Freitag, 27. April 2018
Wenn das Herz bricht...
Früher war es sehr einfach, mir das Herz zu brechen. Verschiedene Mädchen haben das in der Schule geschafft, oder auch ein paar Filme, und im Studium haben mir die ersten Männer das Herz gebrochen. Ich bin jetzt ein wenig älter, habe mehr Dinge gesehen und weiß mehr Dinge zu verarbeiten. Dennoch gibt es immer wieder Ereignisse und Momente, die mir eine Wehmutsträne in den Augenwinkel hexen.
Als ich damals meine erste "richtige" Schulklasse verabschieden musste, die 7a in SPO, da hat es mich nach langer Zeit wieder zum Zittern gebracht. Diese Klasse war eine Art Befreiungsschlag für mich - ich werde nie vergessen, wie Leona bei meiner Vorstellung sehr deutlich hörbar "Boah, ich find' den jetzt schon scheiße!" gerufen hat - bei der Verabschiedung liefen dann die Tränen.
Es ist nicht leicht, eine Klasse gehen zu lassen, die einem zwei Jahre lang an's Herz gewachsen ist. Mit ihren Stärken und Schwächen, mit den Ups und Downs, die mancher Schüler der Klasse während dieser zwei Jahre erlebt hat. Ich habe oft auf Konferenzen über diese Schüler gesprochen, das hat nur dazu beigetragen, dass sie ein Teil von mir geworden sind. Und wann immer die Allgemeinsituation mal scheiße war, war es ausgerechnet diese mir an's Herz gewachsene Klasse, die mich dann aufgemuntert hat.
Und die Schüler haben ihren Dr Hilarius auch kennengelernt, sie haben ihn glücklich und traurig gesehen, er hat geschrien, getobt und getanzt, sie haben mit ihm gestritten und gelacht; es mag ihnen zu dem Zeitpunkt vielleicht nicht so ganz bewusst gewesen sein, aber er war ihnen ebenso lieb geworden wie sie ihm. Dieser Trennungsschmerz bei der Verabschiedung von meiner ersten "richtigen" Klasse hat mir noch lange nachgehangen.
Ihr kennt das Gefühl. Und daher wisst Ihr auch, dass man sich an das Klassenabgeben mit der Zeit gewöhnt, das nimmt mich mittlerweile nicht mehr so stark mit wie damals. Wie muss es sich erst für einen Waldorflehrer anfühlen, nach acht (!) Jahren nicht mehr Klassenlehrer seiner Klasse zu sein... wie viel Zeit man mit einer Klasse verbracht hat, das kann sich erheblich auf die Ausprägung des Abschiedsschmerzes auswirken.
Umso mehr hat mich ein Erlebnis von gestern bewegt. Ich habe eine Klasse abgegeben, da eine erkrankte Kollegin wieder in den Dienst zurückkehrt. Ich hatte gar nicht mal so lange in dieser Klasse unterrichtet, nur drei Monate. Es war allerdings eine sehr individualistische Klasse, in der viele schräge Köpfe saßen, und diese Vielfalt hat mich von Anfang an begeistert. Da waren Großmäuler, Hochleister, Sprachfreaks, Coole... wie sehr die Klasse mich beeindruckt hat, konnte ich daran feststellen, dass ich die Namen der Schüler (zu einem für meine Verhältnisse großen Teil) schnell drauf hatte.
Es fühlte sich an wie ein Nach-Hause-Kommen, wenn ich in die Klasse kam und von mir schnell liebgewonnenen Verhaltensweisen begrüßt wurde - Schleimerei, Rumgewinsel, Extrafleiß, und sie hatten als Klasse, die zu Beginn des Schuljahres aus zwei Klassen neu zusammengesetzt worden war, trotzdem eine Art gemeinsamen Charme gewonnen. Ich habe die intellektuelle Herausforderung sehr genossen, die Begeisterung für das Fach bei den einen, die too cool for school-Attitüde der anderen, von Woche zu Woche. Immer wieder.
