Donnerstag, 21. Dezember 2017

Mein erstes Mal mit Leni Riefenstahl

Bei dem Anblick schaudert's mir...

Leni Riefenstahl. Ich habe den Namen schon so oft gehört, er hat sich wie ein Bild in mein Gehirn gebrannt. Ich hatte keine Ahnung, wer Leni Riefenstahl war, aber der Name hatte etwas. Hat mein Interesse geweckt. Warum auch immer; allerdings nicht so weit geweckt, dass ich mich mal über die Riefenstahl informiert hätte. Hatte einfach nur einen interessanten Klang.

Und dann kam das: Dieser Tage setze ich mit mit alten Filmen auseinander. Ich lerne etwas über die Geschichte des Films. Wann ungefähr der Wechsel stattfand von den Stummfilmen zu den Talkies, ich schaue gemischt Stummfilme und Sprachfilme aus jener Zeit. Immer mit dem Hintergedanken, dass ich gern jene Filme sehen möchte, die als beste Filme der Welt erachtet werden. Ich bin eben neugierig, ich möchte wissen, was sie so großartig macht. Ich möchte wissen, warum ein Film ohne Sprachausgabe so großartig sein kann, zum Beispiel (über Metropolis werde ich später mal etwas schreiben, wenn ich die restaurierte Fassung gesehen habe).

Um Leni Riefenstahl kommt man einfach nicht herum, wenn man dieses Mindset hat. Und ich weiß jetzt auch, wieso. Ich fühle mich gehirngespült - aber es ist nur ein Gefühl. Kudos an den Film Triumph des Willens (1934), den ich heute angeschaut habe.

Ich sollte das vielleicht vorweg sagen, damit kein falscher Eindruck entsteht: Dieser Film ist pure Propaganda. Er besitzt keinerlei inhaltliche Tiefe und ist ein Dokument der NSDAP. Roger Ebert nannte ihn einst evil. Das sollte vermerkt werden, weil der Film vom Standpunkt eines Filmliebhabers ein Meisterwerk ist und ich nun in's Schwärmen kommen werde.

Leni Riefenstahl war eine kontroverse Figur der deutschen Geschichte. Sie hat sich von der NSDAP instrumentalisieren lassen - anders als ihr Regiekollege Fritz Lang, der "rechtzeitig" in die USA auswanderte. Adolf Hitler soll sehr angetan gewesen sein von Riefenstahls Arbeit, allerdings hat er ihr garantieren müssen, dass der Triumph der letzte Propagandafilm sein würde, den er bei ihr in Auftrag gegeben hat.

Wie schon erwähnt, gibt es in diesem Film keinen Inhalt. Er ist eine Dokumentation des Reichsparteitages der NSDAP im Jahr 1934. Wir sehen stramme Jungs marschieren, Soldaten und Parteigänger den Hitlergruß ausführen, wir sehen Goebbels, Himmler, wir hören Reden, alles auf ausschweifende Art und, wie es sich nun einmal für Propaganda gehört, einseitig und dauerpositiv. Der Film sollte niemanden umstimmen - deswegen habe ich mich oben ein bisschen geziert mit der "Gehirnwäsche" - er sollte einfach jene Menschen, die bereits der NSDAP treu ergeben waren, bestätigen, dass sie das "Richtige" taten, und das tut der Film über knapp zwei Stunden.

Eigentlich würde ich abgeschaltet haben bei einem solchen Mangel an Inhalt und Plot. Aber ich komme nicht umhin zuzugeben, dass der Stil der Frau Riefenstahl mich begeistert hat. Ich habe mittlerweile zeitgenössische Filme gesehen, zum Beispiel M - Eine Stadt sucht einen Mörder (1931) von erwähntem Fritz Lang. Und dadurch, dass ich den Vergleich habe, bemerke ich die Klasse dieses Films. Luftaufnahmen, Massenszenen, nicht ein einziges Gesicht, das nicht ernst marschiert, nicht eine einzige Mütze sitzt schief. Überkopfaufnahmen von einem Torbogen, während unten im Takt der Musik die Soldaten marschieren. Ein fantastischer Einklang von Musik und Bildern, und immer wieder habe ich mich gefragt: Wie hat die Riefenstahl das gemacht? Mittlerweile habe ich gelesen, dass sie mit dreißig Kameras gearbeitet hat und mit einhundertfünfzig Kameraleuten.

