Samstag, 2. Dezember 2017

Gruppenarbeit - der Horror

Die Impro-AG war eine Ausnahme. Obwohl... eigentlich nicht, denn ich habe sie ja allein geleitet.

In der Lehrerausbildung bekommen wir immer wieder eingeprügelt, dass wir unsere Schüler nicht zu Einzelkämpfern erziehen sollen und daher möglichst viele kooperative Arbeitsformen in unsere Unterrichtsplanung einzubeziehen.

Als Schüler habe ich das gehasst.

Ich fand es immer grauenhaft, mit jemandem zusammen arbeiten zu müssen. Ich erläutere das einmal am ganz konkreten Beispiel des Referats im Studium. Es hat schon einen Grund, dass ich mit einer oder zwei Ausnahmen sämtliche Referate an der Universität allein gehalten habe.

Ich denke, dass sich viele der Gründe in der Hochbegabung erschließen. Ich fand es recht anstrengend, mein Denktempo auf meinen Partner herunterzubremsen, und Dinge mehrmals erklären zu müssen - kombiniert mit meiner bisweiligen Unfähigkeit, mich verständlich auszudrücken. Wann immer ich Texte für ein "Publikum" geschrieben habe (also auch im Theater), hatte ich eine sehr konkrete Mimik, Gestik und Tonfall im Kopf. Genau so sollte es sein und nicht anders - weil ich in meinem Kopf davon überzeugt war, dass es so am besten sei.

Ebenso war ich auch bei Referaten selten bereit, Kompromisse zu machen und ich habe mich davor gedrückt, Zugeständnisse machen zu müssen. Denn dann war es nicht mehr "mein" Referat, dann fühlte es sich an, als ob ich die Gedanken eines Anderen vortragen müsste. Und die waren mir oft nicht anspruchsvoll, präzise oder vollständig genug. Und es hat mir auch nicht der Gedanke behagt "Och, eine Note Zwei wäre doch super, Drei reicht sonst auch, Hauptsache bestanden." Nichts da, es musste eine Eins sein. Weniger wäre eine persönliche Niederlage, und wenn ich die Präsentation mit einem anderen Menschen zusammen gehalten hätte, hätte ich unweigerlich ihm die Schuld an der "schlechteren" Note gegeben. Wenn ich dagegen allein eine schlechtere Note kassiert hätte, wäre es nicht ganz so schlimm. Ich wäre zwar trotzdem wütend (eine Zwei vor dem Komma war im Studium für mich kaum erträglich), aber wenigstens wüsste ich dann, dass ich selbst Fehler gemacht habe und könnte daran arbeiten.

Das scheint eine ziemlich antisoziale Haltung zu sein. Eingebildet. Arrogant. Halt all' das, was Kollegen mir auch in der Schule an den Kopf werfen - denn auch da mag ich es nicht, Unterricht mit jemandem zusammen entwerfen zu müssen (Ausnahme ist die Arbeit mit den Sonderpädagogen). Und ja, Asche und Kreide auf mein Haupt, manchmal liegt es daran, dass ich meinen Unterricht für besser halte. Ich bin so einer...

Vielleicht geht es ja auch dem einen oder anderen Hochbegabten so, der das hier liest. Vielleicht sind bei ihm auch immer alle Lichter ausgegangen, wenn der Lehrer anordnete: "Dann findet euch mal in Gruppen zusammen!" Vielleicht arbeitet Ihr ja auch am liebsten und am effektivsten allein. Und habt Euch irgendwann im Leben einmal gefragt, ob Ihr deswegen asozial seid, oder so etwas.

Freitag, 1. Dezember 2017

Ich bin alt...

Wie fühlt sich Älterwerden an?

...nein, nicht wirklich, aber je älter ich werde, umso häufiger treten Situationen auf, die mich daran erinnern, dass meine einigermaßen unbeschwerte Studentenzeit dahin ist und dass ich nun erwachsen bin.