Das wird mir jetzt fehlen. Und es macht die Situation nicht leichter zu verarbeiten, dass sie sich bei mir für die "coole Zeit zusammen" bedankt haben. Ich hatte ein Gefühl von "Ich würde euch noch so gern bis zum Abitur begleiten!" und beneide die Kollegin ein wenig darum, dass sie jetzt wieder das Lateinheft in die Hand nimmt. Die Schüler und ich waren uns einig, dass wir dieses kleine Intermezzo so schnell nicht würden vergessen werden. Ihr kennt diese Abschiede, liebe Kollegen, und habt selbst viele davon schon erlebt. Klar wird man von Jahr zu Jahr etwas mehr abgehärtet.
Und trotzdem hat es mir gestern fast das Herz gebrochen.
post scriptum: Was für ein toller Film! Heute habe ich Terrence Malicks "The Tree Of Life" (2011) gesehen, ein unglaublich ambitionierter Film, der es sich vorgenommen hat, die gesamte Existenz darzustellen. Und weil Malick sich dabei auf Lebensereignisse stützt, die jeder von uns verstehen kann, die jeder von uns so oder so ähnlich erlebt hat, ist es, als würde ich in einen Dialog mit dem Film treten. Das war echt ein tolles Erlebnis, purer Genuss.
Mittwoch, 25. April 2018
Sie läuft... und läuft... und läuft...
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| Das wird tatsächlich an US-Schulen verwendet. |
Ich arbeite im Unterricht gern mit Filmen und Serien. Das war schon immer so. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es von der Schulform abhängen kann, ob man damit Erfolg hat. Meine Erfahrungen mit Serien an Gemeinschaftsschulen waren sehr gut. So gut, dass ich z.B. in St.Peter-Ording eine der Englischstunden pro Woche benutzt habe, um mit der Klasse eine Folge Are You Afraid Of The Dark? zu schauen. Wenn man die richtigen Filme oder Serien findet, kann man Schüler damit manchmal besser und viel nachhaltiger erreichen als mit einer normalen Unterrichtsstunde. In SPO und NMS habe ich dafür sogar von Eltern positives Feedback bekommen.
An der Kieler Gelehrtenschule mache ich das nicht mehr. Hier wird sehr großer Wert auf die Einhaltung des Lehrplans und vor allem auf ordentliche Stoffprogression gelegt. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, deswegen mache ich es nicht mehr. Ich muss aber zugeben, mir fehlen die Stunden mit AYAOTD? (bzw. in der Oberstufe dann The Twilight Zone).
Und dennoch. Ein Film, den ich seit sieben Jahren immer mal wieder in der Schule verwende, ist Tom Tykwers Kunststück Lola rennt (1998). Zunächst einmal ist der Film handwerklich kreativ und einwandfrei, so hat Roger Ebert in seiner Rezension geschrieben: "The director, a young German named Tom Tykwer, throws every trick in the book at us, and then the book, and then himself." Dass Tykwer ein Talent für Regie hat, davon hat mich vor einiger Zeit insbesondere Cloud Atlas überzeugt (und zwar hier und hier). Ich habe Lola rennt je nach Lerngruppe auf unterschiedlichste Arten präsentiert. Mal habe ich ihn vorentlastet, habe ein bisschen über Tykwer erzählt, habe den Plot grob umrissen oder bereits auf die besondere Struktur des Films verwiesen (dass nämlich derselbe Durchlauf dreifach mit leichten Veränderungen gezeigt wird). Manchmal habe ich die Schüler auch vollkommen unvorbereitet darauf losgelassen.