Das erklärt Einiges und ist ein Zeugnis des Talents der Regisseurin. Es hat einen Grund, dass Hitler angetan war. Goebbels muss diesen Film geliebt haben; war der nicht Reichspropagandaminister?

Warte mal, Dr Hilarius, fängst du etwa gerade an, dich ernsthaft für die Zeit des Nationalsozialismus zu interessieren? Musste ich dafür erst vierunddreißig Jahre warten? In der Schulzeit hat das Thema mich nur genervt, ich hatte keine Ahnung von gar nichts, und Herr Lasch hatte es leider nicht drauf, Geschichte wirklich lebendig werden zu lassen. Und wie das bei Hochbegabten so ist: Wenn sie eine Sache nicht interessiert, merken sie sich auch nichts. Scheinbar hat mein Interesse für Filmgeschichte mir einen Blickwinkel auf das Dritte Reich eröffnet, der mir vorher verborgen geblieben ist.

Ich komme einfach nicht drumherum: Dieser Film ist fantastisch, und er ist fürchterlich. Ein Meisterwerk für einen sehr üblen Zweck.

post scriptum: Und ich bin schockiert, wie viele Parallelen ich zum Verhalten der AfD ziehen konnte...

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Ich werde gestalked

Das musste ich zum Glück an dieser Schule noch nirgendwo drunterschreiben.

Der ursprüngliche Titel dieses Beitrags lautete "JKK - Jammer, Kisten, Konnektoren", aber das hätte nur eine Person verstanden, nämlich die große Tuba. Und ja, ich lasse "Tuba" stehen, denn ich habe mich qua Liaison mit Freud vertippt, natürlich müsste da "Buba" stehen.

Es sind Ferien! Und da geht es schon los: Die große Buba muss morgen nämlich noch einmal in die Schule. Ein Individualisierungsmerkmal der Waldorfschulen. Ich habe meinen letzten Schultag sehr genossen, er war sehr kurz. Bestand eigentlich nur aus einer Klassenarbeit, die wirklich etwas fies gelegt war, nachdem gestern Schulgottesdienst und Abiparty obligatorische Events für die Schüler waren. So konnte ich heute morgen in teils sehr rote Augen schauen. Hoffen wir mal, dass die Klassenarbeitsrückgabe nicht irgendwann wieder für rote Augen sorgt.

Besonders gefallen hat mir der Abschied von unseren Sekretärinnen (habe ja bereits erwähnt, dass das hier ein lustiges Sekretariat ist), die beschlossen haben, mich zu stalken; genau in diesem Moment lesen sie diesen Eintrag. Hoffen wir mal, dass Blog und Schule sich diesmal besser vertragen als an meiner vorletzten Schule; dort wurde ich quasi mundtot gemacht, damit ich nichts Schlechtes über die Schule schreibe.

Und mit dem JKK - ich freue mich riesig darauf, die große Buba wiederzusehen. Wir spielen zur Zeit The TALOS-Principle. Genau gesagt, spielt sie und ich schaue zu, ich kenne den Plot ja schon und möchte nix verraten. Hoffen wir mal, dass wir beide morgen Abend noch in Ansätzen fit sind.

Dreimal Hoffnung. Eine gute Ausgangslage für die Weihnachtsferien.

Dienstag, 19. Dezember 2017

Aus dem Gesicht gefallen

Total süß, im wahrsten Sinne des Wortes.

Irgendwie ist es immer wieder ein schöner Moment, wenn man einen Menschen überraschen kann (solange der Anlass positiv ist). Wenn der Andere gar nicht damit rechnet. Das Staunen im Gesicht, oder einfach nur Ungläubigkeit. Für mich fühlt sich das schön an, weil ich dadurch das Gefühl bekomme, bei anderen Menschen etwas bewirken zu können. Muss wohl Teil der Egozentrik sein - mir selbst zu beweisen, wie "toll" ich bin. Irgendwie lässt sich doch alles auf egozentrische Bedürfnisse herunterbrechen.

