Mittwoch, 28. März 2018

Nummer Achtzehn

Ob ich jemals verbeamtet werde...?

Endlich: Die Ferien sind erreicht. Irgendwie habe ich mich noch nie so sehr nach den Ferien gesehnt wie diesmal - sonst war es eher in Richtung "Schade, dass wir uns jetzt zwei Wochen nicht sehen". In SPO hatte ich richtig Spaß am Unterrichten, da geht man dann schon etwas wehmütiger in die Ferien. Selbstverständlich freuen sich auch die Schüler - bei einigen stehen vielleicht richtig tolle Reisen an, bei mir zumindest der Hansa-Park; die Saison beginnt morgen und ich bin froh, dass ich - wenn es nötig ist - einfach mal ausbrechen kann. Muss mich dran erinnern, den ADAC zu rufen, ich brauche Starthilfe, nachdem das Auto den ganzen Winter über nur gestanden hat.

Und die Ferien sind bitter nötig, und das nicht nur aus spaßigen Gründen wie Freizeitparks oder Monster-mit-der-großen-Buba-verkloppen. Ich muss die Wohnung grundreinigen, weil ich so viel im Kopf hatte, dass ich nicht mehr an so banale Sachen wie "wegwerfen" gedacht habe. Kaum zu glauben: Alles steht überall herum - weil ich immer mit was Anderem im Kopf beschäftigt bin. Und ich muss auch mal gründlich über meine Zukunft nachdenken. Was erwarte ich von "meiner" Schule? Wie soll es weitergehen?

Und noch ein positiver Grund ist, dass gerade Ni No Kuni 2 erschienen ist - ich mag es, wenn pünktlich zu den Ferien ein neues Videospiel erscheint (an das ich aufgrund der hervorragenden Qualität des Vorgängers hohe Ansprüche stelle). Und ich werde auch noch für's Videospielen bezahlt, wenn man es so sehen will, denn...

...endlich ist der Anschlussvertrag da! Heute habe ich meinen achtzehnten Arbeitsvertrag unterschrieben, das Gehalt wird weiter gezahlt, schön. Für einen Monat. Ich hasse Bürokratie, wieder nur so ein Stückwerk, wieder fühle ich mich unsicher - ich muss mich daran gewöhnen und dagegen abhärten. Und für die Schüler ist das natürlich auch nur ansatzweise hilfreich.

Egal. Hauptsache, es geht weiter, und so starte ich jetzt in die Ferien mit einer Meditation, denn ich möchte ein Gespräch nochmals Revue passieren lassen. "Wenn ich hochbegabt bin, will ich das gar nicht wissen!" sagt heute ein Schüler zu mir. Vielleicht liest er das hier gerade. Meine Reaktion? Random-Fragen. Hast du Probleme mit Autorität? Hast du Neurodermitis? Wie stellst du die Lautstärke beim Fernsehen ein? Ich stelle meistens einfach nur Fragen und sage gar nichts weiter dazu. Informationen sammeln, Details sammeln, Puzzleteile.

Ich liebe es, Menschen kennenzulernen.
Kommt gut in die Ferien!

Montag, 26. März 2018

Ba-ba-dook. Dook! DOOK!!!

Was das genau ist? Wird zum Glück nie explizit gezeigt oder erklärt. Ist aber zutiefst menschlich...

Vorgestern hatte ich Lust auf einen neuen Film. Diesmal sollte es nichts Episches, Großes, Stundenlanges sein; ich hatte Lust auf einen kleinen, effektiven Horrorfilm. Genauer gesagt auf ein Subgenre, den sogenannten Psychological Horror. Das sind diese Geschichten, bei denen der Horror größtenteils im Kopf des Zuschauers stattfindet. Beispiele dafür sind Rosemary's Baby, The Shining oder die späteren Filme von David Lynch und die dritte Staffel seiner Serie Twin Peaks. Ich liebe es einfach, die oft subtile Abfahrt in den Wahnsinn zu genießen, und habe es dabei besonders gern, wenn meine Sinne verwöhnt werden - Spiel mit Licht und Schatten, Farbfiltern und sorgfältig gestalteten Surroundsound.

Also habe ich mich auf die Suche begeben und bin eher durch Zufall bei einem Film gelandet, der ein bisschen wie eine Gruselgeschichte für Kinder wirkte, wie etwas aus dem Geschichtenbuch. Wurde auf RogerEbert.com und Rottentomatoes extrem positiv bewertet, gilt als einer der kritisch erfolgreichsten Filme seines Jahres und das hat mich neugierig gemacht auf diesen unscheinbaren, unerwarteten Film aus Australien: The Babadook (2014).

If it's in a word or it's in a look, you can't get rid of the Babadook!

Eigentlich möchte ich nicht zuviel zum Inhalt sagen. Es geht um eine seit einem Unglück schwer belastete Mutter-Sohn-Beziehung. Der Junge ist stark verhaltensauffällig und die Unfähigkeit des Umfeldes, mit dieser Situation zurechtzukommen, führt nach und nach zur Isolation der Mutter; diese versucht, alle Anfeindungen auszuhalten, doch ihre "heile" Welt bricht nach und nach zusammen - spätestens seit einer Gutenacht-Geschichte, die sie ihrem Jungen vorliest, stellt sich eine Paranoia ein, die schließlich dazu führt, ihr Leben komplett zu hinterfragen.

Diese eigentlich unschuldige Geschichte namens The Babadook handelt von einer Kreatur, die des Nachts versucht, von Menschen Besitz zu ergreifen. Aber sowas gibt es natürlich nicht im richtigen Leben... oder doch? Genau diese Frage dominiert das letzte Viertel des Films, und als Zuschauer ist man gut beraten, die Dinge, die man sieht, nicht ganz wörtlich zu nehmen. Es gibt etwas, das man subjektive Kamera nennt: Die Kamera zeigt Dinge so, wie sie von einer der Figuren wahrgenommen werden.

Wir haben hier psychologischen Horror, der sich vor allem im Kopf abspielt. Wer ein wenig Lebenserfahrung besitzt, wird sich mit den Figuren identifizieren können und deren Leid verstehen. Es fliegen keine Körperteile durch die Gegend. Es gibt noch nicht einmal einen nennenswerten Bodycount. Aber den gab es bei The Shining auch nicht, und trotzdem ging jener Film unter die Haut.

In diesem Film taucht nichts Übernatürliches auf. Metaphorisch, ja, und auch menschlich. Eben eine Allegorie auf menschliche Emotionen - und damit keinesfalls unrealistisch - und das gibt dem Film seine Energie: Dass jeder Mensch lernen muss, mit seinem Babadook zu leben ("You can't get rid of the Babadook!"). Du auch, und auch ich. Und auch wenn es jetzt vielleicht noch nicht so weit sein mag, so kommt dieser Moment unausweichlich.

post scriptum: Es ist doch mal wieder kennzeichnend für die menschliche Dummheit und den Unwillen, etwas verstehen zu wollen, wenn es Mühe erfordert. Während die Kritik den Film hoch lobt, ist er beim allgemeinen Publikum ziemlich unpopulär. Das zeigt sich in der Wertung der IMDb oder zum Beispiel in den Rezensionen bei Amazon. Bin froh, dass ich nicht zu dieser Gruppe gehöre - ich fand den Film klasse ;-)

Samstag, 24. März 2018

Stressige Gegend

So wie einst Dirk Bach, könnte ich mich auch rauslehnen und die Schlimme Ecke ein wenig beobachten...

Wer den Beitrag von vorletzter Nacht gelesen hat, erkennt die Anspielung. Es geht also mal wieder um unser kleines Viertel. Und die Welt ist so klein: Meine Mutter hat damals im Studium nebenan in der Rendsburger Landstraße eine Wohnung gehabt, und auch die große Buba kennt jemanden in ebendieser Straße. Wenn ich fünfzig Meter gehe, laufe ich an der Danewerkstraße vorbei, in der Er wohnt. Ein paar Nummern weiter wohnt ein ehemaliger Stupa-Kollege. Im gelben Haus schräg über die Straße hat eine Brachenfelder Kollegin gewohnt. Trägt alles dazu bei, dass ich mich "zuhause" fühle - und dass ich dadurch berufstechnisch extrem unflexibel bin, weil ich nicht wegziehen möchte. Da wäre die Kieler Gelehrtenschule ja eigentlich die perfekte Option für den Beruf; das geht in die Gesamtgedanken ein.