Da ich zur Zeit an einer Schule mit einem hohen Anteil an überdurchschnittlich intelligenten Kindern unterrichte, wollte ich einen Versuch wagen. So habe ich einer neunten Klasse in einer Abschiedsstunde erzählt: "Ich möchte mit euch einen Film schauen. Das ist interessant, denn es ist ein FSK16-Logo darauf. Das liegt aber nicht daran, dass zuviel Gewalt oder Sex im Film vorkommt, sondern dass man der Meinung ist, dass ihr unter sechzehn Jahren noch nicht die nötige Reife besitzt, um diesen Film zu verstehen und wertzuschätzen. Das würde ich gern einmal testen und euch damit herausfordern, also haltet Schreibzeug bereit."
Okay, die 16er-Freigabe liegt gar nicht am Film selbst, sondern am Bonusmaterial auf der DVD. Aber es war ein guter Aufhänger, um die Schüler etwas neugieriger und aufgeschlossener herangehen zu lassen - denn ich habe auch schon sehr ernüchternde Unterrichtserfahrungen mit dem Film gemacht. Diese neunte Klasse allerdings hat mir bewiesen, dass sie schon einiges verstehen; zumindest ein paar Schüler konnten erkennen, dass es in dem Film um den Schmetterlingseffekt geht, mehr aber noch um das Schicksal und ob bzw. wie man als Individuum darauf Einfluss nehmen kann. Da das Ganze in einem Latein-Kontext stattfindet, fielen natürlich die Begriffe fatum und praedeterminatio, und wir konnten darüber einen kleinen Moment diskutieren - dann war die Doppelstunde leider zu Ende. Dass aber auch nach Stundenschluss noch eine Schülerin zu mir gekommen ist und sich mit mir über die Deutung des Films unterhalten hat, hat mich ebenso gefreut, wie es mich beeindruckt hat, dass zwei Schüler Parallelen zu Groundhog Day oder sogar zu Capras It's A Wonderful Life ziehen konnten. Sie mögen nicht auf Kieszlowskis Blind Chance gekommen sein, haben sich aber für eine neunte Klasse als teilweise sehr reif geoutet und das war ein schönes Erlebnis für mich.
Und deswegen wird Lola immer weiter rennen...
Montag, 23. April 2018
Plädoyer gegen Videospiele
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| Are you ready to spiel? |
Ich sollte eigentlich die Klassenarbeit der 7b korrigieren. Und ich müsste das jetzt machen, damit ich sie morgen zurückgeben kann, denn so langsam läuft mir die Zeit weg. Logik sagt mir ganz klar, dass ich jetzt anfangen muss mit der Korrektur, dann schaffe ich es heute noch, und danach werde ich mich erleichtert fühlen, kein schlechtes Gewissen haben, und die Nacht ruhig und zufrieden schlafen können, und ein paar Schüler morgen sehr glücklich machen - und einige auch traurig, aber meistens ahnen sie schon, was da auf sie zukommt.
Eigentlich sollte ich das machen. Und eigentlich sollte ich noch die Kochwäsche in die Maschine werfen, und die trockene Wäsche abnehmen und in den Schrank sortieren. Der Biomüll muss dringend nach unten in den Hof, und ich habe immer noch nicht das Fenster geputzt, das vor lauter Regenflecken ganz blind ist. Essen könnte ich auch mal, dann hätte ich etwas mehr Energie, um alle diese Dinge zu erledigen.
Aber ich muss doch unbedingt wissen, was der Held Noctis in der Wasserstadt Altissia erlebt! Ich muss schauen, ob er dort die wichtigen Schätze erhält, die er braucht, um die Welt vor der dunklen Bedrohung zu retten. Ich verfolge seine Reise nun schon so lange, es fühlt sich an, als würde ich ihn kennen, als würde ich tatsächlich mit ihm reisen. Und ich weiß, dass ein spektakulärer Kampf gegen den Wassergott Leviathan bevorsteht, den muss ich eben noch erleben, bevor ich mich an die Arbeit mache. Und ein paar Monster verkloppen, um mich ein wenig abzureagieren, bevor ich mich an die Korrekturen setze.
