieren, und wenn es nur die Architektur einer Autobahnbrücke ist. Sein Klassenlehrer ruft an, um mitzuteilen, dass er seine Hausaufgaben nie macht. Gleichzeitig stört er den Unterricht, ist laut und sein Wunsch, Mitschülern zu helfen, wird als ungewollte Belehrung aufgefasst.

Es geht in diesem Artikel gar nicht um ihn. Wir brauchen ihn quasi als Macguffin, als Auslöser für die Reaktionen seiner Eltern. Die sind nämlich oftmals hilflos. Sie würden ihm gern helfen, oder auch dem Klassenlehrer. Sie haben bereits Zwillinge ein paar Jahre vor ihm großgezogen, sie wissen, wie man sich um ein Kind kümmert und wie es ist, es an die Hand zu nehmen und ihm die Welt zu zeigen. Was aber soll man tun, wenn das Kind schon von sich aus alles erforscht? Wie kann man ihn zu den Hausaufgaben zwingen, wenn sich doch alle einig sind, dass er sie gar nicht braucht? Warum funktionieren die normalen Verhaltensweisen bei ihm nicht? Warum ist er anders als die anderen Kinder? Und im schlimmsten Fall: "Was haben wir falsch gemacht?"

Das muss kein hochbegabtes Kind sein. Es kann auch geistig oder körperlich behindert auf die Welt gekommen sein, oder ein Autist, es kann taub sein oder blind, in irgendeiner Weise anders als alle anderen. Und was ich nun schreibe, ist bloßes Theoretisieren, denn ich bin kein Vater. Was ich aber beobachtet habe, ist, dass Eltern ihr Kind bloß wegen seiner Andersartigkeit nicht weniger lieb haben. Es kann nur manchmal eine ganze Weile dauern, das zu akzeptieren. Und in dieser Weile kann es Versuche geben, das Kind doch irgendwie normal zu bekommen. Sollte mich nicht wundern, wenn die Eltern bei der Geburt eines solchen Kindes das gesamte Kübler-Ross-Modell abklappern. Ich hoffe zumindest, dass sie dann bei der letzten Phase ankommen, das wäre für alle Beteiligten das Beste.

Dann nämlich lieben sie ihr Kind ohne den Wunsch, es müsse doch wie alle anderen Kinder seines Jahrgangs sein. Dann lernen sie, mit ihm umzugehen, indem sie nicht das Kind, sondern ihre eigenen Verhaltensweisen zu ändern versuchen. Das heißt nicht, dass sie keine Enttäuschungen und/oder Zurückweisungen mehr erleben müssen; wie oft kommt es vor, dass meine Eltern mir gern helfen würden, aber ich lasse das nicht zu, weil ich meinen eigenen Plan davon habe, wie Probleme und ihre Lösungen funktionieren?

Es muss unglaublich anstrengend sein, ein entbehrungsreicher Weg, wenn man ein ganz besonderes Kind hat - gleichzeitig kann es aber auch so bereichernd sein, wenn man seine eigenen jahrzehntealten Verhaltensmuster aufbrechen muss und neue Blickwinkel kennenlernt.

Und warum schreibe ich darüber? Weil es in dem gestrigen Film, Jeff Nichols' Midnight Special (2016), genau um ein solches Kind geht. Ich werde nicht spoilern, inwiefern das Kind besonders ist; vielleicht gibt das Schutzbrillen-Foto oben schonmal eine kleine Idee, worum es gehen könnte (aber keine Sorge, die Wahrheit ist wesentlich größer). Das Schöne ist, dass der Film sich nicht ausschließlich auf die Anstrengungen vieler erwachsener Menschen konzentriert, die herauszufinden versuchen, was denn nun genau mit diesem Jungen nicht stimmt; viel interessanter sind die Bemühungen der Eltern, ihr Kind vor dem Zugriff fremder Personen zu schützen.