Aber ich bin völlig von meinem eigentlichen Thema abgekommen. Seit einer Woche ist der Wulfsbrook gesperrt. Whatever, Baustellen gibt es überall. Aber das hat ein paar Auswirkungen, die spannend sind. Wer die Gegend nicht kennt: Wenn man aus Kiel über die Hamburger Chaussee rausfährt, hat man nach dem Waldwiesenkreisel (beliebter Ort für Autounfälle) die Möglichkeit, entweder nach links abzweigend auf der Hamburger Chaussee zu bleiben und Richtung Molfsee zu fahren, oder aber rechts abzweigend auf der Rendsburger Landstraße gen Russee zu tingeln. Und sollte man die falsche Ausfahrt gewählt haben, gibt es immer noch die Möglichkeit, über den Wulfsbrook zwischen den Straßen zu wechseln.

Beides beliebt, die Hamburger Chaussee ist eine recht vielbefahrene Straße, besonders Blaulicht-intensiv wegen der anliegenden Helios-Klinik. Umso erstaunlicher ist es, wie ruhig es in unserer peacigen Gegend sein kann - doch das war einmal. Wie gesagt, der Wulfsbrook ist gesperrt, man kann also nicht mehr so einfach zwischen Rendsburger Landstraße und Hamburger Chaussee wechseln, sondern muss jetzt den umständlichen Weg mitten durch unser Viertel nehmen, durch die Helgolandstraße.

Und so kommt es, dass ich seit letztem Montag tatsächlich auf die Fußgängerampel achten muss, bevor ich die Straße zum Sky oder der Sparkasse kreuze, denn es herrscht Stau. In der Helgolandstraße, in der sonst nur hin und wieder ein paar Autos fahren, ist es laut geworden, es wird gedrängelt, es wird gehupt. Menschen werden noch unruhiger und stressiger, als sie es sowieso schon sind, hinter ihrem Steuer. Die Schlange der wartenden Autos reicht quer über den Karpfenteich (lustiger Ausdruck, wenn man es mal bedenkt...), dazu die Wagen, die alles zugeparkt haben, das sorgt für - ja, für was eigentlich?

Man hat die Wahl, sich dem Stress hinzugeben, zu hupen, möglichst schnell vorankommen zu wollen. Sich aufzuregen, den Blutdruck steigen zu lassen. Scheiße, mach' mal schneller da vorne! Diese dämliche Baustelle im Wulfsbrook, ich könnte kotzen, auch die Buslinie Zweiundsechzig fährt jetzt anders, ich muss Umwege laufen, kann nicht einfach mal kein Stau sein? Das Gefühl habe ich schon einmal beschrieben.

Oder man nimmt es, wie es ist. Man akzeptiert seine Lage. Man realisiert, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist, dass es auch andere Autofahrer gibt, die ebenso die Umleitungen nehmen müssen, die ebenso für ihren Weg länger brauchen. Und man versucht, zu entspannen.

Und ich? Ich genieße die Tatsache, dass ich von meiner Wohnung aus all' das ansehen kann, wenn ich das will. Und dass ich im dritten Stock wohne. Über den Dingen. Wörtlich und im übertragenen Sinne.

Zeit für ein Bad.

Donnerstag, 22. März 2018

Peacige Gegend

Waldwiese - gehört einfach dazu.

Ich mag es ja eigentlich nicht, von fremden Menschen unerwartet angesprochen zu werden. Oder, sagen wir es so, ich habe Angst davor. Weil ich nicht weiß, ob ich vielleicht unangemessen reagieren werde usw., hochbegabtes Kopfzerbrechen, das eigentlich echt nicht nötig wäre.

Wie dem auch sei, heute bin ich angesprochen worden. Da setzt sich im Bus eine ältere Dame neben mich, nachdem sie gefragt hat, ob der Platz frei sei. Und leitet direkt über in ein Gespräch, und ich war so überfordert mit der Situation, dass ich einfach das Gehirn beiseite geräumt und mitgemacht habe. Warum das möglich war - weiter unten. Jedenfalls erzählen wir so über Kiel, über unsere Berufe, sie kommt aus der Gegend um Hannover, was hat uns nach Kiel gezogen, wir reden über Mieten, vielleicht sind es die schwarz lackierten Fingernägel, jedenfalls geht sie schnell in's "Du" (was mir sehr zusagt) und wir unterhalten uns, als wären mehrere Jahrzehnte Altersunterschied gar nicht präsent.

Und so unterhalten wir uns auch, wo wir wohnen und wie wir wohnen. Über die Mieten, die am Blücherplatz in die Höhe geschossen sind - ist ja auch so, wer kann sich schon Blücherplatz leisten? Ich unterrichte Blücherplatz, erkläre ich ihr, ich unterrichte Düsternbrook, und wir verstehen uns. Und ich erzähle ihr, dass ich mich in Hassee verdammt wohlfühle. Natürlich liegt das auch an der Art der Wohnung und was ich daraus mache, aber es ist schon ein nettes Viertel. Gar nicht weit zum Drachensee oder Russee, wenn man in die Natur möchte, gute Verkehrsanbindung, es fühlt sich nicht so tot an, hier findet auch mal Alltag statt, natürlich haben wir hier auch kleinere oder größere Problemchen, Einbrüche, Pöbeleien und Zeugs, aber ich find's hier toll, und die ältere Dame auch. Sie sagt: "Hassee ist eine ganz peacige Gegend." Und allein die Verwendung dieses Ausdrucks qualifiziert sie dafür, in Hassee zu leben.

Das war also wirklich eine unterhaltsame Busfahrt; normalerweise bin ich immer froh, wenn man mich nicht anspricht, sondern ich in Ruhe nachdenken kann, Stunden durchgehen, Erlebnisse verarbeiten, all' sowas. Aber heute war die olle Areté hyperaktiv; in meinen zwei Freistunden bin ich nach Hause gefahren, just in dem Moment kommt der Paketbote vorbei, ich kann das Paket in Ruhe auspacken, mich drüber freuen und wieder in den Bus zurück Richtung Schule steigen - Laune im oberen Drittel, und wenn ich dann von so einer fetzigen Oma angesprochen werde, mache ich nicht dicht, sondern gehe drauf ein und genieße den Moment. Wie sagte einst der Dalai Lama?

"Nichts ist entspannender, als das anzunehmen, was kommt."

Dienstag, 20. März 2018

Elternabend: Brennende Fragen

Schick machen? Nee...!

Elternabende sind doch eine fantastische Erfindung - zumindest, wenn man davon überzeugt ist, als Lehrkraft alles richtig gemacht zu haben.  Wenn nicht... davon handelt das heute etwas umfangreichere post scriptum.

Wenn man nicht gerade Klassenlehrer ist, besteht die eigene Hauptaufgabe am Elternabend darin, sich kurz vorzustellen (wenn man neu an der Schule oder in der Klasse ist), die Stoffverteilung zu skizzieren und für Fragen bereit zu stehen, derer normalerweise nicht viele auftauchen, denn die meisten Eltern wollten "nur mal sehen, wie der Neue aussieht." Und/oder sich von ihrer vorgefertigten Meinung überzeugen; ich habe es an anderen Schulen hin und wieder erlebt, dass mein Verhalten wohl doch nicht dem entsprochen hat, was die Eltern dachten ("macht keinen Unterricht, ist eine Gefahr für unsere Kinder, hält sich nicht an den Lehrplan, hat rechte Tendenzen, keine Umgangsformen, keinerlei pädagogische Kompetenz, überhaupt keine Erfahrung, noch nicht einmal sein Staatsexamen" und vieles mehr - nichts davon von mir erfunden, leider).

