Mittwoch, 6. Juni 2018
Grummel Griesgram
Heute in der Schule, Kollege spricht mich im Lehrerzimmer an: "Du, eine Sache nur: Sekretärin und Hausmeister." - "Äh..." Denn irgendwie fehlen mir da Satzglieder und überhaupt irgendeine Form der Aussage; mein Gesicht bleibt ein einziges Fragezeichen. Er versucht es erneut: "Sekretärin und Hausmeister sind am wichtigsten!" - "Äh..." Denn ich verstehe noch immer überhaupt kein Wort. Wie bitte? "Ja, nur als kleiner Tipp für deine Schulzeit: Die Sekretärinnen und Hausmeister sind die wichtigsten Personen an der Schule, mit denen solltest du dich gut stellen."
An dieser Stelle hätte ich einfach vernünftig sein sollen und gar nicht reagieren sollen. An der fünften Schule weiß ich mittlerweile, wo ich mich klugerweise einschleimen sollte. Das habe ich an der Universität gelernt, in der ich mehrere Semester lang nichts mehr für das Essen in der Cafeteria bezahlt habe. Aber ich bin nicht vernünftig, sondern rege mich innerlich darüber auf, schon wieder wie ein Nulltsemester behandelt zu werden. Und sage nur wieder "Äh..." - "Ja, weil der Hausmeister mich angesprochen hatte und meinte, der Dr Hilarius sei komisch, immer so grummelig und so..."
What the...?!
Ich schalte komplett ab, alle Gedankenzüge entgleisen und im Stereosound tönt mir die Sannitanic in den Ohren: "Weißt du eigentlich, dass du einem mit deiner scheiß Fröhlichkeit tierisch auf die Nerven gehen kannst???" und auch meine erste Schulleiterin mit ihrem "Sie sind immer mit einem Lächeln durch die Schule gegangen. Dass es ihnen nicht gut gegangen sein soll, finde ich jetzt extrem unglaubwürdig."
Ich glaube, ich bin echt am falschen Ort...
Sonntag, 3. Juni 2018
Die Oase an der Hamburger Chaussee
| Wo bleibt der Regen...? |
Wir befinden uns in einem sehr heißen Mai. Die diversen Nachrichtenstationen haben uns mitgeteilt, es sei der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen; gleichzeitig ist die andere Hälfte Deutschlands untergegangen inmitten von Sturm, Gewitter und Starkregen, weggespült, verwüstet. Quid melius?
Ich wünschte, dass es auch bei uns einmal regnete. Der Boden ist komplett vertrocknet, die Landwirte müssen - wieder einmal - herbe Verluste wegstecken. Natürlich ist es für all' die Sonnenanbeter unter uns toll, das schöne Wetter genießen zu können. Für mich ändert es meine Vitalfunktionen grundlegend; ich bewege mich langsamer voran, ich denke langsamer, am liebsten bewege ich mich überhaupt nicht mehr - und zerfließe trotzdem.
Die Fenster meiner Wonung sind aufgerissen, in der Hoffnung, dass der Wind durch die Fenster über Eck quer durch meine Wohnung fegt, aber die Luft steht. Da fegt nichts. Das Denken wird langsamer, wie gesagt, ein Effekt, der noch zusätzlich getragen wird von dem Umstand, dass ich nichts essen mag, weil sich bei diesem Wetter jegliche Nahrung anfühlt wie ein Stein im Magen. Unterrichtsvorbereitungen verkommen zu einer Qual, Korrekturen wirken wie ein Streifzug durch die Wüste.
Und dann wache ich auf am Sonntagmorgen, in froher Erwartung, den Weltuntergang draußen zu sehen, denn für das Wochenende war endlich auch an Schleswig-Holsteins Ostküste Regen angekündigt - und alles ist trocken. Und auch den Sonntag über bleibt es trocken. Grau, aber von Regen keine Spur. Und dennoch fühlt sich meine Wohnung seit gestern Abend wie eine Oase an. Zum einen ist frischer Wind aufgekommen, der während der Nacht über Eck durch die Wohnung gegangen ist und die Temperatur auf ein angenehmes Niveau gebracht hat. Zum anderen ist dies eine Dachgeschosswohnung: Ich habe keine Nachbarn über mir, die Lärm machen, ich habe keine Wärme abgebenden Leitungsrohre offen in meiner Wohnung, ich kann die ganze Nachbarschaft überblicken... wenn es auch nicht der fünfzehnte Stock sein mag, so wie damals in Kronshagen (siehe Titelbild), so fühlt es sich befreiend an.
