Samstag, 4. Juni 2016

Gegenwind und Rückenwind


Ich ertappe mich dabei, wie ich diesen Beitrag beginnen wollte mit "Wenn man..." und wieder zur Verallgemeinerung und Pauschalisierung zu neigen drohte. Ich ändere die Perspektive wieder in die erste Person ab. So habe ich es erlebt, so ist meine Wahrnehmung, kann sein, dass die nicht der Realität entspricht, kann auch sein, dass ich der Einzige bin, der es so erlebt. Also den Inhalt mit Vorsicht genießen.

Wenn ich Menschen erkläre, dass ich ein eher unkonventioneller Lehrer bin, sowohl hinsichtlich meiner Persönlichkeit als auch meiner Methoden, dann schallt mir oft ein "Naja, was ist schon normal?" entgegen - sicherlich nicht als Angriff auf meine Aussage gedacht, sondern um mir das Gefühl zu geben, dass ich gar nicht so anders bin. Um diese positive Geste zu unterstreichen, wird die Reaktion meines Gegenübers oft von einem Lächeln und von Aufgeschlossenheit begleitet: Ich möge doch einfach mal erzählen, was ich denn so anders mache.

Da wäre zum Beispiel, dass ich mich dem Spruch "Pädagogik vom Kinde aus" verschrieben habe. "Naja, das machen wir doch alle so, anders wäre ja auch eine sehr lehrerunwürdige Haltung" tönt es mir dann entgegen. Klingt gut. Also gehe ich in die Details von Lernstandserhebung, Wünschen und Erwartungen an den Kurs seitens der Schüler, "abholen, wo sie stehen", inhaltliche Orientierung an den Interessen der Schüler, ein offenes Ohr für eventuelle bisherige Probleme mit dem Unterricht. Ich komme dann mit meinem Unterrichtsziel, das eben nicht darin besteht, das Lehrbuch durchzuunterrichten, sondern dass die Schüler reicher aus dem Unterricht gehen, als sie gekommen sind, und dass sie auch beim nächsten Mal wieder gern in die Stunde kommen.

Spätestens an dieser Stelle baut sich häufig eine leichte Distanz zwischen mir und dem Gegenüber auf. "Wie, aber Du musst doch mit dem Buch durchkommen!" - "Also bei mir steht die Stoffprogression an oberster Stelle!" - "Aber dann lernen die Schüler doch nichts!"

Und dann gehe ich in die nächste Runde, erzähle von ganzheitlichen Ritualen im Unterricht. Meditation vor einer Klausur. Theaterspiele abseits vom Rollenspielstandard zur Veranschaulichung und Greifbarmachung von Inhalten. Über das Wochenende erzählen.

Die Distanz wird jetzt greifbar. "Wir sind hier doch nicht auf einer Gemeinschaftsschule!" - "Das hier ist ein Gymnasium, hier muss ich erwarten können, dass die Stoffvermittlung oberstes Gebot darstellt." - "Du kannst doch keine Kaffeekränzchen im Unterricht abhalten!" - "Eine Gedankenreise? Die Schüler sollen arbeiten und nicht schlafen!"

So entsteht mir aus dem schulischen Apparat ein Gegenwind, der manchmal unerträglich stark ist. Hin und wieder fällt es mir schwer, bei meinen Überzeugungen zu bleiben. Und angesichts der Reaktionen frage ich mich, wie viel von den oben genannten Beteuerungen der Kollegen lediglich Lippenbekenntnisse sind.

Das können auch ganz kollegiale Reaktionen sein; ich: "Habt ihr schonmal überlegt, dass der Schüler hochbegabt ist und euch deswegen die Wände hochgeht?" - "Wie? Also darauf wäre ich jetzt als Letztes gekommen." - "Also, alles, aber das kann ich mir absolut nicht vorstellen." Ein ganzes Kollegium, eine ganze Eltern-/Erzieherschaft. Das macht es mir manchmal schwierig, bei meinen Überzeugungen zu bleiben.

Das wären also ganz unterschiedliche Formen von Gegenwind. Das heißt nicht, dass es keine Kollegen gibt, die nicht ehrlich aufgeschlossen sind. Es gibt sie, immer mal wieder, und sie stehen hinter mir, auch wenn es ihnen manchmal nicht leicht fällt. Das wäre dann eine Form von Rückenwind.

Die andere Form aber. Sie wird mir zum Glück auch zuteil. Manchmal dauert es länger, manchmal ist es schon nach fünf Wochen so weit. Das Feedback außerhalb des schulischen Apparates. Da spricht mich eine Mutter an und sagt, nachdem wir uns unkompliziert und schnell auf das "du" geeinigt haben: "Ich wollte mich bei dir einmal bedanken. Du hast uns geholfen, unserer ganzen Familie. Wir können endlich wieder einmal durchatmen, mein Kind ist seit ein paar Wochen endlich wieder ausgeglichen. Ich weiß nicht, wie genau du das machst, ich weiß nur, ich wünschte, du könntest bleiben."

Es gibt für mich kein schöneres Lob als Lehrer. Von Schülern bekomme ich immer wieder das Feedback, dass der Unterricht ganz gut läuft, dass man was lernt, ich trau dem immer nicht so recht, weil ich mich nicht für so gut halte: Bei den Kollegen lernen die Schüler mehr, denn die kommen immerhin mit dem Buch durch. Wenn ich mich aber mit einer jahrzehntelangen Erzieherin intensiv über pädagogisches Arbeiten unterhalte und sie nach zwei Stunden zu ihren Schützlingen sagt, dass das ein tolles Gespräch war; wenn ich von einer Mutter eben beschriebenes Feedback bekomme; wenn ich spüre, dass ich im Leben eines Schülers oder vielleicht sogar einer ganzen Familie etwas Positives bewirkt habe ("Sie tun unseren Kindern so gut! Es ist schade, dass sie gehen.") - ich hatte hier einmal etwas geschrieben zum Thema Fußspuren hinterlassen.

Dann bin ich richtig glücklich. Dann wiegt dieser Rückenwind alles auf, was ich mir immer wieder anhören muss, besonders von einem Kollegium, das so eine Art zu arbeiten nicht immer kennt und erst kennenlernen muss, um sie zu akzeptieren.

Und deswegen mache ich genau so weiter, auch wenn weiterhin weder Vertretung noch Planstelle in Aussicht stehen.

post scriptum: Ich habe da eine gewisse Tortenklatscherin ("Klahtsch und Plahtsch"), die diese PSs liebt. Also hier noch eins - dieser Artikel liest sich wie ekelhafte, arrogante Selbstbeweihräucherung. Naja. Ihr müsst ihn ja nicht lesen ;-)

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