Montag, 10. September 2018

Saaa...aaauuuuUUUUUUUHHH! (Das Tier in mir)

https://www.opticsplanet.com/gearexpert/wp-content/uploads/2017/10/shutterstock_700020463.jpg

Endlich sind wieder ein paar Dinge von meiner To Do-Liste verschwunden, an diesem sonnigen Montagmorgen, so friedlich, dass nicht einmal die Bienen Lust haben, sich in meine Wohnung zu verirren und mich in den Wahnsinn zu treiben. Stolz wische ich die Aufgaben, die nun erledigt sind, von der Wandtafel ab, zickzack, schnell mit dem Schwamm hin und her, und die eben noch dräuenden nervigen Aufgaben werden pulverisiert. Pulver, a.k.a. Kreidestaub. Der nach unten fällt, wie ich bemerke, und meinen Blick nach unten schweifen lasse: In der Tat, das waren nicht die ersten Aufgaben, die ich jemals von dieser Tafel getilgt habe - auf dem Fußboden, am Übergang zur Wand, hat sich mittlerweile eine kleine Kreidedüne angesammelt.

Naja, die kann ich ja schnell wegsaugen, und hole den Staubsauger aus der kleinen Kammer. Stecker in die Steckdose, einschalten, sanft dröhnt das Gerät in die alltägliche Geräuschkulisse, es ist ein lautes Rauschen, aber nicht so ein Getöse wie damals, zur Zeit des großen Sturms. Nicht zu laut, eher sogar ein bisschen zu sanft, bemerke ich, denn der Kreidestaub ist auch in die Ritzen zwischen den Holzdielen gefallen und ich muss ihn von dort herausbekommen. Also drehe ich die Stärke des Staubsaugers von Stufe drei - glatte Fußböden, kleinste Partikel - auf Stufe sechs rauf - Teppiche, tiefe Teppiche, verlorengegangene Essensreste. Das Dröhnen schwillt an, wird lauter, umfassender, ich bekomme kaum noch etwas mit und sehe, wie gnadenlos der Staubsauger die Kreidedüne vernichtet, wegsaugt, und nur einen strahlend sauberen Holzfußboden zurücklässt.

Wie wunderschön... fasziniert blicke ich dorthin, wo eben noch eine Kreidewüste geherrscht hat... und ich realisiere die Macht, die ich in meinen Händen halte. Ich muss die Wohnung durchsaugen... reinigen... ich... staubsaugen... saaaauuuUUUUUUHHHHHH!!! Ich stoße ein wildes Geheul aus, kann nicht mehr an mich halten, stürze mich wie eine verhungernde Kreatur auf den Staubsauger zu meinen Füßen und greife nach dem Stellrad. Stufe sieben - Sand, Mikropartikel... Stufe acht, die Verankerung knackt... Stufe neun - verlorene Kindheitserinnerungen - das Gerät ist nicht auf eine solch' implosive Macht vorbereitet... und noch weiter, bis ganz auf Stufe zehn - radioaktive Teilchen, Krieg im nahen Osten, menschliche Seelen, verschüttete Cornflakes - alles wird weggesaugt, und ich fange an, manisch zu lachen...

Wie ein Hexenmeister schwinge ich den Staubsauger herum und sauge alles auf, was meine Wohnung verunstaltet - Dreck, Teppiche, Bücherregale... Klassenarbeiten, Lebensmittel, Emotionen... die Sannitanic, die große Buba, Er...Meine Augen beginnen zu glühen, Laserstrahlen schießen heraus und scannen jeden Winkel der Wohnung auf irgendwelche aufsaugbaren Partikel ab, da vorne liegt noch ein Stapel Klausuren, der durch seine Vernichtung nur noch besser werden kann, und da hinten liegen meine Nerven - nichts widersetzt sich meiner Macht!

