Mittwoch, 3. Januar 2018

Mein Vulkan und ich

Burn, baby, burn!

An diesem Silvester habe ich null Euro für Feuerwerkskörper ausgegeben. Das ist durchaus ungewöhnlich, meine Eltern können ein Lied davon singen: Ich habe in meiner Jugend immer wieder gern verschiedenste Feuerwerkskörper gekauft, angezündet, erlebt und auswendig gelernt. Ja genau: Mir war bald klar, was eine Wilde Hummel ist, oder Vierfarb-Fontäne, oder Fallschirm-Leuchtrakete, oder Feuertopf. Irgendwann wusste ich genau, was passiert, wenn ich eine 1000 Silbertaler-Fontäne anzünde. Und dann war es irgendwie nicht mehr so spannend.

Ich habe eher Sachen gekauft, die ich noch nicht kannte, weil ich erleben wollte, was mittlerweile so alles möglich ist. Als vor etwa fünfzehn bis zwanzig Jahren Feuerwerksbatterien für "Laien" noch ganz neu und unbekannt waren, war ich gleich dabei, ich wollte ausprobieren, was das wohl ist. Mittlerweile kenne ich sehr viele Feuerwerkskörper und -effekte. Dadurch ist der Reiz etwas verloren gegangen. Das bedeutet nicht, dass ich mir nicht immer noch gern Feuerwerke anschaue, im Gegenteil, aber ich hinterfrage inzwischen, warum ich Geld für etwas ausgeben soll, das ich schon kenne.

Knaller habe ich nie gekauft. Ich nehme zur Kenntnis, dass viele Menschen es lieben, einen Kracher anzuzünden und damit die gesamte Nachbarschaft mal so richtig zu erschüttern. Und es sei ihnen gegönnt; danach müssen sie wieder über dreihundert Tage darauf warten. Aber mich haben Böller nie gereizt. BUMM! Und das war's. Nix mit Genuss. Im Gegenteil, ich habe mich unglaublich verjagt, wann immer ein Knaller in meiner Nähe losgegangen ist, den ich nicht selbst gezündet hatte.

Mich reizen länger andauernde, sichtbare Effekte. Wie sich ein Funkenregen in Kaskaden aus bunten Kugeln verwandeln kann, und es dann zu knisternden, extrem hell aufleuchtenden Blitzlichtern kommt, das fand ich immer faszinierend - und daran hat sich bis heute nichts geändert. Je mehr ich darüber nachdenke, umso sicherer bin ich mir, dass ich nächstes Mal Feuerwerkskörper kaufen werde. Und zwar nicht einfach irgendwas, sondern ganz gezielt, denn unter dem ganzen Leuchtfeuerwerk habe ich einen Favoriten: die Vulkane.

Ich finde es aufregend, wenn der Vulkan zündet und zunächst nur eine relativ kleine Flamme aufleuchtet, mit einem Zischen, und Funken in die Luft schleudert, die nicht einfach verschwinden, sondern zurück auf den Boden fallen wie Lava. Ich bin gespannt, wie hoch die Flamme wohl wird - denn in der Regel steigert sich die Höhe des Funkenregens mit dem Abbrennen immer weiter, das Zischen wird zu einem immer lauter anschwellenden Fauchen, die vorhin noch kleine Flamme ist fast größer als der Vulkan selbst und die Funken steigen einen, zwei, drei Meter hoch in den Nachthimmel. Ich frage mich, was denn da noch alles rauskommt, denn der Effekt eines Vulkans lässt sich nur selten an seinem Äußeren erkennen - klein und unauffällig, kann der Funkenrausch die Aufmerksamkeit aller auf sich ziehen. Die kleinen Lichter fliegen inzwischen fast vier Meter hoch - doch dann stoppt die Fontäne, das Fauchen reduziert sich zu einem Zischen und es bleibt nur noch eine kleine Flamme auf der Spitze des Vulkans übrig. Manche Vulkane sehen danach tatsächlich aus wie ihre Namensvetter in der Natur, verkohlt, mit eingestürzter Flanke, Zeugnis des Infernos.

Nächstes Mal werde ich mir ein paar verschiedene Vulkane besorgen. Dann warte ich Mitternacht ab, beobachte all' die Feuerwerkskörper der anderen Menschen, und wenn ich dann Ruhe habe, wenn keiner mehr stört, genieße ich die flammende Sinfonie.

Dienstag, 2. Januar 2018

Ohrwurm

Entspannt in's neue Jahr...

Neujahr habe ich ohne neuen Beitrag gelassen - ich weiß ja nicht, wie es Euch geht, aber der Neujahrstag gehört für mich immer der "Schadensbeseitigung". Die Wohnung wird aufgeräumt, der Kopf wird durchgelüftet. Ich habe so viel nachgedacht in den letzten Tagen, dass ich an Neujahr einfach nur existiere. Das Gehirn auf Sparflamme laufen lassen. Musik hören. Videospiele. Und natürlich, wie könnte es in diesem Jahr auch anders sein, Twin Peaks.

