Donnerstag, 24. Mai 2018

Pyramus & Tippse

Das könnte so eine Thisbe-Tippse sein...

Donnerstag - nicht nur jetzt, sondern auch während meiner Zeit in St.Peter-Ording war der Donnerstag immer der letzte Schultag der Woche für mich. Damals bin ich nach der sechsten Stunde in's Auto gesprungen und die zwei Stunden von Küste zu Küste gefahren. Danach: Meditationsnachmittag/-abend, um die vielen Eindrücke der Arbeitstage abzuarbeiten. Heute bin ich nach der siebten Stunde in den Bus gestiegen, und die Fahrt dauerte auch nur etwa zwanzig Minuten, aber ansonsten bleibt es dabei: Meditationstag, Kopf frei bekommen.

Zum Beispiel frei von Latein, das ich heute sechs Stunden lang erleben durfte. Kreativ (in der Klassenarbeit), neugierig (die 6c fängt mit der Caius ist ein Dummkopf-Lektüre an) und albern: Im E-Jahrgang übersetzen wir als eine von Ovids Metamorphosen die Geschichte von Pyramus und Thisbe, die sich ineinander verlieben, aber ihre Väter sind gegen diese Liebe. Zum Glück hat die Wand der benachbarten Wohnhäuser einen Riss, durch den sie sich romantische Dinge zuflüstern können. Irgendwann reicht das nicht mehr und sie planen ein Treffen. Und wer Ovid kennt, der weiß, das nur ein verschwindend geringer Teil seiner Metamorphosen ein happy ending hat, und so wird auch diese Geschichte tragisch enden.

Oder aber komisch. So wie heute, als eine Schülerin nachgefragt hat, welche Metamorphosen sie für die Klausur kennen soll, bzw. aus welchen der Klausurtext stammen könnte. "Also, das war dieser Aktion, ach ne, Acktaijohn, oder Aktaeon oder so, und dann hier der Pyramus und Thsis, Sthis, Zipth, Tippse oder so" - und das war mein Ende. Die Vorstellung von Thisbe als Tippse hat alle Gedankenzüge entgleisen lassen und ich bin zwei Minuten lang vor Lachen fast gestorben. Talk about authentische Lehrkraft...

Und dann gab es, wie jeden Donnerstag zwischen Schule und Meditation, einen neuen Film. Horizont erweitern und so. Und wieder ein Film, den ich in meine Liste "Potential für schulischen Gebrauch" aufnehme, so wie unlängst Get Out (2017) und The Babadook (2014). Der heutige Film stammt ebenfalls aus 2014, wurde in Cannes gezeigt und hat sich nach und nach in die Kritikerherzen gekämpft: Siebenundneunzig Prozent aller Rezensionen auf rottentomatoes.com sind positiv, und das muss ja einen Grund haben, und es geht nicht nur um den souveränen Umgang des Regisseurs mit minimalistischen, aber äußerst effektiven Mitteln.

Und warum ist dieser Film für Schule interessant? Weil es um Teenager geht. Und um Sex. Um Initiation, Entjungferung, jugendlichen Leichtsinn und Paranoia. Um HIV/AIDS. Der Film ist auf mindestens zwei Ebenen sehr interessant; zunächst einmal auf der direkten, wörtlichen Ebene, ist es ein verdammt unheimlicher Film. Ich habe phasenweise eine Panik gehabt wie seit Project Zero II nicht mehr - und die große Buba weiß, was das bedeutet und wird sich diesen Film vermutlich niemals anschauen.

Und dann wäre da die Metaebene: Der Film bietet wunderbare Interpretationsansätze, und es kursieren bereits viele Deutungen im Internet. Man kann an dem Film das Konzept der literarischen Parabel wunderbar verdeutlichen. Diese Ebene hatten wir auch bei The Babadook (Umgang mit Trauer) und Get Out (Rassismus) - und hier geht es um das Bewusstwerden von Angst. Das Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit. Und die Aufforderung, damit umzugehen zu lernen.

Vom Aufbau und Grundkonzept her hat mich der Film an Ringu (1998) erinnert; in jenem Film ging es um einen Videofluch. Wer sich das Video anschaute, musste sieben Tage später sterben, es sei denn, er schaffte es, den Fluch "weiterzugeben". Das ist die gleiche Prämisse wie im heutigen Film; beide Filme eröffnen mit einer Darstellung der Folgen des Fluches, schwenken dann auf die Protagonistin und ihren Kampf gegen ihre eigene Verfluchung und landen auf einer bittersüßen Endnotiz: Der Fluch kann nicht gebrochen werden. Er wird immer weitergehen. Und man muss lernen, damit zu leben.