Endlich ist alles aus meiner Wohnung verschwunden, nur noch weiße Wände und der Holzfußboden, alles ist weg... fast... fast alles... und ich hebe den Staubsauger hoch... und blicke mitten in seinen alles verzehrenden Schlund, schwarz wie die Nacht, und spüre, wie ganz langsam, aber sicher, meine Seele aus meinem Körper gesaugt wird. Ich schließe die Augen, und während mein Denken langsam versagt, höre ich ein Klingeln, verzerrt... und ich realisiere, wie angenehm es sich anfühlt, endlich all' diese Gedanken loszuwerden, das Klingeln wird lauter, mein Kopf wird leerer, und schließlich gebe ich jeden Widerstand auf. Ich wehre mich nicht mehr... ...mmmhhhh...

...und beschließe, dem Klingeln ein Ende zu bereiten, indem ich endlich aufstehe und dem Postboten die Tür öffne. Und dann sollte ich wirklich mal die Wohnung durchsaugen...

Lust auf mehr Geschichten? ;-)

- Die Zimtsterne (der Katastrophenthriller)

- Schnellkasse 2 - die Kontrollwaage schlägt zurück

- Der Wanderer (eine Schauermär) 

- Quengeltheke reloaded 

- Expeditionen in's Badreich

Sonntag, 9. September 2018

Doc und Doc (Seelenstriptease II)

Jahre später - eine neue Perspektive

Heute möchte ich einen Artikel über Doc schreiben, den ich Doc nenne, weil er den gleichen Namen wie ich trägt.

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, hatte ich unterschiedlichste Phasen. In der Orientierungsstufe war ich laut, nervig, überdreht. Albern, habe meine Hausaufgaben nicht gemacht, habe über Mitschüler gelästert. Und habe Mist gebaut, eine Mitschülerin zusammen mit anderen in einen Fluss geworfen - woraufhin diese dann versucht hat, mit einem Küchenmesser auf mich loszugehen. Es waren aber genügend Mitschüler auf jener Klassenfahrt in der Nähe, so dass nichts Schlimmeres passiert ist. Kurzum: Ich war hochintelligent, aber ein Arsch. Besserwisser, nervig aufgedreht und unmenschlich zu meinen Mitschülern.

War wirklich so.

Die Retourkutsche kam dann ab der achten Klasse, als ich lernte, was es bedeutet, gemobbt zu werden, denn damals kam Doc in meine Klasse. Ich kam in die Pubertät und habe viele Dinge in meinem Leben nicht mehr verstanden, ich bin nachdenklicher geworden, ich lernte, dass man auch Männer, bzw. andere Mitschüler attraktiv finden kann. Viel Verwirrung, mir war das alles peinlich, dazu kommt noch die ganze Handballgeschichte, kurzum: Ich wurde still in der Klasse.

Verhaltensauffällig in der anderen Richtung, könnte man sagen, nach dem Extrem in der fünften und sechsten Klasse. Und verhaltensauffällige Mitschüler werden nun mal gern zur Zielscheibe von Mobbern; ich muss es wissen, denn ich habe damals ja auch auf denen rumgehackt, die irgendwie anders waren. Nun war ich also dran, und es gab da drei Jungs in unserer Klasse, die ziemlich schnell merkten, dass ich eine wunderbare Zielscheibe bin. Einer dieser Jungs war Doc.

Sie machten Witze über mich, die Streberleiche, im Unterricht bewarfen sie mich mit Sachen, rempelten mich auf dem Schulhof an und vom Sportunterricht fangen wir gar nicht erst an. Es hat nicht allzu lange gedauert und ich hatte Angst, in die Schule zu gehen. Wenn Doc mal nicht in der Schule war, habe ich mich erleichtert gefühlt, aber die Angst vor diesen Jungs hat meine Mittelstufenerfahrung ziemlich beherrscht (neben Frau Janke, die verzweifelt versucht hat, uns deutsche Literatur näher zu bringen). Ich mochte mich im Unterricht nicht mehr melden, weil ich sofort zur Zielscheibe meiner Peiniger würde, und mein Zeugnisdurchschnitt ist um eine ganze Note abgerutscht.

