Freitag, 12. Januar 2018

Wie in einem Spiegel...

...und wenn man beim Blick in den Spiegel so langsam ahnt, dass man richtig sein könnte...
...sasom i en Spegel würde Ingmar Bergman gesagt haben, wenn er die richtigen Schriftzeichen nicht zur Verfügung gehabt hätte, und velut in speculum inspicere wird den Phaedrus-Schülern bundesweit bald zum Hals heraushängen.

Ich habe mir heute Good Will Hunting (1997) angeschaut. Mal wieder; denn zum ersten Mal habe ich ihn damals im Kino gesehen und nach heutiger Revue damals nicht verstanden. Ich dachte, es geht nur um irgendsoein Supertalent, ein Typ, der ganz viel weiß. Und ich habe ihn mir damals angeschaut, um Matt Damon mit freiem Oberkörper zu sehen. Ja, so dachte ich, Sex rund um die Uhr. Und schön distanziert, denn nie wäre ich damals auf die Idee gekommen, dass ich auch so schlau sein könnte. Ja, die Klassenarbeiten waren oft gut, aber ich hatte damals MCSchleiff neben mir sitzen, der wesentlich mehr wusste als ich. Wie gut! So konnte ich mir immer wieder einreden, dass ich nicht so einer bin. So ein spezieller Mensch wie Will Hunting.

Heute habe ich mich ein wenig weiterentwickelt, ich weiß mehr über mich, und ich habe mich gefragt, ob der Film vielleicht einen Menschen wie mich darstellt.

Und das tut er.

Ich habe nie nach "ähnlichen" Menschen gesucht, ich habe nur immer wieder erfahren dürfen, dass es sie nicht gibt. Ich war eben anders. Und dann einen Film zu sehen, der das eigene Mindset widerspiegelt... ich kann das Gefühl nicht beschreiben. Es wirkt auf einmal alles bekannt, immer wieder bin ich verlockt zu sagen "Ja natürlich reagiert Will Hunting so. Das kenne ich!", und es ist ein sehr schönes Gefühl. Endlich kann ich mir erklären, warum und vor allem wie ich anders bin. Für den Durchschnitts-Kinogänger geht es in dem Film um einen besonderen Menschen. Für mich? Story of my life, insbesondere der negativen Szenen und Zurückweisungen.

Und dann ist es sehr beruhigend, zu erleben, dass solch' eine Story ein happy ending haben kann, oder zumindest: dass es weitergeht.

Und warum ich das schreibe? Es geht nicht nur um das Wiedererkennen. Es geht darum, dass es ganz spezielle Menschen braucht, um mich für das wertschätzen zu können, was ich bin. Wie ich bin. Das kommt nur sehr selten vor; Matthias Ramm war damals so ein Mensch. Und ich frage mich dieser Tage, ob ich wieder einen solchen Menschen getroffen habe.

Und ob ich die Gelegenheit nicht beim Schopf packen sollte.

Donnerstag, 11. Januar 2018

"...würden sie denn bleiben wollen?"

Ob ich bald vielleicht endlich eine Zugehörigkeit entwickeln kann...?

Diesen Beitrag gab es in ähnlicher Form schonmal.

Heute habe ich diesen Satz wieder zu hören bekommen; möchte ich bleiben? Eigentlich wollte ich ja an eine Gemeinschaftsschule - allerdings habe ich in den letzten Wochen mit vielen meiner Vorannahmen hinsichtlich der Kieler Gelehrtenschule aufgeräumt. Ob das vielleicht wirklich etwas Langfristiges werden könnte?

Von der Schulform unabhängig gibt es immer wieder "spannende" Übersetzungen von Schülern, die KGS ist da keine Ausnahme. Ich zu Ute: "Wow, hör dir mal diese Übersetzung an, das hab ich ja als reiner Englischlehrer vermisst - Denn er täuschte den schändlichen, weil er die Götter bewegt hat." ["nefario enim modo deos fefellerat"]
Ute zu mir: "Schön, oder? Hast du aber auch im Fach Griechisch reichlich."

