Mittwoch, 25. Juli 2018

"Der Kopf ist rund..."

Umdenken braucht Zeit...

Immer mal wieder habe ich diesen Spruch hier im Blog gepostet und verwende ihn tatsächlich auch da draußen. Ich muss mal schauen, ob ich ihn bei den Weisheiten links aufgeschrieben habe... nein, habe ich nicht - das wird dann umgehend geändert, denn gestern hatte ich wieder eine dieser Episoden, die mir die Bedeutung des Satzes vor Augen geführt haben:

"Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann."

Ein Plädoyer gegen Engstirnigkeit, gegen festgefahrene Meinungen, für mehr Blickwinkel, für neue Perspektiven und auch für neue Chancen. Einfaches Beispiel gefällig?

Vor ein paar Jahren hatte ich entdeckt, dass mein Fernseher 3D-fähig ist, hatte mir die dazu nötige Brille besorgt und wollte ein paar Filme dreidimensional erleben. Beim Bummeln durch einen nahegelegenen Supermarkt fand ich, im Preis drastisch reduziert, die 3D-Bluray von Mad Max: Fury Road (2014) [MM:FR]. Eingepackt und angesehen. Damals hatte ich noch nicht die Angewohnheit, den kritischen Konsensus über einen Film zu konsultieren, bin also vollkommen unvoreingenommen an diesen Film gegangen und saß zwei Stunden recht fassungslos vor dem Bildschirm.

Was war denn das für ein Scheiß?! Zwei Stunden lang fahren da ein paar Leute durch eine karge Landschaft. Fast ununterbrochen. Worum ging es da eigentlich? Sollte das auch eine Handlung haben oder nur pure Action? Wie ich so etwas hasste: Filme, die Action nur um ihrer selbst willen verwendeten. Immerhin, die Liste der Charaktere war bunt, wobei ich nicht verstanden habe, warum die sich Sprühfarbe auf die Zähne knallten, warum es da Blood Bags gab, warum diese einarmige Frau einen war rig fuhr und Unzähliges mehr... kurzum: Ich fand den Film extrem scheiße, war davon überzeugt, mir gerade ein neues Kapitel Trash-Geschichte angeschaut zu haben, und auch wenn ich hin und wieder Trash mag (Elvira anyone?), so war das absolut underwhelming.

Das musste ich mir nur noch einmal bestätigen lassen und habe also in der Wikipedia den Kritikerspiegel angeschaut und mir blieb der Mund offen stehen bei dem, was dort so stand: ...one of the greatest action films of all time...one of the greatest films of the 21st century...ten Academy Award nominations...six wins...97% positive reviews on rottentomatoes.com...Brian Tallerico for rogerebert.com gives 4/4 stars...best science fiction film of all time on rottentomatoes.com...

What the...?! Hatten die einen anderen Film angesehen als ich, der ich mich soeben noch um zwei Stunden Lebenszeit beraubt fühlte??? Never!!! Perplex und wütend legte ich die Disc beiseite, und an meiner ablehnenden Haltung diesem Film gegenüber änderte sich für lange Zeit nichts.

Das war vor ein paar Jahren. Ich habe meine Haltung zu Filmen im Allgemeinen und speziell zu Science Fiction geändert. Ich habe gelernt, eine offene Geisteshaltung anzunehmen für all' diese What If-Szenarien, mich darauf einzulassen und sie zu akzeptieren. Und es hat sich gelohnt: So halte ich mittlerweile den Blade Runner und seine Fortsetzung von Zweitausendsiebzehn für ein visionäres Meisterwerk und kann es in vollen Zügen genießen, mich in diese Welt fallen lassen. Vielleicht konnte ich ja auch MM:FR jetzt diese Chance geben und nachvollziehen, was die Leute daran finden?

Und so ging es dann gestern auf die Reise in diese postapokalyptische Dürre. Ich wollte schon vorgestern, hatte dann aber gemerkt, dass ich erst noch meine 3D-Brille aufladen musste und habe das dann während eines anderen Filmes gemacht. Das hat natürlich die Spannung auf gestern noch weiter gesteigert.