Gestern habe ich meinen E-Jahrgang einen Test schreiben lassen. Das "Oh mein Gott, wie sollen wir das nur schaffen"-Entsetzen zählt nicht zu den Überraschungen, die ich gern herbeiführe. Allerdings zweifle ich mittlerweile an, dass das ein authentisches Entsetzen war. Bei meinen derzeitigen Lerngruppen scheint es ein Automatismus zu sein: Wann immer sie eine Aufgabe gestellt bekommen, jammern sie drei Viertel der Arbeitszeit herum, dass das ja zu viel und zu schwer sei, und dann erledigen sie es problemlos. Sollte ich u.U. an der Schule bleiben, möchte ich etwas gegen diese (bei ein paar Schülern authentische) Panik tun. An den letzten Gemeinschaftsschulen hatte ich das irgendwie nicht. Die haben einfach ihre Aufgaben erledigt.

Aber zurück in den E-Jahrgang; es war die letzte Doppelstunde vor den Ferien, und nachdem wir die Hälfte der Zeit mit dem Test verbracht haben, habe ich ihnen eine kleine Kurzgeschichte vorgelesen, als Alternative zum Film, sozusagen. Auf Englisch, und zwischendurch regelmäßig Verständnis gesichert. Und was haben sie sich gelangweilt! So ein idyllisches Dorf, um das es ging, lahm. Und alles im Sommer, und viel zu friedlich, und erzkonservativ, Traditionen und blablabla. Und in der Tat geht es in der Geschichte sehr gesittet zu. Nur im letzten Viertel wird es etwas sinister, und im letzten Absatz folgt dann das twist ending, und ich habe es genossen.

Genossen, langsam zu lesen, mit mehr Betonung, und dann die grausigen Szenen auf der Zunge zergehen zu lassen. Zu hören, wie ein paar Schüler den Atem anhalten in dem Moment, als ihnen klar wird, worauf diese Geschichte hinausläuft. Das Entsetzen in den Gesichtern dieser lieben, braven Kinder zu sehen. "Das ist doch nicht wahr, oder?" - "Machen die das gerade wirklich?" - "Was, der eigene Sohn???" Und direkt, bevor die Szene zu explizit wird - The End. Und ich kann förmlich sehen, wie die Bilder in den Köpfen der Schüler weiterlaufen, damit haben sie nicht gerechnet. Ich habe damals, beim ersten Lesen, auch nicht damit gerechnet. Und mir ist damals auch alles aus dem Gesicht gefallen. Es muss einen Grund haben, dass es eine der bekanntesten Kurzgeschichten Amerikas ist.

The Lottery von Shirley Jackson.

Mir ist nichts aus dem Gesicht gefallen, denn ich kannte den Twist ja mittlerweile (und natürlich gibt es hier keine Spoiler). Dafür ist mir heute das Grinsen eingefroren, als die achte Klasse mir, nachdem sie heute (mit ingesamt fünf Unterrichtsstunden Vorbereitung) ihre erste Klassenarbeit geschrieben haben, ein kleines Präsent für die Weihnachtstage mitgegeben haben. Das fand ich so süß, da hat sich tatsächlich die Klassensprecherin am Tag davor in die Küche gestellt und Vanillekipferl gebacken, hübsch eingepackt mit einer Karte dazu, und bei solchen Aufmerksamkeiten bin ich völlig überfordert.

Anders als bei Geburtstagsgeschenken, die mir nicht zusagen, da komme ich mittlerweile gut mit method acting zurecht. Hier geht es um Kleinigkeiten, die mir wirklich gefallen und mich wirklich überraschen. Tja, da war ich dran mit der Überraschung, und die Kiddies haben es genossen. Ich fand das unglaublich aufmerksam, von einer Klasse, die ich gerade mal fünf Stunden unterrichtet hatte.