Irgendwie verkriechen sich alle an Neujahr. Wenn sie aus dem Fenster schauen, sehen sie die inzwischen in braun-bunten Matsch verwandelten Überreste des Feuerwerks im Regen. Der Kopf dröhnt, oder tut weh, oder will einfach nur in Ruhe gelassen werden. Viele schlafen ihren Rausch aus, Aspirin, vielleicht etwas Koffein, gegen Mittag werden die ersten Zigaretten angezündet. Alle paar Minuten fährt draußen mal ein Auto vorbei; es ist ein Feiertag wie jeder andere Feiertag, die Geschäfte sind geschlossen, allerdings möchten an Neujahr - im Gegensatz zu den Weihnachtsfeiertagen - nicht viele Menschen die Zeit auf Teufel komm raus gemeinsam mit der Familie verbringen: Viele lassen in ihrem hämmernden Schädel ihre Vorsätze Revue passieren, wie auf einem Fließband, das durch ihren Kopf läuft, und an dessen Ende alle Vorsätze direkt in die "Naja, gestern war ich nicht nüchtern"-Müllkippe Zweitausendachtzehn entsorgt werden.

Und ich? Ich habe meine Fingernägel frisch lackiert. Meine Notebook-Tastatur ist begraben unter einem Haufen aus Notizzetteln, viele kleine Erinnerungen an Dinge, die erledigt werden müssen, die ich aber in den letzten Tagen des alten Jahres nicht erledigen wollte, weil ich nicht aus meinem Gedankenflow rauskommen wollte. Ich muss endlich meine Bewerbung im pbOn aktualisieren. Ich muss einer Freundin per Mail antworten. Ich muss Rechnungen bezahlen. Ich muss Bargeld holen. Manche der Notizzettel sind mit Ausrufezeichen versehen, als ob das etwas ändern würde. Manche habe ich in auffälligen Farben geschrieben - als ob das etwas ändern würde!

Und dann wollte ich gerade die Rollos herunterziehen, um das Neujahrsgrau auszublenden, da kommt tatsächlich die Sonne hervor. Meine Mutter würde mich jetzt ermuntern, einen Spaziergang an der schönen Luft zu machen, aber ich bin noch nicht mit dem Aufräumen fertig. Truth be told: Ich habe noch nichtmal mit dem Aufräumen angefangen. Ich muss keinen Kater haben, um das noch etwas hinauszuschieben. Lieber noch einmal den Ohrwurm abspielen, der mich seit dem Silvesterabend begleitet, seitdem ich drei Mädels in einer Folge Twin Peaks auf der Bühne habe performen sehen (Au Revoir Simone - A Violent Yet Flammable World), und eigentlich kann der ganze graue Alltag noch etwas warten. Leck' mich, die Arbeit kann auch am zweiten Januar beginnen.

(...)

Und nun ist der zweite Januar erreicht. Jetzt sollte ich endlich mal anfangen, die Silvestergrüße abzuarbeiten, die noch fehlen, das sind zum Glück nicht viele. Der Müll kommt raus, und dann wird es Zeit für die letzten beiden Folgen Twin Peaks - Serien können schlimm sein, erst recht, seitdem man mit einem Klick direkt die nächste Folge beginnen kann. So wird es sehr schwer, einfach zwischendurch aufzuhören. Soviel zum Thema Disziplin; ist sowieso ein blöder Vorsatz.

Kommt gut rein!

Sonntag, 31. Dezember 2017

Berliner mit Senf

...no comment...

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich unten bei'm Bäcker die Menschen, die sich für heute und morgen mit allem eindecken, was man vom Bäcker gebrauchen könnte. Das scheint eine Menge zu sein, denn die Schlange der Menschen reicht bis nach draußen, auf die Straße, im Regen. Sie haben für heute graues Wetter angesagt und eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Feuerwerk in's Wasser fallen könnte.

"Na und? Du hast es doch eh' nicht so mit den Festen und Feiertagen, oder?"

Es ist spannend. So wenig ich Weihnachten nachvollziehen kann, so wichtig sind mir die letzten Tage des Jahres. Silvester bedeutet mir etwas, und ich kann versuchen, das zu erklären, aber das wird vielleicht erfolglos bleiben, denn das ist etwas, was ich selbst nur spüre und vielleicht noch nicht ganz verstanden habe.

Schon als Kind hat sich Silvester für mich irgendwie "besonders" angefühlt. Ich habe das Feuerwerk geliebt; ich tue das immer noch, allerdings bin ich seit ein paar Jahren nicht mehr selbst der große Abfackler. Es liegt daran, dass ich die Effekte mittlerweile kenne. Wenn ich mir heute Abend das Feuerwerk anschaue, werde ich hier- oder dorthin deuten und aufzählen, was das gerade für Elemente sind, die die bunten Lichter erzeugen. Dass ich selbst nichts mehr abbrenne, heißt aber nicht, dass ich es mir nicht gern anschaue, im Gegenteil. Das ist auch einer der Gründe, warum ich jedes Jahr im Herbst, in den letzten zwei Wochen der Saison, einmal in den Hansa-Park fahre, um nach den Achterbahnfahrten im Dunklen zum Abschluss des Abends das dortige Feuerwerk anzuschauen.

