Donnerstag, 19. Oktober 2017

Der Teufel im Detail

Da fehlt doch irgendwas!

Ich habe vor einiger Zeit mein Bad ein wenig umdekoriert; dafür mussten sechzig Teile eines Fliesenbildes einzeln auf die jeweiligen Fliesen geklebt werden. Genau genommen habe ich nur sechsundfünfzig angebracht. Die Fliesen, bei denen die Toilette in die Wand übergeht, habe ich ausgelassen. Warum? Ich müsste die richtig kompliziert zurechtschneiden, und ich wüsste auch gar nicht, wie ich mich auf den Boden legen müsste, um die Kleber passgenau anzubringen. Viel zu schwierig, viel zu umständlich, das schaffe ich nicht. Und das fällt doch eh' nicht auf, weil es nur kleine Teilflächen der Fliesen sind, die hätten beklebt werden müssen.

Und so habe ich gefeiert, dass das Bild endlich fertig war, und war stolz auf meine Arbeit - hatte ich hier berichtet. Aber - irgendwas war nicht in Ordnung. Jedesmal, wenn ich in das Badezimmer gekommen bin, habe ich eine Sekunde gestoppt. Ich kann das nicht einfach ausblenden, dieses unfertige Stück da unten. Jedesmal, wenn ich die Tür in's Badreich öffne, muss ich nach unten links schauen. Also habe ich, auch wenn es umständlich war, auch die letzten Teile des Bildes ausgemessen und aufgeklebt.
Jetzt passt es, jetzt kann ich wieder entspannt auf's Klo gehen ;)

Das ist gar nicht mal so eine Kleinigkeit, dieses HSP. Hochsensible Person bezeichnet den Umstand, dass ich eine gesteigerte Sinneswahrnehmung besitze, Geräusche höre, die andere nicht hören, und jede unstimmige Kleinigkeit im Blickfeld bemerke. Das kann ziemlich nervig sein - der Gang in's Bad als Beispiel, oder aber wenn man den Kaugeräuschen einer anderen Person beim Essen zuhören "darf". Die Sannitanic kann ein Lied davon singen...

Dieses Phänomen hat, wie auch die Hochbegabung, noch nicht die Anerkennung, die es benötigt. Da wird noch einiges an Aufklärungsarbeit geleistet werden müssen und wir sollten uns dessen auch als Lehrkraft bewusst sein: Es gibt Schüler, die unter ihrer gesteigerten Wahrnehmung ernsthaft zu leiden haben. Also nicht die Augen vor der Andersartigkeit verschließen!

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Kinderkram

ohne Worte

Irgendwie habe ich auch schon in der Schulzeit sehr umständlich gedacht - dabei ist dieser Text herausgekommen, müsste so etwa vor fünfzehn Jahren gewesen sein (damals war noch alte Rechtschreibung, also noch etwas älter). Ich war ein sehr albernes Kind ;-)

Das chaostheoretische Kausalitätsprinzip
(und seine Anwendung)

Zunächst an einem einfachen Beispiel:

Wenn ein Pfau über ein Feld neben einer Landstraße stolziert, wird es etwas später regnen.

Denn: Wenn ein Autofahrer, der über eben diese Landstraße fährt, den Pfau erblickt, wird er fasziniert von dessen Schönheit nicht mehr auf die Straße achten, sondern den Wagen direkt in den Straßengraben fahren. Da seine Klamotten nun verdreckt sind, wird er sie zu Hause waschen und danach zum Trocknen draußen auf die Wäscheleine hängen. Weil es – und ich berufe mich hier auf Murphy´s Gesetze – nun immer gerade dann, wenn man die Wäsche raushängt, anfängt, zu regnen, ist die Theorie bestätigt.

Wenn ein Spiegel zerbricht, steht der Gemeinde neues Ackerland zur Verfügung.

