Freitag, 8. Dezember 2017

Carepaket & Dosensuppe

Schwuler kann ein Carepaket kaum sein ;-)

Wie es mir geht, kann ich meistens an meinem Essverhalten feststellen. Klar könnte ich auch einfach in mich hineinhorchen und dann sagen "Och, eigentlich geht's mir ganz gut!" - aber zu oft kommt es vor, dass ich mich damit selbst belüge. Vielleicht, um mich zu beruhigen. Vielleicht, weil ich der Wahrheit nicht in's Auge sehen will. Das Essen bietet mir da eine viel treffendere Diagnose.

Wenn ich asketisch lebe, geht es mir in der Regel gut. Das klingt vielleicht anfangs widersprüchlich ("So selten und so wenig zu essen, wie kann es dir damit gut gehen?"), aber es lässt sich mit meinem Mindset erklären: Hin und wieder habe ich hier im Blog erwähnt, dass einige Ideen des Buddhismus für mich sehr einleuchtend klingen (irgendwann möchte ich mir mal die Lojong-Losungen ausdrucken). Ein wichtiger Gedanke ist Achtsamkeit. Ich soll achtsam durch's Leben gehen. Darauf achten, was ich tue, wie ich rede, was ich für wertvoll erachte, was ich esse. Das klingt einfach, aber wie oft kommt es vor, dass ich in einem Impuls dagegen verstoße! Oh warte, ich nehme noch schnell dies und das beim Einkaufen mit. Ach, zur Feier des Tages gönne ich mir mal Fast Food. Es gibt viele solcher Beispiele.

Wenn es mir gut geht, habe ich gedankliche Ordnung in meinem Kopf. Ich habe den Überblick über die Dinge und brauche nicht viel Zeit, um alles zu sortieren. Ich habe also mehr freie Zeit im Gehirn, und die kann ich nutzen, um achtsam zu sein und zu überlegen, was ich esse, wie ich rede, wie ich meine Zeit verbringe. Ich habe die gedankliche Freiheit, mir zu sagen "Ich möchte jetzt eine Weile asketisch leben." und das auch durchzuziehen.

Der Umkehrschluss: Wenn ich einfach alles Mögliche esse, Fertiggerichte, Dosensuppe, haufenweise Naschkram (obwohl ich genau weiß, dass meine Haut mir nicht dafür danken wird), dann ist das ein Symptom dafür, dass ich keine gedankliche Freiheit habe. Dass ich nicht den Überblick habe. Dass etwas nicht in Ordnung ist, und schließlich: Dass es mir eben doch nicht gut geht, auch wenn ich mir das noch so oft einrede.

Und dann das: Auf dem Weg nach draußen kommt mir der Paketbote entgegen, "Haben sie zufällig etwas für Homann dabei?" - "Zufällig ja!" und ich bin wieder auf dem Weg nach oben. Die große Buba hat es mal wieder geschafft und den Tag gerettet. Sie hat mir ein Carepaket geschickt, das wirklich ALLES enthält, was der Doc für einen Meditationstag braucht. Ich bin richtig glücklich! Das war einfach gutes Timing - aber eine Frage bleibt: Warum hast Du eine Taschentuchbox in das Paket gelegt, die große Buba?

Statt Dosensuppe esse ich jetzt eine belgische Waffel.

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Bewegte Tage

Es darf wieder Latein unterrichtet werden!

Ich habe Arbeit. Es dauert erstaunlich lange, das zu realisieren. Ich jedenfalls habe das noch nicht realisiert. Ich funktioniere momentan einfach nur. Würde ich realisiert haben, dass ich jetzt an einer neuen Schule tätig bin, hätte ich wesentlich mehr schulische Dinge geregelt. Bisher bin ich nur in die Schule gegangen, habe Unterricht gegeben, bin wieder nach Hause gegangen. Videospiele. Offensichtlich ist es an der Zeit, die vergangenen vier Tage zu rekapitulieren.