Der Silvesterabend ist mir wichtig - und gerade weil er so wichtig ist, möchte ich ihn allein verbringen. Damit ich ihn genau so verbringen kann, wie ich es möchte - damit mir sozusagen niemand dazwischenfunken kann. Das klingt etwas verbohrt. Ist vielleicht wieder eine kleine Nische, die ich mir mit Autisten teile: Wenn der Abend nicht nach meinen Vorstellungen verläuft, werde ich wütend, oder traurig, oder beides. Das weiß ich mittlerweile, und deswegen reserviere ich den Abend nur für mich.

Ich decke mich mit allem ein, was ich brauchen kann. Leckeres Essen (kaum zu glauben, mirabile dictu, aber ich esse etwas an Silvester!), gute Filme, gute Musik. Alles, was ich für eine perfekte Meditation brauche. Denn ich werde nachdenklich. Sehr nachdenklich; das ausklingende Jahr lädt mich ein, über mein Leben nachzudenken. Ich lasse das vergangene Jahr Revue passieren - was sicherlich nichts Besonderes ist, es wimmelt dieser Tage ja nur so von Jahresrückblicken - ich rufe mir in Erinnerung, was Gutes und Schlechtes passiert ist. Und im Schlechten versuche ich das Gute zu sehen. Denn wir neigen dazu, uns eher auf die schlechten Ereignisse zu berufen und dann festzustellen, dass es doch irgendwie ein Scheißjahr war.

Und was haben wir nicht alles an Anlässen dazu! Terroranschläge, eine AfD, die in den Bundestg einzieht, ein komplett verregnetes Jahr, schlechte Ernten, Krieg auf der Welt, eine nicht enden wollende Flüchtlingskrise, schon wieder Arbeitslosigkeit, Betriebskostennachzahlung, ein gebrochener Finger und und und...

...und damit ihr sowas nicht den Abend verhagelt, hat die große Buba eine ganz geniale Methode dagegen: das Glücksglas. Wann immer ihr im Jahr etwas Schönes passiert ist, wann immer sie besonders glücklich war, hat sie dieses Ereignis, ihre Gedanken dazu, auf einen Zettel geschrieben, zusammengefaltet und in ein Glas gesteckt. So hat sie alles Glück über die Monate gesammelt und schaut zum Jahresausklang in das Glas, sie faltet die Zettel auseinander und wird beim Lesen daran erinnert, dass ihr so viel Schönes widerfahren ist. Eine tolle Methode, und ich überlege, ob ich sie im kommenden Jahr ebenfalls anwenden möchte.

Ich denke an Silvester nicht einfach nur über alles nach, was passiert ist, sondern ich versuche, mein eigenes Verhalten im Angesicht all' dieser Ereignisse zu analysieren - zu beschreiben, und schließlich zu beurteilen. Ich gehe mit mir selbst in's Gericht, mit der Frage: "Was möchte ich im neuen Jahr anders machen? An welchen Stellen möchte ich mein Verhalten ändern, im Idealfall zum Besseren wenden?" Ich verbringe an diesem Tag mehrere Stunden mit solchen Überlegungen.

Ich habe letztes Jahr zu Silvester ein kleines Rätsel gepostet und mich darin bei den Menschen bedankt, die ich liebe. Auch heute möchte ich mich bedanken, und zwar bei Euch, meinen Lesern - genauer gesagt: Bei Dir, und zwar genau jetzt, da Du diesen Beitrag liest. Vor bald zwei Jahren habe ich angefangen, diesen Blog zu schreiben. Wenn es Dich nicht gäbe, Dich und Deine Reaktionen, Antworten, Beiträge und Meinungen zu dem, was ich hier fabriziere, dann hätte ich wohl längst das Interesse am Bloggen verloren. Dann hätte ich nach ein paar Monaten aufgehört zu schreiben. Mittlerweile weiß ich, dass es da draußen Menschen wie Dich gibt, die tatsächlich daran interessiert sind, was ich hier zu sagen habe. Das ist ein tolles Gefühl; die Tatsache, dass ich aus einem Arbeitsvertrag nach dem anderen ausscheide, von einer Schule nach der anderen gehe, lässt mich denken, dass mein ganzes Handeln vergeblich ist. Hier im Blog ist das anders.

Ich staune immer wieder darüber, wer alles mitliest. Das erkenne ich nur an den Reaktionen auf die Beiträge, zu denen Du dich vielleicht hast hinreißen lassen, und für die ich sehr dankbar bin. Ich habe einst darüber geschrieben, wie toll es ist, Fußspuren im Leben anderer Menschen zu hinterlassen, und dieser Blog belegt mir quasi, dass es wirklich so ist.