Es war, als ob ich einen anderen Film sah: Ein visuell extrem reichhaltiger Film, dessen mörderisches Tempo von einem tollen orchestralen Soundtrack unterstützt wurde, ungewöhnliche Frauenrollen, flexible character arcs, ein interessantes Schlaglicht auf Menschen mit Behinderungen, Farbcodierung in der Kameraarbeit, unterschiedliche Lebensphilosophien, ich habe endlich das Chromspray und die "Witness!"-Rufe verstanden, die Bedeutung von Wasser und guzzoline, die Trommeln und den Lautsprecherwagen...

...und ich hatte inzwischen endlich ein paar Vergleichswerte in anderen SciFi-Filmen angesammelt, und wieder blieb mir der Mund offen stehen - diesmal allerdings nicht nach, sondern während des Filmes, weil ich jede einzelne Kameraeinstellung, jeden einzelnen frame genießen konnte, und als der Film zu Ende war - genaugenommen bis jetzt gerade - schwebt mir der Gedanke im Kopf herum, dass ich ihn noch einmal schauen möchte, und wenn es nur ist, um all' die Anblicke und die Musik noch einmal zu genießen.

Und mir wird bewusst, was ich mir habe entgehen lassen wegen einer festgefahrenen Haltung im Kopf, und ich hoffe, dass mir das nicht mehr so oft passieren wird wie früher.

"Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann."

...und dabei gilt: Man kann die Richtungsänderung nicht krampfhaft beeinflussen wollen. Das geht so nicht. Thema Er: Sonst hätte ich ihm die Offenheit gegeben, seiner Freunden zu erzählen, dass es mich immer noch gibt, und den Mut, dass wir Dinge zusammen unternehmen. Das Ändern einer Denkrichtung braucht Zeit.

Viel Zeit.

Dienstag, 24. Juli 2018

Fessel' mich

Who can forget...?

Unter all' den diversen Nachrichten, die dieser Tage eintrudeln, findet sich auch ein Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, der sich mit Freiheitsberaubung auseinandersetzt, und ich frage mich, ob dieser Beschluss eine Farce darstellt oder eine tatsächlich sinnvolle Maßnahme ist.

Ich habe ein paar Jahre lang Kinder aus jugendpädagogischen Einrichtungen unterrichtet. In dieser Zeit habe ich in Gesprächen mit Heimleitungen das Konzept der Fixierung kennengelernt: Manchmal kann es nötig sein, als Schutz eines Menschen vor sich selbst, oder um Andere zu schützen, einen Menschen bewegungsunfähig zu machen - zu fixieren. Zu fesseln.

Dabei muss es nicht immer zum Extremfall der Sieben-Punkt-Fixierung (Hände, Füße, Bauch, Brust, Kopf) kommen. Viele von uns haben in Filmen wie One Flew Over The Cuckoo's Nest schon einmal gesehen, wie das genau aussieht. Das Gericht hat nun beschlossen, dass so eine Fixierung ohne richterlichen Beschluss verfassungswidrig ist, da sie einen Eingriff in die persönliche Freiheit des Patienten darstellt.

In drei Bundesländern war es bereits üblich, diese Fixierung nur auf richterlichen Beschluss zu vollziehen, andernorts hat die Verordnung eines Arztes gereicht. Einhergehend mit dem neuen Urteil soll also nun bundesweit eine richterliche Bereitschaft installiert werden, damit man ohne lange Verwaltungswege die (hoffentlich notwendige) Fixierung eines Patienten durchsetzen kann.

Ich weiß ehrlich nicht, was ich von dieser Neuerung halten soll, gerade weil ich mich mit Heimleitungen unterhalten habe, und gerade weil ich das aus der Schule her kenne: Manchmal kann einem Pädagogen das Schulgesetz im Weg stehen. Ich will diesen Satz gar nicht weiter beleuchten oder kommentieren, das ist einfach nur eine Feststellung nach meiner bisherigen Schulerfahrung. Möge jeder für sich selbst entdecken.

Das heißt also, wenn ich in einer geschlossenen Psychiatrie einen akuten Notfall habe und eine Fixierung nötig ist, muss ich zuerst einen Anruf bei dem zuständigen Richter tätigen. Und der soll, entfernt, wie er nun mal ist, binnen weniger Sekunden oder Minuten eine Entscheidung fällen. Ich vermute, dass er das ist den meisten Fällen zulassen wird, weil ein Richter vielleicht kein ausgebildeter Psychiater ist, oder man wird dafür Spezialisten suchen.