Nichols scheint ein Händchen für Psychologie und unkonventionelle Erzählweisen zu haben - so hat er sich in Take Shelter (2011, übrigens, wie bei Nichols so oft, auch mit Michael Shannon in einer Hauptrolle - diese Augen! Und Kirsten Dunst als Mutter liefert wieder eine großartige Performance ab) dem Thema Paranoia gewidmet, und erfrischenderweise ohne viele Klischees um Authentizität bemüht. Ich fand Midnight Special ziemlich spannend (ist eben Science Fiction), anspruchsvoll (endlich wieder ein Film ohne stundenlange Expositionsdialoge) und schließlich emotional berührend - und gleichzeitig eine Coming-of-Age-Story des Jungen, um den sich alles dreht. Ein aufregender Blick auf ein Elternpaar, das bei dem Versuch, ihren Sohn zu schützen, wieder zueinander findet (eventuell...).

post scriptum: Ich habe diesen Beitrag heute mittag geschrieben. Im Verlauf des Tages ist mir bewusst geworden, wie stark der Film in meinem Kopf hängen geblieben ist. In solchen Fällen fange ich an, mich zu informieren, und lese Filmkritiker, die überlegen, ob Jeff Nichols der nächste große Geschichtenerzähler unserer Zeit werden kann - so wie Steven Spielberg damals. Mit gerade mal neununddreißig Jahren zeigt er unglaublich viel "Einsicht" in seinen Filmen - und sorgt dafür, dass sie nachwirken. Ich denke, ich werde den Film nachher direkt ein zweites Mal schauen, diesmal auf Englisch. Mag ich eigentlich sowieso lieber, aber ich hatte Angst, dass ich irgendwas Wichtiges nicht mitbekommen könnte, und die Version des Films bei "Amazon prime" hat keine Untertitel.

Liebe Die große Buba, das ist ein Film für uns zwei!

Freitag, 9. November 2018

Variatio kann mich mal!

Random Foto damals aus den Kronshagener Bergen

Schon wieder ist eine Schulwoche um, ganz ohne Beitrag, was an Faulheit liegen kann, oder tatsächlich daran, dass mir derzeit meine Schüler näher an's Herz wachsen und ich tatsächlich meinen Kopf nicht freibekomme - dabei hat es während der Schultage immer wieder schöne Themen gegeben, die auf das "Papier" hätten gebracht werden können.

Einer dieser potentiellen Beiträge wäre am Mittwoch gepostet worden, denn an jenem Tag hatte ich ein sehr gutes Gespräch mit einem meiner Schüler. Unter anderem kam auch dieser Blog zur Sprache - vielleicht liest EK diesen Beitrag gerade. (Sollte jemand auf die unglaublich originelle Idee kommen, es könnte sich bei EK um Initialen handeln und ein Entschlüsseln nach sich ziehen - habt Ihr nichts Besseres zu tun?) Was mich bei der Blog-Rückmeldung fasziniert hat, war der positive Grundton, ganz ohne Einschränkung: "Was ich ihnen noch sagen wollte: Ich finde ihren Blog gut." Und sofort geht mein Gehirn aus leidvoller Erfahrung an: Gleich kommt die Einschränkung. Das Aber. Gleich bekomme ich einen vor den Bug. Denn gerade bei Schulleitungen und Kollegien kommt es selten positiv an, dass Dr Hilarius einen für Schüler lesbaren Blog führt. Ich kann die Warnungen, die ich in den letzten Jahren bekommen habe, nicht mehr an beiden Händen abzählen. Also ist es kein Wunder, dass ich auf das Aber von EK warte. Doch es kommt nicht: "Nein, wirklich, ich finde es gut, dass sie ganz offen über Themen sprechen..." und so weiter.

Zweifache Reaktion: Dankbarkeit dafür, dass es endlich mal wieder ein uneingeschränkt positives Lob gab; das hat mich tatsächlich so verwirrt, dass ich den Flur auf und ab geschaut habe und nach Worten gesucht, bis EK dann feststellte: "Haben sie damit jetzt nicht gerechnet?" Und ich nutzte die Chance, um ihm zu erklären, was es alles an caveats gibt. Daher also die Dankbarkeit auf der einen Seite, und auf der anderen Seite fasziniert es mich immer wieder, zu erleben, dass Offenheit etwas Besonderes in unserer Welt zu sein scheint. War jedenfalls ein tolles Gespräch, aber ich hatte so vieles im Kopf, dass ich es nicht auf die Reihe bekommen habe, diesen Text am Mittwoch zu posten.

