Freitag, 29. Juni 2018

Was aus uns geworden ist...


Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie Menschen sich entwickeln. Ein beliebtes Thema zum Sinnieren: Damals war ich so, heute bin ich ganz anders. Ich habe heute einen Film gesehen, der sich dem Thema widmet. Gut, eigentlich ist das nichts Ungewöhnliches, gerne werden Lebensläufe verfilmt und man begleitet den Filmcharakter über mehrere Jahre seines Lebens, so wie ich das neulich bei Moonlight (2016) gemacht habe. In jenem Film waren die einzelnen Lebensabschnitte so weit auseinander, dass man drei unterschiedliche Darsteller engagiert hat. Wenn es nicht ganz so gewaltige Alterssprünge sind, dann kann man auch einen Schauspieler nehmen und mit Make Up-Effekten wahre Wunder bewirken. Wie bei The Tree of Life (2011); keine Wunder, aber Brad Pitt und Andere über mehrere Jahre Storytime beobachtet.

Oder man macht es komplett ohne Spezialeffekte. Oder, wenn man es so will, mit einem ganz besonderen Spezialeffekt: der Zeit. Den heutigen Film hat Richard Linklater gedreht; für mich besonders interessant, weil ich Linklater schon in meiner Examensarbeit bei Slacker (1991) über den Weg gelaufen bin. Dieser Regisseur scheint gern zu experimentieren - so hat er damals einen Film geschaffen ohne festen Plot, ohne Hauptdarsteller, einfach ein Alltag in Austin, Texas. Keine Szene länger als zehn Minuten, kaum hat man einen neuen Charakter getroffen, verschwindet er auch schon wieder.

Boyhood (2014) ist ein weiteres erfolgreiches Experiment gewesen: Zweitausendzwei hat Linklater angefangen, zu filmen, nur mit groben Plotpoints, das Ende des Films stand fest, alles davor war flexibel. Sein Ziel: Eine Kindheit zu filmen (daher der Titel), und zwar mit realem Verstreichen der Jahre. Zwölf Jahre hat Linklater an diesem Film gearbeitet, und seine Hauptfigur Mason (Ellar Coltrane) wächst heran in einer Patchworkfamilie.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens durchzieht den gesamten Film. Was ist der Sinn des Lebens für einen zehnjährigen? Fünfzehnjährigen? Fünfundzwanzigjährigen? Mit Patricia Arquette und Ethan Hawke stehen ihm zwei Veteranendarsteller zur Seite (Arquette erhielt dafür den Academy Award). Masons Mutter fragt sich selbst, woraus das Leben besteht, an einem kritischen Punkt beklagt sie "I thought that there would be something more..." - sie hat geheiratet, Kinder bekommen, geschieden, neu geheiratet, Kinder großgezogen, Studium nachgeholt, Job als Dozentin aufgenommen - doch als sie den dann volljährigen Mason Richtung College entlässt, scheint von ihrem Leben nichts mehr übrig zu sein - während Mason selbst gerade erst angefangen hat, das Leben zu erleben.

Mich hat beeindruckt, dass Linklater dieses Experiment tatsächlich durchgezogen hat. Zwölf Jahre lang. Und damit kann man getrost sagen, dass dies ein einzigartiger Film ist. Über knapp drei Stunden habe ich das Aufwachsen Masons angesehen. Ich habe mich an meine eigene Jugend erinnert gefühlt, so viel Bekanntes, Anderes neu. Ich fand es spannend, zu beobachten, wie Mason sich verändert: Anfangs typisch kleiner Junge, dann werden die Haare länger, es kommen Piercings, Nagellack, ein sehr eigener Stil - und es war toll zu erleben, wie die Figuren sich damit auseinandersetzen, was wir uns vom Leben erhoffen. Die Kritik scheint auch begeistert gewesen zu sein, sonst wären nicht siebenundneunzig Prozent der Rezensionen auf rottentomatoes.com positiv, und es gab eine ganze Menge Preise.

