Donnerstag, 8. Februar 2018

Große Dinge, die kaputt gehen

Aus dem Filmplakat zu Cloverfield

Ich habe heute The Mummy (1999) geschaut. Der mag nicht gerade künstlerisch wertvoll sein, aber hat mich super unterhalten, schöner Popcornfilm. Er hat mir aber eine Sache bewusst gemacht: Wie sehr ich als Zuschauer es genieße, im Film zu sehen, wie große Gebäude zerstört werden. Riesige Städte, die untergehen. Richtig schöne Verwüstung; allerdings wirkt es in Welten, die ich nicht kenne, irgendwie anders. Aha, da wird also eine "Stadt der Toten" dem Erdboden gleichgemacht. Okay, sieht gut aus, alle möglichen Dinge fliegen mir um die Ohren, aber es ist ein wenig anders als zum Beispiel bei Cloverfield, den ich vor ein paar Tagen geschaut habe.

Der Unterschied besteht darin, dass letzterer Film in einer Welt spielt, die ich kenne. Ich weiß, wie Manhattan aussieht. Und dadurch wirkt es ganz anders auf mich, weniger comicartig, eher schrecklich, wenn ich sehe, wie dort ein großes Gebäude einstürzt. Das berührt mich dann noch etwas mehr.

Bleibt aber dabei: Zerstörung im Film ist unglaublich faszinierend. Liegt vielleicht auch daran, dass ich endlich mal ein paar Bilder von dem bekomme, was passieren könnte, und wie es dann aussieht. Und dann ist der Film zu Ende und ich bin glücklich, dass es nicht so ist, glücklich, dass meine Realität da draußen noch heil aussieht, glücklich in dem Bewusstsein, dass es nur ein Film war und so etwas in echt nicht passiert.

Natürlich nicht.

Genau das ist eine naive Grundhaltung, denn in jedem Krieg auf der Welt gehen ununterbrochen große Dinge kaputt, es werden Bomben geworfen, an diesen Orten ist die Zerstörung ganz real. Aber wenn man so etwas noch nie gesehen hat, weil man sich zum Beispiel nicht dafür interessiert, was außerhalb des Tellerrandes passiert, dann kommt diese "Zum Glück passiert das nicht in echt"-Haltung.

Und genau aus diesem Grund hat 9/11 die USA so sehr erschüttert. Krieg im eigenen Land? Never! Der Bürgerkrieg ist lange her und dient oftmals eher zur Glorifizierung von Geschichte. Ich kann es niemandem verübeln, wenn man sich dann Zeit seines Lebens in Sicherheit wiegt, und dann kommt ein Anschlag, dann gehen große Dinge kaputt, nämlich das World Trade Center, und diesmal ist es kein Film. Diesmal gibt es kein Aufatmen. Diesmal ist das alles real. Das hat das Denken in den USA massiv beeinflusst, und deswegen ist 9/11 wichtig.

Ich wünsche mir wirklich, dass ich keine reale Zerstörung in meinem Leben mit meinen eigenen Augen werde ansehen müssen. Dann doch lieber zurück zum Film, wo Zerstörung ein Kunstobjekt ist. Faszinierend sondergleichen.

Mittwoch, 7. Februar 2018

No Child Left Behind

Auch das bekommen wir wieder hin ;-)

In der allerersten Lehrprobe, die ich anschauen durfte, habe ich Eines gelernt: Das Wichtigste am Unterricht ist, dass man mit dem Stoffpensum durchkommt. Das wurde dadurch noch verstärkt, dass ich in der ersten Lehrprobe, die ich gezeigt habe (noch vor dem Referendariat), als Feedback erhalten habe, dass man auch mehr Stoff in der Stunde hätte schaffen können, anstatt zum Beispiel Musik zu hören (um daraus eine Sammlung englischer Adjektive abzuleiten).

