Sonntag, 1. Mai 2022

Kulinarische Extravaganz oder Post-Aprilscherz?


Hin und wieder bringt eine deutsche Convenience-Food-Firma neue Sorten von Tiefkühlpizzas heraus, die ich erstmal nicht ernstgenommen habe - dann probiert und teilweise sogar richtig gut fand (Pizzaburger, Pizza Pasta) oder von denen mir zumindest nicht übel geworden ist (Schokopizza). Das neueste Experiment konnte aber einfach nicht gutgehen: Eine Pizza, belegt mit Fischstäbchen.

Das fällt in der Tiefkühltruhe allein schon dadurch auf, dass die Packung fast doppelt so dick ist wie die anderen TK-Pizzen, und der Inhalt etwa fünfzig Prozent schwerer. Der Name Pizza Bastoncini di Pesce hat mich zuerst an an eine Kampfbastion denken lassen, angesichts der Attacke an Fischeiweiß ist das gar nicht so weit hergeholt. Und wie soll das überhaupt logistisch gehen, dass eine TK-Pizza, die nach etwa zehn Ofenminuten durch ist, gleichzeitig essbar sein soll wie Fischstäbchen, die gewöhnlich fünfundzwanzig Minuten brauchen?

Etwa zweiundzwanzig Minuten soll dieses Werk, das an Picasso erinnert (zufällige Anordnung von essbaren Gegenständen?), im Ofen bleiben. Das alles klang so weit jenseits der Norm, vor allem wenn man bedenkt, dass das ganze als Mem auf Twitter gestartet ist. Das kann doch einfach nicht deren Ernst sein, oder Detlef. Eine halbe Stunde später steht dieses Monster vor mir - und ich habe es verschlungen.

Geschmacklich ist es eher undefinierbar, deswegen habe ich noch Zitronensaft auf die Fischstäbchen geträufelt; ansonsten finden sich auf der Pizza Spinat, Tomatensoße und Käse. Die Konsistenz ist allerdings ein interessantes Erlebnis - erst in ein (ansatzweise knusprig-)weiches Fischstäbchen zu beißen und dann auf den krossen Pizzaboden zu stoßen. 

Auch wenn ich glaube, dass es bei einer wirklich begrenzten Edition bleibt (wobei - die Pizza Pasta sollte das ursprünglich auch sein, und es gibt sie noch über zehn Jahre später), werde ich die Pizza demnächst wohl noch einmal probieren. Einfach, um mich zu versichern, dass ich das Ganze nicht geträumt habe.

Fehlt eigentlich nur noch: Pizza Kotelett-Sahnetorte, garniert mit Klosteinen und Radiergummibröseln. Guten Appetit!

post scriptum: Nächste Woche wird spannend. Keep your fingers crossed (und auch gern die toes)!

Freitag, 29. April 2022

Die Angelegenheiten anderer Leute


Lojong-Losung Nr.26: Denke nicht über die Angelegenheiten Anderer nach.

Eine schöne Geschichte von gestern früh: Ich sitze um kurz nach sieben im Auto, auf dem Weg zur Schule. Ich muss an der Ampel vor dem Abbiegen auf die Hamburger Chaussee warten. Ich bin nicht der Einzige, und wie der Zufall es will, erkenne ich das Auto vor mir wieder, und auch seinen Fahrer. Ich fange an zu grinsen und frage mich, ob er wohl merkt, wer da hinter ihm fährt - er merkt es nicht, und so biegen wir beide nach links ab, er schneller, ich muss noch ein anderes Auto vorbeilassen - doch an der nächsten Ampel am Waldwiesenkreuz stehen wir wieder hintereinander, mit dem Ziel, auf die B76 abzubiegen.

Jetzt hat er es gemerkt; er schaut in seinen Rückspiegel und winkt mir. Ich strahle und winke zurück, und dann wird die Ampel grün. Wir fahren beide vor, können aber nicht einfach nach rechts abbiegen, weil viele Schüler mit dem Fahrrad auf dem Schulweg sind und Vorfahrt haben. Wir müssen so lange warten, dass die Ampel wieder rot wird; ich komme nicht über die Ampel. Er hat Glück und ist drüber, könnte jetzt also nach rechts fahren.

Macht er aber nicht. Er steht da noch immer. Er scheint auf vier Mädchen zu warten, die angehalten haben und von ihren Fahrrädern abgestiegen sind, weil ihre Ampel natürlich mittlerweile rot zeigt, also könnte er jetzt einfach losfahren. Er scheint aber darauf zu warten, dass diese Mädchen endlich (bei roter Ampel) über die Straße fahren. Sie fahren nicht, und da sein Gestikulieren nichts bringt, drückt er auf die Hupe, während die Ampel der quer fahrenden Autos auf grün schaltet.

