Freitag, 13. April 2018

Die Fliege


Ich meditiere sehr gern und viel. In meiner Jugend wäre ich nie auf die Idee gekommen, das zu tun, und auch zu Beginn meines Studiums hatte ich die Einstellung, dass das wertvolle Zeit ist, die ich nützlicher verbringen könnte. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein, und heute hat eine Fliege es geschafft, mir das wieder in's Bewusstsein zu rufen.

Wenn ich in die Meditation gehe, habe ich meistens vorher geduscht oder gebadet, so dass die Haut etwas aufgeweicht und anfälliger für Reize ist. Ich finde das sehr schön, das ist auch der Grund, warum ich zum Meditieren gestärkte Handtücher brauche: Wenn ich mich langsam auf das knisterige Handtuch lege, kribbelt es am Körper, und ich nehme das tatsächlich als sehr angenehm wahr.

Die weiche Haut bedeutet aber auch, dass es ein absoluter Meditationskiller sein kann, wenn ohne Vorwarnung im Moment tiefster Entspannung eine Fliege auf dem Körper landet und herumkrabbelt. Vor ein paar Jahren hat mich das rasend gemacht: Ich unterbreche die Meditation abrupt, Licht an, und versuche, das Monster zu beseitigen, damit ich wieder "ungestört" in die Gedankenwelt abtauchen kann.

Heute hat sich eine Fliege auf meinem linken Arm niedergelassen, und ich war für einen kurzen Moment versucht, sie zu verscheuchen. Ich habe es dann aber gelassen und habe sie weiterkrabbeln lassen. Es hat mich überhaupt nicht gestört. Das ist das Ergebnis jahrelanger Meditation: Ich halte mehr aus, werde nicht gleich bei der kleinsten Kleinigkeit verrückt.

Das hat weitreichende Konsequenzen, denn ich bin mittlerweile nicht mehr so ängstlich wie früher. Paradebeispiel Zahnarzt - als ich damals erfahren habe, dass alle Weisheitszähne raus müssen, hatte ich nur noch Dauerpanik und brauchte am Vorabend der OP ein Benzodiazepin zur Beruhigung. Heute ist das anders; ich habe keine Angst mehr davor, zum Zahnarzt zu gehen, und auch keine Angst mehr davor, dass er bohren muss o.ä.; außerdem kann ich mittlerweile wesentlich mehr Schmerz aushalten.

Ich staune selbst, wie viel man mit konzentrierter Meditation erreichen kann. Und dann macht es mir auch nichts mehr aus, dafür eine Stunde meines Tages zu "opfern", im Gegenteil, ich sehe es als Training und als Chance. Ich werde ausgeglichener, friedlicher. Das hätte ich damals nie gedacht, ich dachte früher, Meditationen seien irgendein Esoterikkram, rumsitzen und langweilen.

Die Fliege heute hat mir meinen Fortschritt in's Bewusstsein gerufen, und es hat sich toll angefühlt.

Donnerstag, 12. April 2018

This is strange...

Endlich ist es wieder soweit!
(https://www.hansapark.de/files/bilder/Der%20Park/Attraktionen/Fahrattraktionen/Der%20Schwur%20des%20KAERNAN/Der-Schwur-des-Kaernan-6.jpg)


Sonnencreme? Check. Fotoapparat? Check. Saisonkarte? Check. Freizeitpark-Outfit? Check. Autoschlüssel, gutes Wetter, gute Laune? Check!

Here goes die neue Freizeitparksaison, ab Frühjahr erklären sich deutsche Freizeitparks bereit, Besucher zu verschlingen - abgesehen von dem einen oder anderen Europa-Park, der auch eine Wintersaison hat. Für mich ein ganz wichtiger Moment, denn mit dem ersten Besuch der Saison schüttel' ich die "Überwinterungshaut" ab, mache mich locker, fange an, das reale Leben da draußen wieder zu genießen.. Ich höre wieder Dub (jetzt gerade Otts Squirrel and Biscuits, der Gute-Laune-Song schlechthin), ich ziehe wieder luftigere Sachen an. Das ist mir wichtig, denn wenn ich dicht einklamottet bin, fühlt es sich auch figurativ wie eine Last auf mir an (deswegen habe ich bei den Meditationen auch immer so wenig Kleidung wie möglich an).

Ich fange wieder an, durch die Wohnung zu tanzen, in meinem Körper nistet sich wieder ein ständiger Beat ein, der mich dazu bringt, zu lächeln, zu nicken, mit den Füßen zu tappen, entspannter an die Dinge heranzugehen, den Blutdruck runterzufahren. Die Sonne scheint den ganzen Tag über in meine Wohnung und bringt meinen Serotoninlevel auf einen angenehmen Stand.

Ich habe diesen Tag komplett durchgestylt, vom Frühstück über Musik während der Autofahrt, die Route im Park, das Abendessen, Meditationszubehör ist vorbereitet, Wetterbericht intensiv verfolgt, aufgetankt, Ölstand kontrolliert, damit nichts mehr schiefgehen kann. Der Morgen startet mit Dub, ich springe durch die Wohnung und räume zumindest ein paar Dinge aus dem Weg - der offizielle Frühjahrsputz beginnt erst morgen.