Oder zumindest gestern und heute - meine beiden ersten Schultage. Ich habe meine Lerngruppen kennengelernt, und sie mich. So wie ich das immer mache: Auf dem Fußboden. Im Sitzkreis, ein bisschen Gemeinschaftsgefühl schaffen. Kann nicht schaden, wenn die normale Sitzordnung das Reihensystem ist. Ich kann damit nicht arbeiten. In meinem Kopf fühlt sich das an wie eine Kriegssituation, Schüler gegen Lehrer, und deswegen mache ich auf diese Weise keinen Unterricht. Deswegen der Sitzkreis zum Kennenlernen, und dann geht es (je nach Praktikabilität) in meinen Stunden in's U oder O.

Ich möchte, dass wir miteinander kommunizieren und arbeiten. Ich möchte nicht etwas vordozieren, was die Schüler dann brav in ihre Hefte übertragen. Ich möchte lebendigen Unterricht haben. Und wenn das bedeutet, dass wir die ersten paar Minuten jeder Stunde nutzen müssen, um die Tische und Stühle umzustellen, dann ist das eben so. Auch wenn ich nur ein paar Wochen an der Schule sein werde, verrate ich nicht meine Prinzipien.

Ich habe ein bisschen gestaunt, dass alle Schüler sich ohne Widerworte auf den Fußboden gesetzt haben, und das, obwohl der recht dreckig war. In allen Lerngruppen. An anderen Schulen war der Fußboden blitzblank, und dennoch haben sich Schüler geweigert, sich hinzusetzen. Naja, eigentlich kann ich an der Kieler Gelehrtenschule einigermaßen brave Kinder erwarten. Ist tatsächlich so. Und die Kinder haben wesentlich mehr Vornamen als an meiner letzten Schule - ob es da einen Zusammenhang gibt? Aber ich räume mit dem Klischee auf, dass an solch' einer Schule nur Streberkinder sind - ganz so schlimm ist es nicht. Und selbst wenn es so wäre, sind sie immer noch Menschen. Und ich möchte mit Menschen arbeiten.

Und nun kommt dieser Lehrer, der immer nur schwarz trägt und ein sehr loses Mundwerk hat, an diese Schule. Ich hoffe, dass ich nicht allzu viel Schaden anrichten werde. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Ich weiß nicht, wen ich siezen soll. Das war an der Gemeinschaftsschule so schön einfach, praktisch und sinnvoll, da haben sich alle geduzt, ausnahmslos. Das mag ich, ich habe auch mal etwas dazu geschrieben. Und jetzt bin ich wieder verunsichert.

Und generell verunsichert, und ich traue mich auch nicht, Kollegen anzusprechen, außer zweien, die ich persönlich kenne. Das ist alles so neu, und ich weiß nicht, ob ich mich darauf einlassen soll - wenn es sowieso nur für zwei Monate ist. Es hat an jeder Schule wesentlich mehr als zwei Monate gedauert, bis ich in einen Arbeitsrhythmus gekommen bin. Und die ganzen neuen Eindrücke lassen mich etwas vergessen: "Hey Doc, mach' dir nicht so einen Kopf, ist doch nur für eine kurze Zeit. Nimm's leicht, du kannst nicht viel falsch machen!"

Ich werde gleich meditieren. Und ich werde mich dabei auf die positiven Eindrücke konzentrieren, denn... es macht einfach wieder Spaß, zu unterrichten. Schüler aufzurufen, deren Namen ich nicht kenne, mich an der Tafel zu verschreiben, eine Kopie zu wenig gemacht zu haben, die Eintragungen im Klassenbuch vergessen zu haben - all' das macht Spaß. Klingt kontrovers, aber genau das sind die Dinge, die das Lehrerdasein ausmachen. Das gehört einfach dazu.

Und vielleicht sollte ich die Meditation nutzen, um mir einen Plan zu machen. Jetzt habe ich meine Schüler kennengelernt, jetzt habe ich meine Räume kennengelernt, jetzt fahre ich immer noch mit dem Bus dorthin, weil mir die Gegend zu neu ist und ich mich unsicher fühle, aber das ist okay.

"Wie lange bleiben sie?" - Grundsätzlich ist diese Frage ein Armutszeugnis an unser Bildungsystem, nur so am Rande. Ich weiß nicht, wie lange ich bleibe. Aber es scheint durchaus die Möglichkeit zu bestehen, im zweiten Halbjahr weiterzumachen. Schauen wir mal.