Denn: Wenn dieser Spiegel erst zerbrochen ist, wird der abergläubische Mensch Selbstmord begehen, um den ihm drohenden sieben Jahren Pech zu entgehen. Da der Leichnam nun begraben werden muß, wenden sich die Hinterbliebenen an das nächstbeste Bestattungsinstitut. Weil dieses nun nicht das komfortabelste ist, haben sich in dem Sarg bereits Holzwürmer eingenistet. Nachdem der Tote dann begraben und der Sarg von den Würmern zerfressen worden ist, müssen sich diese auf die neue Umgebung, nämlich den Friedhofsboden umstellen. Dieser wird dann von den Würmern hervorragend aufgelockert. Wenn die Bauern dann sehen, was mit dem Boden passiert ist, säen sie sofort neues Saatgut aus und die Theorie ist bestätigt.

Wenn ein Lehrer eine besonders schwierige Aufgabe stellt, wird die Stadt verdursten.

Denn: Wenn diese besonders schwere Aufgabe gestellt wurde, muß der Klassenprimus an die Tafel, um sie zu lösen. Da der Klassenprimus im Allgemeinen unbeliebt bei seinen Klassenkameraden ist, stellt ihm einer auf seinem Weg nach vorne ein Bein. Wenn der Primus dann stolpert, verliert er seine ihm durch Vorurteile anvertraute Brille. Weil er sie ohne den richtigen Durchblick aber nicht wiederfindet, bleibt sie auf der Schultasche von einem Mitschüler liegen. Wenn nun die Sonne genau auf das Brillenglas und dann in des Mitschülers Tasche scheint, entzündet sie dort durch die Bündelung und Intensivierung der Strahlung zuerst ein Schulheft, welches dann die gesamte Schultasche in Brand steckt, was zunächst aber keiner merkt. Das Feuer greift über auf die Gardinen und schließlich auf das ganze Schulgebäude. Während die Schüler und Lehrer zunächst erschrocken den Brand von außen betrachten, frißt sich der Brand nach dem Prinzip Funke-im-Pulverfaß in Richtung Chemielabor fort und setzt schließlich die halbe Stadt in Flammen. Natürlich ist die Feuerwehr bereits verständigt und löscht das gewaltige Feuer, verbraucht dabei aber die gesamten Wasservorräte der Stadt. Wenn nun auch kein Trinkwasser mehr vorhanden ist, müssen die Einwohner verdursten und die Theorie ist bestätigt.

Wenn jemand früh aufsteht, wird die Weltbevölkerung vernichtet sein.

Denn: Wenn jemand früh aufsteht, bewahrheitet sich das Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“. Wenn dieser Mensch nun den Mund voller Goldstücke hat, wird er denken, er habe einen Sechser im Lotto. Da man aber nur einen Sechser im Lotto schafft, wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen, geht uns ein Vierteljahr verloren. Da im Jahr durchschnittlich mindestens ein Mensch früh aufsteht, müssen wir also ein Viertel der bereits verstrichenen Jahre den unseren hinzufügen. Wir haben also das Jahr 15000002500 nach Christus. Da nun aber in diesem Jahr die Erde von der Sonne verschlungen sein wird, ist die Weltbevölkerung vernichtet und die Theorie bestätigt.

Wenn es regnet und die Sonne scheint, wird die Stadt überschwemmt.

Denn: Wenn es regnet und dabei tatsächlich die Sonne scheint, entsteht ein Regenbogen. Weil es nun heißt, daß am Ende eines Regenbogens ein Topf voll Gold liegt, wird mindestens ein Mensch loslaufen und diesen Topf suchen. Schließlich findet er ihn. Da aber jeder Topf voll Gold einem Kobold gehört, wird der Kobold hinter dem Finder herjagen, um seinen Topf zurückzubekommen. Weil dieses eine Fee bemerkt und die Feen gute Freunde der Menschen sind, beschützt sie ihn. Dieser rennt dann sofort zur Bildzeitung, in der am nächsten Tag die Schlagzeile erscheint: Fee gesichtet! Diese Nachricht liest dann eine Familie mit Kindern. Als das Kleinkind aus dem Munde seiner Eltern den Ausdruck „Zeitungsente“ hört, bastelt es eine Ente aus Papier und läßt sie im Spülbecken schwimmen. Das verstopft daraufhin und überschwemmt die Wohnung. Da aber ein Unglück selten allein kommt und es in der Stadt viele Familien mit Kindern gibt, ist die Stadt bald überflutet und die Theorie bestätigt.