Jugend als Timelapse. Und immer wieder habe ich mich beim Ansehen selbst hinterfragt. Was habe ich gemacht? Was ist aus mir geworden? Wie waren meine Pläne damals, wie sind sie heute? Was erhoffe ich mir vom Leben?

Ein echtes Erlebnis.

Mittwoch, 27. Juni 2018

Deutschland, Deine Probleme

Beim Bowling dreht niemand ab...

Sie sind raus. Die Deutschen sind nicht mehr Teil der Weltmeisterschaft im Herrenfußball. Spannend: Beim Frauenfußball würde das Ausscheiden bei Weitem nicht so emotional erlebt werden. Und vor allem ist die Berichterstattung über das Ausscheiden an diesem Tag viel wichtiger als alles Andere. Die Lifeline-Flüchtlinge? Who cares. Seehofers Art der "Humanität"? Yeah, whatever. Menschen sterben jeden Tag auf der Welt. Aber eine Fußball-WM zu versauen, das kann man nur alle vier Jahre, also sollte das gebührend zelebriert werden. Heißt in meinem Fall, dass ich am Tag danach in der Schule mit ein paar meiner Schüler anstoßen werde, denn ich bin nicht der Einzige, der bei "Fußball" eher Ekel empfindet über die riesigen Geldmengen, die fließen, über Hooligans und die deutsche Überheblichkeit.

Ich kann mich ja nicht davon freisprechen, in den Dingen, die ich als Probleme empfinde, manchmal eine nicht nachvollziehbare Priorität zu setzen. Ich jammere auch über sehr komische Dinge; so hoffe ich seit einiger Zeit, nicht zu Auswahlgesprächen an Gymnasien eingeladen zu werden (weil ich ja eine andere Schulart bevorzuge: Was soll ich tun, falls ich tatsächlich eine Zusage bekomme?) - wo eine sehr gute Freundin sich freuen würde, überhaupt zu diesen Gesprächen eingeladen zu werden.

Also sollte ich nicht über diesen heutigen Abend lästern. Ich finde es nur immer wieder erstaunlich: Wenn ich einen Lederball trete, kann ich damit Millionen Euro verdiene. Wenn ich dagegen Schulkinder erziehe, präge, ihnen helfe und für ihre Entwicklung Verantwortung übernehme, bekomme ich nicht einmal einen Job.

Seit ich mich mit dem Buddhismus beschäftige, sind all' diese Meckereien nicht mehr wirklich bedeutsam für mich, ich bin ruhiger geworden, zum Glück. Wobei... dass ich hinsichtlich der fußballerischen Niederlage so überhaupt keine authentischen Gefühlsregungen zeige, war auch schon vor dem Buddhismus so. Ich werde wohl nie die klischeeige Bier-Fußball-Hete werden.

So ein Pech.

Dienstag, 26. Juni 2018

Kollegenkind

Bloß nicht... (NIEHCHT sagt die fette Schnecke)

Meine Mutter war Grundschullehrerin mit Leib und Seele, und wenn man in einem kleinen Dorf aufwächst und nicht so viele Grundschulen im näheren Umkreis sind, dann kann es durchaus vorkommen, dass man als kleiner Steppke auf die Schule seiner Mutter geht. So war es also auch bei mir, und naiv, wie ich nun mal war (und bin), habe ich mich gewundert, was für ein Zufall es doch ist, dass ich nie bei meiner Mama Unterricht hatte. Von den Implikationen hatte ich damals doch keinen Schimmer.

Mittlerweile bin ich einen Schritt weiter, und hätte ich selbst Kinder, würde ich auch darum kämpfen, nicht in ihren Klassen zu unterrichten. Was sich allerdings nicht vermeiden lässt, ist, dass man die Kinder eines Kollegen unterrichtet, und das kann sich auf das eigene Erleben des Unterrichts auswirken. Ich habe das damals an meiner ersten Schule erlebt, in der ich die Tochter eines Kollegen in Latein hatte. In den ersten Wochen war mir das überhaupt nicht bewusst, weil ich immer nur die Vornamen im Kopf habe - erst mit den ersten richtigen Notengesprächen ist mir das bewusst geworden.