Das Hupen verwirrt die Mädchen so sehr, dass eines nun doch losfährt - während von links die Autos auf sie zufahren. Er steht da noch immer. Eigentlich kann ich nicht zuschauen. Zum Glück ist das Mädchen die einzige, die losfährt, die anderen bleiben stehen, und so wird niemand angefahren, und jetzt hat er auch endlich gemerkt, was los ist, und fährt weiter (erstmal auf die falsche Spur). Aufatmen für alle Beteiligten.

In der nächsten Grünphase fahre ich los, geht alles problemlos, und ich muss schmunzeln, sogar ein bisschen kichern. Habe ich den Fahrer so sehr aus der Fassung gebracht, dass er sich nicht mehr auf den Verkehr konzentrieren konnte? Ich habe versucht, in seinen Kopf zu schauen - ich fand den Gedanken so amüsant, dass ich weiter gekichert habe - bis ich plötzlich abbremsen musste, mitten auf dem Theodor-Heuss-Ring - Stau. Auf der mittleren Spur, während links alle Autos zügig durchkommen, und ich kann nicht rausziehen, weil sie alle so dicht hintereinander fahren. Also muss ich weiter warten, bis ich nach einigen Minuten aus der Staustelle raus bin. Mist, ich habe gar nicht daran gedacht, dass das Barkauer Kreuz ja voller Baustellen ist und deswegen die Verkehrsführung geändert wurde. 

Ich hätte mich anders einordnen müssen, und das hätte ich auch getan, so wie jeden Morgen, wenn ich nicht in Gedanken bei dem Fahrer vor mir gewesen wäre und über sein Zaudern an der Ampel gekichert hätte. Und plötzlich macht diese Lojong-Losung für mich Sinn:

Denke nicht über die Angelegenheiten anderer Leute nach.

Eine der Losungen, für die ich einige Zeit brauchte, um mich mit ihr anzufreunden. Nicht über andere Menschen und ihre Gedankenwelt nachdenken? Heißt das, dass ich mir gar keine Sorgen um sie machen soll, wenn sie zum Beispiel gerade nicht bei mir sind? Sollen sie mir völlig egal sein? Was ist mit Hilfsbereitschaft, Fürsorge, hat das alles in der buddhistischen Gedankenwelt nichts mehr zu suchen? Nur egoistisch bei mir selbst sein?

Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Zwei der Grundsätze im Buddhismus lauten Mitgefühl und liebende Güte. Natürlich helfe ich meinen Mitmenschen, wenn ich kann, und natürlich versuche ich zu verstehen, was sie durchmachen. Aber es ist schadhaft für mich selbst, wenn ich mir Sorgen über einen Menschen mache, an dessen Situation ich nichts ändern kann. Am Beispiel meiner Mutter:

Sie fiebert derzeit mit mir mit und macht sich Sorgen, ob ich mit der Diagnose vorankomme und ob es mir gut geht - so wie das vermutlich fast jede "gute" Mutter machen würde. Diese Sorgen helfen niemandem weiter, und am wenigsten ihr selbst. Ein großer Teil ihrer Denkzeit ist bei mir, Zeit, in der sie fröhliche Gedanken haben könnte, oder allgemeiner, weniger "schädliche" (für sie selbst) Gedanken. Es bremst sie selbst bei'm Streben nach dem Glücklichsein, wenn sie sich Sorgen um mich macht.

Ich versuche immer wieder, ihr das nachvollziehbar zu machen, aber ich habe natürlich keine Vorstellung davon, was es bedeutet, eine Mutter zu sein. Aber mittlerweile habe ich die Lojong-Losung verstanden und weiß, wie ich dahingehend trainieren muss. Ich denke nicht mehr darüber nach, ob die große Buba stressfrei durch die Schulwoche kommt. Ich denke nicht mehr darüber nach, ob die kleine Familie der Sannitanic gesund ist. Ich versuche, nicht mehr in die Gedankenwelten anderer Menschen zu gehen, und es ist wirklich ungemein befreiend.

Dienstag, 26. April 2022

Zweitprüfersuche


"Lehrer sind alle faule Säcke."

So oder so ähnlich hat damals Gerhard Schröder gesprochen und sich bei'm gesamten Lehrberuf unbeliebt gemacht. Manchmal denke ich, dass etwas Wahres darin stecken könnte. Das "alle" müsste weg: Die Sannitanic ist eine hochengagierte Lehrerin, und die große Buba hat an der Waldorfschule jeden Donnerstag Konferenztag, da ist Einiges zu tun.

