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Freitag, 15. Januar 2021

Der Bechdel-Test

Alison Bechdel

Als ich mir den neuen Film von Regisseur Christopher Nolan angeschaut habe, ist mir aufgefallen, dass darin kaum Frauen vorkommen. Genau genommen drei. In der Konsequenz habe ich den Film als testosterongeschwängert bezeichnet. Das könnte natürlich Zufall sein, dass es nicht mehr tragende weibliche Charaktere gibt, aber bei Nolan hat das Methode. Wenn man sich in Ruhe hinsetzt und nachdenkt, stellt man fest, dass Frauen in seinen Filmen immer wieder die gleichen Funktionen erfüllen: Sie sind in kleinen Nebenrollen vertreten, um den Plot voranzubringen (wie die Wissenschaftlerin in jenem Film), oder sie sind in irgendeiner Form von einem Mann abhängig släsch ihm untergeordnet. Ist so!

Wem es etwas schwer fällt, das nachzuvollziehen, dem kann geholfen werden, denn es gibt ein kleines Instrument, das die Repräsentation von Frauen in Medien in den Fokus rückt - der Bechdel-Test ist zu einem Kultphänomen geworden, hat mit Wissenschaft nichts am Hut, ist aber herrlich, um Menschen, die bisher der untergeordneten Repräsentation von Frauen in Medien uneingedenk waren, die Wahrheit vor Augen zu führen.

Die Anforderungen, den Test zu bestehen, scheinen auf den ersten Blick lachhaft. Ein Film hat den Bechdel-Test dann bestanden, wenn in ihm

1) mindestens zwei weibliche Charaktere auftauchen, die 

2) sich miteinander unterhalten, und zwar

3) über etwas Anderes als Männer.

Das klingt wie eine niedrige Hürde, aber Nolans Filme scheitern an diesem Test, denn es ist nun mal so, dass sich nur selten - wenn überhaupt - zwei Frauen miteinander unterhalten. Nolans Protagonisten sind alle männlich, ohne Ausnahme. Und man mag dann zwar sagen, dass es doch auch Frauen in seinen Filmen gibt, die große Rollen haben; das stimmt auch, aber trotzdem bleiben diese Rollen einem männlichen Charakter untergeordnet. Es gibt bei Nolan keine starken, unabhängigen Frauen.

Der Test ist natürlich kein Gütekriterium für Filme, aber ich finde es immer wieder spannend zu erleben, wie wenige Filme den Bechdel-Test bestehen. Das bessert sich zwar langsam, Arrival (2016) ist ein schönes Beispiel, aber wir haben noch ein ordentliches Stück vor uns. Und dazu ist der Test da: Uns genau diesen Umstand vor Augen zu führen.

post scriptum: Es gibt noch ein inoffizielles viertes Kriterium - 4) die Charaktere müssen Namen haben.

Sonntag, 10. Februar 2019

( m / w / d )


"Wir suchen Dich (m/w/d) als Filialleiter!"

Ich hänge ja gerne ordentlich hinterher, was gesellschaftliche Veränderungen angeht. Was, Schwule dürfen heiraten? Gar nicht mitbekommen! Und so sortiere ich bei LIDL meine Dosensuppe und die Trullinudeln hinter der Kasse in meine Einkaufstasche ein und blicke auf den Bewerbungsaufruf. Klasse, jetzt können sich junge Männer und Frauen... und... d??? Deutsche? Dicke? An WEN geht dieser Aufruf?

Ich musste tatsächlich googeln, wie peinlich. Immerhin weiß ich nun, dass es alternative Formen gibt, neben m/w/d existieren auch m/w/gn, m/w/inter, m/w/x. Das D steht für divers, und das ist großartig und eigentlich war das auch längst überfällig, dass das in unseren Alltag eingeht. Gegen Diskriminierung und Versteckenmüssen für alle Menschen, die D sind. Aber natürlich kommen auch hier wieder die Unkenrufe, die sagen, dass es doch nun wirklich wichtigere Probleme in unserer Gesellschaft gibt, als Rücksicht auf so eine Minderheit.

Ja, es gibt definitiv wichtigere Probleme - zum Beispiel die Scheinheiligkeit oder mangelnde Akzeptanz der Urheber dieser Unkenrufe. Ich finde das extrem unangenehm, gehört für mich in die Kategorie AfD-Mitglieder, die sich beschweren, dass ihre Meinungsfreiheit eingeschränkt wird. Und es gibt auch andere wichtigere Probleme, das ist unbestritten - aber deswegen sollte man eine Kleinigkeit wie Rücksichtnahme auf die Geschlechtervielfalt nicht vollkommen ignorieren. Gilt auch für einen Björn Höcke, der gegen den Genderwahnsinn wettert.