Wenn jemandem langweilig ist, wird die medienbegeisterte Menschheit ersticken.

Denn: Wenn diesem Menschen langweilig ist, wird er einen Handstand machen und Fliegen fangen. Ganz gemäß der beliebten Redewendung. Es gibt ein weiteres Sprichwort, das da lautet: Verrückt ist der, der verrücktes tut. Da Im-Handstand-Fliegen-fangen nun weiß Gott nicht das Alltäglichste ist, ist dieser Mensch verrückt. Wenn dann seine Mitmenschen diese verrückte Person sehen, werden sie sich denken: Der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wenn er aber nicht den Schrank voller strahlender Tassen hat, dann klappt´s auch nicht mit dem Nachbarn. Also hat dieser Mensch kein Calgonit. In diesem Fall wäre die Werbung leider umsonst gewesen; sonst hätte sich die Person ja Calgonit gekauft. Wenn Werbung aber umsonst ist, ist der Sender, der sich ja von der Werbung finanziert, bald pleite. Dann wird es auch keine Nachrichten mehr geben. Es wird also niemand mehr auf dem neuesten Stand sein. Weil man aber zu einer solchen Person, die wir dann ja alle sind, sagt: Du lebst ja hinter dem Mond! Werden wir eine kleine Reise dorthin machen müssen, um den Ansprüchen gerecht zu werden. Da es aber hinter dem Mond keine Atmosphäre gibt, wird die Menschheit ersticken und die Theorie ist bestätigt.

Montag, 16. Oktober 2017

Polterabend

Röm pöm klirr

Am Samstag habe ich erlebt, dass so ein Polterabend ein Panoptikon an Emotionen erzeugen kann:

Neugier

Wie sieht das Haus des Brautpaares aus? Wo genau wohnen sie? Wie sieht überhaupt der Zukünftige aus? Hat die Braut sich in all' diesen Jahren verändert? Wer wird noch da sein? Gibt es Neuigkeiten bei meiner Mitfahrgelegenheit? Solche Fragen helfen mir, den Gedanken abzuschütteln, dass ich vielleicht nicht würde hinfahren wollen, weil da so viele unbekannte Menschen sind. Die Neugier ist in diesem Fall stärker. 

Freude

Ich habe mich tatsächlich darüber gefreut, dass ich nun endlich mal das Geschirr loswerden konnte, was nicht wirklich in meinen Haushalt gepasst hat. Irgendwann hatte ich auf schwarze Teller, Tassen usw. umgestellt, aber aus meiner Husumer Zeit hatte ich noch ein weißes Service von Aldi, weil das billig war (das schwarze war auch billig, von Ikea), und das hat nun seinen Dienst getan. Mit dem richtigen Timing kann ein Polterabend also außerordentlich praktisch sein.

Spaß

Ich habe mich beinah scheckig gelacht, als wir uns schadenfroh angeschaut haben, wie das Brautpaar versucht hat, die Scherben zusammenzufegen und in einen Müllsack zu befördern. Das ist ja der Sinn eines Polterabends: Symbolisch soll das Paar erleben, wie wichtig es ist, dass sie ab jetzt alles im Leben zusammen durchstehen werden. Und damit das nicht zu einfach wird, haben einige Gäste zwischendurch den mühsam aufgekehrten Scherbenhaufen wieder mit den Füßen über die ganze Terrasse verteilt. Oder, noch etwas gemeiner, in einem unachtsamen Moment den Sack mit den Scherben genommen und fröhlich wieder ausgeschüttet. Sollten ja schließlich etwas davon haben, die beiden. Das war sehr spaßig.

Trauer

Nur für einen Moment, aber ganz unerwartet, als ich während der Autofahrt erfahren habe, dass eine ehemalige Kommilitonin aus dem Lateinstudium vor ein paar Jahren verstorben ist. Das lässt einen darüber nachdenken, in welchem Lebensabschnitt man sich befindet: Um einen herum heiraten die Menschen, bekommen Kinder, bauen Häuser... und es sterben die ersten Menschen, völlig unerwartet und deswegen umso berührender.