Mittlerweile ist es bei mir mit den Elternabenden wie mit dem Elternsprechtag - ich freue mich drauf. Wobei ich mir nicht sicher bin, wieviel "Mühe" ich mir geben soll - wenn ich nicht weiß, ob ich an der Schule bleibe oder nicht. Da besteht immer die Gefahr, dass sich eine "Scheißegal-Haltung" einstellt. Ich bereite nichts Konkretes vor, was ich vielleicht sagen möchte, stelle mich nicht auf eventuelle Fragen ein, und es bleiben in meinem Kopf als brennende Fragen nur noch übrig:

Was ziehe ich an? Szene oder etwas dezenter? Mit oder ohne Nagellack? Vielleicht mit ein bisschen Kajal? Die Eltern, die mich bereits kennen, sollen mich ja schließlich wiedererkennen können; das geht nicht, wenn ich in Bluejeans auftauche. Schauen wir mal. Mehr Zeit als auf mein Erscheinungsbild werde ich im Vorfeld darauf verwenden, mich nicht schuldig zu fühlen für das, was die Eltern zu beklagen haben. Zu dem Thema hatte ich bereits einmal einen Beitrag geschrieben, aber nicht veröffentlicht - das wird heute im PS nachgeholt.

post scriptum: Schuldgefühle. Kennt jeder, denke ich mir zumindest, und vielleicht hat ja der eine oder andere Lehrerkollege die hier beschriebene Variante auch schon einmal erlebt.

Die Klassenarbeit steht an, und ich fühle mich entspannt, weil ich im Kurs- oder Klassenbuch genau nachvollziehen kann, dass wir alle Themen, Grundregeln, Ausnahmen und Eselsbrücken im Unterricht vorbereitet haben. Sogar den Großteil der Vokabeln (am Beispiel der Lateinarbeit) haben wir explizit wiederholt. Es kann eigentlich gar nichts mehr schiefgehen.

Und dann nimmt man sich den Stapel mit den Arbeiten vor. Ach herrje, ganz oben liegt die Arbeit von Schüler XYZ, der schon im Unterricht nicht der Leistungsstärkste ist. Ich schaue in seine Übersetzung und werde bestätigt. Ich lege seine Arbeit erstmal zur Seite, ich würde gern zuerst eine gute Arbeit korrigieren, um zu sehen, dass das Niveau leistbar war. Und so forste ich den Stapel durch...

...und finde keine einzige Arbeit, die auf Anhieb gut gelungen scheint. Nicht einmal der Paradeschüler ABC landet im oberen Notenbereich, und auf einmal stellt sich eine Befürchtung ein: Muss ich zur Genehmigung? Weil womöglich mehr als ein Drittel der Schüler eine Fünf oder Sechs bekommen hat? Was kann ich nur tun? Kann ich den Fehlerindex ein bisschen anpassen, kann ich einzelne Fehler schönen? Was ist denn da nur schiefgegangen?

Es muss an mir gelegen haben. Irgendwas muss ich im Unterricht falsch gemacht haben, wenn selbst die Vorzeigeschüler nicht auf eine Eins oder Zwei geschafft haben. Und sofort legt mein Kopfkino eine Extraschicht Horror ein. Vor meinem geistigen Auge sehe ich... [und hier darf jeder seiner Fantasie freien Lauf lassen] - es wäre ja nicht meine erste Genehmigung. Gerade an den GemSen ist das hin und wieder mal vorgekommen, da hatte ich auch nie ein schlechtes Gewissen. Aber an einer Schule, deren Leitbild umfasst, die Schüler zu möglichst guten Leistungen zu bringen, bin ich nicht ganz so entspannt. Also... gar nicht entspannt. 

Denn dann sind sie wieder da, die Schuldgefühle. Als ob es in der Macht der Lehrkraft läge, jedem Schüler mindestens zu einer Zwei zu verhelfen. Dabei habe ich mir den Arsch aufgerissen, habe in jeder Stunde wieder versucht, ein Bewusstsein und einen Respekt vor den Anforderungen des Faches zu schaffen. Weil ich einen katastrophalen Ausfall habe kommen sehen - aber was kann ich sonst noch machen? 

Sie sind Jugendliche. Ich nehme es niemandem übel, wenn er keinen Bock auf Schule hat. In diesem Alter sind andere Sachen wichtiger: Freundschaft, Sex, Drogen, Selbstfindung und vieles mehr, was einen Teenager mächtig aus der Bahn werfen kann. 

Manch' einer muss eben erst richtig auf die Fresse fallen, bevor er merkt, dass "am Abend vorher lernen" irgendwann nicht mehr klappt... und ich muss genügend Rückgrat aufbringen, zu sagen, dass es eben nicht mehr für das Latinum (oder ESA, MSA, whatever) ausreicht. Anstatt so lange an Fehlerindizes herumzudrehen, Bonuspunkte zu kassieren und Sonstiges, nur damit es für fünf Punkte reicht. Denn manche Schüler suggerieren durch ihr Verhalten im Unterricht, dass sie es gar nicht auf die fünf Punkte anlegen - und das möchte ich entsprechend honorieren. 

Pädagogik und so.

Sonntag, 18. März 2018

Das Schiff in der Nacht (Vierter Tag)