Für mich als Hochbegabten ist das ein tiefer Einschnitt im Leben, und ich komme dieser Tage nicht gut damit zurecht, alle Informationen zu sortieren und den status quo zu sichern. Aber ich versuche es. Und der Spaß mit den Schülern hilft mir dabei; wir haben heute in der Pause festgestellt, dass meine schwarzen Haare eher lila als blau leuchten. Und unabhängig voneinander wurde ich in zwei Lerngruppen gefragt, ob ich Goa höre. Tue ich und staune, dass die Schüler dies auch tun.

Und somit sind diese bewegten Tage nichts Halbes und nichts Ganzes und für mich sehr verwirrend, aber irgendwie wird es schon klappen, da Ordnung hineinzubringen.

Montag, 4. Dezember 2017

Kurzwirksam

It's time for Papierkram...

"I need a fix!"

Ich denke, jeder Abhängige wird mit diesem Ausdruck aus dem Drogenjargon etwas anfangen können. Er besagt, dass man dringend etwas von seiner Droge (was auch immer das sein mag) braucht, weil man nämlich merkt, wie der Entzug anklopft. Bei Hänschen würde das zum Beispiel bedeuten, dass er sich jetzt dringend einen Schuss Heroin setzen muss, um nicht zu verzweifeln.

Auch bei mir tanzt der Entzug seine drögen Runden über mein Wohnungsparkett - ich habe ja schon öfters davon geschrieben, wie ich in den letzten Wochen und Monaten affig geworden bin, und meine Laune hat ordentliche Tiefphasen durchgemacht. I need a fix, too! Aber wo soll ich den herbekommen?

Und nun ist es schließlich doch noch so weit gekommen: Ich bekomme endlich wieder einen Rausch. Meine ehemaligen Lateinkommilitonen ahnen, dass das durchaus wörtlich zu verstehen ist - denn ich habe eine Lateinvertretung angenommen; wenn alles klappt, bin ich ab Mitte der Woche an der Kieler Gelehrtenschule tätig. Für nicht einmal zwei Monate, bis zum Ende des Schulhalbjahres. Aber ich brauche so dringend wieder Schüler, mit denen ich arbeiten kann, da sind zwei Monate besser als gar nichts. Und den Rausch gibt's obendrauf.

Ich habe mehr als nur ein bisschen Angst; ich habe nicht ohne Grund diese Stelle schon mehrfach ausgeschlagen:

1) Ich habe seit fünf Jahren kein Latein mehr unterrichtet. Klar, das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht. Aber trotzdem stelle ich mir halt die Frage, ob ich überhaupt in der Lage bin, qualifizierten Lateinunterricht zu geben.

2) Der Vertretungszeitraum ist wirklich nur sehr kurz. Und dass mein Arbeitslosengeld höher ist als mein Gehalt in diesen zwei Monaten, das kann ich meinem Gehirn nicht so einfach erklären.

3) Die Schulart... es ist kein Geheimnis, dass ich an eine Gemeinschaftsschule bzw. Gymnasium mit Gemeinschaftsschulteil gehen möchte. Nun geht es aber um ein reines Gymnasium. Mit Kindern, die tatsächlich Unterricht machen wollen! Ob das die richtige Klientel ist? Meine Erfahrung lehrt, dass brave Schüler mit meiner Art öfters Probleme haben.

Was all' diese Bedenken vom Tisch fegt, ist die kurze Dauer des Vertrags, da wird es schon nicht allzu schlimm werden (wobei auch in Eckernförde zwei Monate vollkommen ausgereicht haben). Und ich bin in der Mittelstufe eingesetzt, also eigentlich genau die Altersstufe, mit der ich gern arbeite. Und ich kann meine Entzugserscheinungen stillen.

Dr Hilarius geht wieder zur Schule. Das kann ja was werden!

Samstag, 2. Dezember 2017

Gruppenarbeit - der Horror

Die Impro-AG war eine Ausnahme. Obwohl... eigentlich nicht, denn ich habe sie ja allein geleitet.

In der Lehrerausbildung bekommen wir immer wieder eingeprügelt, dass wir unsere Schüler nicht zu Einzelkämpfern erziehen sollen und daher möglichst viele kooperative Arbeitsformen in unsere Unterrichtsplanung einzubeziehen.