Daher war es nur konsequent, dass ich mir für meinen ersten offiziellen Unterrichtsbesuch des Studienleiters (damals Latein bei Herrn Kruse) Einiges vorgenommen habe. Bedeutet: In einem L3-Kurs sechzehn Zeilen Übersetzung in Think-Pair-Share. Das erschien mir logisch, und mittlerweile weiß ich auch, dass man noch wesentlich mehr schaffen kann, wenn man etwas mehr Druck macht. Und es kam der Tag der Lehrprobe, und wie es scheinbar vielen Junglehrern geht: Ich bin bei Weitem mit dem Pensum nicht durchgekommen.

Wir erinnern uns: In der Nachbesprechung einer Lehrprobe gibt zuerst der Referendar seine eigene Einschätzung - was hat gut geklappt, was nicht so, wie könnte ich nächstes Mal anders vorgehen. Also erhielt ich das Wort und hatte butterweiche Knie, denn das war mir echt unangenehm. Und so ging es los mit "Also, Herr Kruse, das tut mir wirklich leid, ich habe nur ein Viertel von dem geschafft, was ich mir vorgenommen habe, das ist wirklich ein ungünstiger Einstand, aber die Erarbeitungsphase hat so lang gedauert und es gab so viele Fragen, die ich beantworten wollte - ich habe ein Problem damit, Schüler zu ignorieren, wenn ich einen Finger in der Luft sehen, auch wenn ich das wahrscheinlich noch lernen muss, und überhaupt..."

"Dr Hilarius, holen sie doch erstmal tief Luft." Ich hatte schon öfters gehört, dass man als Referendar im ersten Semester eine Art Welpenschutz genießt. Die Besprechungen konzentrieren sich auf das Positive und man wird noch nicht so hart rangenommen (im Gespräch). Man darf Fehler machen, denn aus diesen soll man schließlich lernen. Insbesondere im letzten Semester wird dann Professionalität erwartet (was auch Fehler einschließt, aber deren sinnvolle und produktive Analyse verlangt).

Und dann hat Herr Kruse mir erklärt, dass das eine sehr schöne Lehrprobe war, und zwar nicht wegen der Fehler, die ich (meiner Meinung nach) gemacht hatte; Herr Kruse hat die Stunde aus einem ganz anderen Blickwinkel gesehen, und zwar, wie ich mit Schülern arbeite. Und das hatte ich wohl ganz seinen Vorstellungen entsprechend gemacht (eher instinktiv); ich gehe vor dem Arbeitsplatz der Schüler in die Hocke (Augenhöhe, und wenn der Lehrer hinter dem Schüler steht, kann das sehr bedrohlich wirken), ich gebe den Schülern Einhilfen, um ein Verständnis für das Problem zu schaffen, anstatt einfach nur eine richtige Übersetzung zu geben (daraus sollte sich letztlich meine Examensstunde in Latein entwickeln).

Herr Kruse hat damit in mir ein Verständnis gesät, worauf es seiner Meinung nach im Unterricht ankommt: Fortschritt, dass die Schüler reicher aus dem Unterricht gehen, und dass niemand mit seinen Problemen zurückgelassen wird (in Englisch sahen die Anforderungen leider etwas anders aus). Er hat mir erklärt, dass alles Andere nur Handwerkszeug ist, was man sich im Ref und im späteren Leben als Lehrer mit der Zeit aneignet. Die Grundlagen stimmen, hat er mir erklärt.

Es sollte allerdings erst nach dem Ref soweit sein, dass ich dessen Bedeutung richtig verstehen und umsetzen musste, nämlich bis zur Arbeit am St-Peter-Ording-Regionalschulteil. Bis zur Arbeit mit Schülern, die kognitiv nicht in der Lage sind, alle Anforderungen zu erfüllen, egal, wie viel sie üben. Und ich habe gelernt: Das ist okay! Für mich war wichtig, keinen in der Klasse zurückzulassen. Selbst ein Beton-Sechs-Schüler mit Null-Bock-Attitüde. Ich habe mir eingeredet, dass ich überall etwas erreichen kann, wenn ich nur den richtigen Dreh fände.

