Freitag, 2. März 2018
Bürokratiergehege 4: Der schwarze Peter
Es ist kaum zu glauben, aber diese Beitragsreihe setzt sich immer weiter fort. Man kann es drehen und wenden, wie man will, Verwaltung bietet einfach immer und überall ein umfassendes Unterhaltungsprogramm. Leider nicht immer Komödien, aber das wäre vielleicht auch langweilig.
Vor ein paar Tagen erhalte ich meine aktuelle Gehaltsabrechnung. Schon bei den Abrechnungen im Dezember und Januar war ich mir nicht sicher, ob sich da nicht ein kleiner Fehler eingeschlichen hatte, denn mir wurde dort nach wie vor Kirchensteuer von meinem Bruttogehalt abgezogen. Obwohl ich im vergangenen September aus der Kirche ausgetreten bin. Leider wirkte der Blick auf meine aktuelle Abrechnung ein weiteres Mal stark ernüchternd: Unbeeindruckt wurden weiterhin über fünfzig Euro an Kirchensteuer einbehalten. Aha. Hat also mein Date mit Standesbeamtin Angela Kleefeld gar nicht stattgefunden? Das wäre zu schade, denn das war wirklich cool!
Also rufe ich im Diestleistungszentrum Personal des Landes S-H an, in der Hoffnung, den Fehler aufklären zu können, und meine Sachbearbeiterin sagt mir nach nur einer Sekunde des Überlegens: "Ja, da hat das Finanzamt ihre Daten einfach nicht weitergegeben, da müssen sie einmal beim Finanzamt anrufen und schauen, wo die Information dort hängengeblieben ist." Und ich Idiot mache das auch noch - rufe beim Finanzamt an, werde von A nach B durchgestellt, niemand geht ran, nach C weitergestellt und lege schließlich genervt auf - zwei Sekunden später ruft D vom Finanzamt zurück und erklärt mir, dass ich beim Finanzamt ohne Kirchensteuer eingetragen bin, dass ich aber nicht vernünftig von meinem Arbeitgeber angemeldet worden bin und der meine Daten daher nicht vernünftig abgerufen hat. Also muss ich wieder beim Dienstleistungszentrum Personal anrufen, weil man dort zu blöd war, meinen Hauptarbeitsgeber anzumelden, oder so.
Also rufe ich wieder im Dienstleistungszentrum Personal an, lasse das Telefon zwanzig, dreißig Mal klingeln, niemand nimmt ab, und gehe entnervt zu einem Gesprächstermin mit der Bank. Was mich gut unterhalten hat war, wie D vom Finanzamt sich darüber aufgeregt hat, dass der schwarze Peter schon wieder dem Finanzamt zugeschoben wurde, obwohl dort wohl alles richtig abgewickelt worden ist.
Ich fühle mich wie im Kindergarten, und der Passierschein A38 ist auch nicht weit entfernt...
Donnerstag, 1. März 2018
Sekundarstufe Zwei
Ich habe in den vergangenen Jahren hauptsächlich in der Mittelstufe unterrichtet. Das hat sich so ergeben, weil dort der Bedarf bestand, und weil eine meiner Stärken darin besteht, mit spannenden Schülern in schwierigen Phasen zu arbeiten. Klasse 7-9, da werden die Jugendlichen pubertär und es kommt eine sehr starke Haltung gegen alles auf.
Viele Lehrer sind froh, wenn sie da nicht unterrichten müssen; ich habe den Eindruck, dass insbesondere die Lehrer froh sind, um die Mittelstufe rumzukommen, denen die Fachvermittlung das Wichtigste im Lehrberuf ist. Das kann ich vollkommen verstehen - für mich ist das anders, für mich ist die Arbeit mit Menschen das Wesentliche des Berufes. Sind beides häufig vertretene Sichtweisen. Die Stoffvermittlung leidet beizeiten unter der pädagogischen Arbeit, die in dieser Lebensphase geleistet werden muss.
