Mittwoch, 20. Juni 2018

Sex mit Schwertern


Lateinlehrer ahnen, was kommt: Stilblüten aus einer Lateinklausur, die Krönung zuerst:

"Und er führte das Eisen, das er sich umgeschnallt hatte, in ihre Lenden ein."
quoque accinctus erat, demisit in ilia ferrum
eigentlich: "Und er rammte das Schwert, mit dem er bewaffnet war, in seinen Unterleib."

Ovid, wie er leibte und liebte. Inklusive Umschnalldildo. Das klingt klassisch nach Schüler: Ich weiß nicht, was der Satz bedeuten soll, also bastele ich ihn mir so zurecht, wie ich mir das vorstelle. Und am Ende nicht Korrekturlesen, das verdirbt nur den Spaß. Dann würde solch' ein Satzbau auffallen:

"Ich habe dich getötet, du Arme, am Furcht erfüllten Ort, den ich nachts guthieß du sollst kommen, und nicht ich komme als Früherer hierhin."

Und jeder von uns kennt Antworten, die man kaum entziffern kann:

"Pyramus ih ein Kleidungsstük aus Titte abmeld, unft sich du Tod zu sie nachts denthingeschikt zu haben, und sagt du Löra, den sie sen Hut and zehren sollten, verl er es nicht anhölt..."

Und immer diese kitschigen Selbstmorde:

"Pyramus' Vorwürfe sind zwar berechtigt, er hat schließlich mit zugestimmt, sich in einem Wald voller Löwen zu treffen, jedoch hätte Schlimmeres verhindert werden können, wenn er sich nicht nach drei Minuten Monolog in sein Schwert gestürzt hätte." (halber Extrapunkt!)

Auf die Frage "Was sind die Metamorphosen?" nach vier Monaten Unterrichtsthema diese Antwort:

"Ich vermute, dass eine Metamorphose eine Geschichte ist, in der Menschen zu etwas "fabelhaften" werden oder sich Götter zu Lebewesen verwandeln. Da ich in vielen Serien etwas von "Meta-Wesen" höre und dies Menschen waren und jetzt bestimmte Fähigkeiten haben."

Satzbau, die Zweite:

" Von welchen das lange zerstörte Leben war, ist unsere Leidenschaft schuldig: Ich dich, du Arme, ich tötete." - "Durch welches war langes, würdiges Leben unser, jenes Tier schuldig sein." - "Aus welcher jener ein langes, würdiges Leben machte, es ist unser schuldiger Geist."

So, ich nehme mir jetzt zum Kuscheln mein Kleidungsstück aus Titte und gehe in's Bett!

Sonntag, 17. Juni 2018

Wer bin ich?


So eine einfache Frage mit so unendlich vielen Facetten. Nicht ohne Grund spielt der Ausdruck Identität in diesem Blog immer wieder eine sehr wichtige Rolle. Nosce te ipsum haben die ollen Römer gesagt, "erkenne dich selbst". Aber das ist gar nicht so einfach.

Ich suche seit Jahren nach meiner Identität, und von Jahr zu Jahr kann ich meinem Persönlichkeits-Puzzle Teile hinzufügen. Ich frage mich "Was macht mich aus?" - "Wie definiere ich mich?" - und stelle fest, dass ich da sehr labil bin. Wann immer ich etwas Neues über mich herausfinde, definiere ich mich darüber.

Als ich mich endlich geoutet hatte, war ich irgendwie "nur noch" schwul. Ich bin auf Szeneparties gegangen, ich habe Toleranz und Akzeptanz von meinen Mitmenschen eingefordert, ich war Dauergast bei Gayromeo, ich habe viele der Entscheidungen meines Alltags unter der Schwulenperspektive getroffen. Das war mir wichtig, endlich konnte ich das ausleben, also wollte ich diesen Umstand an meinem Lebensalltag teilhaben lassen. Ich habe diesen Faktor in meinen wissenschaftlichen Hausarbeiten auftauchen lassen, ich habe Referate über schwule Schriftsteller gehalten (Tennessee Williams, Chuck Palahniuk, Douglas Coupland anyone?). Ich habe mit Freunden ununterbrochen über Homosexualität gesprochen.

Irgendwann, Monate, Jahre später hatte ich mich daran gewöhnt. Mit einem Mal wurde ich zum Gothic. Ich hatte nur ganz vorsichtig angefangen, ganz zögerlich mein erstes Gothic-Album gehört (Tristania - Widow's Weeds). Nach und nach mehr schwarz getragen... und dann ist auch der Knoten geplatzt, ich bin auf Szeneparties gegangen, ich bin mit Kayal in die Uni gegangen, ich trug fast nur noch schwarz. Mein kompletter Musikgeschmack hat sich gewandelt. Was interessierte es mich überhaupt noch, dass ich schwul war? Gothic zu sein, das war mir viel wichtiger. Ich habe Freunde mit zur Lost Souls geschleppt, ich habe mein Profil im StudiVZ überarbeitet, so dass es keinen Zweifel mehr an meiner Ausrichtung gab, ich habe zuhause düstere, alberne Rituale durchgeführt (die mir damals aber wichtig waren).