Konnte ich nicht. Aber der Versuch war es wert; jeder Versuch ist es wert, und das hat mein Schulleiter dann auch in der dienstlichen Beurteilung festgehalten. No child left behind, der Ausdruck stammt aus den Vereinigten Staaten, aus dem Jahr 2001. Ein Bildungsgesetz unter Bush. Selbst wenn ich über die genauen Inhalte uninformiert bin, fand ich, dass eine wichtige Idee ausgedrückt wird (seit 2015 gab es dann Every Student Succeeds, den Namen genieße ich etwas vorsichtiger; man kann jeden Fortschritt als Erfolg bezeichnen, und das ist auch wichtig, aber nicht jeder Schüler kann alle Anforderungen erreichen).

Eine Idee, hinter der ich stehe, keinen Schüler in der Klasse zurückzulassen, und ich kann mir das in der Schule nicht einfach abgewöhnen. Es hat einen riesigen Haken: Die Stoffprogression kann darunter leiden. Manche Kollegen bekommen das super hin, aber ich bin einfach einer der langsamsten Lehrer an der Schule, und das war bisher in jeder Schule so. Der Gedanke, dass ich mit dem Stoff vorangaloppiere und vielleicht eines der Kinder die Sachverhalte nicht verstanden haben könnte, lässt mich nicht kalt.

Und ich muss mir nun scheinbar wieder klarmachen und mich darin eingewöhnen, dass ich zurück an einem Gymnasium bin. Die Schüler können (zum großen Teil) mehr schaffen, aber es ist auch wichtig, dass ich das von ihnen einfordere. Hier kann ich zwanzig Zeilen Übersetzung in PA, HA und anschließender Besprechung in zwei Unterrichtsstunden durcharbeiten (früh in der Spracherwerbsphase Latein).

Also, mutig voran!

Dienstag, 6. Februar 2018

Desiderium Ordinis


Als personifizierte Incompetentia habe ich mit diesem Titel versucht, meine Sehnsucht nach Ordnung auf Latein auszudrücken. Anlass? Psychosomatische Effekte, die mich heute flachgelegt haben.

Wenn ich über Autisten und Asperger rede, ist das alles bitte mit einer gesunden Dosis Zweifel zu goutieren. Ich habe in meiner bisherigen Schulzeit hin und wieder mit beiden Arten von Schülern gearbeitet, aber was ich über diese "geistige Konfiguration" weiß, habe ich eher aus Büchern wie The Curious Incident of the Dog in the Night-Time (dt. Supergute Tage) oder aber aus Brackmanns Buch zur Hochbegabung. Denn da gibt es ja gewisse Schnittmengen zwischen den Hochbegabten und den Autisten.

Zum Beispiel das Sehnen nach Sicherheit, Ordnung und geregelten Tagesabläufen. Mit Spontaneität komme ich nicht gut klar, unvorhergesehene Ereignisse können mich vollkommen aus der Bahn werfen. Die derzeitige Arbeitssituation hat für mich nichts mit Sicherheit zu tun: Erstmal nur elf Stunden, so dass mein Kopf nicht weiß, ob das jetzt richtig "Arbeit" ist oder nur eine Alternative zur Arbeitslosigkeit, eine unverbindliche kleine Beschäftigung, eh' nur drei Wochen, dann Ferien, dann vier Wochen, nichts Halbes und nichts Ganzes.

Und dann das zweite Halbjahr - Start mit reduzierter Stundenzahl, weil der neunte Jahrgang im Praktikum ist. Ich sollte mich freuen, dass ich so wenig Unterricht habe, und das wird mir auch noch bezahlt! Aber wieder ist der Stundenplan ein gefühltes zerstückeltes Werk. Ich muss zugeben, ich freue mich auf die nächste Woche.

Ich freue mich darauf, dass ich endlich einen vollen Stundenplan habe. Ich freue mich darauf, dass ich Aufsteh- und Zubettgeh-Automatismen einüben kann. Ich freue mich darauf, täglich etwas geschafft zu haben. Ich freue mich darauf, dass das jetzt ein paar Wochen so gehen wird. Denn jetzt weiß mein Gehirn endlich, dass es sich lohnt, sich für die KGS einzusetzen, jetzt kann ich mich darauf einlassen.

