Samstag, 30. Juni 2018

Immer schön geschmeidig bleiben!

Alles fließt, und das noch nicht einmal mit griechischen Schriftzeichen und Akzenten...

Klack! Klacker-klacker-klack! Klack-tacktack-tack-klacktack. PAFF!

Bei der großen Buba geht am Ende der ersten Zeile die Hand in die Höhe, weil sie genau weiß, dass ich damit die Geräusche meine, die beim Tippen entstehen, und ich habe eine Tendenz dazu, die Enter-Taste sehr energetisch zu drücken, gelinde gesagt. Und genauso klackert es auch jetzt gerade wieder, während diese Gedanken in den Blog gegossen werden.

Heute nachmittag hat es allerdings nicht geklackert, da war alles still, und trotzdem habe ich Dinge bei Google gesucht, Links angeklickt und vieles mehr. Meine Finger sind nicht über diese schwarze Plastiktastatur gewandert wie jetzt, sondern über den Touchscreen meines Notebooks. Wenn ich es aufklappe und vollständig umklappe, kann ich es im Tablet-Modus benutzen. Das ist heutzutage natürlich längst ein alter Hut. Zuerst habe ich das vor Jahren bei der Sannitanic gesehen, und nun hat es mich auch erwischt.

Dabei wollte ich das eigentlich gar nicht. Ich bin froh, wenn ich weiß, wie mein Notebook funktioniert. Wenn ich die Dinge unter Kontrolle habe. Aber zum Spaß habe ich heute nachmittag das Gerät entstöpselt, umgefaltet und mit auf die Couch genommen, um mich der intuitiven Steuerung hinzugeben, und es hat wunderbar geklappt. Sicherlich habe ich Entwicklungspotential im Umgang mit dem Notebook als Tablet, aber ein erster Schritt ist geschafft. Mal schauen, vielleicht ist es ja praktischer als das klassische Notebook.

Eines der Labels, die ich in diesem Blog verwende, heißt Home Improvement. Verbesserung meiner Wohnung, sozusagen. Ich versuche, mir das Leben praktischer zu machen, weil ich mir so oft im Weg stehe; so bin ich erst nach dreieinhalb Jahren in Hassee auf die Idee gekommen, meine Meditationsposition innerhalb der Soundscape der Anlage um neunzig Grad zu drehen, um die Klänge so erleben zu können, wie sie vorgesehen sind. Seitdem meditiere ich nur noch in der neuen Position.

Aber eigentlich hat ja vorher auch alles funktioniert und ich war ganz zufrieden. Zeit für Hochbegabung und einen Hauch von Autismus: Ich mag Sicherheiten. Ich mag es, wenn Dinge sich nicht unerwartet ändern, sondern alles so läuft wie geplant, so aussieht, wie es aussehen soll, und das ergibt sich daher: Im Kopf bin ich immer schon drei Schritte weiter als das, was ich mache. Wenn ich an der Achterbahn Kärnan anstehe, bin ich in Gedanken schon wieder zuhause und genieße die Meditation. Wenn ich in der Schule bin, sind meine Gedanken mit der Gestaltung des Nachmittags beschäftigt.

Das geht auch soweit gut, denn als Hochbegabter weiß man, wie Dinge funktionieren (sollten), und kann einen verlässlichen Ablauf der Dinge im Kopf haben, die dann zu dem Gedankenstatus "drei Schritte weiter" führen. Wenn aber eine Unregelmäßigkeit auftritt, gerät die ganze Ursache-Wirkung-Kette in's Wanken und das Resultat ist nicht mehr sicher. Ich muss umgehend alles neu planen. Richtige Beobachtung: "Lebe den Moment" ist für einen HB eine echte Herausforderung - oder zumindest für mich. War interessant zu sehen, wie das als Teil des Filmkonzeptes zu Arrival (2016) verwendet wurde.