Sehnsucht

Das erklärt sich wohl ziemlich leicht. Wie gesagt, um mich herum all' die Paare, die gerade erst geheiratet haben oder in den nächsten Wochen und Monaten heiraten werden, und natürlich der Blick auf unser Hochzeitspaar, die sich dieser Tage kirchlich das Ja-Wort geben werden. Das lässt mich meine eigene Situation überdenken. Und auch wenn ich immer noch der Meinung bin, dass ich für eine feste Beziehung derzeit nicht bereit bin, weil ich zu sehr meine Freiheiten und meine Unabhängigkeit genieße, denke ich hin und wieder nur spaßeshalber darüber nach, wie es wohl wäre, wenn Er wieder in meinem Leben wäre.

Nostalgie

Irgendwie ist es schön, mal wieder einen Teil der alten Lateingruppe aus dem Studium wiederzusehen. Das erinnert an die gute alte Zeit. An das schöne Gefühl, dass man nicht allein ist mit seinem Sprung in der Schüssel; die Lateinstudenten hatten damals alle irgendwie ein Rad ab. Und das hat uns zusammengeschweißt und durch eine anstrengende Zeit geholfen. Und die Sannitanic lästert jetzt wieder: "Anstrengend? Du hast doch überhaupt nichts dafür getan!" Und sie hat ja Recht. Aber trotzdem war es eine intensive Zeit und ich habe mit einem Lächeln daran zurückgedacht.

Frust

Eigentlich sollte ich mit einem positiven Gefühl abschließen. Eigentlich sollte ich nicht schon wieder damit anfangen. Aber eigentlich sollte ich jetzt auch einen Job haben und nur deshalb zuhause herumsitzen, weil ich Herbstferien habe. Es ist nun mal so: Meine Mitfahrgelegenheit - verbeamtet. Die Polterlady - verbeamtet. Weitere Gäste auf der Party - verbeamtet. Und ich habe derzeit nicht mal mehr einen befristeten Arbeitsvertrag. Was sollte das in mir auslösen, wenn nicht Frust? Aber er hält sich gering, langsam komme ich wieder mit der Arbeitslosigkeit klar. Immerhin muss ich nicht verhungern, immerhin haben wir ein funktionierendes soziales Netz in Deutschland.

Kurzum: Auch wenn ich ein bisschen Angst davor hatte, dass es mir vielleicht zu viele Menschen sein könnten, war es ein sehr schöner Polterabend, ich gönne es der Braut von ganzem Herzen.

Und wann polterst Du?

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Buba-Revenge!

Oh ja, als Lehrer kann ich ein Lied davon singen...

Der Postbote weiß ja bereits, dass in dieser Wohnung ein Verrückter lebt. Das sieht er auch am psychedelisch beklebten Briefschlitz, durch den er heute eine Postkarte geschoben hat, die mich an Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen hat denken lassen. Ich halte die beiden für ein grandioses Duo, das waren sie früher schon in der vollkommen durchgeknallten Show Alles Nichts Oder?!. Sie keifen sich gegenseitig an, das Publikum liebt sowas. Er bezeichnet sie als "fette Schnecke", sie ihn als "altes Frettchen". Das Traumpaar der Privatsender, titelte der Spiegel vor neun Jahren.

Ich komme einfach nicht umhin, gewisse Parallelen zu mir und der großen Buba festzustellen. Die große Buba ist albern, Dr Hilarius ist alt ("...ich war auch mal so...") und wir können uns wunderbar gegenseitig beleidigen, nur um im nächsten Moment vor Lachen zu sterben und uns dabei synchron auf die Oberschenkel zu hauen.

Ich habe vor einiger Zeit einen völlig schwachsinnigen Brief an die große Buba geschickt, einfach nur, um zu sehen, ob ihre neue Adresse "funktioniert". Und nun kam die Retourkutsche; der Briefträger dürfte den Kopf geschüttelt haben, als er diese völlig schwachsinnige Postkarte in meinen Briefschlitz warf - wobei, nein, wie oben erwähnt, weiß er ja, dass ich ein Verrückter bin. Also dürfte das für ihn völlig normal sein:

Das nenne ich randömpömpöm...

