Samstag, 5. August 2023

Tag 5 - Macarons


Wer das Leben nicht genießen kann, der macht etwas falsch.

Heute scheint endlich mal wieder die Sonne, das hebt gleich die Stimmung und macht Lust auf Macarons (warum auch immer). Ich habe hier im Blog schon einmal darüber geschrieben, wie sehr ich gute Confiserieware zu schätzen weiß, und die französischen Macarons sind ein Hybrid aus Gebäck und Trüffelpraline, zwei Mandelbaiserhälften gefüllt mit einer Ganache, ein Genuss für mehrere Sinne. Seit einem Jahr bin ich Fan.

Da wäre zunächst einmal die Optik. Gute Macarons leuchten, der Mandelbaiser hat keine Bruchstellen, die Oberfläche ist glatt und ebenmäßig, der Rand aufgebacken, die Farbe ist gleichmäßig. Kunterbunt, je nach Geschmacksrichtung, und die Farbe der Ganache passt zum Baiser.

Gute Macarons haben einen intensiven Duft nach Mandel, einfach mal die Augen schließen und genussvoll daran schnuppern.

Vor dem Geschmack kommt der Tastsinn: Macarons sind ganz leicht und zerbrechlich, sie landen in einem Haps im Mund und bei'm Zubeißen fallen die Baiserhälften in sich zusammen. Ich liebe das Gefühl; es gibt Varianten, bei denen der Baiser einen höheren Anteil Mandelmehl hat und die sagen mir überhaupt nicht zu. Da kann man auch einfach einen Keks essen.

Die Kür liegt natürlich im Geschmack. Macarons sind süß - wer das nicht mag, ist fehl am Platz. Die genaue Geschmacksrichtung ergibt sich aus der Ganache. Sie ist cremig, nicht zu intensiv. Hier zeigen sich deutlichere Unterschiede, und da kommen wir auf das Bild oben zu sprechen.

Macarons sind sehr aufwändig per Hand herzustellen und das hat seinen Preis. Ein richtig guter Macaron darf gern einen Euro oder mehr kosten. Wer sie einfach nur mal probieren möchte, um zu wissen, wie das ist, dem kann ich die ALDI-Macarons (im Frischeregal) an's Herz legen. Die sind nicht sehr gut - oft hat man Bruchstellen dabei, und die Ganache ist je nach Sorte viel zu intensiv. Dafür kosten zwölf Stück nur vier Euro, ein gutes Preis-Leistungsverhältnis als Probierangebot.

Die große Buba, wenn Du magst, kannst Du nachher einen Schoko-Macaron probieren. Wenn nicht, kein Problem, mehr für mich ;-)

Freitag, 4. August 2023

Tag 4 - Tonglen


Vor Kurzem erreichte mich eine Mail, die mich sehr berührt und mir Kraft gegeben hat:

Hey,
vielen Dank erstmal, dass ich dich hier erreichen kann. Ich hoffe, du kannst dich noch an mich erinnern. Ich will mich hier für deinen Blog bedanken. Nachdem du das BBZ Plön verlassen hast, habe ich die WKA- Unterstufe wiederholt. Ich habe es geschafft Spanisch zu meistern. Doch dann musste ich die Oberstufe wiederholen, so wie viele Schüler, die "einen gewissen Lehrer" im Unterricht aushalten müssen.
In den zwei Jahren in der Oberstufe ging es mir oft sehr schlecht, weil ich mich wegen Rechnungswesen schlecht und dumm fühlte. Ich spielte sehr oft mit dem Gedanken, ob ich die Schule abbrechen sollte. Auch konnte ich abends oft nicht einschlafen, weil ich große Selbstzweifel & Zukunftsängste hatte. Doch dein Blog gab mir den Mut weiterzumachen. Zu sehen, dass auch andere Menschen manchmal mit dem Leben struggeln und trotzdem kämpfen, hat mir sehr geholfen. Und ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn du über positive Dinge geschrieben hast, die dir passiert sind.
Nachdem ich mich durch "des Lehrers" Unterricht durchgebissen habe, habe ich mich dazu entschieden ein weiteres Jahr für das Wirtschaftsabi zu absolvieren. Diesen Abschluss habe ich vor einem Monat erhalten und das sogar mit guten Noten. Ich starte nächsten Dienstag meine Ausbildung zum Steuerfachangestellten bei SHBB und mein Ziel wird es sein, dass ich mich nach der Ausbildung zum Steuerberater weiterbilden werde.
Nochmal: Vielen Dank für deinen Blog. Ohne ihn bzw dich hätte ich definitiv nicht die Ausdauer dafür gefunden meinen Weg bis hierhin zu gehen.
 