Danke für Dein Interesse. Danke für Dein Feedback. Danke, dass Du mir das Gefühl gibst, etwas Sinnhaftes zu tun. Ich hoffe, dass es auch in Deinem Leben diese "Reflektoren" gibt, die Dir zeigen, wofür Du das alles machst. Ich wünsche Dir für das neue Jahr genügend Gesundheit, das Leben in vollen Zügen genießen zu können; worauf wartest Du? Ich habe mit dem Genießen viel zu lange gewartet, habe mir immer wieder gedacht, dass ich das erst mache, wenn ich einen festen Job habe. Die Tatsache, dass ich aus jedem Arbeitsverhältnis erneut wieder hinausgekickt werde, und das positive Beispiel der Sannitanic haben mir klargemacht, dass ich mein Leben jetzt leben sollte, und nicht in irgendeiner weit entfernten Zukunft.

Mach' Zweitausendachtzehn zu einem großartigen Jahr - zu Deinem großartigen Jahr!

DANKE!!!

post scriptum: Ich denke, die "Berliner mit Senf"-Tradition dürften die Meisten kennen. Nachdem unten die gefühlt kilometerlange Schlange beim Bäcker verschwunden ist, bin ich auch einmal runtergetrottet und habe mir ein paar Teile geholt, allerdings mit den Füllungen, die ich als etwas leckerer empfinde ;-)

Samstag, 30. Dezember 2017

Rückkehr nach Twin Peaks


"I'll see you again in twenty-five years."

Diesen Satz sagt Laura Palmer zu Special Agent Dale Cooper in der Black Lodge - und es ist wahr geworden. David Lynch hat fünfundzwanzig Jahre nach der zweiten Staffel der mittlerweile tatsächlich legendären Serie Twin Peaks viele Darsteller der Originalserie zusammengetrommelt und ein neues Kunstwerk erschaffen: Twin Peaks - A Limited Event Series.

Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll; ich bin extrem beeindruckt, dabei habe ich gerade einmal die erste Folge der neuen Staffel gesehen. Mehr als einmal konnte ich meinen Augen nicht trauen, denn sie sind alle wieder da, und sie sind fünfundzwanzig Jahre älter geworden: Deputy Andy Brennan und Lucy Moran haben einen vierundzwanzigjährigen Sohn. Hawk hat mittlerweile graue Haare. Margaret, die Log Lady, taucht auf; ihre Szene ist ein besonderer Genuss, denn die Darstellerin Catherine E. Coulson ist bereits 2015 verstorben. Dieser Umstand trägt zur Atmosphäre bei, die sich schnell beschreiben lässt: düster, verstörend.

Das neue Werk ist wesentlich tiefer im psychologischen Horror verwurzelt als die Originalserie. Ich muss zugeben, zeitweise hatte ich ein bisschen die schräg-lustige Seite von damals vermisst - das soll aber nicht heißen, dass kein Humor vorkommt, ganz im Gegenteil, es gibt wieder den rabenschwarzen Lynch-Humor. Ich habe zwischendurch einen Lachanfall bekommen bei einer Szene, in der es um das Öffnen einer Apartmenttür geht. Ich gehe nicht in's nähere Detail, denn ich könnte mir vorstellen, dass es da draußen mehrere Menschen wie mich gibt: aufgeschlossen für Neues, gierig nach Lynch-Input und ich möchte nicht "gespoilert" werden (was die Sprache so alles anstellt...).

David Lynch hat diesmal die Zügel nicht aus der Hand gegeben (wie in der zweiten Staffel), er hat eine ganz konkrete Vorstellung davon gehabt, wie sich das alles entwickeln soll. Die Serie ist eine achtzehnstündige Einheit. Wenn nicht die Credits über den Bildschirm laufen würden, wüsste man nicht, dass eine Folge zu Ende ist. Lynch hat alles gefilmt, was er zu "sagen" hatte, und hat dann das Ganze in achtzehn Episoden unterteilt.

Ich bin so beeindruckt - und auch dermaßen verstört - von der ersten Folge, dass ich unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht. Lynch hat die Pilotfolgen 1 und 2 beim Filmfestival in Cannes in diesem Jahr gezeigt und fünfminütige standing ovations bekommen. Das zeigt: David Lynch ist ein Meister seines Fachs, das hat nichts mehr mit Mainstream zu tun, das ist eine Nische, aber eine sehr tiefgründige, inspirierende und illuminierende Nische.

Es sollte erwähnt werden, dass die Serie in Deutschland das Siegel FSK18 bekommen hat, und das zu Recht. Der Inhalt ist definitiv nicht für Jugendliche gedacht. Es ist eine düstere Kunst und verlangt eine gewisse Reife, um das Gezeigte überhaupt verarbeiten zu können.

Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht. Ich muss jetzt erstmal die Eindrücke der ersten Folge verarbeiten. Die älter gewordenen Darsteller. Die düsterer gewordene Grundstimmung (trotz Kaffee und Donuts). Die neuen Schauplätze (zusätzlich zur Stadt Twin Peaks). Ich weiß noch sehr gut, was am Ende der letzten Staffel mit Dale Cooper passiert ist, auch Er weiß das noch, und unzählige Menschen da draußen, und nun entwickelt sich alles genau in die in der letzten Folge angedeutete Richtung.