Stattdessen lautet das Thema des heutigen Beitrags Variatio kann mich mal! - eine Verballhornung des lateinischen Sprichworts variatio delectat - Abwechslung erfreut, sozusagen. Weil es ja eintönig sei, immer nur das Gleiche zu hören, zu sagen, zu sehen, zu essen und so weiter. Da mag ja auch etwas dran sein, aber es gibt Situationen, da fühle ich mich wie die goldene Ausnahme zu dieser Regel; Situationen, in denen ich ein- und dasselbe immer und immer wieder machen kann und immer wieder Spaß daran habe. Und ich frage mich, ob das wohl mit der Hochbegabung Släsch Autismus Strich Schnittmenge zu tun hat.

Essen. Natürlich muss ich damit anfangen, whatever. Während ich in letzter Zeit gern auf dem Trip war "Ich möchte erfahren, wie Dinge wirklich schmecken", also gegen Fertiggerichte und Geschmacksverstärker und eine Vielfalt von Lebensmitteln erleben, hat sich das mit dem Schulstress wieder geändert, und somit futtere ich zur Zeit heiße Hunde. Fast ausnahmslos. Korrigiere: Ausnahmslos. Ich kann davon gar nicht genug kriegen, während die Sannitanic jetzt vermutlich fast ihr zweites Kind erbricht, denn sie hasst Ketchup. Zu Recht, wie ich mittlerweile sagen möchte, denn Ketchup ist in der Regel so stark überwürzt, dass darin jegliches Aroma einer Speise ertrinkt.

Irgendwann konnte ich ihre Sichtweise nachvollziehen, und habe zum Beispiel Bratkartoffeln immer pur gegessen. Hackbraten ohne Ketchup. Und das war gar nicht mal so eine schlechte Erfahrung; nun allerdings ersaufen meine heißen Hunde in Senf und Ketchup, und die Röstzwiebeln, die zu achtzig Prozent aus Öl und Mehl bestehen, machen die Sache nicht besser. Und trotzdem kann ich mich jeden Tag wieder darauf stürzen. Es wird nicht langweilig, es wird nicht eintönig.

Filme. Hin und wieder sehe ich einen Film, der mich so sehr begeistert, dass ich ihn innerhalb kürzester Zeit wieder und wieder schauen kann. Das ging so mit Dark City (1998), A Quiet Place (2017), Suspiria (1977), It Follows (2014), Cloud Atlas (2012), Interstellar - selbst wenn es manchmal nur einzelne Szenen sind, derer wegen ich mir das Werk ein weiteres Mal anschaue. Es wird nicht langweilig.

Das ist also etwas... speziell. Und an dieser Stelle breche ich den Beitrag ab, denn morgen soll die Fortsetzung folgen, als Reaktion auf einen wunderbaren Film, der sich mit einem speziellen Kind beschäftigt.

Kommt gut in's Wochenende!

Sonntag, 4. November 2018

Das Gespräch


Neulich habe ich mich in "unserem" Lehrerzimmer (funktioniert ähnlich wie an den Gemeinschaftsschulen mit ihren Stützpunkten) einmal umgeschaut und dabei die Übersicht der Funktionsstellen an meiner Schule überblickt. Mir ist aufgefallen, dass der Posten des Drogenbeauftragten unbesetzt ist, bzw. derzeit in der Hand unserer Sozialpädagogen liegen. Da könnte sich eventuell endlich eine Möglichkeit bilden, meine Expertise in die Schule einzubringen.

Diesen Gedanken habe ich der Schulleitung geschrieben, und es kam postwendend die Antwort, dass wir das einmal in einem Gespräch erörtern könnten, man wolle ohnehin einmal mit mir sprechen. Ich entsinne mich, dass war genau das bei der Einstellung festgehalten hatten: Um die Herbstferien herum machen wir einmal eine Lagebesprechung. Und nun bin ich also dabei, einen Termin abzumachen.

Und ganz langsam schwant es mir, dass das ein sehr wichtiges Gespräch sein könnte. Ich realisiere sowas gern recht langsam, die große Buba merkt solche Sachen schneller, warum nur? In den Meditationen faltet sich ein Panoptikum an Optionen auf. Wenn das klappt, dann möchte ich die Schule richtig kennenlernen. Also richtig. Wozu es für mich auch gehört, einmal einen Vormittag im Sekretariat zu verbringen, um den Alltag aus der Sicht anderer Mitglieder der Schule zu erleben.