Aber es kommt ja irgendwann die Oberstufe, die sogenannte Sek II. Es mag sein, dass ich ein falsches Bild von der Oberstufe habe, denn ich behandle meine Schüler dann wie junge Erwachsene. Die sie langsam auch werden. Ich stelle Anforderungen, wie z.B. "Verantwortung für den eigenen Lernprozess übernehmen" - ich trage den Schülern die Unterrichtsinhalte nicht mehr hinterher. Wer fehlt, muss sich von sich aus nach Arbeitsblättern und Hausaufgaben umschauen.
Manchem Schüler fällt Alles aus dem Gesicht ("Ich war letzte Woche nicht da, woher soll ich das alles wissen?"). Sie scheinen mit Eigenverantwortung noch nicht sehr vertraut zu sein. Mache ich etwas falsch?
Dienstag, 27. Februar 2018
Wie "rechts" ist Dr Hilarius?
| Man kann mir vieles nachsagen, aber das nicht, denke ich. |
Seltsame Frage, denkt sich jetzt vielleicht die große Buba. Das denkt sich eventuell auch die Sannitanic, bastelt sich aber womöglich gleich einen Hintergrund zurecht, der zu dieser Frage führen könnte. Wer mich kennt, weiß die Antwort auf diese Frage. Also dürften es Menschen sein, die mich nicht kennen, und die mir rechtes Gedankengut zuordnen, und zwar auf der Grundlage dieses Blogs.
Genauer gesagt, entstehen solche Befürchtungen aus Beiträgen wie diesem. Ich habe einen Artikel über Leni Riefenstahl geschrieben, genauer über ihren Film Triumph des Willens. Das habe ich gemacht, weil ich Filmliebhaber bin. Ich sehe sehr gern Filme, und ich sehe sehr gern sehr gute Filme. Dass es sich um Propagandamaterial handelt, ist bekannt, ist aber für meine Wertung des Filmes irrelevant. Darüber hinaus habe ich genau beschrieben, wie ich mich beim Ansehen des Films gefühlt habe. Das alles ist Inhalt jenes Beitrags; wer ihn also gelesen hat, wird nicht auf die Idee kommen, dass ich mich damit auseinandergesetzt habe, weil ich rechtes Gedankengut verbreiten will - oder überhaupt nur, weil ich irgendwie "rechts" bin. Ich bin kein Björn Höcke, der rechtsnationalistische Gedanken in seinen Unterricht bringen könnte.
Nur gibt es bei diesem Artikel, wie überhaupt bei Allem, was ich hier der Öffentlichkeit preisgebe, zwei Probleme. Zum einen kann jeder Satz mit mehreren Lesarten versehen werden und nur in den seltensten Fällen gelingt es mir, so scheint es, Gedanken so vermitteln zu können, wie sie tatsächlich in meinem Kopf entstanden sind. Das Gute ist, dass ich dann regelmäßig Feedback bekomme und mich in anschließenden Diskussionen mit den unterschiedlichen Lesarten auseinandersetzen kann.
Dafür danke ich allen kritischen Lesern.
Das zweite Problem liegt darin, dass viele Artikel gar nicht erst gelesen werden. Sie werden auf das Vorschaubild und den Titel beschränkt - und viele meinten dann, sie wüssten, worum es geht. Kein Wunder bei einem Vorschaubild, dass das Hakenkreuz enthält, und einem Titel wie Mein erstes Mal mit Leni Riefenstahl. Auch wenn ich es gern wollte, ich kann nicht den Anspruch von Intelligenz an die Leser stellen: Ich selbst ertappe mich oft genug dabei, wie ich nur das Vorschaubild eines Artikels lese und mir schon eine Meinung bilde: Shame on me!
Es mag nicht oft vorkommen, dass eine Lehrkraft Blogger ist (vermutlich doch öfter, als ich denke). Aber das muss nicht heißen, dass das nicht möglich ist. Weder ziehe ich hier über meine aktuelle Schule her, noch gebe ich sensible Informationen (§25) wieder. Genau wie als Lehrkraft versuche ich, mit diesem Blog Aufschluss zu geben, aufzuklären, Verständnis zu erzeugen. Es ist nun einmal so, dass das nicht immer und in jedem Artikel sofort ersichtlich ist.