David Lynch hat ein unglaubliches Talent dafür, Alpträume mit der Kamera aufzuzeichnen. Das hat er schon in Mulholland Drive (2001) getan, und es ist ein Genuss, sich in sein düsteres Universum entführen zu lassen.

Thank you for being unconventional.

Freitag, 29. Dezember 2017

Karma

Jeder Mensch hat seinen eigenen Blickwinkel im Leben, handelt dementsprechend und arbeitet an seinem Karma...

"Ich bin nicht böse, ich habe nur eine Dummheit gemacht."

So erklärt die mexikanische Haushaltshilfe den amerikanischen Kindern, auf die sie hat aufpassen sollen, warum sie von der Polizei abgeführt wird. Das ist eine Szene aus dem Film, den ich eben gesehen habe, dazu unten mehr. Wir alle machen Dummheiten. In meiner Wahrnehmung mache ich überdurchschnittlich viele Dummheiten, aber das kann täuschen. Jedenfalls haben diese Dummheiten Konsequenzen. Vielleicht kaum spürbar, vielleicht nicht sofort, vielleicht erst in Jahrzehnten. Aber ich glaube fest daran, dass all' unsere Aktionen Folgen haben.

Ich habe oft genug erklärt, dass ich nicht an das Christentum glaube, nicht an irgendeinen Gott oder so, und das erklärt auch, warum mir die Feiertage nichts bedeutet haben. Natürlich habe ich mich auch selbst schon öfters gefragt: "Glaube ich überhaupt an irgendetwas?" Und über die Jahre hinweg habe ich die Antwort gefunden, dass ich an das Karma glaube.

Ich nehme mir jetzt einmal die Frechheit heraus, das Karma schön bildlich wie eine Art "Seelenkonto" zu beschreiben. Mit jeder Handlung in unserem Leben zahlen wir auf dieses Konto ein. Das betrifft sowohl gute Taten, als auch Lügen, Betrügereien, Verstöße gegen das Recht und vieles mehr. Alles wird auf das Konto eingezahlt, man kann keine Aktion einfach ungeschehen machen. Auch wenn es vielleicht nur eine kleine Dummheit war (die unter Umständen eine Kettenreaktion ausgelöst hat).

Über die Jahre hinweg füllt sich das Konto immer weiter - und es gibt Zinsen obendrauf, indem zum Beispiel eine kleine Notlüge von einst mittlerweile zu einer persönlichen Lebenslüge angeschwollen ist. Allerdings erhalten auch die "guten" Taten ihre Zinsen. Das Konto existiert zu jeder Zeit, daran glaube ich, und daran, dass ich irgendwann meinen Anteil ausgezahlt bekomme.

Im Positiven heißt das, dass ich vielleicht für eine kleine Hilfe, die ich jemandem im Studium geleistet habe, eine große Hilfe im Erwachsenenalter zurückbekomme. Egal in welcher Form, auch egal in welchem Umfang: Das Positive wird sich auszahlen, expressis verbis. Im Negativen bedeutet das allerdings, dass jede kleine Dummheit sich auch irgendwann auszahlen wird. Da habe ich zum Beispiel einmal jemanden angelogen, diese Lüge jahrelang aufrecht erhalten und bekomme nun die Konsequenzen zu spüren, ohne eine realistische Chance, die Sache aufzuklären.

Ich glaube, das ist der Grund, warum ich immer nett und freundlich bin, und warum ich versuche, im Umgang mit anderen Menschen "gut" zu sein. Nicht als Gegenstück zu "böse", denn an das Böse glaube ich nicht. Ich verhalte mich so, dass mein Karma, mein persönliches Seelenkonto, jederzeit möglichst gut dasteht. Ich konsumiere keine illegalen Drogen - auch wenn die Versuchung hin und wieder sehr stark war. Ich stehle keine Ware - auch wenn ich noch so knapp bei Kasse bin. Ich beschädige nicht fremdes Eigentum - auch wenn ich mich manchmal für etwas würde rächen wollen, oder einfach nur Wut ablassen. Ich möchte mein Gewissen nicht mit diesen Dingen beladen.

Auch wenn meine direkte Ehrlichkeit manche Menschen sehr vor den Kopf stößt und sie für den Moment verblüfft, verstört oder verärgert: Ich benutze keine white lies mehr, keine Notlügen aus Höflichkeit.

Es gibt ein perfektes Filmgenre für genau diese Thematik, nämlich den Episodenfilm. Diese Filme haben in der Regel keine Exposition, keine Peripetie, kein Denouement. Es ist, als ob der Film sich für eine Weile in das Leben eines Menschen einschaltet und ihn beobachtet, bei seinem Alltag, bei seinen Missgeschicken und auch bei seinen kleinen Erfolgen im Leben. In der Regel verbindet jeder Episodenfilm mehrere verschiedene Handlungsstränge, verschiedene Personen, die wir bei ihrem Leben beobachten (viele Episodenfilme zeichnen sich durch hohen Realismus aus), und manchmal werden sie auf eine ziemlich geniale Art verknüpft. Dafür gibt es unterschiedlichste Techniken.