Ich liebe diese Karte! Und ich habe tatsächlich einige Momente gebraucht, bis ich aus diesen herumfliegenden einzelnen Buchstaben das Wort KIST-HÄH! herausgefunden habe. Zeigt sich also: Die große Buba kann auch wegziehen, an einem weit entfernten Ort unterrichten, das ändert nichts an unserer Freundschaft. Beziehung.

Fette Schnecke und altes Frettchen.
Und wir unterhalten schon wieder den ganzen Laden:

"Geh du mal vor, ich renn sonst in die Tür rein. Oh, Zigaretten!

Ich brauche Paprika…. Ne rote Zwiebel und Ka---OOoh, Angebote! Addegebot-häh! A a a a

Wie peinlich, ich kann mich hier nicht mehr blicken lassen. Ach, du meinst die Kiste da vorne! Kist-HÄH?!

Dhei-DHÄH!! Gedhau gedhau. Was gibt es denn… Kekse, Suppen und Schokolade. Was für eine Kombi!

Das ist egal, Hauptsache, es ist billig. Geh mal da weg, da will jemand an dir vorbei. Wir unterhalten schon wieder den ganzen… Joghurt! Den brauche ich, ich hab meinen Einkaufszettel vergessen, ach nein, ich hab kein Geld dabei.

Ich hab Geld mit. Ich brauche auch Jogurt. Und saure Sahne…. Wo ist die denn… Und wo bist du eigentlich? Ach da, huch, ich hab schon wieder mit mir selbst geredet!

Wow, hast Du die Schwulen da vorne gesehen? Ja der Typ, der mit dem Mädchen rumknutscht, alles nur pseudo, guck Dir mal seine Fußstellung an, wo bleibst du denn? Ich brauch dich zum bezahlen. Bezahwen! Verzieh dich, oder es kracht…

Du dumme Thöööööhwe! Ach wie süß! Und wie verstohlen er zu uns rüber schaut. Darf ich den haben? Ich adoptiere ihn und du machst ihn schwul!

Bitte was? Der kauft Hackfleisch? Lass mal, der ist wahrscheinlich doch hetero. Und hier, du brauchtest doch saure Sahne, Angebot, die läuft ab am… gestern. Morgen musst du eh nicht ins Seminar, da macht es nix, wenn du Magenkrämpfe hast.

Du KUH! Na dankeschön! Ich nehme lieber eine frische, ich will ja nicht heute kochen. Ich brauche Pizz-HAH! Ist was im Angebot?

Cool, mir wird gar nicht schwindelig, wenn ich stehen bleibe! Und die Schwuchtel hat grad zu uns rübergeschaut, ich wette, der will dazugehören! Kannst du nicht diese doofen Tussis mit deinen Titten erschlagen? Oh Pizza! OHHHH, ich brauch die… warte mal… die, na du weißt, die haben so eine… mann, wo… oh nö, haben die hier… doch… nein… oh, ich glaube es gerade…

Oh, ich liebe die Prosciutto! Aber ich darf die nicht so oft essen sonst habe ich sie irgendwann über. Oh, guck mal, die doofen Tussis gaffen uns an, vielleicht sollten wir mal die Jurassic Park Diva raushängen lassen. HALLOOOOAAAARGHL!

Hör auf, sonst denken die, wir reden über sie! Wie peinlich… ich geh mal eben vier Regale weiter, damit die nicht denken, wir gehören zusammen. Ich komm dann wieder zurück, du kannst ja bis dahin Pizza anschauen. Und vielleicht höre ich so, was die kleine Schwuppe so zu sagen hat.

Ja toll, lass mich alleine mit meiner Entscheidung. Deinetwegen kaufe ich wieder vier Pizzen statt einer. Aber warte es mal ab, an der Kasse stehst du auch wieder mit fünf Teilen mehr in der Hand als geplant – und ich bin gerne Schuld!