Das glaube ich ihr sofort, Herr Leinhos würde das bestätigen, wenn Griechisch als erste Fremdsprache schon in der Grundschule eingeführt würde. Man darf ja träumen. Und dieselbe Denkweise wie ich früher: Wenn die Übersetzung keinen Sinn ergibt - dann liegt der Fehler nicht bei mir. Latein klingt nun mal so. Andere Highlights:

Sisephas wus nicht die Strafe des Götter. (sic!) ["poenam deorum Sisyphus non providerat"]

Sisyphus' Strafe: Er musste einen saxum den mons volveren. (Bonuspunkt anyone?)

Heute brauche ich die zweite Meditationsstunde; "der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann," sagt man. Sehr viele Gedanken, die ich mal durchgehen sollte. Dass ich heute einen tollen Film gesehen habe (Fitzcarraldo mit Klaus Kinski, toller Abenteuerfilm!), macht es nicht einfacher.

Aber wenigstens sind das alles schöne Gedanken.

Mittwoch, 10. Januar 2018

Ein wohltuendes Wort

Terenz geht immer - wenn auch das Spanische mir nicht allzu treffend erscheint, mir fehlt das "puto".

Seit fünf Tagen kein neuer Beitrag - und es gibt ja tatsächlich Menschen, die sich überlegen, woran das wohl gelegen haben könnte. Da gibt es jene, die denken, dass es mir gerade besonders gut gehen müsste, weil ich dann gern mal Dies oder Jenes vergesse. Und dann gibt es jene, die vermuten, dass es mir nicht so gut geht und ich mich deswegen nicht zum Schreiben aufraffen kann. Sagen wir mal so, der Start in die Schule hätte insgesamt besser laufen können, da ist Einiges nicht so gegangen, wie es sollte, aber niemand sollte sich Sorgen machen müssen. Bald bin ich wieder arbeitslos, dann laufen die Dinge wieder etwas geregelter (sorry für den Zynismus).

Gerade aus dieser Grundstimmung heraus war ich heute sehr empfänglich für ein wohltuendes Wort. Das kam ganz nebenbei heraus, hat aber direkt den richtigen Nerv getroffen, denn ich habe dieses Wort, oder besser diesen Ausdruck, schon einmal gehört.

"Den Dr Hilarius brauchen wir an unserer Schule!" soll mein Schulleiter früh gesagt haben. Ich habe den Satz vor ein paar Jahren an der Nordseeschule in SPO gehört, als nämlich der dortige Schulleiter, Matthias Ramm, genau so auf unser Vorstellungsgespräch reagiert hat. Und es hat sich gezeigt, dass er das nicht nur so dahingesagt hatte; zu der Zeit habe ich mich bei Vorstellungsgesprächen nicht verstellt und mein ganz "normales" (also schwarzes) Schuloutfit getragen. Es musste einen Grund gehabt haben, dass er das damals gesagt hatte, und die folgenden zwei Jahre wurden zu einer wunderbaren Zeit - wenn ich das richtig verstanden habe, für alle Beteiligten.

Wenn es jetzt also wieder heißt "Den brauchen wir an unserer Schule!" - ist es vielleicht wieder ein gutes Zeichen? Wenn jemand gerade aufgrund meines Auftretens zu so einer Aussage kommt?

An meiner letzten Schule, in Neumünster, gab es eine ähnliche Reaktion, nur leider uneingedenk ein paar kleinerer Einschränkungen, die ich mitbringe. Ich habe von ihnen berichtet und sie wurden samt und sonders als "nicht hinderlich" deklariert. Wie sich die Dinge dann weiterhin entwickelt haben, ist eher ein unschönes Beispiel von Kommunikation und Einschätzungen.

Daher kann ich unter'm Strich sagen: Wenn wirklich jemand mit viel Berufserfahrung der Meinung ist, ich könne seine Schule bereichern - und dazu dieses Sekretariat mit reichlich Sprüngen in der Schüssel und einem herrlich losen Mundwerk...

...sollte ich dann nicht überlegen, doch wieder an ein Gymnasium zu gehen (wenn die Möglichkeit sich böte)? Ich habe in meiner Welt mit nur wenigen Graustufen in den letzten Jahren die Gemeinschaftsschule als angestrebte Schulform gesehen. Aber verzogene Gören, verhaltensauffällige SuS, pubertierend, das habe ich auch am Gymnasium.

Naja, diese Möglichkeit bietet sich derzeit nicht. In zweiundzwanzig Tagen bin ich arbeitslos - aber immerhin werde ich die Frage nach meiner bevorzugten Schulform bis dahin nochmal gründlich durchdenken.