Und schließlich, dessen scheinen sich sehr viele Menschen bewusst zu sein, geht es immer wieder so: Ich müsste etwas Wichtiges tun, ziehe aber die Videospiele vor, prokrastiniere, und schließlich, darin scheinen sich viele wichtige Menschen einig zu sein, machen Videospiele ja auch gewalttätig, und deswegen wäre es viel besser, wenn es gar nicht erst Videospiele gäbe. Man sollte unsere Jugend vor ihnen schützen, und offensichtlich auch die heutigen Erwachsenen, die damals mit ihnen aufgewachsen sind und sie immer noch als einen festen Bestandteil ihres Privatlebens erachten.
Und so ziehen nach jedem neuen Schulamoklauf und nach jedem Attentat neben den AfD-Anhängern und Konservativen und Rückwärtsgerichteten und Xeno[oder jede beliebige Minderheit]phoben auch die Feinde der Videospiele immer wieder über die Straßen und fordern ein Verbot. Und viele Medien saugen das gierig auf und wandeln es in eine Berichterstattung um, die den unwissenden Zuschauern suggeriert, dass die Videospielwelt ausschließlich aus Beiträgen wie Castle Wolfenstein besteht. Videospiele? Das bedeutet Ballerei, Menschen umbringen, möglichst viele, möglichst schnell, möglichst spektakulär. Nach dem neuesten Trend auch noch als Virtual Reality, damit die Kinder schön authentisch erleben dürfen, wie es ist, Menschen umzubringen, zu erschießen, abzuschlachten.
Videospiele gehören verboten!!!
...so heißt es dann immer wieder, seit vielen Jahren, und das wird auch noch lange so weitergehen. Oder fällt Euch etwa irgendein positiver Aspekt bei Videospielen ein? ;-)
Samstag, 21. April 2018
Woyzeck: Trau' Dich, HB!
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| Ich selbst merke, wie ich herausragende Leistungen manchmal nicht angemessen lobe... |
Als Underachiever bezeichnet man im schulischen Kontext Schüler, die in ihren Leistungen hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Die Gründe dafür können vielfältig sein, und für eine Lehrkraft kann es eine besondere Herausforderung sein, einen hochbegabten Underachiever zu erkennen: Wenn der Schüler immer nur Dreien abliefert, im Zeugnis, in Leistungsnachweisen, im Unterricht, woher soll ich dann auf die Idee kommen, dass er hochbegabt ist?
Die Sannitanic und auch die große Buba haben seit vielen Jahren sehr engen Umgang mit hochintelligenten Menschen, und sie sind beide Lehrerinnen, denen ihre Erfahrungen im Unterrichtsalltag zugute kommen können. Mir geht es in diesem Beitrag gar nicht so sehr um die Diagnostik als um die Frage, wie man als Lehrer mit einem hochbegabten Underachiever umgehen sollte. Und erinnere mich dafür an Rainer Krüger, mein Deutschlehrer im zwölften Jahrgang.
Ich war nie besonders gut in Deutsch. Halt, das stimmt nicht; Grammatik und Diktate konnte ich immer gut, aber sobald es an's Interpretieren ging, stellte sich heraus, dass ich ein Dreierkandidat war. Ich bin über eine Drei im Zeugnis selten hinausgekommen. Und dabei hatte ich mir so oft und intensiv die Frage gestellt, was meine Deutschlehrerinnen wohl von mir hören wollten! Ich wollte es ihnen Recht machen, und leider traf ich bei Frau Z und Frau J meistens daneben.
Dann kam die Oberstufe, und ich hatte keine Ahnung, wie ich meine Deutschnote verbessern sollte. Ich kam auf die Idee "Naja, wenn du eh' nicht auf was Besseres als eine Drei kommst, dann schreib' Krüger jetzt nicht das hin, was er vielleicht hören will, sondern das, was du wirklich über den Text denkst". Das führte zu dreizehn Punkten in meiner ersten Deutschklausur über Schillers Die Räuber. Das konnte ich überhaupt nicht verstehen. Eine Eins??? Habe ich zur Abwechslung einmal irgendwas richtig gemacht?