Ich schaue mir ganz gern das Schleswig-Holstein-Magazin im Fernsehen an, Nachrichten, Klatsch&Tratsch und Lokalkolorit. Dort wurde in den letzten Wochen und Monaten häufiger über die Vorfälle bei der Polizei berichtet, speziell in der Ausbildung (sexuelle Belästigung, Demütigung etc., hat der Eine oder Andere sicherlich mitbekommen). Im Zuge dieser Berichterstattung fanden viele Interviews mit jungen Kadetten statt. Ich schaue mir also ein solches Interview an - in dem es ausnahmsweise mal nicht um die Vorfälle, sondern um den benötigten Nachwuchs ging - und sehe eine junge Frau, die erzählt, warum sie zur Polizei gegangen ist.

Seltsam, denke ich mir, irgendwie kommt mir das Gesicht bekannt vor. Blendet doch mal den Namen ein! Aber nein, den Gefallen tut man mir nicht, also muss ich mein geistiges Archiv durchgehen und plötzlich fällt der Groschen; ich sehe die junge Frau nicht mehr als Polizeianwärterin vor der Kamera, sondern als junges Mädchen in meinem Lateinkurs sitzen, hinten links in der Ecke, genauso still wie ihre Sitznachbarin, aber gerade dadurch konnte ich mir ihre Namen merken.

Das ist jetzt knapp sechs Jahre her. Damals habe ich sie unterrichtet, und jetzt sehe ich zum ersten Mal eine meiner ehemaligen Schülerinnen im Fernsehen. Kinder, wie die Zeit vergeht! Aber irgendwie ist es ein schönes Gefühl. Denn es ist nicht der "Hilfe, ich bin alt!"-Gedanke, sondern ein kleines bisschen Stolz, der da mitschwingt.

Und irgendwann, wenn (besser: falls) ich alt und in Rente bin, wird einer meiner Schüler Einkäufe für mich erledigen - tempus fugit!

post scriptum: Ha, wie herrlich, soeben wurde eine Postkarte bei mir eingeworfen - das erste Wort, das ich gelesen habe, lautet "SHE-LODHZ!". Natürlich weiß nur die große Buba, was damit gemeint ist; es hat mir so gut getan, die Karte zu lesen. Ich habe gelacht, bis ich Bauchkrämpfe bekam. Danke für ein Grinsen auf meinem Gesicht; wir sehen uns!

Donnerstag, 30. November 2017

Wie schlecht es uns doch geht! (und noch mehr...)

Die Bedeutung dieses Bildes wird vielleicht später offenbar werden.

Vorweg: Und schon wieder hat es eine Ewigkeit zwischen zwei Beiträgen gedauert. Ich habe mich bei niemandem gemeldet, die meiste Zeit in meiner Wohnung gesessen, alle Rollos heruntergezogen, um das Grau und den Regen nicht sehen zu müssen. Wenn vielleicht einmal für eine Freundin der Eindruck entsteht, dass ich ihr mit meiner andauernden Fröhlichkeit auf die Nerven gehe, dann liegt das daran, dass ich sie in den anderen Phasen nicht gern behellige. Vielleicht kennt Ihr das. Vielleicht wollt Ihr auch nicht mit Euren Mitmenschen reden, wenn es Euch mal nicht so gut geht. Erst recht nicht mit den Menschen, die Euch am Herzen liegen - damit sie sich keine Sorgen machen. Und damit sie Euch nicht auf die Nerven gehen, immer wieder nachfragen, wie es denn mittlerweile geht und Ihr immer wieder antworten müsst, joah, passt schon, oder irgendsowas. Und gerade weil ich das alles jetzt geschrieben habe und sie das vielleicht gelesen haben: Wird schon, die unangenehmen Tage sind bald rum, ich fange gerade wieder an, meine Nachbarn mit Herumspringerei und Mit"singen" zu nerven ^^

Das Scheitern der Jamaika-Gespräche, das Erstarken der AfD, die (scheinbare) Regierungs-/Handlungsunfähigkeit, der (angebliche) tiefe Fall der Angela Merkel, der Abgang Martin Schulz', das vielerseitige NEIN zu einer neuen GroKo, die soziale Ungerechtigkeit in unserem Land, der deutsche Bürger, der in der Politik nicht mehr gehört wird und dessen Stimme eh' nichts zu zählen scheint, die steigende Zahl der Terroranschläge, die ganzen Ausländer, die unsere deutsche Leitkultur unterminieren wollen.