Das ist wie wenn man sich vornimmt, bei McD nur einen Salat zu essen: „Ja, ich hätte gern ein Salat mit Joghurtdressing und ein Mineralwasser bitte.“ – „Joghurtdressing haben wir nicht mehr.“ – „Gut, dann nehme ich fünf BigMac, drei große Pommes mit Majo, zweimal Cola, vier Juniortüten und zwei McFlurry mit Erdbeer.“ a a a a a a a

Gedhau gedhau. Oh, McD wäre auch mal wieder eine Idee. Einmal im Jahr habe ich da auch Lu- oh, da fällt mir ein: KÄSE!

KWÄÄÄHSE! Und überhaupt hast du eben deine thöäarcht-Chance verpasst, als ich gesagt habe „ich glaube es gerade…“, ich glaube, du wirst hetero!

Bitt-HÖÖÖÄÄÄÄH??? Wann hast du das gesagt? Da war ich bestimmt mit dem Kopf im Kühlfach!

Ja eben, als wir über die Pizza geredet haben und ich keinen klaren Satz rausgebracht hatte! Aber nein, du warst ja wieder abgelenkt, ich konzentriere mich wenigstens auf das Wesentliche, so wie bei Resident Evil." (...und es wird niemals aufhören...)

Mittwoch, 11. Oktober 2017

"Rechte" Ästhetik

Nachtmahr

Die Voreingenommenheit der Menschen kennt keine Grenzen (ich nehme mich selbst da gar nicht aus), und darunter kann man als Mitglied der Schwarzen Szene tatsächlich leiden. Man bekommt missbilligende Blicke, Passanten machen einen großen Bogen. Und ich verwette mein linkes Auge, dass von allen Absagen, die ich bisher nach Vorstellungsgesprächen bekommen habe, mindestens die Hälfte durch mein Erscheinungsbild entstanden ist.

"Warum ziehst du dich nicht für das Vorstellungsgespräch ganz normal an, dann würden die Schulleitungsrunden nicht so misstrauisch werden."

Die Frage ist vollkommen berechtigt, aber ich habe mittlerweile eine Antwort parat. In meinem aktuellen Schulleitergutachten steht "Zunächst erregt [Dr Hilarius] mit seinem ungewöhnlichen Äußeren Aufmerksamkeit und Interesse" - wenn ich dann im Mainstream-Outfit erscheine, wundert sich der Schulleiter, wenn er das Gutachten gelesen hat (das tun nicht alle). Und gerade dieses Outfit ist es ja, was mir den Zugang zu bestimmten Schülern erleichtert. Wenn ich aufgrund meines Äußeren eine Absage bekomme, ist es vielleicht auch besser so, wer weiß, ob ich an solch einer Schule glücklich werde.

Und es gibt ja auch den entgegengesetzten Fall. Dass ein Schulleiter mich anschaut und direkt denkt "Genau so einen brauchen wir!" Das ist mir zweimal passiert, zuerst in St.Peter-Ording und dann in Brachenfeld. Ich hoffe, dass ich irgendwann an eine aufgeschlossene Schule komme. Mein Erscheinungsbild sagt etwas über mich aus, das ist klar, aber leider haben die Gothic-Stereotypen in den Köpfen der Menschen nichts mit mir zu tun.

Es kann allerdings auch anders sein, und genau darum geht es mir heute. Ich freue mich schon auf die Lost Souls, eine Szene-Party, die in der Traum GmbH stattfindet; nächste Woche Samstag ist es wieder soweit. Und ich werde mich entscheiden müssen, in welchem Outfit ich hingehe. Ich habe diverse Stile der Szene durchprobiert - Emo, Cybergoth, EBM... und genau beim EBM (Electronic Body Music) kann es kritisch werden.

Die Outfits gehen manchmal in Richtung Soldaten, Wehrmacht, Uniform, Schnürstiefel, Crew-Cut (Haare kurzrasiert). Ich finde, das hat einen gewissen Reiz. Aber diese Outfits kokettieren mit nationalsozialistischem Flair. Natürlich gehe ich davon aus, dass die Tanzfläche nicht mit Neonazis gefüllt ist, ich lerne ja langsam, nicht mehr so oberflächlich zu sein. Ich frage mich nur - wie weit darf man damit gehen?