Rainer Krüger tat das, was man als guter Pädagoge in solch' einer Situation wohl tun sollte: Er ermutigte mich, meine Gedanken aufzuschreiben. Er ermutigte mich, in den Klausuren meine Theorien zu schreiben, auch wenn sie vielleicht für mich selbst ungewöhnlich schienen. Das führte dann zu vierzehn Punkten für In der Sache J. Robert Oppenheimer von Heinar Kipphardt - ich konnte einfach nicht verstehen, dass ich diesmal irgendwas verstanden zu haben schien. Und ich weiß noch genau, wie ich mich geschämt habe dafür, und wie ich versucht habe, das in der Klasse geheim zu halten. Aber Krüger spornte mich an.
Und dann kam der Mut. Dann kam der Ehrgeiz. Dann wollte ich es wissen. Und so schrieb ich dann ausgerechnet über Büchners Woyzeck (der Kurs hat geflucht, wie unverständlich das sei) meine erste Deutschklausur mit fünfzehn Punkten. Von da an wurde ich mir meines Potentials bewusst, und auf diese Weise habe ich am eigenen Leib erfahren dürfen, wie es ist, sich vom Underachiever weiterzuentwickeln, und ich habe selbst erleben dürfen, wie wichtig dabei die Mithilfe der Lehrkräfte ist.
Deshalb, liebe Kollegen und Kolleginnen: Wenn Ihr einen Verdacht auf einen hochbegabten Underachiever habt, dann macht ihm Mut! Motiviert ihn, seine Gedanken zu äußern, macht ihm klar, dass er sich dafür nicht schämen muss. Und wenn er einmal eine tolle Leistung abliefert, dann lobt ihn bitte! Nehmt es nicht als selbstverständlich hin - "Na siehste, ich wusste es doch." - sondern macht ihm klar, dass er etwas Besonderes vollbracht hat. Denn es gibt viele Hochbegabte, die nicht von allein, nicht von sich aus ihr Potential abrufen (können).
Sie brauchen Eure Unterstützung.
Freitag, 20. April 2018
Pädagogikexamen
| Prüfungszwirn - zumindest im Ansatz - an einem Tag, der mir in Erinnerung geblieben ist. |
Noch nicht wieder vollkommen fit. Auch wenn das Wetter perfekt ist und der Tag eine kaum steigerbare Hintergrundkulisse für einen Parkbesuch gewesen wäre, mein Kreislauf hätte vermutlich irgendwann abgeschaltet; ich bin also zuhause geblieben. Aber auch in Ordnung - denn der Tagesverlauf hat mich an eine kleine Geschichte erinnert.
Es war der Sommer Zweitausendelf...
...und es war richtig heiß. Trotzdem hatte ich ausschließlich schwarze Kleidung an, die die Sonnenstrahlen natürlich in zusätzliche Wärme für den Körper umgewandelt hat. Aber schwarz musste es sein, mit einem Hauch von Eleganz, es war nämlich der Tag meiner mündlichen Examensprüfung in Pädagogik. Bei Prof. Dr. Heidrun Allert. Eine Dozentin, bei der ich keine einzige Lehrveranstaltung besucht hatte, aber ich brauchte irgendjemanden, der mein Examen in Pädagogik abnehmen konnte.
Natürlich hätte ich mich auf sie vorbereiten können. Schauen, wo ihre Schwerpunkte liegen, einen Kurs bei ihr besuchen, vielleicht in ihr Kolloquium gehen. Aber nein, der Hochbegabte denkt natürlich wieder, dass er auch das ganz allein schaffen muss. Also stelle ich mich my way auf die Prüfungsthemen Soziale Netzwerke und Humanistische Pädagogik ein. Letzteres Thema mit Schwerpunkt Transaktionsanalyse. Da wusste ich noch nicht, dass ich Pädagogik toll finde, und da wusste ich auch noch nicht, dass ich instinktiv nach der humanistischen Pädagogik handele. Und so saßen wir dann zu dritt dort, Frau Allert, der Beisitzer aus dem Ministerium und Dr Hilarius, der versucht, so zu wirken, als verstünde er etwas von Pädagogik.