Kapitel 12 – Die Dämmerung

Zuerst blinzelte sie. Als sie merkte, dass sie wieder aufgewacht war, riss Vivien beide Augen auf. Sie schaute erneut an ihre Zimmerdecke. Sie lag mitten in ihrem eigenen Zimmer auf dem Boden. In ihrem Kopf schwirrte nur ein Gedanke umher: Marion Letticeworth.
Marion hatte unzählige Menschen umgebracht. Schuldige und Unschuldige. Diese Menschen mussten gerächt werden, und Vivien allein war die Möglichkeit dazu gegeben worden. Sie durfte nicht untätig herumliegen. Nach der großen Uhr in der Gemäldehalle blieben ihr nur noch wenige Sekunden Zeit, um Vergeltung zu üben. Die Halle! Ich muss dorthin, Marion ist sicher in der Halle und genießt den Anblick all ihrer Opfer, dachte Vivien grimmig. Sie stand auf und ging zur Zimmertür. Wie kann ich Marion besiegen, fragte sie sich. Ich habe keine Waffen. Als sie in ihren Hosentaschen suchte, fand sie den goldenen Skarabäus, die Dokumente und Fotos, die sie mitgenommen hatte und den halben Schutzengelanhänger. Die Sachen würden ihr nicht viel nützen. Ich habe keine Zeit, mir jetzt darüber Gedanken zu machen. Das kann ich gleich immer noch herausfinden, beschloss sie, als sie ihr Zimmer verließ.
Auf dem Korridor erwartete Vivien bereits die erste Überraschung. Der Boden schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Sie stand auf schwarzem Nichts. Immer positive Gedanken, so tun, als ob der Boden unverändert wäre. Sie durfte nur nicht nach unten schauen. Dann wandte sie sich der Doppeltür zu, die zum Saal führte. Sie war zu ihrer Überraschung verschlossen. Vivien war vor den Kopf gestoßen. Was nun? Sie blickte den Flur nach links hinab, Richtung Heck. Mein Gott, das kann nicht wahr sein, dachte sie erschrocken, als sie die Pendel mit den scharfen Klingen sah, die auf dem Gang hin und her schwangen. Marion will mich umbringen. Es hämmerte immer wieder in ihrem Kopf. Dieser eine Gedanke – sie will mich töten, nein, vernichten! Und dazu das Ticken der Uhr im Saal. Wie viel Zeit war noch? Wie lange war sie ohnmächtig? Vivien lief zur Empfangshalle, um die anderen Türen auszuprobieren, die in den Saal führten. Die Tür in die Halle war offen. Vivien trat hindurch und konnte leises Zischen in der Luft hören. Sie versuchte sich zu konzentrieren und konnte sehen, wie neben dem Türrahmen, durch den sie gerade getreten war, Pfeile auf Kopfhöhe aus einer Öffnung in der Wand schossen. Sie waren ziemlich klein und mussten vergiftet sein, da sie sonst kaum eine Gefahr darstellten. Ich werde nicht als Opfer dieser hinterhältigen Fallen enden, dachte Vivien und ging in die Knie. Sie krabbelte unter den Pfeilen hindurch und voran. Als sie direkt vor der großen Tür zum Saal ankam, begann der Holzboden zu wackeln. Vivien schreckte hoch und sprang einen Satz zurück. Keine Sekunde zu früh, denn der Boden brach weg und auch hier öffnete sich ein schwarzer Abgrund. Marion, du täuschst mich nicht, schmunzelte Vivien und wollte gerade wieder auf die Tür zugehen. Als sie jedoch ins Leere trat und nach vorne stolperte, durchfuhr sie der Schrecken wie ein Blitz. Die Einsicht, dass der Abgrund hier echt war, kam zu spät, denn sie stürzte hinab.
Im letzten Moment konnte sie sich mit der linken Hand an den Holzdielen festhalten. An der Kante baumelnd schaute sie hinab. Unter ihr war überall gähnende Leere, ein unendlicher Abgrund. Mit der anderen Hand griff Vivien nach dem Boden über ihr. Durch Schaukeln versuchte sie, sich hochzuziehen. Die Panik verlieh ihr die Kraft, sich zu retten. Mit Schwung zog sie sich hinauf. Nachdem sie sich oben aufgerichtet hatte, schaute sie verzweifelt zur Tür in die Statuenhalle. Sie war nicht mehr zu erreichen. Auswege gab es keine; die Treppe ans Deck war eingestürzt. Als Vivien sich der Tür zum zweiten Korridor näherte, hörte sie wieder das Sausen in der Luft. Auch hier war die Falle mit den Pfeilen in Aktion. Vivien duckte sich erneut und schlüpfte hindurch.
Sie öffnete die Tür und ging in den anderen Flur. Hier war es unerwartet dunkel, viel dunkler als vorher. Auch schien der Boden sich zu bewegen. Vivien ging voran, bemerkte jedoch, dass sie kaum von der Stelle kam. Wie ein Laufband lief der Boden unter ihr rückwärts, während sie ging. Das Hauptproblem war, dass der Boden unter ihren Füßen wegglitt, je schneller sie versuchte, zum anderen Ende des Ganges zu gelangen. Sie rannte, so schnell sie konnte, wurde vom Laufband aber sogar noch zurückbefördert. So sehr Vivien sich abmühte, sie landete schließlich keuchend wieder an der Eingangstür. Sie brach vor Erschöpfung zusammen. Kurz wurde ihr schwarz vor Augen, bis sie sich einen Moment später zusammenriss und ihr eine Sache auffiel. Der Boden steht still. Wenn ich mich nicht bewege, steht der Boden still! Je schneller ich laufe, desto schneller werde ich zurückgetragen. Angenommen, ich würde rückwärts gehen, überlegte Vivien. Was würde dann wohl geschehen? So gut es ging setzte sie einen Fuß zurück. Wie sie vermutet hatte, trug der Boden sie ein Stück geradeaus. Sie tat einen großen Schritt rückwärts. Dadurch wurde sie ein ganzes Stück voran transportiert. So legte sie den Weg zurück bis zu der Stelle, an der sich die Tür zum Saal befand. Aber da war keine Tür. Das kann doch nicht sein. Da muss irgendwo die Tür sein. Ungeachtet des Bodens tastete Vivien sich an der Wand entlang, wurde hin und her gerüttelt und fiel hin. Sie konnte nicht mehr ausmachen, wo sich einmal die Tür in die Halle befunden hatte. Sie war verschwunden.
Was tue ich jetzt? Gibt es noch irgendeine Möglichkeit, in den Saal zu kommen? Der Boden setzte sich ohne ersichtlichen Grund von alleine in Bewegung, obwohl Vivien unbewegt an derselben Stelle stand. Sie wurde zur hinteren Halle transportiert und, da das Band nicht anhielt, durch die Tür geschleudert. Wie in einem Traum erschien ihr, was sie nun erblickte. Die sonst düstere Halle wurde von seltsamen Flimmern erleuchtet, als würde sie direkt durch das verrauschte Bild eines Fernsehers schauen. Dennoch schien sich ansonsten nichts verändert zu haben. Die Türen zu den Schatzkammern standen offen; da sie dort aber schon alles geplündert hatte, waren sie nicht mehr von Interesse. Und das Gitter zwischen den Räumen… Es sah so seltsam aus. Hatte jemand daran hantiert? Vivien ging zum Gitter im Boden und fühlte. Nichts. Das Gitter war weg. Stattdessen stand das Loch im Boden offen. Es ist mein einziger Ausweg, dachte sie und kletterte hinunter in einen riesigen Raum. Es musste der Frachtraum des Schiffes sein. Auf diversen Stapeln verschiedener Kisten, Koffer und Fässer lag eine dicke Staubschicht. Links und rechts säumten Hängematten die Halle, die an den Stützbalken festgemacht waren. Von überall her schienen kleine Lichter zu leuchten, anders als die, die Vivien zuvor auf dem Schiffsdeck gesehen hatte. Sie weiteten sich zu Visionen aus, als Vivien näher trat. Jede dieser Visionen zeigte einen Menschen, der von Marion Letticeworth umgebracht wurde.