Donnerstag, 24. Mai 2018

Pyramus & Tippse

Das könnte so eine Thisbe-Tippse sein...

Donnerstag - nicht nur jetzt, sondern auch während meiner Zeit in St.Peter-Ording war der Donnerstag immer der letzte Schultag der Woche für mich. Damals bin ich nach der sechsten Stunde in's Auto gesprungen und die zwei Stunden von Küste zu Küste gefahren. Danach: Meditationsnachmittag/-abend, um die vielen Eindrücke der Arbeitstage abzuarbeiten. Heute bin ich nach der siebten Stunde in den Bus gestiegen, und die Fahrt dauerte auch nur etwa zwanzig Minuten, aber ansonsten bleibt es dabei: Meditationstag, Kopf frei bekommen.

Zum Beispiel frei von Latein, das ich heute sechs Stunden lang erleben durfte. Kreativ (in der Klassenarbeit), neugierig (die 6c fängt mit der Caius ist ein Dummkopf-Lektüre an) und albern: Im E-Jahrgang übersetzen wir als eine von Ovids Metamorphosen die Geschichte von Pyramus und Thisbe, die sich ineinander verlieben, aber ihre Väter sind gegen diese Liebe. Zum Glück hat die Wand der benachbarten Wohnhäuser einen Riss, durch den sie sich romantische Dinge zuflüstern können. Irgendwann reicht das nicht mehr und sie planen ein Treffen. Und wer Ovid kennt, der weiß, das nur ein verschwindend geringer Teil seiner Metamorphosen ein happy ending hat, und so wird auch diese Geschichte tragisch enden.

Oder aber komisch. So wie heute, als eine Schülerin nachgefragt hat, welche Metamorphosen sie für die Klausur kennen soll, bzw. aus welchen der Klausurtext stammen könnte. "Also, das war dieser Aktion, ach ne, Acktaijohn, oder Aktaeon oder so, und dann hier der Pyramus und Thsis, Sthis, Zipth, Tippse oder so" - und das war mein Ende. Die Vorstellung von Thisbe als Tippse hat alle Gedankenzüge entgleisen lassen und ich bin zwei Minuten lang vor Lachen fast gestorben. Talk about authentische Lehrkraft...

Und dann gab es, wie jeden Donnerstag zwischen Schule und Meditation, einen neuen Film. Horizont erweitern und so. Und wieder ein Film, den ich in meine Liste "Potential für schulischen Gebrauch" aufnehme, so wie unlängst Get Out (2017) und The Babadook (2014). Der heutige Film stammt ebenfalls aus 2014, wurde in Cannes gezeigt und hat sich nach und nach in die Kritikerherzen gekämpft: Siebenundneunzig Prozent aller Rezensionen auf rottentomatoes.com sind positiv, und das muss ja einen Grund haben, und es geht nicht nur um den souveränen Umgang des Regisseurs mit minimalistischen, aber äußerst effektiven Mitteln.

Und warum ist dieser Film für Schule interessant? Weil es um Teenager geht. Und um Sex. Um Initiation, Entjungferung, jugendlichen Leichtsinn und Paranoia. Um HIV/AIDS. Der Film ist auf mindestens zwei Ebenen sehr interessant; zunächst einmal auf der direkten, wörtlichen Ebene, ist es ein verdammt unheimlicher Film. Ich habe phasenweise eine Panik gehabt wie seit Project Zero II nicht mehr - und die große Buba weiß, was das bedeutet und wird sich diesen Film vermutlich niemals anschauen.

Und dann wäre da die Metaebene: Der Film bietet wunderbare Interpretationsansätze, und es kursieren bereits viele Deutungen im Internet. Man kann an dem Film das Konzept der literarischen Parabel wunderbar verdeutlichen. Diese Ebene hatten wir auch bei The Babadook (Umgang mit Trauer) und Get Out (Rassismus) - und hier geht es um das Bewusstwerden von Angst. Das Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit. Und die Aufforderung, damit umzugehen zu lernen.

Vom Aufbau und Grundkonzept her hat mich der Film an Ringu (1998) erinnert; in jenem Film ging es um einen Videofluch. Wer sich das Video anschaute, musste sieben Tage später sterben, es sei denn, er schaffte es, den Fluch "weiterzugeben". Das ist die gleiche Prämisse wie im heutigen Film; beide Filme eröffnen mit einer Darstellung der Folgen des Fluches, schwenken dann auf die Protagonistin und ihren Kampf gegen ihre eigene Verfluchung und landen auf einer bittersüßen Endnotiz: Der Fluch kann nicht gebrochen werden. Er wird immer weitergehen. Und man muss lernen, damit zu leben.