Ich könnte noch nicht einmal ehrlich auf die Frage antworten, ob ich nun eher "links" oder "rechts" bin - weil ich im Konzept politischer Spektren nicht bewandert bin. Ich müsste Menschen diese Frage beantworten lassen, die mich etwas länger kennen. Vielleicht würde solch' ein Mensch dann eher lachen und entgegnen: "Dr Hilarius ist so weit links, wie überhaupt möglich". Meine Ansichten, Standpunkte und Blickwinkel zu (mir) wichtigen Themen sind mit einem einzigen Klick über die Links sind Links-Leiste zu erreichen. Dort dürfte man dann fündig werden.
Es sei denn, man sucht Beweise einer rechten Gesinnung.
post scriptum: Gerade weil es viele Menschen gibt, die es sich einfach machen, den Blog um Inhalte reduzieren und sich allzu schnell ein Bild von mir machen, bin ich immer wieder froh über Menschen wie den Vater, der mir vor Kurzem dieses Gespräch beschert hat ("Weil ich mir immer gern selbst ein Bild von Menschen mache").
Montag, 26. Februar 2018
Ein Haustier
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| Wie wäre es mit Tardar Sauce a.k.a. Grumpy Cat? |
Heute kurz und bündig: Eine der Fragen, die ich öfters höre, zielt darauf ab, ob ich ein Haustier besitze. Ich antworte dann, dass ich eigentlich gern eines hätte. Aus irgendeinem Grund kommen dann viele auf die Idee, dass ich doch bestimmt einen Skorpion, eine Vogelspinne oder eine Schlange haben möchte - und mit letzterem Tier liegen sie gar nicht so falsch.
Dabei hätte ich eigentlich so gern eine Katze. Ein eigenwilliges Tier, nicht zu einfach gestrickt, mit weichem Fell. Aber es spricht so Vieles dagegen: Meine Wohnung ist nichtmal im Ansatz katzengerecht. Überall stehen Sachen herum, die heruntergefegt werden können. Hier sind viele Dinge, die zerkratzt werden können. Hinzu kommt, dass ich - zumindest vor Jahren - auf Katzenhaare allergisch reagiere. Und am wichtigsten ist mir, dass ich es mir nicht einmal ansatzweise zutraue, für ein anderes Lebewesen so viel Verantwortung zu übernehmen. Ich sehe das schon kommen: Ich vergesse, sie zu füttern, ich denke nicht dran, zum Tierarzt zu gehen und was man noch so alles vernachlässigen kann. Das möchte ich keinem Haustier antun (und man hört ja immer wieder, wie viele Menschen sich ein Haustier zutrauen und dann völlig überfordert damit sind).
Ich bräuchte ein Tier, das nicht Aufmerksamkeit rund um die Uhr braucht. Pflegeleicht. Hinter dem ich nicht viel herräumen muss.
Warum schaffe ich mir nicht einfach einen Stein an?
Samstag, 24. Februar 2018
Können Schüler das begreifen?
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| Bitte lächeln! |
Die Halsknickfrau.
Bei neunundneunzig Prozent der Leser erscheint ein Fragezeichen über dem Kopf, nur bei der großen Buba geht das Kopfkino gerade wieder auf Hochtouren. Ich wollte heute ursprünglich über den beliebten Topos Zwillinge in der Literatur schreiben. Als schönes Beispiel die Zwillingsschwestern im Videospiel Project Zero 2: Crimson Butterfly (woher auch die Halsknickfrau stammt), oder als bekannteres Beispiel den Film Die purpurnen Flüsse (2001). Mir wird nur gerade wieder bewusst, wie gern dieses Thema als Ausgangspunkt für diverse plot twists verwendet wird; ich spiele zur Zeit wieder besagtes Videospiel und "genieße" es in vollen Zügen (und zur Not auch in vollen Bussen).