Und ich glaube, dass Doc das nie bewusst gewesen sein wird. Genauso wie es mir nicht bewusst war, was ich meiner Mitschülerin angetan habe, als ich sie in der sechsten Klasse in den Fluss geworfen habe. Wer mobbt, scheint oft keine Ahnung von dem Ausmaß seiner Handlungen zu haben.

Und das Beste ist: Ich kann Doc nicht böse sein. Denn schon in der Oberstufe hat sich gezeigt, dass da eigentlich ein ganz interessanter Mensch drinsteckt. Im Projektkurs Filmanalyse habe ich gemerkt, dass er auch Horrorfilme mag. Und eigentlich gar nicht so fies war. Ob es seine Freundin war, die ihn etwas "bearbeitet" hat?

Jetzt, viele Jahre später, bin ich ziemlich stolz auf das, was aus Doc geworden ist. Er ist ein Genussmensch geworden, er kennt sich mit Horrorfilmen und Whiskey aus wie wenige andere, und er ist immer noch mit seiner Freundin von damals zusammen. Jedesmal, wenn ich ein Foto von den beiden sehe, muss ich schmunzeln. Wie man sich doch ändern kann... und jedesmal, wenn Doc einen meiner Beiträge im Blog liest und ein "Like" druntersetzt, strahle ich aus dem Innersten heraus - gerade wenn es Beiträge sind, die zum Beispiel mit meiner sexuellen Orientierung zu tun haben und früher cannon fodder für meine Mobber gewesen wären.

Ich finde es absolut klasse, wie Doc sich entwickelt hat. Und es zeigt mir, dass Schüler, die Andere mobben, Gründe dafür haben. Und dass jeder eine zweite Chance verdient hat. Das gibt mir sehr viel für meine eigene pädagogische Arbeit.

Also, so von Doc zu Doc: Toll, was Du aus Dir gemacht hast!

post scriptum gegen die Unkenrufe: Ich habe grünes Licht von Doc für diesen Beitrag erhalten, und ein Kompliment dazu, über das ich mich ziemlich gefreut habe; ihm gefällt die Offenheit, mit der ich hier die Dinge angehe. Klasse! So geht es definitiv nicht jedem, und die häufigste Kritik, die ich zu diesem Blog höre, ist: "Du weißt aber schon, dass das jeder lesen kann, oder? Ich würde das lieber nicht machen, du kannst doch nicht so Privates von dir preisgeben." - Das ist mein Privates, darüber entscheide ich, und ich weiß, dass mehrere der regelmäßigen Leser gerade die Offenheit zu schätzen wissen, vielleicht auch, weil sie sie selbst nicht haben und froh sind, dass ihnen jemand mal aus dem Herzen spricht.

Samstag, 8. September 2018

Der gelbe Punkt

Unzählige Erinnerungen

Heute stehe ich vor meiner Fotowand und schwelge ein paar Minuten in Erinnerungen, und ich sehe ein Foto von der großen Buba und mir in der Cafeteria der Kieler Uni. Buba, Hilarius und Essen - das ging immer ziemlich gut. Und das wirkt alles so selbstverständlich zwischen uns - aber das war jahrelange Arbeit. Zu erkennen, zu lernen, wie der Andere ist. Das war nicht immer so, und ich erinnere mich noch sehr gut an einen Moment vor einigen Jahren, eine Situation, die mir vor DGB verdammt unangenehm war.

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Es gibt so Momente... unglaublich peinliche Momente, in denen ich mir wünsche, die Erde möge sich auftun, oder ich könnte die letzte Stunde ungeschehen machen. Momente wie gestern.