Denn, liebe Leute, es ist ein ganz schönes Gefühl, wenn man die Schulleitung hinter sich weiß. Das war in Husum und in Eckernförde überhaupt nicht der Fall und in NMS nur unter bestimmten Voraussetzungen ("man funktioniert, ohne Stress zu machen" - das kennen sicherlich einige von Euch).

post scriptum: Heute wieder gesagt bekommen - "Hochbegabung ist doch nichts Schlimmes, das ist doch eine Bereicherung, quasi etwas, was du oben drauf bekommst!" - Gar nicht mal so unrichtig, ich fühle mich häufiger, als hätte ich eins oben drauf bekommen ^^

Freitag, 5. Januar 2018

Bürokratiergehege 3: Das Ministerium schlägt zurück

Es könnte so einfach sein...

Es gibt mal wieder Neuigkeiten aus dem Bürokratiergehege. Diesmal allerdings von seinem Seelenbruder, dem Ministerium für - ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie es sich derzeit nennt und es interessiert mich auch nicht. Das scheint sich in den vergangenen Monaten und Jahren mehrfach geändert zu haben. Ich nenne es einfach mal Bildungsministerium.

Das ist eine Sache, die vielleicht der eine oder andere Leser nachvollziehen kann, der sich in Schleswig-Holstein um eine Vertretungs- oder Planstelle im Regelschuldienst beworben hat. Über das dafür verantwortliche System pbOn habe ich schon einmal geschrieben. Es soll nun auch kein IQSH- oder pbOn-Thrashing werden, sondern ein Testament meiner eigenen Unfähigkeit, meiner absoluten Orientierungslosigkeit im Bürokratiergehege. Da kann ich noch so oft komplexe Sachverhalte erklären können: Ich bin nicht in der Lage, eine ordentliche Bewerbung zu erstellen.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, arbeite ich derzeit nach meinem mittlerweile dreizehnten Arbeitsvertrag. Das bedeutet also, dass ich mich bereits dreizehn Mal online beworben habe. Dreizehn Mal musste ich ein Anschreiben fertigstellen, meinen Lebenslauf aktualisieren, in der Zwischenzeit hat sich meine Adresse geändert, meine Telefonnummer, meine Mailadresse und der Kreis der Menschen, die ich liebe. Doch eines blieb während all' dieser Änderungen unverändert - die freundlichen Antworten der Sachbearbeiterinnen im Online-Bewerbungssystem.

Denn jedesmal, wirklich jedes Mal, wenn ich glaubte, alle benötigten Bewerbungsunterlagen eingereicht zu haben, hatte ich kurze Zeit später eine Mail im Postfach mit folgendem Inhalt: "Es gibt Neuigkeiten zu Ihrer Bewerbung." Mit einem Link, wie ich mir die Neuigkeiten online anschauen kann. Klingt wie Spam, aber als angestellter Lehrer in Schleswig-Holstein fühlt man sich gern wie Spam behandelt, also passt das ja. Similia in similibus solvuntur, oder so ähnlich hat Herr Limmer das uns erklärt.

Leider waren die Neuigkeiten im System nie wirklich positiv. Da konnten die Sachbearbeiterinnen das auch noch so freundlich formuliert haben, immer schwang ein gewisser genervter Tonfall mit, wenn es hieß: "Sehr geehrter Dr Hilarius, bitte..."

"...laden Sie Ihren aktuellen Arbeitsvertrag hoch."
"...ergänzen Sie die zweite Seite Ihres Arbeitsvertrages."
"...entfernen Sie die Hausnummer in der Straßenzeile Ihrer Grunddaten."
"...ändern Sie Ihre Laufbahn auf [Sek II-Lehrer]."
"...aktualisieren Sie Ihren Lebenslauf um die derzeitige Beschäftigung."
"...belegen Sie Ihren Zivildienst."

Und das sind nur ein paar der Aufträge, die ich jeweils zu erledigen hatte. Nie war gleich alles korrekt und vollständig. Auch heute nicht. Es ist, als ob diese Zurechtweisungen für die Sekretärinnen im Ministerium eine Art Lebenselixier darstellen, ohne das sie nicht existieren können. Irgendwie muss ja jeder sein Geld verdienen, und wenn es durch Zurechtweisungen Anderer geschieht, nicht wahr, Herr Lehrer?