Ich hoffe, dass ich diese Oase noch lange Zeit bewohnen kann.
Und ich hoffe, dass Er mich irgendwann auch wieder hier besuchen kommt.
post scriptum: Ich hoffe, dass Ihr in Euren Wohnungen erholsame Plätzchen habt, etwas Frische und Ruhe, um die nötige Energie für die kommende Woche zu tanken. Und Klassenarbeiten zu korrigieren; ich gehe davon aus, dass wir alle in der Hinsicht noch ein paar Wochen durchpowern müssen.
Lasst die Sonne in Eure Herzen!
Donnerstag, 31. Mai 2018
Schweig' still, Dr Hilarius!
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| "Ich bin der Lehrer, und alle hören mir zu!" - Yeah, whatever... |
Okay, heute geht es einmal um ein Thema, das mir wirklich unangenehm ist, aber vielleicht stehe ich mit dem Problem nicht allein da. Vielleicht fühlt sich jemand ertappt. Und dann im nächsten Schritt erleichtert, dass er nicht der Einzige ist, dem es so geht. Genauso, wie ich hoffe, dass ich nicht der Einzige bin, der dieses Problem hat.
Ich liebe es, ein Lehrer zu sein, ich liebe es, bestimmte Fachinhalte zu vermitteln. Ich liebe es so sehr, dass ich in's Schwärmen geraten kann. Und dann fange ich an, zu erzählen. Meine Augen leuchten, während ich möglichst plastisch und altersgerecht etwas erzähle, was in der ursprünglichen Stundenplanung gar nicht vorgesehen war. Beispiel gefällig?
(Ist echt unangenehm, das jetzt schwarz auf weiß zu lesen...)
"Aulus Popidius magno in honore est." Schüler: "Der große Aulus Popidius ist in Ehre." Dr H: "Ja, bestimme bitte noch einmal die Form magno nach Kasus, Numerus und Genus." Schüler: "Das ist... Dativ oder Ablaaa....ach so! Das kann ja gar nicht zu Aulus Popidius gehören, das steht nicht in KNG-Kongruenz, das muss zu... honore!" Dr H: "Genau richtig erklärt! Das in hat sich da reingedrängelt. Das haben die Römer oft so gemacht, und das war so bekannt, dass wir das auch heute noch finden können. Zum Beispiel, wenn man eine Doktorarbeit an der Universität schreibt, da gibt es magna cum laude..." usw., inklusive Schüler: "Gibt es auch etwas Besseres als magna cum laude und reichlich weitere Fragen, sechste Klasse eben, mein Problem: Ich will immer jede Frage beantworten, und das klappt einfach nicht.
Eine Stelle, die eigentlich nur eine Minute dauert, aber nein, ich gerate in's Schwärmen, ich sehe eine Chance, etwas für die Schüler anschaulich darzustellen, und stürze mich darauf wie ein Verhungernder auf rohe Zwiebeln. Und die Kinder gehen alle voll mit, sie hängen an meinen Lippen - ist ja schön und gut, aber das rächt sich.
Vielleicht nicht in dieser Stunde - im Gegenteil, ich fand die Stunde total toll. Es ist peinlich... aber ich höre mich nun mal gern reden, und verliere darüber hinaus aus dem Blick, dass ich die Stunde auf die Kinder hin auszurichten habe. Auf einen Kompetenzzuwachs bei ihnen. Das soll keine Vorlesung sein. Die Zeit meiner ganzen Erläuterungen hätten wir wesentlich produktiver nutzen können, und irgendwann nach der Stunde wird mir das bewusst und ich bekomme Bauchschmerzen.
Und wenn es mir nicht von selbst bewusst wird, dann bekomme ich eben irgendwann das Feedback "Bei Dr H lernen die Schüler nicht so viel", und das ist an "Hochleistungs-Schulen" (z.B. Gymnasien) besonders problematisch. Das kommt einfach nicht gut an.
Und auch nach sieben Jahren im Schuldienst passiert es mir noch immer. Und nicht nur im schulischen Kontext; ich rede zuviel. Dabei versuche ich so sehr, darauf zu achten, meinen Gesprächspartner reden zu lassen. Er soll zu Wort kommen, ich möchte etwas über ihn lernen. Das habe ich zuerst in der Drogenarbeit gelernt: Den Anderen zum Reden bringen. Das klappt nicht, wenn ich ihn zuschwalle.