Sichere Abläufe verschaffen mir geistige Ruhe. Klare, strukturierte Abläufe, auf die ich mich verlassen kann, tun mir gut. Und mit diesem Mindset denke ich mir also: "Warum soll ich den Tabletmodus nutzen, wenn es doch gut funktioniert, so wie es ist. Das wäre nur eine Störung, eine neue Situation, auf die ich mich einstellen muss." Und wir reden hier nicht von Kleinigkeiten; ein Autist, oder ein Asperger, kann sich den ganzen Tag ruinieren, wenn er es nicht schafft, mit einer unerwarteten Situation klarzukommen. Hatte ich in SPO und NMS als Schüler, Wutausbrüche, Handgreiflichkeiten, es muss eine Qual für die Schüler gewesen sein.

Aber es führt kein Weg drumherum: Ich muss versuchen, mir etwas Flexibilität zu bewahren. Um mithalten zu können mit den Entwicklungen, die da draußen in der Welt vor sich gehen. Ich habe noch immer kein eigenes Handy, bzw. Smartphone. Ich habe diesen "Luxus" sehr genossen, jahrelang. Wozu sollte ich ein Handy brauchen? Dann muss ich wieder lernen, wie man damit umgeht, und dann bin ich ja auf einmal immer erreichbar, und überhaupt würde es eine Ewigkeit dauern, bis ich mich mit dieser neuen Situation arrangiert habe. Ich vermute, ein Handy ist eine neue Situation. Eine, die Auswirkungen haben kann.

Ich gebe zu, als ich mein Notebook heute nachmittag im Tabletmodus benutzt habe - das war einfach toll! Ich konnte es ohne Probleme längs oder hochkant stellen, das Bild wurde mitgedreht, die Bildschirmtastatur ist immer bereit, ich kann Dinge auf dem Bildschirm nach links und rechts wischen, um mir die wichtigen Sachen herauszusuchen... wie oben schon beschrieben: Das ist ein alter Hut, das machen doch alle so, und das seit Jahren. Ja, aber ich hänge hinterher. Weil es für mich bedeutet, gewissermaßen, aus dieser sicheren Hülle auszubrechen und mich weiterzuentwickeln.

Nun dürfte sich ablesen lassen, dass ich mir nach Jahren der Verweigerung in diesem Sommer endlich ein Smartphone zulegen werde. Ich brauche dafür ganz viel Beratung von meinen Freunden. Es fühlt sich an, als müsste ich zum Zahnarzt gehen, wirklich. Wobei das ein blödes Beispiel ist, denn zum Zahnarzt gehe ich dank buddhistischer Denkart mittlerweile gern.

Dr Hilarius, immer schön geschmeidig bleiben, um nicht zu verhärten!

post scriptum: Ich verlinke diesen Artikel auf der linken Seite unter "Thema Flexibilität", vielleicht geht es ja auch anderen HBs so, oder Autisten, die diesen Blog lesen.

Freitag, 29. Juni 2018

Was aus uns geworden ist...


Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie Menschen sich entwickeln. Ein beliebtes Thema zum Sinnieren: Damals war ich so, heute bin ich ganz anders. Ich habe heute einen Film gesehen, der sich dem Thema widmet. Gut, eigentlich ist das nichts Ungewöhnliches, gerne werden Lebensläufe verfilmt und man begleitet den Filmcharakter über mehrere Jahre seines Lebens, so wie ich das neulich bei Moonlight (2016) gemacht habe. In jenem Film waren die einzelnen Lebensabschnitte so weit auseinander, dass man drei unterschiedliche Darsteller engagiert hat. Wenn es nicht ganz so gewaltige Alterssprünge sind, dann kann man auch einen Schauspieler nehmen und mit Make Up-Effekten wahre Wunder bewirken. Wie bei The Tree of Life (2011); keine Wunder, aber Brad Pitt und Andere über mehrere Jahre Storytime beobachtet.