Und mir wird bewusst, dass ich einige wichtige Dinge in diesem Gespräch auf's Tapet bringen möchte; ich sollte über alles reden, was schiefgehen kann, bevor ich einen Vertrag unterschreibe, denn ich möchte, dass meine Schulleitung weiß, wen sie sich da in's Boot geholt hat. Meine erste Schulleiterin wusste das nicht, und es hat richtig gekracht. Mein zweiter Schulleiter hat das ganz schnell erkannt, und genau aus diesem Grund dann alle Hebel in Bewegung gesetzt, um mich nach St.Peter-Ording zu bekommen.

Es mag an der Nordseeschule wunderbar geklappt haben, es passte so gut, dass die olle Areté stolz gewesen wäre. Und dennoch gab es heikle Situationen und unangenehme Gespräche. Ich möchte vorwarnen - und daher hoffe ich, dass ein positiver erster Eindruck von Dr Hilarius entdeckt werden konnte. Die Sannitanic hat mir einmal gesagt: "Fang' nicht schon beim Vorstellungsgespräch mit allen Problemen an, die auftauchen könnten. Lass' deine Arbeit erstmal ein bisschen einwirken." Und das habe ich mir bis heute gemerkt. Ich bin ein polarisierender Lehrer, und deswegen ist es mir wichtig, dass ich am Anfang einen positiven Eindruck hinterlasse und man mich wirklich behalten möchte. Dann kann ich mit den Problemen anfangen.

Früher war das anders, da habe ich in diversen Vorstellungsgesprächen losgelegt, welche Probleme es geben könnte, wenn man mich einstellt, und das hat auch dafür gesorgt, dass man mich abgelehnt hat. Ich mag ein schönes Gutachten mit mir rumtragen, aber glaubt Ihr ernsthaft, dass das jemand liest, bzw. ernst nimmt? Der Eindruck im Vorstellungsgespräch ist viel wichtiger, also habe ich mich da etwas zurückgenommen.

Scheinbar mit Erfolg, und scheinbar hätte ich das schon früher machen sollen, denn dies war das erste Mal, dass man aus einem Kreis von Mitbewerbern mich ausgewählt hat. Aber ich dachte damals eben, hundertprozentige Ehrlichkeit sei toll. Ich denke das noch immer, und deswegen hängt seit ein paar Jahren ein Schild an meiner Wohnungsdecke - aber darüber ein anderes Mal. Ehrlich ja, aber ich muss nicht jedem gleich alles auf die Nase binden. Wenn die Leute mich etwas fragen, dann bekommen sie eine hundertprozentig ehrliche Antwort - und sie sollten vorher überlegen, ob sie das wirklich wollen.

Die Aufregung vor dem Gespräch steigt - aber ebenso auch die Hoffnung auf einen positiven Ausgang, denn es fühlt sich bisher so toll an. Ich mache Fehler, wie bei jedem Schulwechsel, aber meine Hoffnung ist, dass ich mich einlebe und eingewöhne, und dass es dann rund geht.

Mir geht immer mehr das Licht auf, dass dies die Chance sein könnte.

Samstag, 3. November 2018

Auf zu Ikeaaaaaaach du scheiße...


Nur ein Idiot fährt samstags zu IKEA.

Case in point? Ich war dort. Dabei wissen Kieler, dass eine samstägliche Einkaufstour in das gelb-blaue Paradies für die Unter- und Mittelklasse ein wagemutiges Unterfangen ist: Samstag ist der einzige Tag für sehr viele Familien, an dem sie mit Kind und Kegel losziehen können. Kein Job vormittags, keine extra Kinderfürsorge nachmittags, es scheint, als wäre für viele der Samstag der heilige IKEA-Tag. Und so zieht halb Schleswig-Holstein los, um BILLY zu kaufen, und CHOKOKAKA und BETYDLIG und KAGGE (diese Vase ist echt...) und LUSTIFIK (ein Tipp, was man nach dem Aufbauen machen sollte?) und so weiter - sorry, einmal angefangen kann man mit diesen Namen kaum aufhören, und ich sterbe gerade vor Lachen. Ich schreibe nachher weiter.