Wurde alles normal, alles Alltag. Dann kam in großen Schritten meine Examensarbeit, die viel mit mir angestellt hat (ich werde irgendwann einmal darüber schreiben, denn das war tatsächlich ein Wendepunkt in meinem Leben). Erst nur Recherche, dann als richtige Aufgabe habe ich mich mit psychoaktiven Substanzen auseinandergesetzt und bin in die Suchtprävention gegangen. Gegenüber meinen Mitmenschen habe ich mich nicht darüber definiert (die besten Freundinnen mal ausgenommen), weil das Thema einen stigmatisiert und man damit nicht hausieren gehen sollte. Auch nicht, wenn man einfach nur aufklären möchte. Also nicht definiert, aber ich habe viel Freizeit damit verbracht, mich über diese Substanzen zu informieren, und habe Gundula Barschs Thesen zum Thema Drogenmündigkeit geradezu inhaliert. Im Netz hat damals ein User für mich ein bisschen Bildbearbeitung gemacht - siehe oben. Das war alles neu für mich - für eine Weile.

Und auch das ließ irgendwann nach. Okay, ich bin schwul. Okay, ich bin Gothic. Okay, ich kenne mich mit Drogen aus. Alles kein Mainstream, aber für mich dann letztlich doch normal geworden. Und dann kam das Referendariat, dann kam dieses eine Modul über besondere Lernausgangslagen, in dem über diverse Förderstatus gesprochen wurde, aber eben auch über Hochbegabung. Und ich saß da, die anderen wollten nachmittags nur noch nach Hause, und ich klebte mit meinem Blick seit zwei Stunden an der Symptomliste Hochbegabung fest. Und unendlich viele Teile meiner Jugend fielen endlich an ihren richtigen Platz. Auf einmal wusste ich, was mit mir immer "verkehrt" war, auf einmal konnte ich mir das alles erklären. Und sorry, liebe Mitmenschen, aber wenn dreißig Jahre Komischsein endlich erklärt werden, dann nimmt mich das mit.

Auf einmal war ich hochbegabt - und schien bzw. scheine mich nur noch über die Hochbegabung zu definieren, seit mittlerweile vier Jahren. Ich versuche, mein komisches Verhalten damit zu erläutern, ich versuche, mit meinen Problemen als Hochbegabter umzugehen, denn nun weiß ich mehr darüber, nun kenne ich Strategien. Aus Angst, dass Menschen mich auch weiterhin komisch finden würden, begrüßte ich sie quasi immer mit "...und ich bin hochbegabt." - was ein großer Fehler ist, gerade gegenüber Menschen, die mich gar nicht kennen, denn auf einmal bin ich wieder arrogant und überheblich und "...warum muss er eigentlich immer wieder mit seiner Hochbegabung anfangen?" - Letzterer Satz ist ja wahrscheinlich berechtigt. Deswegen höre ich ihn in den letzten Jahren immer und immer wieder. Nicht direkt, aber hinter meinem Rücken. Und ich schäme mich dafür und lerne "Sei hochbegabt, aber rede nicht drüber", mal schauen, wann ich das endlich verinnerlicht habe.

Ich bin ein Exot - zehn Prozent der Bevölkerung sind homosexuell. Gothics dürften nicht mehr als fünf Prozent sein, eher noch weniger. Und hochbegabt sind zwei bis drei Prozent. Alles zusammen macht mich zu einem Exoten, und genau darauf beziehe ich mich, wenn ich zu anderen Menschen sage "Ich bin ein bisschen komisch". Und dann sagen sie ganz nett, ach, das sind wir doch alle, und wenn sie dann irgendwann merken, was ich meine, kommt so etwas wie "Das hättest du auch gleich sagen können."

All' das war ich. All' das bin ich.

Und wer bist Du?

post scriptum: Ich will mein Verhalten hier gar nicht rechtfertigen. Sondern nur einmal vom Herzen schreiben, weil die große Buba mich in zwei Fällen darauf hingewiesen hat, dass ich mich - in der jeweiligen Phase - fast nur noch über meine neue Eigenheit zu definieren schien. Und ich bin dankbar, dass sie das gesagt hat, denn ich selbst habe das überhaupt nicht mitbekommen und andere Menschen, wie gesagt, haben nur hinter meinem Rücken darüber geredet.

Samstag, 16. Juni 2018

Fußball-Wemm

Warum nicht viel lieber Bowling a la The Big Lebowski?

Alle vier Jahre ist es soweit - die Fußball-Junkies kommen in einen Vollrausch, die ganze Welt spielt verrückt. Die ganze Welt? Nein, da gibt es einige wenige Ausnahmen, eine davon bin ich, weil mich Fußball wirklich so überhaupt nicht tangiert. Im Gegenteil, ich kann mir diese Machismo-Parade nicht antun. Zumindest war es meistens so; vor vier Jahren habe ich ab dem Achtelfinale tatsächlich Deutschlands Spiele eingeschaltet. Nicht geschaut, nicht aktiv verfolgt, aber im Hintergrund laufen gehabt. Weil halt doch ein bisschen Spannung dabei war, ob "unsere Jungs" es diesmal wohl schaffen würden.

Das kam auch eigentlich erst, weil Er und ich uns für einen schönen Abend verabredet hatten, an dem ein Spiel war. Klar haben wir das geschaut, denn Er fährt total auf Fußball ab, wie so viele, und ich wollte, dass Er einen schönen Abend hat. Und fand es gar nicht mal so uninteressant. Zwar kein Vergleich zum Rest des Abends... schwärm... aber recht kurzweilig. So kam es wohl dazu.

Ich finde diese Unsummen Geld, die im Fußball-Business fließen, irgendwie komisch. Suspekt. Dafür, dass jemand auf einen Ball eintritt. Aber gut, genauso wird sich sicherlich ein Fußballspieler fragen, warum der Lehrer seiner Kinder so "viel" Geld verdient, während er ihnen doch eigentlich nur Vorlesungen hält.