Die große Buba kommt zu Besuch. Ich freue mich riesig, dass sie da ist, denn ich habe sie zwei Wochen nicht gesehen. Und ich habe sie heute auch noch versetzt, weil ich nicht deutlich gemacht habe, dass Meditationstag ist, und dass ich deswegen erst ab zweiundzwanzig Uhr bereit stehe - oder noch später. Ist eben manchmal so, wenn ich intensive Gedanken verarbeiten muss, und der gestrige mit ihm mag zwar kurz sein, aber er beschäftigt mich sehr. Doch die große Buba ist noch fit, und sie kommt auch noch am späten Abend rum, und das ist toll, denn wir wollen noch ein paar Pogopuschel plattmachen, mit Pomsa und Konsorten in Secret of Mana.

Sie kommt herein, ich freue mich, wir springen auf die Couch und unterhalten uns über Verhaltensweisen, über Kartenhäuser, über fat shaming und darüber, wie in jedem von uns Menschen das Potential zur Intoleranz steckt. An Meditationstagen bin ich froh, wenn die große Buba erzählt, dann kann ich zuhören; ich selbst rede nicht so viel. So also auch heute. DGB erzählt von einem ehemaligen Arbeitskollegen, erzählt, wie sie etwas ernüchtert ist über einen Kommentar, den er bei Facebook unter einem... ...oh warte... 

...da ist er wieder... der gelbe Punkt. Ich sitze still, schaue DGB an und höre ihr zu, nicke ein paar Mal bestätigend, aber meine Gedanken kreisen nur noch um diesen gelben Punkt, den ich in meinem Blickfeld habe. Ich kenne diesen Punkt, er taucht auf, wenn ich Kreislaufprobleme habe. Er verschwimmt etwas, wird immer runder, mit einem Loch in der Mitte, so dass er fast ein Ring ist. Als würde das Weiße in meinem Auge gelblich leuchten, matt schimmern, und dahinter kann ich immer noch DGB sehen, die weiter erzählt. 

Zum Glück erzählt sie. Ich versuche, tief durchzuatmen. Wann habe ich zuletzt gegessen? Vor einer halben Stunde. Ja okay, aber nur eine halbe Portion. Und davor? Naja, gestern Abend hatte ich zwei Scheiben Brot. Und davor? Naja, vorgestern Abend... okay okay, ich glaube, ich habe wieder einmal viel zu viel gedacht und das Essen vergessen, und jetzt rächt sich der Körper, ausgerechnet in diesem Moment, wo DGB vor mir sitzt und ich mich so auf das Rumalbern gefreut hatte, und ich hatte sie sowieso schon versetzt, weil das alles später geworden ist, und jetzt noch zusammenklappen? Geht gar nicht! Also, tapfer sein.

Langsam wird der gelbe Punkt immer größer, DGB erzählt noch weiter, ich versuche ihr kurze Fragen als Prompter zu geben, damit sie weiterredet, Hauptsache, ich muss jetzt nicht authentisch und sinnvoll reagieren. Das Glitzern in meinem Blickfeld wabert immer weiter und ich gehe zum Kühlschrank, um mir ein Glas Cola zu holen. Das dürfte DGB stutzig machen: Ich hole mir NIE etwas zu trinken, wenn sie da ist, weil ich mit den Gedanken immer total bei ihr bin und nicht an solche Nebensächlichkeiten denke. 

Ich setze mich wieder, trinke das halbe Glas in einem Zug aus, nicke. Hoffe, dass der Zucker etwas bringt, während der gelbe Punkt soweit verschwommen ist, dass er fast einen Ring mit einem Loch in der Mitte bildet. Okay, halt noch etwas durch, vielleicht  geht das Leuchten gleich wieder weg, immerhin ist das Super Nintendo bereits an und wir müssen doch den Feuerpalast durchqueren und den Manasamen versiegeln, geht bestimmt gleich wieder weg und plötzlich...