Und das muss ja auch gar nichts Schlimmes bedeuten, erst recht nicht, wenn das Kind ein guter, vorbildlicher Schüler ist - oder wenn man sich zumindest über die Benotung einig werden kann, wenn ein Verständnis erzeugt wird und das nicht unter Umständen eine private Freundschaft belastet. Eigentlich geht das gut.

Und Du arbeitest ja auch an der Transparenz Deiner Noten: Du teilst zweimal pro Halbjahr die mündlichen Noten mit, dokumentierst sie genauso wie die Klärung der Bewertungsgrundlagen im Kursbuch. Wenn ein Schüler stark abzurutschen droht, suchst Du natürlich das Elterngespräch - mit Deinem Kollegen genau wie mit jedem anderen Elternteil, wo das zutrifft, und natürlich mit der Klassenleitung. Deine Klausuren sind nachvollziehbar und konform mit den Fachanforderungen, und wenn es nötig ist, hast Du sie Dir von Deiner Schulleitung genehmigen lassen. Du hältst Deine Schülerin kontinuierlich über ihren Leistungsstand auf dem Laufenden, und dann gibt es auch keine Probleme.

Eigentlich.

Aber was, wenn Dein Kollege der Meinung ist, dass seine Tochter eine andere Note verdient hat? Trotz jeglicher belastbaren, anderslautenden Bewertunsgrundlage? Was, wenn er da auch nicht mehr mit sich reden lässt? Und Du nicht nachvollziehen kannst, weshalb Du nur wegen des elterlichen Unmuts die Note hochziehen solltest? Was machst Du dann? Was mache ich dann, wie soll ich mich verhalten?

Zum Glück ist es noch nie zu dieser Situation gekommen, weil ich wirklich nicht wüsste, wie ich damit umgehen soll. Aber das ist einer der Gründe, warum ich es manchmal heikel finde, Kollegenkinder zu unterrichten: Ich fühle mich wieder wie auf dem Prüfungsstuhl, jede Unterrichtseinheit wird kontrolliert, jede Klassenarbeit wird dreimal nachkorrigiert und das Vertrauen in meine fachliche Beurteilungskompetenz ist gleich null.

Zeit für Professionalität - auf beiden Seiten.

Samstag, 23. Juni 2018

Startschuss

Bald wird das Bild in diesem Blog nicht mehr nötig sein...

"Who is you?"

Es muss Zufall gewesen sein, dass ich vor ein paar Tagen einen Beitrag darüber geschrieben habe, wie ich mich definiere, und wie diese Definitionen sich über die Jahre verändert haben. All' das bin ich, die Summe des Beschriebenen, und mehr. Es muss Zufall gewesen sein, dass ich gestern den Film Moonlight (2016) gesehen habe, in dem es auf bemerkenswerte Weise um Identitätsfindung geht. Bemerkenswert, weil der Film ausschließlich afroamerikanische Darsteller zeigt. Bemerkenswert, wie er mit dem coming of age umgeht. Bemerkenswert, wie er die Frage Who is you nicht beantwortet, sondern zwei Stunden lang beleuchtet, so dass der Zuschauer am Ende nicht mehr braucht als die Antwort I'm me und die Umarmung zweier Männer. Ähnlich wie in The Shawshank Redemption (1994), aber es hat mir besser gefallen, weil zwei pikante Themen diskutiert werden, nämlich The Black Experience und Homosexualität, beides nicht nur in den USA mit einem immer noch großen Entwicklungspotential. Wir sind noch nicht so weit, wie wir vielleicht manchmal denken.

Das hier wird keine Filmrezension. Und es geht mir auch nicht um Schwule oder überhaupt irgendwelche Minderheiten. Ich musste nur kurz mein Mindset von gestern Abend loswerden, um jetzt mit freiem Kopf die heutigen Gedanken niederzuschreiben.