Oder man macht es komplett ohne Spezialeffekte. Oder, wenn man es so will, mit einem ganz besonderen Spezialeffekt: der Zeit. Den heutigen Film hat Richard Linklater gedreht; für mich besonders interessant, weil ich Linklater schon in meiner Examensarbeit bei Slacker (1991) über den Weg gelaufen bin. Dieser Regisseur scheint gern zu experimentieren - so hat er damals einen Film geschaffen ohne festen Plot, ohne Hauptdarsteller, einfach ein Alltag in Austin, Texas. Keine Szene länger als zehn Minuten, kaum hat man einen neuen Charakter getroffen, verschwindet er auch schon wieder.

Boyhood (2014) ist ein weiteres erfolgreiches Experiment gewesen: Zweitausendzwei hat Linklater angefangen, zu filmen, nur mit groben Plotpoints, das Ende des Films stand fest, alles davor war flexibel. Sein Ziel: Eine Kindheit zu filmen (daher der Titel), und zwar mit realem Verstreichen der Jahre. Zwölf Jahre hat Linklater an diesem Film gearbeitet, und seine Hauptfigur Mason (Ellar Coltrane) wächst heran in einer Patchworkfamilie.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens durchzieht den gesamten Film. Was ist der Sinn des Lebens für einen zehnjährigen? Fünfzehnjährigen? Fünfundzwanzigjährigen? Mit Patricia Arquette und Ethan Hawke stehen ihm zwei Veteranendarsteller zur Seite (Arquette erhielt dafür den Academy Award). Masons Mutter fragt sich selbst, woraus das Leben besteht, an einem kritischen Punkt beklagt sie "I thought that there would be something more..." - sie hat geheiratet, Kinder bekommen, geschieden, neu geheiratet, Kinder großgezogen, Studium nachgeholt, Job als Dozentin aufgenommen - doch als sie den dann volljährigen Mason Richtung College entlässt, scheint von ihrem Leben nichts mehr übrig zu sein - während Mason selbst gerade erst angefangen hat, das Leben zu erleben.

Mich hat beeindruckt, dass Linklater dieses Experiment tatsächlich durchgezogen hat. Zwölf Jahre lang. Und damit kann man getrost sagen, dass dies ein einzigartiger Film ist. Über knapp drei Stunden habe ich das Aufwachsen Masons angesehen. Ich habe mich an meine eigene Jugend erinnert gefühlt, so viel Bekanntes, Anderes neu. Ich fand es spannend, zu beobachten, wie Mason sich verändert: Anfangs typisch kleiner Junge, dann werden die Haare länger, es kommen Piercings, Nagellack, ein sehr eigener Stil - und es war toll zu erleben, wie die Figuren sich damit auseinandersetzen, was wir uns vom Leben erhoffen. Die Kritik scheint auch begeistert gewesen zu sein, sonst wären nicht siebenundneunzig Prozent der Rezensionen auf rottentomatoes.com positiv, und es gab eine ganze Menge Preise.

Jugend als Timelapse. Und immer wieder habe ich mich beim Ansehen selbst hinterfragt. Was habe ich gemacht? Was ist aus mir geworden? Wie waren meine Pläne damals, wie sind sie heute? Was erhoffe ich mir vom Leben?

Ein echtes Erlebnis.

Mittwoch, 27. Juni 2018

Deutschland, Deine Probleme

Beim Bowling dreht niemand ab...

Sie sind raus. Die Deutschen sind nicht mehr Teil der Weltmeisterschaft im Herrenfußball. Spannend: Beim Frauenfußball würde das Ausscheiden bei Weitem nicht so emotional erlebt werden. Und vor allem ist die Berichterstattung über das Ausscheiden an diesem Tag viel wichtiger als alles Andere. Die Lifeline-Flüchtlinge? Who cares. Seehofers Art der "Humanität"? Yeah, whatever. Menschen sterben jeden Tag auf der Welt. Aber eine Fußball-WM zu versauen, das kann man nur alle vier Jahre, also sollte das gebührend zelebriert werden. Heißt in meinem Fall, dass ich am Tag danach in der Schule mit ein paar meiner Schüler anstoßen werde, denn ich bin nicht der Einzige, der bei "Fußball" eher Ekel empfindet über die riesigen Geldmengen, die fließen, über Hooligans und die deutsche Überheblichkeit.