Also schweig' still, Dr Hilarius!
Mittwoch, 30. Mai 2018
Vampirischer Putzplan & Hitzefrei auf Chinesisch
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| Schräg. Neuseeland. Sehr erfrischend! |
Zu viele Themen für einen Eintrag, im Europa-Park gab es einen Großbrand und eine meiner Lieblingsattraktionen seit vielen Jahren ist zu Asche geworden (Piraten in Batavia), wie deprimierend, warum streiche ich nicht alles Unwichtige, warum streiche ich nicht einfach den Eintrag für heute und komme erstmal zur Vernunft? Ich frage mich immer wieder, ob ein HB-Gehirn das auf Abruf kann. Jetzt kann ich das nicht. Jetzt will ich das nicht, und schreibe beide Themen in der Überschrift auf, mal schauen, ob ich heute damit fertig werde, weil mein Kopf implodiert.
Das geht also los mit diesem Putzplan, der den Film What We Do In The Shadows (2014, 5 Zimmer, Küche, Sarg) eröffnet. Herrliche kleine Ablenkung gestern, die einfach gut getan hat. Ich schaue sonst eigentlich eher selten Komödien, aber die war ganz erfrischend, weil sie als mockumentary den Alltag in einer Vampir-WG zeigt, die kaum schräger sein könnte: Petyr, ein uralter Vampir, der stark an Nosferatu/Max Schreck erinnert, Vladislaus, der einen Hauch von Mittelalter mitbringt, als Erzähler Viago, ein ganz leicht angeschwuchtelter Dandy-Vampir (gespielt von Co-Autor und Co-Regisseur Taika Waititi).
Es kommt alles, was zu einem WG-Alltag gehört - ein neuer Mitbewohner, der Rauswurf eines Mitbewohners, Parties, Gesellschaftsspiele und die Sauerei, wenn man seinem Opfer das Blut nicht vernünftig aussaugt. Der Film nimmt sich ernst, ist aber verdammt albern, und egal wie flach das klingt, diese kurzweilige Komödie hat Charme. Außerdem ist sie mit zweiundachtzig Minuten eher kurz, und die Originaltonspur lohnt sich, denn es wird ein sehr breites Neuseeland-Englisch gesprochen (hatte phasenweise echt Probleme, das zu verstehen, aber das hat Spaß gemacht). Hat mich gestern wunderbar von Schulsachen abgelenkt, und ist derzeit bei Amazon Prime kostenlos verfügbar.
Wäre wunderbar gewesen, wenn diese Ablenkung dann dafür gesorgt hätte, dass ich abends gut einschlafen kann, denn - naja, wie schon beschrieben, war ich sehr müde - bin aber diese Nacht wieder nur auf etwa eine Dreiviertelstunde Schlaf gekommen, die Hitze hat ihr Übriges dazu getan. Und heute hat sie eiskalt weitergemacht, oder besser brühwarm. Jedenfalls so warm, dass an unserer Schule Hitzefrei verkündet wurde. Vielleicht keine schlechte Idee nach einem Bericht in den Nachrichten mit einem Krankenwagen-Einsatz an einem schulischen Sportfest. Sehr verwirrend, weil meine gesamte Tagesplanung umgeworfen wurde und ich mich wieder irgendwo hinsetzen und erstmal fünf Minuten die Wand anstarren musste, um mich umzustellen.
Ging dann auch. So war nur wenig Unterricht, aber viele intensive Eindrücke (kam mir vor, als ob Herr R-B einer qualitätssichernden Einrichtung sich heute bei mir für eine Hospi mit chinesischen Gästen bedankt hat - Halluzination, anyone?) und ich habe das immer noch nicht alles verarbeitet. Und heute kommt der zweite Versuch: Direkt nach den Nachrichten in's Bett stürzen und vielleicht einschlafen. Einen Tag noch...
Dienstag, 29. Mai 2018
Das Paket
Diese Woche ist etwas mehr als nur ein pädagogisch-fachdidaktisches Clubsandwich mit Überstunden. Und sicherlich gibt es das nicht nur an dieser Schule, nicht nur in Kiel, sondern betrifft viele Lehrkräfte - nicht unbedingt in dieser Woche - aber viele kennen das, dass nach den Osterferien der Schulalltag am Rad dreht, die Schülerschaft sowieso und dass man manchmal einfach nur noch mitten in den Klassenraum kotzen möchte. Und die Lehrkraft auch.