Wie sehr vermisse ich das, einen sicheren Stundenplan über längere Zeit - okay, das Ganze läuft jetzt auch schon wieder nur bis zu den Osterferien. Aber immerhin zwei Monate richtig arbeiten, das wird mir gut tun.

Diese mangelnde Sicherheit führt dazu, dass es mir richtig schlecht geht. Ich mache nichts in der Wohnung, ich habe keine "gedankliche Klarheit" und werde depressiv, ich frage mich, wofür ich das überhaupt tue. Und scheinbar gibt es auch einen psychosomatischen Effekt: Mein Immunsystem war lange nicht mehr richtig down, aber seit Dienstantritt an der neuen Schule schnodder' ich mich von A nach B und hänge in den Seilen.

Das war so schön damals, in St.Peter-Ording, ein geregelter Wochenplan, etwas, worauf ich mich verlassen konnte. Und vielleicht ist es nun verständlich, wenn ich schreibe, dass ich mich freue, dass ich ab nächster Woche endlich einen vollen Stundenplan habe.

Montag, 5. Februar 2018

Zombie

Ich könnte bei George A. Romero anfangen!

Montag. Der Wecker klingelt gnadenlos durch diverse Bewusstseinsebenen, auch wenn ich mir gerade vorgenommen hatte, diesen interessanten Traum von Bürokratie noch weiterzuträumen. Nützt ja alles nichts, die neue Arbeitswoche beginnt, auf zur Schule. Aber wie zu jedem Wochenbeginn fühle ich mich wie ein lebender Toter. Ich mag gar nicht in den Spiegel schauen, alle zwei Minuten reiße ich meinen Mund zum Gähnen so weit auf, dass die gesamte Schar kapitolinischer Gänse hineinpassen würde, die diese Woche übersetzt werden müssen. Wäre aber schade drum, denn dann würde Rom erobert. Lass ma', Stress muss jetzt nicht sein.

Ich merke, dass ich mir den Wecker in Zukunft noch eine Stunde früher stellen muss. Ich brauche verdammt lange, um nach dem Verlassen des Bettes wach zu werden, Koffein hin oder her, und ich schlafe im Bus fast wieder ein. Krampfhaft rekapituliere ich mein Method Acting, die Kiddies sollen nichts merken. Die Augenringe kann ich allerdings nicht wegschauspielern.

Es hat doch tatsächlich acht Wochen gedauert, bis erste Anfragen hinsichtlich des Blogs ankamen - "Darf der das denn?", so von solcher Art. Und die Standardantwort ist "Na klar darf der das!", solange er sich an §25 und die unter Punkt Zwei geregelten Ausnahmen hält. Hängt allerdings auch von der Schule ab; in Eckernförde durfte ich das nicht. Ist immer eine Frage der Menschen, denen ich damit Salz in Wunden streue. Ist nun einmal so: Die HB-Naivität sorgt leider auch dafür, dass man Problemzonen hemmungslos anspricht, aufdeckt, anprangert, ohne dass man jemanden verletzen möchte. Man fragt sich halt nur, warum denn niemand etwas dagegen tut. Und da kommt dann leider die menschliche Natur in's Spiel, die eben weder planbar noch logisch ist, weder sachlich noch einsichtig.

So, etwas später, Handwerker sind weg, Wasser wieder da, Zeit für ein wenig Hausarbeiten. Ich werde heute zum Test mal nach der tagesschau im Bett verschwinden, mal schauen, ob ich morgen immer noch derselbe Zombie bin oder ein wenig Lebensenergie aufgetankt habe (ohne an meinen Mitmenschen geknabbert zu haben).

Sonntag, 4. Februar 2018

Zuckerbaby

Ein nettes Experiment!

