Montag, 9. Februar 2026

Aromatherapie, oder: Hast Du eine Kuh in der Wohnung? ("Mouh.")


Darauf wartet meine Mama, und ohne meine besten Freundinnen, meine Ärzte und Conny sähe das immer noch ganz anders aus. Es geht um Home Improvement und seelische Gesundheit. Letzerer Punkt ist wichtig, denn wer meinen letzten Beitrag gelesen hat (meinen Antrag auf Anerkennung meiner Schwerbehinderung), der könnte meinen, es ginge mir elendig und ich würde in meiner Wohnung verkümmern. Ich würde im Müll ersticken, nie durchsaugen und meinen geistigen Horizont immer weiter verkleinern lassen. Naja. War ja auch fast so. Oder wie Gene sagen würde: "Mouh." (der war für die große Buba)

Das Videotelefonat hat nicht ohne Grund über zwei Stunden in Anspruch genommen, denn es ging darüber, wie dreist man sein muss, um statt des Bürgergeldes von einer Grundsicherung zu sprechen. Nichts ist gesichert - bis auf der Auf...

...toll, und der Rest des Gedankenzuges ist davongefahren, weil es unerwartet geklingelt hat. Nu isses also Montag, zwei Tage später, und ich habe keine Ahnung mehr, worum es gehen sollte. Achso. Der Titel. Aromatherapie. Gleich. 

Erstmal muss ich nochmal auf Buddhas Spruch kommen: "Lächle, und die Welt verändert sich." Manche Menschen nerve ich damit zu Tode, und ich habe hier im Blog auch schon darüber geschrieben, was es mit mir selbst und meinem Hormonhaushalt anstellt, wenn ich mit einem Lächeln durch die Welt gehe. Heute wurde ich Rezipient des Lächelns, und ich bin lange nicht so dankbar nach Hause gekommen.

Ich musste mal wieder meine Medikamente aufstocken - jetzt habe ich endlich meinen Befreiungsausweis und muss nichts mehr dazubezahlen. Jetzt kann ich mir endlich meine Medikamente leisten. Zumindest die auf Rezept. Zumindest die, die von den Krankenkassen abgesegnet wurden - codeinhaltige Hustentropfen zum Beispiel nicht. 

Egal - Verschreibung im Gepäck, Ausweis im Gepäck, auf in den Sophienhof - dort haben sie meine Sachen irgendwie immer vorrätig. Und dann gerate ich mit der Apothekerin in's Gespräch. Ich bin arbeitslos, ich habe es nicht eilig, die anderen KundInnen werden bedient, also warum nicht? Wir sprechen darüber, dass die genaue Dosierung auf dem Rezept nicht vermerkt ist, also gebe ich sie ihr durch, bei Bedarf vierzig Tropfen oder eine Tablette, bli bla blub. Und dann fragt sie mal neugierig nach - also nicht vorwurfsvoll, sondern wirklich mit Interesse: Wirkt bei einer akuten Panikattacke ein Benzodiazepin nicht eigentlich zu langsam? Damit öffnet sie ein Fass, denn mein Psychiater und ich sind seit Längerem auf der Suche nach dem richtigen Reiz-Überflutungs-Runterfahr-Medikament (tolles Glücksrad-Wort).

Daraufhin schildere ich ihr unsere bisherige Odyssee und welche beiden Medikamente noch erforscht werden könnten, und dass ich bei einer akuten "Mir platzt der Kopf ich setze mich vor das Puddingregal und lese Inhaltsangaben bis ich wieder klar denken kann"-Attacke kein Benzo nehme, sondern ein anderes Medikament, das zumindest in zwanzig bis dreißig Minuten wirken kann. 

Und dann kommen wir auf den anderen Bedarf für ein Beruhigungsmittel: Schul-Langtage, und plötzlich ist sie voller Empathie bei mir. Ich erzähle ihr von meinen Diagnosen, meinem Kampf um Anerkennung einer Schwerbehinderung, dem Kampf des Bildungsministeriums gegen meine Einstellung als Vertretungslehrkraft, wie sich dadurch meine schwere depressive Episode entwickelt hat. Sie hat ein paar (wirklich) tolle Tipps für mich, wünscht mir viel Glück bis zum nächsten Mal, denn uns allen ist klar, dass ich von meinen Medikationen nicht wie von Zauberhand wieder herunterkommen werde. 