Und dann passiert etwas. Ich kann es nicht beschreiben, ich kann nicht sagen, was es ausgelöst hat. Ich glaube, am besten kann jeder Leser das nachvollziehen, wenn ich sage: "Ein Moment, der mir die Augen geöffnet hat." Jedenfalls habe ich meine komplette Tagesplanung innerhalb weniger Minuten umgeworfen und bin zuhause geblieben. Mit diesem Moment hat eine sehr wichtige Phase begonnen, dazu unten mehr.

Obwohl der Beitrag This is strange heißt, kenne ich dieses Verhalten ja von mir. Das ist auch einer der Hauptgründe, warum ich mich ungern mit anderen Menschen verabrede: Ich weiß nicht, ob ich zu dem Zeitpunkt nicht viel lieber etwas Anderes machen würde, bin da also sehr unzuverlässig. Die Sannitanic und die große Buba haben das beide schon recht oft zu spüren bekommen (und sie sind trotzdem noch bei mir, zum Glück).

Ich glaube, es ist wichtig, wie man selbst mit seinem Verhalten umgeht - wie man es bewertet, wenn überhaupt. Vor einigen Jahren hätte ich mir dafür Vorwürfe gemacht: "Du hast dich so auf den Park gefreut, warum fährst du denn jetzt nicht los?" - "Weißt du eigentlich, was du alles verpasst?" - "Nachher bereust du es!" - und genau an dem Punkt habe ich anzusetzen gelernt: Nichts bereuen.

Und so bereue ich diesen Tag nicht im Geringsten. Im Gegenteil, ich habe ihn zu einem der wichtigsten Tage in diesem Jahr für mich gemacht. Der Tag, an dem ich die Winterdepressionen abschüttele. An dem ich realisiere, dass ich mein Leben selbst in der Hand habe. An dem ich realisiere, dass ich Kontrolle über meinen Körper habe, und dass Deprivation Genuss bedeuten kann, und Überfluss Last.

Das habe ich am Sonntag geschrieben. Den folgenden Teil habe ich gestern und heute erstellt.

Ich habe geschrieben, dass mit diesem Moment eine sehr wichtige Phase für mich beginnt. Diesen Moment des Augenöffnens habe ich in jedem Jahr, irgendwo im Frühjahr. Es ist der Moment, an dem ich realisiere, dass der Winter vorbei ist, und dass der Sommer kommt. Das mag nun keine große Sache sein, aber für mich ist es das eben doch, weil mein komplettes Leben und mein Denken im Sommerhalbjahr anders aussehen. Das war eigentlich schon immer so, aber gerade in meiner neuen Wohnung wird es mir noch deutlicher bewusst.

Ich wohne direkt unter dem Dach. Ich habe eine Eckwohnung, deren Fenster genau am Lauf der Sonne ausgerichtet sind. Dadurch ist meine Wohnung lichtdurchflutet und heizt sich im Sommer recht extrem auf - was wiederum dazu führt, dass ich in meiner Wohnung in der Regel nackt bin. Das klingt ungewöhnlich und vielleicht auch "unheimlich", aber ich habe gemerkt, dass es ein echter Genuss ist, den Körper nicht mit Kleidung zu belasten. Ich versuche eben, in einer eigentlich ungemütlichen Situation das Gute zu sehen.

Ich fühle mich unbeschwerter, freier, unkomplizierter. Das Leben fühlt sich für mich unbeschwerter, freier, unkomplizierter an. Es ist die Chance, etwas zu verändern, wenngleich ich mir bewusst bin, dass ich - um das durchzuhalten - mein Leben achtsamer und bewusster führen muss. Und oft genug scheitere ich irgendwann. Aber der Versuch ist es immer wieder wert.

Diese Momente des Augenöffnens werden in den buddhistischen Lehren als Aufblitzen des absoluten Bodhichitta bezeichnet. Bodhichitta bedeutet in etwa "Erwachen"; die ganzen Namen mögen überall anders sein, aber ich denke, die meisten von uns erleben diesen Moment in ihrem Leben, nicht oft, aber definitiv mehr als einmal. Und der buddhistische "Krieger" versucht, sein Leben auf diese Momente hin zu leben. Ganz so esoterisch ist es bei mir zwar nicht, aber zumindest habe ich meine Verhaltensweise ein wenig geändert.

Wenn ich merke, dass so ein Moment geschieht, dann nutze ich ihn. Ich räume alles beiseite, was diesen Moment stören könnte. Ich bremse mein Denken und Handeln herunter, um den Moment nicht zu überfahren. Ich gehe in mich, lasse kaum einen anderen Menschen in dieser Phase an mich heran. Ich erlebe die Zeit sehr intensiv - und sehr gedankenintensiv. Jeder Schritt fühlt sich "bewusster" an, auch weil ich weiß, dass es genau diese Weise ist, auf die ich mein Leben eigentlich genießen möchte: Bewusst, achtsam, meines Selbst gewahr.

Natürlich klingt das alles ein wenig abgehoben. Und für gewöhnlich verfliegt dieses Gefühl von allein wieder, spätestens nach ein paar Tagen. Dann melde ich mich auch wieder, bei meiner Familie, bei meinen Freunden. Dann kehre ich auch wieder zu diesem Blog zurück - und ich bin auf das Vertrauen der Menschen angewiesen, die mich lieben: Das Vertrauen, dass Alles in Ordnung ist. Dass ich einfach nur diese Zeit für mich selbst brauche.