Suspekt finde ich die Bestechungen, von denen man hört, suspekt finde ich den ganzen Hooligan-Quatsch, suspekt finde ich, wie Männer sich zu Vollidioten entwickeln (wenngleich man sich mit fünfunddreißig Jahren daran gewöhnt hat), suspekt finde ich, dass Frauenfußball für so viel weniger wichtig erachtet wird, suspekt finde ich die Ausrede der Fußball-WM als Grund, sich volllaufen zu lassen. Das können wir auch ohne Grund (wobei ich das tatsächlich weit hinter mir gelassen habe).

Und trotzdem muss ich mit einem Hauch Wehmut zugeben, dass ich gern wieder ein Spiel anschauen würde, wenn Er dafür rüberkommen könnte. Würde. Aber okay, es wird ja nicht die letzte Weltmeisterschaft gewesen sein.

Freitag, 15. Juni 2018

These Days


Den gestrigen Artikel zu schreiben, das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Es hat Spaß gemacht, über die Perspektivwechsel nachzudenken, es hat Spaß gemacht, über den Einsatz von 2nd- bzw. 3rd person perspective zu sinnieren, es hat Spaß gemacht, die an dem Beitrag beteiligte Person um Erlaubnis zur Veröffentlichung zu bitten und ihr Feedback zu dem Artikel zu bekommen, es hat Spaß gemacht, zu hören, was die große Buba dazu zu sagen hatte. All' das hat Spaß gemacht.

Und das erwähne ich, weil Spaß Mangelware ist während These Days. These Days, das ist die Zeit zwischen den Oster- und den Sommerferien, und jeder Lehrer, der nicht mehr im ersten Lehrjahr ist, weiß genau, was damit gemeint ist - und jeder Lehrer im ersten Unterrichtsjahr bekommt die Ohren vollgejammert von den erfahreneren Kollegen, wie schlimm These Days doch sind, blablabla, behandelt mich nicht schon wieder, als wäre ich vollkommen grün hinter den Ohren! ...mit dem Unterschied, dass sie ja vollkommen Recht haben.

Wenn Du klug, weise und vorausplanend bist, hast Du bereits vier Deiner fünf erforderlichen Leistungsnachweise a.k.a. Klassenarbeiten im Schuljahr vor den Osterferien geschrieben. Wenn nicht, wenn Du keine vorausschauende Stoffverteilung und kalendarische Planung der Schultage gemacht hast, so wie ich, auch nach sieben Jahren immer noch nicht, dann könnte es Dir wie mir gehen und Du pfeifst aus dem letzten Loch, vernachlässigst alles außer Deiner Vitalfunktionen, der Blog liegt brach, Freunde und Familie hören nichts mehr von Dir, irgendwann kannst Du überhaupt nicht mehr schlafen, waberst nur noch halluzinierend zwischen Korrekturen und Benotungen hin und her und denkst Dir, dass ein Fenstersturz erstaunliche Optionen böte.

Aber wenn wir ehrlich sind, dann geht es auch gut vorausplanenden Lehrkräften manchmal so. Und warum ist das überhaupt so? Was macht These Days so fürchterlich?

In diesen Tagen findet einfach alles statt. Generalproben und Aufführungen von Musicals, Theaterstücken und Konzerten der Schule. Wandertage, Wanderfahrten, Klassenfahrten, Projekttage, Fachtage, Projektwoche. Schüleraustausch, Vorhabenwoche. Himmelfahrt, Pfingsten, bewegliche Ferientage, mündliches Abitur, Schulentwicklungstag. Um es kurz zu machen: Es findet alles statt - nur kein regulärer Unterricht. Zumindest nicht genug, um ausreichend Stoff für zwei Klassenarbeiten zu sammeln und irgendwann auch noch zurückzugeben.

Und so langsam platzt Dein Kopf - oder eher, er implodiert, unter dem Druck von allen Seiten möchte er sich in sich selbst zurückziehen. Vor Dir - eine panische Klasse, die nicht weiß, was sie lernen soll, die Angst hat, weil die Zeugnisnoten immer näher kommen und ihnen schwant jetzt erst, dass sie sich das Halbjahr über zum Kotzen verhalten haben. Hinter Dir - die Fachanforderungen und das Schulgesetz, Paragraphen, Transparenz, Benotungskriterien. Über Dir - der Schulelternbeirat, der wirklich genau darauf achtet, was die neue Lehrkraft so macht, und unter Umständen eine Schulleitung, die eben nicht hinter Dir steht. Neben Dir - die eingebildeten Kollegen, die die ganze Zeit an Dir herummäkeln wollen - die es aber nicht gibt, denn sie sind ein Produkt Deiner Paranoia. Meistens zumindest. Manchmal. Ja, okay. Es gibt sie. Und unter Dir? Jedenfalls nicht Dein Bett, denn an Schlaf ist während These Days nur selten zu denken.

Ich finde diese Phase grauenhaft, immer wieder, und ich scheine unfähig zu sein, daraus zu lernen und mich in irgendeiner Weise darauf vorzubereiten. Und ich bewundere jene Lehrkräfte, die These Days durchstehen und nebenbei nochmal eben eine Familie und eine Wohnung/Haus versorgen müssen. Großartig! Das würde ich nicht schaffen, und deswegen meine ich diese Bewunderung wirklich ganz ehrlich.