Eigentlich geht es mir heute gar nicht um die Prüfung. Es geht mir um die Bewertung, genauer: Um eine Formulierung, die ich seit Jahren nicht aus dem Kopf bekomme. Nach dreißig Minuten Prüfung habe ich etwa fünfzehn Minuten gewartet, bis das Ergebnis feststand, und dann sagt mir der Herr aus dem Ministerium: "Dr Hilarius, über die Bewertung der Prüfung waren wir uns eigentlich sofort einig. Wir haben uns vielmehr gefragt, warum sie nicht im Fernsehen arbeiten."
Das hat mir die Wahrnehmung meines mündlichen Examens gerettet, aber vor allem war es eine Rückmeldung, die ich schon so oft bekommen habe. Auch meine damalige Schulleiterin, die mir im Ref-Gutachten Unwahrheiten in den ersten Entwurf des Gutachtens geschrieben hat, schrieb über meine schauspielerische Ader. Das schien wohl keine Unwahrheit zu sein.
Und tatsächlich denke ich oft darüber nach, sehr oft. Wie mein Leben wohl wäre, wenn ich zum Film ginge. Ob ich überhaupt eine Chance hätte. Ob ich vielleicht die Rampensau in mir hemmungslos rauslassen könnte. Und da hilft es auch nicht gerade, dass die Jobsituation für Lehrer eher mittelmäßig ist und ich nicht gerade ein attraktiver Bewerber an Schulen bin. Immer wieder habe ich Momente, in denen ich mich frage, warum ich es nicht einfach versucht habe. Warum ich es nicht einfach versuche. Ob das die richtige Sparte für mich wäre?
Aber beim Meditieren kommen so viele Gedanken, die dagegen sprechen. Ich hätte Angst, die Sannitanic und die große Buba zu verlieren. Ich hätte Angst, nicht mehr mein Leben selbst in der Hand zu haben. Ich hätte Angst, dass viel mehr Menschen bestimmte Erwartungen an mich setzen würden als jetzt; Erwartungen, die ich enttäuschen könnte - eine Angst, die es mir nicht leicht macht, das Leben zu genießen.
Die große Buba hatte mir vor einigen Monaten, als ich ihr mal wieder von meinem Faible für Stummfilme vorgeschwärmt habe, den recht neuen Film The Artist (2011) empfohlen. Habe ich mir aufgeschrieben, aber natürlich wieder ewig gewartet bis zur Umsetzung des Tipps. Heute war es dann soweit und ich freue mich, dass ich einen tollen Stummfilm über Stummfilme genießen durfte. Und ich musste mich wieder an die Pädagogikprüfung erinnern und an diese Frage, die ich im Studium wieder und wieder gehört habe.
"Warum sind sie nicht Schauspieler geworden?"
Donnerstag, 19. April 2018
Fünfzehn Punkte. Fünfzig Grad.
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| Langsam wird es Zeit für Unterricht draußen! |
Die erste Schulwoche ist fast vorbei und ich hoffe, dass alle Kollegen gut gestartet sind - in die Woche der Sprechprüfungen für das Abitur in Englisch. Diese Prüfungen sind ein neuer Triumph in der Gleichschaltung des Abiturs, vermutlich mit dem Ziel der Vergleichbarkeit der Abiturergebnisse an den unterschiedlichen Schulen. Fühlt sich nur irgendwie für den Prüfer komisch an, der keine Miene verziehen darf, keine eigenen Sprechimpulse geben darf, jeglichen Hauch von Menschlichkeit abzulegen hat. Versteht sich von selbst, dass man die Schüler im Unterricht auf diese Prüfungssituation vorbereitet; schließlich sollen sie alle Prüfungsteile selbst moderieren, strukturieren, vortragen. Und das klappt mal mehr, mal weniger gut.
