Samstag, 4. August 2018

Heißersehnter Herbst


Ich freue mich schon auf diesen Herbst. Das liegt nicht daran, dass ich mir niedrigere Temperaturen herbeisehne; ich habe mir schon so oft ein besseres Wetter im Sommer gewünscht, und nun haben wir es und ich bin zufrieden damit. Das liegt auch nicht an der neuen Arbeitsstelle, hat überhaupt nichts mit dem Job zu tun. Dieser Herbst hat zwei Überraschungen parat, auf die ich hinfiebern kann.

Einer meiner Lieblingsfilme ist Dario Argentos Suspiria (1977), darüber habe ich auch einmal geschrieben. Jetzt, über vierzig Jahre später, kommt eine Neuverfilmung in die Kinos. Sie ist schon seit Längerem angekündigt, wurde bereits im letzten Jahr abgedreht und befindet sich in der post production. Ich bin wirklich gespannt, was sie daraus gemacht haben. Es soll keine Fortsetzung sein, sondern es geht wieder um die Tanzschule, die von Hexen geleitet wird. Allerdings haben die Macher schon recht frühzeitig klargemacht, dass sie nicht einfach einen Neuaufguss kreieren wollen. Finde ich logisch: Der Film von Siebenundsiebzig ist ein echtes Meisterwerk, warum sollte man das neu verfilmen?

Es werden also andere Wege gegangen, und das macht mich neugierig. Was ich so habe tönen hören ist, dass zum Beispiel das Farbdelirium des Originalfilms in der neuen Verfilmung nicht mehr dabei sein wird. Finde ich schade, denn das hat den Albtraumcharakter des Originals ausgemacht. Aber auch hier gilt: Warum sollte man das noch einmal genauso machen? Regisseur des Films ist Luca Guadagnino, den vielleicht der Eine oder die Andere aus Call Me By Your Name (2017) kennt. Im Cast findet sich Tilda Swinton wieder, die finde ich herrlich unkonventionell, auch Jessica Harper, die die Protagonistin Suzy Bannion im Original gespielt hat, findet sich hier in einer kleineren Rolle.

Nebenbei sehe ich gerade hocherfreut, dass die ungeschnittene Originalfassung von der FSK im letzten Jahr ab sechzehn freigegeben wurde. Endlich bekommt der Film etwas mehr Aufmerksamkeit. Und am neunten November wird die Neuverfilmung in den Vereinigten Staaten veröffentlich; hoffentlich ist sie dann auch bald bei uns - ich freue mich.

Ebenso freue ich mich, dass in gut einem Monat der elfte Teil der Videospielereihe Dragon Quest erscheint. Ich bin erst ziemlich spät auf die Reihe gestoßen und fand sie am Anfang etwas seltsam - aber mittlerweile bin ich ein großer Fan des schrägen Humors, der quirligen Charaktere, der Alchemieformeln, mit denen man sich alles herstellen kann, was man braucht, um die Welt zu retten. Oder was auch immer gerade ansteht. Ich seh' das schon kommen: Das Spiel kommt raus und ich verbringe den ganzen Tag nur noch vor der PS4... aber mittlerweile bin ich mir des Suchtpotentials von Videospielen bewusst und dosiere mir das richtig, denn ich habe schließlich einen neuen Job zu erledigen und ich weiß noch nicht, wie arbeitsintensiv das wird.

Und so finden sich verschiedene Gründe, deretwegen ich mich auf den Herbst freue. Und, na klar, ich freue mich auch wieder auf eine Zeit, in der ich nicht vom Sitzen in's Schwitzen komme.

Donnerstag, 2. August 2018

Glück

Dieses Bild in meiner Wohnung erinnert mich immer wieder daran, dass ich zu meinem Glücklichsein beitragen kann.

Sorry, aber das muss jetzt sein.

Ich ärgerte mich über mich selbst, wenn ich mir Pläne machte und sie dann nicht umsetzte. Ich regte mich auf, wenn mir keine guten Ideen für den Blog einfielen. Es belastete mich, keine sichere Jobzukunft zu haben. Ich lachte über mich selbst, wenn ich mal wieder das Essen vergessen hate und mir in der Wohnung schwindelig wurde. Ich platzte innerlich, wenn es im Videospiel nicht so lief, wie ich es wollte. Ich war traurig, wenn ich mir einen schönen Film nicht leisten konnte. Ich war genervt, wenn ich wegen der Hitze nicht schlafen konnte.