Vivien konnte sehen, wie Mary Riley erstochen wurde und wie Daniel Baker und Victoria Norton das gleiche Schicksal fanden. Es waren nur zwei von unzähligen Szenen, die sie ansehen musste, während sie voranging. Von allen Seiten hörte sie die Schreie der Opfer. Sie hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und ging weiter. In der Mitte des Frachtraumes befand sich eine große steinerne Säule, die vom Boden bis zur Decke führte. Langsam ging Vivien darauf zu und betrachtete sie von allen Seiten. Sie hatte an einer Seite eine Öffnung und war innen hohl, wie ein riesiger Schacht, der von oben nach unten führte. Vivien überlegte einen Moment. Ein Abzug… vielleicht von einem Kamin? Aber wieso nach unten, fragte sie sich. Ich bin sicher, dass ich im Kamin im Statuensaal herauskomme, wenn ich hochklettere. Es ist meine einzige Möglichkeit, und all diese Menschen hier – ihr Opfer kann nicht umsonst gewesen sein. Ich werde Marion besiegen, sagte sie sich tapfer, während sie sich daran machte, den Kamin zu erklimmen.
Es gestaltete sich ziemlich schwierig, in dem dunklen Kamin das obere Ende zu erreichen. Durch die obere Öffnung als auch die untere fiel ein wenig Licht in den düsteren Schacht. Die Steine waren uneben festgemauert, wodurch Vivien sich einige Punkte suchen konnte, an denen sie sich mit den Füßen abstützte. Ein paar Male rutschte sie mit den Händen ab, doch zuletzt reichte ihre Hand über die Oberkante des Kamins. Sie zog sich nach oben und kletterte aus dem Kamin. Langsam blickte sie um sich. Wieso habe ich nie darauf geachtet, dass dieser Kamin nach unten offen ist, fragte Vivien sich. Sie blickte auf die Trümmer des Kronleuchters, der beim Wellengang zuvor heruntergestürzt war. Waren diese Scherben vorher verschwunden? Doch die Scherben und der Kamin waren völlig egal. Marion Letticeworth stand mit dem Rücken zu Vivien gerichtet in der Mitte der Halle.
Die Wut stieg in Vivien auf. Dies ist die Zeit. Du wirst für das büßen, was du getan hast, dachte sie zornig und schlich sich von hinten an, als sich eine dritte Stimme aus dem Dunkel vernehmen ließ. „Halt!“ Auch Marion hatte diesen Ruf gehört und drehte sich erstaunt um. Mary Riley trat von der Seite an die Szenerie heran.
„Mary!“ rief Marion erstaunt. „Was tust du hier?“ Mary ging hinüber zu Vivien. „Ich werde helfen.“ Sie wandte sich an Vivien. „Sie wollen die Verstorbenen rächen? Das ist sehr edel, zumal sie damit die auf diesem Schiff gefangenen Seelen für die Ewigkeit erlösen würden. Aber haben sie sich überlegt, wie sie Marion besiegen wollen?“ Marion lachte laut auf. „Gar nicht! Sie können es nicht, sie törichtes Wesen! Hätten sie bloß auf meinen Rat gehört und sich aus allem herausgehalten!“ Vivien war empört. „Nein! Wie könnte ich? Sie haben mich da mit hereingezogen!“ „Diese junge Frau ist anders als die anderen, die du dahingemeuchelt hast“, sagte Mary. „Ihr Geist ist stark, er lässt sich nicht von dir bezwingen. Deshalb werde ich ihr helfen!“ Sie drehte sich wieder zu Vivien. „Haben sie noch den goldenen Skarabäus, mit dem sie Marions Zimmer betreten haben?“ Marion rief erschrocken dazwischen: „Mein Anhänger? Oh, wie konnte ich ihn nur aus den Augen lassen? Er war ein Leben lang mein Schutz!“ Spöttisch merkte Mary an: „Dein Anhänger? Dein Schutz? Schwesterchen, du hättest früher merken, dass er dein Ruin war! Natürlich, dein Mann hat ihn dir geschenkt, und du hast natürlich immer daran geglaubt, dass es dich beschützen würde. Hast du dich nie gefragt, woher der Skarabäus kam?“ Verwundert blickte Marion zu Boden. „Charles sagte, es wäre ein Geschenk des Dorfältesten gewesen, als Erinnerung.“ „Charles! Er war so leicht zu beeinflussen. Zeigen sie mir den Käfer“, sagte Mary zu Vivien. Sie holte das Schmuckstück aus ihrer Hosentasche. „Dieses kleine Amulett hat dein Mann von Kuneelah aus dem Dorf bekommen. Er hat dir nichts verraten, damit du nicht eifersüchtig wurdest. Ich wusste, dass er das tun würde und auch, dass er dir den Anhänger schenken würde. Ich war es, ich habe Kuneelah den Käfer gegeben, damit er letztlich bei dir landet. Er war als Notbremse gedacht, falls du auf die schiefe Bahn geraten solltest. Und jetzt ist es geschehen.“ Vivien hatte bisher ungläubig zugehört. Jetzt meldete sie sich zu Wort. „Aber was kann ihr dieses Amulett denn antun? Von welchem Nutzen ist es?“ „Es ist nicht das Amulett direkt“, meinte Mary. „Es ist der Zauber, der damit zusammenhängt! Marion, ist dir nie die Statue aufgefallen, die dort en der Wand steht?“ Sie zeigte zu einer Figur an der rechten Wand, die sich von den anderen unterschied. Sie zeigte einen Heiligen mit einem Schwert in der Hand. Vorher war sie Vivien nie aufgefallen, aber bei zweitem Hinsehen konnte Vivien sehen, dass sie aus Ton war. „Es ist die Figur, die du selbst bei uns im Dorf gefertigt hast.“ Mary nahm Vivien den Skarabäus aus der Hand. „Und nun wirst du durch dein eigenes Werk zugrunde gerichtet.“ Mary wandte sich zu Vivien. „Meine Zeit ist vorbei, es liegt jetzt an ihnen. Führen sie all unsere Seelen aus der Hölle heraus in die Erlösung!“ Mit diesem Worten streckte sie den Arm aus. Der Skarabäus bewegte sich etwas, als würde er leben. Dann flog er hoch in die Halle und direkt auf die Tonfigur zu. Er setzte sich auf das Schwert und fing an, hell zu glühen. Das Amulett verschmolz mit dem Schwert. Es wurde gleißend hell im Saal. Vivien spürte, wie eine Veränderung mit ihr durchging. Es war so hell, sie konnte nichts mehr sehen. Auch Marion war von dem Licht geblendet worden. Als es dann wieder dunkler wurde und ihre Augen sich wieder an die Umgebung gewöhnt hatten, sah Vivien, dass Mary verschwunden war. Noch erstaunter betrachtete sie sich selbst. Ihre alten Klamotten waren verschwunden, sie trug ein prächtiges, wallendes Gewand und eine goldene Tiara auf ihrem Haupt. In ihrer rechten Hand hielt sie das Schwert, das eben noch die Tonfigur zierte. Es war reich mit Edelsteinen bestückt und ziemlich schwer, doch Vivien spürte die Kraft durch ihren Körper fließen.
Marion inzwischen hatte sich ein Schwert einer der Figuren geschnappt. Sie ging auf Vivien zu und rief: „Verraten von meiner eigenen Schwester! Sie sind daran schuld und werden dafür bezahlen. En Garde!“ Sie erhob das Schwert gegen Vivien.
Ich habe keine Wahl, dachte Vivien. Sie hob das Schwert in die Höhe und ging forschen Schrittes auf Marion zu. Dabei fühlte sie immer wieder den abgrundtiefen Hass gegen diesen Menschen. Gegen dieses Wesen! Beide holten aus. Die Schwerter klirrten in der Luft. Vivien versuchte, Marions Hieben so gut sie konnte auszuweichen. Marion war eindeutig flinker. Vivien behinderte die Last des weiten Kleides, das sie trug. Dennoch gelang es ihr, mit einem Schwerthieb Marion zu entwaffnen. „Ah! Soll sie der Teufel holen, mich kriegen sie nie. Die Zeit ist bald abgelaufen!“ rief Marion und rannte zur Haupthalle hinaus. Vivien lief hinterher, das Schwert in der Hand. Sie musste sie erwischen, bevor die Uhr zwölf schlug. Sonst wären alle Bemühungen umsonst gewesen.
Das Loch vor der Tür in der Empfangshalle war verschwunden. Die Treppe nach oben lag jedoch noch immer in Trümmern. Vivien meinte überlegen: „Geben sie es auf, Marion. Sie sind gefangen. Sie ergeben sich besser.“ „Das glauben sie“, konterte Marion. „Sie haben es eben noch nicht verstanden, was es heißt, ein Geist zu sein!“ Mit diesen Worten schien sie sich in Luft aufzulösen. Sie war nach oben durch die Decke verschwunden. Ich habe das noch nie geschafft, dachte Vivien. Aber ich kann etwas anderes! Sie stellte sich direkt vor die zerstörte Treppe und konzentrierte sich. Ihr Blick wurde unscharf, langsam fiel sie in Trance. War es eine Treppe oder waren es zwei? Das Bild wurde derart verschwommen, dass Vivien nur noch eine intakte Treppe vor sich sah. Langsam wandelte sie eine Stufe nach der anderen hinauf, bis sie wieder vor der Tür zum Oberdeck stand. Sie versuchte wieder, klar zu werden und besinnte sich auf das, was vor ihr lag. Sie öffnete die Tür und betrat die Eingangshalle von Schloss Letticeworth, in der Marion stand und lauerte.