Mit freundlichen Grüßen,
JB

Ich musste eine Weile überlegen, aber dann hatte ich JB wieder vor Augen, und mir ist das Herz aufgegangen. Es gibt immer wieder Nörgler, die von meinen Problemen nichts wissen wollen (wobei ich mich dann frage, warum sie diesen Blog überhaupt lesen), aber ich möchte diesen Blog authentisch halten und das reale Leben da draußen, gerade der erste Arbeitsmarkt, sieht für einen Autisten nicht gut aus. 

Auch wenn ich mich manchmal so fühle, als sei ich mit manchen Problemen allein auf der Welt - dem ist nicht so. Es ist genau, wie JB geschrieben hat: Auch andere Menschen müssen kämpfen, können fallen, aber auch wieder aufstehen und weiterkämpfen.

Diese Erkenntnis ist die Grundlage für die Meditationstechnik Tonglen, über die ich hier schon einmal geschrieben hatte. Man konzentriert sich während der Meditation intensiv auf alle Menschen, die das gleiche - oder ähnliche - Probleme haben wie man selbst. Bei'm Einatmen nimmt man mit dem Atem alle Probleme dieser Menschen in sich auf und atmet dann im Gegenzug etwas Gutes aus. Etwas, was diesen anderen Menschen gut tun könnte. Auf diese Weise wird nicht nur Altruismus trainiert, sondern auch das eigene Leid genau dadurch gelindert, dass man sich bewusst macht, dass man mit seinem Problem nicht allein ist.

Genau diesen Effekt hat mein Blog also auf JB gehabt, und das freut mich riesig und zeigt mir, dass ich weitermachen muss, egal, wie hart die Umstände gerade sein mögen.

Danke, JB, für Deine Nachricht!

post scriptum: Und die Zeit am BBZ Plön war auch für mich als Lehrkraft alles Andere als schön, nicht nur aufgrund "eines gewissen Lehrers", sondern weil man mich durch eine neurotypische Lehrkraft ausgetauscht hat.

Donnerstag, 3. August 2023

Tag 3 - WIDERSPRUCH!

Die perfekte Geisteshaltung für den Umgang mit Behörden. Schlonz ist hier der Hauptdarsteller!

"Dickschwartig sein."

Das ist eine der Lehren, die meine Mutter mir schon frühzeitig auf den Weg mitgegeben hat. Gerade bei Angelegenheiten, die mit Behörden zu tun haben, solle ich den Menschen immer auf die Füße und in den Arsch treten, damit sie ihre Aufgaben machen. Ich habe mich selten daran gehalten, weil ich in der Hinsicht eher der ruhige Typ bin. Nicht erst seit dem Buddhismus; ich komme da nach meinem Vater. Immer ruhig bleiben (wenn es nicht gerade zum Meltdown kommt).

Leider hatte meine Mutter damit immer Recht. Das Landesamt für soziale Dienste in Neumünster hat mein Vertrauen in den letzten dreizehn Monaten verspielt. Nicht nur, dass sie meinen Antrag haben vergammeln lassen - obwohl es hieß "Bitte erkundigen Sie sich nicht nach dem Bearbeitungsstand ihres Antrags. Wir werden uns bei Ihnen melden, wenn noch Dokumente fehlen oder ein Arzt nicht reagiert".

Meine Hausarztpraxis hat, warum auch immer, elf Monate lang nicht reagiert - und das Amt auch nicht. Ich finde sowas zum Kotzen, ich kann damit nicht umgehen, wenn ich genaue Anweisungen bekomme, aber Andere sich nicht an ihre Anweisungen halten. Mein Gehirn versteht das nicht und fragt sich dann, wo denn genau die Grenze ist, an der Fehlverhalten okay ist und wo nicht.