Richard Linklaters Slacker (1991) beobachtet zum Beispiel einen Mann, der im Bus fährt und über den Sinn des Lebens nachdenkt. Ich erfahre, wo er herkommt und wo er hin will, ich habe mich gerade richtig auf seine Geschichte eingelassen, da stoppt der Bus wegen eines Unfalls (ich nehme hier ein bisschen Freiheit, das ist nicht die genaue Abfolge im Film). Ein Fahrradfahrer ist angefahren worden, seine Freundin kniet neben ihm, der Notarzt ist verständigt. Ich erfahre, dass er auf dem Weg zu einer Preisverleihung war - der Busfahrer ist mittlerweile verschwunden, ich bin in einer neuen Episode. Und so geht es weiter.

Ein Meister der Episodenfilme ist Alejandro Gonzalez Inarritu, dessen Film Babel (2006) ich mir heute angesehen habe. Er verbindet drei scheinbar völlig unabhängig voneinander stattfindende Episoden in Marokko, Japan und den USA/Mexiko, auf sehr geschickte Art und Weise. Es beginnt alles damit, dass ein marrokanischer Vater von einem Bekannten ein Gewehr geschenkt bekommt, die beiden waren zusammen auf der Jagd. Der Vater zeigt das Gewehr seinen Söhnen und erklärt ihnen, dass sie damit in Zukunft Jagd auf Schakale machen werden (komplett in der Landessprache, natürlich untertitelt - soviel zum Thema Realismus). Die Jungen nehmen das Gewehr und machen Zielübungen. Sie glauben dem Bekannten ihres Vaters nicht, dass man damit angeblich auf drei Meilen genau treffen kann. So weit? Geht nicht! Sie sind Kinder und wissen es nicht besser, steigen auf einen Berg und machen weiter Zielübungen. In weiter Entfernung fährt ein Bus mit Touristen die Passstraße entlang. "Wetten, du triffst den Wagen nicht?" Und der Bruder schießt. Natürlich passiert nichts, der Bus fährt ganz normal weiter. Die Jungen stehen enttäuscht auf und wollen weggehen, da sehen sie, wie der Bus unten bremst.

Schnitt auf ein amerikanisches Ehepaar (sehr schön gespielt von Cate Blanchett und Brat Pitt, wenn auch etwas Overacting dabei war), das Urlaub macht und vom Bus aus die Landschaft betrachtet. Meilenweit nur Berge, Wüste, trockene Pflanzen. Es leises Geräusch kommt von irgendwoher, wir sehen, wir sich die Bluse der Frau an der Schulter langsam blutig rot verfärbt.

Damit beginnt eine Kettenreaktion, die - wie beschrieben - auch noch Mexiko und Japan beinhaltet, denn: Jede Tat, die in diesem Film ausgeübt wird, hat Konsequenzen, positive oder negative. Der Film verzichtet zum Glück auf spektakuläre Spezialeffekte, sondern bietet Szenen, mit denen jeder Erwachsene sich identifizieren kann, und dadurch trifft er umso stärker in mein eigenes Gewissen. Jede Handlung, die ich vollbringe, wird sich irgendwie auswirken. Es mag für mich nur eine Kleinigkeit sein (wie die Zielübungen der Jungen im Film), aber für jemand Anderen bedeutet es vielleicht sehr viel (Cate Blanchett droht an der Wunde zu verbluten, mitten im Land, ohne Ärzte und Verbindungen).

Das ist Karma.

Je älter ich werde, umso mehr bekomme ich meine ersten Auszahlungen zu spüren. Da unterrichte ich an der KGS zwei Schüler, die ich vor fünf Jahren in Husum einmal kurz hatte, und sie erinnern sich und haben mich in sehr guter Erinnerung. Und machen in meinem Unterricht toll mit. Da schickt mir die große Buba eine Nachricht, denn - Zufall - ich unterrichte den Sohn einer Bekannten von ihr und der scheint sehr positiv beeindruckt zu sein.

Ihr kennt solche Auszahlungen sicherlich selbst. Und, schauen wir uns nur diesen Blog an. Die verschiedensten Menschen lesen ihn. Manche reagieren auf die Beiträge. Zum Beispiel Renate Schalkalwies, meine benachbarte "Tante Renate" aus meiner Kindheit in meinem Heimatdorf. Oder Jeanette Bornträger, mit der ich einmal zusammen bei den Saturnalien auf der Bühne stand und die mir den Tipp gegeben hat, dass man zum Rasieren wunderbar Haarspülung nehmen kann. Oder Beke Hansen, die ich vor Jahren einmal an der Uni in meinem Tutorium hatte. Georg Leinhos, mit dem ich das Lateinmodul bei Herrn Kruse erleben durfte. Franka Wottawa: Die Schwester meiner angeheirateten Tante. Die Verbindungen können so vielfältig sein.

In all' ihren Leben habe ich einen Eindruck hinterlassen, der sich darauf auswirkt, wie wir heute zueinander stehen. Alles Karma. Und deswegen glaube ich daran, dass ich mich auch in Zukunft den Menschen gegenüber "gut" verhalten möchte. Auch wenn ich dabei naiv wirke. Auch wenn es Geld kostet. Auch wenn whatever.