Und dann schleicht sich, nicht ganz subtil, eines der beliebtesten Bedenken besorgter Eltern und Kollegen ein, wenn sie davon Wind bekommen, dass ich einen Blog führe. Natürlich wird mir auch immer wieder die Warnung mitgegeben, dass ich in diesem Blog ja wirklich sehr viel von mir preisgebe. Das ist ja auch richtig, ich verstehe nur das Problem nicht. Das Hauptanliegen besorgter Eltern ist allerdings immer wieder diese eine Frage, diese Befürchtung, wenn Schüler aus lauter Neugier diesen Blog finden und dort ein bisschen herumstöbern:
Können Schüler das begreifen?
Ich weiß noch sehr genau, wie meine erste Schulleiterin damals gesagt hat, dass man als Lehrer in seinem Unterricht weder Ironie, noch Sarkasmus oder gar Zynismus verwenden dürfe - es gab in Lehrproben sofort eine ganze Note schlechter (wobei die Noten für das Gutachten eh' nicht viel gezählt haben, a.k.a. nichts) - weil die Schüler solche Witze beim Wortlaut nehmen würden und den eigentlichen Sinn dahinter nicht verstünden.
In der Theorie kann ich dieses Bedenken nachvollziehen. Wenn ich aber meine Schüler bereits seit anderthalb Jahren unterrichte und sie meine Art kennengelernt haben und meine Aussagen einzuordnen wissen, dann bewerte ich die ganze Angelegenheit etwas anders. Tatsache ist, dass der Großteil meiner Schüler genau wegen solcher Sprüche, genau wegen dieses Humors, gern in meinem Unterricht sitzt. Ich finde es immer etwas einfach gedacht, wenn Schülern die Intelligenz abgesprochen wird, diese Sprüche verstehen zu können.
Und trotzdem ist an diesem Vorwurf immer wieder etwas dran. Immer wieder leiten Schüler einzelne Sprüche aus meinem Unterricht an ihre Eltern weiter, immer wieder erreichen besorgte Anrufe meine Schule. Immer wieder muss genau das erklärt werden: Dass die Schüler mittlerweile meinen Humor zu verstehen wissen. Mir ist bewusst, dass es bis zu dieser Fähigkeit eine gewisse Weile braucht. Deswegen versuche ich gerade am Anfang immer wieder, mich zurückzuhalten. Dennoch ist mein Gehirn manchmal zu schnell und mein Mundwerk zu lose. Ich bin eben auch nur ein Mensch.
Welche Optionen habe ich also? Soll ich den Schülern verbieten, meinen Blog zu lesen, oder auch einfach nur davon abraten? Wir sind Pädagogen genug, um zu wissen, dass das die Neugier nur noch weiter verstärkt und die Schüler gerade dann versuchen werden, Artikel zu finden, die vielleicht nicht für ihre Altersstufe geeignet sind. Genau aus diesem Grund habe ich mittlerweile beschlossen, den Blog von mir aus überhaupt nicht mehr anzusprechen. Irgendwann, das lehrt die Erfahrung, finden die Kinder ihn, und dann können wir darüber reden. Aber dass die Kinder diesen Blog lesen, ändert nicht viel an ihrer Haltung zu meinem Unterricht.
Es sind vielmehr die Eltern, die mich nicht persönlich kennen, die nur einzelne, dem Kontext entrissene Fetzen von mir mitbekommen, bei denen die Warnlampen angehen. Viele wenden sich besorgt an die Schulleitung - nur die wenigsten sagen sich: "Ich möchte diesen Menschen einmal näher kennenlernen." Es ist wesentlich leichter, mich dann aufgrund meines Erscheinungsbildes einzusortieren in die Schublade Gefahr für unsere Kinder. Deswegen freue ich mich jedes Mal wieder über die Menschen, die stattdessen aufgeschlossen auf mich zukommen.