Ich sollte zufrieden sein, dass ich diesmal nur besagte Hausnummer entfernen musste, alles Andere war korrekt. Damit bin ich wieder auf dem Arbeitsmarkt für Vertretungen verfügbar, mal schauen, wann sich die erste Grundschule meldet, oder alternativ ein Gymnasium auf Sylt. Beides für mich gleich relevant.

Ich frage mich, wie das erst irgendwann (vielleicht einmal) bei einer unbefristeten Stelle laufen soll.
Ich frage mich, ob ich es überhaupt irgendwann einmal auf die Reihe bekommen werde.

Vielleicht werde ich doch Kassierer bei Sky.

Donnerstag, 4. Januar 2018

Glasscherben


Eigentlich wollte ich heute den neuesten Teil der Reihe Bürokratiergehege posten, ist auch schon fertig geschrieben, aber ich möchte heute noch einmal eine Feststellung erläutern, die sich zum Start in das neue Jahr eignet. Dazu sei gesagt, dass die Quintessenz des Folgenden nicht von mir stammt. Ich habe sie von Pema Chödrön gelernt, die sie wiederum von ihrem Lehrer erhalten hat; ich habe das dazugehörige Video auch schon mehrfach im Blog gepostet, aber viele klicken nicht auf die Links und Videos in den Beiträgen - was vollkommen in Ordnung ist, ich mache das auch nur selten - und deswegen schreibe ich es hier noch einmal auf. Es geht darum, wie gut es tut, sich manchmal so richtig über die Widrigkeiten des Lebens aufzuregen.

"Diese beschissene Welt!"
"Diese beschissenen Menschen!"
"Dieses beschissene Schicksal!"

So möchten wir manchmal hinausschreien, und wir finden Gründe zuhauf: Das Wetter ist zu schlecht. Die anderen Autofahrer sind zu rücksichtslos. Das Internet ist nicht schnell genug, die Butter ist zu teuer, das Gehalt zu niedrig und der Arbeitsaufwand zu hoch. Die Wohnung ist zu hellhörig und mein Kollegium kann ich erst recht nicht leiden. Diese beschissene Welt gibt uns zahlreiche Anlässe, sie beschissen zu finden. Scheiße, wohin wir auch blicken.

Es fühlt sich an, als müssten wir barfuß über Glasscherben gehen. Überall um uns herum, direkt bei uns und auch in tausenden Kilometern Entfernung; Glasscherben und Nägel und Schrauben und spitze Steine. Sie pieksen uns, sie zerschneiden unsere Füße, wir stolpern, wir bekommen blaue Flecken. Und wir fluchen darüber, um uns für einen Moment etwas Frustabbau zu verschaffen. Als Ventil. Doch dann kommt die Idee!

Wie wäre es, wenn wir einfach den ganzen Boden ringsherum mit einer Schicht dicken Leders auslegen? Quasi wie einen Teppich, durch den das Glas nicht schneiden und die Nägel nicht pieksen können. Wie heißt es so schön? "Mach' die Welt, wie Du sie haben möchtest." Und nach und nach kleiden wir alles mit dem schützenden Teppich aus Leder aus, und wir arbeiten immer weiter daran, weil wir daran glauben, dass wir irgendwann den gesamten Boden abgedeckt haben; dass wir uns die ganze Welt zurecht machen können.

Das klingt unrealistisch. Aber wenn man einmal darüber nachdenkt, ist es genau das, was wir machen. Immer wieder, oft unbewusst. Wir versuchen unsere Mitmenschen zu erziehen, wir suchen einen Job, der mehr Geld einbringt, und wenn das Wetter zu grau ist, ziehen wir einfach die Vorhänge zu. Und wenn zu wenig Geld auf dem Konto ist, schauen wir einfach nicht hin. Fakt ist: Es wird für uns niemals möglich sein, all' unsere Probleme zu modifizieren und aus dem Weg zu räumen.

Wie wäre es denn, wenn wir stattdessen nur zwei kleine Stücke des schützenden Leders nähmen und unsere Füße damit umwickelten? Auf diese Weise könnten wir hingehen, wo wir wollen, egal ob der Boden zerklüftet ist, mit Glasscherben bedeckt oder voller Nägel ist.