Die Kieler Woche ist so gut wie um und irgendwas war diesmal anders. Nicht die überfüllten Busse mit den wehenden Fähnchen. Nicht die großen Barrieresäcke, die verhindern sollten, dass jemand ein Fahrzeug in eine Menschenmenge steuert (traurig, aber tempora mutantur). Was mir gefehlt hat, war das typische KiWo-Wetter. In den vergangenen vierzehn Jahren konnte ich mich eigentlich immer darauf verlassen, dass pünktlich zum Start der KiWo das sommerliche Wetter verschwindet und Platz macht für Regen, Wind und Kälte. Aber nicht in Zweitausendachtzehn! Da blieb das Wetter von Anfang an fantastisch, strahlende Sonne, kaum Wolken, verdorrende Felder, hundertvierzig Grad Fahrenheit in einem dieser total überfüllten Busse, die aufgrund der Kleiner-Kiel-Kanal-Sperrung ewig brauchen, eine Dreiviertelstunde lang stehen inmitten von schwitzenden Menschen, während ich nur noch nach Hause möchte, um den Schulstress abzuschütteln.

Doch nun ist es zu guter Letzt so gekommen, wie wir es eigentlich gewohnt sind. Seit einiger Zeit ist es kalt, grau und nass. Die Kälte bemerke ich in meiner ungeschützten Wohnung bei abgeschalteter Heizung besonders gut, da ist zur Zeit nichts mehr mit "nackt durch die Wohnung laufen", eher sollte ich Handschuhe tragen.

Aber die Kälte hat auch ihre Vorteile: Ich komme endlich in die Hufe für das Schulfinale. In knapp zwei Wochen werden die befristeten Kollegen verabschiedet, dazu gehöre auch ich und möchte dem Kollegium ein kleines Bonmot zum Schluss schenken (Thalia, Du Rampensau!) - endlich fange ich an, daran zu arbeiten und den Text zu lernen. Endlich lerne ich auch meinen Text für die Verabschiedung des Chefs. Endlich zimmere ich die letzten Noten und meinen Abschiedsunterricht zurecht (wobei ich mir vorstellen könnte, dass der an der KGS lieber klassische Fachvermittlung beinhalten sollte). Endlich putze ich das Bad. Endlich mache ich das Video, damit Er mich wieder einmal zu Gesicht bekommt.

Dass ausgerechnet dieses Scheißwetter sich für mich wie ein Startschuss anfühlen würde, hätte ich nicht gedacht - wobei es gar nicht so ungewöhnlich ist. Es tut einfach gut, einmal aus dieser lähmenden Hitze herausgerissen zu werden. Auf in die letzten zwei Schulwochen!

Freitag, 22. Juni 2018

"Hast du dich schon beworben?"


Das ist eine rhetorische Frage, wann immer mein aktueller Arbeitsvertrag ausläuft. Ja, natürlich habe ich mich beworben, muss mal schauen, ob was zurückkommt...

...ist der Standardsatz, den ich Kollegen entgegenklatsche, die mich nicht kennen. Ich habe gelernt, dass manche Menschen genau das hören wollen.

Wer mich kennt, ahnt, dass ich es noch nicht gemacht habe. Nix da. Keine Bewerbungen, keine Anfragen, gar nichts, und somit möchte ich ein kurzes Gespräch aus dem Arbeitszimmer der Schule wiedergeben, das tatsächlich unlängst so stattgefunden hat. Teilnehmer sind Dr Hilarius (H) und eine unglaublich freundliche, aufgeschlossene Kollegin (K).