Diese Woche besteht aus einem Haufen Terminen in gefühlten vierzig Grad Schatten, im Anschluss an sieben-Stunden-Tage. Nein, fühlt sich nicht nur so an, ist so. Dazu schön korrigieren und Formalitäten; so habe ich heute ein Paket mit nach Hause genommen. Da ich keinen Beutel in der Schule dabei hatte (und Andere darum zu bitten mir nicht in den Sinn kommt), habe ich mir also den linken Arm fast verrenkt im Versuch, dieses Paket heil nach Hause zu bekommen, ohne dass zwölf Abiturklausuren inklusive Bewertungsunterlagen (gefühlte zehn Blätter pro Kandidat) herausfallen.
Ich hätte sie in der Schule lassen können: Meine Unterschriften und meine Tinte sind überall zu finden, wo man sie finden soll. Ich möchte sie der Kollegin aber lieber persönlich in die Hand drücken - denn wenn ich das Paket in der Schule lasse, besteht die nicht ganz unbegründete Angst, dass sie geklaut werden, und das ist bei derart amtlichen und wichtigen Unterlagen echt nicht erstrebenswert. Also fühle ich mich wie ein Geheimagent, der Lasten von drei bis fünfzehn Punkten herumträgt.
Und eigentlich müsste ich jetzt direkt weiterarbeiten, aber ich brauche erst einmal zwei Stunden, um den Kopf klarzubekommen, pädagogische Gespräche raus, alles raus, das geht bei mir leider nicht so schnell. Und dann auch noch das Schlafdefizit, was ich immer am Wochenanfang habe - diese Woche hat einfach eine irre Konfiguration, und ich mache drei Kreuze, wenn ich übermorgen in der Meditation angekommen bin...
Sonntag, 27. Mai 2018
Surrealer Samstagmittag
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| Something's wrong... |
Donnerstag
Sie ist im Unterricht, englische Literatur. Gelangweilt. Die Dozentin trägt ein Gedicht vor (gar nicht mal so schlecht), aber sie schläft fast ein. Sie sollte sich Notizen machen, aber sie klopft nur mit ihrem Bleistift auf dem Schreibblock herum, sie scheint in ihrer eigenen Welt versunken zu sein; hin und wieder fügt sie der Zeichnung auf dem Block einen weiteren Strich hinzu, während sie auf die Wanduhr über der Tafel schaut. Sie wendet ihren Kopf nach links, aus den Panoramafenstern hinaus, und schaut über den Campus. Wunderbares Wetter, überall sitzen Studenten herum, essen, trinken, hören Musik oder träumen einfach nur. Hier ein Fahrradfahrer, dort ein Jogger, da hinten eine alte Frau - die ersten beiden zügig, sie langsam, jeder scheint den Tag in seinem eigenen Tempo zu erleben. Sie auch. Sie blickt zum gegenüberliegenden Gebäude, versucht in die dortigen Fenster hineinzuschauen, kann aber nur die Reflektion des Campus erkennen. Und vorn steht die Dozentin und reiht einen Vers an den anderen - gar nicht mal so schlecht, aber eben doch recht monotone Dichtung und die Vorgänge draußen scheinen interessanter zu sein. Der Jogger ist mittlerweile nach links verschwunden, der Fahrradfahrer nach rechts, nur die alte Frau ist zwischen den rastenden Studenten noch zu sehen. Das ist kein Wunder, denn der Jogger ist nach links gelaufen, der Fahrradfahrer nach rechts gefahren, nur die alte Frau geht geradeaus, und irgendwas stimmt nicht. Sie trägt ein Nachthemd und ihr Bein und ein Arm sind teilweise bandagiert.
Die alte Frau geht geradewegs auf sie zu.
Langsam dämmert es ihr, und in ihren Ohren beginnt ein ganz leises Pfeifen. Es wird lauter, je näher die alte Frau kommt, es wird zu einem Schwirren, das zwischen ein paar Tönen oszilliert, und langsam weiten sich ihre Augen in eine Maske der Angst. Sie packt ihre Sachen zusammen und verlässt wortlos das Klassenzimmer. Sie geht den Gang hinunter, dreht sich um, bis auf zwei Schülerinnen ist niemand dort. Alles wie immer. Bis die alte Frau um die Ecke biegt und immer näher kommt, ihr Gesicht ausdruckslos, sie geht ganz langsam, einen Schritt nach dem anderen auf sie zu. Das Schwirren in den Ohren wandelt sich zu einem beißenden Stalking-Soundtrack...