Der ganze Plot des Films heute wird im Titel sehr konzis zusammengefasst. Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass ich mich um den Titel bisher gedrückt habe - ich möchte etwas aus dem Film nachahmen, denn dort wird der Titel erst nach der allerletzten Szene des Films eingeblendet und bringt es auf den Punkt: It Follows (2014).


Sonntag, 20. Mai 2018

Mein Outing

Es war ein sehr langer Weg...

"Mi, der 6. 7. 05, 20:18 Uhr:
Nur noch zwei Klausuren. Text Production morgen und Tacitus nächsten Donnerstag. Kann gut sein, dass ich Tacitus nicht schaffe. Naja, dann ist das eben so. Was ist mit Olli? Nix Halbes und nix Ganzes. Ich versuche, auch wenn es sehr, sehr schwer wird, Reiners Ratschlag ernstzunehmen und mich ein wenig rar zu machen. Damit Olli ein wenig das Interesse geweckt werden kann. Vielleicht. Langsam werden meine Knie etwas weicher, denn am Freitag in einer Woche werde ich Mama sagen, dass ich schwul bin. Ich meine, es ist nicht viel dabei, es ist mein Leben und schnurz, aber ich muss es halt einmal gesagt haben und das ist das Schwierigste. Abwarten, immer weiter abwarten…

Sa, der 6. 8. 05, 21:13 Uhr:
Hallo! Ich kann gar nicht glauben, dass ich vergessen habe, einen der wichtigsten Momente in meinem Leben niederzuschreiben: Am 15.7. diesen Jahres habe ich mich bei meinen Eltern geoutet. Genauer gesagt: Ich habe es Mama erzählt. Sie hat gefragt, ob ich damit glücklich bin und war ganz zufrieden und ich habe sie dann gebeten, es Papa zu sagen. Die beiden haben echt toll reagiert und auch keinen Staatsakt draus gemacht. Das ist ganz gut, denn im selben Moment habe ich gemerkt, dass ich gerade mit Mama und Papa nicht unbedingt viel mehr darüber reden möchte. Also ist diese Hürde geschafft! "


Es gab Schnitzel.

Ich saß in der Küche, am Küchentisch, ich glaube, ich hatte eine Zitrone durchgeschnitten. Oder war es Spiegelei? Mama stand am Herd und irgendwas brutzelte in der Pfanne. Papa war hinten im Garten, an einem sonnigen Sommertag. So unspektakulär mein Outing im Tagebuch auch klingt - mir ging der Arsch auf Grundeis. Ich hatte weiche Knie. In Kiel wussten es inzwischen alle. Bei Freunden, naja, da ist es ja auch nicht so dramatisch. Aber die Angst vor den Eltern...

Denn sie würden damit leben müssen, dass ich den Familiennamen wohl nicht weiterführe. Dass ich nicht für Enkel sorge. Und wie soll ich es überhaupt sagen? "Ach übrigens, ich bin..." oder in irgendeinen Nebensatz einbauen? So sitze ich am Küchentisch, Mama schwenkt die Pfanne, ich schaue auf die Tischdecke. Gedankenzüge fahren von links nach rechts und zurück.

Ich bin einundzwanzig Jahre alt und habe dieses Geheimnis ewig mit mir herumgetragen. Es war mir so unangenehm, als ich mich in den Drummer unserer Musicalband verliebt hatte. Es war mir so unangenehm, wie ich Jungs aus unserem Jahrgang hinterhergaffte. Es war mir so unangenehm, dann auch noch so ein Streber zu sein - in der Oberstufe konnte ich endlich mein intellektuelles Potential ausreizen.

Wovor hatte ich denn Angst? Dass sie mich nicht mehr lieben? Keine Ahnung, what do I know, ich habe Filme gesehen und Geschichten gehört und ich hatte null Selbstbewusstsein. Und sie wendet die Schnitzel. Ob ich es nicht doch lieber verschieben sollte? Hat doch keine Eile, ich sage es einfach ein anderes Mal. Wir reden über Alltägliches, und ich habe keine Idee, wie ich das Thema anbringen soll. Aber ich habe jetzt so lange gewartet, ich möchte mich nicht mehr verstecken müssen. Was soll ich nur machen?