Ich liebe Süßes. Das war schon immer so, das wird wohl auch immer so sein. Und dennoch gab es in meinem Leben Phasen, in denen ich wochen- und monatelang nichts Süßes zu mir genommen habe. Dabei ging es gar nicht darum, mich zwanghaft zu kasteien: Die Neurodermitis hat mal wieder an die Tür geklopft. Und passend dazu hat die Sannitanic kürzlich einen Beitrag geteilt, in dem es im Prinzip darum ging, Kinder selbst die Grenzen des gesunden Zuckerkonsums kennenlernen zu lassen - logisch: Je mehr wir unseren Kindern Süßigkeiten verbieten, umso neugieriger werden sie darauf und umso stärker wird ihre magische Anziehungskraft. Das Kind sollte sich lieber einmal richtig den Magen verderben, um selbst zu merken, wie sich Grenzüberschreitungen anfühlen.

Ähnlich ist es bei mir auch, allerdings verderbe ich mir nicht den Magen, sondern es treten irgendwann Symptome meiner Neurodermitis auf. Das können Hautrötungen sein, starkes Jucken, was mir allerdings erst durch blutige Schrammen nach all' dem Kratzen bewusst wird, oder trockene, schuppige Haut. Oder alles zusammen. Es ist mal wieder soweit, und natürlich kann man die Symptome bekämpfen: Neurodermitis (auch atopisches Ekzem genannt) mag unheilbar sein, lässt sich aber wunderbar behandeln. So kann man die Haut mit Öl behandeln, Kortisonpräparate verwenden und auf die richtige Kleidung achten. Das allerdings sind nur Tropfen auf den heißen Stein, wenn man die Ursache des Neurodermitisschubs nicht angeht - in diesem Fall den Zuckerkonsum.

Die ersten zwei, drei Tage ohne Zucker sind schwierig. Das Craving, das Sehnen nach Süßigkeiten, ist sehr stark, ich muss oft daran denken und die Versuchung ist einfach zu groß, schnell mal unten in den Supermarkt zu gehen, und mich zu versorgen. Hier helfen mir, und deswegen habe ich es als Label zu diesem Beitrag angegeben, die Lehren des Buddhismus, stark zu sein und durchzuhalten. So lange, bis die kritische Schwelle überschritten ist und es mir nichts mehr ausmacht, mich zum größten Teil zuckerfrei zu ernähren.

Inspiration für den heutigen Beitrag war nicht die trockene Haut (leise rieselt der Schnee...), sondern eine Aktion bei rewe, in der Schokoladenpudding als Experiment angeboten wird: Vier kleine Becher, grundsätzlich die gleiche Rezeptur, einmal in der Originalvariante und dann mit jeweils 20%, 30% und 40% weniger Zucker. Die Kunden sollen testen und Feedback geben, welche Variante ihnen am besten gefällt. Eigentlich finde ich die Idee nicht schlecht, und weil es ein Experiment ist, sind die Puddinge auch preisreduziert. Ich werde das gleich einmal ausprobieren.

(...)

So, fertig. Das war eine spannende Erfahrung; mein Favorit war die Variante mit zwanzig Prozent weniger Zucker. Die Varianten mit weniger Zucker haben ziemlich lasch geschmeckt; ich hätte nicht gedacht, dass der Zucker so viel ausmacht. Hinsichtlich der Neurodermitis sollte ich also lieber auf "kein Zucker" umsteigen, bevor ich zuckerfreie Dinge esse, die ich nicht mag.

post scriptum: Zwischen den Unterrichtsvorbereitungen sollte man ruhig einmal abschalten, und so habe ich mir eben den Film "Cloverfield" (2008) angeschaut. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich durch einen Monsterfilm im "found footage"-Stil so gut unterhalten fühlen würde. Das war eine kurze, nette Ablenkung.

Freitag, 2. Februar 2018

Schwer erziehbare Kinder

Es ist nötig, hinter die Fassade zu schauen.

"Ach, machen sie sich keinen Kopf, wir sind hier eh' die absolute Horrorklasse", schallt es mir in meiner jetzigen Schule seitens der Schüler entgegen, bei der ersten Besprechung des Unterrichtsverhaltens. Als ich diese "Erklärung" höre, muss ich schmunzeln. Oder zumindest aufhorchen; zum einen, weil ich es sehr bedauerlich finde, dass offensichtlich seitens der Lehrkräfte den Schülern ein Bewusstsein vermittelt worden ist, sie seien anstrengend, nervig und eben der absolute Horror, bzw. eine Chaosklasse. Zum anderen aber, weil ihre Einschätzung sich nicht mit meinen Erfahrungen deckt, weil ich ganz andere Klassen unterrichtet habe. Schüler, die man im Volksmund als schwer erziehbare Kinder beschreibt. Spannende Kinder - und das, ohne dass es mir zunächst bewusst gewesen ist.