Ich kann mich ja nicht davon freisprechen, in den Dingen, die ich als Probleme empfinde, manchmal eine nicht nachvollziehbare Priorität zu setzen. Ich jammere auch über sehr komische Dinge; so hoffe ich seit einiger Zeit, nicht zu Auswahlgesprächen an Gymnasien eingeladen zu werden (weil ich ja eine andere Schulart bevorzuge: Was soll ich tun, falls ich tatsächlich eine Zusage bekomme?) - wo eine sehr gute Freundin sich freuen würde, überhaupt zu diesen Gesprächen eingeladen zu werden.

Also sollte ich nicht über diesen heutigen Abend lästern. Ich finde es nur immer wieder erstaunlich: Wenn ich einen Lederball trete, kann ich damit Millionen Euro verdiene. Wenn ich dagegen Schulkinder erziehe, präge, ihnen helfe und für ihre Entwicklung Verantwortung übernehme, bekomme ich nicht einmal einen Job.

Seit ich mich mit dem Buddhismus beschäftige, sind all' diese Meckereien nicht mehr wirklich bedeutsam für mich, ich bin ruhiger geworden, zum Glück. Wobei... dass ich hinsichtlich der fußballerischen Niederlage so überhaupt keine authentischen Gefühlsregungen zeige, war auch schon vor dem Buddhismus so. Ich werde wohl nie die klischeeige Bier-Fußball-Hete werden.

So ein Pech.

Dienstag, 26. Juni 2018

Kollegenkind

Bloß nicht... (NIEHCHT sagt die fette Schnecke)

Meine Mutter war Grundschullehrerin mit Leib und Seele, und wenn man in einem kleinen Dorf aufwächst und nicht so viele Grundschulen im näheren Umkreis sind, dann kann es durchaus vorkommen, dass man als kleiner Steppke auf die Schule seiner Mutter geht. So war es also auch bei mir, und naiv, wie ich nun mal war (und bin), habe ich mich gewundert, was für ein Zufall es doch ist, dass ich nie bei meiner Mama Unterricht hatte. Von den Implikationen hatte ich damals doch keinen Schimmer.

Mittlerweile bin ich einen Schritt weiter, und hätte ich selbst Kinder, würde ich auch darum kämpfen, nicht in ihren Klassen zu unterrichten. Was sich allerdings nicht vermeiden lässt, ist, dass man die Kinder eines Kollegen unterrichtet, und das kann sich auf das eigene Erleben des Unterrichts auswirken. Ich habe das damals an meiner ersten Schule erlebt, in der ich die Tochter eines Kollegen in Latein hatte. In den ersten Wochen war mir das überhaupt nicht bewusst, weil ich immer nur die Vornamen im Kopf habe - erst mit den ersten richtigen Notengesprächen ist mir das bewusst geworden.

Und das muss ja auch gar nichts Schlimmes bedeuten, erst recht nicht, wenn das Kind ein guter, vorbildlicher Schüler ist - oder wenn man sich zumindest über die Benotung einig werden kann, wenn ein Verständnis erzeugt wird und das nicht unter Umständen eine private Freundschaft belastet. Eigentlich geht das gut.

Und Du arbeitest ja auch an der Transparenz Deiner Noten: Du teilst zweimal pro Halbjahr die mündlichen Noten mit, dokumentierst sie genauso wie die Klärung der Bewertungsgrundlagen im Kursbuch. Wenn ein Schüler stark abzurutschen droht, suchst Du natürlich das Elterngespräch - mit Deinem Kollegen genau wie mit jedem anderen Elternteil, wo das zutrifft, und natürlich mit der Klassenleitung. Deine Klausuren sind nachvollziehbar und konform mit den Fachanforderungen, und wenn es nötig ist, hast Du sie Dir von Deiner Schulleitung genehmigen lassen. Du hältst Deine Schülerin kontinuierlich über ihren Leistungsstand auf dem Laufenden, und dann gibt es auch keine Probleme.