Das ist es, was Pema Chödrön (und alle vorhergehenden Lehrer des Buddhismus) sagen will: Wenn wir es stattdessen schaffen, uns mit der Welt zu arrangieren, an uns zu arbeiten, um mit den Widrigkeiten des Lebens umgehen zu können, dann wird unsere Wut weniger werden, auch unser Frust, und es wird leichter für uns sein, das Gute in jeder Situation entdecken zu können.

Mittwoch, 3. Januar 2018

Mein Vulkan und ich

Burn, baby, burn!

An diesem Silvester habe ich null Euro für Feuerwerkskörper ausgegeben. Das ist durchaus ungewöhnlich, meine Eltern können ein Lied davon singen: Ich habe in meiner Jugend immer wieder gern verschiedenste Feuerwerkskörper gekauft, angezündet, erlebt und auswendig gelernt. Ja genau: Mir war bald klar, was eine Wilde Hummel ist, oder Vierfarb-Fontäne, oder Fallschirm-Leuchtrakete, oder Feuertopf. Irgendwann wusste ich genau, was passiert, wenn ich eine 1000 Silbertaler-Fontäne anzünde. Und dann war es irgendwie nicht mehr so spannend.

Ich habe eher Sachen gekauft, die ich noch nicht kannte, weil ich erleben wollte, was mittlerweile so alles möglich ist. Als vor etwa fünfzehn bis zwanzig Jahren Feuerwerksbatterien für "Laien" noch ganz neu und unbekannt waren, war ich gleich dabei, ich wollte ausprobieren, was das wohl ist. Mittlerweile kenne ich sehr viele Feuerwerkskörper und -effekte. Dadurch ist der Reiz etwas verloren gegangen. Das bedeutet nicht, dass ich mir nicht immer noch gern Feuerwerke anschaue, im Gegenteil, aber ich hinterfrage inzwischen, warum ich Geld für etwas ausgeben soll, das ich schon kenne.

Knaller habe ich nie gekauft. Ich nehme zur Kenntnis, dass viele Menschen es lieben, einen Kracher anzuzünden und damit die gesamte Nachbarschaft mal so richtig zu erschüttern. Und es sei ihnen gegönnt; danach müssen sie wieder über dreihundert Tage darauf warten. Aber mich haben Böller nie gereizt. BUMM! Und das war's. Nix mit Genuss. Im Gegenteil, ich habe mich unglaublich verjagt, wann immer ein Knaller in meiner Nähe losgegangen ist, den ich nicht selbst gezündet hatte.

Mich reizen länger andauernde, sichtbare Effekte. Wie sich ein Funkenregen in Kaskaden aus bunten Kugeln verwandeln kann, und es dann zu knisternden, extrem hell aufleuchtenden Blitzlichtern kommt, das fand ich immer faszinierend - und daran hat sich bis heute nichts geändert. Je mehr ich darüber nachdenke, umso sicherer bin ich mir, dass ich nächstes Mal Feuerwerkskörper kaufen werde. Und zwar nicht einfach irgendwas, sondern ganz gezielt, denn unter dem ganzen Leuchtfeuerwerk habe ich einen Favoriten: die Vulkane.

Ich finde es aufregend, wenn der Vulkan zündet und zunächst nur eine relativ kleine Flamme aufleuchtet, mit einem Zischen, und Funken in die Luft schleudert, die nicht einfach verschwinden, sondern zurück auf den Boden fallen wie Lava. Ich bin gespannt, wie hoch die Flamme wohl wird - denn in der Regel steigert sich die Höhe des Funkenregens mit dem Abbrennen immer weiter, das Zischen wird zu einem immer lauter anschwellenden Fauchen, die vorhin noch kleine Flamme ist fast größer als der Vulkan selbst und die Funken steigen einen, zwei, drei Meter hoch in den Nachthimmel. Ich frage mich, was denn da noch alles rauskommt, denn der Effekt eines Vulkans lässt sich nur selten an seinem Äußeren erkennen - klein und unauffällig, kann der Funkenrausch die Aufmerksamkeit aller auf sich ziehen. Die kleinen Lichter fliegen inzwischen fast vier Meter hoch - doch dann stoppt die Fontäne, das Fauchen reduziert sich zu einem Zischen und es bleibt nur noch eine kleine Flamme auf der Spitze des Vulkans übrig. Manche Vulkane sehen danach tatsächlich aus wie ihre Namensvetter in der Natur, verkohlt, mit eingestürzter Flanke, Zeugnis des Infernos.