Ich habe an einer Schule gearbeitet, in der der durchschnittliche Lautstärkepegel während des Vormittags weit über dem lag, was ich von anderen Schulen kannte. Kein Schultag ging länger als bis zur sechsten Stunde, und dennoch war ich jeden Tag mittags so kaputt, dass ich erstmal ein bis zwei Stunden schlafen musste. Die Ohren haben mir geklingelt, und so gut wie nie habe ich es geschafft, in einer Stunde alles zu erledigen, was ich mir vorgenommen hatte. "Unterrichtsstörungen haben Vorrang", sagte mir ein sehr erfahrener Pädagoge und ich gehe seit Anfang meiner Unterrichtszeit mit ihm d'accord. Hat eben zur Folge, dass man weniger Pensum schafft - aber so ist Schule eben. Arbeit mit Menschen, die weit über das hinausgeht, was wir an der Universität gelernt haben und was in den Schulbüchern der Kinder steht.

Das Kollegium dieser Schule war sehr erfahren und abgehärtet im Umgang mit diesen Schülern, und sie haben mir erklärt, dass es durchaus vorkommen kann, dass man einmal laut wird im Unterricht. Und damit meine ich nicht laute Sprache, sondern Schreien. Die Klasse anbrüllen. Auf das Pult schlagen. Natürlich schwingt mir dabei immer der Satz einer anderen sehr erfahrenen Pädagogin im Ohr mit: "Wer laut wird, dem sind die Argumente ausgegangen." Und doch ist es mir an jener Schule auch hin und wieder passiert, dass ich tief in die Vulgärkiste gegriffen habe.

Das kommt nicht von ungefähr. Ich passe mich für gewöhnlich in meinem Sprachregister meinem Gesprächspartner an. Oft, ohne dass ich es merke. In vielen Klassen jener Schule saßen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Allgemein als I-Kinder bezeichnet, nannte man sie früher Sonderschüler. Es gibt diverse Förderbedarfe, und an jener Schule habe ich sie alle kennengelernt und mit allen arbeiten dürfen.

Ich sage "dürfen", weil es unglaublich anstrengend ist, ungaublich herausfordernd und so oft unglaublich ernüchternd, und so oft bin ich an ihnen gescheitert, aber bei keinem anderen Schüler habe ich mich selbst so sehr weiterentwickeln können. Deswegen bin ich - anfangs etwas ängstlich - immer dankbar gewesen, wenn ich I-Klassen unterrichten konnte.

Einer dieser Förderbedarfe heißt, je nach Schule, in der Umgangssprache E/S oder EmSoz. Das ist kurz für den Förderbedarf emotionale und soziale Entwicklung und beschreibt Kinder, die genau auf diesem Feld Auffälligkeiten zeigen und/oder Rückstände aufweisen. Man bemerkt sie im Unterricht für gewöhnlich recht schnell als verhaltensauffällige Kinder - so haben sie zum Beispiel Probleme in der Interaktion mit ihren Mitschülern, werden schnell aggressiv oder verschließen sich vollkommen, schreien ohne offensichtlichen Grund herum, fangen an zu weinen und fordern ein gewaltiges Empathievermögen seitens der beaufsichtigenden Person ein.