Als Schüler habe ich das gehasst.

Ich fand es immer grauenhaft, mit jemandem zusammen arbeiten zu müssen. Ich erläutere das einmal am ganz konkreten Beispiel des Referats im Studium. Es hat schon einen Grund, dass ich mit einer oder zwei Ausnahmen sämtliche Referate an der Universität allein gehalten habe.

Ich denke, dass sich viele der Gründe in der Hochbegabung erschließen. Ich fand es recht anstrengend, mein Denktempo auf meinen Partner herunterzubremsen, und Dinge mehrmals erklären zu müssen - kombiniert mit meiner bisweiligen Unfähigkeit, mich verständlich auszudrücken. Wann immer ich Texte für ein "Publikum" geschrieben habe (also auch im Theater), hatte ich eine sehr konkrete Mimik, Gestik und Tonfall im Kopf. Genau so sollte es sein und nicht anders - weil ich in meinem Kopf davon überzeugt war, dass es so am besten sei.

Ebenso war ich auch bei Referaten selten bereit, Kompromisse zu machen und ich habe mich davor gedrückt, Zugeständnisse machen zu müssen. Denn dann war es nicht mehr "mein" Referat, dann fühlte es sich an, als ob ich die Gedanken eines Anderen vortragen müsste. Und die waren mir oft nicht anspruchsvoll, präzise oder vollständig genug. Und es hat mir auch nicht der Gedanke behagt "Och, eine Note Zwei wäre doch super, Drei reicht sonst auch, Hauptsache bestanden." Nichts da, es musste eine Eins sein. Weniger wäre eine persönliche Niederlage, und wenn ich die Präsentation mit einem anderen Menschen zusammen gehalten hätte, hätte ich unweigerlich ihm die Schuld an der "schlechteren" Note gegeben. Wenn ich dagegen allein eine schlechtere Note kassiert hätte, wäre es nicht ganz so schlimm. Ich wäre zwar trotzdem wütend (eine Zwei vor dem Komma war im Studium für mich kaum erträglich), aber wenigstens wüsste ich dann, dass ich selbst Fehler gemacht habe und könnte daran arbeiten.

Das scheint eine ziemlich antisoziale Haltung zu sein. Eingebildet. Arrogant. Halt all' das, was Kollegen mir auch in der Schule an den Kopf werfen - denn auch da mag ich es nicht, Unterricht mit jemandem zusammen entwerfen zu müssen (Ausnahme ist die Arbeit mit den Sonderpädagogen). Und ja, Asche und Kreide auf mein Haupt, manchmal liegt es daran, dass ich meinen Unterricht für besser halte. Ich bin so einer...

Vielleicht geht es ja auch dem einen oder anderen Hochbegabten so, der das hier liest. Vielleicht sind bei ihm auch immer alle Lichter ausgegangen, wenn der Lehrer anordnete: "Dann findet euch mal in Gruppen zusammen!" Vielleicht arbeitet Ihr ja auch am liebsten und am effektivsten allein. Und habt Euch irgendwann im Leben einmal gefragt, ob Ihr deswegen asozial seid, oder so etwas.

Freitag, 1. Dezember 2017

Ich bin alt...

Wie fühlt sich Älterwerden an?

...nein, nicht wirklich, aber je älter ich werde, umso häufiger treten Situationen auf, die mich daran erinnern, dass meine einigermaßen unbeschwerte Studentenzeit dahin ist und dass ich nun erwachsen bin.

Ich schaue mir ganz gern das Schleswig-Holstein-Magazin im Fernsehen an, Nachrichten, Klatsch&Tratsch und Lokalkolorit. Dort wurde in den letzten Wochen und Monaten häufiger über die Vorfälle bei der Polizei berichtet, speziell in der Ausbildung (sexuelle Belästigung, Demütigung etc., hat der Eine oder Andere sicherlich mitbekommen). Im Zuge dieser Berichterstattung fanden viele Interviews mit jungen Kadetten statt. Ich schaue mir also ein solches Interview an - in dem es ausnahmsweise mal nicht um die Vorfälle, sondern um den benötigten Nachwuchs ging - und sehe eine junge Frau, die erzählt, warum sie zur Polizei gegangen ist.