Ich finde immer Gründe, zu jammern. Immer wieder erfinde ich Ausreden, zu meckern, mich aufzuregen, da fällt mir reichlich ein. Ich bin ein Meister im Kleinreden. Und irgendwie ist der Tag ja nicht so dolle, und irgendwie ist er nicht so, wie ich eigentlich wollte, und ich hatte mir das anders vorgestellt, und vor dem Zubettgehen ziehe ich die Bilanz, dass heute ein "verschwendeter" Tag war. Wobei... heute nicht.

Heute bin ich glücklich.

Ich fühle mich heute glücklich, und ich lasse mir das von niemandem nehmen, am allerwenigsten von mir selbst. Mir geht es gut, und ich gönne mir endlich einmal die gedankliche Freiheit, das wertzuschätzen und zu genießen. Ich habe einen Job, hey, vielleicht habe ich endlich eine Zukunftsperspektive gefunden. Vielleich hat die Suche nach sieben Jahren endlich ein Ende. Vielleicht kann ich jetzt endlich meine Lebensprojekte beginnen.

Ich freue mich, weil ich in den Nachrichten Bilder vom Wacken Open Air sehe - ich bin nicht dabei und werde das wohl auch nie machen, aber es bereitet mir Freude, zu wissen, dass Er jetzt dort ist und High Life in Tüten genießt. Ich freue mich, dass Er gerade eine tolle Zeit erlebt. Auch wenn wir uns selbst Barrikaden in den Weg gelegt haben - wenn ich mich weit zurücklehne und das Große Ganze betrachte, bin ich glücklich, weil ich feststelle, dass ich mit der Situation klarkomme. Und die Zeit läuft uns nicht weg.

Ich bin froh, bei Star Ocean endlich einen entscheidenden Schritt vorangekommen zu sein. Ich habe stundenlang geackert, gebüffelt, war genervt, unruhig, aber endlich habe ich diesen wichtigen Schritt geschafft und kann nun in die letzte Phase des Videospiels eintreten.

Ich bin richtig erleichtert, mitzuerleben, dass meine Mutter umdenken kann. Ich bin stolz, zu sehen, wie sie in Entscheiungsfragen mit sich hadert und "auf ihre alten Tage" jahrzehntelange Verhaltensmuster doch noch abschüttelt, das hätte ich nicht gedacht und ich strahle wie die Sonne.

Es macht mich glücklich, dass ich vor mir so viele offene Türen sehe, Vieles ist so einladend. Und ich habe eine ganze Menge Dinge, die getan werden müssen - aber endlich fühle ich die gedankliche Freiheit, dass es jetzt losgehen kann, ich schaffe das. Ein tolles Gefühl!

Wann warst Du zuletzt glücklich?

Mittwoch, 1. August 2018

Schlag in's Gesicht

Eine Situation - zwei Blickwinkel.

Telse

"Ich bin wirklich aufgeregt. Erst war ich nur Nulltsemester an dieser Schule, eine Vertretung für eine Kollegin, die sich das Bein gebrochen hat. Nur für ein paar Monate - aber es hat einfach gepasst: Die Schüler kommen gut mit mir klar, die Eltern sind hochzufrieden, die Schulleitung hat mich direkt in das Referendariat übernommen. Die Ausbildung hat echt toll geklappt, ich habe eine Theater-AG gegründet und ich fühle mich sauwohl. Und nun besteht tatsächlich die Möglichkeit, mich unbefristet zu übernehmen - das wäre toll! Die Schulleitung hat mir signalisiert, dass sie mich behalten möchte, aber natürlich muss die Planstelle ausgeschrieben werden. Und natürlich wird es mehrere Bewerber geben, und die Note meines zweiten Staatsexamens ist auch nicht soooooo toll. Aber die Schulleitung hat mir gesagt, ich solle ganz ruhig bleiben, denn es gibt Mittel und Wege, mich auf die Stelle zu bekommen. Sie würden die Ausschreibung genau auf meine Kompetenzen zuschneiden und das Auswahlgespräch so leiten, dass es vollkommen nachvollziehbar erscheint, warum sie mich den Mitbewerbern vorgezogen haben würden. Es kann nichts mehr schiefgehen - ich bin so glücklich!"