Ich wollte heute eigentlich etwas über meine zunehmende Begeisterung für Epen schreiben, ist auch halb fertig, aber das hier hat den heutigen Beitrag eher verdient. Und es ist einer der Gründe, warum ich gern Lehrer bin, trotz all' der Widrigkeiten seitens des Ministeriums, Formalitätenhickhack und wie ein Niemand behandelt zu werden. Das wertet es wieder auf.

post scriptum: Wer zwanzig Minuten Zeit hat, kann sich diese sehr treffende Verfilmung von "The Lottery" anschauen:
 

Samstag, 16. Dezember 2017

Gehirn sagt "Nein"

Ivor Novello in The Lodger (1927) - sind das nicht verführerisch sinistre Augen?

Heute ist Samstag, ein sonniger, wie ich feststelle. Und wie an so gut wie jedem dritten Samstag im Monat findet heute Abend die Lost Souls statt. Natürlich gehe ich dort hin: Ich liebe die Gelegenheit, mal etwas schwärzer als sonst auszugehen, die Nägel frisch lackieren und endlich mal wieder etwas Kajal und Lidschatten dazu. Und ein paar Runden zu tanzen mit anderen Kreaturen der Schwarzen Szene. Heute abend ist es also wieder soweit.

Aber das Gehirn sagt "Nein".

Weil da der gestrige Freitag mit drei schönen Filmen war, die einfach Lust auf mehr gemacht haben. Und weil ich momentan ein Interesse für Stummfilme hege; heute soll es Langs Metropolis (1927) geben, vielleicht auch einen anderen Hitchcock-Novello-Film, Abwärts (Downhill, 1927). Vielleicht auch etwas von Buster Keaton, wenn etwas humorvoller sein soll.

Das ist vielleicht wieder so eine HB-Sache. Dass mein Gehirn manchmal spontane Planänderungen vornimmt, obwohl ich sie eigentlich überhaupt nicht ausstehen kann, wenn sie mir von außen aufgezwungen werden. Da hege ich Plan A, und plötzlich kommt mir etwas Interessantes, Spannendes unter die Augen und mein Gehirn beschäftigt sich nur noch damit - übrigens eine herrliche Gelegenheit, mal wieder das Essen zu vergessen.

So ist es dieses Mal auch wieder. Die gestrigen Filme waren so großartig (auch die von davor), dass ich komplett im Film-Modus bin. Ich will heute Abend gar nicht ausgehen - auch wenn die nächst LS wieder einen Monat hin ist. Gehirn sagt "Nein" - und kann ich ihm das verübeln, angesichts The Graduate (Die Reifeprüfung - eigentlich hat mich der Film gar nicht soooooo sehr interessiert, aber die Musik von Simon&Garfunkel ist einfach zu großartig [wenn auch "eigentlich" nicht meine Musikrichtung] und für Anne Bancroft in der Rolle der Mrs Robinson würde ich zur Hete werden, und jetzt verstehe ich auch einige Szenen von Wayne's World wesentlich besser) - wobei vorletzterer Gedanke angesichts von Ivor Novello (s. ganz oben) wieder in den Hintergrund rutscht; deswegen will ich ihn auch heute wieder sehen, in einem anderen Film. Ein bisschen Eisensteins Battleship Potemkin - wow, echt klasse, mit einer ziemlich intensiven Szene (wer es kennt - die Odessa Steps, ziemlich beeindruckend), endlich, endlich Orson Welles' Citizen Kane - ziemlich genial, ich verstehe, warum viele diesen Film für den besten aller Zeiten halten. But I won't tell - findet es selbst heraus. Eine weitere Bildungslücke habe ich mit Forrest Gump abgeschlossen - ich bin ganz froh, dass ich den Film nach meiner Zeit an Gemeinschaftsschulen gesehen habe und dadurch Menschen mit einem niedrigen IQ kennenlernen durfte; dadurch konnte ich in dem Film besser mitgehen (wenn man irgendwie immer nur hohe Intelligenz "kennengelernt" hat, ist das nicht so einfach zu verstehen, und unbedarft hätte ich den Film vielleicht für übertrieben in Forrests Darstellung gehalten).