Sie: "Ich hab uns für heute zum Kaffee und Kuchen bei Oma Zitronenrolle geholt, die magst du doch, oder?"
...jetzt oder nie...
Ich: "Ja, ich mag Zitronenrolle... und ich bin schwul."

...

Um ehrlich zu sein, bekomme ich die Szene nicht mehr haargenau hin, aber es müsste ungefähr so gewesen sein. Und dann war es endlich raus, mit einem "Papa hatte sich sowas schon gedacht" von ihr und einem "Kannst du es Papa sagen?" von mir. In diesem Moment haben meine Eltern mir klargemacht, dass sie mich lieben und dass sie möchten, dass ich glücklich bin.

So, wie ich bin.

Rückblickend wirkt das Outing wie eine Kleinigkeit, und manchmal denke ich mir "Warum rückt der Knabe nicht einfach mit der Wahrheit raus", wenn ich einen Jugendlichen erlebe, der offensichtlich unter dieser Last der Geheimniskrämerei zu leiden hat. Aber gerade in diesen Momenten ist es wichtig, dass ich mir in Erinnerung rufe, wie hart das damals für mich war. Und auch wenn du noch so sehr versuchst, es geheimzuhalten, die Menschen, die dich lieben, merken es irgendwann.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es die Ehe für Alle gibt. Wir leben in einer Gesellschaft ohne den §175, der damals Homosexualität unter Strafe stellte. Wir leben in einer (teilweise) aufgeschlosseneren Gesellschaft - aber das Outing ist dadurch kein bisschen leichter geworden. Für einen schwulen Jugendlichen bleibt es nach wie vor eine der schwierigsten Hürden in seinem Leben, und wir Pädagogen sollten uns dessen immer bewusst bleiben, wenn wir mit Schülern arbeiten, denen eine Last auf den Schultern liegt.

Freitag, 18. Mai 2018

Nigga

Daniel Kaluuya liefert eine großartige Performance ab.

Ich mag Filme, die dem sogenannten psychological horror zugeordnet werden, das ist schon seit... gute Frage. Mindestens seit meiner Jugend so. Ich mag das Düstere, aber ich mag noch viel mehr, dass der Horror sich in meinem Kopf abspielt, nicht auf dem Bildschirm. Es hatte schon einen Grund, warum ich im Projektunterricht Filmanalyse bei Frau Schiller damals in der Oberprima einen Film untersucht habe hinsichtlich der Frage, wie Spannung erzeugt wird. Und ich bin damals gelandet bei der Feststellung, dass es nicht nur darum geht, was auf dem Bildschirm gezeigt wird, sondern insbesondere darum, was nicht gezeigt wird. Angedeutet. Kleine Denkanstöße, subtil, horrifying.

Dazu gehören Werke wie Rosemary's Baby (1968), Shining (1980), aber immer wieder auch ganz moderne Werke wie Twin Peaks (dritte Staffel, 2017), The Babadook (2014) oder, wie ich heute gesehen habe, Get Out (2017).

Ich will über diesen Film gar nicht zuviel sagen, weil ich meine, dass die größte Wirkung erzielt wird, wenn man uninformiert und aufgeschlossen an diesen Film herangeht. So habe ich es heute versucht und ich bin nicht enttäuscht worden. Mir geht es in diesem Beitrag eher wieder um ein schulisches Thema; wann immer ich neue Medien konsumiere, sei es Musik, Film oder Videospiel, überlege ich, ob ich das irgendwie sinnvoll in den Unterricht integrieren kann. Vor Kurzem habe ich darüber anhand des Films Lola rennt (1998) geschrieben.

Get Out hat mir unglaublich gut gefallen, und er bietet tatsächlich Potential für die Schule - aber bitte nur in der Oberstufe - weil er auf eine gut zugängliche Art das Thema Rassismus beleuchtet. Ich war zwar ein bisschen überrascht, dass der Film am Ende auf klassische Horrorfilm-Formeln zurückgreift, aber der Weg bis dahin ist beeindruckend. Ich weiß nicht, wie Jugendliche diesen Film sehen würden, ich würde das gern einmal testen - denn es könnte eine Chance sein. Eine Chance, auf anschauliche Weise den Schülern klarzumachen, dass es Rassismus "noch immer" gibt. Manche Menschen denken ja, naja, wir sind aus der Zeit der Sklaverei raus, ist doch alles in Ordnung.