Vivien rief triumphierend: „Sie glauben, sie könnten alles. Sie denken, sie seien Gott, oder wie soll ich sie verstehen? Es wird Zeit, dass sie jemand auf den Boden der Tatsachen zurückholt!“ „Niemals! Das ist mein Schloss, sie dürfen mich hier nicht… Das würden sie doch nie tun! Es ist meine Heimat! Können sie denn nicht mit mir fühlen?“ „Konnten sie jemals mit den Menschen fühlen, die sie kaltblütig ermordet haben? Das kann es nicht gewesen sein, was ihr Sohn gewollt hat. Dass sie mit dieser Schuld noch nicht längst in der Hölle gelandet sind, wundert mich!“ Bei jedem dieser flammenden Worte kam Vivien einen Schritt auf Marion zu. „Hexe! Wie konnte ich nur so blind sein; ich hätte sie nie auf dieses Schiff gelangen lassen dürfen!“ So schnell, wie Marion dies gesagt hatte, drehte sie sich um und lief zur Freitreppe. Vivien hastete hinterher.
Marion flüchtet zum Turm, dachte sie. Dort gibt es keinen Ausweg mehr, dann habe ich sie!
Es war ein anderes Turmzimmer als zuvor, das Vivien schließlich erreichte. Dennoch schien es ebenfalls eine Leiter an der Außenseite zu geben, denn Vivien sah gerade noch, wie Marions Fuß vor dem Fenster baumelte. Sie lief zum Fenster. Das Schwert bewies sich beim Hinausklettern als sehr hinderlich. Dennoch schaffte sie es, die Waffe mit auf die Zinne zu schleppen. Dort stand sie Marion gegenüber. „Sie haben soviel Mut bewiesen“, sagte Marion. „Wofür tun sie das alles? Weshalb riskieren sie soviel? Mein Werk in der Welt ist bereits beendet, was veranlasste sie, sich dennoch auf meine Spur zu begeben?“ Sie klang sehr erschöpft und müde. Vivien antwortete: „Sie haben diese Menschen ermordet, ebenso wie mich. Ich weiß, was uns alle erwartet, wenn ich nichts unternommen hätte. All diese Seelen müssten in der Hölle landen. Ich habe die Qualen erlebt, die dieses Fegefeuer mir hier schon beschert hat. Es war so schrecklich, dass ich gar nicht daran denken darf, wie die Hölle ist. Ich möchte nur noch eines: Meine eigene Seele wie auch die anderen gefangenen in die Freiheit führen. Wenn ich ihnen schon das Leben nicht zurückgeben kann, so will ich doch zumindest verhindern, dass ihr Fluch, Marion, bis in alle Ewigkeit lastet.“ „Das ehrt sie“, sagte Marion. Sie schloss die Augen. „Ich bewundere ihren Mut, ebenso wie ihre Willensstärke. Sie sind ein starker Mensch. Wer weiß, wenn ich diese Kraft besessen hätte, vielleicht wäre das alles damals vor hundert Jahren nie passiert. Sie waren immer bereit, alles, was da harrte, auf sich zu nehmen. Damals, als sie auf diesem Turm standen, habe ich Eines von ihnen gelernt. Wenn es keinen Weg zurück gibt, nützt es nichts, sich zu verstecken. Man muss vorwärts schauen. Ich danke ihnen für diese Lektion!“ Mit diesen Worten Sprang Marion vom Turm in die neblige Tiefe. „Sie können nicht fliehen“, rief Vivien und sprang hinterher. Der Sturz schien endlos zu sein. Langsam lichtete sich der Nebel und die dunkle Nacht umhüllte Vivien. Ihre Silhouette zeichnete sich zauberhaft vor dem hellen Mond ab, das Kleid wallte durch die Luft. Sie landete auf dem Deck des Schiffes, ebenso wie Marion kurz zuvor. Marion lag wimmernd am Boden. Scheinbar war ihr Fall nicht so glatt verlaufen. Vivien ging zu ihr und richtete das Schwert auf sie.
„Marion Letticeworth, sie haben verloren!“ Marion keuchte. „Ich gebe auf.“ In diesem Moment begann das Schiff, sich langsam aber sicher aufzulösen. „Die Zeit ist um“, stöhnte Marion. „Sie haben erreicht, was sie wollten. Ich hoffe, sie sind nun zufrieden. Ich war es nie.“ Ein seltsames Gefühl ging durch Vivien. Das Schiff begann, unscharf zu werden. Vivien merkte, wie sie selbst sich unwohl fühlte. Sie würde nun auch in die Ewigkeit verschwinden. „Sie waren nie zufrieden. Ein letztes Mal haben sie die Chance, das zu ändern. Eines habe ich auch von ihnen gelernt. Ein Leben für ein Leben. Der Tausch der Seelen! Ich werde dafür sorgen, dass auch sie ihren Frieden finden!“ Vivien ging zur Schiffsbrücke. Marion humpelte hinterher. Vivien stellte sich ans Steuerrad. „Wir werden tauschen. Ihren Körper gegen meine Seele. Ich werde Leben und sie endlich ihren Frieden haben. Das schwöre ich!“ Doch das Steuerrad ließ sich nicht bewegen, als Vivien es drehen wollte. „Und wie wollen sie meinen Körper finden? Dieses Schiff ist ein Wrack, es wird sich bald ins Nichts aufgelöst haben und sie gleich mit!“ meinte Marion. „Nein! Mary hat mich nicht umsonst unterstützt! Ich habe eine Macht erhalten, das ist mir bewusst geworden. Ich hätte es merken müssen, in dem Moment, als ich mein Bild verschwommen in der Galerie sah! Nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich diese Macht nutze.“ Vivien ging hinaus aufs Schiffdeck und zum Bug. Sie stellte sich an die Spitze des Schiffes und schaute aufs weite Meer hinaus. Dann schloss sie die Augen. Sie fühlte, dass sie den Anhänger von Charles Letticeworth um den Hals trug. Seine Hälfte des Anhängers. Die andere Hälfte hat Marion. Marions Körper. Ich werde ihn finden! Vivien öffnete die Augen, ließ den Blick über die See schweifen und konzentrierte sich.
Von Geisterhand erhob sich das Schiff in die Luft. Es leuchtete schwach und würde sich nicht mehr lange halten. Sie spürte, wie sie eins mit dem Schiff wurde. In der Luft drehte sich das Schiff und machte Fahrt. Vivien spürte, wie sie das Schiff steuerte, ohne dass ihre Hände das Steuer berührten. Sie stand allein an der Spitze der Letitia, die ihre letzte Fahrt vor dem gleißenden Mondlicht unternahm. Das lange Kleid wehte im Fahrtwind, während Vivien spürte, dass sie ihrem Ziel immer näher kam. Sie fühlte, dass es nicht mehr weit war. Marion kam langsam an die Spitze des Schiffes gekrochen. Sie sah, wie sich die Küste näherte. An einer Stelle konnte sie ein rotes Leuchten sehen. Auch Vivien vernahm es. Dort muss ich hin, spürte sie. Nach und nach versammelten sich auf dem Schiffsdeck alle Seelen der Opfer. Vivien brachte das Schiff in der Luft vor der Küste zum Stillstand. Alle konnten den riesigen Ring aus roten Flammen sehen, der den Körper Marions umgab. Vivien stieg vom Schiff in das Feuer hinab. Gleichzeitig trat Marion vor ihr geistiges Ich. Die beiden verschmolzen zu einem Geist wie alle anderen auf dem Schiff. Vivien drehte sich um und schaute zum Schiff. Bald würde es verschwunden sein. Sie blickte auf alle Seelen, die versammelt an Deck standen. Danke, dachte sie. Danke für eure Hilfe! Das Schiff drehte langsam ab. Noch immer umgab das Feuer Vivien. Ich wünsche euch Frieden, sagte Vivien in die Nachtluft und merkte, wie eine Träne über ihre Wange rollte. Sie schaute dem Schiff nach, das in Richtung Mondlicht flog. Es leuchtete immer schwächer.
Sie blieb stehen, bis sie nichts mehr sehen konnte. Dann drehte sie sich um.