Zwei Stunden später...

Ich muss durchatmen. Und eine kleine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Früher dachte ich immer, dass ich keine epischen Filme schauen möchte. Die sind so lang und unhandlich und immer das Gleiche, Gut gegen Böse, und noch ein bisschen Liebe rein, Kitsch blabla, fühlt sich an wie "alles schon gesehen", ich brauche Unkonventionelles.

Während es stimmt, dass ich immer auf der Suche nach Unkonventionellem im Film bin, stimmt das "alles schon gesehen" nicht. Warum rede ich mir ein, ich würde die Klassiker schon kennen, wenn ich sie nicht kenne? Entsteht daraus so ein starker Drang, anders zu sein? Ich habe eben einen weiteren Klassiker erlebt, Fritz Langs Metropolis (1927). Es ist irre, was man damals für Effekte zur Verfügung hatte. Es ist irre, wie sehr dieser Film mich packen kann. Es ist irre, wie sehr der Film nachwirkt. Das tut er jetzt, Zeit für eine Meditation. Meditation darüber, dass ich ein wenig reifer werde und aufgeschlossener gegenüber den Dingen.

Eigentlich eine recht coole Alternative zur Party.

post scriptum: Ich habe heute sehr viel Spaß mit dem "Amazon Fire TV Stick" gehabt. Das Teil lässt einen auf das Film-, Serien- and whatnot-Sortiment von Amazon zugreifen. Ganz einfach per Knopfdruck und Sprachsteuerung. Also suche ich per Sprachsteuerung "Metropolis" - nichts. Ich sage "Eraserhead" - nichts. Ich sage "The Wind" - und bekomme die Wettervorhersage für Kiel. Da platzt mir der Kragen und als nächste Suchanfrage pöbel ich das Gerät an - mit folgendem Suchergebnis, das mir herrliche Lachkrämpfe beschert hat:

 

Freitag, 15. Dezember 2017

ineffabilis, e (adi.)

Letztlich ist das alles nur wieder Chemie. Oder?

Aus dem Griechischen abgeleitet beschreibt es etwas, das man nicht in Worte fassen kann. Unaussprechlich, unsagbar. Ein bisschen wie der Name Voldemort bei Harry Potter, aber halt auch nur ein bisschen, denn der Name wird oft genug ausgesprochen. Was dagegen tatsächlich als ineffabilis gilt, sind Psychedelische Reisen.

Manch' ein Mensch möchte erfahren, was es noch so alles auf dieser Welt gibt, indem er dazu psychedelisch wirksame Substanzen konsumiert. Das Bewusstsein wird erweitert und es ist eine unvergleichliche Reise. Unvergleichlich, denn jede Reise ist anders, teilweise komplett anders. Viele Psychonauten (Seereisende der Seele, das ist ein schönes Bild) sind von ihrem Erlebnis so begeistert, dass sie Andere daran teilhaben lassen wollen. Das ist aber gar nicht so leicht: Sobald man versucht, einen sogenannten "Tripbericht" zu verfassen, wird es kompliziert. Nicht, weil man die Inhalte der Reise vergessen hätte (was allerdings auch oft passiert), sondern weil die Worte fehlen, um das Erlebte angemessen schriftlich festzuhalten.

Denn, wenngleich solch' ein Trip für Außenstehende sehr unspektakulär sein kann (der Reisende liegt vielleicht einfach nur auf seinem Bett), geht im Kopf die wahre Action ab. Behind Closed Eyelids öffnen sich Welten, bunt oder auch nicht, real, tatsächlich, vielfältig, bekannt oder unbekannt, philosophisch, metaphysisch. Man kann es versuchen, aber es ist sehr schwer, ein akkurates Bild der Reise wiederzugeben. Es gibt unzählige solcher Tripberichte im Internet, manche zeigen ein erstaunliches literarisches Niveau. Man kann beschreiben, was man sieht - aber was man fühlt, auf so einer substanzgestützten Gedankenreise, das bleibt ineffabilis (besser mit -e, nicht wahr?).

