Samstag, 9. September 2023

Tag 40 - Glücklich, Autist zu sein


Bei allen Problemen, Barrieren und Stolpersteinen, denen man als autistischer Mensch begegnet, gibt es allerdings auch etwas, das besonders schön für uns ist: Wir haben eine besondere Fähigkeit, Dinge intensiv zu genießen. 

Beispiel heutige Generation: Menschen erleben etwas Tolles, machen Urlaub in Frankreich, essen in einem Café original französische Macarons. Bevor sie die aber genießen, muss erstmal ein Foto davon gemacht werden, vielleicht ein Macaron-Selfie, und direkt bei Instagram hochgeladen werden. Das Erlebnis muss geteilt werden, das müssen doch alle sehen, wie gut es einem gehen kann. 

Dieses Verhalten ist natürlich längst bekannt und unzählige Male persifliert worden (zum Beispiel in der Black Mirror-Episode Nosedive): Vor dem Genuss erstmal ein Foto. Und eines währenddessen. Und auch noch eines danach: Die zerzausten Haare nach einer wilden Achterbahnfahrt, das klatschnasse Shirt nach der Wildwasserbahn, das Zeugnis nach bestandener Prüfung. Muss alles geteilt werden.

Ich weiß nicht, ob das nur für mich oder für alle Autisten gilt. Wenn ich der Fachliteratur glauben darf, gilt es für alle: Wir können uns zwar auch so verhalten, aber wir können uns auch voll dem Genuss hingeben. Alles Andere ausblenden, die vorbeifahrenden Autos, die Hitze in der Wohnung - voll konzentriert auf diese Sache, die mich da gerade begeistert, nichts Anderes existiert. Das nennt man Hyperfokus, und auch neurotypische Menschen kennen das. 

Im Ansatz. Bei Autisten ist es eben extremer, und kann zu einem Zustand höchsten Glücks, Ausgeglichenheit, Entspannung, Wohlbefinden führen, der lang anhalten kann (bitte einen Autisten im Hyperfokus nicht stören, das ist ernst gemeint). Ich hätte zum Beispiel so gern eine Szene aus dem Schluss des Videospiels geteilt, weil sie so großartig umgesetzt war, aber ich war so tief drin, dass ich nicht im Ansatz auf die Idee gekommen bin, die Share-Taste auf dem Controller zu drücken. Erst im Nachhinein, viele Minuten später, wenn ich mich von dem Erlebnis wieder lösen konnte, habe ich das realisiert.

Das entschädigt quasi ein bisschen für die oben genannten Blockaden. Wir haben Probleme, aber dafür können wir besonders gut unser Leben genießen - wenn wir wissen, wie ;-)

post scriptum: Dieser Eintrag ist entstanden aus zwei Impulsen. Zum einen habe ich vorhin das Spiel "The Medium" beendet und bin vollkommen in der Story und dem denouement aufgegangen, zum anderen bin ich heute zum Citti-Park gegangen und habe mir mal wieder die meiner Meinung nach besten Macarons gegönnt, die man in Kiel bekommen kann. Die werden in Frankreich frisch hergestellt, sofort eingefroren, dann nach Deutschland importiert und nach zwei Stunden Auftauzeit sind sie ein Paradies auf Erden. "Chef De Paris", zwölf Stück für sechs Euro. Ich lasse mir trotz Arbeitslosigkeit nicht jeglichen Genuss nehmen.

Freitag, 8. September 2023

Tag 39 - Horror-Hitze


Mein Thermometer zeigt dreißig Komma vier Grad in der Wohnung an, das ist herausfordernd. Am besten bleibt man einfach irgendwo sitzen und liest was. Oder schaut sich etwas an, Hauptsache wenig Bewegung. Da kommt es mir gelegen, dass hier noch ein Spiel herumliegt, das ich bisher noch nicht gespielt hatte (wegen Stress mit Arbeitsamt und so weiter).

Es ist ein Spiel genau nach meinem Geschmack: Ein Adventure, ich erforsche in aller Ruhe einen Ort, finde Briefe, Notizen, Postkarten, Mementos, anhand derer ich mir die Hintergrundgeschichte im Kopf zusammensetzen kann. Ich mag es, wenn mein Kopf etwas zu tun hat; mindless action, damit kann ich nichts anfangen.