Wenn man die Stimmen des Volkes - zum Beispiel in der heißgeliebten Kommentarfunktion - hört, erhält man unweigerlich den Eindruck, unser Land stehe am Abgrund. Und jedem Einzelnen der zigmillionen Bürger sei seine Existenzgrundlage entzogen worden zusammen mit der Sicherheit auf öffentlichen Straßen.

Oh man, wenn ich das lese, bekomme ich jetzt schon wieder das Kotzen, egal, wie sehr ich daran erinnere, dass wir uns freuen sollten,. dass wir Meinungsfreiheit haben, dass wir keine Sklaverei haben, dass wir keine Todesstrafe haben, dass wir (hoffentlich) nicht mit einer tödlichen Krankheit geschlagen sind. Ich gehe mal eben den Porzellangott anbeten...

Danach: Vor einiger Zeit habe ich in sozialen Netzwerken nach Filmen mit Stoff zum Nachdenken gefragt, Mindfuck-Movies, Filme, die sich nicht beim ersten Ansehen erschließen, Filme, die man dennoch gern sieht, fasziniert, weil man sie nicht einfach loslassen kann, so wenig, wie sie einen selbst während ihrer Spieldauer nicht loslassen. Mein Paradestück in dieser Kategorie bleibt David Lynchs "Mulholland Drive". Er mag Rätselhafteres gefilmt haben (wie zum Beispiel "Inland Empire"), aber Mulholland Drive entzieht sich nur so weit dem menschlichen Verstand, der Entschlüsselung durch den Zuschauer, dass man stetig einen Interpretationsansatz zu haben glaubt. 
Gestern wurde es dann Zeit für ein weiteres Filmrätsel, von einem Regisseur, an den ich mich bisher nicht herangetraut habe, aus Respekt und Angst vor völligem Unverständnis. "Das siebente Siegel" habe ich mittlerweile mehrmals angefangen und irgendwann abgebrochen, seitdem war Ingmar Bergman für mich ein Regisseur hochanspruchsvoller Filme, mit denen ich nicht viel anfangen konnte. Und gestern dann: "Persona" - und eigentlich nur, weil Roger Ebert ihn in seine Liste der Great Movies aufgenommen hat. Ich habe vorher nichts weiter darüber gelesen, um unvoreingenommen heranzugehen. Und habe nun endlich ein neues Filmrätsel in meinem Repertoire, zu dem ich irgendwann zurückkehren werde. Jedesmal mit einer neuen Entschlüsselungsidee, jedesmal wieder mit einer Mischung aus Befriedigung und Verwirrung, wenn in der Schlussszene des Films die Bogenlampe langsam in's Dunkel übergeht. Die Wikipedia verrät uns:
Given its enigmatic nature, it has been called the "Mount Everest" of cinema for professionals to decode, while film historian Peter Cowie declared: "Everything one says about Persona may be contradicted; the opposite will also be true."
Na dann mal viel Spaß beim Verzaubernlassen. Vorsicht, der Film ist intellektuell anspruchsvoll. Heutzutage müssen solche Warnungen ja immer dazu gegeben werden. Popcorn ist vielleicht nicht die ideale Begleitung für den Film, aber eine Tasse Tee oder Kaffee dürften ihren Dienst tun. 

post scriptum: Habe eben endlich einmal "Ein andalusischer Hund" gesehen. Genau solche Filme, auch "Persona", tragen Schuld, dass ich mich hier länger nicht melde: Ich brauche wirklich viel Zeit, um das Gesehene zu verarbeiten. Da wabert ein weiteres kurzfristiges Vertretungsangebot an einer Schule nebenher und ich bitte Euch alle: Nicht böse sein, wenn ich mich nicht melde! Ich muss das alles erstmal sortieren...

Samstag, 25. November 2017

4x Lächeln

Eine Lichtung - falls das Gedankenchaos mal wieder zuviel wird.