Bald ist Elternsprechtag, und wie jedesmal bin ich auch in diesem Jahr wieder gespannt auf die Menschen, die ich dort kennenlerne, und wie sie auf mich reagieren werden.
post scriptum: Ich hoffe, dass man mich nicht irgendwann vor die Wahl stellt, mich zu entscheiden zwischen der Schule und dem Weiterführen dieses Blogs. Wer mich kennt, weiß, was ich wählen würde - zu wichtig erscheint mir, was ich mit diesem Blog bewirken kann, auch wenn es nur einzelne Leser betrifft...
p.s.2 @BubaLaTättah: Halsknickfrau mit zwei Fotos besiegt, diesmal ist sie viel früher aufgetaucht und ich hab' fast 'nen Herzkasper bekommen! ;-) Aber harmlos im Vergleich zur Balkonsturzfrau.Und "Whhhyyyyyyyyyyy do you kill?"
p.s.3: Und Schüler verstünden auch nicht, Begriffe wie "Wanderkotze" und "RandömpömPommes" einzuordnen - wobei das sicherlich auch für vernunftbegabte Erwachsene zutrifft. Ändert nichts daran, dass die große Buba gerade *wedelspülplatscht*, Kloschüsseln aus- und Schokoostereier einatmet.
Freitag, 23. Februar 2018
Quengeltheke reloaded
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| Das Quengelregal an der Supermarktkasse - überfrachtet mit Schokoriegeln und Konsorten - scheint nicht nur Kinder anzuziehen... |
Im Kieler Sophienhof kann man immer wieder interessante, nervenzerfetzende und witzige Abenteuer erleben, wie zum Beispiel Schnellkasse 2 - Die Kontrollwaage schlägt zurück. Oh mein Gott, ich lache mich gerade schon wieder scheckig, wenn ich die Story von damals lese. Hüdora-Atlantis-Mareike, Scheißhunde, Kotzkinder und Scangeilheit - WAS um alles in der Welt geht in diesem kranken Kopf vor??? Drollig ist, dass auch der heutige Vorfall wieder im EDEKA im Sophienhof spielt. Dort muss sich irgendeine geheimnisvolle Macht befinden, die Menschen durchdrehen lässt.
Ich wollte doch nur eben Joghurt einkaufen, der allerdings ganz hinten im Laden steht, gemessen an den Ausmaßen dürfte das nicht mehr Sophienhof sein, sondern schon halb unter dem Südfriedhof. Und wenn ich mir die genervten Mütter anschaue, mit ihren Tränensäcken unter den Augen, mit den Augenringen, müde und kaputt, nicht einmal mehr in der Lage, ihre Kinder beisammen zu halten, dann scheint mir sehr plausibel, dass ein paar Gräber sich kurz vor Ladenöffnung ebenfalls mit aufgetan haben und genervte Hausfrauen in den Supermarkt gespült haben.
Ich hätte ahnen müssen, dass heute irgendwas Seltsames passiert. Es hätte mir schon auffallen sollen, als ich durch die Apotheke gehe und plötzlich von irgendwoher höre: "Oh schau mal, Dr Hilarius!" und ich drehe mich um und dann stehen da zwei Jugendliche, die mich grüßen. Nett, dass sie mich grüßen, peinlich, dass ich nichtmal weiß, ob das meine Schüler sind, ich erkenne sie nicht wieder. Ich grüße nett zurück, joah, irgendwoher müssen die mich ja wohl kennen, und ich fühle mich schlagartig nach Husum zurückversetzt.
Eine kleine Stadt mit zwei Gymnasien. An einem davon hatte ich das Vergnü... jedenfalls hatte ich an einem davon einen Referendariatsplatz bekommen und bin deswegen sogar dorthin umgezogen, und überall, egal, wohin ich zum Einkaufen ging, traf ich meine Schüler. Das war gruselig - ein Gefühl, als ob überall Wachposten mit Videokameras stehen. Das vermisse ich eigentlich nicht - naja, nun muss ich mich drauf einstellen, dass Kieler Schüler mich wiedererkennen. Hin und wieder fahre ich mit ihnen im selben Bus.