Ich lasse - aus der Erfahrung heraus - in diesen Phasen nur drei Menschen an mich heran. Das Telefon ist herausgezogen. Emails müssen warten. Mit Ausnahme der Nachrichten der Sannitanic, der großen Buba, und auch Er gehört zu den wenigen Menschen, die mich in dieser Phase erreichen können. Ich weiß, Er wird das hier nicht lesen, und ich bin mir nicht sicher, ob Er sich seiner Bedeutung für mich bewusst ist, aber das macht auch gar nichts. Ich weiß, dass ich ihm vertrauen kann, und darum geht es mir, und ich weiß, dass ich der Sannitanic vertrauen kann, und auch der großen Buba. Immer.

Und so kehre ich nun heute und morgen langsam in den Alltag zurück. Ein wenig schade ist es, diese Sphäre der gedanklichen Klarheit zu verlassen - verlassen zu müssen - aber das muss sein, denn was steht nicht alles an: Ich muss einen Satz Klassenarbeiten korrigieren, am Dienstag bin ich in die Sprechprüfungen zum englischen Abitur involviert und ich muss mir meiner Haltung zur Arbeit an der KGS bewusst werden. Ich schiebe das alles auf das letzte Wochenende der Ferien. Das mache ich immer. Nicht, weil ich faul wäre, oder ein Drückeberger, oder wegen Prokrastination. Sondern, weil mir diese Momente der gedanklichen Klarheit viel wichtiger sind als die Schule, und weil die Ferien für gewöhnlich eine sehr wertvolle Chance bieten, diese Momente wahrzunehmen, mich nach ihnen auszurichten und sie nach voller Lust auszukosten.

Die Ferien bedeuten für mich Ferien. Und so möchte ich es auch meinen Schülern wünschen. Diese Einstellung ist erst mit der Zeit gekommen; anfangs habe ich den Schülern über die Ferien immer Hausaufgaben aufgegeben, sowohl schriftlich als auch Lernaufgaben. Das möchte ich eigentlich nicht mehr machen.

Und ich freue mich auch, nun dem Blog wieder Aufmerksamkeit zulassen zu können. Mir sind in der Zeit so viele tolle Ideen für Artikel durch den Kopf gegangen. Aber, um es einfach auszudrücken: In dieser Phase möchte ich bei mir sein - und nicht bei Euch.

Und meine Freunde verstehen das auch, glaube ich.

Samstag, 7. April 2018

Mut zum Feedback


Geht es jedem Menschen so, dass er sich zunächst einmal nicht kritisieren lassen möchte? Dass er denkt, er macht alles richtig, so wie er es macht, und er könnte ewig so weitermachen? Jedenfalls ging es mir an meiner ersten Schule so, damals in Husum, damals im Referendariat.

Als ich von der Uni kam, hatte ich ja keine Ahnung, ob ich überhaupt mit Menschen arbeiten möchte. So viele Kinder um mich herum? Igitt, nimm' das wech! ...dachte ich. Und dann waren irgendwann die ersten Schulwochen um und ich bekam Positives zu hören. Zu meiner Lehrerpersönlichkeit, zum Unterricht etc. - Ihr kennt das sicherlich, ich glaube, das ist ganz oft so, wenn man an eine neue Schule kommt. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass ich das Negative nicht habe wahrnehmen wollen. Ich brauchte etwas, das mir bestätigt, dass ich eben doch mit Kindern arbeiten kann. Etwas gegen mein dauerbeschädigtes Selbstbewusstsein (immer noch als Konsequenz meiner Jugend).

Und so bin ich dann, abgesehen von den Unterrichtsbesuchen - wobei, komisch, da kam auch positives Feedback, das lag aber daran, glaube ich, dass man immer erstmal Positives herauskehren soll, bevor man an die Kritik geht. So bin ich dann strahlend und grenzenlos selbstverliebt durch die Schule gegangen und habe mich gefühlt wie ein neuer Pädagogik-Gott. Ja, es ist peinlich, das jetzt so zu lesen, aber so war es nun einmal. Und wenn ich Feedback-Runden mit den Schülern gemacht habe, wenn ich ihnen gesagt habe, dass sie Positives (+) und Negatives (-) aufschreiben sollten, kam nie wirklich viel Negatives zusammen.

Was mir in dieser Situation gut getan hat, waren die Abschiedsworte meines Lateinmentors collega cuneusligneus. Wir haben uns fantastisch verstanden während des Refs, sehr zur Unbill meiner Schulleitung. Er hat mir wenige, aber dafür genau die richtigen Denkimpulse gegeben (weil er versucht hat, mich zu verstehen, und daraus Konsequenzen für seine Mentorentätigkeit abgeleitet hat). Einer dieser richtig tollen Denkimpulse war sein Abschiedsgruß - das hat mir nämlich in meiner ansatzweisen Verblendung ganz gut getan: "Nimm' eine Sache mit auf den Weg: Es finden dich nicht alle toll."

Natürlich habe ich erstmal weiterhin gelächelt, innerlich einfach nur froh, von der Schule wegzukommen. Aber es hat mir schon einen gewissen Dämpfer verpasst. Das wollte ich an jenem Tag eigentlich nicht hören. Genau genommen auch nicht an irgendeinem anderen Tag. Ich habe mir viel lieber das ganze Lob reingezogen. Auf längere Sicht kann das aber ziemlich fiese Konsequenzen haben.