Das Leuchtfeuer am Horizont sind die Zeugniskonferenzen. Wenn sie abgehakt sind, die Noten feststehen, dann sind die restlichen Schultage für gewöhnlich eine Art Cooldown. Oder einfach nur die Phase der Erkenntnis, dass Du immer noch keine neue Stelle hast, dass Du ab August wieder arbeitslos bist und immer noch weder Deinen arbeitssuchend-Status angemeldet noch das pbOn auf Stellenangebote durchsucht hast.

Lots of work to do. Let's go!

post scriptum: Und es tut mir leid, dass Er noch nichts von mir gehört hat. Seit über einem Monat habe ich ihm nicht geantwortet. Er wird sich darüber keine Gedanken machen, also müsste ich mir keine Sorgen deswegen machen, aber in meinem Kopf ist es eben doch so. Ich scheine doch tatsächlich Angst zu haben, dass Er eines Tages dann nichts weiter ist als eine Erinnerung in meinem Lebenslauf. Das will ich heute genauso wenig wie vor drei oder fünf Jahren. Auch wenn wir zur Zeit nichts zusammen machen können, weil dieser eine Schalter in seinem Kopf klemmt. Geduld, Doc, Geduld. Das braucht Zeit. Große, wichtige Dinge brauchen Zeit. Und auch, wenn es ihm nicht wirklich bewusst ist - Du wirst immer für ihn da sein. Auch noch nach Jahren der Trennung.

Donnerstag, 14. Juni 2018

Zwei ungleiche Menschen


vorweg: Gründe für die Verzögerung dieses Beitrags gibt es mehrere - dazu aber morgen mehr.

Du gehörst nicht hierher.

Nein, du gehörst definitiv nicht hierher. Da stehst du nun, vor dem Eingang des Bürogebäudes, mit viel Glas und Architektur, und du als kleiner nonkonformistischer Gothic stehst da, schwarzes Shirt mit Totenköpfen, Hose mit Nieten und Ketten, in diesem Gebäude, das "wichtig" ausstrahlt. "Gehen sie durch die Drehtür", so hieß es in seiner Mail, und da fängt es schon wieder an. Du stehst vor dem Bürogebäude, an dem du schon unzählige Male vorbeigefahren bist, und vor dir diese Drehtür, die sich nicht dreht. Und du fragst Dich ernsthaft, ob du da überhaupt reinkommst. Ob du einen Schalter drücken musst. Ob sie vielleicht kaputt ist. Du bist wieder einmal genervt von deinem hochbegabten Gehirn, das sich ununterbrochen Gedanken macht und nicht mal eben Ruhe geben kann. Und du willst fast schon wieder umkehren, aber das geht nicht, denn dieser Termin ist dir wichtig. Er wird deinen Horizont erweitern - und so bringst du die Drehtür mit Bewegungsmelder hinter dich.

Viel Glas, und polierte Wände... ist das Granit? Du fühlst dich wie in einem Film, eines dieser Gebäude, wo unten eine Empfangsdame ist und oben die Herren in den Anzügen und mit dem Geld. Aber hier unten ist keine Empfangsdame. Gar keine Menschen. Und kein Müll, kein Makel, nichts, was nicht in diese Eingangshalle gehört. Und du? Kreideflecken auf deiner schwarzen Hose, die du schon so oft gewaschen hast, dass das Schwarz ausgeblichen ist und einen ganz anderen Ton hat als dein Shirt mit dem Totenkopf darauf. Die Schuhe gestern noch schnell poliert, damit es zumindest ein wenig glänzt, aber deswegen passt du noch lange nicht in diese Umgebung.

Okay, du sollst dich rechts halten, hat er geschrieben, und bei seiner Firma klingeln. Die Klingelknöpfe schüchtern dich nicht so sehr ein wie die Kamera, die dein Gesicht hoch in den fünften Stock transportiert, so dass du noch nicht einmal deinen Namen sagen musst, bevor die Tür vor dir per Summer geöffnet wird. Nun stehst du vor dem Fahrstuhl, und hinter dir versuchen zwei junge Damen, die Summertür aufzuschließen. Du könntest ihnen auch einfach von innen aufmachen, denn sie scheinen dazuzugehören, aber diese neuen Eindrücke beschäftigen dich so sehr, dass du bewegungslos wie gebannt auf die kleine leuchtende Anzeige am Fahrstuhl starrst.

Natürlich ist der Fahrstuhl sauber, mit einem eleganten Fußboden, und irgendwie passen deine schwarzen Sportschuhe nicht dazu. Die Totenköpfe an deiner Armbanduhr spiegeln sich in den Wänden, die jungen Damen fahren mit - sie in den vierten, du in den fünften Stock. Wirklich ganz oben, über den Dingen, und du fühlst dich an deine Wohnung im Studium erinnert - ein Ausblick, den du dein Leben lang nicht vergessen wirst, und der dir unglaublich gut getan hat.

Oben angekommen noch eine verschlossene Tür, das Logo seiner Firma ist zu sehen. Tief durchatmen. Was nun wohl kommt? Du drückst die Klingel und einen ganz kurzen Moment später öffnet dir eine gutaussehende, junge Sekretärin mit einem warmen Lächeln und einem "Ach, sie sind Dr Hilarius, richtig?" - noch bevor du dich selbst vorstellen und sagen kannst, dass du einen Termin bei'm Chef hast. Dir wird klar: Man hat dich erwartet, natürlich. Wenn jemand einen so vollen Terminplan hat wie ein Geschäftsführer, immer auf Achse, in ganz Deutschland unterwegs, und dir dann einen Termin gibt, kannst du sicher sein, dass er sich auf dich eingestellt hat.