Und sie sind ja auch nett. Anders als die Zombiemama mit ihren zwei Rotzbälgern. Zombiemama stellt den Wagen im Gang extra an die Seite, damit andere Kunden passieren können (ich will gar nicht wissen, was einigen passiert ist, so, wie sie aussehen...), doch Morphinchen und Ritalina, beide je halb so groß wie der Wagen, schieben ihn zielgenau in die Mitte des Ganges (ein Hauch von indischem Fernweh...) und hängen sich von links und rechts so dran, dass wirklich niemand mehr vorbeikommt. Da nützt es auch nichts, wenn ich zwei Meter groß und schwarz auf sie zugehen, denn die beiden Prinzesschen bekommen überhaupt nicht mit, was um sie herum vor sich geht. Ob Mutti etwas von ihren Downern abgegeben hat? Ich warte nur drauf, dass Kind A abrutscht und Kind B mitsamt Wagen in die Fertigsuppen rollt und damit eine regalvernichtende Domino-Kettenreation auslöst (erinnert mich an die Bibliotheks-Szene aus The Mummy).
Also gehe ich zurück und nehme den nächsten Gang, Bewegung ist gut für den Körper, nur leider führt der Gang an mehreren Metern Süßwaren vorbei. Das ist pure Folter! Wie soll ich es schaffen, davon völlig unbeeindruckt zu bleiben? Das ist bunt, und glänzt, warum kleben die kleinen Monster nicht stattdessen hier herum? Aber nein, der Menschenmagnetismus zieht sie in die Dosensuppen. Wunder der Erziehung!
Durch den nächsten Gang komme ich nicht durch, weil in der Mitte Menschen stehen. Och Leute, könnt ihr nicht ein bisschen Rücksicht auf Andere nehmen, frage ausgerechnet ich mich, während ich mich ohne Vorwarnung umdrehe und fast in eine alte Dame renne. Was ist hier nur heute los, frage ich mich, woher kommen all' diese Menschen? Und dann erst wird mir bewusst - ach ja. Es ist Freitag. Dreizehn Uhr dreißig. Was erwarte ich? Habe ich aus dem Schnellkassenabenteuer nichts gelernt? Die Menschen, die da den Gang blockieren, stehen für die Kasse an, die noch etwa fünfzig Meter entfernt ist.
Und eine Spur hat die Scannerkasse damals nun doch hinterlassen: Die panische Angst., dass ich wieder ein ERROR auslösen könnte und alles zusammenbricht, also gehe ich nicht zu den Schnellkassen, obwohl da gerade sogar zwei Modelle frei sind, sondern stelle mich an der fünfzig Meter langen Warteschlange an. Das sollte sich als weise Entscheidung herausstellen: Zombiemama geht mit Einkaufswagen und Klammeraffenkindern triumphierend an uns vorbei zu einer der freien Kassen. Sofort wird auch sie von der Scannermacht in Beschlag genommen, scannt alle Einkäufe ein, versucht noch eben schnell, die ganzen blödsinnigen Ideen aus den Köpfern ihrer Kindern wegzuscannen - was leider nicht funktioniert, die beiden krabbeln unter allen Absperrungen durch und treiben andere Kunden in den Wahnsinn. Endlich ist Zombiemama mit dem Bezahlen fertig, schaut noch einmal zu uns wartender Meute rüber - meine Schlange ist jetzt immerhin auf dreißig Meter heruntergeschmolzen, allerdings mache ich mir Sorgen, wie lange wohl die alte Dame vor mir mit ihren Einkäufen brauchen wird.