Seltsam, denke ich mir, irgendwie kommt mir das Gesicht bekannt vor. Blendet doch mal den Namen ein! Aber nein, den Gefallen tut man mir nicht, also muss ich mein geistiges Archiv durchgehen und plötzlich fällt der Groschen; ich sehe die junge Frau nicht mehr als Polizeianwärterin vor der Kamera, sondern als junges Mädchen in meinem Lateinkurs sitzen, hinten links in der Ecke, genauso still wie ihre Sitznachbarin, aber gerade dadurch konnte ich mir ihre Namen merken.

Das ist jetzt knapp sechs Jahre her. Damals habe ich sie unterrichtet, und jetzt sehe ich zum ersten Mal eine meiner ehemaligen Schülerinnen im Fernsehen. Kinder, wie die Zeit vergeht! Aber irgendwie ist es ein schönes Gefühl. Denn es ist nicht der "Hilfe, ich bin alt!"-Gedanke, sondern ein kleines bisschen Stolz, der da mitschwingt.

Und irgendwann, wenn (besser: falls) ich alt und in Rente bin, wird einer meiner Schüler Einkäufe für mich erledigen - tempus fugit!

post scriptum: Ha, wie herrlich, soeben wurde eine Postkarte bei mir eingeworfen - das erste Wort, das ich gelesen habe, lautet "SHE-LODHZ!". Natürlich weiß nur die große Buba, was damit gemeint ist; es hat mir so gut getan, die Karte zu lesen. Ich habe gelacht, bis ich Bauchkrämpfe bekam. Danke für ein Grinsen auf meinem Gesicht; wir sehen uns!

Donnerstag, 30. November 2017

Wie schlecht es uns doch geht! (und noch mehr...)

Die Bedeutung dieses Bildes wird vielleicht später offenbar werden.

Vorweg: Und schon wieder hat es eine Ewigkeit zwischen zwei Beiträgen gedauert. Ich habe mich bei niemandem gemeldet, die meiste Zeit in meiner Wohnung gesessen, alle Rollos heruntergezogen, um das Grau und den Regen nicht sehen zu müssen. Wenn vielleicht einmal für eine Freundin der Eindruck entsteht, dass ich ihr mit meiner andauernden Fröhlichkeit auf die Nerven gehe, dann liegt das daran, dass ich sie in den anderen Phasen nicht gern behellige. Vielleicht kennt Ihr das. Vielleicht wollt Ihr auch nicht mit Euren Mitmenschen reden, wenn es Euch mal nicht so gut geht. Erst recht nicht mit den Menschen, die Euch am Herzen liegen - damit sie sich keine Sorgen machen. Und damit sie Euch nicht auf die Nerven gehen, immer wieder nachfragen, wie es denn mittlerweile geht und Ihr immer wieder antworten müsst, joah, passt schon, oder irgendsowas. Und gerade weil ich das alles jetzt geschrieben habe und sie das vielleicht gelesen haben: Wird schon, die unangenehmen Tage sind bald rum, ich fange gerade wieder an, meine Nachbarn mit Herumspringerei und Mit"singen" zu nerven ^^

Das Scheitern der Jamaika-Gespräche, das Erstarken der AfD, die (scheinbare) Regierungs-/Handlungsunfähigkeit, der (angebliche) tiefe Fall der Angela Merkel, der Abgang Martin Schulz', das vielerseitige NEIN zu einer neuen GroKo, die soziale Ungerechtigkeit in unserem Land, der deutsche Bürger, der in der Politik nicht mehr gehört wird und dessen Stimme eh' nichts zu zählen scheint, die steigende Zahl der Terroranschläge, die ganzen Ausländer, die unsere deutsche Leitkultur unterminieren wollen.

Wenn man die Stimmen des Volkes - zum Beispiel in der heißgeliebten Kommentarfunktion - hört, erhält man unweigerlich den Eindruck, unser Land stehe am Abgrund. Und jedem Einzelnen der zigmillionen Bürger sei seine Existenzgrundlage entzogen worden zusammen mit der Sicherheit auf öffentlichen Straßen.