...so in etwa geht eine recht eindrucksvolle Szene aus dem vorgestern erwähnten It Follows, eine Szene, die ich noch nicht aus meinem geistigen Auge streichen konnte. Falls jemand sie sehen möchte - aber vorgewarnt sein, ich habe zum literarischen Zweck ein kleines bisschen Freiheit in meinem Text genommen. Und keine Sorge, niemand stirbt, kein Blut und so, nur eine alte, langsame Frau:
Samstag
Alles klar, noch neun Minuten, dann kommt der Bus, den ich nehmen muss, um mich mit der Sannitanic zu treffen. Ich habe sie schon so oft versetzt, darauf habe ich keine Lust mehr (lustige Randnotiz, ich habe mich eben verschrieben und ersetzt getippt. Freud anyone?). In diesen neun Minuten muss ich noch schnell zur Sparkasse, zwei Überweisungen erledigen. Kommt hin, ich habe alles direkt vor der Haustür. Also stürze ich das Treppenhaus zur Hälfte hinunter, dann wieder hinauf: Ich habe meine Armbanduhr vergessen, und auch den Anhänger, den ich fast immer trage, damit Er auf eine Weise immer bei mir ist.
Nun also noch sieben Minuten, ich laufe schnell zur Sparkasse, Samstag, also brauche ich die Karte, um die Tür zu öffnen, und mitten vor der Tür steht eine ältere Dame und spricht mit der Tür. WTF?! Aber das hier ist Hassee, das ist normal, wir sind schräg, wir sind bunt, wir sind vielfältig wie das Leben, also gehe ich einfach draufzu und hoffe, dass sie mich nicht anspricht, ich habe keine Zeit.
Natürlich spricht sie mich an. "Können sie mir sagen, ob das hier die Volksbank ist? Vor vielen Jahren war hier mal die VB, oder irgendwo in diesem Viertel, können sie mir sagen, wo die ist?" Gedanklich bin ich bereits im Bus, mein Körper ist gerade auf Überweisungsdaten-Tippen eingestellt und ich antworte kurz, möglichst freundlich, dass ich hier noch nie eine VB gesehen habe, und betrete die Filiale. Die alte Dame geht mit und fängt an, mit der Säule zu reden, mitten im Raum, an der die Geschäftsbedingungen der Förde Sparkasse ausgehängt sind.
Ich versuche sie elegant zu ignorieren, denn ein wenig muss ich mich nun doch darauf konzentrieren, dass ich keine Fehler mache. Ein bisschen creepy ist das nun schon, wie die Dame durch den Raum geht und mit irgendjemandem spricht, der nicht da ist. Dann geht sie nach draußen und spricht eine weitere Kundin an, meine Überweisungen sind fertig, drei Minuten noch, bis der Bus kommt, und sie fragt sie, ob das hier die VB ist oder wo sie denn wohl ist, weil hier früher mal eine VB war. Ich kann diesen ganzen Eindruck nicht so schnell abschütteln und setze mich etwas verwirrt an die Bushaltestelle und genieße die Sonne, so gut es geht. Im Häuschen sitzt noch jemand und warte auf den Bus, ein älterer Mann. Er sieht mich und steht auf.
Für einen Moment fühle ich mich deutlich unsicherer: Es kommt mir vor, als würde It mich verfolgen, er geht aber nicht auf mich zu, sondern geht hinter mir den Fußweg auf und ab. Ein bisschen humpelnd, so wie die alte Frau in der Filmszene, mit kleinen, tapsigen Schritten, und immer wieder scheint er auf meine Bank zuzugehen und ich bete mittlerweile, dass der Bus bald kommt, dass er mich nicht anspricht, dass gleich nicht wieder die alte Frau von der Sparkasse kommt, ich will nur noch zur Sannitanic, irgendwie ist das alles mega surreal. Ich fange an zu schwitzen, Sonne, Temperatur, Unsicherheit.
Und ich mache drei Kreuze, als ich realisiere, dass die nächste Person, die mich anspricht, tatsächlich meine beste Freundin ist. Okay, ja, sie mag auch alt sein (*duck*), quasi als Rechtfertigung sage ich ihr in der Campus Suite, dass sie wie ein Erstsemester aussieht. Und fange langsam an, mich ein wenig zu entspannen, endlich. Okay, dann möchte sich ein älterer Herr neben uns setzen, und bevor er seine Teetasse auf den Tisch stellen kann, fällt sie ihm aus der Hand und der Inhalt ergießt sich über die Bodenplatten. Kompletter Filmriss, überfordert. Augen zu, Hand an die Schläfe, geistiger Neustart.