Klaus

"Ich bin wirklich aufgeregt. Da ist doch tatsächlich eine Planstelle ausgeschrieben mit meiner Fächerkombination, und gar nicht weit entfernt. Das wäre so toll, dann muss ich nicht umziehen, denn wie das Leben nun mal läuft, muss ich meine Familie versorgen, und es wäre doof, wenn ich jedesmal hundert Kilometer zur Schule fahren muss. Dann bekäme mein Lütter mich gar nicht mehr zu sehen. Ich kenne die Schule noch nicht, aber bin sehr neugierig. Und es passt wirklich vollkommen, sie suchen jemanden, der eine Theater-AG leiten  würde - als hätten sie gewusst, dass ich mich mein ganzes Studium über mit dem Theater auseinandergesetzt habe. Es ist wirklich so, diese Ausschreibung beschreibt mich bis in das kleinste Detail, und ich habe eine sehr gute Note in meinem zweiten Staatsexamen vor sieben Jahren bekommen. Und sie haben mich zum Auswahlgespräch eingeladen. Es kann nichts mehr schiefgehen - ich bin so glücklich!"

...klingt vertraut?

Dienstag, 31. Juli 2018

Kein Zurück


Montag

Morgen unterschreibe ich meinen Arbeitsvertrag an der neuen Schule. Und ich bin tatsächlich etwas aufgeregt. Ich war noch nie vor einer Vertragsunterzeichnung aufgeregt (und nach achtzehn Durchgängen gewöhnt man sich mit der Zeit daran) - aber es fühlt sich dieses Mal einfach anders an. Nicht nur, weil es um einen Jahresvertrag geht (im Durchschnitt hatte ich immer nur Drei-Monats-Verträge), sondern weil dahinter eine Chance schlummert, endlich verbeamtet zu werden, oder zumindest unbefristet beschäftigt.

Und ich bin aufgeregt, weil ich diesmal nichts falsch machen möchte. An anderen Schulen, von denen ich wusste, dass sie nicht meine Zukunft darstellen, war das alles entspannter, mit einem Hauch von Nach mir die Sintflut! Und bevor einer auf die Idee kommt, einen Kommentar zu schreiben in die Richtung was sollst Du denn falsch machen? - sollte ich erwähnen, dass es bisher an jeder Schule Beschwerden über die neue Lehrkraft gab. Meistens war das unbegründet und hatte mit meinem Erscheinungsbild zu tun, aber daraus wurde eben auch gern abgeleitet, dass ich eine Gefahr für die Bildung sei.

Dienstag

Und nun ist es Abend, ich bin happy, dass heute alles geklappt hat. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, und die Aufregung steigt noch weiter, aber immerhin weiß ich, wie sich die nächsten Wochen gestalten. Ich werde mich dann mal mit den neuen Lehrplänen auseinandersetzen - netter Touch: Es gibt einen abteilungsinternen Stoffverteilungsplan, daran kann ich mich gut entlang hangeln.

Eine neue Schulart, eine neue Schule, neue Gebäude, alles ändert sich - aber vielleicht ist gerade das meine Chance, mein Leben in eine richtige Bahn zu lenken.

Sonntag, 29. Juli 2018

Freedom of Speech

Manches Gesagte ist einfach für die Tonne - zum Beispiel wenn ich in der linken Figur eine Lesbe sehe, die gegen die Ehe für Alle eingetreten ist (keine Ahnung, wer das sein könnte).

Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene (falsche) Meinung. Diesen Spruch benutze ich gern als humoristische Abwandlung des Rechts auf Meinungsfreiheit. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen, diesen Satz hören wir seit ein paar Jahren, seit AfD und dem Erstarken der Stimmen von rechts immer wieder. Es ist spannend, dass ausgerechnet diese Stimmen, zu einem großen Teil antidemokratisch, die Rechte der Demokratie beschwören. Da scheint unser politisches System dann wieder in Ordnung zu sein. Diese Art der Doppelmoral scheint gar nicht so selten zu sein; ich habe eben über einen Fall aus den USA gelesen.