Und dann kam der Bescheid, über den ich hier ein wenig enttäuscht geschrieben hatte. Mittlerweile habe ich von fünf unterschiedlichen Seiten den Hinweis bekommen, umgehend Widerspruch einzulegen, von Schulelternseite, Kollegenseite, Familienseite, Freundesseite - das Tröpchen, was das Fass dann zum Überlaufen gebracht hat, war der Hinweis meines Psychiaters: Der Entscheid sei leider nicht sehr überraschend, da man auf solche Anträge oftmals erstmal mit einer Ablehnung reagiere und erst bei Widerspruch eine genauere Untersuchung stattfinde. Das hat sich gedeckt mit der Einschätzung einer befreundeten Kollegin, also habe ich mir das zu Herzen genommen.

Again, zum Kotzen! Also: Dickschwartig sein, Öl herausholen, damit alles an mir abprallt (Copyright Mama), und einen Widerspruch einreichen. Per Einschreiben mit Rückschein natürlich, genau wie damals bei Antragsstellung, weil ich diesem Amt nicht mehr vertraue und der Widerspruch fristgerecht innerhalb von vier Wochen eingereicht sein muss. Nun ist der Brief abgeschickt, und sobald mein Psychiater aus der Sommerpause zurück ist, geht es an eine, wie hatte er das genannt... eine "fachärztliche medizinische Widerspruchsbegründung". Wunderbar!

Und falls dieses komische Amt noch ein paar von den "leichten sozialen Anpassungsschwierigkeiten" haben möchte, liegt in meinem Kopf ein ganzer Katalog davon bereit, nicht zuletzt die Probleme bei der Jobsuche (beziehungsweise den Job zu behalten) und die Tatsache, dass ich nicht zum Arzt gehe, wenn etwas ist, das eigentlich dringend ist - siehe Fingergeschichte damals (süß, wie ich das alles damals noch auf die Hochbegabung geschoben hatte).

Irgendwann werde ich dieses ganze Bürokratiergehege zusammen mit der großen Buba einreißen und plattrollen!

Mittwoch, 2. August 2023

Tag 2 - Anträge, Anträge...


Das ging ja schon mal gut los, eigentlich wollte ich um acht Uhr aufstehen, damit ich schon vor Mittag ordentlich was schaffen kann. Hab' aber vergessen, mir den Wecker zu stellen. Zum Glück hat mich dann der Postbote um kurz nach neun aus dem Bett geklingelt und es konnte losgehen.

Ich bin kein Fan von Anträgen. Im Studium der BAFöG-Kram, der Antrag auf Feststellung der Behinderung, und dieser ganze Kram ist immer ein Riesenhaufen Papier. Deswegen stellen viele Verwaltungen auf online um.

Erster Antrag heute war natürlich der für das Arbeitslosengeld I. Und mit Hilfe des Accounts bei der Agentur für Arbeit ging das relativ schnell, denn da waren schon die letzten beiden Anträge aus den vergangenen Jahren gespeichert und die Basisdaten konnten übernommen werden. "Toll, sie waren jetzt schon so oft arbeitslos, da geht das alles fast wie von allein!"

Ging wirklich schnell. Angst gemacht hat mir aber die Arbeitgeberbescheinigung über die letzten zwölf Monate Arbeit. Wer ist mein Arbeitgeber? Ich hatte genau dieses Problem vor vier Jahren, weil das Dienstleistungszentrum Personal SH einen Teil der Bescheinigung ausfüllen musste und das Bildungsministerium den Rest. Die haben sich da gegenseitig die Verantwortungen zugeschoben und es hat mehrere Wochen gedauert, diese Bescheinigung zu bekommen, so dass mein erstes Arbeitslosengeld erst mit Verspätung ausgezahlt werden konnte. Mal schauen, ob das diesmal wieder so ist.