Allerdings lasse ich mir nichts anmerken, und erst recht nicht, als Zombiemama mit Kindern vor den Schranken steht, die den Ausgang versperren. Ich muss aufpassen, um mich nicht zu offensichtlich zu freuen; normalerweise scannt man hier den Kassenbon ein und darf den Laden verlassen. Zombiemom scannt und scannt, aber die Türen gehen nicht auf. Die Kinder krabbeln unter den Schranken durch und können nicht verstehen, warum ihre Mama nicht hinterherkommt. Zombiemom schickt Stoßgebete gen Himmel, ihr Gesicht wandelt sich von todmüde zu entnervt (die Sannitanic weiß, dass das ab einem gewissen Ereignis im Leben die einzigen beiden Gesichtsausdrücke sind, die noch zur Verfügung stehen). Mittlerweile sind vor mir nur noch fünf Meter Kundschaft, ich hole auf! Ich stehe in der Quengelzone - in der Süßigkeiten extra für wartende und quengelnde Kinder auf Augenhöhe in Regalen angeordnet sind. Die alte Dame vor mir wirft nur flüchtig einen Blick über Kaugummis, Brausepulver und Lollis, dann schaut sie wieder nach vorne. Dann nach rechts, und dann zieht es ihre Augen wieder nach links, auf Schokolade, Sammelbilder und Schokoriegel. Ihr Blick verweilt etwas länger dort, rutscht dann ein Regal höher, sie legt einen Schokoladen-Marienkäfer in ihren Einkaufswagen und ich denke, damit ist das Thema erledigt. Sie könnte jetzt vorangehen, wir sind fast an der Kasse angekommen.
Doch jetzt ist die Neugier der alten Dame geweckt. Sie dreht sich nach links um, kniet sich hin und geht Fach für Fach durch, angefangen ganz unten bei Ketten aus Brausebonbons und Überraschungseiern, sie nimmt eines davon in die Hand, ein zweites, sie schüttelt sie, legt sie zurück. Daneben sind die "Überraschungseier für Mädchen" (Heteronormativität 4EVA!!!), auch hier greift sie zu, schüttelt sie, legt sie zurück. Dann steht sie wieder auf, wendet sich endlich wieder ihrem Einkaufswagen zu und schiebt ihn nach vorne.
Einen Meter. Dann bittet sie uns nur um einen kleinen Moment Geduld, wendet sich wieder nach links zum Quengelregal. Ihren Gehstock und ihre Handtasche legt sie in den Wagen, dann begibt sie sich wieder auf Kinderhöhe, jetzt ist das dritte Regal von unten dran. Sie scheint da etwas Interessantes entdeckt zu haben, schiebt die Kaugummis nach links und Snickers nach rechts, dahinter ist offensichtlich etwas, das ihr Interesse geweckt hat. Sie greift mit ihrer runzligen Hand nach hinten durch, zwischen den Pappkartons hindurch, ihr rechter Arm verschwindet in der Auslage. Sie schließt die Augen und wühlt ganz konzentriert in der dunklen Finsternis herum, die auch als Hinter den Schokoriegeln bekannt ist.
"Kann ich ihnen helfen?" bietet die Kassiererin an, auch ich biete meine Hilfe an, aber die alte Dame weiß scheinbar ganz genau, was sie tut. Sie zieht den rechten Arm wieder aus den Regalen hinaus, schiebt die Pappkartons noch weiter zur Seite - so weit, dass die ersten Kisten mit Kaugummis links aus dem Regal herausfallen - und rechts die ersten Schokoriegel. Nun geht sie auch die Regale darüber und darunter an, sie schiebt alles zu den Seiten hinweg, so dass eine Art Loch zwischen den Süßwaren entsteht. Als das Loch groß genug ist, geht die alte Dame komplett auf die Knie und steckt ihren Kopf zwischen die Regale. "Aha!" höre ich es von unten rufen, sie hat offensichtlich gefunden, was sie sucht. Na dann wird sie ja gleich hoffentlich wieder herausgekrabbelt kommen, denn so langsam halten wir den ganzen Laden auf. Das Gute: Zombiemom steht immer noch vor verschlossenen Schranken und versucht genervt, ihren Kassenzettel einzuscannen, um endlich aus diesem verfluchten Laden herauszukommen!