Dort hat ein Jugendlicher ein Stipendium verloren, nachdem ein Video von ihm an die Öffentlichkeit gekommen ist, auf dem er auf einer pro-Trump-Demo vor den Wahlen unterwegs ist und rassistische und homophobe Kommentare in alle Richtungen grölt. Nicht selten auf Trumps rallies, nicht selten unter Trumps Anhängerschaft. Pence ist ein Paradebeispiel.

Nachdem dieses Video es also in die Öffentlichkeit geschafft hat, hat die Hochschule Cal Poly dem Jugendlichen sein Wrestling-Stipendium entzogen - ohne genauere Gründe zu liefern, aber es ist bekannt, dass sie dieses Video kannten, bevor sie die Entscheidung getroffen hatten. Ich finde das nachvollziehbar, ich finde das gut, auch wenn ich in meiner eigenen schulischen Arbeit nie mit Sanktionen hantiert habe, wenn ein Schüler im Klassenraum Sachen wie Fuck you faggot! herumgegrölt hat. Beziehungsweise das deutsche Halt's Maul, du Schwuchtel!, und erzählt mir bitte nicht, liebe Kollegen, dass Ihr so eine Situation noch nie hattet...

Was besonders bemerkenswert ist, ist die Reaktion des Jugendlichen, der zugibt, dass er das nicht hätte sagen sollen (immer erstmal schön beschwichtigen, nicht wahr?), in einem zweiten Satz dann aber hinzufügt, dass er sich seines freedom of speech beraubt fühlt. Nicht wahr? Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Klingt hoffentlich - und leider - bekannt.

Wie weit sollte also Redefreiheit gehen? So weit, dass nicht einzelne Personen diffamiert werden? Finde ich nachvollziehbar, und dann müssen auch linksextreme Tendenzen ebenso sanktioniert werden, wenn sie zum Beispiel einen Gauland als Gauleiter bezeichnen oder eine Weidel als rechte Dominatrix.

Wo liegt die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Diffamierung? Wo muss ich als Pädagoge sagen Halt's Maul, du rassistisches, homophobes Stück Scheiße! - oder darf ich das womöglich gar nicht?

Was ich heute einfach nur loswerden möchte: Mich ekelt es, wenn ausgerechnet Demokratiefeinde sich auf Werte und vor allem Rechte der Demokratie berufen. Wenn sie schon so scharf sind auf nationalistische Tendenzen, dann sollten sie sich vielleicht die Herrschaftsmechanismen von Diktatoren und Tyrannen einmal genauer betrachten und sich selbst fragen, wie es mit der Redefreiheit dort aussieht.

Ich könnte kotzen.

Freitag, 27. Juli 2018

Lass' mal den Aspi ärgern!


Würdest Du in einer I-Klasse unterrichten?

Ich bin mir sicher, der eine oder andere Leser hat diese Frage schon einmal gehört, besonders, wenn er Lehrer an einer Gemeinschaftsschule ist. "I-Klasse" bedeutet Inklusionsklasse, und auf die Inklusion ist unser Bildungsministerium sehr stolz, auch wenn bisher nur erste Schritte gegangen wurden und noch viel gemacht werden muss.

Inkludiert werden sollen Schüler mit einem festgestellten Förderbedarf, und ich habe die Arbeit in I-Klassen immer als sehr bereichernd empfunden, auch wenn es anstrengend ist. Meine erste I-Klasse hatte ich in St.Peter-Ording, es saß dort unter anderem ein Schüler mit dem Asperger-Syndrom, der auf eine Schulbegleitung angewiesen war. Das kannte ich vorher noch nicht, fand es sehr spannend und ich bin froh, dass es so etwas gibt (also, die Schulbegleitung).

Warum ich davon erzähle - ich hatte vor einer Weile einen Beitrag geschrieben über die Darstellung von Hochbegabung im Film und ihn links in die Linkliste gepinnt, mit der Idee, immer mal wieder neue Filmbesprechungen hinzuzufügen. Filme, von denen ich der Meinung bin, dass sie - auf verschiedenste Weise - das Erleben von Hochbegabung veranschaulichen.