So, Luft geholt und Einkauf resümiert: Ich habe tatsächlich in den letzten fünfzehn Jahren IKEA noch nie dreizehn Minuten gebraucht, um einen freien Parkplatz zu finden - weil ich bisher so gut wie nie an einem Samstag einkaufen gegangen bin, oder unter der Woche im Berufsverkehr. Heute war die Tiefgarage mit Parkplatzanweisern überflutet, und es gab keine Chance, einen Platz im Bereich D zu bekommen - erst G hat funktioniert, vorletzte Reihe, direkt vor der Ausfahrt. Aber immerhin habe ich einen Platz gefunden, und mich hat es ein wenig geschaudert in Erwartung der Kassen - aber der Schauer wurde schnell vom Zielstreben beiseite geschoben: Ich brauche tiefe Teller und Badematten. Na denn.

Die Treppe raus und gleich wieder runter, vielleicht kennt Ihr das, das ist diese Treppe, an deren Geländer verschiedenste Artikel angebracht sind, damit man selbst bei'm Heruntergehen noch etwas Praktisches für die Wohnung findet, oder Schokolade. Und man landet dann in der Abteilung Geschirr. Allerdings ganz langsam, denn der Kundenstrom zieht sich zäh wie Sirup, keine Chance, auf dem Mittelweg schnell voranzukommen. Also nehme ich die schmaleren Seitenwege, da ist kaum jemand - ha, bin ich geil, dass ich diesen Trick gef... scheiße, und in dem Moment stellt direkt vor mir eine junge Mutter ihren leeren Kinderwagen schräg mitten auf die Kreuzung zweier Wege, so dass wirklich gar kein Vorbeikommen ist. Und natürlich merkt die nicht, dass sie im Weg steht, sie hängt am Handy und ihre Augen suchen nach ihrem kleinen Monster.

Vergessen wir also das schnelle Durchkommen. Genauso wie die Parkplatzsuche wird heute allein das Erreichen des Kassenbereichs ewig dauern. Finde ich denn wenigstens die richtigen Teller? Schwarz, Glanz, tief, rund? Nein, finde ich nicht, da IKEA das Format seines Geschirrs geändert hat - rund gibt es nur noch bei Auslaufmodellen und in den falschen Farben. Schwarz und Glanz ist mittlerweile viereckig mit abgerundeten Ecken. So ein Scheiß, das passt überhaupt nicht zu meinem einzigen übrig gebliebenen runden Teller zuhause, und ich bin kurz davor, den kompletten Einkauf abzubrechen, denn ein falscher Teller in dem Sortiment im Küchenschrank, das geht überhaupt nicht. Wie ungerade Zahlen bei der Lautstärkeeinstellung. Und dann sage ich mir, scheiß drauf, wird Zeit, umzudenken, packe mir sechs dieser neuen Teller ein und nehme mir vor, meinen Teller zuhause in den Müll zu befördern. Teller erledigt.

Fehlen nur noch die Badmatten. Ich brauche TOFTBO, das sind diese mit den dicken Stoffnippeln, die sind ganz weich und saugen extrem viel Wasser auf, und vor allem sind sie auf der Unterseite nicht gummiert. Genau wie meine Mutter jetzt nach dreißig Jahren merkt, wie nervig Gummierung sein kann, habe auch ich meine vorherigen Badmatten dem Müll zugeführt. Zum einen neigt das Gummi dazu, bei Feuchtigkeit mit dem Boden zu verschmelzen, zum anderen ist die Gummierung nach einigen Waschgängen trocken, brüchig und wegwerfbar. Dann lieber gleich ohne Gummi, auch wenn es mit vielleicht sicherer wäre (haben auch meine Schüler gestern gelernt, sorry für random sex education). Und ich habe gerade nochmal Glück gehabt, denn Toftbo wird gerade aus dem Sortiment geworfen. Restbestände werden rausverkauft, um ein Drittel im Preis reduziert, und zum Glück habe ich noch welche bekommen: Die neue Generation Badmatten bei IKEA ist nämlich gummiert...