...plötzlich hört DGB auf zu reden. Oh Mist, was war jetzt? Hatte sie eine Frage gestellt? Oder war sie fertig? Mir wird bewusst, dass ich kaum ein Wort von dem verstanden habe, was sie in den letzten drei Minuten gesagt hat. Ich sage nur "Mmmhhh, mmhh.." und nicke und lächele, und die große Buba schüttelt verständnislos ob der Intoleranz der Menschen den Kopf, und jetzt ist mein ganzes Blickfeld von diesem gelben, transparenten Punkt bedeckt und ich halte es nicht länger aus, nützt alles nichts, Erde tu dich auf, verschling mich, oder kann das bitte alles ein Traum sein...

"Ehhhmmm... DGB, ich glaube, mir geht es gerade nicht so gut. Ich glaube, ich habe zu wenig gegessen." - "Aber du hast doch gerade gekocht?" - "Ja, aber auch wieder nur die Hälfte gegessen, und davor irgendwie auch kaum was... weißt du, dieser Abend gestern, das Thema beschäftigt mich halt doch irgendwie, und ich stecke momentan vollkommen in Gedanken fest."

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Und hier brechen wir mal ab. Diese Momente kenne ich, und ich kenne sie seit Jahrzehnten. Der Kreislauf trudelt, der gelbe Punkt wabert vor meinen Augen, erst klein, dann größer, dann ein Ring und dann verschwindet er wieder, und währenddessen kann es kribbeln, und ich bekomme nicht so viel mit um mich herum. Und da kann ich noch so viele Schilder in meiner Wohnung aufhängen, die mich an's Essen erinnern sollen. Und da kann ich noch so viele Gläser Wasser überall herumstehen lassen: Wenn mich etwas gedanklich beschäftigt, dann stecke ich da drin, und dann ist alles Andere sekundär. Auch meine Gesundheit, wie es scheint.

Und dann sage mir nochmal einer, Hochbegabung sei "eine Gnade".

post scriptum: Erstmal an meine Eltern - es geht mir gut! Ihr kennt diese Phasen von mir, in denen ich nicht an das Essen denke, und Ihr wisst, dass ich mich danach wieder auf die Bahn bringe. Es ist alles in Ordnung, und ich habe gelernt, damit zu leben. Dann an die große Buba - so ein Scheiß, da haben wir damals die zweite Bhega-Bhuttäh plattgemacht und konnten nicht einmal die Mission abschließen. Und das ist schonmal vorgekommen, dass wir abbrechen mussten, und es ist mir heute immer noch so peinlich wie damals. Tut mir leid. Ich komme nicht gegen diesen Kopf an. Zum Glück weiß sie das, und ist immer noch da. 

paulo post PS: Heute habe ich einen Film aus Südkorea gesehen, "The Wailing" (Gok-seong, 2016), weil neunundneunzig Prozent der siebzig Kritiker auf rottentomatoes.com den Film weiterempfohlen haben. Das war eine gute Entscheidung; es ist ungewöhnlich, dass sich ein Horrorfilm über zweieinhalb Stunden erstreckt, aber die visuelle Erzählweise des Films rechtfertigt das vollkommen. War ein tolles Erlebnis (mit koreanischem Originalton mit deutschen Untertiteln); dass meine Flamme der Begeisterung nach dem Film recht schnell heruntergekühlt ist, hat Gründe, die ich verschweige, um nicht zu spoilern: Je weniger man über den Film weiß, umso besser. Und es bleibt: Jeder Horrorfan sollte diesen Film zumindest einmal gesehen haben, ein visueller und akustischer Genuss.

Freitag, 7. September 2018

Mirror, Mirror

Ich verwende dieses Bild aus Silent Hill 2 immer wieder gern, auch wegen der vielen Assoziationen, die in meinem Kopf dazu bestehen.