Wenn ich von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Elternsprechtag zu Elternsprechtag immer nur höre, dass die Kinder ja so glücklich seien oder whatever, lässt es mich mit der Zeit denken, ich sei tatsächlich unfehlbar. Ein fantastischer Pädagoge, viel besser als die Kollegen, die dreißig Jahre lang schon ihren vertrockneten Unterricht machen. Dass das völliger Unsinn ist, gerät dabei immer weiter in den Hintergrund: Nobody is perfect, und erst recht ist kein Lehrer sein ganzes Leben über unschlagbar gut.

Wir alle sind angewiesen auf neue Impulse. Wir alle haben zu jedem Zeitpunkt im Leben Potential, uns weiterzuentwickeln. Wenn ich das aus den Augen verliere, dann werde ich irgendwann in dreißig Jahren selbst einer dieser vertrockneten Pädagogen sein, engstirnig, mit riesigen Scheuklappen, die sich bereits jetzt in meiner beruflichen Laufbahn andeuten.

Und noch etwas fehlt mir dadurch: Rückgrat. Wenn ich nie negatives Feedback bekomme, mir niemand mein Potential aufzeigt und ich denke, dass ich alles richtig mache, steigt vor jeder herausfordernden Situation die Angst. "Ich mache ja sonst alles richtig, aber hier?" - "Kann doch eigentlich gar nicht sein, dass ich keine Schwächen habe!" - "Scheiße, was ist, wenn ich das alles jetzt richtig verbocke?" Und das kann mich gedanklich intensiv beschäftigen. Abends, wenn ich im Bett liege und eigentlich mit gutem Gefühl einschlafen sollte. In den Ferien, in denen ich eigentlich gedankliche Freiheit genießen sollte.

Pema Chödrön hat einen Ratgeber zur buddhistischen Denkweise geschrieben mit dem Titel Geh' an die Orte, die du fürchtest. Der Titel beschreibt es eigentlich schon umfassend: Ich soll mich mit dem, was auf mich negativ wirkt, auseinandersetzen. Ich soll mich meinen Ängsten stellen. Ich soll mich auch der angebrachten Kritik stellen. Denn so kann mir niemand mehr den Boden unter den Füßen wegziehen, indem er eine Kritik bringt, die mich völlig unerwartet trifft, die in mir aber den Gedanken auslöst "Ach du Scheiße, was, wenn er Recht hat???" - wenn ich mir meiner Schwächen bewusst bin und mich in der Hinsicht immer wieder "update", macht mich das stärker. Es nimmt mir die Angst.

Auch, wenn es anfangs unangenehm ist. Denn ich dachte ja immer, ich sei so toll, so ein toller, unfehlbarer Lehrer. Die erste angebrachte Kritik ist oft die unangenehmste. Aber ich bin überzeugt, dass man davor nicht weglaufen sollte.

Dafür bedanke ich mich seit Jahren bei collega cuneusligneus.

Freitag, 6. April 2018

Sextape

Macht eigentlich nur noch neugieriger, oder...?

Die USA haben in bestimmten Regionen eine interessante Prioritätenordnung - so wurde beschlossen, Entscheidungen über strengere Waffengesetze zu vertagen. Stattdessen wurde Pornographie als Gesundheitsrisiko eingestuft, vor dem man die Jugend schützen müsse.

Das kann man beurteilen, wie man will. Tatsache ist, dass wir auch in Deutschland Vieles versuchen, um unsere Jugend vor nicht für ihr Alter geeigneten Medien zu schützen. Und so ganz unsinnig ist das auch nicht - wenn die FSK-Labels denn "vernünftig" vergeben werden.

Wenn ich mir einen Film bei Amazon bestelle, der ab achtzehn Jahren freigegeben ist, dann muss der Postbote bei Aushändigung der Post das Alter mittels Ausweis kontrollieren. Egal, ob es um Sextapes, Horrorfilme oder whatever geht, was FSK18 rechtfertigen könnte.

Kleiner Exkurs: Wie ich vor einer Weile geschrieben habe, hat die dritte Staffel Twin Peaks das Achtzehn-Label verdient - und nun packe ich die Post aus und sehe FSK16? Ich hoffe, dass das keine geschnittene Version ist. Es handelt sich hierbei um ein Kunstobjekt, und gerade in der dritten Staffel geht es intensiv darum, woher Gewalt kommt und was sie mit Menschen anstellen kann.

Nun gut, worum es mir aber eigentlich geht, ist etwas völlig Anderes: Ich hatte mir The Cell bestellt. Der Film hat das FSK18-Label, somit hatte ich, als der Postbote geklingelt hat, auch gleich den Ausweis parat - aber das war gar nicht nötig. Der Postbote, ein junger Mann, schien unter Zeitdruck zu sein, jedenfalls hat er sich nicht an die Regelung der Alterskontrolle gehalten.