Nehmen wir And One als Beispiel. Die Gruppe tritt elegant auf, aber die Songtexte enthalten etwas schwer verdauliche Häppchen: "Sei stolz, Deutscher, sei stolz!", "Steine sind Steine, alle an die Wand!", "Sieger ficken keine Tunten" - natürlich sind das alles gezielte Provokationen, aber manchmal, finde ich, übertreibt die Gruppe es mit ihrer Deutschtümelei.

Oder, die visuelle Komponente, man macht es wie Nachtmahr. Thomas Rainer hat das Projekt in eine Art Wehrmacht-Stil gehüllt. Wie schon gesagt, ich finde, das hat einen gewissen Reiz. Aber manchmal fällt es mir schwer zu glauben, dass da nicht irgendwo rassistische, nationalistische Tendenzen verborgen sind.


All' das ändert aber nichts daran, dass ich die Musik mag und mich auf die nächste Party freue!

Man könnte fast das Peace-Symbol übersehen...

Montag, 9. Oktober 2017

Gefühle - Addendum


Heute nur ein Nachtrag zum Eintrag über Liebe und Verantwortung von gestern.

"Wie erkennt man den Unterschied zwischen wahrem Mitgefühl und Idiotenmitgefühl?

Idiotenmitgefühl heißt, daß wir es immer allen Leuten recht machen und ihnen alles geben wollen, was sie sich wünschen, auch wenn es nicht wirklich gut für sie ist. Sie sind immer nett, immer bemutternd, immer lächelnd. Aber Sie sagen nie: "Nein. Das ist nicht in Ordnung." Sie ziehen keine Grenzen, was aber genau das sein könnte, was nötig ist.
   Wenn jemand zum Beispiel sehr aggressiv ist und seiner Umwelt schadet, dann wäre es Idiotenmitgefühl, wenn man ihm gegenüber beschwichtigend und ausgesprochen freundlich wäre, statt nein zu sagen. So verhält man sich aus Furcht, die Person könne einen nicht mögen oder es könnte zu einer unangenehmen Konfrontation kommen. Es kann auch sein, dass wir einfach zu erschöpft sind, um uns zu behaupten. Wenn Ihr Kind gerade seine Hand auf den heißen Ofen legen will, dann würden Sie natürlich niemals sagen: "Gut so, Liebes. Mach nur weiter." Sie würden lautstark "Halt!" schreien. Solch echtes Mitgefühl mag in manchen Momenten grob erscheinen, aber Idiotenmitgefühl ist überhaupt kein Mitgefühl - es ist eher so etwas wie Bequemlichkeit."

(Chödrön, Pema: "TONGLEN. Der tibetische Weg, mit sich selbst und anderen Freundschaft zu schließen." Halifax 2001, 90f.)

(vielleicht liest Er dieses Zitat irgendwann einmal)

Sonntag, 8. Oktober 2017

Die Verantwortung


Es geht um Gefühle. Genauer gesagt, um das Entstehen von Gefühlen und einer damit verbundenen Verantwortung.

Schauplatz der Handlung ist das schwule Netzwerk Gayromeo (und vielleicht auch die Weltraumbasis hier, aber dazu später mehr). Ach nee, mittlerweile heißt es PlanetRomeo, etwas neutraler. Klingt unsinnig? Keinesfalls: Die Community erstreckt sich über den ganzen Erdball, und auch in Länder, in denen Homosexualität ein Verbrechen ist. Da ist es gut, wenn man die Seite z.B. bei der Arbeit geöffnet hat, dass möglichst wenig darauf hindeutet, dass es um Schwule geht. Das kann den Job kosten. Oder die Freiheit. Im schlimmsten Fall das Leben. Ich benutze den Spitznamen der Community, Die Blauen Seiten. Wer das Grundprinzip noch nicht kennt - ich habe schon einmal darüber berichtet.