Und dann ist es endlich überstanden und der Samstag wird realer, greifbarer, echter. Creepy... aber solche Momente kommen vor, und das hat nichts mit Hochbegabung zu tun, das haben sicherlich viele Leser schon einmal erlebt. Paranoia.
post scriptum: Ja. Ertappt. Ich finde diesen Film wirklich richtig gut. Sonst würde ich ihn nicht dreimal innerhalb von zwei Tagen geschaut haben. Sonst würde ich ihn nicht beim zweiten Ansehen noch besser als beim ersten Mal gefunden haben. Sonst würde ich ihn nicht je einmal hinsichtlich der Kameraarbeit und des Soundtracks analysiert haben. Das hatte ich zuletzt vor nicht allzu langer Zeit bei "Dark City" (1998), davor aber monate- bzw. jahrelang nicht mehr. Es sind Filme wie diese, oder zum Beispiel "Suspiria" (1977), die einfach künstlerisch reichhaltig sind und jedes Anschauen neu und anders belohnen.
Freitag, 25. Mai 2018
Steht ein Hochbegabter im Bus...
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| Faszination Bus... (Quelle: NDR) |
Irgendwann hat ja sicherlich jeder einmal diese "Steht ein..."-Witze gehört. Ich musste unweigerlich an diese Phrase denken, als ich heute an der Haltestelle Hummelwiese in die Fünfhundertzwei eingestiegen bin. Das war allerdings bereits die Rückfahrt, und auch wenn zwei meiner Schülerinnen sich gefreut haben, mich in einem ungewöhnlichen - weil normalen - Outfit im Bus zu sehen, war das Gefühl, das ich heute beschreiben möchte, auf der Hinfahrt sehr deutlich zu spüren.
Ist ja eigentlich nichts Besonderes. Ich habe Lust auf ein bisschen Authentizität, also schlendere ich in Gaarden durch die Adelheidstraße. Weil ich aber faul bin, nehme ich von der Hummelwiese bis zum Karlstal den Bus, Linie Elf. Die Elf ist eine der vollsten Buslinien Kiels, das ist auch kein Wunder, weil sie die Wik über die Aorta Holtenauer Straße mit dem Hauptbahnhof verbindet und dann quer durch Gaarden nach Dietrichsdorf fährt. Gleichzeitig ist die Elf eine der Vorzeige-Buslinien Kiels, da auf ihr viele der neuen Busse mit Hybrid-Antrieb benutzt werden. Und die sind tatsächlich leiser als die guten alten roten Busse, irgendwie echt nicht schlecht.
Auch heute mittag war es wieder gerammelt voll. Natürlich waren alle Sitzplätze besetzt und auch der Gang bis hinten durch mit Menschen vollgestopft. Das sind Situationen, in denen ich froh bin, fast zwei Meter groß zu sein, denn dadurch habe ich den Überblick und nicht das Gefühl von Enge, Platzangst und Konsorten. Gut, es sind ja eh' nur ein paar Stationen, ich komme ja auch schnell wieder raus. Gablenzstraße (Lieblingshaltestelle aller Arbeitslosen...), KVG-Verwaltung Werftstraße und schließlich Karlstal. Der Bus muss sich aufgrund von Baumaßnahmen (u.a. wegen des neuen Schwimmzentrums in Gaarden) einigermaßen zwischen den gesperrten Arealen hindurchschlängeln - viel Umkipp-Potential, also gut festhalten! Oder...?
Ich liebe es - wenn ich stehen muss - herauszufinden, wie ich meine Beine und vor allem Füße positionieren muss, um jederzeit das Gleichgewicht halten zu können. Idealerweise ohne mich festzuhalten. Es ist so spannend, den Winkel zwischen den Füßen zu kalkulieren, den Abstand der Beine, immer mit Blick auf die Strecke vor uns. Oh, da kommt eine scharfe Rechtskurve? Schnell die Fliehkräfte durchrechnen, Füße umpositionieren und ganz ohne Hände aufrecht stehen bleiben, während einige der anderen Fahrgäste stolpern, durcheinandertaumeln und sich dem Schwung hingeben.
Das sind die kleinen Freuden des HB-Lebens...
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