Und dann will ich nur noch weg. Kasse, wo bist Du? Und ich hänge mich unauffällig an einen jungen Mann, der es ebenfalls eilig hat und alle Gänge nach schnellen Wegen durchsucht. Es folgt: Der Kassenbereich. Die Kunden stehen an den siebenunddreißig geöffneten Kassen bis zu den riesigen Möbelregalen. Ich erinnere mich daran, was der Dalai Lama über Entspannung gesagt hat, und stelle mich irgendwo an, meilenweit vom Laufband der Kasse entfernt. Und ich warte. Beobachte Möbel, Kunden, berechne Winkel in Mustern an der Decke und denke die ganze Zeit daran, dass ich auch einfach zu der Scannerkasse zum Selbstbezahlen gehen könnte, dann wäre ich in fünf Minuten durch, aber es ängstigt mich ein wenig vor diesen Dingern - nicht zuletzt wegen meiner Erfahrung im Sophienhof - und bleibe also stoisch stehen.

Und lausche der Lautsprecherdurchsage: "Der Fahrer des Fahrzeugs KI-XXX XX wird gebeten, das Fahrzeug umzuparken, denn sie stehen unberechtigterweise auf einem Behindertenparkplatz. Ich wiederhole..." und ich könnte innerlich schon wieder kotzen, denn genau das ist einfach nur asozial. Und der Umstand, dass ich das ungefähr einem Drittel meiner Schüler zutrauen würde, spornt mich an, in diesen Köpfen etwas zu bewirken. Und ich freue mich riesig, dass in unserer Abteilung ein Kollege mit Behinderung ist, denn dann werden die Jugendlichen endlich mal mit so etwas konfrontiert (denn bei ihren Mitschülern scheint sie das nicht zu kümmern).

Und nun sind die Einkäufe in der Wohnung untergebracht, und ich würde an dieser Stelle gern ein Foto des aktualisierten Badreiches posten, aber ich habe zurzeit keine Digitalkamera mehr - und immer noch kein Handy.

Freitag, 2. November 2018

Gay Movie

Für so etwas braucht man Mut!

Irgendwo da draußen wird jetzt ein Leser zufrieden darüber sein, dass ich mir endlich Love, Simon (2018) angeschaut habe, ein gay movie. Aber was genau ist eigentlich ein Schwulenfilm? Alien: Covenant (2017) hat eine Szene, in der "zwei Männer" sich küssen, in Großaufnahme, und unter den Truppen befindet sich ein schwules Ehepaar. Das allein macht noch kein schwules Kino aus; Alien bleibt nach wie vor SciFi-Horror. LGBTQ-Charaktere finden sich immer öfter in modernen Kinofilmen, und das ist auch gut so, es gab Zeiten, da war das undenkbar.

Es gibt aber auch Filme, die das Schwulsein als Hauptthema haben. Sorry, liebe Diversity-Verfechter, dass ich in diesem Beitrag mit "schwul" die gesamte LGBTQ meine. Viele Filme drehen sich um das Coming Out, und das ist auch kein Wunder, denn für einen schwulen Jungen stellt dieser Schritt einen wichtigen Wendepunkt im Leben dar. Regisseur Greg Berlanti hat sich auch diesem Thema gewidmet, wenngleich man meckern darf, dass zu sehr Feelgood-Atmosphäre aufkommt. Aber es ist Greg Berlanti, der weiß, wie man Medien für Teenager macht (Dawson's Creek) und hat sich auch im schwulen Genre betätigt (The Broken Hearts Club). Er weiß, was er tut, und deswegen war der Film auch wirklich schön.

Aber er bringt nicht wirklich Neues in die Kinowelt, oder? Es gibt bekannte und erfolgreiche Filme über das Outing (Beautiful Thing / Get Real), braucht man diesen Film dann überhaupt?

Und die Antwort muss JA lauten. Zum einen ist es nett zu beobachten, wie sich schwule Protagonisten im Kino-Mainstream durchboxen und weite Anerkennung finden (wie z.B. Call Me By Your Name). Zum anderen haben diese Filme einen Effekt auf Jugendliche, die sich noch nicht geoutet haben: Sie machen Mut. Es wird nicht einfach, aber es wird besser - das sagen diese Filme, und diese Aussage werden wir auch noch in vielen Jahren brauchen. Was Berlantis Film "nötig" macht, ist das Upgrade auf die Generation Handy. Es gibt sehr viele Szenen, die direkt aus einem modernen Schüleralltag entnommen wurden, und das hilft den heimlichen Schwuppen, sich mit der Handlung des Films zu identifizieren. Das ist wichtig, und das sollte alle paar Jahre wieder auf der Leinwand landen.