Daran glaube ich. Das ist, sozusagen, meine Religion.

post scriptum: Noch mehr Episodenfilme, die sich mit Verbundenheit auseinandersetzen, wären "Cloud Atlas" (fantastisch!), Jim Jarmuschs "Mystery Train" (Jarmusch eben), Robert Altmans "Short Cuts", Martin Gypkens' "Wir".

"Babel" und "Mystery Train" kann man sich bei Amazon prime kostenlos anschauen.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Schleimerella


Ich habe vor Kurzem von einem meiner Schüler ein extrem positives Feedback erhalten. Das macht mich misstrauisch, denn wir hatten bisher nicht einmal zehn Unterrichtsstunden. Aber ich lerne, dass ich es einfach genießen soll. Und klar, ich freue mich, gerade auch weil sich bei mir die Befürchtung breit gemacht hat, dass ich bei Gymnasialschülern nicht ankomme. Ich habe mich im Verhalten so sehr auf Gemeinschaftsschulen umgestellt, dass ich ein sehr loses Mundwerk mit recht zügelloser Unterrichtssprache pflege. Schön zu wissen, dass es nicht zu schlimm geworden ist.

Diese Erfahrung, das positive Feedback, hat mich in's Nachdenken gebracht. Ich habe einen relativ guten Zugang zu Schülern. Gilt das tatsächlich an jeder Schule? Und dann fällt mir wieder ein, dass auch ich Schüler habe, mit denen ich nicht klar komme, die mich in den Wahnsinn treiben können und zu denen ich keinen Draht knüpfen kann.

Aus meiner Erfahrung heraus sind es ganz brave Kinder, Lehrerlieblinge, mit denen es Stress geben kann. Ein solcher Lehrerliebling ist Schleimerella. Schleimerella bringt sich ein, wo sie nur kann, natürlich arbeitet sie in der Schülervertretung, natürlich ist sie sehr fleißig. Das halbe Kollegium liebt Schleimerella und ist stolz auf seine Vorzeigeschülerin.

Ich gebe jedem Schüler die Chance, bei mir mit "ausgeglichenem Konto" zu starten. Damit meine ich, dass es mich herzlich wenig stört, wenn die Kollegen den Schüler als verhaltensauffällig, Leistungsverweigerer und Asozialen abstempeln: Er bekommt bei mir, da ich über seine "Vorgeschichte" nichts weiß, genau die gleichen Startbedingungen und Chancen wie Schleimerella. Auch ihre Vorgeschichte kenne ich nicht, scheint positiv zu sein.

Schleimerella geht davon aus, dass ich ihren Ruf natürlich schon kenne, und sie arbeitet fleißig weiter daran. Sie macht nicht wirklich viel im Unterricht, außer hübsch auszusehen und zu lächeln. Sorry, Mädel, aber der angebliche Leistungsverweigerer trägt mehr zum Unterricht bei als Du. Das zieht sich dann die Wochen über hin, und dann wird es Zeit für Noten. Schleimerella ist unzufrieden.

"Warum habe ich nur eine 3 bekommen?"
"Deine Mitarbeit im Unterricht, die Klassenarbeiten... tut mir leid, aber ich komme nicht über die 3 hinaus."

Und so bekommt man dann beef. Sorry, aber ich werde Schleimerella nicht besser bewerten, nur weil sie sonst total beliebt ist. Und genau solche Schleimerellen sind für ich ein rotes Tuch. An Gemeinschaftsschulen war die Frequenz solcher Schüler nicht sehr hoch; ich hoffe, dass ich an meiner jetzigen Schule keine Schleimerella bekomme.

Montag, 25. Dezember 2017

Urlaub in den Misanthropen

Man sieht Menschen wieder, die einem etwas bedeuten. Zumindest theoretisch.

Ich gehe nicht davon aus, dass irgendjemand diesen Beitrag liest. Es ist Heiligabend - solltet Ihr die Zeit nicht mit den Menschen verbringen, die Euch am Herzen liegen?

Da haben wir es wieder - "solltet Ihr nicht...", denn es ist Weihnachten und es geht um Konventionen und Traditionen. Ich habe das Fest nie wirklich verstanden. Nachdem ich mittlerweile aus der Kirche ausgetreten bin, wäre es auch kein Verlust für mich, überhaupt nichts davon mitzubekommen. Ich mag nicht den Einkaufsrummel. Ich mag nicht die ganze Weihnachtsdeko. Ich mag nicht, wenn Familien sich gegenseitig vorspielen, alles sei in Ordnung, nur weil ein bestimmtes Datum im Kalender erreicht ist.

An diesem Datum soll ich etwas feiern, woran ich nicht glaube. Nie geglaubt habe; ich bin dazu erzogen worden, das toll zu finden, wenn überall die Lichter leuchten, wenn die Familie zusammenkommt, wenn es leckeres Essen gibt, und die Geschenke. Damals habe ich das alles nicht hinterfragt. Mittlerweile denke ich anders darüber, und ich bin tatsächlich froh, wenn die Feiertage vorüber sind.