Der Antrag auf Gleichstellung mit Schwerbehinderten war da schon etwas schwieriger. Fast dreimal so viele Seiten wie bei'm vorherigen Antrag, aber zum Glück konnten viele der sechsundneunzig Informationen, die da abgefragt werden, übersprungen werden, weil ich derzeit arbeitlos bin. Und dann muss man natürlich auch eine Begründung dafür schreiben, warum man diese Gleichstellung braucht. Ich habe mir da etwas aus den Fingern gesogen, aber einfacher wäre es natürlich, auf GdB fünfzig hochgestuft zu werden. Das muss bis nach den Sommerferien warten. Ich habe überhaupt keine Ahnung, ob ich den Antrag richtig ausgefüllt habe.

Und dann habe ich tatsächlich zehn Minuten lang die Schaltfläche "absenden" gesucht, weil man diesen Antrag ja auch online stellen konnte und ich das gemacht habe. Was mir nicht bewusst war: Wenn ich auf "Antrag online stellen" klicke, geht ein neues Fenster mit einem Blanko-Antrag als PDF auf, den ich komplett ausfüllen, dann erstmal auf meinem Rechner zwischenspeichern und dann extra wieder hochladen musste.

Ich hasse Bürokratie.

Dienstag, 1. August 2023

Neustart: Tag 1 - Arbeitslos


vorweg: JB, ich habe Deine Mail bekommen, gib' mir noch einen oder zwei Tage!

Ich dachte tatsächlich, ich würde heute mehrere wichtige Dinge erledigen können, aber ich habe mal wieder meine Behinderung unterschätzt, und die Modernisierung der Behörden. Immerhin habe ich heute die persönliche Arbeitslosmeldung geschafft. Ich meine mich zu erinnern, dass ich letztesmal noch den Antrag auf Arbeitslosengeld I in Papierform dort abgeben konnte - geht nicht mehr. Ich habe jetzt Papierkram mitbekommen, morgen geht es an's Online-Bürokratiergehege.

Ich versuche einfach mal, jeden Tag eine wichtige Sache zu schaffen. Heute gibt es nicht mehr zu erzählen, obwohl das alles viel zu aufregend ist und ich meine Gedanken gern direkt auf Papier bannen würde. 

Und dazu kommt noch das Beben - es fahren immer wieder schwere Kräne über die Kreuzung unten und bringen das Haus zum Wackeln - sieht man an den Rissen in der Tapete, die bei Einzug vor acht Jahren noch nicht dort waren. Heute liegt es aber an der großen Buba, die endlich in die Weltraumbasis einrollt. Wir haben so viele neue Nachbarn in den letzten Monaten bekommen - hätte ich sie vorwarnen sollen? Obwohl, wenn der Boden bis jetzt noch nicht durchgekracht ist, dann wird er auch diese Sommerferien überstehen. Ich freue mich auch darauf, nach längerer Zeit mal wieder Dark zu schauen, eine der besten Science Fiction-Serien, die Netflix zu bieten hat.

Kenn jetzt alles losgehen!

Donnerstag, 27. Juli 2023

Eine Geschichte von Fairness


vorweg: Der Text ist authentisch, manche Namen sind geändert.

Lieber Herr Kanter,

Ihre Mail erreichte mich am Samstag wie eine Insel im Meer eines Ertrinkenden. Sie hat mir viel Kraft gegeben und die Möglichkeit, meine Gedanken wieder zu fokussieren – einen klaren Kopf zu bekommen. Das ist für Autisten nicht immer leicht, angesichts des Chaos, das in der Welt da draußen herrscht.

Ich möchte mich vorweg für eine möglicherweise lange Mail entschuldigen – aber Sie haben gefragt, ob Sie irgendetwas tun können, wenn ich es denn wollte. Ja, ich will, ich möchte nichts so sehr, wie an der Toni bleiben zu können. Ich habe bisher an sieben Schulen gearbeitet, und die Chemie – Sie nennen es Puzzle-Passung – war nur ein einziges Mal so gut wie an dieser Schule. Ich weiß nicht, was man tun kann. Ich bin geistig behindert und in dieser Situation vollkommen hilflos. Was ich aber machen kann, ist, Ihnen ein wenig Hintergrundwissen zu meiner Lage zu geben. Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen – ich schreibe gern, deswegen führe ich einen Blog. Ich nenne sie „Eine Geschichte von Fairness“, und sie beginnt mit Ihrem Sohn Steffen.