Eigentlich.

Aber was, wenn Dein Kollege der Meinung ist, dass seine Tochter eine andere Note verdient hat? Trotz jeglicher belastbaren, anderslautenden Bewertunsgrundlage? Was, wenn er da auch nicht mehr mit sich reden lässt? Und Du nicht nachvollziehen kannst, weshalb Du nur wegen des elterlichen Unmuts die Note hochziehen solltest? Was machst Du dann? Was mache ich dann, wie soll ich mich verhalten?

Zum Glück ist es noch nie zu dieser Situation gekommen, weil ich wirklich nicht wüsste, wie ich damit umgehen soll. Aber das ist einer der Gründe, warum ich es manchmal heikel finde, Kollegenkinder zu unterrichten: Ich fühle mich wieder wie auf dem Prüfungsstuhl, jede Unterrichtseinheit wird kontrolliert, jede Klassenarbeit wird dreimal nachkorrigiert und das Vertrauen in meine fachliche Beurteilungskompetenz ist gleich null.

Zeit für Professionalität - auf beiden Seiten.

Samstag, 23. Juni 2018

Startschuss

Bald wird das Bild in diesem Blog nicht mehr nötig sein...

"Who is you?"

Es muss Zufall gewesen sein, dass ich vor ein paar Tagen einen Beitrag darüber geschrieben habe, wie ich mich definiere, und wie diese Definitionen sich über die Jahre verändert haben. All' das bin ich, die Summe des Beschriebenen, und mehr. Es muss Zufall gewesen sein, dass ich gestern den Film Moonlight (2016) gesehen habe, in dem es auf bemerkenswerte Weise um Identitätsfindung geht. Bemerkenswert, weil der Film ausschließlich afroamerikanische Darsteller zeigt. Bemerkenswert, wie er mit dem coming of age umgeht. Bemerkenswert, wie er die Frage Who is you nicht beantwortet, sondern zwei Stunden lang beleuchtet, so dass der Zuschauer am Ende nicht mehr braucht als die Antwort I'm me und die Umarmung zweier Männer. Ähnlich wie in The Shawshank Redemption (1994), aber es hat mir besser gefallen, weil zwei pikante Themen diskutiert werden, nämlich The Black Experience und Homosexualität, beides nicht nur in den USA mit einem immer noch großen Entwicklungspotential. Wir sind noch nicht so weit, wie wir vielleicht manchmal denken.

Das hier wird keine Filmrezension. Und es geht mir auch nicht um Schwule oder überhaupt irgendwelche Minderheiten. Ich musste nur kurz mein Mindset von gestern Abend loswerden, um jetzt mit freiem Kopf die heutigen Gedanken niederzuschreiben.

Die Kieler Woche ist so gut wie um und irgendwas war diesmal anders. Nicht die überfüllten Busse mit den wehenden Fähnchen. Nicht die großen Barrieresäcke, die verhindern sollten, dass jemand ein Fahrzeug in eine Menschenmenge steuert (traurig, aber tempora mutantur). Was mir gefehlt hat, war das typische KiWo-Wetter. In den vergangenen vierzehn Jahren konnte ich mich eigentlich immer darauf verlassen, dass pünktlich zum Start der KiWo das sommerliche Wetter verschwindet und Platz macht für Regen, Wind und Kälte. Aber nicht in Zweitausendachtzehn! Da blieb das Wetter von Anfang an fantastisch, strahlende Sonne, kaum Wolken, verdorrende Felder, hundertvierzig Grad Fahrenheit in einem dieser total überfüllten Busse, die aufgrund der Kleiner-Kiel-Kanal-Sperrung ewig brauchen, eine Dreiviertelstunde lang stehen inmitten von schwitzenden Menschen, während ich nur noch nach Hause möchte, um den Schulstress abzuschütteln.