Es geht hier zwar um Asperger, aber es gibt große Schnittmengen zwischen beiden Diagnosen. Das ist mir heute wieder sehr bewusst geworden, als ich den Film Ben X (2007) gesehen habe. Es geht um einen Asperger-Schüler in der Oberstufe; der Film ist an einer wahren Begebenheit orientiert, in der in Folge starken Mobbings ein Jugendlicher sich das Leben genommen hat.

Und es wird von Anfang an deutlich gemacht, dass auch Ben sich am Ende das Leben nehmen wird, also spoilere ich hier niemanden. Was hat mir an dem Film gefallen?

Verhaltensmuster wiederzuerkennen - Ben lässt sich nicht gern anfassen, seine Mutter kann ihm nur per Hand Küsschen geben. Ben hinterfragt alles. Er ist hypersensibel und kann zwischendurch starke Wutausbrüche erleiden. Emotionen sind für ihn ein Fremdwort.

Mir hat gefallen, wie ein Mädchen mit ihm spricht, nachdem er ihr von seinen Selbstmordplänen erzählt hat: Sie versucht nicht, ihn krampfhaft davon abzubringen, sondern schlägt ihm im Gegenteil verschiedene Suizidmethoden vor. Sie nimmt ihn ernst und spricht das alles sachlich mit ihm durch. Ich würde es wohl genauso gemacht haben.

Der Film kommt ohne unnötigen Kitsch aus - sachlich eben - und das fand ich gut. Das Erleben eines Aspergers wird geradezu greifbar, und auch ich als "nur" Hochbegabter habe mich in so Vielem wiedererkannt. Besonders die Mobbingszenen haben unschöne Jugenderinnerungen wachgekitzelt, und gleichzeitig habe ich mich erinnert gefühlt an die Wutausbrüche, die meine "Aspis" hatten, und mit denen viele Mitschüler nicht umgehen konnten. Ich hatte einen Asperger in meinem Rollenspielprojekt an der Schule in Neumünster - es war toll zu erleben, wie intensiv diese Menschen in andere Welten eintauchen können.

Besonders die letzte Szene fasst das Plädoyer des Films zusammen: Diese Menschen sind anders - lasst sie doch einfach sein, wie sie sind! Der Film mag seine Schwächen haben, aber die Einblicke in die Gedankenwelt eines Aspergers fand ich sehr überzeugend.

Der Film ist auf Amazon prime kostenlos.

Mittwoch, 25. Juli 2018

"Der Kopf ist rund..."

Umdenken braucht Zeit...

Immer mal wieder habe ich diesen Spruch hier im Blog gepostet und verwende ihn tatsächlich auch da draußen. Ich muss mal schauen, ob ich ihn bei den Weisheiten links aufgeschrieben habe... nein, habe ich nicht - das wird dann umgehend geändert, denn gestern hatte ich wieder eine dieser Episoden, die mir die Bedeutung des Satzes vor Augen geführt haben:

"Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann."

Ein Plädoyer gegen Engstirnigkeit, gegen festgefahrene Meinungen, für mehr Blickwinkel, für neue Perspektiven und auch für neue Chancen. Einfaches Beispiel gefällig?

Vor ein paar Jahren hatte ich entdeckt, dass mein Fernseher 3D-fähig ist, hatte mir die dazu nötige Brille besorgt und wollte ein paar Filme dreidimensional erleben. Beim Bummeln durch einen nahegelegenen Supermarkt fand ich, im Preis drastisch reduziert, die 3D-Bluray von Mad Max: Fury Road (2014) [MM:FR]. Eingepackt und angesehen. Damals hatte ich noch nicht die Angewohnheit, den kritischen Konsensus über einen Film zu konsultieren, bin also vollkommen unvoreingenommen an diesen Film gegangen und saß zwei Stunden recht fassungslos vor dem Bildschirm.