Ich weiß nicht, ob er Ihnen das erzählt hat; relativ früh im Schuljahr hatte ich den SchülerInnen eine benotete Textproduktion aufgegeben, quasi als Lernstandserhebung. Steffens Text las sich richtig gut – fast, als wäre er aus dem Internet kopiert worden. Ich habe den Text mit einer Sechs bewertet und Steffen einen kleinen Einlauf dazugeschrieben. Es ging in die Richtung, dass er seinen ersten Eindruck bei mir damit versaut hat. Aber wir waren alle mal Jugendliche, und deswegen habe ich ihm dazugeschrieben, dass der Text zwar null Punkte bekommt, dass dann aber Schwamm drüber ist, wenn er die Chance nutzt und sich im Unterricht ehrlich anstrengt und mir zeigt, dass das ein Kavaliersdelikt war.

Ich habe in über zehn Jahren Tätigkeit keinen Schüler erlebt, der sich das so zu Herzen genommen hätte. Steffen hat sich im Unterricht aktiv beteiligt, gemeldet, wann immer möglich. Im Laufe des Schuljahres ist er er auch mal nach der Stunde zu mir gekommen und hat ein bisschen erzählt, auch auf Englisch, und ist richtig aus sich herausgekommen.

Für mich ist das eine Selbstverständlichkeit, Menschen nicht nach dem ersten Eindruck zu verurteilen und jedem eine weitere Chance zu geben. Das bedeutet es für mich, fair zu sein. Das ist für mich normal. Ich lebe nach buddhistischen Denkweisen, und da sind Freundlichkeit und Mitgefühl nur zwei der Grundsätze, die das Denken und Handeln beeinflussen.

Ich habe mein Leben lang so gelebt – ich habe im Studium versucht, hilfsbereit zu sein, wann immer ich konnte. Ich habe Latein und Englisch studiert; damals vor zwanzig Jahren hieß es noch „Mit Latein kannst du dir nachher deine Schule aussuchen“. Ich bin Autist, ich nehme das wörtlich, was Menschen sagen, also war ich davon ausgegangen, dass das stimmt. Meine Vertrauenslehrerin in der Oberstufe hat mir erzählt, dass es sich auch gut im Lebenslauf macht, wenn man sich an der Uni einsetzt, über Nebenjobs oder Ehrenämter. Auch das habe ich wörtlich genommen. Ich dachte, ein guter Lebenslauf hat einen Wert.

Ich wurde wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Klassische Altertumskunde der CAU Kiel und hatte dort als Sekretariatsunterstützung viel mit anderen Studierenden zu tun. Jeder, der ein Latinum für sein Studium brauchte, musste irgendwann durch unser Büro und an meinem Schreibtisch vorbei.

Das, und die Leitung der Fachschaft Klassische Philologie scheinen meinen Namen bekannt gemacht zu haben. Zumindest so bekannt, dass ich dann drei Jahre nacheinander in das Studierendenparlament gewählt worden bin. Als einer von einundzwanzig, und das bei über zwanzigtausend Studierenden, das müsste doch etwas heißen. Und so finden sich zwei Ehrenämter in meinem Lebenslauf wieder, fünf Jahre Fachschaftsvorsitz und drei Jahre Abgeordneter, zwei davon als Vorsitzender des Haushaltsausschusses.

Mir ist erst im Referendariat bewusst geworden, dass ich polarisiere. Ich wusste bis vor gut vier Jahren nicht, dass ich geistig behindert bin, nur, dass ich scheinbar ein Freak war. Das hat sich auf mein Referendariat so intensiv ausgewirkt, dass Cai Christophel, damaliger Schulartvorsitzender für Gymnasien im IQSH, unerwartetes viertes Mitglied in meiner zweiten Staatsexamensprüfung war. Mein Name schien bekannt zu sein; Herr Christophel hat mich nach der Prüfung gefragt, ob das IQSH meine Examensarbeit in seiner Bibliothek ausstellen dürfe, weil sie „vorbildlich“ gewesen sei.

Und dann war ich arbeitslos. Jeweils 1,9 im ersten und zweiten Staatsexamen, ein hervorragender Lebenslauf, und ich – ohne Arbeit. Das lag nicht am Stellenmangel, ich habe mich auf viele ausgeschriebene Stellen beworben und war bisher in siebzehn Auswahlgesprächen. Keine einzige Zusage. Keine einzige Begründung. Inzwischen sechsmal arbeitslos.