Kapitel 13 – Epilog

Die Bewohner des kleinen Dorfes, dessen Namen sie nicht einmal aussprechen konnte, hatten so etwas noch nie gesehen. Natürlich waren alle sofort, als sie das seltsame Leuchten an der Küste sahen, herbeigeeilt. Aber sie hätten nie gedacht, dass jemand mitten aus diesem Feuer erscheinen würde. Vivien wirkte auf alle Anwesenden wie ein Geist, obwohl sie diesen Zustand hinter sich gelassen hatte. Sie war wieder Mensch, wieder zurück zu den Lebenden gekehrt. Weit am Horizont ging die Sonne auf und tauchte das Land in zauberhaftes Licht.
„Nie werde ich vergessen, was an diesem Ort geschehen ist. Die Dorfbewohner werden es auch für immer in Erinnerung behalten. Ein altes Unrecht ist nun aufgeklärt und vernichtet worden. Die seltsamen Erscheinungen an der Westküste Englands werden ein Ende haben. Ich habe viel gelernt, in der Zeit, als ich tot war. Ich weiß nun, dass das Ende nicht, wie viele sagen, irgendwo geschrieben steht. Wer dieses Wissen in sich trägt, besitzt die Macht, seinen Weg selbst zu bestimmen. Ich hoffe, Marion hat ebensoviel von mir lernen können. Sie und all die anderen Toten haben nun endlich das Ziel erreicht, das sie ersehnten. Ihre Seelen sind in den Himmel aufgefahren. Schlussendlich bin ich froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Ich habe etwas über mich, das Leben und die Ewigkeit erfahren. Ethan, Betsy und Jake werden lachen, wenn sie das hören, aber es ist wahr: Ich habe eine Lehre mitgenommen, die ihnen ewig vorbehalten bleiben wird.“ Vivien überlegte, bevor sie den Stift wieder ansetzte. „Aber vielleicht ist das alles auch nur Einbildung.“


Ende

Samstag, 17. März 2018

Secret of Mana (Hast Du Worte...!)

25 years - still amazing!

"HOPSE ist verbrüht."
"PHIGGY ist gezappelt."
"Nfufufu."

Das klingt wie totaler Unsinn. Ist es auch - aber ohne diesen Unsinn wäre mein Leben zu diesem Zeitpunkt um eine Nuance ärmer. Ich nehme mir heute ein wenig Zeit, um über ein Videospiel zu schreiben, das für mich etwas mehr als einfach nur ein Videospiel geworden ist - Secret of Mana (Seiken Densetsu 2, 1993). So albern die obigen Zitate klingen - und das darf man guten Gewissens den Übersetzern in die Schuhe schieben - so kommt man nicht um die Tatsache herum, dass viele Menschen dies als eines der besten Videospiele aller Zeiten betrachten. Das muss doch einen Grund haben, oder? Und was hat dieses Spiel damals mit mir angestellt? Hier ergibt sich endlich mal wieder eine Chance, ein Plädoyer für Videospiele zu bringen, die mittlerweile seit vielen Jahren im Ruf stehen, aggressiv zu machen und Amokläufe an Schulen zu motivieren, ignorant völlig ungeachtet anderer einflussgebender Faktoren.

1993 war ich zehn Jahre alt. Es muss dann, oder aber ein paar Jahre später gewesen sein, dass ich SoM auf meinem Super Nintendo Entertainment System gespielt habe - das SNES war damals ein Verkaufsschlager, der aus Japan kommend die Welt im Sturm erobert hatte. Videospiele waren damals noch nicht so weit verbreitet wie heute. Das war neu, wenngleich das NES oder der Gameboy vorweg gegangen sind und auch auf den PCs und Amigas dieser Welt Spiele immer mehr Fans gefunden hatten.

Damit begann das Abenteuer... (PS4-Version)

In SoM, einem klassischen RPG (role playing game), übernimmt man die Rolle eines namenlosen Jungen, der auszieht, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren. Namenlos, klingt doof, war aber ziemlich genial - denn so konnte man sich selbst aussuchen, wie man seinen Helden nannte, solange dieser Name nicht länger als sechs Buchstaben war. Und so kam man dann auf Namen wie ÖTTI, DEIDÄH, PHIGGY, HOPSE, POMSAH und all' möglichem anderem Kram. Dazu kam, dass man nicht allein unterwegs war; im ersten Viertel des Spiels lernte man schnell zwei Begleiterinnen kennen, eine verwöhnte, sehr tussige Prinzessin und eine freche Koboldin, die unseren Helden damals mit "Hey, alte Socke!" begrüßte - was vom Helden dann kommentiert wurde mit "Alte Socke??? Ich heiße TRULLA!" - oder was auch immer man sich für Namen überlegt hatte.

Das war mehr als nur cool, denn diese Grundidee erlaubte, das Spiel zusammen mit einem Freund zu spielen - oder, und das war damals wirklich bahnbrechend, sogar zu dritt. Internet gab es damals nicht, MMORPGs hatte man noch nie gehört. Und das hat extrem viel Spaß gemacht - so habe ich damals mit meinen Nachbarinnen immer wieder gern die Welt gerettet, mit immer wechselnden Rollen. Mal habe ich den schwertschwingenden (oder Peitsche, oder Axt, oder jegliche andere der insgesamt acht Waffentypen) Helden gespielt, mal eine seiner Begleiterinnen, die über Magie verfügten.

Ganz neue Blickwinkel!

Das ganze Spiel hatte so Vieles, was dafür sprach. Was damals noch nicht so verbreitet war, und infolge des riesigen Erfolgs in Auszügen gern kopiert wurde. So gab es ein einfaches, trotz seiner Komplexität sehr schnell zugängliches Ringmenü, actionreiche Kämpfe, knallbunte Farben (auch das war damals ungewöhnlich und wurde sehr positiv aufgenommen), eine wunderschöne, abwechslungsreiche Spielmusik, eine dramatische Story, liebenswürdige Charaktere, vielfältige Landschaften...

...und die haben damals eben nicht meine Gewaltbereitschaft angeregt, sondern meine Fantasie. Ich habe Geschichten geschrieben, in denen ich die Welten oder Ereignisse aus SoM verarbeitet habe, weil mich das alles stark inspiriert hat. Ich konnte Stunden vor dem Bildschirm verbringen, ich konnte das Spiel mehrfach hintereinander spielen, ohne, dass es mir irgendwann langweilig wurde. Die unterschiedlichen Kampfstrategien, die Möglichkeit, den spielbaren Charakter während des Spiels frei zu wechseln, das ergab einen großen Wiederspielwert.

Dass das Spiel jetzt fünfundzwanzig Jahre auf dem Buckel hat, macht es keineswegs altmodisch oder gar langweilig. Im Gegenteil: Es war eines der ersten Videospiele, die ich mit der großen Buba zusammen gespielt habe, und sie war begeistert. Wir hatten so viel Spaß daran, immer daneben zu hauen ("Nicht auf den Busch schlagen!" - "Nicht in's Wasser laufen!" - "Geh' endlich tot!" - "Oh deidäh, ich bin Steidäh!" - "Kist-HÄH? Dei-DÄH!"), und genau so ging es damals auch meinen Nachbarinnen.

Die oben genannten Faktoren haben dafür gesorgt, dass das Spiel auch heute noch bei vielen Kritikern auf der Liste der besten Videospiele ganz weit oben erscheint. Grund genug, dass ein paar Entwickler sich entschieden haben, das Spiel fünfundzwanzig Jahre später neu aufzulegen, in einer hochauflösenden Version in 3D für die PS4 und den PC. Dass das Spiel meine Jugend so intensiv geprägt hat, hat dazu geführt, dass ich flammend voller Vorfreude auf die Veröffentlichung dieses Remakes gewartet habe und natürlich äußerst kritisch damit in's Gericht gegangen bin. Zeit für ein kleines Resümee.