Oh man, wenn ich das lese, bekomme ich jetzt schon wieder das Kotzen, egal, wie sehr ich daran erinnere, dass wir uns freuen sollten,. dass wir Meinungsfreiheit haben, dass wir keine Sklaverei haben, dass wir keine Todesstrafe haben, dass wir (hoffentlich) nicht mit einer tödlichen Krankheit geschlagen sind. Ich gehe mal eben den Porzellangott anbeten...

Danach: Vor einiger Zeit habe ich in sozialen Netzwerken nach Filmen mit Stoff zum Nachdenken gefragt, Mindfuck-Movies, Filme, die sich nicht beim ersten Ansehen erschließen, Filme, die man dennoch gern sieht, fasziniert, weil man sie nicht einfach loslassen kann, so wenig, wie sie einen selbst während ihrer Spieldauer nicht loslassen. Mein Paradestück in dieser Kategorie bleibt David Lynchs "Mulholland Drive". Er mag Rätselhafteres gefilmt haben (wie zum Beispiel "Inland Empire"), aber Mulholland Drive entzieht sich nur so weit dem menschlichen Verstand, der Entschlüsselung durch den Zuschauer, dass man stetig einen Interpretationsansatz zu haben glaubt. 
Gestern wurde es dann Zeit für ein weiteres Filmrätsel, von einem Regisseur, an den ich mich bisher nicht herangetraut habe, aus Respekt und Angst vor völligem Unverständnis. "Das siebente Siegel" habe ich mittlerweile mehrmals angefangen und irgendwann abgebrochen, seitdem war Ingmar Bergman für mich ein Regisseur hochanspruchsvoller Filme, mit denen ich nicht viel anfangen konnte. Und gestern dann: "Persona" - und eigentlich nur, weil Roger Ebert ihn in seine Liste der Great Movies aufgenommen hat. Ich habe vorher nichts weiter darüber gelesen, um unvoreingenommen heranzugehen. Und habe nun endlich ein neues Filmrätsel in meinem Repertoire, zu dem ich irgendwann zurückkehren werde. Jedesmal mit einer neuen Entschlüsselungsidee, jedesmal wieder mit einer Mischung aus Befriedigung und Verwirrung, wenn in der Schlussszene des Films die Bogenlampe langsam in's Dunkel übergeht. Die Wikipedia verrät uns:
Given its enigmatic nature, it has been called the "Mount Everest" of cinema for professionals to decode, while film historian Peter Cowie declared: "Everything one says about Persona may be contradicted; the opposite will also be true."
Na dann mal viel Spaß beim Verzaubernlassen. Vorsicht, der Film ist intellektuell anspruchsvoll. Heutzutage müssen solche Warnungen ja immer dazu gegeben werden. Popcorn ist vielleicht nicht die ideale Begleitung für den Film, aber eine Tasse Tee oder Kaffee dürften ihren Dienst tun. 

post scriptum: Habe eben endlich einmal "Ein andalusischer Hund" gesehen. Genau solche Filme, auch "Persona", tragen Schuld, dass ich mich hier länger nicht melde: Ich brauche wirklich viel Zeit, um das Gesehene zu verarbeiten. Da wabert ein weiteres kurzfristiges Vertretungsangebot an einer Schule nebenher und ich bitte Euch alle: Nicht böse sein, wenn ich mich nicht melde! Ich muss das alles erstmal sortieren...

Samstag, 25. November 2017

4x Lächeln

Eine Lichtung - falls das Gedankenchaos mal wieder zuviel wird.

Das war vielleicht eine scheiß Nacht! Ein alter Bekannter hat sich in den Schlaf eingeschlichen, den ich schon lange nicht mehr erlebt hatte: Das Restless Legs Syndrom (bzw. Wittmaack-Ekbom-Syndrom). Ein ziemlich ekliges Gefühl, ein Kribbeln in den Beinen, sobald ich mich zum Schlafen hinlege und zur Ruhe komme. Der Drang, die Beine irgendwie bewegen zu müssen, führt dazu, dass ich mich hin und her wälze und schließlich mitten in der Nacht aufstehe. Ich gehe dann ein paar Minuten durch die Wohnung, das schafft tatsächlich Linderung. Dann lege ich mich hin, schaffe es, wieder einzuschlafen - um eine Stunde später wieder aufzuwachen. Mir ist leider erst um sechs Uhr morgens eingefallen, dass ich in der Hausapotheke noch etwas dagegen hatte. Je nun. Aber immerhin vier Stunden Schlaf waren dann noch drin. Ihr kennt das RLS nicht? Wunderbar, ich hoffe, Ihr müsst das nicht irgendwann einmal erleben.