Nächstes Mal werde ich mir ein paar verschiedene Vulkane besorgen. Dann warte ich Mitternacht ab, beobachte all' die Feuerwerkskörper der anderen Menschen, und wenn ich dann Ruhe habe, wenn keiner mehr stört, genieße ich die flammende Sinfonie.

Dienstag, 2. Januar 2018

Ohrwurm

Entspannt in's neue Jahr...

Neujahr habe ich ohne neuen Beitrag gelassen - ich weiß ja nicht, wie es Euch geht, aber der Neujahrstag gehört für mich immer der "Schadensbeseitigung". Die Wohnung wird aufgeräumt, der Kopf wird durchgelüftet. Ich habe so viel nachgedacht in den letzten Tagen, dass ich an Neujahr einfach nur existiere. Das Gehirn auf Sparflamme laufen lassen. Musik hören. Videospiele. Und natürlich, wie könnte es in diesem Jahr auch anders sein, Twin Peaks.

Irgendwie verkriechen sich alle an Neujahr. Wenn sie aus dem Fenster schauen, sehen sie die inzwischen in braun-bunten Matsch verwandelten Überreste des Feuerwerks im Regen. Der Kopf dröhnt, oder tut weh, oder will einfach nur in Ruhe gelassen werden. Viele schlafen ihren Rausch aus, Aspirin, vielleicht etwas Koffein, gegen Mittag werden die ersten Zigaretten angezündet. Alle paar Minuten fährt draußen mal ein Auto vorbei; es ist ein Feiertag wie jeder andere Feiertag, die Geschäfte sind geschlossen, allerdings möchten an Neujahr - im Gegensatz zu den Weihnachtsfeiertagen - nicht viele Menschen die Zeit auf Teufel komm raus gemeinsam mit der Familie verbringen: Viele lassen in ihrem hämmernden Schädel ihre Vorsätze Revue passieren, wie auf einem Fließband, das durch ihren Kopf läuft, und an dessen Ende alle Vorsätze direkt in die "Naja, gestern war ich nicht nüchtern"-Müllkippe Zweitausendachtzehn entsorgt werden.

Und ich? Ich habe meine Fingernägel frisch lackiert. Meine Notebook-Tastatur ist begraben unter einem Haufen aus Notizzetteln, viele kleine Erinnerungen an Dinge, die erledigt werden müssen, die ich aber in den letzten Tagen des alten Jahres nicht erledigen wollte, weil ich nicht aus meinem Gedankenflow rauskommen wollte. Ich muss endlich meine Bewerbung im pbOn aktualisieren. Ich muss einer Freundin per Mail antworten. Ich muss Rechnungen bezahlen. Ich muss Bargeld holen. Manche der Notizzettel sind mit Ausrufezeichen versehen, als ob das etwas ändern würde. Manche habe ich in auffälligen Farben geschrieben - als ob das etwas ändern würde!

Und dann wollte ich gerade die Rollos herunterziehen, um das Neujahrsgrau auszublenden, da kommt tatsächlich die Sonne hervor. Meine Mutter würde mich jetzt ermuntern, einen Spaziergang an der schönen Luft zu machen, aber ich bin noch nicht mit dem Aufräumen fertig. Truth be told: Ich habe noch nichtmal mit dem Aufräumen angefangen. Ich muss keinen Kater haben, um das noch etwas hinauszuschieben. Lieber noch einmal den Ohrwurm abspielen, der mich seit dem Silvesterabend begleitet, seitdem ich drei Mädels in einer Folge Twin Peaks auf der Bühne habe performen sehen (Au Revoir Simone - A Violent Yet Flammable World), und eigentlich kann der ganze graue Alltag noch etwas warten. Leck' mich, die Arbeit kann auch am zweiten Januar beginnen.

(...)

Und nun ist der zweite Januar erreicht. Jetzt sollte ich endlich mal anfangen, die Silvestergrüße abzuarbeiten, die noch fehlen, das sind zum Glück nicht viele. Der Müll kommt raus, und dann wird es Zeit für die letzten beiden Folgen Twin Peaks - Serien können schlimm sein, erst recht, seitdem man mit einem Klick direkt die nächste Folge beginnen kann. So wird es sehr schwer, einfach zwischendurch aufzuhören. Soviel zum Thema Disziplin; ist sowieso ein blöder Vorsatz.

Kommt gut rein!