Ich sehe diesen Beschluss tatsächlich als Hürde. Ich kann den Blickwinkel des Bundesverwaltungsgerichts verstehen. Es wird verhindert, dass Menschen ihre Machtstellung in Psychiatrien ausnutzen. Es fällt mir schwer, eine eindeutige Meinung dazu zu bilden. Wie seht Ihr das?

post scriptum: Unter das Bild oben habe ich geschrieben "Who can forget...?" - aber wer weder Buch noch Film kennt, wird sich nicht an Oberschwester Mildred Ratched aus Ken Keseys "One Flew Over The Cuckoo's Nest" erinnern. Lese- bzw. Schauempfehlung!

Montag, 23. Juli 2018

Psychisch auffällig

Er? Ich?

Der eine oder andere Norddeutsche dürfte von dem Vorfall in einem Lübecker Linienbus vor Kurzem gehört haben. Wobei... der Fall hat es tatsächlich bundesweit in die Presse geschafft, also war es tatsächlich schwer, dieser Neuigkeit auszuweichen. Falls doch jemand den Nachrichten entkommen ist: In einem Bus der Linie Dreißig hat ein Mann einen rauchenden Rucksack abgestellt, der, wie sich dann herausstellte, Brandbeschleuniger enthielt; wohl mit dem Plan, den Bus in Brand zu setzen. Mehrere Fahrgäste haben versucht, ihn zu überwältigen, wobei er sich mit einem Messer wehrte und zehn Menschen verletzte.

Genaue Hintergründe stehen noch aus, aber die Kieler Nachrichten titeln heute, dass der Täter als "psychisch auffällig" galt. Das ist natürlich genau das, was viele Menschen hören wollen. Es ist immer irgendwie einfacher, wenn man Täter als verrückt abstempeln kann, denn dann ist es leichter sich einzureden, dass es immer nur die Anderen sind.

Psychisch auffällig? Lass' mich mal in den Spiegel sehen... ich bin menschenscheu, lebe in einer fast immer abgedunkelten Wohnung, esse so gut wie nie vor achtzehn Uhr, gehe nicht an's Telefon, mag nicht angefasst werden - ich habe auch psychische Auffälligkeiten. Haben wir die nicht alle? Kontrollwahn, Waschzwang, ist der Herd auch wirklich aus, Selbstgespräche...

Warum schreibe ich überhaupt über dieses Thema, wo soll das hinführen? Das Schleswig-Holstein-Magazin hat mir gerade mitgeteilt, dass es immer noch keine Erkenntnisse im Fall Lübeck gibt; mir ist nur wichtig - vor allem in der pädagogischen Arbeit - ein Verständnis dafür zu schaffen, dass es nicht immer die Anderen sind, die verrückt sind. Die Verrücktes tun. Jeder möge sich selbst einmal hinterfragen.

Psychisch auffällig ist okay. Solange wir psychisch Auffälligen gegenüber aufgeschlossen sind. Und solange wir psychisch Auffälligen niemandem schaden.

Samstag, 21. Juli 2018

Teen Angst

Angst vor dem Unbekannten? Angst vor der Veränderung?

Klingt schräg, aber der Begriff teen angst hat es tatsächlich in den englischen Sprachgebrauch geschafft. Viele Leser sind sicherlich mit den Konzepten von Initiation und Coming-of-Age vertraut, dem Übergang von einem unschuldigen Leben zu einem, das sich der Negativität in der Welt bewusst wird. Gerade noch hielt er sich für unsterblich, den Mittelpunkt des Universums und alles, was er tat, war natürlich richtig, und dann passiert etwas, was dieses Bild im Kopf für immer zerschmettert.

Das haben wir alle durchgemacht, manche haben es noch vor sich. Es ist ein sehr beliebter Topos in der Literatur, und auch in Filmen wird es gern thematisiert. Mir fällt das zur Zeit auf, weil ich vorgestern einen Film mit eben dieser Thematik gesehen habe, und dass es ein ziemlich guter Film war, zeigt sich darin, dass er nachwirkt. Ich habe heute noch schnell, bevor die zweitägige Amazon-Leihperiode ausgelaufen ist, einige Szenen noch einmal angeschaut und ich denke, dass ich den Film in meine Sammlung aufnehmen sollte.