Ich erlebe zur Zeit eine Situation, die ich so noch nicht kenne: Ich unterrichte einen Filmliebhaber. Kombiniert mit dem Umstand, dass meine Klientel mittlerweile junge Erwachsene sind, sorgt das für eine Menge Spaß an der Arbeit. Es ist immer wieder nett, vor oder nach der Stunde ein kurzes "Haben sie den gesehen?" auszutauschen. Und es ist toll, das mit einem Schüler zu machen, der für seine Altersstufe eine recht breite Filmkenntnis hat. Ich finde das wirklich cool!

Auf der anderen Seite muss ich ununterbrochen auf der Hut sein, dass ich diesen Schüler in keiner Weise übervorteile. Nicht häufiger drannehmen als Andere, nicht mehr durchgehen lassen als Anderen, und schon gar keine besseren Noten bei gleicher Leistung. Gehört zur Professionalität, aber wem erzähle ich das, viele von Euch, die Ihr das lest, sind selbst Lehrer.

Man fühlt sich wie auf einer Wellenlänge - ich glaube, das würde mir auch so gehen, wenn zwei meiner Schüler ein Referat über The T.A.L.O.S.-Principle halten wollten, weil sie davon begeistert sind. Nicht wahr, die große Buba? Und dann wirkt es ein bisschen creepy, wenn man folgende Situation erlebt:

Die jungen Erwachsenen müssen lernen, ihre Qualitäten, ihre Stärken und Schwächen besser einzuschätzen. Das findet sich auch in den Englischbüchern der kaufmännischen Abteilung wieder. Und passenderweise findet sich in der aktuellen Ausgabe der azubiYo ein Test zur Selbsteinschätzung. Zwölf gut ausformulierte Statements, die man abstufend von trifft voll zu bis trifft gar nicht zu bewerten soll. Dabei ist das noch gar nicht der interessante Teil des Tests; man faltet den Zettel nun, so dass die Kreuzchen auf der Rückseite und damit nicht mehr sichtbar sind. Dann gibt man den Fragebogen einem anderen Menschen (der mich idealerweise schon lange kennt), um eine Fremdeinschätzung zu bekommen.

Wir kennen das als klassisches Handwerkzeug der Pädagogik: Den Schülern möglichst anschaulich, möglichst greifbar zu machen, dass es eine Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung geben kann. Irgendwann sollte man das im Leben einmal realisieren, denke ich mir - bei mir ist das erst relativ spät geschehen.

Whatever, natürlich bearbeite auch ich den Bogen, setze meine Kreuzchen, falte die Seite um und frage, wer von den Damen und Herren mich mal einschätzen möchte. Und natürlich meldet sich mein Filmliebhaber. Alles in Ordnung, er gibt seine Einschätzung ab, ich nehme den Zettel wieder an mich, klappe die eigene Spalte wieder zurück und sehe den direkten Vergleich zu allen zwölf Aussagen. ... ...und dann ist es wirklich ein bisschen creepy, wenn von zwölf Aussagen neun komplett übereinstimmen, nur zweimal gab es eine leichte und einmal eine deutliche Abweichung.

Das ist gruselig. Dieser Filmfreak da, der mich seit drei Wochen kennt, will mich so gut einschätzen können? Never! Und dann denke ich mir... okay, ihr seid auf einer Wellenlänge, mögt beide Filme, könnt euch auf Augenhöhe darüber unterhalten - das verlockt dazu, von sich selbst auf den Anderen zu schließen, wenn man ihn einschätzen soll. Ich denke, genau das ist hier geschehen.

Und warum dieser Artikel? Liebe Kollegen, ich verwette meine kaputte Badlampe darauf, dass Ihr irgendwann in Eurer Schulzeit auch eine solche Situation erlebt habt. Ein unheimliches Abbild von Euch in einem Eurer Schüler, und zwar nicht auf Krampf hineinprojiziert, sondern womöglich tatsächlich vorhanden. Velut in speculum inspicere, wie ein oller Römer einst sagte (wenngleich in anderem Kontext, aber es ist ja Mode geworden, lateinische Zitate anzubringen, auch wenn sie überhaupt nicht passen, denn das klingt gebildet).