Klar, der Film ist nicht hundertprozentig realistisch. Aber er ist genau auf seine Zielgruppe zugeschnitten und macht vielleicht ein paar Teenagern Mut. Wer mehr Realismus möchte, kann sich die Story der beiden Männer in Freier Fall (2013) anschauen. Heute war mir einfach nach einem bunten Film über das Outing, und den habe ich bekommen.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Genie beherrscht Chaos

Ein paar der wenigen Sachen, die nicht planlos in der Wohnung herumstehen.

a.k.a. liegengelassen. Heute geht es mir um ein Phänomen - das Chaos in meiner Wohnung - das ich gern mit der Hochbegabung erklären möchte. Und weil ich das so gern möchte, mache ich das jetzt auch, obwohl vermutlich siebenundneunzig Prozent aller normalbegabten Leser das ganz genauso kennen und es nichts mit der Intelligenz zu tun hat. Die Erklärung klingt einfach so nachvollziehbar, also raus damit.

Halten wir noch einmal zwei Dinge fest: Wir wissen, dass das HB-Gehirn immer drei bis fünf Schritte voraus ist. Ich leben selten im Hier und Jetzt, auch wenn ich das sollte und deswegen trainiere. Im Kopf bin ich immer schon eine halbe Stunde, eine Woche oder vier Jahre weiter. Alles zu seiner Zeit, ja, würde ich gern sagen, aber sobald mein Gehirn etwas findet, wovor ich Angst haben könnte - oder auf das ich mich freue - dann stürzt es sich gedanklich darauf. Das zweite ist der Umstand, dass das HB-Gehirn sich gern auf eine Sache so stark fokussiert, dass es Anderes aus dem Blick verliert (zum Beispiel so unnötige Dinge wie Essen).

So nehme ich zum Beispiel den Glasreiniger und ein Wischtuch zur Hand, gehe zum anderen Ende der Wohnung, um die Fenster zu putzen. Sobald das erledigt ist, und genau genommen auch schon währenddessen, denke ich daran, was ich als Nächstes mache, und direkt nach der Arbeit gehe ich dann dazu über. Die benötigten Utensilien - Glasreiniger, Wischtuch - lasse ich einfach vor dem Fenster liegen. Oder ich packe ein neues Videospiel aus, gehe dabei durch die Wohnung; ist es ausgepackt, lasse ich die Folie an Ort und Stelle fallen. Oder ich gehe in's Bad, um Handtücher zu stärken. Den Eimer zum Anrühren der Stärke? Lasse ich auf der Waschmaschine stehen, denn ich muss zurück und die Handtücher zum Trocknen aufhängen, und dabei bin ich dann im Kopf schon wieder einen Gedanken weiter.

Dinge sofort erledigen, das versuche ich mir immer wieder zu sagen, und Müll nach dem Auspacken direkt in den Mülleimer zu werfen, oder gebrauchtes Geschirr direkt in die Spülmaschine zu räumen, oder Putzmittel wieder zurück in das vorgesehene Regal zu bringen. Ich versuche wirklich, das zu trainieren, aber was mir gegenan arbeitet, ist der Umstand, dass das Chaos ja vollkommen in Ordnung ist. Wie sagt man? Nur ein Genie beherrscht das Chaos, und ich habe bei zweiundneunzig Prozent der benutzten Sachen noch im Kopf, wo ich sie abgelegt habe.

Vielleicht spielt auch ein gewisser Rebound-Effekt eine Rolle: Meine Mutter hat immer sehr darauf geachtet, dass alles blitzblank, sauber und aufgeräumt ist (zu sehr?) - das habe ich übernommen, bis ich im Studium gemerkt habe, dass die Welt nicht untergeht, wenn etwas mal nicht am zugedachten Platz liegt. Und vieleicht schlage ich deswegen in das andere Extrem aus - als Ausgleich zu einer extrem aufgeräumten Kindheit.