Man kann Initiationsgeschichten in unterschiedlichen Genres verarbeiten. Stand By Me (1986), nach Stephen King, ist ein Abenteuerfilm, in dem eine Freundesgruppe um die vierzehn Jahre sich auf den Weg macht, eine Leiche aufzusuchen. Klassischer Stoff, im Englischen nennt man ein solches Abenteuer Quest - ein Abenteuer, von dem man reifer, erwachsener zurückkommt. War echt schön, sich mit der Geschichte ein bisschen nostalgisieren zu lassen.

Es kann auch rabenschwarzer Humor sein; im Rahmen meiner Examensarbeit bin ich über den Film Heathers (1988) gestolpert, der sich auf die Zeit nach der Initiation konzentriert - und der Begriff teen angst wird wörtlich gebraucht. Und Wynona Rider und Christian Slater geben ein herrliches Mörderpärchen ab.

Man kann allerdings auch bierernst und authentisch herangehen. Man kann entscheiden, sein Regiedebüt in die Neunziger zu legen, wenn man Kevin Phillips heißt, und kann beschließen, Teenager genau so darzustellen, wie sie sind - fürchterlich uncool, jungfräulich und mit großen Sprüchen. In Super Dark Times (2017) führt ein grausiger - und leider nicht vollkommen unrealistischer - Unfall dazu, dass eine Freundesclique sich verändert. Mit der Unschuld ist es vorbei, stattdessen scheinen nach und nach Angst, Eifersucht, Paranoia und Gewaltphantasien das Leben zu beherrschen.

Ich habe länger überlegt, warum der Film bei mir so sehr nachwirkt. Ist es der sehr intensive Gebrauch der subjektiven Kamera? Ist es die durchweg überzeugende Darstellung der jungen Schauspieler? Der Gedanke, dass all' das wirklich so passiert sein könnte? Die Erinnerung an Columbine? In mir hat der Film Gedanken an den Fall Marcel Heße geweckt, nicht allzu lange her und äußerst verstörend. Einer der Charaktere im Film wirkt besonders gen Ende sehr kalt - und das scheint leider nicht mehr vollkommen unwahrscheinlich.

Wir unterrichten Teenager in einer verdammt schwierigen Phase ihres Lebens. Ein offenes Ohr könnte helfen... oder zumindest das Bewusstsein, dass diese Schüler eine sehr harte Zeit durchmachen.

post scriptum: Ach ja, man kann Coming of Age natürlich auch in einem Horrorfilm thematisieren. Darüber hatte ich geschrieben - der Film heißt "It Follows" - und auch dort erfährt der Zuschauer sehr deutlich, dass die Protagonisten am Ende des Films eine Wandlung durchgemacht haben. Alles anschauliche und wirklich gute Filme.

Donnerstag, 19. Juli 2018

Rezensionen


Ich lese nach einem Film gern eine Rezension. Die große Buba macht das nicht, und hat mir das so erklärt, dass sie sich gern ihre eigene Meinung bildet, sei es zu Büchern, Filmen, Spielen, whatever. Und sie mag es nicht, wenn ihre eigene Meinung durch die Rezensionen Anderer verschwimmt. Ich kann das nachvollziehen, aber ich ticke anders.

Beispiel Film. Wenn ich mir einen Film anschauen möchte, den ich noch nicht kenne, versuche ich mit maximaler Naivität heranzugehen. Ich lese keine Inhaltsangabe, ich schaue mir keine Trailer an, ich möchte, dass der Film "pur" wirkt. Das Einzige, was ich mir vorher anschaue, ist die Quote auf rottentomatoes.com - wieviel Prozent der dortigen Kritikerrezensionen sind positiv?

Denn ich möchte "scheinbar" gute Filme schauen, ich möchte herausfinden, was einen guten Film ausmacht. Ich möchte herausfinden, wie manche Filme es schaffen, die Kritiker durch die Bank zu begeistern. Das bedeutet nicht, dass ich mir meine eigene Meinung nicht mehr bilden kann. Allerdings habe ich eine Grundlage, auf der ich meinen Kommentar zu dem Film abgeben kann.