Das war vielleicht eine scheiß Nacht! Ein alter Bekannter hat sich in den Schlaf eingeschlichen, den ich schon lange nicht mehr erlebt hatte: Das Restless Legs Syndrom (bzw. Wittmaack-Ekbom-Syndrom). Ein ziemlich ekliges Gefühl, ein Kribbeln in den Beinen, sobald ich mich zum Schlafen hinlege und zur Ruhe komme. Der Drang, die Beine irgendwie bewegen zu müssen, führt dazu, dass ich mich hin und her wälze und schließlich mitten in der Nacht aufstehe. Ich gehe dann ein paar Minuten durch die Wohnung, das schafft tatsächlich Linderung. Dann lege ich mich hin, schaffe es, wieder einzuschlafen - um eine Stunde später wieder aufzuwachen. Mir ist leider erst um sechs Uhr morgens eingefallen, dass ich in der Hausapotheke noch etwas dagegen hatte. Je nun. Aber immerhin vier Stunden Schlaf waren dann noch drin. Ihr kennt das RLS nicht? Wunderbar, ich hoffe, Ihr müsst das nicht irgendwann einmal erleben.

Das ist ein nerviger Start in den Tag, ich fühle mich übernächtigt, ich habe schief gelegen, bin erst einmal schlecht gelaunt. Ich mache Musik an, Koffein zum Wachwerden, Rollos hoch: Nebel. Wird nicht besser. Doch dann klappert der Briefschlitz, und damit beginnt eine Reihe von positiven Ereignissen, die den Tag gerettet haben und dafür gesorgt haben, dass ich mich jetzt, beim Schreiben des Artikels, wieder wohlfühle. Und das ging nicht ganz ohne ein bisschen Hilfe von Freunden.

Erstes Lächeln, 10:47 Uhr:

Der Postbote bringt Briefe, Werbung, Einladung zu Fortbildungen. Und dazwischen eine Postkarte. Nanu? Wer ist denn jetzt gerade im Urlaub und schreibt mir? Und ich freue mich riesig, dass ich eine Karte von meiner ehemaligen Nachbarin bekommen habe, und zwar keine Urlaubskarte, sondern eine, die auf mich zugeschnitten ist. Mal kein "Hier ist es so schön, ich genieße den Urlaub, hier ist alles toll!" - und das hat für das erste Grinsen nach dieser miesen Nacht gesorgt. Linnea, sobald meine Situation sich wieder etwas gebessert hat, besuche ich Euch. Momentan versuche ich verstärkt, Menschen zu meiden, denen ich meine berufliche Situation erläutern müsste...

Zweites Lächeln, 13:25 Uhr:

Vielleicht hat der eine oder andere Leser das auch schonmal erlebt. Päckchen soll ankommen, Sendungsverfolgung sagt "Voraussichtliche Zustellung am Fr., 24.11." - aber natürlich ist nichts angekommen. Also gehe ich davon aus, dass es heute, am Samstag ankommt. Cool, Sendungsverfolgung besagt, dass das Päckchen im Zustellfahrzeug ist! Also warte ich... eine Stunde... zwei Stunden... und mache den Fehler, in der Sendungsverfolgung "Details" anzuklicken. Dort erfahre ich, dass das Päckchen falsch sortiert worden ist und damit im falschen Wagen liegt. Der Hinweis "Es findet eine erneute Zuordnung statt" würde mich ja beruhigen, wenn da nicht die Notiz wäre, dass sich die Zustellung um ein bis zwei Tage verschieben kann. Ich will gerade richtig schön ausrasten, da klingelt es an der Tür - und tatsächlich erhalte ich meine Post. Ein Strahlen im Gesicht, nun kann ich in die City spazieren und muss nicht mehr in der Wohnung anwesend sein.

Drittes Lächeln, 13:44 Uhr:

So ziehe ich mich also warm an, Schlüssel und Portemonnaie nicht vergessen, und gehe Richtung Bushaltestelle Diesterwegstraße. Aus der Entfernung bemerke ich, hmmm, da schaut mich einer an. Das ist wegen der Outfits gar nicht mal so ungewöhnlich, kenne ich den Typen, der da auf den Bus wartet? Jetzt fängt der Typ an zu grinsen, immer breiter, und ich realisiere, dass es Er ist. Damit beginnt mein Grinsen, wir strahlen uns schon aus der Entfernung an. Ein bisschen Smalltalk, dann kommt sein Bus und ich gehe weiter und kann mittlerweile nicht mehr aufhören zu lächeln. Ich freue mich immer, wenn ich ihn sehen kann.