Und darum geht es mir: Regeln. Denn ich kenne das ja, ich breche auch Regeln. "Die Ampel ist rot, aber es ist ja kein Auto zu sehen, also gehe ich rüber." - "Mitte des Monats bin ich mit Putzen dran (Flurwoche) - aber macht ja auch nichts, wenn ich nichts mache." Und ich bin mir sehr sicher, dass der eine oder andere Pädagoge und auch der eine oder andere Lehrer da draußen schon einmal Regeln übertreten hat, wenn es um das Wohl des Kindes ging, denn manchmal legt uns das Schulgesetz Steine in den Weg.

Mich verunsichert, dass ich mich scheinbar an manche Regeln halten muss und an andere nicht ("niehcht", sagt die große Buba). Und weil ich da unsicher bin, halte ich mich anfangs erstmal an alle Regeln (wenn ich sie kenne). Und ich find' es ziemlich scheiße, wenn andere Menschen sich darüber amüsieren, dass ich mich an die Regeln halte. Dreck, ich kann gerade noch nicht einmal ein konkretes Beispiel geben. Naja, zum Beispiel, wenn ich mich an die Höchstgeschwindigkeit mit dem Auto halte.

Ist das ein HB-Ding? Eine Schnittmenge zwischen Hochbegabten und Autisten ist das Sehnen nach Sicherheit, nach klaren Regeln, nach Regelmäßigkeit. Es verunsichert mich wirklich sehr, wenn ich nicht weiß, an welche Regel ich mich halten muss und an welche nicht. Haben Normalbegabte damit auch so ein Problem?

post scriptum: Heute "Blade Runner" (1982) gesehen, im Final Cut. Großartiger Film, dabei dachte ich immer, dass ich mit Science Fiction nichts anfangen kann. Aber der Film ist ein Augenschmaus, düster, das hat mir echt gefallen, und die Musik von Vangelis passt perfekt in die surreale Atmosphäre.

Mittwoch, 4. April 2018

Anamorphose

Was soll das sein?

Eine Anamorphose ist eine Art Verzerrbild - es kann sich dabei auch um eine Nachricht handeln. Die tatsächliche Nachricht oder das tatsächliche Bild lässt sich nur mittels bestimmter Technik erkennen - zum Beispiel, indem das Bild gespiegelt wird, eventuell mittels eines gebogenen Spiegels, oder indem man das Bild in einem bestimmten Winkel betrachtet.

Das Bild oben ist eine Anamorphose, die ich gern verwende, um Schülern klarzumachen, was es bedeutet, es komme in einer Sache "auf den Blickwinkel an" - fand ich ganz anschaulich und ist tatsächlich für einige Schüler eine ganz neue Erfahrung.

Was oben steht? Da hilft nur ausdrucken und in einem sehr spitzen Winkel anschauen ;-)

Dienstag, 3. April 2018

Starthilfe, Schmelzkäse, Einrasten

Irgendwo da unten...

vorweg: Wie im letzten Beitrag geschrieben, habe ich mir gestern Tarsems Film "The Fall" (2006) angeschaut - ich bin hin und weg, wie ein Film mit so wenig "Grundlage" so bezaubernd sein kann. Die Story ist, naja, eine Geschichte, die ein Mann in einem Hospital einem fünfjährigen Mädchen erzählt - gezeigt wird sie per subjektiver Kamera aus der Sicht des Mädchens und das unglaublich bildgewaltig; definitiv ein weiterer Beitrag in der Kategorie Style Over Substance und ein weiterer Film für meine Bluray-Sammlung.

Zurück aus... wo war ich? ...wann war ich? ... ...wer und vor allem... wie war ich??? Ich fange vielleicht dort an, wo die Geschichte beginnt. Weit vor dem Einrasten, weit vor dem Schmelzkäse, weit vor - oder eigentlich genau während der Starthilfe, oder besser, dem Mangel an selbiger.

Lehrer haben die unsinnige Angewohnheit, pünktlich zu den Ferien krank zu werden. Da das so ein Trend zu sein scheint, weigere ich mich natürlich, daran teilzuhaben. Dafür falle ich in eine andere Art Loch, und das ist nicht unbedingt besser; kaum legt sich der Schulstress, stellt sich eine Form der Katatonie ein. Antriebslosigkeit. Ich bekomme den Arsch nicht mehr hoch. Und wie passend - die Ferien beginnen natürlich mit dem Feiertagswochenende, an dem sowieso alles tot zu sein scheint, wenn man vom Klopapier-Einkaufswahn davor und danach und am Samstag mittendrin absieht.

Und so steigere ich mich von Tag zu Tag immer mehr in die Antriebslosigkeit hinein und sehe auch keinen Grund, da rauszukommen: Ich bin mit einem Videospiel versorgt, ich habe noch Nahrungsmittel zuhaus und zur Not reichlich Schnellimbisse innerhalb von fünf Minuten erreichbar. Mittlerweile muss man ja überhaupt nichts mehr einkaufen, zumindest dafür nicht das Haus verlassen: Das Wunder Internet sorgt dafür, dass man sich alles schicken lassen kann und dass der Fachhandel vor Ort eingeht. Wie toll! Moderne Zeiten, würde Charles Chaplin gesagt haben, oder Jacques Tati.