Zum Beispiel der Film The Usual Suspects (1995). Das ist der mit Keyser Soze. Das Publikum scheint den Film zu lieben, er ist sehr populär (wie man dem IMDb-Ranking entnehmen kann). Achtundachtzig Prozent der Rezensionen sind positiv - aber ich habe mir meine eigene Meinung gebildet, ich kann mit dem Film nichts anfangen. Ich finde ihn nicht spannend, ich habe kaum Anreize, ihn zuende zu schauen. Daran ändern auch die Rezensionen nichts.

Was sie allerdings ändern können, ist mein Horizont. Ich lese nur die Rezensionen von Roger Ebert, weil ich da sicher sein kann, dass der Mann wusste, was er tat; den Pulitzerpreis hat er sich verdient. Das heißt nicht, dass ich immer seiner Meinung bin - so fand er Disneys Tron (1982) ganz toll, ich sehe das anders. Ich finde seine Rezensionen aber in jedem Fall bereichernd. Ebert schafft es, mir andere Blickwinkel auf einen Film zu geben, andere Denkimpulse. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich würde ohne das Abgleichen mit der Kritik Angst haben, dass ich zu engstirnig werde. Ich möchte immer andere Sichtweisen kennenlernen. Das nützt mir letztlich auch in der Arbeit als Lehrer, denn ich muss versuchen, Ereignisse aus der Sicht eines Schülers zu betrachten, und ich muss mir alternative Untrerrichtsideen von Kollegen abschauen. Einfach, um flexibel zu bleiben und meinen Horizont zu erweitern.

Montag, 16. Juli 2018

Hochbegabung visualisiert


Es gibt Filme, die ziemlich treffend darstellen, wie es sich anfühlt, hochbegabt zu sein. Denn man kann sich das nicht einfach so vorstellen, genauso wie ich mir normalbegabtes Erleben nicht vorstellen kann. Ich denke, ich werde einen Link links setzen. Zu Filmen, bei denen ich das Gefühl hatte "Oh ja, so geht es mir auch!" - das kann das Filmerlebnis erstaunlich intensivieren. Und es tut so gut, solche Filme zu sehen. Als würde ich mich verstanden fühlen.

Natürlich hat ein Film diese Gedanken ausgelöst, und zwar Darren Aronowskys Debütwerk Pi (1998). Mit einem geringen Budget hat er einen genialen Film erschaffen, der sich um einen hochintelligenten Mathematiker dreht. Ich habe beim Anschauen mehrfach gedacht, "Hey, das kenne ich, so mache ich das auch", und gleichzeitig ist der Film unglaublich spannend - wenn man ihn nachvollziehen kann.

So geht zum Beispiel der Hauptcharakter nicht gern an's Telefon, er öffnet nicht, wenn jemand klopft, sondern schaut durch das Schlüsselloch. Er meidet Kontakt mit Menschen. Seine Wohnung ist chaotisch, zweckdienlich. Er beruhigt sich, indem er Zahlenreihen im Kopf durchgeht. Er vergisst Menschen. Er vergisst alles, was nicht wichtig ist. Er ist in seinem eigenen Gedankenzug, Anderes wird kaum wahrgenommen. Die subjektive Kamera zeigt das sehr gut.

Dass das deutsche Elektro-Musikprojekt welle:erdball viele Zitate aus diesem Film in einigen ihrer Lieder verarbeitet haben, hat dazu geführt, dass ich viele "Ach, daher kommt das!"-Momente hatte, weil ich in meiner intensiven Lost Souls-Phase viel Musik von ihnen gehört habe. Das Album Chaos Total (2006) ist eine Liebeserklärung an diesen Film.

Ich notiere in diesem Beitrag also Besprechungen zu Filmen, die mit unterschiedlichsten Techniken "hochbegabtes Erleben" darstellen, für alle, die es interessiert. Da kommt bestimmt noch etwas hinzu.

Pi (1998)

Ben X (2007) über einen Schüler mit Asperger-Syndrom

The Social Network (2010) über Mark Zuckerberg, Facebook-Gründer und hochintelligenter Kopf

Nightcrawler (2014) über einen zielstrebigen, manipulativen jungen Mann

The Imitation Game (2014) über Alan Turing, einen der Entwickler des heutigen Computers

Sonntag, 15. Juli 2018

Ich könnte jetzt Angst haben - oder...