Neue optionale Outfits ;-)

Grafik

Genau wie früher sind die Farben in der modernen Version knallbunt, lebhaft und strahlen einem entgegen. Es ist schön zu sehen, dass die Entwickler sich nicht für einen hyperrealistischen Stil entschieden haben - auch wenn dieser Faktor bei manchen Spielern zu viel Kritik geführt hat, denen die neue Grafik nicht genügend aufgemotzt war. Ich persönlich finde es eine gute Entscheidung, dass man nicht zuviel verändert hat. Die schönsten Überraschungen stecken in den kleinen Details: Die Zauberanimationen sind noch funkelnder und vielfältiger als im Original geworden. Die Gestaltung der Oberwelt, die man ab Erhalt des Flugdrachens bereisen kann, ist schöner und detaillierter geworden. Was ich dagegen vermisse, sind die Flüge mit den Canoni-Brüdern. Es gibt sie immer noch, allerdings sieht man nicht mehr, wie man von Punkt A hoch durch die Luft nach B geschleudert wird, mit einem flüchtigen Blick über die Weltkarte. Ich fand das damals immer ganz aufregend. Für mich überwiegen die positiven Faktoren in der Neuauflage, das brillantere Wasser, die detailliertere Ausgestaltung der insgesamt zweiundsiebzig verschiedenen Waffen (acht Typen in je neun Versionen), die Gestaltung der Gegner.

Die Koboldin - damals und heute

Sound

Hier sind die größten Neuerungen zu verzeichnen. Zunächst einmal wurde der gesamte Soundtrack neu eingespielt. Viele Stücke klingen wesentlich tiefer, umfangreicher orchestriert, teilweise nicht ganz so aufdringlich wie im Original. Hier scheiden sich die Geister; zum größten Teil gefallen mir die neuen Stücke sehr gut, es gibt aber auch Situationen (wie z.B. die Manafestung), in denen mir das Original besser gefallen hat. Allerdings hat man im während des Spiels jederzeit frei zugänglichen Optionsmenü die Möglichkeit, zweischen der Originalmusik und der des Remakes zu wechseln, ein netter Touch. Die Soundeffekte sind wesentlich umfangreicher gestaltet worden. So wird der Auftritt jedes Elementargeistes mit passenden Geräuschen versehen, die Zauber sind aufwendiger ausgestaltet.

Die einschneidendste Veränderung findet sich allerdings in der Sprachausgabe. Damals, 1993, konnte man von so etwas nur träumen, und so wurden alle Unterhaltungen ausschließlich in Textform dargestellt, wobei man immerhin in der Ausgestaltung der Textfenster Veränderungen vornehmen konnte. In der neuen Version sind sämtliche Textzeilen in japanischer und englischer Sprachausgabe enthalten. Das betrifft nicht nur die plotrelevanten Unterhaltungen, sondern jeden noch so kleinen Nebencharakter. Das ist einfach toll mitzuerleben und gibt dem Spiel wesentlich mehr Pep, gerade durch die Verwendung der Stimmen im Kampf. Man darf allerdings die Wahl der Sprecher in Zweifel ziehen. Ein paar (der englischen Sprecher) machen ihren Job recht gut, viele allerdings klingen unmotiviert und für die jeweiligen Charaktere unpassend besetzt. Wenn man darüber hinwegsehen kann, hat man allerdings sehr viel Spaß an den mit deutlich mehr Humor aufgemotzten Unterhaltungen.

Auch hier der Vergleich zwischen Remake und Original

Gameplay

Im Wesentlichen hat sich am Gameplay nichts geändert. In der Neuauflage hat man die Wahl, von jedem Gegenstand vier, acht oder zwölf Items mitführen zu können; im Original war das Maximum auf vier festgelegt, was damals den Schwierigkeitsgrad je nach Spielererfahrung etwas erhöht hat. Das macht die Neuauflage zu einem deutlich einfacheren Spiel; überhaupt hatte ich den Eindruck, dass sehr viele Kämpfe leichter geworden sind als damals. Allerdings hat man den Schwierigkeitsgrad auch selbst gut unter Kontrolle: Wer alle Waffen und Zauber so früh wie möglich so weit wie möglich auflevelt, der wird das Spiel ohne große Probleme beenden. Wer schneller durchgeht, könnte hier und da Probleme bekommen. Mich hat der leichte Schwierigkeitsgrad nicht gestört, aber es finden sich viele Stimmen im Internet, die daran Anstoß nehmen.

Eine fantastische Neuerung sind die Plaudereien der drei Hauptfiguren. Fast jedes Mal, wenn man in einem Hotel übernachtet, führen sie ein kleines Gespräch vor dem Schlafengehen. Das können plotrelevante, ernsthafte Unterhaltungen sein, oft aber dienen sie als comic relief und zur Charakterisierung der Figuren, indem die Prinzessin wie eine sehr verwöhnte Göre rüberkommt und die Koboldin als rotzfreches Ding. Ich bin jedenfalls davon sehr begeistert; vor allem gen Ende des Spieles tauchen in diesen Unterhaltungen sehr viele tongue in cheek-Sprüche auf, Kommentare zur eigenen Neuauflage des Spiels oder sarkastische Anmerkungen zu Kritikern des Originals und weiteres. Hierzu gebe ich keine Beispiele; es macht sehr viel Spaß, das selbst zu entdecken.

Ich bin sehr zufrieden, dass die letzten Waffenorbs, die sich durch Besiegen von Gegnern in der Manafestung finden lassen, diesmal einfacher zu bekommen sind. Ich weiß noch genau, wie ich damals Stunden gebraucht habe, um nur eine einzige Waffe zu ihrer stärksten Form zu verbessen, und ich hatte es nie geschafft, die Axt auf das Maximum zu bringen. Diesmal geht das einfacher.

Außerdem finde ich es gut, dass diesmal die Zusatzeffekte mancher Ausrüstungsgegenstände angezeigt werden - wenn diese zum Beispiel vor Zustandveränderungen schützen können. Auf diese Weise achtet man nicht immer nur darauf, welche Teile den höchsten Abwehrwert bieten, sondern kann sich vor Attacken der Gegner besser schützen.

Ich finde es etwas schade, dass die Entwickler nicht die Chance genutzt haben, zusätzliche Spielinhalte hinzuzufügen, wie zum Beispiel einen post game content oder new game plus. Diese Entscheidung mag einher gegangen sein mit dem Beschluss, nicht allzu viel am Originalcharakter zu ändern (was sich, wie gesagt, auch in der Grafik widerspiegelt) - ich hatte allerdings tatsächlich mit irgend einem Zusatz gerechnet.

Es macht einen Riesenspaß, die hübschen Orte zu erforschen!

Was mich begeistert, ist die Autosave-Funktion, die bei Spielen seit einigen Jahren immer populärer geworden ist. Noch immer hat man die Möglichkeit, bei Übernachtungen einen Speicherstand anzulegen, aber wann immer man eine Region wechselt, wird zusätzlich ein automatischer Speicherstand angelegt. Das schützt vor Frust und ist zu diesem Zeitpunkt absolut notwendig, denn...

...ein großes ABER!

Leider ist die Neuauflage komplett verbugt. Ein erstes Update ist bereits zur Verfügung gestellt worden, aber noch immer stürzt das Spiel mit recht hoher Frequenz ab. Man sollte mit einem Neustart alle halbe Stunde rechnen. Das kann extrem frustrierend sein und verärgert vollkommen zu Recht die Fangemeinde da draußen. Ich hoffe, dass durch die sehr vielen Rückmeldungen (die bei einem Absturz direkt an die Entwickler gesendet werden können) das Team bereits mit Hochdruck an Lösungen arbeitet und bald weitere Patches erscheinen, die diese Abstürze verhindern können. Gerade aus diesem Grund bin ich heilfroh, dass es die Autosave-Funktion gibt und man nie viel Spielfortschritt verliert.

Fazit

Secret of Mana gilt nicht umsonst als eines der besten Videospiele, die je entwickelt wurden. Ich finde, dass durch die Neuauflage dieser Ruf noch zementiert wird. Ich bin sehr begeistert, hatte verdammt viel Spaß beim Durchspielen, bin durch die Sprachausgabe noch tiefer in die emotionale Geschichte hineingezogen worden, habe die zusätzliche Charaktertiefe genossen. Die Systemprobleme nerven, das ist klar, und werden hoffentlich bald behoben werden. Aber ich freue mich schon jetzt riesig darauf, die Neuauflage mit der großen Buba zusammen zu spielen und wieder das ganze Haus gründlich durchzuspülen.

Nfufufu!

post scriptum: "Kist-HÄH?!"