In einer Klasse jener Schule hatte ich zwei E/S-Kinder, die mir regelmäßig den Unterricht zerlegt haben. Junge A wies unter anderem ADHS-Symptomatik auf, kletterte während der ganzen Stunde im Raum herum, konnte sich nie auf seinem Platz halten, hat übelste Vulgärsprache benutzt (siebte Klasse), hat Schuleigentum beschädigt und jede Möglichkeit gesucht, seinen Lehrern auf der Nase herumzutanzen. Mädchen B war sehr verschlossen. Sie meldete sich nie, zog dauerhaft eine Schnute und saß fast ununterbrochen mit verschränkten Armen an ihrem Arbeitsplatz (wir wissen, dass das eine Abwehrhaltung darstellt), mit ADS-Symptomatik. Sie versuchte krampfhaft, keine Emotionen zu zeigen, erst recht nicht Freude, Fröhlichkeit oder andere positive Empfindungen. Sie bemühte sich, möglichst wütend und stur zu wirken. Und jedesmal, wenn ich es geschafft habe, sie zum Lächeln zu bringen, drehte sie sich schnell zur Wand um und versuchte das zu verbergen.

In dieser Klasse habe ich es zu einem pädagogischen Totalausfall geschafft, und zwar nicht ob der allgemeinen Lautstärke und Unruhe, für die die Klasse an der Schule sowieso schon bekannt war (der Klassenlehrer wurde von uns allen sehr für sein Durchhaltevermögen bewundert), sondern besonders wegen der Spitzen, die die beiden E/S-Kinder dem Ganzen noch aufsetzen, die an Frechheit nicht mehr zu überbieten waren. In solchen Situationen schloddere ich mit meiner Sprache gern herum und klatsche ihnen auch nicht jugendfreie Dinge entgegen - ganz das reflektierend, was sie mir gegenüber äußern (s.Sprachregister oben). Einer dieser Vorfälle ist zuhause und dann der Schulleitung gemeldet worden und hat eine sehr spannende Kette von Ereignissen in Bewegung gesetzt.

Es kam zu einem pädagogischen Gespräch mit mehreren Beteiligten, Elternvertreter, Klassenlehrer, Vertrauenslehrer, Schulleiter, Soz.Päd. und Heimleitung.

Es war das erste Mal, dass ich seit Beginn meiner Arbeit dort mit einer Heimleitung gesprochen habe. Es hat nach Arbeitsbeginn sowieso sehr lange gedauert, bis mir bewusst geworden ist, dass der Einzugsbereich meiner Schule ein umfangreiches Netz von jugendpädagogischen Einrichtungen a.k.a. Kinderheimen umfasste. Das kannte ich vorher noch nicht, und ich habe sehr viel über den Umgang mit Heimkindern lernen können. Eines dieser Heime nenne ich jetzt mal Klaustal. Die E/S-Kinder jener besonders auffälligen Klasse waren beide Klaustal-Kinder, und zum Zeitpunkt, als ich die Klasse in Englisch übernommen hatte, wusste ich bereits, dass "Klaustal-Kinder" eine besondere Herausforderung sind. Früher hätte man das Haus Klaustal wohl als Heim für schwer erziehbare Kinder bezeichnet. Meine anspruchsvollsten Arbeitsfälle in der Zeit an jener Schule waren Klaustal-Kinder, und ich bin oft an ihnen gescheitert, bis ich mit der Zeit den richtigen Dreh gefunden hatte.

So saß nun also die Klaustal-Heimleiterin mit in der Runde und konnte nicht verstehen, wie ausgerechnet dieser Lehrer, über den bisher eigentlich ganz andere Rückmeldungen gekommen sind, solch' einen Totalausfall in der Stunde haben konnte.

Natürlich unterliegt dieses Gespräch der Schweigepflicht. Die Inhalte sind auch für diesen Beitrag weniger relevant als der Umstand, dass ich ein paar Wochen danach einen Termin abgemacht habe mit der Heimleiterin, um in Ruhe über ihre beiden E/S-Kinder zu sprechen. Und das taten wir dann; beide noch nicht ganz sicher, was wir vom jeweils Anderen halten sollten. Und es war ein tolles Gespräch. Die beiden Kinder berichteten mir danach in der Schule, dass es offensichtlich für alle Beteiligten sehr erleuchtend gewesen ist.