Aber sie verabschiedet mich mit einem offenen, herzlichen Lächeln, und mir fällt eine ganze Menge Sorge von den Schultern ab - ganz ohne ein Medikament nehmen zu müssen, geht der Blutdruck in einem am Montagvormittag völlig überfüllten Sophienhof (logisch, neue Lieferung) wieder etwas runter, und ich strahle und fühle ein bisschen Glück auf dem Weg nach Hause. Und in dieser Stimmung musste ich das jetzt erstmal loswerden, bevor es mit der Aromatherapie weitergeht. Aber das muss warten, ich brauche ein, zwei Stunden Ablenkung.

Euer Lächeln kann so viel bewirken, und es kostet so wenig :-) 

Und wisst Ihr was? Die Aromatherapie-Kuh ist ein mir wichtiges Thema, das schaffe ich heute nicht mehr fertig. Das war es also erstmal für heute - immerhin habe ich wieder positive Lächeln-Erfahrungen sammeln dürfen, und auch Conny hat mir wieder geholfen. Morgen wird es haarig: Ein drei Jahre alter Aktenberg wartet auf mich - und der Artikel zu hunderttausend Düften in meiner Wohnung ;-) 

Freitag, 6. Februar 2026

Seelenstriptease: "Na, so schlimm sieht es nun wirklich nicht aus."

Ein Blick durch meine Linse

Donnerstag Abend, hinter mir an der Kasse bei Edeka sitzt eine Dame im Rollstuhl und fragt mich, ob ich ihre Waren auf das Band legen kann; sie hat seit 28 Jahren multiple Sklerose, und natürlich helfe ich ihr. Und so kommen wir in das Gespräch, was wir alles können - und was wir nicht können. Und dass viele Menschen einem das Ganze eben nicht ansehen können. 

Mittlerweile sieht man mir nicht mehr so viel an, dabei habe ich derzeit fünf Dauerdiagnosen, bei denen eine Besserung nicht abzusehen ist. Grund genug, einen neuen Versuch zu wagen und einen Änderungsantrag an das Landesamt für Arbeitsschutz, Soziales und Gesundheit in Neumünster zu schicken. Die Bearbeitungszeit wird mindestens sechs Monate dauern, teilt man mir im Schreiben in einem fröhlichen Ton mit, und es wird um Geduld gebeten. Ich habe kaum noch Geduld, sei es wegen des Jobcenters oder des pbOn oder wegen der immer mehr werdenden LehrerInnenstellen, die in Schleswig-Holstein zusammengestrichen werden.

Ob es wohl diesmal klappt? Ob man diesmal meinen Gesundheitszustand angemessen anerkennt? Ich habe mir etwas vorgenommen, bei dem viele von Euch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden, aber ich bin es leid, zu hören zu bekommen, es sei gar nicht so leicht, sich in meine Lage zu versetzen. Hier also ist mein Anschreiben zum Änderungsantrag im vollen Wortlaut:

Bitte seid gewarnt: Dieser Text enthält sehr persönliche Details - nichts davon ist erfunden. Das ist das Leben, das ich seit einigen Jahren lebe. 

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Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit beantrage ich die Neufeststellung meines Grades der Behinderung (GdB) aufgrund mehrerer chronischer Erkrankungen (teilweise während der letzten zwei Jahre diagnostiziert) sowie deren dauerhafter und schwerwiegender Auswirkungen auf meine Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und beruflichen Leben.

Es handelt sich um eine Autismus-Spektrum-Störung (F84.5 G), eine schwere depressive Episode (F32.2 G), eine Panikstörung (F41.0 G) und eine Colitis ulcerosa (K51.9). Mein atopisches Ekzem (L20.9) lasse ich außen vor, da keine Unterlagen mehr vorliegen und nur selten noch Schübe auftreten.