Zumindest könnte man sich alles kommen lassen, wenn die Versandunternehmen mitspielten. Da ich bei DHL mittlerweile grundlegend davon ausgehe, dass alle Lieferungen erstmal einen Tag in den Verteilzentren herumliegen - und das geht noch besser: Letztes Mal lag meine Lieferung nicht nur drei Tage im Verteilzentrum herum, sondern wurde dabei beschädigt, neu verpackt und zwei weitere Male ausgeliefert, so dass ich acht Tage nach Versanddatum ein Monster in Plastik entgegennehmen konnte. Da ich auf so etwas mittlerweile gefasst bin, versuche ich auf andere Versandunternehmen umzusteigen, wenn möglich. Und dachte einmal, DPD sei eine nette Alternative.

Und so sollte am Samstag eine Lieferung hier ankommen, und damit beginnt die Geschichte, die auch mit Schmelzkäse zu tun hat. Ich finde es ziemlich genial, dass man bei DPD ein "Live-Tracking" machen kann. Wenn man auf deren Seite die Sendungsnummer und die Postleitzahl eingibt, wird direkt angezeigt, wo das Paket gerade ist. Auf einer Karte. Und das wird regelmäßig aktualisiert; darüber hinaus wird ein Zeitfenster errechnet, in dem die Lieferung ankommen soll.

Die Idee ist fantastisch, stellt aber hohe Anforderungen an die Paketboten. GPS lebe hoch, und so sehe ich am Samstag auf der Karte einen kleinen Avatar, der mir anzeigt, dass der Wagen mit meinem Paket noch in Gaarden herumeiert. Wird voraussichtlich zwischen 11:44 und 12:14 Uhr hier eintrudeln. Und so aktualisiere ich die Karte hin und wieder, der Wagen kommt meinem Haus immer näher, ich kann näher heranzoomen, der Wagen steht zwei Straßen weiter. Und dann... passiert nichts mehr. Der Status wird nicht mehr aktualisiert. Mittlerweile ist es 12:30 Uhr, und als ich die Sendungsverfolgung neustarte, wird das Paket überhaupt nicht mehr angezeigt. Bermuda-Dreieck? Waldwiesenkreisel?

Am Sonntag wird der Status aktualisiert: Man habe am Samstag um 11:59 leider niemanden in meiner Wohnung antreffen können und eine Benachrichtigung hinterlassen. Wie aufschlussreich. Ich war um 11:59 Uhr anwesend, und es wurde definitiv keine Benachrichtigung hinterlassen. Nun denn, ich lerne, die Dinge zu nehmen, wie sie kommen, und akzeptiere eine erneute Zustellung am heutigen Dienstag.

Jetzt wird es spannend, und es ist auch nicht mehr weit bis zum Schmelzkäse. Heute zeigt mir der Sendungsstatus an, dass das Paket im Paketzentrum in Osterrönfeld liegt, gut, das kenne ich schon, im Laufe des Vormittags dürfte dann wieder der kleine DPD-Auto-Avatar auf der Karte angezeigt werden, Lieferdatum wird mit "heute" angegeben. Um 12:29 Uhr allerdings nicht mehr. Das Paket liegt im Depot, keine Zustellung. Jetzt wird es mir zu bunt, und es ist endlich so weit: Ich bekomme den Arsch hoch.

Und zwar telefoniere ich - und ich liebe es ja, mit unbekannten Menschen zu telefonieren! Aber es wird Zeit, dass ich endlich mal aktiv werde, dass ich endlich aus meinem Feriensumpf herauskomme. Also rufe ich bei DPD an, denn ich möchte herausfinden, ob ich das Paket persönlich in Osterrönfeld abholen kann. Und das ist gar nicht so leicht, bei DPD durchzukommen: Man soll am Sprachcomputer seine Sendungsnummer eingeben - zu einem menschlichen Ansprechpartner kommt man nur, wenn man still bleibt - was einem netterweise nicht erklärt wird.

Jedenfalls schaffe ich es, mir nach Hin und Her ein OK abzuholen: Das Paket liegt in Osterrönfeld bereit, ich kann es bis achtzehn Uhr dort abholen. Warum ich nicht einfach bis morgen warte? Um in die Gänge zu kommen! Jetzt habe ich endlich einen Grund, den ADAC antanzen zu lassen, weil mein Wagen ein paar Monate draußen still überwintert hat und die Batterie tot ist. Also folgt Anruf Nummer Zwei und eine gute halbe Stunde später kommt ein netter gelber Engel vorbei und gibt mir Starthilfe. Also, dem Wagen; meine eigene mentale Starthilfe hatte ich schon.

Und er gibt mir den Hinweis, dass meine erste Tour möglichst eine Stunde am Stück dauern sollte, damit die Batterie sich wieder etwas erholen kann. Also drucke ich mir meinen Fahrplan zum DPD-Lager in Osterrönfeld aus, fahre aber erstmal nach Rendsburg rein, eine kleine Sightseeing-Tour durch den Kanaltunnel, und dabei wird mir bewusst, dass ich monatelang nicht mehr Auto gefahren bin. Und endlich habe ich einen legitimen Grund mit achtzig Sachen über die A210 zu tingeln: Ich muss eine Stunde Fahrzeit voll bekommen, bevor ich mich nach Osterrönfeld aufmache und irgendwann dort endlich den Wagen auf einem Lidl-Parkplatz abstelle.