Die junge Dame führt dich in einen Konferenzraum, während du nicht genug bekommst von den neuen Eindrücken. Die Büroräume sind hell, offen, von der prallen Nachmittagssonne abgewandt, angenehm klimatisiert. "Darf ich ihnen etwas anbieten, ein Getränk, Kaffee, Wasser?" fragt die junge Dame zuvorkommend und du fühlst dich ein bisschen überwältigt, denn auf dem großen Konferenztisch stehen bereits zwei sorgfältig vorbereitete Tabletts mit Getränkeflaschen und Gläsern. Schüchtern lehnst du das Angebot ab und suchst dir einen Sitzplatz, während sie sich mit einem "Er ist dann gleich bei ihnen" verabschiedet.

Und nun tief durchatmen. Oberste Etage. Die Außenwände aus Glas. Panoramablick über die Kieler Förde. Ein Teppich, der alle Geräusche schluckt, und extrem bequeme Stühle. Mehr als noch unten in der Eingangshalle fühlst du dich wieder wie in einem Film. Diesmal in einem dieser Apartments, von denen aus man ganz New York überblicken kann, und du magst dir gar nicht vorstellen, wie hoch wohl die Mieten für diese Räumlichkeiten sind. Mit Enthaltsamkeit könntest du dir vielleicht eine Zimmerecke leisten. Aber bevor Du diese Gedanken zu nahe an dich heranlässt, entscheidest du dich dafür, es zu genießen. Du nimmst einen Platz, von dem aus du über die gesamte Kieler Förde blicken kannst, und du fühlst dich irgendwie anders. Irgendwie frei.

Damals hättest du dich in einer solchen Situation nicht frei gefühlt. Du hättest dir ein anderes Outfit angezogen, etwas, das "anständiger" aussieht, immerhin sprichst du gleich mit einem wichtigen Menschen, und Du weißt, welchen Wert er auf ein gepflegtes Äußeres legt: Die Haare genau in Form gebracht, gründlich rasiert, und du hast dich damals schon gefragt, ob seine Anzüge maßgeschneidert sind. Du erinnerst dich, dass dir ein Detail in Erinnerung geblieben ist: Seine Anzüge sind elegant, konform, aber er hat eine Sache dabei, die einen eigenen Stil verrät, sei es nun das Einstecktuch oder die Krawatte. Damals hätte dich das alles unglaublich verschüchtert. Aber du lernst langsam, aufrecht zu gehen, ein Rückgrat zu haben und dich mit deiner ganz eigenen Ausstrahlung zu behaupten. Deswegen hattest du heute auch keine Angst davor, in deinem Gothic-Outfit in dieses elegante Gebäude mit den eleganten Schildern und eleganten Menschen zu gehen, mit den großen Fenstern und den teuren Teppichen. Im Gegenteil, du hast dich sehr auf dieses Treffen gefreut, schon seit Längerem, denn gerade weil das für dich eine Welt ist, die du nicht kennst, ist es ein Abenteuer, das dich bereichern wird, dessen bist du dir sicher, und ein Strahlen liegt auf deinem Gesicht, als sich die Tür öffnet.

Es entfaltet sich ein unglaublich entspanntes, befreites Gespräch. Es ist eine Szene, wie sie skurriller kaum sein könnte - da sitzt auf der einen Seite des Tischs ein Geschäftsmann, zwei Meter groß, perfekt gestylt, extrem höflich im Auftreten, und auf der anderen Seite sitzt ein Pädagoge, zwei Meter groß, schwarzes Outfit, Nieten, Ketten, unangepasst, und sie reden miteinander auf Augenhöhe, denn sie wissen beide, worauf es ankommt, und sie wissen beide, was unter dem Äußeren wirklich zählt. Sie sind so unterschiedlich, und doch eint sie der Wunsch nach Individualität und danach, sich selbst treu zu bleiben.

Du erzählst ihm etwas aus deinem Leben, denn ihr sprecht über Individualität und Konformismus, und auch wenn dich viele Menschen für einen arroganten, angepassten Büromenschen halten - hinter deinem Rücken würden sie dich als Lackaffen verunglimpfen - so bist du doch nur so weit angepasst, wie es das Geschäft erfordert. Du hast immer darauf geachtet, dir selbst treu zu bleiben, auch wenn es immer wieder eine Gratwanderung ist zwischen method acting und authentischer Individualität. Und dein Gesprächspartner scheint seine Individualität voll auszuleben. Das ist letztlich der Grund, warum er heute in deinem Büro sitzt.

Du hast schon mehrfach von ihm gehört, er ist immer wieder Gesprächsthema an seiner Schule, und es gibt nicht immer nur Positives zu berichten. Er trage immer nur schwarz, heißt es, und an jedem Kleidungsstück sei mindestens ein Totenkopf zu erkennen. Das macht den Kindern doch Angst, so sollte ein Lehrer nicht aussehen. Du warst dir sicher, dass er direkt von der Universität gekommen ist - und wohl immer noch auf der Suche nach seiner eigenen Identität. An der Schule kannte ihn binnen kurzer Zeit fast jeder und es wurde viel über ihn geredet. Du erinnerst dich, wie andere Eltern auf ihn reagiert hatten, nämlich mit Sorge, ob der auch ein vernünftiger Lehrer ist und nicht irgendein Hooligan, bei dem die Kinder nichts lernen. Gleichzeitig ist dein eigener Sohn irgendwie begeistert von ihm, und viele andere Schüler auch.