Alltagsrelevante funktionelle Einschränkungen

Ich verlasse meine Wohnung nur noch stark eingeschränkt. In meiner Wohnung fühle ich mich sicher, da ich dort keinen sozialen Anforderungen, Missverständnissen oder Reizüberflutungen ausgesetzt bin. Außerhalb meiner Wohnung kommt es regelmäßig zu starker Anspannung, Überforderung und Rückzugsverhalten. Diese Einschränkungen bestehen dauerhaft und führen zu erheblicher sozialer Isolation.

Der Aufenthalt in vollen Geschäften, Einkaufszentren oder anderen öffentlichen Orten ist für mich kaum möglich. Die Vielzahl an Menschen, Geräuschen und visuellen Reizen führt zu massiver Überforderung und Angstreaktionen. Einkäufe kann ich nur unter erheblichem psychischem Stress erledigen, indem ich den Blick auf den Boden richte, notwendige Besorgungen hastig durchführe und den Ort schnellstmöglich wieder verlasse. Ein selbstständiges, gleichberechtigtes Teilnehmen am öffentlichen Leben ist mir dadurch nicht möglich. Kino- oder Freizeitbesuche außerhalb der Wohnung finden seit Jahren nicht mehr statt; ich nutze ausschließlich Streaming-Angebote zuhause, obwohl ich früher ein begeisterter Freizeitpark-Fan war.

Aufgrund meiner Colitis ulcerosa treten unvorhersehbare Koliken und zwingender Stuhldrang auf. Zusätzlich besteht bei mir eine ausgeprägte Hemmung, fremde oder öffentliche Toiletten zu benutzen, wodurch die Situation erheblich verschärft wird. Aus Angst vor Kontrollverlust vermeide ich längere Aufenthalte außerhalb meiner Wohnung. Wenn ich mich dennoch außer Haus begebe, verzichte ich häufig vollständig auf Essen und Trinken, um akute Toilettenbedarfe zu vermeiden. Diese Strategien führen regelmäßig zu körperlicher Schwäche bis hin zu Kreislaufproblemen und schränken meine Bewegungsfreiheit, Freizeitgestaltung und soziale Teilhabe massiv ein.

Aus denselben Gründen meide ich Restaurantbesuche, Treffen mit Freunden sowie private Besuche weitgehend. Auch an Familienfeiern nehme ich nur noch im engsten Kreis teil, da größere Zusammenkünfte körperlich und psychisch nicht mehr bewältigbar sind.

Zusätzlich besteht bei mir eine Panikstörung, die dazu führt, dass ärztliche Behandlungen oft stark verzögert in Anspruch genommen werden (Zahn-OP, gebrochener Finger, Magen-Darm-Spiegelung). Arztbesuche sind ohne Beruhigungsmittel (Bromazepam) kaum möglich, was eine wesentliche Einschränkung meiner gesundheitlichen Selbstversorgung darstellt.

Im beruflichen Kontext führen meine autismusbedingte Ehrlichkeit und Direktheit regelmäßig zu Nachteilen bei Einstellungsverfahren. Trotz sehr guter fachlicher Qualifikation und positiver Arbeitszeugnisse werde ich häufig nachrangig berücksichtigt. Diese Einschränkungen wirken sich unmittelbar und nachhaltig auf meine berufliche Teilhabe und die Sicherung meines Lebensunterhalts aus; trotz sehr guter Referenzen muss ich seit knapp einem Jahr Bürgergeld beziehen.

Die genannten Beeinträchtigungen bestehen dauerhaft, sind chronisch und betreffen mehrere Lebensbereiche gleichzeitig. Sie führen in ihrer Gesamtheit zu einer erheblichen Einschränkung meiner Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und beruflichen Leben. Entsprechende fachärztliche Stellungnahmen füge ich diesem Antrag bei.

Ich bitte daher um eine umfassende Neuprüfung und sachgerechte Bewertung meines Grades der Behinderung.



Mit freundlichen Grüßen

Dr Hilarius

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