Viertes Lächeln, 20:28 Uhr:

Ich habe etwas gegessen und möchte meditieren. Den Tag einfach noch einmal erleben. Und ihn nochmal sehen. Und ich strahle schon wieder, denn ich weiß, dass Martin Nonstatic dieser Tage sein neues Album veröffentlicht hat. Youtube hilft, und so werde ich mich jetzt hinlegen und mich einfach mal überraschen lassen. Tag gerettet!

Freitag, 24. November 2017

Erstens kommt es anders...

Cover des neuen Fever Ray-Albums Plunge (2017)

...und zweitens, als man denkt.

Ich fühle mich wohl, wenn ich geregelte Abläufe habe. Wenn ich mir einen Plan für den Tag machen kann, nach dem Aufstehen erstmal richtig wach werden, dann erledige ich A und dann B, dann kommt die Post, so dass ich danach C machen kann. Dann fahre ich da und da hin, besorge D, E und F. Dann kommt H auf einen Kaffee vorbei, und dann schaue ich mir I im Fernsehen an. Tag ist um, ab in's Bett.

Ich mag es nicht, wenn Unvorhergesehenes meinen Plan durcheinander bringt. Im schlimmsten Fall kann ich damit überhaupt nicht umgehen, fühle mich wie gelähmt, bekomme schlechte Laune - oder werde wütend. Vielleicht kennt das ja der eine oder andere HB, Autist oder auch ganz normale Menschen.

Ich bin nicht spontan und ich bin nicht flexibel. Das hat mich auch schon einmal einen Job gekostet (weil ich dafür hätte umziehen müssen). Und ein ganz spontanes "Hey, ich bin grad in deiner Nähe, hast Du Lust auf 'nen Kaffee?" geht auch gar nicht. Gerade wenn andere Personen im Spiel sind, brauche ich Zeit, um mich seelisch darauf vorzubereiten. Eine Freundin, YazzTazz, hat das im Studium öfters abbekommen, wenn sie nach einem Seminar gefragt hat, ob ich noch auf eine Runde zu ihr kommen möchte. Wollte ich nicht, aber das lag nicht an ihr, sondern eben an meiner nicht vorhandenen Spontaneität.

Lange Vorrede, um von einem Erlebnis von heute zu berichten. Mittags, zurück aus der Stadt, bisschen essen, bisschen zocken, Wäsche, Hörspiel, so war es eigentlich geplant. Und vor alledem "nur einmal kurz Nachrichten checken" - kennt sicherlich jeder, das kann bereits ein Todesurteil für eine Tagesplanung sein. Aber mir schreiben zum Glück nicht viele Leute, ergo war das binnen ein paar Minuten abgehakt. Dann noch schnell die subscriptions bei Youtube checken - OMG! Was sehe ich da! Es gibt ein neues Album von Fever Ray!

Kurze Info: Hinter dem Namen verbirgt sich das Musikprojekt von Karin Dreijer-Andersson, über das ich hier schon einmal berichtet habe. Sie hat bisher nur ein einziges gleichnamiges Album veröffentlicht, vor acht Jahren. Es gehört immer noch wegen seiner düster-kühlen Atmosphäre zu meinen Favoriten. Und ich habe mich jahrelang gefragt, ob sie noch einmal etwas veröffentlichen würde. Antwort heute bei Youtube, und schon bin ich am Monitor festgeklebt. Alle veröffentlichten Songs anhören, die Musikvideos anschauen (mal wieder Mindfuck vom Feinsten) und den Wikipedia-Eintrag checken. Oh. Sie nennt sich nur noch Karin Dreijer, hat nach ihrer Scheidung den zweiten Namen fallengelassen. Neuigkeiten - denn sie (wie auch ihr musikalisch engagierter Bruder) gibt nicht viel Privates preis.

Und somit wurde aus "nur mal eben checken" ganz schnell später Nachmittag. Ich bekomme nichts mehr um mich herum mit, wenn ich in einer Sache versinke, das war heute wieder wunderbar zu beobachten. Essen? Nicht nötig, reicht, wenn das Gehirn ein bisschen was zu tun hat.

Manchmal können spontane Planänderungen eben doch Gutes mit sich bringen ;)

post scriptum: Hat jemand gemerkt, dass oben ein G fehlt? ;-)

Mittwoch, 22. November 2017

Krank im Kopf: The Next Chapter

Talk to me, baby!