Ab und an kommt es vor, dass man Gleichgesinnte findet, zum Beispiel Männer mit dem gleichen Fetisch. Und so fängt man an, sich zu schreiben und mehr - wobei das "mehr" hier in Richtung Telefonsex (t6) oder Camsex (c6) geht. Oft ist ein Treffen nicht möglich, denn - je spezieller der Fetisch, umso schwieriger wird es, einen Partner dafür zu finden. Wenn man ihn gefunden hat, wohnt er oft hunderte Kilometer entfernt; deswegen verlässt man sich dann auf Telefon oder Webcam.

Ich habe also auch jemanden gefunden, der meine Neigungen teilt, und wir schreiben uns jetzt schon eine Weile und haben Spaß dabei. Nur leider wird es schwierig, wenn der Andere durchblicken lässt, dass bei ihm Gefühle für mich aufkommen. Ich hätte es am liebsten auf der sexuellen Ebene belassen. Aber, das weiß ja vermutlich jeder von uns, die Liebe richtet sich nicht nach Entfernung.

Heute habe ich ihm geschrieben, dass er sich nicht zu sehr hineinsteigern soll, weil mein Herz einem anderen Mann gehört. Das ist harsch, und vielleicht habe ich ihn damit auch zum Weinen gebracht. Aber es ist eben so. Vielleicht antwortet er mir jetzt nicht mehr. Vielleicht schreibe ich ihm, dass wir doch immerhin weiter texten können. Vielleicht wird er wütend und enttäuscht darauf nicht eingehen - who knows? Aber was hätte ich machen sollen?

Hätte ich ihm weiterhin immer genau das sagen sollen, was er hören wollte? Hätte ich ihm diese Fantasie nicht zerstören sollen? Sondern, im Gegenteil, mehren und mehren? Obwohl ich weiß, dass es nichts wird? Trotzdem einfach den netten Kontakt genießen, während der Andere sich immer stärker in mich verliebt?

Ich bin der Meinung, dass ich das nicht hätte tun sollen. Für mich ist es quasi eine Verantwortung, die Grenze zu ziehen, bevor es auf seiner Seite noch schlimmer wird. Das ist dann halt einmal unangenehm, aber wenigstens weiß er, was in meinem Kopf vor sich geht. Klar, seine Gefühle werden dadurch nicht geringer, aber ich denke, dass die Fronten damit geklärt sind.

Okay, von PlanetRomeo auf zur Weltraumbasis: Der "Hätte...?"-Absatz beschreibt nämlich genau das, was Er gemacht hat. Anfangs waren wir Kumpels, dann habe ich mich in ihn verliebt. Und als die Katze aus dem Sack war, wurde es kein Stück besser, denn Er tat nichts, um mich auf Abstand zu halten. Er hat alles gemacht, was ich wollte, Er hat mir alles gesagt, was ich hören wollte. Immer in dem Bewusstsein "Naja, Dr Hilarius weiß ja, dass ich nicht seine Zielgruppe bin." Und fertig. Auf diese Weise hatte Er ein gutes Gewissen. An den Konsequenzen haben wir bis heute zu knabbern und es wird noch ein ganzes Stück weiter gehen. Er hat das nie böse gemeint, Er hat nie mit mir gespielt - Er war einfach nur sehr naiv.

Manchmal geht mir der Gedanke durch den Kopf, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, wenn Er sich mir gegenüber so verhalten hätte wie ich auf PlanetRomeo. Es wäre quasi seine Verantwortung gewesen, gleich zu Beginn klipp und klar zu sagen "Nein, das wird nichts, und vielleicht sollten wir auch nicht mehr so viel zusammen machen".

Keine Sorge, ich verzehre mich nicht nach ihm, es ist nicht so, dass ich nur noch an ihn denke und dass ich alles für ihn tun würde. Das war einmal, mittlerweile sehe ich da etwas klarer. Ich komme wunderbar ohne ihn zurecht - aber ich möchte ihn nach wie vor in meinem Leben haben, und darauf warte ich. Auch Jahre, wenn es sein muss (es muss sein).

Ein schöner Spruch zu dieser Thematik:

"Treibe nie ein unaufrichtiges Spiel mit einem Herzen, das Dich aufrichtig und treu liebt. Es kommen Zeiten, in denen Du dich vor Schmerzen nach so einem Herzen sehnst."