Neuland. Ich kenne mich nicht aus. Es trägt nicht gerade zu meinem Gefühl von Sicherheit bei, dass der Laden geschlossen ist - oder nicht? Überall stehen Leitern und Handwerker herum. Aber ich brauche ja keine Lütticher Waffeln (Buba sabbert), also kann mir Lidl egal sein. Ich gehe ein paar Hausnummern weiter. Von DPD nichts zu sehen, aber ein Pförtnerhäuschen. Ich gehe dort hinein, trage mich in eine Besucherliste ein. Ich bekomme einen auffälligen Anhänger, den ich während meiner Aufenthaltsdauer immer gut sichtbar tragen soll, ein Besucherausweis. Und ich bekomme die Wegbeschreibung, mit dem Hinweis, dass ich immer auf dem Weg innerhalb der gelben Linien bleiben soll. Muss so sein, denn sonst greift die Versicherung nicht, falls etwas passiert. Und es könnte etwas passieren, denn hier ist ein Umschlagplatz für diverse Unternehmen, es fahren ununterbrochen LKWs durch die Gegend.

Mit diesem neuen Ausweis um den Hals fühle ich mich wie... Schmelzkäse: Ich laufe und laufe, keine Ahnung, wohin, überallhin, und die gelben Linien, die den Gehweg begrenzen, sind wie der Rand des Backblechs, und ich achte darauf, nicht drüberzutreten. DPD? Nicht in Sicht, aber ich laufe weiter, um eine große blaue Halle herum, und plötzlich erkenne ich ein kleines weißes Gebäude mit einem großen Schild "DPD-Paketshop". Endlich hat die Odyssee ein Ende. Ich gehe dorthin, treffe eine sehr freundliche Frau hinter mehreren großen, schweren Türen, die mir mein Paket aushändigt. Von nun an ziert ein Dauergrinsen mein Gesicht.

Ich grinse, weil die Dinge jetzt laufen. Ich grinse, weil gerade die Sonne hervorkommt. Ich grinse, weil mein Auto tatsächlich wieder fährt, auch wenn ich noch nicht weiß, ob es nun auf dem Lidl-Parkplatz wieder anspringt. Grinsend gehe ich den gelb gerahmten Weg zurück, grinsend gehe ich zurück zum Pförtner, grinsend gebe ich ihm meinen Besucherausweis zurück und trage die Uhrzeits meines Abgangs ein. Grinsend steige ich in's Auto, lasse die Zündung an... er startet! Jetzt kann mir eigentlich alles egal sein. Grinsend fahre ich vom Parkplatz, grinsend fahre ich auf die A210.

Und dann fängt es an zu regnen, und dann kommt - wie immer - Stau auf der B76, und dann kommt noch dazu, dass Dank der Baustelle im Viertel Chaos am Waldwiesenkreuz herrscht. Und einige Autofahrer benehmen sich wie Vollpfosten! Ich könnte ausrasten! Aber: Ich raste lieber ein. Ich habe gelernt, in solchen Momenten Tonglen im Augenblick zu praktizieren, das ist eine Meditationstechnik, die mich runterfährt. Und so schaffe ich auch noch die letzten Meter, und als kleinen Gruß der ollen Areté bekomme ich den Parkplatz direkt unten an der Kreuzung.

Ein Abenteuer ganz besonderer Art. Was für ein Aufwand! Aber das war gut so: Endlich habe ich etwas gemacht. Und deswegen bin ich froh, wie der Tag sich entwickelt hat.

Zeit zum Meditieren.

Sonntag, 1. April 2018

Style Over Substance

Das visuelle Design des Films hat mich sehr angesprochen...

Vor einigen Tagen hat Er mir geschrieben, eine Antwort auf eine Nachricht, die ich ihm nach einer gefühlt ewigen Funkstille gesendet habe. Mein Fehler; ich hatte den Kopf so mit Schule vollgestopft, dass Er komplett in den Hintergrund geraten ist. Vielleicht nicht die schlechteste Idee. Jedenfalls hat Er geschrieben, dass er jetzt angefangen hat, The X-Files zu schauen, und ich habe ihm geschrieben, dass ich ihm gute Unterhaltung wünsche. Ich habe die Serie sehr genossen, unter anderem den Aspekt, dass es eine recht intelligente Serie ist, das hat mir sehr zugesagt.

Ist es das, was eine gute Serie oder einen guten Film ausmacht? Intelligenz? Jeder hat eine andere Vorstellung davon, was einen guten Film ausmacht. Und zusätzlich kann es auch noch von der Tagesform abhängen. Und dann gibt es immer wieder Filme, die das Publikum polarisieren. Die einen können dem Film etwas abgewinnen, die anderen finden immer neue Gründe, ihn zu hassen. Einer dieser Filme ist The Cell (2000) des Regisseurs Tarsem Singh, sein Spielfilmdebüt, nachdem er bis dahin viele Werbeclips und Musikvideos gefilmt hat.

Mich verbindet eine sehr langjährige Neugier mit diesem Film. 2001, in meinem Abiturjahr, hatten wir ein Fach mit dem Namen PU - Projektunterricht. Und ich weiß noch genau, wie ich in der zwölften Klasse auf die damals noch recht neu an die Schule gekommene Lehrerin Steffi Schiller zugegangen bin. Sie war dafür mitverantwortlich, dass mein Notenspiegel in der Oberstufe um mehr als eine ganze Note nach oben geklettert ist (neben Rainer Krüger) und ich fand sie einfach toll. Also habe ich sie nicht nur gefragt, ob sie meine Tutorin werden würde, das war so gut wie selbstverständlich, sondern ein Jahr später dann, ob sie mit uns einen Projektunterricht Filmanalyse machen würde.