Ich habe neulich festgestellt, dass meine Waschmaschine Haustiere entsorgen kann. Wäsche waschen sowieso. Aber sie kann noch mehr: Sie kann diesem Hochbegabten ein wunderbares Unterhaltungsprogramm bieten. Ihr seid herzlich eingeladen, euch lustig zu machen - wobei, wir sind ja mittlerweile alle erwachsen.

Meine Eltern lesen das und wissen natürlich schon längst, worum es geht. Das ist nämlich nicht neu, sondern bereits in meiner Kindheit entstanden: Der Spaß, der Waschmaschine beim Wäschewaschen zuzuschauen. Ja, in der Tat, wenn ein interessanter Ablauf ansteht, setze ich mich vor die Waschmaschine, starte die Wäsche und bleibe bis zum Ende dort sitzen (wobei, nicht bei Programmen, die länger als eine Stunde dauern, interessant...).

Das mag irre erscheinen, aber ich glaube, bei einem bestimmten psychologischen Profil ist das gar nicht so ungewöhnlich. Ich stelle mir beim Zuschauen unzählige Fragen - wie viel Wasser ist dafür überhaupt nötig? Welche Temperatur ist die richtige, und warum? Wie schnell schleudern und warum, mit dem Ziel, die größtmögliche Effizienz zu erreichen.

Und das Ganze hat tatsächlich eine beruhigende Wirkung auf mich. Beim Waschgang ist nichts Ungeplantes dabei, der folgt einem bestimmten Muster, keine spontanen Überraschungen (egal ob gut oder schlecht). Und ich kann dabei über so viele Fragen nachdenken, weil ich nicht aufpassen muss, dass ich nichts falsch mache. Über Lebensfragen, ob die Dinge ihre Richtigkeit haben - hat quasi eine meditative Wirkung. Danach habe ich das Gefühl, dass viele Dinge in meinem Kopf richtig angeordnet sind, und fühle mich etwas leichter.

Was ich nicht mache: Mit der Waschmaschine reden. Und bevor die großen Lacher kommen: Wie oft habe ich es schon erlebt, dass ich z.B. mit dem Fuß gegen die Couch stoße und mich direkt dafür entschuldige ("Oh, sorry!"), oder dass ich mit dem Fernseher rede, als würde ich mich mit in die dargestellte Handlung einbringen ("Ja natürlich muss das so sein, und wetten, gleich gehst du da... na siehste!"). Solche Sachen fallen in die Kategorie interessante Gespräche, über die ich schon einmal geschrieben hatte.

Manchmal erkläre ich Leuten, dass ich ein bisschen anders bin. Die Reaktion ist meistens dieselbe: "Ach Quatsch, das erscheint dir nur so, jeder von uns hat so seine Macken." Dann anzufangen und die Aussage zu rechtfertigen, indem man Argumente bringt wie z.B. das Essenvergessen, die Selbstgespräche (Link oben), das Unverständnis, die Sozialphobie, das alles hat keinen Sinn, weil mein Gegenüber in der Regel davon überzeugt ist, dass er die Lage besser einschätzen kann. Kann ich ihm auch nicht übelnehmen, im Gegenteil, er meint es ja nett. Deswegen versuche ich in Zukunft etwas vorsichtiger zu sein und einfach den Mund zu halten. Den Leuten nicht sagen, dass ich anders bin. Irgendwann merken sie es dann eh' von selbst, und wenn sie mich dann ansprechen, kann ich es ihnen erklären. Alles Andere ist Zeitverschwendung.

Es gibt aber auch Ausnahmen, und das freut mich sehr, wie z.B. meine ehemalige Nachbarin (ich wusste gar nicht, dass sie Dschennewjehf heißt, also, mit zweitem Vornamen) - ich habe ihr ganz am Anfang von meiner Sozialphobie erzählt und so, weil ich nicht wollte, dass wir uns irgendwie "zu oft" treffen könnten, und nicht zu lange, und erst recht nicht spontan, und sie hat das alles akzeptiert, das fand ich toll. Und auch Er hat das alles hingenommen, als ich ihn damals im Park, ganz am Anfang, gewarnt habe, dass das ein unbequemer Ritt werden könnte, mit mir befreundet zu sein. Das hat Er auch sehr deutlich zu spüren bekommen, aber Er ist immer noch "bei mir".