Nichts ist in Ordnung. Mittels subjektiver Kamera erlebt der Zuschauer, wie der Hauptcharakter aufgrund seiner anderen Hautfarbe anders behandelt wird als seine Mitmenschen, und man erlebt mit, wie diese Mitmenschen jeden Verdacht von Rassismus entschieden von sich weisen. Klasse! Ich freue mich, dass es auch moderne Filme gibt, die wichtige, schwierige Sachverhalte veranschaulichen können für eine Generation, die als digital natives aufwächst. Nicht umsonst hat der Film einen Academy Award erhalten und seither zahlreiche weitere Auszeichnungen, nicht umsonst berichtet rottentomatoes.com, dass von über dreihundert Rezensionen neunundneunzig Prozent positiv sind. Das ist sehr selten und signalisiert, dass wir einen qualitativ hochwertigen Film haben.

Get Out und The Babadook - wenn man sich umschaut, findet man tolle Horrorfilme, die unter die Haut gehen, verstören und aufklären können. Ich nehme sie auf in meine "geistige Videothek", als potentielles Material für den Unterricht.

post scriptum: Das muss komisch wirken - auf der einen Seite jammere ich über die vielen Korrekturen, die ich vor mir habe, und in der Tat liegen hier mehrere Stapel Leistungsnachweise herum. Auf der anderen Seite habe ich genügend Zeit, um mir Filme anzuschauen?! Das ist halt das Ding mit dem hochbegabten Gehirn: Ich kann nicht gegenan, ich mache, was mich gerade am meisten interessiert.

Donnerstag, 17. Mai 2018

Ökonomie eines Kollegiums


"Hey, ich hab' dich schon einmal gesehen!"

Ein Satz, den man oft hört. Seien es nun Schüler, denen man im Bus begegnet, oder Kollegen beim Supermarkt oder whatever; meistens kein Anlass, um aus der Fassung zu geraten. So auch gestern: Siebte Stunde, Latein in Klasse Neun, es ist heiß und ich Idiot habe natürlich nicht daran gedacht, dass wir den Unterricht auch unten im Schulhof hätten machen können; so musste ich zweimal Treppen steigen, was im Moment echt unpraktisch ist.

Wie dem auch sei, so findet sich also der halbe Kurs im Fachraum ein, wir reißen die Fenster auf und lassen die Tür zum Flur offen stehen. Moment... der halbe Kurs? Etwas verwirrend. Drei Minuten später kommt Schüler B herein, "Entschuldigen sie, dass ich zu spät bin!" - "Ach, das ist schon okay, ich bin im Moment, ehrlich gesagt, froh, dass überhaupt jemand da ist." - "Naja, die anderen haben alle Chorprobe für das Musical nächste Woche (Mamma Mia steht an)." "Oh... okay..."

Und die Gedanken fangen an zu rattern. Scheiße, ist das heiß hier, was mache ich denn nun, kann ja nichts Neues mit denen machen, wenn mehr als die Hälfte fehlt, wo ist überhaupt das Klassenbuch, naja, dann schließen wir jetzt halt endlich die nd-Formen mit einer kleinen Wiederholung ab und ab morgen geht es dann an die verschränkten Relativsätze. Ja, so könnte das gehen. Und frage, wer den ersten Satz des Arbeitsblattes mal eben direkt vom Papier übersetzen möchte. Drei Finger gehen hoch, ich bin schon voll im Text drin und habe alle grammatikalischen Fragen bereit, die ich stellen möchte. So, nehme ich jetzt M, oder doch lieber C, oder...

"Hey, ich hab' dich schon einmal gesehen!"

Oh mann, immer diese Schüler, die an einem offenen Klassenraum vorbeigehen und dann reinrufen, sehen die nicht, dass gerade Unterricht ist? Und so schaue ich zur Tür, das scheint ein Lehrer zu sein, ich bin etwas verwirrt. Aus seinem Blick versuche ich abzuleiten, welchen Schüler er meint - doch sein Blick ruht ausschließlich auf mir. Was, ich??? Äh... und dann brechen meine Gedankengänge komplett zusammen und ich sitze da wie eine Salzsäule.