Doch nun ist es zu guter Letzt so gekommen, wie wir es eigentlich gewohnt sind. Seit einiger Zeit ist es kalt, grau und nass. Die Kälte bemerke ich in meiner ungeschützten Wohnung bei abgeschalteter Heizung besonders gut, da ist zur Zeit nichts mehr mit "nackt durch die Wohnung laufen", eher sollte ich Handschuhe tragen.

Aber die Kälte hat auch ihre Vorteile: Ich komme endlich in die Hufe für das Schulfinale. In knapp zwei Wochen werden die befristeten Kollegen verabschiedet, dazu gehöre auch ich und möchte dem Kollegium ein kleines Bonmot zum Schluss schenken (Thalia, Du Rampensau!) - endlich fange ich an, daran zu arbeiten und den Text zu lernen. Endlich lerne ich auch meinen Text für die Verabschiedung des Chefs. Endlich zimmere ich die letzten Noten und meinen Abschiedsunterricht zurecht (wobei ich mir vorstellen könnte, dass der an der KGS lieber klassische Fachvermittlung beinhalten sollte). Endlich putze ich das Bad. Endlich mache ich das Video, damit Er mich wieder einmal zu Gesicht bekommt.

Dass ausgerechnet dieses Scheißwetter sich für mich wie ein Startschuss anfühlen würde, hätte ich nicht gedacht - wobei es gar nicht so ungewöhnlich ist. Es tut einfach gut, einmal aus dieser lähmenden Hitze herausgerissen zu werden. Auf in die letzten zwei Schulwochen!

Freitag, 22. Juni 2018

"Hast du dich schon beworben?"


Das ist eine rhetorische Frage, wann immer mein aktueller Arbeitsvertrag ausläuft. Ja, natürlich habe ich mich beworben, muss mal schauen, ob was zurückkommt...

...ist der Standardsatz, den ich Kollegen entgegenklatsche, die mich nicht kennen. Ich habe gelernt, dass manche Menschen genau das hören wollen.

Wer mich kennt, ahnt, dass ich es noch nicht gemacht habe. Nix da. Keine Bewerbungen, keine Anfragen, gar nichts, und somit möchte ich ein kurzes Gespräch aus dem Arbeitszimmer der Schule wiedergeben, das tatsächlich unlängst so stattgefunden hat. Teilnehmer sind Dr Hilarius (H) und eine unglaublich freundliche, aufgeschlossene Kollegin (K).

K: "Und, hast du dich schon beworben?"
H: "Wenn du so fragst - nein, habe ich nicht."
K: "Äh... warum denn nicht?"
H: "Hmmm... das kann ich dir gar nicht so einfach sagen." 
K: "Und wo gehst du dann im Sommer hin?"
H: "In die Arbeitslosigkeit."
K: "Ja, aber das wird doch jetzt Zeit, ich hab' dir doch die Schule meiner Freundin empfohlen, warum hast du da nicht nachgefragt?"
H: "Weil es im Moment in meinem Gehirn tatsächlich Dinge gibt, die mir wichtiger sind, an die denke ich, und manchmal verliere ich Anderes dabei aus dem Blick."
K: "Wie jetzt, eine Arbeit und das Geld sind dir also egal?"
H: "Nein. Es ist nur so, dass mein Job nicht meine Top-Priorität im Leben ist."

Und da war es dann wieder, das verständnislose Gesicht meines Gegenübers. Die Frage, die mich tatsächlich in's Mark getroffen hat, war "Äh... warum denn nicht?" - denn auf der Suche nach der Antwort musste ich mir die Frage selbst stellen. Mich vor meinen inneren Spiegel stellen und fragen:

"Worauf wartest du? Sollen die Angebote von ganz allein kommen? Wie weit willst du es noch hinausschieben? Kannst du dir nicht endlich wieder Notizzettel machen mit den Dingen, die wirklich wichtig sind???"