Dazu ist es schließlich gekommen, und so haben wir uns in kleinen Gruppen Filme vorgeknöpft und uns bestimmten Aspekten der Filmanalyse gewidmet. Eine Schülerin hat ein Infoblatt zu The Cell geschrieben; ich weiß noch, wie ich das gelesen habe, den Film aber nie angeschaut habe. Obwohl das, was sie geschrieben hat, eigentlich ganz faszinierend klang. Und irgendwie verwirrend. Irgendwie zu surreal für mich. Das war vor beinah achtzehn Jahren; mittlerweile bin ich ein bisschen aufgeschlossener und neugieriger geworden und habe mich bei der Wikipedia über die Rezeption des Films informiert. Dort habe ich von der polarisierenden Wirkung des Streifens gelesen.

Von den großartigen Bildern, dem minimalen Plot, den eindimensionalen Charakteren, der Ähnlichkeit zu Silence of the Lambs. Bei Rotten Tomatoes hat gerade mal knapp die Hälfte der Kritiker eine positive Rezeption abgegeben, und ich kann jeden von ihnen verstehen. Der Hauptkritikpunkt war, dass dem Film einfach jegliche Substanz fehlt, weggelassen zugunsten eines visuellen Flairs, das bombastisch und für viele zu aufgesetzt wirkt. Style over substance, könnte man kurz und knapp sagen.

Dem mag ich zustimmen, aber für mich persönlich bedeutet das nicht, dass es gleich ein schlechter Film sein muss. Im Gegenteil: Ich bin äußerst empfänglich für bildgewaltige Filme. Ich mag es, mich auf Reisen in Fantasiewelten mitnehmen zu lassen, ich kann mich daran gar nicht satt sehen und hören. Meine Lieblingsszenen im Film Interstellar sind die Reise durch das Wurmloch und der Flug in's Schwarze Loch. Eine meiner Lieblingsszenen in Contact ist die Reise durch die höhere Dimension. Und einer der Filme, die ich immer wieder schauen kann, ist Dario Argentos Suspiria, der wie eine Meisterübung in style over substance wirkt.

Weil die Ausgangslage immer unsere ganz normale Realität ist, mit der ich mich noch sehr gut identifizieren kann, und plötzlich gehen die Filmhelden dann etwas weiter und reisen in unvorstellbare Welten.

In The Cell reist Jennifer Lopez (besser, als ich vielleicht denken sollte) in der Rolle einer Sozialarbeiterin mittels einer Virtual-Reality-Einrichtung in das Bewusstsein eines kleinen Jungen, der im Koma liegt. Das erste Viertel des Films widmet sich diesen Reisen, so dass ich schnell damit vertraut werde. Parallel wirft Tarsem weitere Storylines ein und wir sehen, wie ein Serienmörder (Vincent D'Onofrio) seiner Arbeit nachgeht. Dabei zeigt er sehr ungewöhnliche Verhaltensweisen, die mich fragen lassen, warum er das alles wohl macht. Ich frage mich, was in seinem Kopf vorgeht, und ich denke mir, dass es bestimmt aufregend wäre, sein Bewusstsein in der virtuellen Realität zu erforschen.

Stargher, der Mörder, wird recht bald gefasst, in einem Zustand der Katatonie - er reagiert kaum noch auf äußere Reize und Kommunikation mit ihm scheint unmöglich. Das Prekäre an der Lage: Er hat vor seiner Gefangennahme noch eine Frau entführt und hält sie in einer Zelle gefangen. Wenn es nicht innerhalb von wenigen Tagen geschafft wird, sie zu finden, wird sie genauso sterben wie ihre Vorgängerinnen. Also wird versucht, in Starghers Bewusstsein zu gehen, um herauszufinden, wo die Frau gefangen gehalten wird.

Das ist die Prämisse, und damit ist auch schon der gesamte Plot erzählt. Alle oben genannten Kritikpunkte sind berechtigt, aber die Ausflüge in die Gedankenwelt eines Serienmörders sind visuell beeindruckend. Ich weiß, dass ich den Film unbedingt noch einmal sehen möchte. Es kommen keine Aha-Effekte, der Plot sollte besser nicht zu intensiv untersucht werden. Einfach nur zurücklehnen und staunen, was Tarsem hier auf's Zelluloid gebannt hat. Die Einflüsse sind eindeutig, neben diversen Kunstwerken aus der Malerei, die verarbeitet wurden, scheinen auch psychedelische Reisen als Vorbild gedient zu haben. "Surreal" klingt recht bescheiden angesichts des visuellen Feuerwerks.

Ich verstehe die 46% positiven Bewertungen bei Rotten Tomatoes.
Ich kann nicht genug davon bekommen und freue mich schon drauf, Tarsems Film The Fall (2006) zu schauen.

post scriptum: Roger Ebert war auch sehr positiv angetan, das war einer der Hauptgründe, warum ich mich dann doch dazu gebracht habe, den Film zu schauen. War eine gute Entscheidung!