Ich erinnere mich noch an mündliche Englischprüfungen als Teil des ESA - Hauptschulabschluss. Und die Angst, dass die Schüler so unfit in der englischen Sprache sein könnten, dass man dort betreten schweigend sitzt und selbst die erlaubten Gesprächsimpulse nichts bewirken. Das sind dann die Situationen, in denen mir für gewöhnlich auch noch der Magen knurrt. Peinlich... wobei, solche Situationen können auch hervorragend im Abitur auftreten. She don't ist ein Klassiker, und als Lehrer muss man sich zurückhalten. Solche Schnitzer wandern ausschließlich in's Protokoll, und dann kommt der Zeitdruck.
Zeitdruck Eins besteht darin, jeden Schüler nach etwa vier Minuten abzuwürgen und zum nächsten Aufgabenteil zu lenken, egal, wie gut die Diskussion gerade laufen mag. Und Zeitdruck Zwei besteht darin, nach der Prüfung innerhalb von zehn bis maximal fünfzehn Minuten zur Notengebung zu gelangen. Gerade wenn man zum ersten Mal eine Abiprüfung abnimmt, fällt es einem womöglich noch nicht so leicht, einen Notenbereich vorzuschlagen. Deswegen ist es sicherlich gut, wenn man nicht in's kalte Wasser geworfen wird, sondern mit einem erfahrenen Kollegen zusammenarbeiten kann.
Sag' ausgerechnet ich, der nicht gut mit Anderen zusammenarbeiten kann...
Aber, und das sollte hier nicht verschwiegen werden, es kommen auch immer wieder ein paar richtig gute Prüfungen, die im Einserbereich anzusiedeln sind. Und da ist es ein richtiger Genuss, sich als Englischlehrer einfach zurückzulehnen und zu grinsen. Ich hoffe, dass es auch in den Klausuren solche lichten Momente geben wird, dann macht auch die Zweitkorrektur Spaß.
Passend dazu wird es warm draußen. Und heiß hier drinnen. Das ist mal wieder typisch: Kaum wird es Sommer, haut es mich erstmal aus den Latschen, und so habe ich mit Brummschädel, verstopfter Nase und "interessantem" Kreislauf flachgelegen. Vielleicht kommt dazu, dass ich an den ersten Schultagen gedanklich so eingebunden war, dass ich mal wieder das Essen und Trinken vergessen habe. Ich muss mir wieder die Schilder in der Wohnung aufhängen, die mich daran erinnern. Dass ich wieder mehrere Tage nichts im Blog gepostet habe, ist ebenfalls ein Symptom der geistigen Auslastung.
Ich liebe den Frühling und den Sommer, ich liebe die Sonne, ich liebe die Wärme, und ich habe kein Problem damit, wenn es in der Wohnung heiß wird. Einer der Gründe, warum ich immer noch in dieser Wohnung bin.
Ich hoffe, dass ich morgen fitter als heute bin, denn ich würde den Tag gern im Freizeitpark verbringen. Mit dem Kreislauf von heute wird das allerdings nichts; ich lasse mich überraschen.
Samstag, 14. April 2018
Make it a great day!
| Time for some adventure! ...hoffentlich bald wieder ;-) |
Vor ein paar Jahren bin ich zum ersten Mal in die USA geflogen. Ich hätte dort Vieles machen können, aber ich wollte eigentlich nur einen Freizeitpark besuchen. Die Reise habe ich lange und detailliert durchgeplant, und ich hatte auch ein bisschen Angst davor, denn das war etwas komplett Neues. Ja, ich war vorher auch schon einmal geflogen, vor elf Jahren zur Exkursion nach Griechenland. Aber diesmal war ich ganz allein in einer anderen Welt. Und ich erinnere mich noch sehr gut an einen Satz aus einer Mail, und zwar hatte ich wegen diverser Fragen an den Park geschrieben und hatte auch eine Antwort bekommen, die mit folgendem Satz endete:
"Make it a great day here at Kings Island!"