Die große Buba kennt diese Momente bei mir. Sie sagt dann immer direkt: "Ach herrje, Blockade - gar nicht weiter drüber nachdenken, egal, nicht so wichtig!" - denn sonst verheddere ich mich immer mehr in diesen Gedanken und kann keinen Unterricht mehr leiten.

Ich muss wirklich sehr verwirrt ausgesehen haben. "Naja, von der IGS", schiebt der Kollege hinterher. IGS... war das die Schule in Hassee, bei der ich mich beworben hatte? Oder Brachenfeld? Aber letztere hieß für mich immer nur Brachenfeld... aber ich kenne das Gesicht von irgendwoher, das stimmt definitiv! Mein Gesicht ist eingefroren, und unausgesprochene Worte purzeln mir wie Eiswürfel aus meinem offenstehenden Mund. Puh... und was mache ich jetzt?

Dann merkt auch der Kollege, dass ich auf der Leitung stehe, grinst und sagt "Kein Problem, fällt dir schon wieder ein", und geht weiter. Und tatsächlich, am Nachmittag fällt mir wieder ein, dass ich das Gesicht aus Neumünster kenne. Da habe ich immerhin über ein Jahr gearbeitet - peinlich, dass ich den Kollegen nicht zuordnen konnte. Wobei, gar nicht mal so peinlich, wenn ich an meine eigene Kollegiums-Ökonomie denke.

Ich entlehne diesen Begriff einer Rezension von Roger Ebert, in der er über sein Konzept der Economy of Characters in Slasherfilmen redet. Den Ausdruck fand ich spannend, und mir ist dabei bewusst geworden, wie ökonomisch ich mit neuen Bekanntschaften umgehe: Ich versuche zu ermessen, wie wichtig diese Person für mich sein wird, und merke mir ihre Identität, oder meistens eben nicht. Das führt dazu, dass ich auch nach Monaten einige Kollegennamen noch nicht kann und mir selbst einige Gesichter fremd vorkommen.

Dass es auch in Brachenfeld so war, dafür gibt es eine einfache Erklärung: Jener Kollege, der mich nun an der KGS wiedererkannt hat, saß nicht in "meinem" Lehrerzimmer; Gemeinschaftsschulen haben ein Konzept mehrerer kleinerer Lehrerzimmer, sogenannter Fachstützpunkte. Ich saß im Stützpunkt Sprachen, der andere Kollege nicht, und daher habe ich ihn nicht so oft gesehen und mir seine Identität nicht genauer gemerkt.

Wann immer ich an eine neue Schule komme, sagt mir die Kollegiums-Ökonomie: "Warum willst du dir den Aufwand machen und all' diese neuen Gesichter und Namen lernen, wenn du eh' bald wieder von der Schule gehst?" - und dem kann ich dann nicht viel entgegensetzen. Ich hoffe, das nehmen mir nicht so viele Kollegen krumm...

Montag, 14. Mai 2018

Extrapyramidale Hyperkinesie

Gewitter im Kopf kann verdammt unangenehm werden...

Eine Nacht mit Restless Legs Syndrom (RLS) ist scheiße. Ein ganzes Leben damit muss die Hölle sein, es sei denn, die Therapie greift. Mir reicht es vollkommen, einmal im Halbjahr solch' eine Nacht zu erleben, so wie im vergangenen November. So auch letzte Nacht.

Natürlich habe ich auch ein bisschen blöd darauf hin gearbeitet, habe mir in den letzten Nächten ein Schlafdefizit aufgebaut und gedacht, nun gut, dann gehe ich in dieser letzten Nacht vor Schulbeginn (die letzte Woche war für mich frei) zeitig in's Bett, Schlaf von zweiundzwanzig bis sieben Uhr, neun Stunden, das sollte ausreichen. Ich ziehe mich aus, lösche das Licht, lege mich hin. Auf den Rücken, ausgestreckt, von der Bettdecke warm eingepackt. Und so vergehen zehn Minuten, zwanzig Minuten, dreißig. Und ich liege wach.