Du erinnerst dich noch gut, dass all' diese Eindrücke damals einfach nicht zusammengepasst haben, und du wolltest dir selbst ein Bild von dieser neuen Lehrkraft machen. Du wolltest dich nicht anstecken lassen von dem Vorverurteilen, denn du weißt genau, dass jeder Mensch an sich gut ist, und du möchtest diesen neuen Lehrer verstehen. Jetzt, in diesem Moment am Konferenztisch deines eigenen Büros, genauso wie damals, als du ihn zum ersten Mal in der Schule getroffen hast. Jenes Treffen war überhaupt erst der Anlass für das heutige Gespräch, denn du fandest diesen unkonventionellen Menschen interessant; so interessant, dass du dir damals ein paar Details aus seinem Leben gemerkt hast.

Du findest ihn noch immer interessant, er scheint intelligent und aufgeschlossen zu sein. Er würde sich vermutlich nicht zu den Menschen gesellen, die dich aufgrund deines äußeren Erscheinungsbildes in die Schublade Hochfinanz, Arroganz und Konsorten schieben. Davon gibt es genug. Und dir wird bewusst, dass ihr beide da eine gemeinsame Schnittmenge habt. So viele Menschen glauben, von eurem Äußeren auf den Menschen dahinter schließen zu können, und sie liegen alle falsch. Denn er ist kein asozialer Rocker, genauso wie du kein geschniegelter Lackaffe bist.

Die Zeit vergeht wie im Flug, eine Stunde, die sich wie zehn Minuten angefühlt hat. Beide Männer stehen auf, kaum ein Größenunterschied, und verlassen den Konferenzraum.

Es war für euch überhaupt kein Problem, das Eis zu brechen, schon nach fünf Minuten des Gesprächs hattet ihr eine offene, ehrliche Vertrauensbasis etabliert. Ihr habt dem Anderen gegenüber Respekt gezeigt, ihn ernstgenommen, ihn nicht auf sein Äußeres reduziert. Ihr geht den Büroflur hinunter, Richtung Fahrstuhl, und die Sekretärin schaut euch mit einem Schmunzeln hinterher. Sicherlich haben sich manche Menschen Gedanken gemacht, was wohl passieren würde, wenn ihr aufeinander trefft - unterschiedlich, wie ihr nun einmal seid. Und sicherlich hat kaum jemand mit diesem Resultat gerechnet:

Zwei Menschen verlassen das Bürogebäude. Beide zwei Meter groß, und sie könnten auf den ersten Blick nicht ungleicher sein. Sie sind ein hervorragendes Beispiel dafür, dass innere Werte zählen. Never judge a book by its cover. Ihre Wege trennen sich nun, aber sie freuen sich schon auf das nächste Gespräch.

post scriptum: Dieser Beitrag wurde von beiden beteiligten Personen freigegeben, es wurden weder Persönlichkeitsrechte noch Privatsphäre verletzt.

Samstag, 9. Juni 2018

Magst Du es lieber hart oder sanft?

Wenn ein Loch kein Loch ist...

Nach der pädagogischen Gretchenfrage von gestern geht es heute also um persönliche Vorlieben. Lieber hart? Lieber sanft? Oder mochtest Du es bei den ersten Malen lieber so, mittlerweile aber lieber anders? Wenn ich mich recht entsinne, mochte Er die sanfte Tour lieber, aber Er war auch ganz zufrieden, als wir uns einmal auf die harte Variante geeinigt hatten. Ich habe für mich festgestellt, dass ich die harte Tour bevorzuge; beim Anderen schüttele ich innerlich den Kopf und schalte geistig irgendwann ab und warte nur noch, dass es vorbei ist.

Natürlich geht es heute um Literatur, get your mind out of the gutter! Etwas präziser: Ich konzentriere mich auf Filme aus einem bestimmten Genre, nämlich der Science Fiction. Und wenn ich damals der großen Buba richtig zugehört und aufgepasst habe, dann unterscheidet man zwischen hard science fiction und soft science fiction.

Soft SciFi, das ist das mit den vielen Effekten. Raumschiffe, die mit Laserstrahlen im All aufeinander schießen. Planeten, die in die Luft fliegen. Schwarze Löcher, die tatsächlich als "Loch" dargestellt werden, die einen durch die Zeit reisen lassen. Klingonen, Romulaner, Vulkanier. Gene Roddenberry, Perry Rhodan, "Beam me up, Scotty!". Popcorn, Space Opera, hoher Unterhaltungswert, einfach mal abschalten und genießen. Star Trek, Star Wars, Starship Troopers, Das fünfte Element.

Hard SciFi, das geht wissenschaftlich korrekter zur Sache und ist wesentlich stärker in der Realität verankert. Da gibt es keine Geräusche im Weltraum, weil es keine Schallübertragung gibt. Da ist ein schwarzes Loch ein kugelförmiges Gebilde mit einer Singularität im Zentrum. Da kann man nicht in der Zeit rückwärts reisen, wohl aber gilt das Prinzip der Relativität. "Wie sollen wir mit einer außerirdischen Rasse überhaupt kommunizieren, wenn wir nicht einmal wissen, ob sie in drei Dimensionen leben, so wie wir?" Alien, Interstellar, Contact, Arrival.

Natürlich überschreiten auch die Filme der hard sci-fi irgendwann die Grenze der Realität - das ist schließlich der Sinn der Fiktion: Was wäre, wenn?-Szenarien auszumalen und alternative Realitäten vorzustellen. Manchmal wird diese Grenze zur kompletten Vorstellung aber sehr weit nach hinten verschoben. Im Film Contact (1997) spielt Jodie Foster eine Wissenschaftlerin, die das All nach Signalen untersucht. Der Film geht erst im letzten Drittel in pure Fiktion über, und selbst das Finale, in dem womöglich ein Kontakt zu einer außerirdischen Entität stattfindet, wird bewusst zweideutig gehalten. Es beginnt alles mit einem Impuls, einem Ping-Signal, was nichts Ungewöhnliches darstellen muss, und erst über einen langen Zeitraum hinweg schaffen die Wissenschaftler es, damit etwas anzufangen.