Der ganze Plot des Films heute wird im Titel sehr konzis zusammengefasst. Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass ich mich um den Titel bisher gedrückt habe - ich möchte etwas aus dem Film nachahmen, denn dort wird der Titel erst nach der allerletzten Szene des Films eingeblendet und bringt es auf den Punkt: It Follows (2014).


Samstag, 27. Januar 2018

Es geht um Sex: Das "Gewerbe"


Ich habe vor ein paar Tagen Luis Bunuels Film Belle de Jour (1967) gesehen. Ich finde, der Film präsentiert auf eine recht glaubhafte Weise, wie eine "anständige" Frau das Sehnen verspürt, sich als Prostituierte zu betätigen. Kurze Einschätzung vorweg: Der Film ist toll, danke Amazon prime. Catherine Deneuve spielt alle Emotionen ihrer Figur Severine durch, die Abscheu, den Ekel, aber auch die Faszination des "Gewerbes". Der Film wird öfters in einem Atemzug genannt mit Stanley Kubricks Eyes Wide Shut (1999), nicht zuletzt wegen der Traumsequenzen.

Mir geht es heute aber nicht um den Film, sondern um das Thema an sich - Prostitution wird gern als ältestes Gewerbe der Welt bezeichnet - Sex sells, as we know.  Es gibt zahlreiche gute Gründe, sich zu prostituieren: Vielleicht sehnt man sich nach der Ablenkung zu seinem normalen Sexleben, nach Praktiken und Fantasien, die man mit seinem Lebenspartner nicht ausleben kann. Vielleicht ist es der Reiz, viele unterschiedliche Sexpartner kennenzulernen. Vielleicht ist es einfach eine Möglichkeit, um Geld zu verdienen. Ich bewerte keinen dieser Gründe, ich zähle sie nur auf. Und ich stelle fest, dass ich all' diese Gründe gut nachvollziehen kann.

Wie kommt es, dass Prostitution so verpönt ist? Es gibt ganz sachliche Gründe, und mit Sachlichkeit kriegt man mich immer rum: Zu oft wird nicht verhütet und ein Leben "aus Versehen" in die Welt gesetzt; die Tiefe dieses menschlichen Abgrundes kann ich kaum ertragen. Oder aber es werden Krankheiten übertragen. Auch können Gewaltspielereien zu weit gehen, ernsthafte Verletzungen folgen. Oft wird die Grenze des Legalen zum Beispiel auch durch gleichzeitigen Drogenkonsum überschritten - wobei das schon zu einem Grund wird, den ich nur in Ansätzen nachvollziehen kann: Wenn die Menschen, die sich zum Sex treffen, ihr Erlebnis mit psychoaktiven Substanzen anfeuern wollen, dann lasst sie doch! Solange das Konzept der Drogenmündigkeit bewusst bleibt, ist das eine vollkommen natürliche Handlungsweise.

Was ich dagegen ganz und gar nicht verstehe, sind Vorbehalte der Prostitution gegenüber, die aus konservativen Antrieben entstehen: Sex ist etwas Heiliges, das man nur mit seinem festen Lebenspartner teilen darf. Leute, warum macht Ihr es euch selbst so schwer? Das ist genau wie James Dean, der einen genialen Satz geantwortet haben soll, und zwar auf die Frage, ob er jemals sexuelle Erfahrungen mit einem anderen Mann gesammelt habe (damals ein absolutes Tabu): "No, I am not a homosexual. But I'm also not going to go through life with one hand tied behind my back."

Diese ganze Verklemmtheit beim Thema Sex fasziniert mich immer wieder: Warum stellt sich Sexualität uns als Tabu dar? Warum machen wir uns nicht frei von den Ketten, die wir uns selbst auferlegt haben? Immerhin, langsam tauen wir auf. Langsam werden Seiten wie PlanetRomeo oder Tinder gesellschaftstauglich. Dennoch wird es ihn immer geben, diesen Zwiespalt, auf unverbindlichen Sex abschätzend herabzublicken und gleichzeitig davon fasziniert zu sein.

Sonntag, 24. September 2017

Let's talk about sex: Der Fetisch

Muskeln? Unterwäsche? Dog tags? Oder darf es etwas Abgefahrenes sein...?

Vorwort: Natürlich hätte ich heute über den Ausgang der Wahl schreiben können, so wie fast alle das machen würden. Zum einen beschäftigen sich aber bereits fast alle öffentlichen Medien damit, da muss ich nicht auch noch mithalten, zum anderen möchte ich ungern eine verfrühte Meinung äußern, bevor Koalitionsverhandlungen abgeschlossen sind und die Politik der kommenden Jahre sich langsam abzeichnet. Also geht es um Sex, auch wenn es heute bei Weitem nicht so interessant ist wie der Wahlausgang - und ich will hoffen, dass Ihr alle Eure Kreuze gesetzt habt!