K: "Und, hast du dich schon beworben?"
H: "Wenn du so fragst - nein, habe ich nicht."
K: "Äh... warum denn nicht?"
H: "Hmmm... das kann ich dir gar nicht so einfach sagen." 
K: "Und wo gehst du dann im Sommer hin?"
H: "In die Arbeitslosigkeit."
K: "Ja, aber das wird doch jetzt Zeit, ich hab' dir doch die Schule meiner Freundin empfohlen, warum hast du da nicht nachgefragt?"
H: "Weil es im Moment in meinem Gehirn tatsächlich Dinge gibt, die mir wichtiger sind, an die denke ich, und manchmal verliere ich Anderes dabei aus dem Blick."
K: "Wie jetzt, eine Arbeit und das Geld sind dir also egal?"
H: "Nein. Es ist nur so, dass mein Job nicht meine Top-Priorität im Leben ist."

Und da war es dann wieder, das verständnislose Gesicht meines Gegenübers. Die Frage, die mich tatsächlich in's Mark getroffen hat, war "Äh... warum denn nicht?" - denn auf der Suche nach der Antwort musste ich mir die Frage selbst stellen. Mich vor meinen inneren Spiegel stellen und fragen:

"Worauf wartest du? Sollen die Angebote von ganz allein kommen? Wie weit willst du es noch hinausschieben? Kannst du dir nicht endlich wieder Notizzettel machen mit den Dingen, die wirklich wichtig sind???"

N E I N

Und genau an der Stelle wird für mich eben doch wieder fühlbar, wie mich die Hochbegabung behindert. Ich stürze mich geistig auf alles, was mich interessiert, mit voller Inbrunst, auf verhaltensauffällige Schüler, Elterngespräche, Verabschiedungstexte, die ich auswendig lernen muss, bin mit Feuer und Flamme dabei - und vernachlässige dabei quasi meine eigene Lebenssicherung.

Das muss total bescheuert klingen.

Ich bewundere meine hochbegabte Kollegin mit Mann und vier Kindern, die alles wuppt und ihr Gehirn voll unter Kontrolle hat. Da läuft alles so, wie es soll, und so geht es vielen Hochbegabten. Ich bewundere sie alle.

Und stehe mir derweil weiter im Weg.

post scriptum: Heute habe ich dann endlich meine Bewerbungsunterlagen aktualisiert (auf einen Wink der Sannitanic hin), ging ja vorher nicht, weil mein Notebook und mein Drucker kaputt waren - Reparatur? Ist grad nicht so wichtig! - und ich werde mal versuchen, mich gedanklich von der KGS zu lösen. Wird Zeit. Ich bin viel zu tief hineingerutscht.

Mittwoch, 20. Juni 2018

Sex mit Schwertern


Lateinlehrer ahnen, was kommt: Stilblüten aus einer Lateinklausur, die Krönung zuerst:

"Und er führte das Eisen, das er sich umgeschnallt hatte, in ihre Lenden ein."
quoque accinctus erat, demisit in ilia ferrum
eigentlich: "Und er rammte das Schwert, mit dem er bewaffnet war, in seinen Unterleib."

Ovid, wie er leibte und liebte. Inklusive Umschnalldildo. Das klingt klassisch nach Schüler: Ich weiß nicht, was der Satz bedeuten soll, also bastele ich ihn mir so zurecht, wie ich mir das vorstelle. Und am Ende nicht Korrekturlesen, das verdirbt nur den Spaß. Dann würde solch' ein Satzbau auffallen:

"Ich habe dich getötet, du Arme, am Furcht erfüllten Ort, den ich nachts guthieß du sollst kommen, und nicht ich komme als Früherer hierhin."

Und jeder von uns kennt Antworten, die man kaum entziffern kann:

"Pyramus ih ein Kleidungsstük aus Titte abmeld, unft sich du Tod zu sie nachts denthingeschikt zu haben, und sagt du Löra, den sie sen Hut and zehren sollten, verl er es nicht anhölt..."

Und immer diese kitschigen Selbstmorde:

"Pyramus' Vorwürfe sind zwar berechtigt, er hat schließlich mit zugestimmt, sich in einem Wald voller Löwen zu treffen, jedoch hätte Schlimmeres verhindert werden können, wenn er sich nicht nach drei Minuten Monolog in sein Schwert gestürzt hätte." (halber Extrapunkt!)

