Mittwoch, 13. Juli 2016

Dario Argento's "Suspiria"


Es gibt Filme, die man eher als Kunstwerk denn als herkömmliche Filmkost betrachten sollte. Sie sind Liebhaberstücke, der Filmkunst-Amateur kann diesen Filmen mehr abgewinnen als der Storyfanatiker, dem Faktoren wie Kameratechnik und Soundtrack egal sind. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich diese Kunstwerke - unabhängig von ihrer Qualität! - oft in kurzen Abständen erneut schauen kann. Klar kenne ich dann den Plot, aber um den geht es mir dann nicht mehr. Ich möchte Kameratricks analyieren, ich möchte die Raffinessen entdecken, mit denen die Macher an das Werk gegangen sind.

Einer dieser Filme ist zum Beispiel Coraline, den ich jetzt innerhalb von zwei Wochen viermal gesehen habe; deswegen habe ich ihn hier auch besprochen. Heute geht es mir um einen weiteren Film, der mich nicht so einfach loslässt - vermutlich auch, weil er so ein langes Vorspiel mit mir hatte. Es geht um Dario Argentos übernatürlichen Horrorfilm Suspiria (1977).

Ich liebe Horrorfilme. Ich habe damals im Projektunterricht Filmanalyse im 13. Jahrgang meiner Schule die Frage untersucht, wie Spannung im Film erzeugt wird, damals anhand von John Carpenters Meisterwerk Halloween (1978). Ich habe es lieben gelernt, wie Regisseure mit mir spielen, mit meinen Erwartungen, und wie sie mir einen Festschmaus für Augen und Ohren darbieten. Ich finde das in Horrorfilmen besonders effektiv.

Gleichzeitig habe ich ein Problem damit, wenn diese Filme zu blutig werden. Mit Splatterfilmen kann ich nichts anfangen, das finde ich meistens einfach nur eklig, selbst wenn es sich um Funsplatter handelt. Das soll keine Wertung sein: Es gibt unbestritten gute Splatterfilme wie zum Beispiel Evil Dead oder Braindead. Ist halt nur nichts für mich. Wenn Justus Jonas bei den Drei Fragezeichen ernsthaft das Horrorgenre als eine "wenig kunstvolle Mischung aus Splatter und Exploitation-Film" bezeichnet, dann ist das eine für seine Verhältnisse stümperhafte und unreflektierte Aussage. Gegenbeispiele liefern die zahlreichen kunstvollen Horrorfilme.

Nun also zu Suspiria. Wer Dario Argento kennt, der weiß, dass er mit Blut, Gewalt und Sex nicht geizt, ganz im Stil des italienischen Giallo. In der Regel nicht so splatterig wie ein Lucio Fulci, aber dennoch äußerst grafisch. Und genau das hat mich früher davon abgehalten, mir den Film anzuschauen. Ich habe fabelhafte Rezensionen gelesen, die den Film über den Klee loben. Die gelobten Punkte werde ich weiter unten ansprechen. Sie erwähnen jedoch auch die Todesszenen, die recht intensiv und in die Länge gezogen sind.

Irgendwann habe ich es dann gewagt, habe mir ein Exemplar der limitierten Anchor Bay-DVD gesichert und den Film angeschaut. Und ich habe es bis heute nicht bereut.

Wer unvorbereitet an den Film geht, der wird den Kopf schütteln. Der Plot ist dünn wie Papier. Die Schauspielkunst ist sehr unterschiedlich, gern vom Overacting geprägt. Die Ausleuchtung hat mit Realismus nichts zu tun. Das Blut sieht aus wie helle Wandfarbe. Die Effekte überzeugen nicht. Die Synchro ist schlecht. Sagte ich schon, dass ein Plot quasi nicht vorhanden ist?

All diese Kritikpunkte tragen zum surrealen Flair des Filmes bei, und man sollte sich informiert haben, um dem Film die ihm gebührende Aufmerksamkeit zukommen lassen zu können, und um zu wissen, was es da alles zu genießen gibt.

Da wären vor allem die kräftigen Farben. Selbst alltäglichste Szenen hat Argento mit leuchtendem Rot, Grün oder Blau ausgeleuchtet. Die Farben wirken besonders in der neuen Bluray-Disc von '84 Entertainment faszinierend. Der Film erinnert dadurch an einen Traum, oder besser, an einen Albtraum, und das soll er ja letztlich auch sein. Und es sind nicht nur die Farben, es ist die gesamte visuelle Ausstattung des Films. Nicht umsonst liegt der Hauptspielort in der "Escherstraße", überall finden sich Motive von M.C.Escher wieder. Die Einrichtung ist extrem detailliert, unmöglich einer einzelnen Stilrichtung zuzuordnen. Mit kleinen Tricks hat Argento das visuelle Erlebnis bestmöglich erschaffen: Jessica Harper in der Hauptrolle der Suzy Bannion hat große Manga-Augen, die ihr das Antlitz eines Teenagers verpassen; die Türklinken sind bewusst unnatürlich hoch angebracht, damit die Charaktere kleiner und wesentlich jünger wirken. Realismus wäre in diesem Film völlig fehl am Platze - somit sollte man dessen Fehlen nicht als Kritik zu deuten wagen.

Die akustische Atmosphäre ist düster, gruselig - unterlegt mit dem Soundtrack von Claudio Simonettis Band Goblin, die in mehreren von Argentos Filmen einen wunderbaren Job abliefert - so auch hier. Die Musikstücke sind durchzogen von Flüstern, magischem Brimborium, den titelgebenden Seufzern...

Man könnte noch eine lange Liste weiterer Vorzüge des Films hier nennen. Ich bin dazu allerdings zu faul und würde jedem, der ein paar intensivere Mordszenen übersteht (sind letztlich nur vier), empfehlen, den Film selbst zu genießen. Jedes einzelne Anschauen ist sicherlich belohnender als diese Rezension hier, also wünsche ich gute Unterhaltung mit einem Horror-Meisterwerk von Dario Argento!

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