N E I N

Und genau an der Stelle wird für mich eben doch wieder fühlbar, wie mich die Hochbegabung behindert. Ich stürze mich geistig auf alles, was mich interessiert, mit voller Inbrunst, auf verhaltensauffällige Schüler, Elterngespräche, Verabschiedungstexte, die ich auswendig lernen muss, bin mit Feuer und Flamme dabei - und vernachlässige dabei quasi meine eigene Lebenssicherung.

Das muss total bescheuert klingen.

Ich bewundere meine hochbegabte Kollegin mit Mann und vier Kindern, die alles wuppt und ihr Gehirn voll unter Kontrolle hat. Da läuft alles so, wie es soll, und so geht es vielen Hochbegabten. Ich bewundere sie alle.

Und stehe mir derweil weiter im Weg.

post scriptum: Heute habe ich dann endlich meine Bewerbungsunterlagen aktualisiert (auf einen Wink der Sannitanic hin), ging ja vorher nicht, weil mein Notebook und mein Drucker kaputt waren - Reparatur? Ist grad nicht so wichtig! - und ich werde mal versuchen, mich gedanklich von der KGS zu lösen. Wird Zeit. Ich bin viel zu tief hineingerutscht.

Mittwoch, 20. Juni 2018

Sex mit Schwertern


Lateinlehrer ahnen, was kommt: Stilblüten aus einer Lateinklausur, die Krönung zuerst:

"Und er führte das Eisen, das er sich umgeschnallt hatte, in ihre Lenden ein."
quoque accinctus erat, demisit in ilia ferrum
eigentlich: "Und er rammte das Schwert, mit dem er bewaffnet war, in seinen Unterleib."

Ovid, wie er leibte und liebte. Inklusive Umschnalldildo. Das klingt klassisch nach Schüler: Ich weiß nicht, was der Satz bedeuten soll, also bastele ich ihn mir so zurecht, wie ich mir das vorstelle. Und am Ende nicht Korrekturlesen, das verdirbt nur den Spaß. Dann würde solch' ein Satzbau auffallen:

"Ich habe dich getötet, du Arme, am Furcht erfüllten Ort, den ich nachts guthieß du sollst kommen, und nicht ich komme als Früherer hierhin."

Und jeder von uns kennt Antworten, die man kaum entziffern kann:

"Pyramus ih ein Kleidungsstük aus Titte abmeld, unft sich du Tod zu sie nachts denthingeschikt zu haben, und sagt du Löra, den sie sen Hut and zehren sollten, verl er es nicht anhölt..."

Und immer diese kitschigen Selbstmorde:

"Pyramus' Vorwürfe sind zwar berechtigt, er hat schließlich mit zugestimmt, sich in einem Wald voller Löwen zu treffen, jedoch hätte Schlimmeres verhindert werden können, wenn er sich nicht nach drei Minuten Monolog in sein Schwert gestürzt hätte." (halber Extrapunkt!)

Auf die Frage "Was sind die Metamorphosen?" nach vier Monaten Unterrichtsthema diese Antwort:

"Ich vermute, dass eine Metamorphose eine Geschichte ist, in der Menschen zu etwas "fabelhaften" werden oder sich Götter zu Lebewesen verwandeln. Da ich in vielen Serien etwas von "Meta-Wesen" höre und dies Menschen waren und jetzt bestimmte Fähigkeiten haben."

Satzbau, die Zweite:

" Von welchen das lange zerstörte Leben war, ist unsere Leidenschaft schuldig: Ich dich, du Arme, ich tötete." - "Durch welches war langes, würdiges Leben unser, jenes Tier schuldig sein." - "Aus welcher jener ein langes, würdiges Leben machte, es ist unser schuldiger Geist."

So, ich nehme mir jetzt zum Kuscheln mein Kleidungsstück aus Titte und gehe in's Bett!