Ich brauche noch einen Zweitkorrektor und Zweitprüfer für den MSA Englisch. Gar nicht so einfach. Es reißen sich nicht viele Menschen darum, mehr zu tun zu haben. Ich darf mich da nicht als Vergleichswert nehmen - aber ich kann mich an keine Anfrage in den letzten zehn Jahren erinnern, die ich abgelehnt hätte. Mehrere Abitur-Zweitkorrekturen, Sprechprüfungen, ich mach' das immer alles mit, wenn ich kann. Buddhist eben.

Schauen wir mal, ob sich nicht irgendwo ein Seelenverwandter findet ;-)

Freitag, 22. April 2022

Too Much (Good Hair Day)


Dr Hilarius: Gutartig! :D Ich kann ab morgen wieder in die Schule! Darauf muss ich jetzt nochmal in's Bett, ich habe nur vier Stunden geschlafen (...)

Die große Buba: Huch! Damit hab ich nicht gerechnet, das ist ja .... Huch

Dr Hilarius *sinngemäß*:  Ich verstehe Deine Antwort überhaupt nicht.

Da hätten wir mal wieder einen dieser Fälle, in denen ich nicht verstehe, was die große Buba mir mitteilen will. Netterweise hat sie es mir erklärt: Sie war überrascht, dass ich so freudig släsch gelassen mit der Nachricht des Arztes umgehe, dass alles in Ordnung ist - ich hatte nämlich aufgrund der Ähnlichkeit der Symptome damit gerechnet, dass ich wieder für einige Wochen ausfalle, und hatte auch fast schon im Geiste meinen Fernunterricht vorbereitet. Und eigentlich ist es für einen Aspi doch völlig überfordernd, wenn dann plötzlich alles anders kommt, und eigentlich braucht er dann doch erstmal Zeit für sich, um das zu verarbeiten.

Recht hat sie natürlich! Aber ich war gestern total glücklich, dass alles okay ist und ich heute wieder in die Schule gehen konnte und, wie das freitags bei mir ist, all' meine Schüler wieder sehen konnte. Die Überforderung kam heute. Und das noch vor dem Anruf bei'm Psychologen.

Ich habe meinen Schülern gesagt, dass ich mich riesig freue, sie wiederzusehen - weil das wirklich so ist. Ich habe mich einfach wunderbar dabei gefühlt, wieder vor ihnen stehen zu können. Ich will wirklich an diese Schule kommen. Und zumindest ein großer Teil der Schüler will das auch, egal, wie nervig ich bin. Und diese Erkenntnis hat mich heute nach der vierten Stunde überrollt, wie eine Flutwelle aus Emotion. In meinem Kopf der Gedanke "Ich muss an diese Schule kommen". 

So funktioniert das Aspi-Gehirn: Mir ist die Sachlage klar - wenn keine Stelle zur Verfügung steht, und keine freien Stunden, dann muss ich die Schule verlassen. Und trotzdem kann mein Gehirn nur auf dieser Einbahnstraße "Ich muss an diese Schule" denken. Dann tun solche Sätze weh wie "Du solltest dich seelisch drauf vorbereiten, dass du gehen musst" oder "Denk dran, dass es vielleicht nicht klappt" oder "Häng' dich doch jetzt nicht zu sehr rein". Denn all' das kann ein Aspi nicht. Umdenken. Neu planen. Whatever, ich schreibe mich hier gerade down the rabbit hole, aber es illuminiert, wie der Tag für mich gelaufen ist.

Und dann versteht man vielleicht auch (nicht), warum ich den Psychologen um einen Gesprächstermin in der nächsten Woche bitte.

Es ist einfach zu viel. Ich bin ein visueller Typ - allein das Aussehen einiger Schülerinnen und Schüler hat mich heute umgehauen. Ein Schüler, der sich die Haare länger wachsen lässt - und das sieht sogar cool aus! Schülerinnen, die zum ersten Mal mit Make-Up arbeiten. Ich möchte all' diese Jugendlichen unbedingt weiter auf ihrem Weg begleiten!

Nur ein Schultag. Nur drei Stunden. Aber alles zuviel. 


Meditation

Donnerstag, 21. April 2022

Gutartig


Und so ist es heute dann doch bei'm Urologen geblieben, Psychologie ist morgen dran, denn ich bin mit der guten Nachricht nach Hause gekommen, dass es sich bei den Symptomen um eine Wassereinlagerung handelt, die im Nachgang einer Entzündung auftreten kann, die aber gutartig ist und keiner Behandlung oder Vorsichtsmaßnahmen bedarf. 