Das ist ein nerviger Start in den Tag, ich fühle mich übernächtigt, ich habe schief gelegen, bin erst einmal schlecht gelaunt. Ich mache Musik an, Koffein zum Wachwerden, Rollos hoch: Nebel. Wird nicht besser. Doch dann klappert der Briefschlitz, und damit beginnt eine Reihe von positiven Ereignissen, die den Tag gerettet haben und dafür gesorgt haben, dass ich mich jetzt, beim Schreiben des Artikels, wieder wohlfühle. Und das ging nicht ganz ohne ein bisschen Hilfe von Freunden.

Erstes Lächeln, 10:47 Uhr:

Der Postbote bringt Briefe, Werbung, Einladung zu Fortbildungen. Und dazwischen eine Postkarte. Nanu? Wer ist denn jetzt gerade im Urlaub und schreibt mir? Und ich freue mich riesig, dass ich eine Karte von meiner ehemaligen Nachbarin bekommen habe, und zwar keine Urlaubskarte, sondern eine, die auf mich zugeschnitten ist. Mal kein "Hier ist es so schön, ich genieße den Urlaub, hier ist alles toll!" - und das hat für das erste Grinsen nach dieser miesen Nacht gesorgt. Linnea, sobald meine Situation sich wieder etwas gebessert hat, besuche ich Euch. Momentan versuche ich verstärkt, Menschen zu meiden, denen ich meine berufliche Situation erläutern müsste...

Zweites Lächeln, 13:25 Uhr:

Vielleicht hat der eine oder andere Leser das auch schonmal erlebt. Päckchen soll ankommen, Sendungsverfolgung sagt "Voraussichtliche Zustellung am Fr., 24.11." - aber natürlich ist nichts angekommen. Also gehe ich davon aus, dass es heute, am Samstag ankommt. Cool, Sendungsverfolgung besagt, dass das Päckchen im Zustellfahrzeug ist! Also warte ich... eine Stunde... zwei Stunden... und mache den Fehler, in der Sendungsverfolgung "Details" anzuklicken. Dort erfahre ich, dass das Päckchen falsch sortiert worden ist und damit im falschen Wagen liegt. Der Hinweis "Es findet eine erneute Zuordnung statt" würde mich ja beruhigen, wenn da nicht die Notiz wäre, dass sich die Zustellung um ein bis zwei Tage verschieben kann. Ich will gerade richtig schön ausrasten, da klingelt es an der Tür - und tatsächlich erhalte ich meine Post. Ein Strahlen im Gesicht, nun kann ich in die City spazieren und muss nicht mehr in der Wohnung anwesend sein.

Drittes Lächeln, 13:44 Uhr:

So ziehe ich mich also warm an, Schlüssel und Portemonnaie nicht vergessen, und gehe Richtung Bushaltestelle Diesterwegstraße. Aus der Entfernung bemerke ich, hmmm, da schaut mich einer an. Das ist wegen der Outfits gar nicht mal so ungewöhnlich, kenne ich den Typen, der da auf den Bus wartet? Jetzt fängt der Typ an zu grinsen, immer breiter, und ich realisiere, dass es Er ist. Damit beginnt mein Grinsen, wir strahlen uns schon aus der Entfernung an. Ein bisschen Smalltalk, dann kommt sein Bus und ich gehe weiter und kann mittlerweile nicht mehr aufhören zu lächeln. Ich freue mich immer, wenn ich ihn sehen kann.

Viertes Lächeln, 20:28 Uhr:

Ich habe etwas gegessen und möchte meditieren. Den Tag einfach noch einmal erleben. Und ihn nochmal sehen. Und ich strahle schon wieder, denn ich weiß, dass Martin Nonstatic dieser Tage sein neues Album veröffentlicht hat. Youtube hilft, und so werde ich mich jetzt hinlegen und mich einfach mal überraschen lassen. Tag gerettet!