Vor knapp neun Jahren, im Studium, habe ich das auch einmal probiert. Und wenn ich das heute lese, realisiere ich, wie wenig ich damals das Erlebte in Worte fassen konnte - Effekte ja, Inhalte nein. Ich wünsche gute Unterhaltung - stellenweise zensiert, weil ich niemanden auf irgendwelche Ideen bringen möchte:

Ich nehm das XXX gerne so um 18 Uhr ein, dann bin ich gegen Mitternacht wieder einigermaßen klar. Also hab ich gestern (wegen Telefonat etwas später) so gegen 18.15 Uhr XXX geschluckt. Dazu dann gleich zwei Emesan (100mg DPH) gegen die Übelkeit, wobei ich immer noch finde, dass die Dinger schon selbst zum Kotzen schmecken. Warum machen sie da keine Filmtabletten draus? Evtl. nehme ich nächstes Mal gegen die Übelkeit Dimenhydrinat, mal schauen.

Dann erstmal Musik angemacht, ruhige Soundtracks zum Runterkommen und nur Schwarzlicht im Zimmer an. Ich hab störende Sachen aus dem Weg geräumt, damit ich nicht stolpere oder Sachen verschütte, alles schon passiert ;-) Ich hab mich aufs Bett gelegt und erstmal versucht, zu entspannen. Nach 20-30 Minuten kamen dann ganz leichte Magenkrämpfe, aber das ist bei mir zu dem Zeitpunkt ganz normal. Hab erstmal die Augen geschlossen und die Musik genossen. XXX braucht bei mir ziemlich lange zum Wirken (1,5-2h), also ist erstmal Geduld angesagt. Gegen 19.30 Uhr war meine provisorische Winamp-Playlist dann abgelaufen und ich musste aufstehen, um neue Songs draufzupacken. Hab dann schon gemerkt, dass mir leicht schwindelig wurde und hab mir gedacht, alles klar, geht langsam los, noch zwei, und dann wechseln wir mal den Musikstil. Also noch ein paar ruhige Sachen dazu, nochmal 20 Minuten hingelegt und etwa um 20 Uhr hab ich dann meine XXX-Playlist rausgekramt (Techno, Rave&Hardtrance). Dazu dann etwas Räucherware angesteckt, das gibt immer ne schöne Atmosphäre.

So langsam ist mir schön schwindelig geworden und ich hab bereits auf dem Bett das Gefühl gehabt, als würde mein Körper nach und nach in warme Decken eingepackt. Ich hab mir ein T-Shirt angezogen, weils im Pullover zu warm war. Hab mir dann überlegt, zur Musik wieder XXX-typisch zu tanzen (also etwas zombie-like, mit langsamen, spacigen Bewegungen), aber davon ist mir dann schlecht geworden und ich hab mich einfach wieder aufs Bett gelegt. Hab nen ordentlichen Kopf bekommen und mich auf dem Bett hin und her gedreht, weils ein geiles Gefühl ist. Die Schwerkraft hat irgendwie anders gewirkt, hat mich auf dem Bett nach rechts gezogen und gegen die Wand geklatscht. Ich hab mich nach links gedreht, bin aber wieder nach rechts zurück gerollt, wie magnetisch *g*

Tja, dazu die Musik und das Schwarzlicht, bin dann mehrmals aufgestanden, durchs Zimmer getaumelt und hab mich wieder aufs Bett gepackt, Kopf total dicht, warmes, weiches Kribbeln am Körper, nur zwischendurch hats am Kopf tierisch gejuckt und ich hab mich heftig gekratzt (Fehler, ich weiß *g*). Bin auch ein paar Mal gegen die Tür oder meinen Schrank gelaufen und hab blöderweise mein Glas Wasser auf dem Schreibtisch umgehauen (was auch immer meine Hand da auf dem Schreibtisch zu suchen hatte). War auch schwer, im Schwarzlicht die Wasserflecken aufzuwischen, naja, immerhin konnte ich meine Armbanduhr aus der Überflutung retten, den Rest hab ich erstmal so gelassen *g*