Ich mag die Stille nicht. Überall ist es ruhig, weil ja alle die Zeit mit ihren Lieben verbringen. Für einen Menschen, der nicht so gern viel Zeit mit Anderen verbringt, ist diese Zeit eher belastend. Ich bin nicht gern außerhalb meiner Wohnung, wenn ich es mir aussuchen kann. Ich mag es nicht, von einem Essen zum nächsten zu feiern und ich habe Probleme damit, so zu tun, als sei alles super. Für mich ist es schöner, wenn ich danach wieder nach Hause komme, in meine eigene Wohnung, in der ich Möglichkeiten habe, die Zeit herumzubringen, bis endlich wieder Leben in die Straßen und Häuser einkehrt.

Es ist jetzt der Vorabend des Vierundzwanzigsten. Morgen fahre ich zu meiner Familie und werde am ersten Feiertag wieder zurückfahren. Ich weiß, dass es antisozial klingen muss, aber ich genieße die Zeit nun mal nicht wirklich. Ich freue mich jetzt schon drauf, wenn ich wieder zurück bin. Mir tut das immer sehr leid, meiner Mutter gegenüber.

Ich gewöhne mich langsam daran, dafür schräg angeschaut zu werden. Wenn ich bei Familientreffen nicht dabei bin, egal, zu welchen Anlässen. Denn warum soll ich dorthin kommen - nur damit die Anderen mich zu sehen bekommen? Für mich sind diese Anlässe nichts Tolles oder Angenehmes.

Ich lege gerade die Sachen zurecht, die ich für den kurzen "Urlaub" brauche. Sachen, um mich zwischen den "Familienanlässen" zu beschäftigen, Buch, Videospiel, Hörspiele. Morgen werde ich diesen Beitrag dann auch weiterschreiben.

(...)

Okay, erster Feiertag, ich habe den Heiligabend einfach mal genossen, so gut es geht, und eigentlich war es irgendwie auch ganz schön. Mit allen zu reden und gut gehen lassen. Aber jetzt ist mein Bedarf an menschlicher Kommunikation schon wieder gedeckt und ich bin gerade dabei, die Sachen für die Rückfahrt zu packen. Ich freue mich tatsächlich wieder, wenn ich in meine Wohnung zurückkommen kann und mein Kurzurlaub in den Misanthropen vorbei ist. Bevor ich diesen Beitrag dann veröffentliche, werde ich noch einen letzten Absatz hinzufügen, wie es sich anfühlt, wieder die eigenen Gefilde zu betreten. Jetzt muss ich erstmal schauen, dass ich nichts vergesse. Und wie Mütter nun mal so sind, wird mir meine viel mehr Dinge mitgeben, als ich jemals gebrauchen kann, darunter ein paar Tonnen Essen, damit ich auch ja nicht verhungere. Der mütterliche Instinkt ist auch nach den Jahrzehnten noch sehr stark. Und gerade wenn Du Dein Kind nur noch einmal alle paar Monate zu Gesicht bekommst, kann dieses eine Wiedersehen sehr viel bedeuten. Das sollte ich ihr gönnen.

(...)

Es fühlt sich schön an, wieder in meine Wohnung zu kommen. Hier habe ich definitiv nicht das Gefühl, dass ich mich verstellen muss, und ich glaube, das ist einer der Hauptgründe, warum ich nicht so viel rausgehe.

Der mütterliche Instinkt hat mich reichlich versorgt, ich dürfte die nächsten drei Monate essenstechnisch über die Runden kommen. Dabei hatte sie mir noch eine Geschichte erzählt, ging gar nicht um's Essen, sondern um eine befreundete Familie, die vor längerer Zeit schon aus der Kirche ausgetreten ist, aber immer noch fleißig Weihnachten feiert. Sollen sie gern machen, aber irgendwie ist das unsinnig, und ich habe meiner Mutter gesagt, dass ich in den letzten Tagen öfters genau darüber nachgedacht habe. Ich bin auch vor ein paar Monaten aus der Kirche ausgetreten. Und da ich an das alles nicht glaube, verstehe ich auch nicht, warum ich Weihnachten feiern sollte. Klar, Familie beisammen und so. Aber eigentlich sehe ich keinen Grund, das Fest ob des religiösen Hintergrundes zu feiern. Ehrlich gesagt vermisse ich seit dem Kirchenaustritt überhaupt nichts.

Und nun gibt es ein Hörspiel und dann ist wieder Bubatime, Rätsel knacken und explodieren. Genießt Eure Feiertage. Genießt die Zeit bei Euren Liebsten. Tankt etwas Energie, damit danach der Alltag wieder beginnen kann.

post scriptum: Der schöne Ausdruck "Urlaub in den Misanthropen" stammt nicht von mir, sondern aus einem Liedtext, aber ich konnte den nicht ungeteilt lassen (Grossstadtgeflüster - Fickt-Euch-Allee).