Vielleicht wird jetzt ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlossen...

Interessant, wie man Leser manipulieren kann - der letzte Beitrag hatte so wenige Klicks wie seit über zwei Monaten nicht mehr, und das, obwohl er womöglich eine entscheidende Wendung in meinem Leben dokumentiert. Aber ich habe diese Wendung maskiert (Mask-HÄH!), außerdem sind Ferien, die Leute sind im Urlaub und mit ihrem Privatleben beschäftigt. Also alles in Ordnung. In a nutshell:

Ich bin jetzt Berufsschullehrer. Vielleicht für immer.

Ich habe noch nie an einer Berufsschule unterrichtet. Als die Anfrage kam, hatte ich einfach nur Angst. Keine Freude, dass ich mich vielleicht nicht arbeitslos melden muss. Keine Neugier auf die neue Herausforderung. Kein Leuchten in den Augen wegen einer Chance zur Verbeamtung. Einfach nur Angst. Angst vor Veränderung in meinem Leben. Angst vor dem Unbekannten. Angst vor der Absage. Angst davor, wieder einen Dämpfer zu bekommen.

Und somit hätte ich beinahe nicht auf diese Anfrage geantwortet. Wenn da nicht die Sannitanic gewesen wäre, die mir schon so oft die nötige Vernunft und den gesunden Menschenverstand in meinen seltsamen Schädel geprügelt hat. Wenn da nicht die große Buba gewesen wäre, um mich zu dem Auswahlgespräch zu begleiten. Wenn da nicht mein Papa gewesen wäre, um die neue Autobatterie einzubauen. In solchen Situationen erlebe ich, welche Menschen mir in meinem Leben wichtig sind. Und ich wünschte, Er wäre da, ich wünschte, ich könnte diesen Moment mit ihm teilen, aber das kann ich nicht. Ich habe Geduld.

Ich habe nicht im Geringsten mit einer Zusage gerechnet. Mehrere Bewerber, und wie ich einst geschrieben habe, nimmt mich keine unbekannte Schule, wenn mehrere Bewerber da sind. Ich verkaufe mich einfach nicht gut. Zu ehrlich. Zu sehr ich selbst. Das will doch keiner sehen. Und so bin ich diesmal auch leicht depressiv vom Gespräch nach Hause gefahren. Den weiteren Verlauf habe ich im letzten Beitrag beschrieben.

Ich könnte jetzt Angst haben.

Angst davor, dass ich mehrere Lerngruppen durch das Abitur führen muss. Dass ich ein Fachabi abnehmen muss, was mir momentan noch unbekannt ist. Dass ich selbst diese Fachabitur-Prüfungen entwerfen muss. Dass ich an unbekannten Orten unterrichte. Dass ich den Anforderungen nicht gerecht werden kann. Dass ich nie wieder Latein unterrichten werde. Dass... es könnte ewig so weitergehen; ein hochbegabter Geist wird nie müde, sich alles Negative auszumalen, was passieren könnte.

Oder ich könnte die Hand, die mir gereicht wurde, nehmen. Ich konnte das entgegengebrachte Vertrauen als Chance verstehen. Meine Chance, endlich mal den richtigen Zug im Leben zu bekommen, endlich mal alles richtig zu machen, weil ich endlich eine Perspektive habe. Ich habe noch fünf Wochen Ferien - Zeit genug, um mich in alles einzulesen. Zeit genug, um mir vorzunehmen, über meine neue Schule in diesem Blog nichts zu schreiben, um niemanden zu düpieren; die alten Schulen bieten Erlebnisse genug, über die ich noch nicht berichtet habe. Zeit genug, wieder Autofahren lieben zu lernen.

"Wir freuen uns auf sie - das wird was!"

Zeit genug, die Tragweite, dieses Satzes abzuschätzen.

post scriptum: Angst davor, dass ich nie wieder Latein unterrichten werde, hatte ich zu keinem Zeitpunkt. Am Anfang, in St.Peter-Ording, war mir der Gedanke befremdlich, nur noch Englisch zu unterrichten. Dann habe ich es fünf Jahre gemacht - und mir hat überhaupt nichts gefehlt. Ich konnte meinem neuen Arbeitgeber aufrechten Rückgrats bestätigen, dass ich damit kein Problem haben würde.