Jetzt endlich weiß ich, dass das an meiner Behinderung lag – zum Beispiel sage ich in diesen Gesprächen immer die Wahrheit, die aber meistens von niemandem gehört werden will. Ich bin auch viel zu offen in Unterhaltungen, damit können viele nicht umgehen. Und so habe ich hervorragende Voraussetzungen, Noten, Ehrenämter, eine dienstliche Beurteilung mit Eins, und aufgrund eines dreißigminütigen Auswahlgesprächs kaum eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt (sagt die medizinische Fachliteratur).

Ist das fair?

Die Schulen, die mich genommen haben, haben das immer aus einer Vertretungsnotlage heraus gemacht. Ich erfuhr immer die gleichen Reaktionen von begeisterten SchülerInnen und Eltern. Dass die Schulleitungen mich zu anstrengend empfanden, erfuhr ich natürlich nicht, denn darüber wird nur hinter geschlossenen Türen und erst recht nicht mit dem Betroffenen gesprochen; so ist leider unser Schulsystem.

Es gab da eine Schule, die anders getickt hat. Die offen war für das Queere an mir. Die Nordseeschule in St.Peter-Ording hatte einen Regionalschulteil, pädagogischer Brennpunkt, und das war genau mein Arbeitsfeld. Hier konnte ich Menschen helfen. Es hat von beiden Seiten gepasst, und man hätte mich dort gern unbefristet eingestellt.

Ich will ehrlich sein: Ich habe das Arbeitsverhältnis beendet. Irgendwann ging es um die Frage einer Zukunftsperspektive, denn ich bin immer von Kiel an die Westküste gependelt. Das hängt damit zusammen, dass ich mir im Studium, wo zuletzt alles so wunderbar lief, ein Leben aufgebaut hatte mit FreundInnen, die mich so akzeptierten, wie ich bin. Ich war froh, in einer Stadt zu leben und nicht mehr auf dem Land. Das war meine Welt, hier fühlte ich mich sicher.

Für einen Autisten gibt es im Leben nichts Wichtigeres als Sicherheit. Die Welt ist chaotisch und unvorhersehbar, und das macht einem Autisten Angst. Er denkt immer logisch und kommt nicht mit dem emotionalen Chaos und der Dummheit vieler neurotypischer Menschen klar. Er eckt an, sie alle sind ihm dankbar, dass er weiterhilft und sich wirklich für sie interessiert, aber nur die wenigsten möchten mehr mit ihm zu tun haben.

Deswegen war mir mein Kieler Lebensumfeld so wichtig geworden und ein Grund, St.Peter-Ording zu beenden, mit weinenden Augen auf beiden Seiten. Ich musste etwas in Kielnähe finden, sonst würde mein Leben komplett auseinanderbrechen. Und dann begannen die vielen Schulwechsel. Jedesmal wieder, nachdem ich mich in einem Vertretungsjahr an Vieles gewöhnt hatte – die Gesichter, die Stimmen, die Gebäude, die Wege, die ich zu gehen hatte, den Stil der Schule – all' das ist dann wieder weggebrochen, nachdem die Schulleitung zu der Meinung gelangt war, ich sei zu kompliziert und man wolle lieber eine Fließbandlehrkraft haben.

Das wirkt sich auf mein Privatleben aus, in dem es seit sechs Jahren bergab geht. Meine Wohnung ist kaum noch bewohnbar, ich bekomme Krankheiten, von denen ich noch nie gehört hatte, weil ich es nicht mehr geschafft habe, die normalen Lebensabläufe auf die Kette zu kriegen. Wenn ein Autist unter Stress steht – zum Beispiel, wenn ihm sein Lebensumfeld weggerissen wird – dann funktioniert er nicht mehr. Ich bin wirklich am Ende mit den Nerven.

Natürlich will ich das Gute an dieser harten Zeit nicht herunterspielen – ich weiß jetzt endlich, dass ich geistig behindert bin, habe seit einigen Wochen mein fachärztliches Gutachten und der Antrag auf Anerkennung einer Schwerbehinderung läuft.