Wenn dazu dann noch hochauflösende Grafiken kommen, ein surrealer, künstlerischer Stil, und perfekt abgemischter Sound auf den Kopfhörern, das Ganze gepaart mit dem Genre des psychological horror, bin ich in meinem Element. Dann nehme ich die Hitze in der Wohnung kaum noch wahr - natürlich tut auch der Ventilator zuverlässig seinen Dienst.

Ist es bei Euch auch so heiß?

post scriptum: Ich liebe es, wenn ich kreativen Köpfen vertrauen kann. Ich kann davon ausgehen, dass "ultimae records" großartige Musik für mich herausbringen und dass "bloober team" wunderbare Spiele für mich kreieren. 

"Da weiß man, was man hat", jetzt verstehe ich diesen Satz endlich ;-)

Donnerstag, 7. September 2023

Tag 38 - Follow-Up


Sieh' mal einer an, es gibt bei'm Arbeitsamt spezialisierte Vermittler für berufliche Rehabilitation und Teilhabe (lieben wir nicht alle diese Verklausulierungen?). Ich habe eine Nachricht bekommen - eine Antwort auf meine Unmutsäußerung zur Sperrfrist - und da heißt es jetzt, dass mir ein neuer Sachbearbeiter zugewiesen wird.

Ich habe das eben erst gelesen, und ich muss sagen, es klingt interessant. Vielleicht kann ich dann bei meinem nächsten Gesprächstermin mit jemandem reden, der sich mit Fällen wie meinem auskennt, dann würde ich mich endlich wieder ernst genommen fühlen.

Könnte spannend werden...

Mittwoch, 6. September 2023

Tag 37 - Sperrfrist


Der Buddhist lernt, seine Wut oder Aufregung umzuwandeln in etwas, von dem er Positives mitnehmen kann. Er lernt, ruhig zu bleiben, und das trainiere ich seit mittlerweile mehr als zehn Jahren. Es ist aber nicht immer ganz einfach.

Mein Bewilligungsbescheid für das Arbeitslosengeld ist gekommen.

Das war die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass ich trotz Stellungnahme und ärztlichem Gutachten eine Sperrfrist bekomme - das bedeutet, dass ich für die ersten sieben Tage meiner Arbeitslosigkeit kein ALG bekomme. Das kann passieren, wenn man sich nicht mindestens drei Monate vor Beendigung des Arbeitsverhältnisses arbeitssuchend gemeldet hat. Ich habe das in den letzten zwölf Jahren noch nie geschafft, hier die aktuelle Begründung (diese Stellungnahme muss dem ALG-Antrag angehängt werden):

"Ich habe eine geistige Behinderung (Autismus-Spektrums-Störung), die mich vor große Probleme stellt, wenn mehrere "wichtige" Aufgaben gleichzeitig zu erledigen sind. Im letzten Halbjahr hatte ich mich voll darauf konzentrieren müssen, die ASS endlich als Schwerbehinderung anerkennen zu lassen (bisher nur GdB 30, aber ich werde zusammen mit meinem Psychiater Widerspruch einlegen).
Hinzu kommt, dass ich erst vor vier Wochen erfahren habe, dass eine Lehrkraft zum neuen Schuljahr querversetzt wird und ich damit keine Chance mehr habe, an dieser Schule zu arbeiten. Daraufhin hatte ich einen Nervenzusammenbruch.
In der Hauptsache liegt die Verspätung also in meinem Autismus, der fachärztliche Befundbericht ist angehängt."

Den Befundbericht habe ich beigelegt. Letztes Mal war das in Ordnung, wurde akzeptiert und ich hatte keine Sperrfrist bekommen. Diesmal, wo diese unsägliche Agentur für Arbeit und das unsägliche DLZP es nicht einmal geschafft haben, meine Arbeitsbescheinigung innerhalb von fünf Wochen zu übermitteln, darf ich auch noch die Konsequenzen aus der Überforderung durch meinen Jobverlust schultern und bekomme für den August ein Viertel weniger Arbeitslosengeld.

Das sind Momente, in denen mein Lojong-Training auf die Probe gestellt wird. Momente, in denen ich irgendwie ruhig bleiben muss. Momente, in denen ich einfach froh sein sollte, dass jetzt überhaupt Geld kommt und für (fast) zwölf Monate bewilligt worden ist.

Runterschlucken.

Und weitermachen.

post scriptum: Liebe Eltern, ich rufe Euch morgen Abend einmal an!

Montag, 4. September 2023

Tag 35 - Unfinished Business


Ich muss doch nochmal zurück in die Schule.