Das ist ungemein erleichternd, und so weiß ich jetzt, dass ich ab morgen wieder ganz normal in die Schule gehen kann. Ich kann meinen Unterricht machen, ich kann meine Schüler durch die Abschlussprüfungen begleiten, ich kann mit meinen Neunern Lois Duncans Down a Dark Hall lesen, ich kann problemlos mein Projekt für die Projektwoche planen. Das alles konnte ich vorher nicht, und wenn ich die ganze Literatur richtig verstanden habe, ist diese Blockade auf die Behinderung im Bereich Theory of Mind zurückzuführen. Der Bereich, in dem laut Gutachten aus Lübeck bei mir alles in Ordnung ist. Morgen wird Neumünster angerufen, um zu schauen, ob es eine Möglichkeit der zweiten Meinung gibt.

Das alles nimmt den Kopf heute in Anspruch, aber auf eine sehr positive, erleichterte Weise. Es kann weitergehen!

Mittwoch, 20. April 2022

Hier, da und dort


Wenn ich die Wahl habe zwischen Telefonat und Mailanfrage, entscheide ich mich gerade bei unbekannten Menschen immer für Zweiteres, und rufe erst an, wenn es nicht anders geht.

Interessant, dass alle (Nicht-ZiP-)Wege für Autismus nach Neumünster führen. Dort wäre zum Beispiel Brit Wilczek angesiedelt, die aber keine neuen Patienten aufnimmt, und dort finde ich meinen Psychiater, sowohl im Friedrich-Ebert-Krankenhaus als auch in der DRK-Klinik Hahnknüll. Das ist der Arzt, der mir vom Organisator der Selbsthilfegruppe empfohlen wurde - zumindest derzeit, da sich das wohl auch kurzfristig ändern kann.

Gleichzeitig habe ich bei'm Kieler Fenster angefragt - es ist interessant, dass ich diesen Namen seit über zehn Jahren kenne, und auch das Logo dazu, aber dass ich erst heute gesehen habe, dass diese Leute zuständig für psychologische Beratung in Kiel sind. Ich dachte immer, das hat was mit Zeitung zu tun. Talk about die Welt um sich herum nicht wahrnehmen. 

Anyway, einen Schritt weiter, jetzt mit Kühlpack auf die Couch. Morgen Urologe, Freitag dann wieder Psychologie. Und zwischendurch Schule erledigen - mein Schreibtisch und der mittlere Dachbalken sind wieder voller Notizzettel. Hier, da und dort.

post scriptum: Oh, ich habe Antwort von ihm bekommen. Neugier besiegt Ein-Arzt-pro-Tag, ich denke, ich werde morgen nach dem Urologen mal in Neumünster anrufen, denn dort könnte ich einen Schritt weiter kommen. Ach ja, da war ja noch Schule. Hyperfokus. Ich lerne ganz langsam wieder Jonglieren.

Dienstag, 19. April 2022

Wech mitte Feiertage!


Ich habe das Gefühl, je älter ich werde, desto mehr nerven mich Feiertage. Whoop, falscher Ausdruck, falsche Denkweise. Buddhisten nervt nichts. Aber die Feiertage bringen mich durcheinander. Und sie sind unlogisch. Weil also einige Menschen glauben, dass Jesus auferstanden ist, haben wir heute drei Feiertage. Und warum überhaupt Ostermontag - reicht der Sonntag nicht aus? 

Dass die Woche am Dienstag erst richtig beginnt, verwirrt meinen Wochenrhythmus. Immerhin, Thema Urologe ist heute angeschoben worden, es sieht aus nach Herumsitzen und Stillhalten und Kühlen und Antibiotikum und Ursachenforschung. Donnerstag früh wieder hin. Psychologie ist dann morgen dran; genau wie mein Kopf einen Tag nur als "Arbeit" oder "Frei" einordnen kann (das Konzept Feierabend gibt es nicht), kann ich nur ein Arztthema pro Tag angehen, weil das sehr aufregend ist und ich die ganze Zeit nur darüber nachdenke.

Ich bin dabei, mir ein Konzept für meine Schüler zurechtzulegen: Lernvideos, die dank der Screens in allen Klassenräumen gezeigt werden können. Aufgaben per Iserv, die dann in den Vertretungsstunden bearbeitet werden können. Diesmal lasse ich meine Kiddies nicht allein. 

Feiertage. Fände ich nachvollziehbar, wenn denn wirklich alle Menschen ernsthaft den Anlass feiern würden. Meistens ist es aber einfach nur ein Vorwand, die Familie zu sehen und zu essen und trinken. Und ein willkommenes Event für die Geschenk-Industrie.