Aber die Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule braucht kein Englisch.

Unser Schulleiter scheint sich nicht zu erinnern, dass ich mich bereits vor neun Jahren einmal an der Toni vorgestellt hatte – weil eine Kollegin überzeugt war (und immer noch ist), dass das die richtige Schule für mich ist, und dass ich der richtige Lehrer für diese Schule bin; da wären wir wieder bei der Chemie und dem Puzzle angekommen. Damals war kein Bedarf.

Als ich dann vor vier Jahren für eine Vertretung vorstellig wurde, durfte ich einen Satz hören, der ein direkter Schlag in die Magengrube war: „Wie kann es denn sein, dass jemand mit ihren Referenzen noch keine Stelle gefunden hat?“ Ich hätte fast an Ort und Stelle angefangen zu weinen, habe dann aber nur geantwortet „Fragen sie sich das noch einmal, wenn sie mich in ein paar Jahren von der Schule verabschieden.“ 

Das war vor vier Jahren. 

Als konnte man die Zukunft vorhersehen.


Samstag, 22. Juli 2023

Nicht schwerbehindert.


So, da hätten wir den Feststellungsbescheid. Es gab da mal eine Richtlinie, nach der man als Mensch mit einer Autismus-Spektrums-Störung Anspruch auf einen Grad der Behinderung (GdB) von mindestens fünfzig hatte, aber diese Richtlinie galt nur bis Zweitausendzehn. Mittlerweile ist alles von zehn bis hundert möglich, abhängig vom Grad der sozialen Anpassungsschwierigkeiten. Dazu gehört zum Beispiel, ob die Diagnose bereits im Kindesalter gestellt wurde (wurde sie bei mir nicht) oder ob ein Integrationshelfer nötig ist (ist scheinbar nicht nötig).

Daraus ergibt sich für mich ein GdB von dreißig und somit kein Schwerbehindertenstatus. Ergo auch kein Schwerbehindertenausweis. Wie es unter anderem heißt: "Ihre speziellen beruflichen Nachteile können nicht berücksichtigt werden."

Das tut durchaus ein bisschen weh. Sehr.

Gleichzeitig regt es aber, genau wie dieses dämliche erste psychiatrische Gutachten von vor vier Jahren, eine Internetrecherche an, die mir zeigt, dass ich mit dem Arbeitsamt eine Gleichstellung mit einem Schwerbehinderten beantragen kann. Das steht auch ganz unten im heutigen Schreiben:

"Behinderte, deren Grad 30 oder 40 beträgt, können den schwerbehinderten Menschen gleichgestellt werden, wenn sie infolge ihrer Behinderung ohne diese Gleichstellung einen geeigneten Arbeitsplatz nicht erlangen oder nicht behalten können. Die Gleichstellung wäre bei der zuständigen Agentur für Arbeit zu beantragen (siehe § 2 Abs. 3 in Verbindung mit § 151 Abs. 2 SGB IX)."

Ich muss das jetzt erstmal einwirken lassen. Ich weiß, meine Mutter würde an dieser Stelle sofort Einspruch eingelegt haben. Ich muss erstmal mit den Menschen sprechen, die sich auskennen - mit meinem Psychiater (das ist noch ein Weilchen hin - muss per Mail passieren, denn ich kann nur innerhalb eines Monats Widerspruch gegen diesen Bescheid einlegen) und mit irgendjemandem im Arbeitsamt. Und ich muss erstmal akzeptieren, nachdem mir über ein Jahr lang diverse Menschen etwas Anderes vorausgesagt haben, um mich zu beruhigen und damit ich über meinen siebten Jobverlust hinwegkomme:

Schwerbehindert bin ich nicht.

post scriptum: Ist das nicht drollig? Für einen GdB 50+ - um also als schwerbehindert zu gelten - bräuchte ich (in den meisten Fällen) einen Integrationshelfer. Mit einem Integrationshelfer hätte ich aber keinen Anspruch mehr auf eine Verbeamtung, im Gegenteil, es gibt einen Präzedenzfall, in dem eine Verbeamtung wegen des Asperger-Syndroms abgelehnt wurde. Ist das ernsthaft unser sogenanntes soziales "Netz"?