Was war denn das für ein Scheiß?! Zwei Stunden lang fahren da ein paar Leute durch eine karge Landschaft. Fast ununterbrochen. Worum ging es da eigentlich? Sollte das auch eine Handlung haben oder nur pure Action? Wie ich so etwas hasste: Filme, die Action nur um ihrer selbst willen verwendeten. Immerhin, die Liste der Charaktere war bunt, wobei ich nicht verstanden habe, warum die sich Sprühfarbe auf die Zähne knallten, warum es da Blood Bags gab, warum diese einarmige Frau einen war rig fuhr und Unzähliges mehr... kurzum: Ich fand den Film extrem scheiße, war davon überzeugt, mir gerade ein neues Kapitel Trash-Geschichte angeschaut zu haben, und auch wenn ich hin und wieder Trash mag (Elvira anyone?), so war das absolut underwhelming.

Das musste ich mir nur noch einmal bestätigen lassen und habe also in der Wikipedia den Kritikerspiegel angeschaut und mir blieb der Mund offen stehen bei dem, was dort so stand: ...one of the greatest action films of all time...one of the greatest films of the 21st century...ten Academy Award nominations...six wins...97% positive reviews on rottentomatoes.com...Brian Tallerico for rogerebert.com gives 4/4 stars...best science fiction film of all time on rottentomatoes.com...

What the...?! Hatten die einen anderen Film angesehen als ich, der ich mich soeben noch um zwei Stunden Lebenszeit beraubt fühlte??? Never!!! Perplex und wütend legte ich die Disc beiseite, und an meiner ablehnenden Haltung diesem Film gegenüber änderte sich für lange Zeit nichts.

Das war vor ein paar Jahren. Ich habe meine Haltung zu Filmen im Allgemeinen und speziell zu Science Fiction geändert. Ich habe gelernt, eine offene Geisteshaltung anzunehmen für all' diese What If-Szenarien, mich darauf einzulassen und sie zu akzeptieren. Und es hat sich gelohnt: So halte ich mittlerweile den Blade Runner und seine Fortsetzung von Zweitausendsiebzehn für ein visionäres Meisterwerk und kann es in vollen Zügen genießen, mich in diese Welt fallen lassen. Vielleicht konnte ich ja auch MM:FR jetzt diese Chance geben und nachvollziehen, was die Leute daran finden?

Und so ging es dann gestern auf die Reise in diese postapokalyptische Dürre. Ich wollte schon vorgestern, hatte dann aber gemerkt, dass ich erst noch meine 3D-Brille aufladen musste und habe das dann während eines anderen Filmes gemacht. Das hat natürlich die Spannung auf gestern noch weiter gesteigert.

Es war, als ob ich einen anderen Film sah: Ein visuell extrem reichhaltiger Film, dessen mörderisches Tempo von einem tollen orchestralen Soundtrack unterstützt wurde, ungewöhnliche Frauenrollen, flexible character arcs, ein interessantes Schlaglicht auf Menschen mit Behinderungen, Farbcodierung in der Kameraarbeit, unterschiedliche Lebensphilosophien, ich habe endlich das Chromspray und die "Witness!"-Rufe verstanden, die Bedeutung von Wasser und guzzoline, die Trommeln und den Lautsprecherwagen...

...und ich hatte inzwischen endlich ein paar Vergleichswerte in anderen SciFi-Filmen angesammelt, und wieder blieb mir der Mund offen stehen - diesmal allerdings nicht nach, sondern während des Filmes, weil ich jede einzelne Kameraeinstellung, jeden einzelnen frame genießen konnte, und als der Film zu Ende war - genaugenommen bis jetzt gerade - schwebt mir der Gedanke im Kopf herum, dass ich ihn noch einmal schauen möchte, und wenn es nur ist, um all' die Anblicke und die Musik noch einmal zu genießen.

Und mir wird bewusst, was ich mir habe entgehen lassen wegen einer festgefahrenen Haltung im Kopf, und ich hoffe, dass mir das nicht mehr so oft passieren wird wie früher.

"Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann."

...und dabei gilt: Man kann die Richtungsänderung nicht krampfhaft beeinflussen wollen. Das geht so nicht. Thema Er: Sonst hätte ich ihm die Offenheit gegeben, seiner Freunden zu erzählen, dass es mich immer noch gibt, und den Mut, dass wir Dinge zusammen unternehmen. Das Ändern einer Denkrichtung braucht Zeit.

Viel Zeit.