Freitag, 16. September 2022

Endlich!!


Diese Woche hatte ich in der Schule einen ganz tollen Moment - ich habe von Schülern einen Kommentar zu meinem Kollegiumsfoto gehört. Dabei ging es mir gar nicht so sehr um den Kommentar selbst, sondern um die Tatsache, dass ich endlich an der Kollegen-Fotowand zu finden bin. Nach dreieinhalb Jahren hat mich das komplett umgehauen. Jetzt fühlt es sich wirklich so an, als ob ich zur Schule gehöre. Und da ich eher der visuelle Typ bin, macht dieser Anblick am Glaskasten unter der Verwaltung für mich eine ganze Menge aus.

Was für ein toller Wochenausklang!

Montag, 12. September 2022

Bei mir piept's wohl!


Der erste Montag, der etwas von Normalität hatte - und gleich macht die Schule etwas mehr Spaß. Rumschreien im Grundkurs, Schüler verwechseln in elf, Schrödinger's Inhaltsangabe in zwölf und danach Neigung - heute habe ich mit den Siebtklässlern losgelegt, wir machen uns auf die Jagd nach dem Hexenmeister vom flammenden Berg. Das macht richtig Spaß und ist ein toller Abschluss montags in der achten und neunten Stunde.

Außerdem war heute der erste Tag, an dem ich meinen neuen Intervallmesser (mit Uhrfunktion) am Handgelenk in die Schule getragen habe. Dort und auch zuhause bleibt das Ding den ganzen Tag am Arm, und es funktioniert, ich trinke jede Stunde ein Glas Wasser. Ich brauche das Teil den ganzen Tag am Arm, weil es ohne nicht klappt. Man könnte denken, ich sei behindert.

Und so piept es hin und wieder im Unterricht einmal kurz - es gibt zwar auch die ruhigere Variante - Vibrationssignal - aber ich habe beides lieber in Kombination, falls ich das Piepen bei einem Gespräch nebenbei überhöre. Seltsames Gefühl am Arm, da werde ich mich dran gewöhnen müssen.

Mittwoch, 7. September 2022

Ähh... Gehalt?


vorweg: Liebe Eltern, bitte macht Euch keine Sorgen! Ich habe die Lage jetzt im Griff, und ich habe Menschen vor Ort, die mir helfen.

Ein Glas Asperger pur. Das hatten wir schon länger nicht mehr, und diesmal darf es ein etwas größerer Schluck sein - soll heißen, dass die autistischen Verhaltensweisen diesmal richtige Probleme bereitet haben.

Ich habe kein Gehalt bekommen. Normalerweise ist das Land Schleswig-Holstein da recht zuverlässig und ich habe mein Gehalt zwei Tage vor Monatsende drauf (Beamte erhalten ihren Lohn zu Monatsbeginn). Eventuell früher, wenn ein Wochenende dazwischen liegt. Diesmal war nichts da, am Wochenende. Nach dem Wochenende. Am Einunddreißigsten. Am Ersten, Zweiten, Dritten, Vierten. Und plötzlich gehen alle Lichter im Kopf aus. 

Geistige Quarantäne, so nenne ich diesen Zustand, wenn da ein akutes, ernsthaftes Problem ist, das mich beschäftigt, an dem ich aber in dem Moment nicht viel ändern kann: Ich denke an nichts Anderes mehr und versuche mir mit Videospielen oder Serien ein wenig Sicherheit zu geben, alles Andere bleibt liegen. Wäsche. Müll. Rechnungen. Schulvorbereitungen. Korrekturen. Essen und Trinken. Als würde ich irgendwie versuchen, die Zeit zu überbrücken, bis das Problem behoben ist.

Im Dienstleistungszentrum Personal (DlzP) des Landes S-H hat jeder von uns eine Personal- und Sachbearbeiternummer. Das ist hilfreich, wenn mal etwas ansteht, denn so weiß ich genau, an wen ich mich wenden muss, zum Beispiel an Frau Duve. Doof nur, dass die Telefonzeiten immer nur vormittags liegen, und als Ausnahme für Lehrkräfte gibt es dienstags zwölf bis vierzehn Uhr. Gab es. Denn mittlerweile gibt es überhaupt keine Telefonzeiten mehr, nur nach Terminvereinbarung. Mail geschrieben, keine Antwort. 