In der soft sci-fi hätte man umgehend einen Linguistik-Experten und Mathematiker zur Hand, der binnen kurzer Zeit das Ganze entschlüsselt und eine Nachricht in handlichem Englisch darin erkennt. Der Film Arrival (2017) nimmt diese Implausibilität schmunzelnd auf's Korn.

Aus genau diesem Grund komme ich mit hard science fiction wesentlich besser klar: Mein Gehirn kann sich einreden, dass das alles tatsächlich so geschehen könnte, es lässt sich auf das Was wäre, wenn?-Spielchen ein. Dadurch wird das Erlebnis für mich viel immersiver und meine Fantasie wird tatsächlich angeregt.

Ich wollte die Neuauflage von Star Trek (2008) wirklich toll finden. Ich habe von den Academy Award-Nominierungen gelesen, und dass es eine wirklich gute und originalgetreue Aufarbeitung des Stoffes sein soll. Ich habe darüber vollkommen das Bewusstsein dafür verloren, dass es soft sciene fiction ist, und während ich im ersten Drittel des Filmes noch sehr begeistert war wegen der guten Charakterisierungen (wenn auch nicht unbedingt wegen der schauspielerischen Leistungen), so bin ich vollkommen rausgeworfen worden, als ich realisiert habe, dass die da wirklich mittels einer roten Materie ein schwarzes Loch entstehen lassen, das zwar einen kompletten Planeten verschlingen kann - okay, ja, mag immer noch einhergehen mit der Theorie - aber es wird dann eben als Loch dargestellt. Ereignishorizont? No way! Eher ein "Wir sind schon halb drin, können aber trotzdem noch entkommen", das ich nicht mehr ernstnehmen konnte, und dann habe ich den Rest des Films über kopfschüttelnd auf der Couch gesessen und mich berieseln lassen. Naja. Captain Spock ist toll.

Ich beneide die Menschen ein wenig, die Filme genießen können, ohne irgendwelche Sachen zu hinterfragen. Ich werde besser darin, meinen Kopf dabei - hin und wieder - auszuschalten, aber ich habe da noch einiges an Entwicklungspotential. Whatever. Elvira und The Mummy konnte ich schließlich auch genießen. Das mag allerdings daran gelegen haben, dass diese Filme von Anfang an an keiner Stelle darauf abgezielt haben, seriös zu wirken.

Unprätenziös, und das geht in Ordnung.

Freitag, 8. Juni 2018

Pädagogische Gretchenfrage

Soll ich ehrlich sein...?

ante scriptum: Dieses Elterngespräch ist fiktiv. Es ist ein Sammelsurium aus Aspekten, die ich in den vergangenen sieben Jahren an diversen Schulen mitgenommen habe. Die teilnehmenden Personen heißen der Neutralität wegen Mom, Dad und L.

L: "Schön, dass sie diesen Termin einrichten konnten."

Dad: "Vielen Dank, dass sie die Initiative ergriffen haben, um über unsere Tochter zu sprechen."

L: "Ich würde ihnen zunächst gern berichten, warum sie mir im Unterricht überhaupt aufgefallen ist. Sie meldet sich so gut wie nie, ein einziges Mal von sich aus, gleichzeitig ist sie immer hochaufmerksam und scheint gut vorbereitet zu sein. In Kombination mit einem Zeugnis, das sehr viele Dreien und Vieren enthält und einem Vorschlag zum Enrichment ergibt sich für mich das Bild eines hochbegabten Underachievers. Daraufhin habe ich mir ihre Schülerakte vorgenommen und habe dort das einschlägige Gutachten gefunden, das eine überdurchschnittliche Intelligenz bestätigt. Ihre Tochter hat also das Potential dazu, hohe Leistungen zu erbringen, kann oder will aber im Moment nicht darauf zurückgreifen. Das finde ich spannend, und deswegen möchte ich gern mit ihnen reden."

Mom: "Ach merkt man das am Unterrichtsverhalten, dass sie hochbegabt ist?"

L: "Vielleicht habe ich einen Vorteil dadurch, dass ich selbst hochbegabt bin und durch eigene Erfahrung auf ganz bestimmte Verhaltensweisen achte. Ich kann verstehen, wenn ihre Tochter für einen anderen Kollegen einfach nur unauffällig erscheint. Eine ausreichende Kandidatin eben. Da muss man als Otto Normallehrer schon in der Akte nachschauen, um an diese Information zu kommen. Was mich nun interessieren würde: Geht es ihrer Tochter in der Schule gut?"

Dad strahlend: "Mittlerweile ja. Endlich. Die Anfangszeit war ganz fürchterlich, weil sie von ihren Mitschülern ausgegrenzt worden ist, manche haben sie beleidigt oder anderweitig gemobbt. Sie ist durch ihre Intelligenz aufgefallen und das hat sie natürlich zu einer Angriffsfläche gemacht. Aber die Phase ist zum Glück überstanden. Mittlerweile lächelt sie sogar, wenn sie das Schulgelände betritt, sie ist viel entspannter als früher."