Sex kann eine großartige Sache sein. Anspannend, wenn es mal wieder nötig ist, aufregend, während man dabei ist, entspannend, wenn es vorbei ist. Ausgleichend, beruhigend, es gibt so viele positive Eigenschaften, aber was bedeutet "Sex" eigentlich genau? Natürlich geht es dabei nicht ausschließlich um den Geschlechtsverkehr, wie wir ihn alle irgendwann einmal kennen gelernt haben oder kennenlernen werden. Es gibt da weitaus mehr, und ein für mich besonders interessanter Aspekt sind Fetische.

In diesem Blog habe ich schon öfters von gedanklichen Assoziationen geschrieben, so zum Beispiel gestern erst über die Verbindung vom Geruch von Badesalz und Erinnerungen an eine Exkursion in Griechenland. Also hat mein Gehirn diesen Duft mit etwas Schönem verbunden; auch wenn ich beim Baden nicht in Griechenland bin, so fühlt sich das alles für einen Moment wieder erstaunlich real an. Und das wird auch in Zukunft noch oft so sein, wenn ich diesen salzigen Geruch verspüre.

Und auf eine ganz ähnliche Weise verbindet unser Gehirn im Laufe des Lebens Sex mit Dingen, die wir davor, dabei oder danach erleben. Ganz grundlegendes Beispiel: Der Duft des Körpers des Anderen. Schnell prägt sich dieser ein, und schon kann es reichen, den Anderen einfach in den Arm zu nehmen und einmal tief einzuatmen, um an Sex zu denken. Es können aber auch ausgefallenere Sachen sein, aber dazu weiter unten.

Ebenfalls extrem weit verbreitet sind bestimmte Körperfetische. Männer mit Bart, Frauen mit großen Brüsten, Brillen, Wespentaille - da kann es schon fast egal sein, was für ein Mensch in diesem Körper steckt, schon beim Anblick kommt der Gedanke an Sex, selbst wenn einen sonst nichts verbindet.

Ein ganz klein wenig ausgefallener sind Klamottenfetische. Da gibt es die Klassiker, Uniformen, Soldaten, Krankenschwestern, Bauarbeiter, Anzüge, Socken, Unterwäsche - und hier kommen wir langsam zu einer Eigenart des Fetischs: Die Abwesenheit eines Sexpartners. Über die Zeit hinweg hat man sich zum Beispiel einen Underwearfetisch angeeignet - Männer und Frauen in Unterwäsche anfangs, dann irgendwann mit Fokus auf den Wäschestücken; dabei fällt dann öfters auch der Geschlechtsverkehr an sich weg. Es reicht, das Wäschestück zu sehen, es in den Händen zu halten, fühlen, riechen, für viele Menschen eine wunderbare Grundlage zur Selbstbefriedigung. Der Fetisch kann also den Akt an sich ersetzen - und dadurch wird das Spektrum des Begriffs "Sex" deutlich erweitert.

Einen anderen Klassiker habe ich in diesem Blog schon einmal beschrieben, das sogenannte muscle worship. Eine ganz andere Form - sollte das schon als nicht-sexuell bezeichnet werden? Denn diese Form gemeinsamer Vergnügung ist definitiv ein Fetisch, der aber auch unter heterosexuellen Partnern gleichen Geschlechts stattfinden kann. Also mal nicht so verklemmt sein, offener werden und "Sex" nicht nur auf das Eine reduzieren, damit blockiert man sich gegen eine ganze Menge Spaß.

Es kann auch härter zur Sache gehen, so kann psychische und physische Gewalt zur Grundlage eines Fetisches werden, und das nicht nur beim BDSM (Bondage and Discipline, Dominance and Submission, Sadism and Masochism). Es kann auch filmische Gewalt oder Gewalt in Videospielen (zum Beispiel bei den Varianten des Ryona) genossen werden. Wenn man sich gegenseitig Gewalt zufügen möchte, sollte selbstverständlich ein safe word verabredet werden; dann kann die Gewalt auch hier den sexuellen Akt komplett ersetzen.

Generell gilt, das alles erlaubt sein sollte, was
1) beiden Partnern Spaß macht
2) beide in diesem Moment wollen
3) niemand Anderem in irgendeiner Form schadet (wie z.B. Pädophilie, auch ein Fetisch) und möglichst legal ist.

Ich frage mich, ob jeder Mensch einen oder mehrere Fetische hat. Wenn man bei sich selbst eine speziellere Neigung entdeckt, sollte man sich ruhig einmal darauf einlassen. Es könnte so viel Spaß und Genuss dahinterstecken, also bleibt neugierig!