Das Abschiedsvideo hat seinen Zweck erfüllt, und zwar genau wie geplant. Ich habe einige Nachrichten bekommen, die mir sehr gut getan haben, und ein paar von ihnen gaben mir ein Gefühl von "I knew it!". Es haben sich nämlich auch Schülerinnen bei mir gemeldet, und zwar zwei, die ich "auf dem Radar" hatte. Das heißt einfach nur, dass ich mit ihnen noch etwas besprechen wollte släsch musste, aber das noch etwas in Richtung Abitur habe warten lassen wollen. Ich habe da noch etwas Gesprächsbedarf.

Also muss ich zurück in die Schule. Ich muss mich mit ein paar SchülerInnen treffen, denen ich noch etwas Wichtiges mit auf den Weg in's Leben geben wollte, und wenn es nur ein Denkimpuls ist. Ich gehe einfach mal dreist davon aus, dass ich kein Hausverbot an der Schule bekommen habe - bei anderen Schulen sollte es mich nicht gewundert haben, so wie die Schulleitungen damals mit mir umgegangen sind. Also kann ich diesen SchülerInnen jetzt schreiben und wer weiß, vielleicht werden das ganz interessante Gespräche.

Sonntag, 3. September 2023

Tag 34 - Barrieren


Barrierefrei
- früher dachte ich immer, dass das Wort eine sehr eingeschränkte Bedeutung hat. Barrierefrei, das bedeutete für mich, dass es an einem Ort einen Fahrstuhl gibt. Ich dachte immer, es geht ausschließlich um gehbehinderte Menschen. Erst jetzt, wo ich erkenne, dass ich selbst behindert bin, bemerke ich die weiteren Dimensionen des Konzeptes der Barrierefreiheit. Erst jetzt, wo ich selbst unter Stress stehe, dadurch die Autismussymptomatik deutlich stärker zu Tage tritt und ich immer wieder selbst auf Barrieren stoße, oftmals unsichtbar, oftmals selbstgemacht.

Zum Beispiel mit den Medikamenten. Irgendwo im Studium habe ich mal gelernt, dass es (fast) egal ist, von welchem Hersteller ein Medikament ist, solange es um einen bestimmten Wirkstoff geht. Ich habe ratiopharm und alle anderen Hersteller von Generika sehr schätzen gelernt. Ausgerechnet bei meinen Tabletten gegen Panikattacken oder Angstzustände bin ich nun aber wieder auf ein ganz bestimmtes Präparat eingeschossen. Ich weiß genau, wenn ich das von einem anderen Hersteller bekomme, dann werde ich es nicht benutzen.

Es muss das Bromazanil von Hexal sein. Diese grünen, länglichen Tabletten, die man bis zu dreimal durchbrechen kann. Die ich bei Bedarf sublingual anwenden kann. Um sicherzugehen, dass ich genau dieses Präparat bekomme, wird für gewöhnlich das Kästchen aut idem auf dem Rezept durchgestrichen. Das bedeutet sonst in etwa "oder dasselbe", gemeint ist von einem anderen Hersteller. Leider vergesse ich manchmal, meinen Psychiater daran zu erinnern, das durchzukreuzen, und dann stehe ich hier in Kiel mit dem Rezept und habe leider keinen Anspruch auf dieses Präparat, weil der Vertragspartner meiner Krankenkasse nun mal ratiopharm ist. Und eine private Krankenversicherung, bei der ich mir das aussuchen könnte, kann ich mir abschminken, ich denke, das dürfte mittlerweile klar sein.

Man darf das Kästchen auch nicht im Nachhinein einfach durchstreichen; es muss im Originalausdruck angekreuzt sein oder danach noch einmal einen extra Arztstempel bekommen. Ich muss nächstesmal unbedingt dran denken, auf das Kreuz zu achten. Zum Glück hat diesmal ein sehr netter Apotheker ein Einsehen gehabt und ein bisschen unkonventionelle Wege betreten, so dass ich jetzt wieder die grünen Tabletten in der Wohnung habe.

Es kann extrem umständlich sein, auf dem Spektrum zu sein. Unsichtbare Barrieren überall, und kaum ein Mensch glaubt einem das.

Mittwoch, 30. August 2023

Tag 30 - Bye bye, Schule!

Sorry an alle, denen ich etwas Anderes in Aussicht gestellt hatte! :-)

Mail: futureperfectATgmxPUNKTde

Twitter