Naja, soviel jedenfalls zu der Waschmaschine. Und ich finde es ganz toll, dass meine Eltern das damals immer alles mitgemacht haben und nicht versucht haben, mir das auszutreiben (a la "Das ist ja unnormal, das müssen wir ihm abgewöhnen!"). Ja, solch' Verhalten gibt es, und dass kann Dein eigenes Kind ganz schön verletzen. Irgendwo hatte also diese behütete Kindheit auch ihr Gutes...

Dienstag, 21. November 2017

Günter Grass? Nicht mit mir!


Mir geht es heute um einen deutschen Autoren, dem ich eine zweite Chance geben wollte - und leider wieder nur bei einer Magenverstimmung gelandet bin. Ich weiß noch sehr gut, wie uns unsere Deutschlehrerin (Zwerger oder Janke, ich bin mir nicht mehr sicher) damals verzweifelt-fröhlich durch den zweiten Band der Danziger Trilogie scheuchen wollte - Günter Grass' Katz und Maus. Immerhin der dünnste der drei Romane, ich habe ihn allerdings gehasst. Ich habe ihn widerwillig tatsächlich komplett gelesen und war irgendwann des Autoren Fixation auf Geschlechtsteile überdrüssig. Es ist das einzige Buch, dessen erste zwanzig Seiten ich nach der Gesamtlektüre einzeln herausgerissen und verbrannt habe. Im Jugendalter.

Ich habe nun, knapp zwanzig Jahre später, mir immerhin die Verfilmung seines wohl bekanntesten Werks Die Blechtrommel (Film von 1979) angeschaut. Es sagen ja alle, das muss man gelesen haben. So ein tolles Buch! So viele Preise! Und so ein toller Film! Hat sogar den Academy Award für den besten fremdsprachigen Film damals gewonnen! Und ich habe mir überlegt, okay, vielleicht war es nur jugendliche Abneigung gegenüber großartiger Literatur damals, die ich mittlerweile abgeschüttelt haben dürfte (das ist ja durchaus schon öfters vorgekommen, zum Beispiel bei Salinger's Catcher in the Rye). Ich habe mir vorgenommen, für diesen Film aufgeschlossen zu sein. Ich wollte ihn mögen. Wirklich!

Aber ach. Über zwei Stunden Spieldauer, die mir eine Einsicht gebracht haben: Ich werde diesen Film so schnell nicht wieder sehen. Lange habe ich keinen Film mehr vor Ende abgebrochen. Auch diesen habe ich bis zum Ende eingeschaltet gelassen, aber eine halbe Stunde vor Schluss angefangen, dabei die Wäsche aufzuhängen. Der kleine Protagonist, Oskar Matzerath, soll wohl eine Symbolfigur für Protest sein, Protest gegen den Krieg, gegen Gleichschaltung; Szenen wie die des Nazi-Aufmarsches, der durch die Blechtrommel in einen Donauwalzer umgewandelt wird, sind zwar metaphorisch, aber alles andere als subtil. Und wieder die Geschlechtsteile. Und die Besessenheit des Autoren mit Szenen, die einen gewissen Ekel hervorrufen sollen, oder sonst eine Form der Aversion. Sei es nun Oskars Mutter, die sich rohen Fisch reinstopft bis zu ihrem Tod an Fischvergiftung, oder der elfjährige David Bennent, der der vierundzwanzigjährigen Katharina Thalbach einen Cunnilingus verpasst. Rotz, Pisse, irgendwie scheint es bei Günther Grass oft darum zu gehen. Soll es um eine möglichst naturalistische Darstellung gehen?

Es mag ja sein, dass es sich hierbei um einen großartigen Anti-Kriegs-Roman und einen sensationellen Anti-Kriegs-Film handelt. Aber an diesem Zuschauer ist der Zug teilnahmslos vorbeigefahren. Und ich kann Roger Eberts Rezension von damals nachvollziehen, in all' seinen Punkten - denn auch er hat sich der allgemeinen Euphorie um dieses Werk verweigert.

Sorry, Grass, aber ich glaube, in diesem Leben wird das mit uns nix mehr.