L: "Ich frage deswegen: Man kann Hochbegabten zu keinem Zeitpunkt an ihrer Körpersprache, Mimik oder Gestik ablesen, wie es ihnen geht. Ich selbst bin früher in der Mittelstufe stark gemobbt worden und hatte phasenweise richtige Angst, zur Schule zu gehen, aber ich habe sehr schnell gelernt, das zu überspielen, damit es bloß niemand merkt. Method Acting lernen Hochbegabte von der Wiege an und können erschreckend überzeugend sein. Und ich könnte mir vorstellen, dass es ihrer Tochter eben nicht so gut geht."

Dad immer noch lächelnd: "Ja, aber naja... okay, sie erzählt nicht wirklich viel von den Schultagen, ist kein gutes Gesprächsthema, aber sie kommt im Unterricht klar, und während sie früher auch mal gern einfach im Bett geblieben ist, geht sie heute gern und von sich aus zur Schule."

Mom: "Naja warte, so kannst du das nicht sagen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sie uns da nicht alles erzählt und etwas vorspielt. Sie wirkt alles Andere als entspannt, wenn wir das Schulgelände betreten, sie wird zu einem ganz anderen Menschen."

Dad: "Ja gut, aber das hat halt so seine Phasen. Über die Jahre hatte sie immer Höhen und Tiefen..."

L: "Ich möchte einmal nachhaken - woran machen sie die Höhen fest? Woran erkennen sie das?"

Dad überlegt

Mom: "Siehst du, ich glaube, das kannst du so nicht sagen. So richtige positive Phasen habe ich bei ihr bisher noch nicht erlebt. Wenn du das mit ihrem Bruder vergleichst, der räumt hier perfekte Noten ab, der fühlt sich total wohl an der Schule, aber bei ihr sehe ich das nicht."

(an dieser Stelle ist es für mich gut zu wissen, dass ich eventuell einen Ansatzpunkt gefunden habe - ich könnte jetzt beschwichtigen oder weiterbohren)

L: "Vielleicht hat ihre Tochter noch immer Angst, richtige Antworten zu geben, wegen der Konsequenzen, die sie dann womöglich von ihren Mitschülern zu spüren bekommt. Gleichzeitig möchte sie sie als Eltern allerdings beruhigen, ihnen das Gefühl geben, dass alles in Ordnung sei. Und das scheint ja auch zu funktionieren - wenn sie denn tatsächlich eine Tiefenphase hat. Sie hat sich neulich ein einziges Mal im Unterricht gemeldet und eine richtige Antwort gegeben. Das war so ungewöhnlich, dass ich sie nach der Stunde kurz angesprochen habe und versucht habe, etwas Mut zu machen. Sie scheint generell nicht viel positives Feedback zu bekommen - was aus Lehrersicht nachvollziehbar ist, denn sie beteiligt sich ja nie aktiv am Unterricht. Das könnte eine Art Teufelskreis sein; aus diesem Grund habe ich auch beschlossen, bei Wortmeldungen immer wieder Mut zu machen. Damit der Unterricht keine Angstphase für sie ist."

Mom: "Also wissen sie, das hat uns noch keiner gesagt."

L: "Das verstehe ich nicht ganz. Wie meinen sie das?"

Dad: "Naja, beim Elternsprechtag zum Beispiel, da geht man mit dem Lehrer in's Gespräch und meistens beginnt er mit "Erzählen sie doch mal von ihrer Tochter", und manchmal wirkt es so, als ob einzelne Lehrer dann nur auf bestimmte Schlagworte warten, um die Eltern zu beschwichtigen. Uns hat noch niemand an dieser Schule gesagt, dass unsere Tochter in irgendeiner Weise verhaltensauffällig sei."

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Und das kann ich so gut nachvollziehen. Wenn ich als Lehrkraft zehn oder mehr Lerngruppen habe, dreihundert Schüler, von denen ich nicht nur die Namen kennen muss, sondern jeden auch noch individuell betreuen soll, bin ich froh, wenn ich Eltern gewissermaßen "abfertigen" kann. Dann sage ich ihnen das, was sie hören wollen - "Ja, ihr Kind macht sich richtig gut im Unterricht", da gibt es ein richtiges Phrasenbingo (genau wie auf dem Elternabend "Also ich kann ihnen sagen, dass ich wirklich gern in der Klasse ihrer Kinder unterrichte").

Das ist definitiv die für mich angenehmste Tour. Allerdings habe ich vor einigen Jahren für mich beschlossen, nur noch die Wahrheit zu sagen. Naja. Jedenfalls keine Lügen mehr, auch keine Notlügen. Und das wird unangenehm, das wird rauh, darauf hat meine Englisch-Studienleiterin mich damals hingewiesen: "Dr Hilarius, sie bohren in Wunden, sie werfen Sand in's Getriebe. Das ist unverzichtbar für Schule, allerdings machen sie sich damit auch zu einer äußerst unangenehmen Person. Legen sie sich ein gutes Rückgrat zu."

Zu den unangenehmen Wahrheiten in einem Elterngespräch kann auch die Erkenntnis gehören, dass diese Schule vielleicht nicht die geeignete für das Kind ist. Und einen Schulwechsel vorzuschlagen, damit macht man sich gleich bei vielen Instanzen unbeliebt. Besonders im Kollegium, bzw. bei der Schulleitung, die auf jeden Schüler angewiesen ist (Fördergelder usw.).

Ich habe mich entschieden, den rauhen, steinigen Weg zu gehen, auch wenn es mir immer wieder Ärger einbringt. Es geht mir um das Kind. Das ist meine Auffassung von meinem Beruf.