Transgression, quasi.

Samstag, 27. Oktober 2018

School Hopping

Immer wieder aufregend

Mein Leben stand für mich irgendwie immer fest. Da war ein klarer, gerader Plan, den ich verfolgen wollte, das hat mir Sicherheit gegeben. Ich mache mein Abitur, dann studiere ich eben schnell Latein und Englisch, mache dann mein Referendariat und bekomme einen Job.

"Schmink' dir das ab."

Sehr charmant, danke auch, aber genau das hat die Sannitanic (die bald platzt) damals zu mir gesagt. Und ich hab' sie angelächelt und mir gedacht, ach, lass' sie mal reden, die ist eh' immer so negativ und pessimistisch. Hey, ich habe Latein studiert, damit kann ich mir meine Schule aussuchen!

Abgeschminkt.

Es ist jetzt etwa zehn Jahre später. Ich hatte mich an etwa dreißig Schulen im Land initiativ beworben, weil ich dachte, dass mir jemand antworten wird. Nein. (Die große Buba kennt den Tonfall.) Da kam nix zurück, außerdem war meine Examensnote mit Eins Komma Neun einfach zu schlecht, da gab es viel bessere Bewerber - und mir führt das auch heute noch vor Augen, dass die Note des Zweiten Staatsexamens nichts über die pädagogische Kompetenz eines Junglehrers aussagt.

Ich habe mich dann irgendwann damit abgefunden, dass es wohl noch eine Weile dauern wird, bis ich die richtige Schule für mich gefunden hatte. Und auch wenn es immer wieder eine richtige Tortur war, an eine neue Schule zu kommen - neue Schüler, neue Kollegen, neue Orte, neue Fahrstrecken, neue Klassenstufen, neue Curricula, für den Hochbegabten der absolute Horror - so hatte dieses school hopping eine unschätzbar wertvolle positive Seite.

Meine erste Schule fand ich toll. Das war alles so aufregend, und es lief für mich scheinbar gut. Ich bin bei Schülern und Eltern gut angekommen, und wenngleich mich ein paar Dinge etwas störten, so dachte ich mir, dass es diese nervigen Dinge überall geben wird und ich das einfach hinnehmen müsste. Ich war soweit, Husum als meinen festen Schulort zu akzeptieren.

Einzig durch das Zerwürfnis mit meiner Schulleiterin, das um ein Haar das Ministerium erreicht hätte, und den daraus resultierenden Schulwechsel nach St.Peter-Ording habe ich kennen gelernt, wie Schule auch anders funktionieren kann. Ich habe an der zweiten Schule ein aufgeschlossenes, kollegiales Kollegium kennengelernt, bunte, wilde Schüler, Schulsozialpädagogik in Gestalt von Thekla, und das alles hat mein Bild von der ersten Schule in Husum drastisch relativiert.

Auf einmal wirkte meine erste Schule für mich kalt, rücksichtslos, falsch, der absolute Horror und ich war so glücklich, von dort weggekommen zu sein. Dieses In's-Verhältnis-Setzen wäre nie geschehen, wenn ich in Husum geblieben wäre, und ich bin unendlich dankbar dafür. Es lässt sich vielleicht nachvollziehen, dass ich an mittlerweile sechs verschiedenen Schulen trotz aller Unannehmlichkeiten sehr wertvolle Eindrücke sammeln konnte. Ich konnte Schulen miteinander vergleichen, konnte feststellen, was für unterschiedliche Schulkonzepte dort herrschen und konnte auch ein wenig erfahren, welche Eigenschaften eine Schule haben sollte, an der ich mich wirklich wohlfühlen kann.

Auch wenn das jetzt wahrscheinlich blöd klingt, manchen Kollegen gegenüber, die nie eine zweite oder dritte (oder sechste) Schule kennengelernt haben: Ich möchte das nicht missen. Das waren sieben harte Jahre (vorausgesetzt, ich werde in Plön bleiben können), aber ich mag mir gar nicht ausmalen, was mir gefehlt hätte, wenn ich in Husum damals fest übernommen worden wäre, so wie eine Mitrefi damals.

Und ich bin dankbar.