Läuft alles drauf hinaus, dass ich mich bei meinen Schülern wirklich richtig wohl fühle. Das ist toll, das hatte ich in dieser Form lange nicht mehr.

post scriptum: Natürlich darf hier nicht ein kurzer Kommentar zu meinem heutigen Film fehlen, gerade wenn ich bedenke, dass mein Filmfreak diesen Text vermutlich in genau diesem Moment liest. Ridley Scott war heute dran, und zwar mit "Alien: Covenant" (2017). Ich habe mich in den letzten Wochen tatsächlich in die guten Filme des "Alien"-Universums ziehen lassen, und mir hat der jüngste Film ziemlich gut gefallen. Ich kann der Rezension von Matt Zoller Seitz vollkommen zustimmen - der ganze body horror ist mir relativ egal, aber da sind großartige schauspielerische Leistungen von Michael Fassbender - einem Iren, der so gut Deutsch spricht, dass man beim Kennenlernen nie drauf käme, dass er aus Irland stammt. Und da sind philosophische Komponenten eingeflossen, die aus Scotts "Prometheus" (2012) fortgeführt wurden, und schon hat man ein thematisches Crossover zwischen "Alien" und "Blade Runner". Es erschließt sich ein Bild in meinem Kopf von einem Ridley Scott, der in seinen Filmen gern der Frage nachgeht, was uns wirklich "menschlich" macht. War für mich heute ein Genuss, auch wenn viele da anderer Auffassung sind - zweiundsechzig Prozent positive Rezensionen auf "rottentomatoes.com" sprechen für sich.

Und: ein schwules Ehepaar in den Fünfzigern wird dort als Selbstverständlichkeit abgebildet, der Moment ist mir in besonders guter Erinnerung geblieben. Und der Kuss, den David Walter gibt (zwei andere Männer, und aus einem ganz anderen Grund), knistert förmlich. Endlich wird das langsam als Teil der Realität dargestellt.

Feelin' good? Check!

Mittwoch, 5. September 2018

Mein Rad neu erfinden

Durchblick bekommen. Irgendwie.

Woche drei - und in meinem Kopf herrscht immer noch das absolute Chaos. Dabei ist es doch nicht das erste Mal, dass ich an eine neue Schule komme. Aber mein Gehirn tickt diesmal anders. Es sagt sich: "Jetzt hast du endlich die Chance, auf die du sieben Jahre lang gewartet hast. Die Gelegenheit, über die du so lange nachgedacht hast. So oft hast du dir gesagt, wenn es soweit ist, dann muss ich mein Leben umkrempeln. Aber warst immer schön bequem darin, das vor dir herzuschieben, denn es gab die Chance ja noch nie. Und nun ist es soweit. Nun setzt du das auch durch. Mach' was draus, räum' in deinem Leben auf!"

Und es ist, als müsste ich neu laufen lernen. Als müsste ich das Rad für mich neu erfinden - denn es stellen sich so viele Fragen: Wie strukturiere ich meinen Alltag? Mache ich eine Mittagspause? Wann habe ich Freizeit? Wann widme ich mich meinen Hobbies? Soll ich meinen Meditationstag umordnen? Wann muss ich aufstehen? Ist Arbeit etwas Schönes? Ich kenne die Antworten auf all' diese Fragen, oder besser, ich kannte sie. Jetzt muss das alles neu gestaltet werden, und ich bekenne: Das fällt mir nicht leicht. Es wäre vielleicht schön gewesen, wenn ich mich in den Sommerferien ein wenig darauf hätte vorbereiten können, allerdings habe ich mich einverstanden erklärt, dass ich den Sprung in's kalte Wasser übernehme.

Es ist Zeit, eingewöhnte Verhaltensmuster und Denkweisen aufzubrechen. Aber es fällt schwer, es fühlt sich verwirrend an und im Hintergrund dräut immer die Angst, in dieser Phase zu viele Fehler in der Schule zu machen. Ich baue darauf, dass es mit der Zeit besser wird.