Nur die alte Dame... sie möchte offensichlich weiter hinein, denn jetzt beginnt sie, zwischen den Süßigkeiten zu verschwinden. Stück für Stück kriecht sie vorwärts, ist mittlerweile bis zur Hüfte in das Regal gekrochen. Das kann doch irgendwie nicht richtig sein - so tief ist doch das dämliche Regal nicht! Aber weder ihr Kopf noch sonst irgendwas taucht auf der Rückseite des Regals wieder auf - stattdessen wird ihre Stimme immer leiser, während ich sie rufen höre: "Da hinten ist es, gleich habe ich es!" Und schließlich verschwinden auch die strampelnden Füße im Regal - und vor mir steht ein herren-, beziehungsweise damenloser Einkaufswagen. Äh, ja. Whatever. Ich lege einfach mal meine Einkäufe auf das Band und bezahle. Ein bisschen verwirrt. Aber immerhin habe ich jetzt Dosensuppe für heute Abend, und das zaubert mir ein breites Grinsen auf's Gesicht. Und das Grinsen wird noch breiter, als ich den Laden verlasse und tatsächlich an der mittlerweile laut zeternden, aber immer noch von der Schranke eingeschlossenen Zombiemama vorbeigehen kann.
Eat this, Beeee-atch!
post scriptum: Mehr Geschichten gefällig?
Der Wanderer - eine Schauermär
Expeditionen in's Badreich
Im Auge des Sturms
Die Zimtsterne - der Katastrophenthriller
Entschleunigung
Advent, Advent, das Drecksgör brennt
Expeditionen in die Tiefe
Bürokratiergehege 3 - Das Ministerium schlägt zurück
(unter "Bürokratiergehege" findet man per Blog-Suchmaschine auch die älteren Teile)
Donnerstag, 22. Februar 2018
Kein Tag wie jeder andere
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| Siebenhundert Jahre - bald... |
Donnerstag.
Es gab einen Lebensabschnitt, in dem ich mich sehr wohlgefühlt habe, und zwar die Zeit in St.Peter-Ording, das habe ich hier immer mal wieder erwähnt. Es hatte Gründe, warum ich mich damals so gut gefühlt hatte - irgendwas muss gestimmt haben, irgendwie muss die olle Areté das hingebogen haben.
Die Woche bestand damals für mich aus zwei Teilen: Drei Tage Arbeit im Block, mit so vielen Stunden wie nur irgend möglich, und vier freie Tage, an denen ich das Leben genießen konnte und die Schule vollkommen ausgeklammert habe. Das scheint ungewöhnlich zu sein, aber es hat super funktioniert und war immerhin Anwärter auf ein Puzzleteil im Puzzle des Lebens. Ich habe mir ernsthaft überlegt, ob ich vielleicht so mein Leben führen möchte: Einen Arbeitsblock und einen Freizeitblock.
Mein Gehirn kann nämlich nicht an einem Schultag abschalten. Das ist immer aktiv, rund um die Uhr geht es um die Schule, und deswegen ist es wichtig, dass ich einen Ausgleich dafür habe. Was die Zeit in St.Peter-Ording mit jetzt gemeinsam hat: Donnerstag ist der letzte Arbeitstag. Das wirkt sich tatsächlich aus, auf mein Gehirn und auf das Erleben des Tages.
Wenn ich von der Schule nach Hause komme, meditiere ich. In aller Ruhe. Ich verarbeite alle Eindrücke der Arbeitswoche, ich sortiere meine Gedanken, ich lasse positive Szenen Revue passieren. Ich bewerte mein Verhalten, ich denke darüber nach, was ich vielleicht anders machen sollte. Das alles mit der Vorfreude auf die freien Tage; dazu ein heißes Bad, um den angespannten Körper endlich mal zu entlasten.
Ich habe die Donnerstage damals geliebt - und genau deswegen bin ich so glücklich, dass ein guter Geist meinen freien Tag auf einen Freitag gelegt hat. Jetzt kann ich wieder meinen Arbeitsblock in der Woche abarbeiten, am Donnerstagabend dann meditieren, alles ordnen, regenerieren und mit freiem Kopf und gedanklicher Klarheit in drei freie Tage starten. Das bedeutet mir tatsächlich sehr viel - und deswegen schreibe ich hier jetzt nicht noch mehr, denn es wird Zeit für's Bad!
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