So ab 22 Uhr hat dann der Schwindel nachgelassen und ich hatte "nur" noch diesen tierisch angenehmen dichten Kopf. Hab nochmal ne Emesan gegen Übelkeit eingeworfen. Gegen 23 Uhr bin ich dann zu Fuß zu Burger King (5 Minuten) getapst, hab im Laufe des Abends mehrere Male versucht, die Bestellung so aufzusagen, dass nicht gleich jeder merkt, dass ich noch stoned bin *g* Hat dann trotzdem nicht geklappt, mit der Koordination beim Gehen wars noch nicht so ideal. Egal, wieder zuhause, gefuttert (hat trotz Pappmaul noch einigermaßen geschmeckt) und so gegen 24 Uhr ist auch das angenehme Gefühl langsam abgeklungen, dann hatte ich nur noch nen Brummschädel. Ins Bett, heute um 8.30 Uhr aufgewacht, nüchtern und wieder fit in den neuen Tag ;-)

So, Fazit? ;-) Schöner Trip, etwas ruppig, hatte bei 6,3mg/kg nicht mehr so viel Bock zu tanzen wie bei 4,2mg/kg, war einfach zu anstrengend. Dafür war das spacige Gefühl schöner und der Kopf besser! Jetzt ist erstmal wieder ein Monat Pause angesagt, dann schauen wir mal weiter ;-)

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Alte Schule

Was da wohl alles drinsteckt?

"Und, wie ist es hier so?" fragen mich Kollegen, die sich mir bestimmt schon einmal vorgestellt haben, aber mein Gehirn sagt sich, wenn ich sowieso nur zwei Monate bleibe, muss ich mir keine Namen merken. Eine objektive Antwort kann ich auf die Frage noch nicht geben, das ist meinem Gehirn klar, und deswegen ist das für mich ein unangenehmer Moment: Was antworte ich denn jetzt?

Gehirn denkt: "So ein geiles Sekretariat habe ich bisher nur in SPO erlebt, das rettet mir das Leben. Kollegen sind sicherlich nett, aber da sind so viele neue Menschen, ich möchte am liebsten gar nicht angesprochen werden, ich weiß nicht, wen ich wie grüßen soll, die Schüler sind halt gymnasial. Brav, lieb, nett, melden sich tatsächlich, wenn man eine Aufgabe gibt, bringen mir von sich aus bunte Kreide mit, wenn ich über deren Fehlen jammere - gutes Stichwort, die Schüler jammern wesentlich mehr "Wie sollen wir das schaffen?"-mäßig rum als GemS-Schüler. Bürokratie läuft extrem unkompliziert ab, ich mag zwar, wie man offen miteinander umgeht, aber hab schon einen "hinter dem Rücken"-Moment gehabt und ich kann all' diese Eindrücke nicht unter einen Hut bringen."

Mund sagt: "Die Lerngruppen sind ganz nett. Und irgendwie hätte ich mir das hier spießiger vorgestellt."

Es sind einfach zu viele Eindrücke, die ich alle nur mit Mühe verarbeiten kann (Donnerstag wird zum Meditationstag erklärt). Und natürlich mischt sich eine Angst hinein, dass alles so fake-freundlich sein könnte. Aber das Sekretariat. Das ist so authentisch, das zerstreut diese Angst wieder. Und dann solche Momente:

Ich sitze im kleinen, familiären Lehrerzimmer, versuche, Nepos auf irgendeine Form des Leistungsnachweises herunterzubrechen, und schräg von hinten kommt Herr Schöneich, der Schulleiter, auf mich zu, ach herrje, jetzt sind bestimmt die ersten Beschwerden angekommen und ich habe mal wieder direkt in's Klo gegriffen. Ist in SPO passiert, tatsächlich, als ich etwas zu unbedacht im Unterricht über Suizid gesprochen habe; ich habe damals einen freundlichen Hinweis vom Schulleiter bekommen, mann, war mir das peinlich! Aber da ich ja generell gern unbedacht und naiv bin, ordne ich das "Schöneich-Nahen" ein in die Kategorie "Ist ja schön, dass wir sie jetzt hier haben, aber vielleicht sollten sie dann doch ein wenig mehr auf ihre Unterrichtssprache achten". So in der Art.