Samstag, 1. September 2018

So offensichtlich

Hochbegabte und ihre Kommunikation. Kein Wort zuviel.

Er wartet.

Er sagt dem Kellner, dass er noch warten soll, bis die Verabredung eintrifft. Hochbegabter A sitzt in der Bar und wartet darauf, dass Hochbegabter B eintrifft, seine Verabredung zum Feierabendbier. Einfach mal ein bisschen abschalten. Die beiden kennen sich durch die Uni, sie kennen sich seit Jahren, und immer mal wieder wandert eine Mail vom Einen zum Anderen und zurück, und alle paar Jubeljahre sehen sie sich auf irgendeinem Event. Und nun haben sie sich also zu einem lockeren Gespräch verabredet.

A muss nicht lange warten, denn dort vorne kommt B angelaufen. Er geht langsam Richtung Bar, schaut sich um, ob A vielleicht irgendwo auf ihn wartet, und entdeckt ihn schließlich. A steht höflich auf und reicht B zur Begrüßung die Hand, die beiden setzen sich. A trinkt Bier, B trinkt Cola, und sie unterhalten sich ganz ungezwungen über die Ereignisse der vorangegangenen Wochen. Ganz unkompliziert. Sie lachen, schimpfen auf das System, erzählen von ihren Lebenswegen. Die Nachoschale leert sich zum Klang hochintelligenter Gedankengänge.

Und dann wird es Zeit zu gehen, denn sie sind schließlich berufstätig und brauchen etwas Schlaf. Wieder reicht A B die Hand - zum Abschied - doch diesmal zieht B ihn etwas heran und sie klopfen sich kumpelhaft auf die Schultern, bevor sie in getrennte Richtungen davonziehen. Der Kellner räumt die leeren Gläser beiseite, rückt die Stühle gerade und es wirkt, als wäre nichts Besonderes passiert. Ein ganz normaler Barbesuch.

Was der Kellner nicht weiß: Das waren zwei Hochbegabte, und auch wenn von außen alles ganz normal aussah, ist in den Köpfen der beiden Einiges passiert. Er könnte es sich erschließen, wenn er den Mailwechsel der beiden danach läse:

B: "Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Dich mit einem Kuss zu verabschieden, so wie damals, nice and slow. Aber Du wirktest irgendwie so sachlich, ich konnte Dich nicht einmal zur Begrüßung umarmen, weil Du schon die Hand ausgestreckt hattest, fast wie eine Barriere. Und ich hatte irgendwie den Eindruck, als seiest Du nicht in der Stimmung dafür, deswegen habe ich es gelassen und gedacht, naja, vielleicht machst Du ja den ersten Schritt."

einige Zeit später

A: "Warum hast Du es nicht gemacht? Mich geküsst? Dabei habe ich mir doch extra Mühe gegeben, Dir Aufmerksamkeit zu schenken, habe mit Dir geflirtet, und immer wieder signalisiert, dass ich mit dabei wäre. Also warum? Es war doch so offensichtlich, dass ich nichts dagegen gehabt hätte."

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Was zeigt uns diese kleine Geschichte? Es scheint nicht allzu selten vorzukommen, dass Hochbegabte in ihren umfangreichen, verwobenen Gedankenbahnen, in ihrer reichhaltigen Fantasiewelt alles Mögliche machen, sagen, schaffen. Aber von außen sieht das keiner. Es ist eben in unserem Kopf, und auch wenn wir die Außenwelt gern daran würden teilhaben lassen wollen: Man kann uns nicht in unseren Kopf schauen. Und was wir als "auffällige Geste" machen, was für uns, in unserer Gedankenwelt doch "so offensichtlich" war, ist für den Anderen vielleicht nichts weiter als ein kleines Lächeln.

Sorry, HB, aber komm' mal in die Pötte!