Mir hat das Gespräch vor allem klargemacht: Kinder mit einem E/S-Bedarf (oder jeglichem anderen) haben sich das nicht ausgesucht. A und B sind in einem Heim, und das nicht ohne Grund. Mancher Schüler ist ausgesetzt worden, manche Schülerin von den Pflegeeltern mehrfach sexuell missbraucht. Mit diesem Wissen in den Unterricht zu treten, war für mich erstmal nur noch mit einem riesigen Kloß im Hals möglich. Das Kind anzuschauen, das krampfhaft Emotionen zu verdecken sucht. Zu wissen, was mit ihm passiert ist... ich weiß noch genau, dass ich am liebsten losgeheult hätte. Und ich bin ganz anders rangegangen, mit einem ganz anderen Bewusstsein. Und auch bei A und B habe ich etwas bewirken können; gerade, als die Arbeit wirklich spannend wurde und erste Horizonte in Sicht waren, ging meine Arbeitszeit an jener Schule zu Ende. Schweren Herzens habe ich diese "Fälle" losgelassen.

Schwer erziehbare Kinder. Als ob die Kinder etwas dafür könnten, wie sie sind. Je verhaltensauffälliger sind, umso mehr tun sie mir leid...

post scriptum: Das ist tatsächlich einer der Hauptgründe, weshalb ich lieber an einer Gemeinschaftsschule als an einem Gymnasium arbeiten würde. Bei einer Stellenausschreibung für eine Vertretung hat der Schulleiter mir auf meine Absage hin geantwortet [denn ich hatte die Stelle an einer GemS in Aussicht]: "Aber Dr Hilarius, bedenken Sie, wir sind ein Gymnasium!" Als spräche das dafür, seine Stelle anzunehmen. Ich weiß, für viele Lehrer wäre das ein sehr schlagkräftiges Argument, aber ich habe nur geantwortet: "Sehen Sie, genau das ist der Punkt, Herr Schulleiter. Sie sind ein Gymnasium. Ich habe herausgefunden, dass ich lieber an einer Gemeinschaftsschule arbeiten möchte. Dort kann ich mehr erreichen."

Donnerstag, 1. Februar 2018

"Meine 2% Hochbegabung"

Dilletantisch, aber zweckerfüllend.

Dieser Ausdruck stammt von der großen Buba. Sie meint damit, dass es in ihrem Leben Momente gibt, in denen sie ansatzweise fühlen kann, wie ein Hochbegabter denkt und was für Konsequenzen das mit sich bringt. Ich finde das spannend, zu beobachten; sie ist da sehr aufgeschlossen und neugierig - denn sie hat mit Hochbegabten zu tun, um die kommt sie nicht herum.

Und gibt es das auch andersherum? Dass ich als Hochbegabter Momente im Leben habe, in denen ich fühle, wie ein "normales" Gehirn funktioniert? Denn ich weiß nicht, wie es ist, nicht zu denken. Ich habe über genau dieses Thema mit einigen hochbegabten Schülern meiner letzten Schulen gesprochen, und es scheint sich eine Aussage herauskristallisiert zu haben: Zum Abschalten kiffen manche Hochbegabte. Das fährt die Denkarbeit herunter, sie berichten, dass sie endlich mal chillen können, im Kopf.

Wenn mehrere HBs das unabhängig voneinander sagen, muss da was dran sein, oder? Ich habe im Studium Marihuana ausprobiert, konnte mich aber nicht dafür begeistern. Zum einen, weil ich generell nicht rauchen mag, ich sterbe vor Husten. Zum anderen war mein Gefühl unter dem Einfluss des THC nicht gechillt. Nicht entspannt. Sondern dumm. Ich habe mich unglaublich dumm gefühlt, für die einfachsten Gedanken zu blöd. Vielleicht ist es genau das, was die HB-Schüler als "geistige Auszeit" empfinden. Ich muss zugeben, ich mag das nicht - und genau das ist der Grund, warum ich seit Jahren nicht gekifft habe.

Ich frage ältere HB-Schüler (in vertraulichen Gesprächen) auch weiterhin, ob noch mehrere diese Erfahrung teilen. Denn spannend bleibt es nach wie vor - einmal zu empfinden, wie sich normalbegabte Menschen fühlen.