Ich wälze mich von einer auf die andere Seite, probiere alle möglichen Schlafpositionen aus, aber nichts hilft gegen dieses ekelhafte Kribbeln in den Beinen und in den Armen. Ich möchte die ganze Zeit zappeln und treten, und nach gut einer Stunde des Herumwälzens ist mir klar, dass ich wieder eine RLS-Nacht vor mir habe. Ich versuche alle Tricks, Beine mit eiskaltem Wasser abduschen, ein Heizkissen draufzulegen, Massagen mit den Händen, ich schraube meinen  Schrubber auseinander, um die Gelenke abzubürsten und auf diese Weise zu stimulieren, denn all' das kann helfen. Hat es allerdings nicht getan; die Nacht schreitet weiter fort und ich habe noch keine einzige Minute geschlafen.

Stundenlang zieht sich das hin. Immer wieder stehe ich auf, gehe mehrmals durch die Wohnung, die Bewegung verschafft Linderung, aber kaum liege ich wieder still und komme zur Ruhe, kehrt dieses quälende Prickeln zurück und mir schwant, dass ich diese Nacht überhaupt keinen Schlaf bekommen werde. Nützt alles nichts. Um vier Uhr morgens stehe ich wieder auf, um in der Wohnung auf und ab zu gehen. Ich bin todmüde, kann kaum den Kopf aufrecht halten, gähne vor mich hin und schlurfe durch die Wohnung - bleibe schließlich mit dem linken Fuß an der Couch hängen und lege eine lautstarke Bruchlandung hin. Sorry, liebe Nachbarn. Und der Versuch, mich mit dem rechten Fuß abzufangen, geht gründlich daneben, denn ich knicke mit dem Fuß um, und ich habe keine Ahnung, was genau passiert ist, aber es tut weh, also nehme ich etwas gegen die Schmerzen und haue mich wieder auf's Bett.

Immerhin, das Erlebnis war so auslaugend, dass ich für eine Dreiviertelstunde einschlafe. Dann wache ich wieder auf, die Beine und Arme kribbeln wieder und es pocht in meinem rechten Fuß. Wie praktisch, dass hier die Kühlpacks herumliegen, von dem Versuch, die Beine runterzukühlen; ich mache mir daraus ein kaltes Polster für den rechten Fuß. Aber einschlafen ist nicht mehr drin, und so ist die armselige Quote für letzte Nacht fünfundvierzig Minuten Schlaf und über acht Stunden Wachsein. Ich muss aussehen wie ein Zombie, und der Fuß ist jetzt dick geworden und das Auftreten tut richtig weh. Diesmal gehe ich zum Arzt. Als ich mir im letzten Jahr den Finger gebrochen hatte und nicht zum Arzt gegangen war, hatte ich mit den Konsequenzen zu kämpfen. Manchmal lerne ich aus meinen Fehlern.

Ich hasse RLS. Ich sollte versuchen, meine Hausapotheke auf solche "Notfälle" einzurichten. Dabei muss man wissen, dass die gängigen Medikamente gegen das RLS, Levodopa, Ropinirol, Pramipexol o.ä. allesamt rezeptpflichtig sind und in der Regel chronischen Patienten für eine Langzeittherapie verschrieben werden. Aber man kann sich selbst behelfen, neben den Kälte/Wärme-Tricks, der Bewegung und Massage, auch mit Gaben von Eisen und Magnesium; auch ein heißer Tee, ein heißes Bad und eine gute Schlafhygiene sind hilfreich. Wenn man das nur einmal alle paar Jubelmonate hat, sollte man ohne Verschreibung auskommen.

Hier gibt es Informationen zum Restless Legs Syndrom / Wittmaack-Ekbom-Syndrom.

post scriptum: Die Altphilologen verstehen den Titel vermutlich - Hyperkinesie als "Zuviel-Bewegung", sozusagen, und der erste Teil bezieht sich auf die Pyramidenbahnen. Ich habe NULL Ahnung von Medizin, weiß nur, dass das RLS ein Teil dieser Hyperkinesien ist.

PS2.: Special Olympics in Kiel, das finde ich toll. Ein Zeichen für Inklusion, ein Zeichen dafür, dass wirklich JEDER Mensch gut ist und okay ist. Schade, dass Inklusion an Schulen in Schleswig-Holstein bisher ein... gewisses... ich sollte mir den Kommentar schenken, sonst denkt das Ministerium, ich hielte nichts von seinem Inklusionskonzept.