Auf die Frage "Was sind die Metamorphosen?" nach vier Monaten Unterrichtsthema diese Antwort:

"Ich vermute, dass eine Metamorphose eine Geschichte ist, in der Menschen zu etwas "fabelhaften" werden oder sich Götter zu Lebewesen verwandeln. Da ich in vielen Serien etwas von "Meta-Wesen" höre und dies Menschen waren und jetzt bestimmte Fähigkeiten haben."

Satzbau, die Zweite:

" Von welchen das lange zerstörte Leben war, ist unsere Leidenschaft schuldig: Ich dich, du Arme, ich tötete." - "Durch welches war langes, würdiges Leben unser, jenes Tier schuldig sein." - "Aus welcher jener ein langes, würdiges Leben machte, es ist unser schuldiger Geist."

So, ich nehme mir jetzt zum Kuscheln mein Kleidungsstück aus Titte und gehe in's Bett!

Sonntag, 17. Juni 2018

Wer bin ich?


So eine einfache Frage mit so unendlich vielen Facetten. Nicht ohne Grund spielt der Ausdruck Identität in diesem Blog immer wieder eine sehr wichtige Rolle. Nosce te ipsum haben die ollen Römer gesagt, "erkenne dich selbst". Aber das ist gar nicht so einfach.

Ich suche seit Jahren nach meiner Identität, und von Jahr zu Jahr kann ich meinem Persönlichkeits-Puzzle Teile hinzufügen. Ich frage mich "Was macht mich aus?" - "Wie definiere ich mich?" - und stelle fest, dass ich da sehr labil bin. Wann immer ich etwas Neues über mich herausfinde, definiere ich mich darüber.

Als ich mich endlich geoutet hatte, war ich irgendwie "nur noch" schwul. Ich bin auf Szeneparties gegangen, ich habe Toleranz und Akzeptanz von meinen Mitmenschen eingefordert, ich war Dauergast bei Gayromeo, ich habe viele der Entscheidungen meines Alltags unter der Schwulenperspektive getroffen. Das war mir wichtig, endlich konnte ich das ausleben, also wollte ich diesen Umstand an meinem Lebensalltag teilhaben lassen. Ich habe diesen Faktor in meinen wissenschaftlichen Hausarbeiten auftauchen lassen, ich habe Referate über schwule Schriftsteller gehalten (Tennessee Williams, Chuck Palahniuk, Douglas Coupland anyone?). Ich habe mit Freunden ununterbrochen über Homosexualität gesprochen.

Irgendwann, Monate, Jahre später hatte ich mich daran gewöhnt. Mit einem Mal wurde ich zum Gothic. Ich hatte nur ganz vorsichtig angefangen, ganz zögerlich mein erstes Gothic-Album gehört (Tristania - Widow's Weeds). Nach und nach mehr schwarz getragen... und dann ist auch der Knoten geplatzt, ich bin auf Szeneparties gegangen, ich bin mit Kayal in die Uni gegangen, ich trug fast nur noch schwarz. Mein kompletter Musikgeschmack hat sich gewandelt. Was interessierte es mich überhaupt noch, dass ich schwul war? Gothic zu sein, das war mir viel wichtiger. Ich habe Freunde mit zur Lost Souls geschleppt, ich habe mein Profil im StudiVZ überarbeitet, so dass es keinen Zweifel mehr an meiner Ausrichtung gab, ich habe zuhause düstere, alberne Rituale durchgeführt (die mir damals aber wichtig waren).