Das ist natürlich eine Standardphrase, eigentlich nichts Besonderes, aber sie hat bei mir damals einen Nerv getroffen - sonst würde ich mich wohl kaum Jahre danach noch daran erinnern und einen Artikel dazu schreiben. Denn dieser Satz hat mir vor Augen geführt, dass ich es selbst in der Hand habe, wie mein Tag im Park wird. Ich selbst kann daraus einen fantastischen, unvergesslichen Tag machen.
"Klingt ja schön und gut, aber stell' dir vor, es regnet, dein Portemonnaie wird geklaut, du hast einen Kreislaufzusammenbruch... das sind alles Dinge, die du nicht in der Hand hast, und dann klingt das Make it a great day! nicht mehr ganz so einfach." - Das ist vollkommen richtig. Es ist wahrlich schwer, einen Tag im Freizeitpark zu einem großartigen Tag zu machen, wenn er von Unwägbarkeiten beherrscht wird. Der Wagen springt nicht an. Das Getränk im Rucksack ist ausgelaufen. Und dann zieht auch noch Regen auf! Aber, wie ich hier im Blog mittlerweile schon mehrmals erzählt habe, helfen mir die buddhistischen Lehren, mit diesen Unwägbarkeiten umzugehen. Kopftechnisch. Denn unser Empfinden eines Tages wird durch unser Gehirn gesteuert. Und deswegen trainiere ich immer weiter, um den Dingen Positives abzugewinnen.
Natürlich habe ich großartige Tage in den USA verbracht, und diese Mail hatte mir richtig Laune darauf gemacht. Man kann nun von der Sache abstrahieren, indem man nicht nur sagt, dass ich mein Empfinden eines Tages selbst in der Hand habe, sondern dass ich mein ganzes Leben selbst in der Hand habe. Natürlich gibt es auch hier wieder die Unwägbarkeiten: Arbeitslosigkeit, Schulden, Krankheit, Unfall. Aber der Grundgedanke ist immer präsent: Ich habe mein Leben selbst in der Hand und muss mich von niemandem steuern lassen. Im grauen Alltag vergesse ich das manchmal wieder, und dann sind solche kathartischen Momente sehr hilfreich.
Es gibt diverse Medien, Bücher, Videospiele und Filme, die sich genau mit diesem Topos auseinandersetzen. Das scheint ganz beliebt zu sein. In Matrix (1999) lernt ein Hacker, die Welt nach seinen Vorstellungen auszugestalten. In Dark City (1998) macht der Held das dann auch.
Kennt Ihr das Gefühl? Diese Momente, in denen man sich endlich wieder bewusst wird, dass man sein Leben selbst kontrollieren kann? Ich hatte gerade erst über Momente geschrieben, in denen wir klarer sehen können; die Buddhisten nennen das Bodhichitta.
Nicht falsch verstehen: Natürlich gibt es auch nach dieser Einsicht noch die Unwägbarkeiten. Gab es immer, wird es immer geben. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Und nicht immer sind es andere Menschen, die uns zu kontrollieren scheinen; hin und wieder kann es unglaublich befreiend sein, die eigens auferlegten Fesseln abzuschütteln. Diesen Topos fand ich im Film Cloud Atlas (2012) sehr gut dargestellt.
Ich habe darüber schon einmal geschrieben, warum also dieser Beitrag? Weil ich mich selbst regelmäßig wieder daran erinnern muss. Und weil ich vor ein paar Tagen Dark City (mittlerweile dreimal) gesehen habe, der mich stark beeindruckt hat (findet sich bei mir im Kopf neben Suspiria, Cloud Atlas und Mulholland Drive wieder).
Also, liebe Kollegen, wenn übermorgen die Schule wieder beginnt: Ihr habt es in der Hand, wie Ihr die Tage erlebt!
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