Was mich immerhin ein wenig erleichtert hat, war der Umstand, dass ich vermutlich nichts falsch gemacht habe. Im Gespräch mit einer Kollegin hat sich herausgestellt, dass sie auch noch kein Gehalt bekommen hat. Mittlerweile ist es der Vierte, dann der Fünfte des Monats. Gestern Termin mit der Bank gemacht, irgendwie muss ich meine bestehenden Zahlungen leisten, Blick auf das Konto - immer noch kein Gehalt. Immer noch kein Müll rausgebracht, Wäsche gewaschen, Essen und Trinken - und dazu kommt, dass ich mir jetzt nach dem letzten Termin bei'm Urologen (ebenfalls Ende August, Überforderung pur) einen Timer für das Handgelenk zugelegt habe, um alle sechzig Minuten ein Glas Wasser zu trinken. Anders geht es im Moment nicht. Bis gestern ging wirklich gar nichts. Der Aspi ist da völlig hilflos, und dann kommt auch noch Fieber dazu und Ende Gelände (das war am Wochenende).

Immerhin ist das Finanzielle jetzt erstmal geregelt, meine Kollegin hat mir heute bestätigt, dass sie ihr Gehalt bekommen hat, morgen werde ich mir mal einen Kontoauszug holen. Und nein, ich mache kein Online-Banking. Ich habe es versucht, aber ich nutze es de facto nicht. Dann liegt hier eine Liste mit TANs, die ich nicht in Anspruch nehme, und am Kontoauszugsdrucker, so ganz oldschool mit Papier, kann ich mir keine Auszüge mehr ziehen deswegen. Alles das ist jetzt geregelt. Kein Online-Banking mehr. Neue Kundenberaterin, direkt vor Ort, zwei Häuser weiter.

Aufatmen. Und irgendwie die Scherben beseitigen, denn natürlich war das eine ziemlich miese Zeit für mich, aber es gibt Menschen, die unter meiner Situation mitgelitten haben - Kollegen, Freunde, Familie, Schüler, und jetzt muss ich erstmal versuchen, alles wieder auf die richtige Bahn zu bekommen.

Ach ja, Schlaf wäre auch schön. Vielleicht diese Nacht endlich wieder.

Mittwoch, 31. August 2022

Auf der anderen Seite


Es hat sich ein bisschen surreal angefühlt - quasi eine Lehrprobe, und diesmal stehe ich auf der anderen Seite und beurteile den Unterricht eines Anderen. Surreal deswegen, weil ich die gleichen Sachen im Nachgespräch angemerkt habe, die bei mir damals angemerkt wurden - Körperhaltung, Lehrerecho, Redeanteil, Lobverhalten - das sind so ein paar Klassiker, an die Ihr euch vielleicht auch noch erinnern könnt.

Aber es war auch extrem spannend zu sehen, wie eine gut fünfzehn Jahre jüngere Lehrkraft einen Draht zu den Schülern findet, eine andere Unterrichtssprache verwendet, die ankommt - das inspiriert und gibt mir neue Unterrichtsimpulse. Und es erinnert mich daran, was ich an meinem eigenen Lehrerverhalten noch ändern könnte.

Es bleibt spannend, morgen sehe ich eine Doppelstunde, und am Freitag machen wir ein kleines Resümee des Praktikums. Mal schauen, ob das auch so surreal wird und Erinnerungen weckt.

post scriptum: Endlich wird es kühler - in diesem Sommer hat mir die Hitze in der Wohnung doch etwas zugesetzt. Und es wird früher dunkel; das sollte mir einen Blogeintrag wert sein, denn das macht in meinem Leben eine Menge aus.

Dienstag, 30. August 2022

Fußmatte


Seit gestern liegt eine Fußmatte vor der Tür der Wohnung rechts nebenan. Nachdem hier wochenlang gepoltert, gesägt und das Treppenhaus verschmutzt wurde zum Zwecke der Wohnungsrenovierung. Ich habe mich immer gefragt, wer da wohl einzieht. Mein neuer Nachbar. Neben dem ich gleich im Bad liege.

In den letzten Tagen habe ich immer mal wieder unbekannte Gesichter im Treppenhaus gesehen, aber das hätten ja auch Leute von der Renovierungstruppe sein können, oder Umzugshelfer. Jetzt höre ich tagsüber mehr oder weniger regelmäßig den Haustürschlüssel im Flur klappern, und damit steigt die Spannung, wann ich wohl zum ersten Mal bewusst meiner Nachbarsperson begegne. 

Das ist ein Faktor von Unsicherheit. Ich weiß, wer zur Linken wohnt, jetzt bereits seit ein paar Jahren. Ich weiß, dass er nicht spontan bei mir klingeln wird, ich weiß, wie er aussieht, ich bin da entspannt. Zur Rechten weiß ich davon noch gar nichts, und das spüre ich jedes Mal, wenn ich den Schlüssel im Treppenhaus klappern höre, und jedes Mal, wenn ich über die neue Fußmatte drübersteige. 

Mal schauen, wie lange es dauert, bis all' diese Unsicherheiten abgestellt sind - bis ich weiß, wer da wohnt, und weiß, dass dieser Mensch nicht überraschend vor meiner Tür steht. Oh, da fällt mir ein, ich sollte das "Bitte nicht stören"-Schild von gestern Abend abnehmen. Vergesse ich immer wieder.