Sonntag, 13. Mai 2018

Unterricht

Da ist alles dabei, anständig, aufreizend, selbstironisch und peinlich ;-)
Damit die große Buba einmal sieht, was Schüler so auf einem Bunten Abend anlässlich ihres Abiturs machen. Damals dachte ich, das gehört zum Pflichtprogramm und das machen wohl alle Abiturjahrgänge so: Ein Abend aus Sketchen, Musik und Tanz, auf dem die Lehrer einmal ordentlich durch den Kakao gezogen werden und man sich an seine Schulzeit erinnert. Unser Mitschüler a.k.a. Eric G. Bass hat damals dafür gesorgt, dass die Aktion gefilmt, geschnitten und auf CD gebannt wurde, so dass ein Zeugnis unseres Wahnsinns vor sechzehn Jahren bleibt. Da die Buba besonders daran interessiert sein dürfte, wie wir unsere Lehrer auf's Korn genommen haben, enthält dieser Zusammenschnitt zwei Unterrichts-Sketche.



Spannend, für wie wichtig und toll sich viele Abiturienten halten - davon kann auch ich mich nicht frei machen. Spaßig, die alte Truppe mal wieder zu sehen. Interessant, das hier als Ergebnis einer bewegten Schulzeit zu erleben, die auch einiges an Mobbing seitens mehrerer Parteien enthielt.

Ich glaube, ich wäre stolz, wenn auch ich irgendwann zum Ziel solcher Persiflagen gemacht würde - aber dazu wäre es einigermaßen wichtig, endlich fester Bestandteil einer Schule zu sein. Eines nach dem Anderen...

post scriptum: Sieh' an, damals gab es noch "Negerküsse".

Freitag, 11. Mai 2018

The Age Of Upset

Man muss zum Glück nicht bei jedem Aufreger zum Messer greifen.

Donald Trump verlässt das Atomabkommen mit dem Iran und die halbe Welt ist verunsichert, irritiert oder sogar richtig empört. Und diese Menschen haben auch allen Grund dazu, wobei niemand mehr ernsthaft überrascht sein dürfte über die Dinge, die unter der derzeitigen Ägide im Weißen Haus passieren.

Wir erwarten gar nichts Anderes mehr. Und dennoch regen wir uns auf, denn es tut gut, mal etwas Dampf abzulassen. Ich kenne Menschen, die sich in jedem Gespräch über irgendwas aufregen können, das finde ich faszinierend... und dann frage ich mich, warum sie das tun, und fange an zu reflektieren, ob ich auch so ein Aufreger bin.

Im Studium definitiv. Ich konnte mich über die Debatten der Fachschaftsvertreterkonferenz aufregen, über das blöde Anmeldesystem und die zu vollen Busse. Und der Lektürekanon in Latein ist zu umfangreich und und und... und dann kam das Referendariat, und wer es erlebt hat, der weiß, dass man sich auch da herrlich aufregen kann. In dieser Phase allerdings habe ich angefangen, ernsthaft zu meditieren und mich ganz langsam mit dem Buddhismus auseinanderzusetzen.

Hat irgendjemand schon einmal gesehen, wie sich der Dalai Lama aufregt? Natürlich nicht, denn er regt sich nie auf, das widerspricht seiner Denkweise. Und genau genommen hat er Recht, denn eigentlich hat niemand etwas davon, sich aufzuregen, da kommt nichts bei rum. Die AfD regt sich über die Umvolkung auf und in Konsequenz regen sich die demokratischen Parteien über die AfD auf, und so geht es immer weiter.

Seit ein paar Jahren arbeite ich daran, mich nicht mehr ernsthaft aus der Ruhe bringen zu lassen, zum Beispiel durch zu kurz befristete Arbeitsverträge, Kollegen, mit denen ich nicht um kann und die Hitze in der Wohnung. Und ich werde langsam besser, wirke mittlerweile öfters tiefenentspannt. Aber ich habe noch einen weiten Weg vor mir, denn noch immer kann ich mich aufregen, obwohl ich das eigentlich nicht möchte.

Und ich merke, dass ich mich nicht gern mit Menschen unterhalte, die in Allem ein Aufreger-Potential sehen. Ich empfinde das als eine sehr negative Energie und damit kann ich nicht so gut umgehen.

Falls sich jemand angesprochen fühlt: Ich meine das nicht böse, ich sage nur, dass ich damit nicht so gut kann.