Wurde alles normal, alles Alltag. Dann kam in großen Schritten meine Examensarbeit, die viel mit mir angestellt hat (ich werde irgendwann einmal darüber schreiben, denn das war tatsächlich ein Wendepunkt in meinem Leben). Erst nur Recherche, dann als richtige Aufgabe habe ich mich mit psychoaktiven Substanzen auseinandergesetzt und bin in die Suchtprävention gegangen. Gegenüber meinen Mitmenschen habe ich mich nicht darüber definiert (die besten Freundinnen mal ausgenommen), weil das Thema einen stigmatisiert und man damit nicht hausieren gehen sollte. Auch nicht, wenn man einfach nur aufklären möchte. Also nicht definiert, aber ich habe viel Freizeit damit verbracht, mich über diese Substanzen zu informieren, und habe Gundula Barschs Thesen zum Thema Drogenmündigkeit geradezu inhaliert. Im Netz hat damals ein User für mich ein bisschen Bildbearbeitung gemacht - siehe oben. Das war alles neu für mich - für eine Weile.

Und auch das ließ irgendwann nach. Okay, ich bin schwul. Okay, ich bin Gothic. Okay, ich kenne mich mit Drogen aus. Alles kein Mainstream, aber für mich dann letztlich doch normal geworden. Und dann kam das Referendariat, dann kam dieses eine Modul über besondere Lernausgangslagen, in dem über diverse Förderstatus gesprochen wurde, aber eben auch über Hochbegabung. Und ich saß da, die anderen wollten nachmittags nur noch nach Hause, und ich klebte mit meinem Blick seit zwei Stunden an der Symptomliste Hochbegabung fest. Und unendlich viele Teile meiner Jugend fielen endlich an ihren richtigen Platz. Auf einmal wusste ich, was mit mir immer "verkehrt" war, auf einmal konnte ich mir das alles erklären. Und sorry, liebe Mitmenschen, aber wenn dreißig Jahre Komischsein endlich erklärt werden, dann nimmt mich das mit.

Auf einmal war ich hochbegabt - und schien bzw. scheine mich nur noch über die Hochbegabung zu definieren, seit mittlerweile vier Jahren. Ich versuche, mein komisches Verhalten damit zu erläutern, ich versuche, mit meinen Problemen als Hochbegabter umzugehen, denn nun weiß ich mehr darüber, nun kenne ich Strategien. Aus Angst, dass Menschen mich auch weiterhin komisch finden würden, begrüßte ich sie quasi immer mit "...und ich bin hochbegabt." - was ein großer Fehler ist, gerade gegenüber Menschen, die mich gar nicht kennen, denn auf einmal bin ich wieder arrogant und überheblich und "...warum muss er eigentlich immer wieder mit seiner Hochbegabung anfangen?" - Letzterer Satz ist ja wahrscheinlich berechtigt. Deswegen höre ich ihn in den letzten Jahren immer und immer wieder. Nicht direkt, aber hinter meinem Rücken. Und ich schäme mich dafür und lerne "Sei hochbegabt, aber rede nicht drüber", mal schauen, wann ich das endlich verinnerlicht habe.

Ich bin ein Exot - zehn Prozent der Bevölkerung sind homosexuell. Gothics dürften nicht mehr als fünf Prozent sein, eher noch weniger. Und hochbegabt sind zwei bis drei Prozent. Alles zusammen macht mich zu einem Exoten, und genau darauf beziehe ich mich, wenn ich zu anderen Menschen sage "Ich bin ein bisschen komisch". Und dann sagen sie ganz nett, ach, das sind wir doch alle, und wenn sie dann irgendwann merken, was ich meine, kommt so etwas wie "Das hättest du auch gleich sagen können."

All' das war ich. All' das bin ich.

Und wer bist Du?

post scriptum: Ich will mein Verhalten hier gar nicht rechtfertigen. Sondern nur einmal vom Herzen schreiben, weil die große Buba mich in zwei Fällen darauf hingewiesen hat, dass ich mich - in der jeweiligen Phase - fast nur noch über meine neue Eigenheit zu definieren schien. Und ich bin dankbar, dass sie das gesagt hat, denn ich selbst habe das überhaupt nicht mitbekommen und andere Menschen, wie gesagt, haben nur hinter meinem Rücken darüber geredet.