Und mich erstmal wieder um mich selbst kümmern.

Freitag, 26. August 2022

Wadenkrampf


Ich bin grenzenlos überfordert.

Damit lässt sich die zweite Schulwoche zusammenfassen. Das hat auch sein Positives: Ich weiß jetzt, dass ich kein Ausbildungslehrer werde. Mein Kopf würde das nicht hinbekommen. Ich schaffe es ja nicht einmal, meinem Praktikanten zu sagen, wo wir uns treffen könnten zu Beginn des Schultags. Ich merke, ich bin in meinem Unterrichts-Drehbuch drin, aber es läuft jemand mit, und das kann ich nicht. Kenneth, falls Du das liest, siehst Du bitte an keinem Punkt die Schuld bei Dir. Ich bin einfach unberechenbar, und ein Referendar genau wie ein Praktikant braucht Verlässlichkeit. Count me out; für ein dreiwöchiges Praktikum ist das okay, aber für einen Autisten ist das nix.

Mein Kopf ist überall, aber zum Beispiel nicht bei der richtigen Ernährung. Gut, da war er noch nie, aber ich scheine in dieser Woche nicht einmal die Nahrungsergänzungsmittel richtig genommen zu haben: Ich hatte zum ersten Mal seit bestimmt zehn Jahren wieder einen morgendlichen Krampf im Bein. So ein Fieser, der kommt, wenn man sich im Bett strecken möchte und auf einmal nur noch zusammenkrümmt vor Schmerz. Magnesium und Calcium sollten helfen.

Da ist es keine große Überraschung, dass ich mit meinem Urologen jetzt eine Art "Trinkplan" festlegen musste, denn zwei Liter Wasser innerhalb von zwei Stunden zu trinken ist keine gesunde Alternative zu verteiltem Trinken über den Tag. Keine Überraschung deswegen, weil ich an's Trinken gerade kaum noch Gedanken verschwende, ach ja, und ich wollte eigentlich den Psychiater anrufen, aber das war alles zuviel. Läuft ja nicht weg. 

Liebe Eltern: Es geht mir gut. Nur gerade sehr viel los, neue Schüler, neuer Plan, neue Räume, für den Autisten eine sehr herausfordernde Zeit.

Sonntag, 21. August 2022

Woche Eins


Angekommen am Sonntag, wird es nicht leicht, ein Fazit für diese Woche zu ziehen. Zwölf Uhr mittags und ich habe in meinem Kopf die wichtigsten Ereignisse der Woche abgearbeitet. Jetzt ist eigentlich der Punkt, an dem ich etwas freie Zeit genießen kann. Das klappt aber wieder nicht, denn anstelle eines freien Sonntagnachmittags sehe ich den Berg an Aufgaben, der abgearbeitet werden muss. Das deprimiert, denn es zieht mich gleich wieder in den Schulmodus zurück - aus dem ich erst vor knapp zwei Stunden herausgekommen war. Stundenplan. Now what? 

Ich habe ehrlich gesagt keine Lust mehr, heute im Blog über die vergangene Woche zu schreiben, weil es so lange gedauert hat, sie erstmal selbst zu verarbeiten. Also nur stichpunktartig: habe nicht daran gedacht, meinen Psychiater anzurufen, habe nichts in der Wohnung gemacht, war drei Tage krank, habe meinen Praktikanten kennengelernt, habe meinen Schulplaner und die Kursbücher nicht eingerichtet, meinen Stundenplan-Wunsch nicht an die Stundenplanerin geschickt, im Archiv nicht weitergearbeitet, habe von zwei Lerngruppen bisher keine Kurslisten, auch keine Schulbücher, habe keine Wäsche gewaschen, bin extrem glücklich, dass meine Mutter ihren Übergang zu den dritten Zähnen gut überstanden hat, war nicht auf der Lost Souls, habe keine Mails beantwortet.

Das klingt jetzt vielleicht nicht gerade positiv, ist es auch nicht, aber seit letztem Schuljahr kenne ich diesen Umstand und versuche, einen Plan auf die Frage "Now what?" zu entwerfen. Ganz ehrlich, ohne die Denkmuster des Lojong wäre es an der Zeit für einen (kleinen, überschaubaren) Nervenzusammenbruch. Passt aber nicht, denn: 

Bis heute Abend, zwanzig Uhr, habe ich jetzt frei, basta. Und danach schaue ich, was ich noch schaffen kann, bevor ich dann irgendwann in's Bett muss, um Schlaf aufzuholen. Und ich habe kein schlechtes Gewissen deswegen. 

Deal with it. I have to, as well.

post scriptum: Liebe Eltern, bitte keine Sorgen machen, wir haben telefoniert und Ihr wisst, dass das irgendwie klappen wird! :-)