Alle diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, vor mir Nepos in der für Schüler ansprechend aufbereiteten Legamus!-Ausgabe, hinter mir der Geniekopf im Anzug. Geniekopf. Ich habe Rainer Schöneich schon während meines Studiums öfters erlebt. Und irgendwie dachte ich schon damals, das wäre ein perfekter verrückter Professor. Ist halt so:

Wo weise Kräfte walten, könn' sich keine Haare halten.

Irgendwann aufgeschnappt und nie vergessen. Und dann drehe ich mich zu Herrn Schöneich um, wir lächeln uns freundlich an, wie man das so macht, er begrüßt mich und gibt mir die Hand - und geht wieder in Richtung seines Büros. WTF? Einfach nur mal Hallo sagen? Ja, das macht er, und das habe ich heute auch nicht zum ersten Mal erlebt. Ich kenne das gar nicht, eine so "aufmerksame" Schulleitung. Das ist halt alte Schule, mit wesentlich mehr Manieren als ich so mit mir herumtrage. Und ich denke direkt wieder an Jay. Auch alte Schule: Als ich ihn besucht habe, begrüßt er mich an der Haustür, wie man das so macht, und nimmt mir dann tatsächlich meine Jacke ab (und hilft mir beim Abschied auch wieder hinein); völlig unbeeindruckt von den zwanzig bis dreißig Zentimetern Größenunterschied, völlig unbeeindruckt davon, dass er ein paar Jahrzehnte älter ist: Er weiß sich zu benehmen und das hat mir mächtig imponiert.

Menschen wie Jay oder Schöneich leben uns Kästner vor:

"Es nützt nichts, unsere Kinder irgendwie erziehen zu wollen; sie machen uns sowieso alles nach."

Mittwoch, 13. Dezember 2017

"Wo siehst du deine Stärken?"

"Stärken? Ich gebe den Schülern die Möglichkeit zur Entfaltung ihrer Individualität, zum Beispiel, indem sie sich aussuchen dürfen, wie sie genannt werden." - "Individualität? Sorry, aber das hat nichts mit Stärken zu tun. Das ist einfach nur Blumenwiesengerede, damit können sie an die Waldorfschule gehen und dort beim Vorstellungsgespräch ihre Ideologie vortanzen." (Die große Buba möge mir das verzeihen, aber wir beide wissen, dass die Klischees und das Unverständnis nun mal leider so gelagert sind.)

Vielleicht habt Ihr diese Frage schon einmal gehört. Vielleicht wurde sie Euch selbst ein- oder mehrmalig gestellt. Ich habe gemerkt, dass ich früher anders darauf geantwortet habe als es heute der Fall ist. Das muss noch nicht einmal abhängig sein von der Situation: Bei beiden folgenden Beispielen geht es um Vorstellungsgespräche.

An meiner ersten, hier nicht namentlich genannten (was allerdings nichts mit Respekt zu tun hat) Schule fragte mich die Schulleitung, wo ich meine Stärken sähe. Noch gar nicht auf einen schulischen Alltag bezogen; das wäre Unsinn gewesen, denn woher hätte ich einschlägige Erfahrungswerte ziehen sollen?
Meine Eltern haben mich zur Bescheidenheit und zur Zurückhaltung erzogen, gerade gegenüber Menschen, die ich nicht kenne. Ganz davon abgesehen, dass es eine wunderbare Variante des method acting ist, sich seinem Kommunikationspartner gegenüber dumm zu stellen. Also habe ich mich auch in diesem Gespräch als unerfahren, unterlegen gezeigt (Dinge, die die Schulleitung - wie ich später erfahren habe - generell gern gesehen hat, welch' Alliteration). Ich habe erzählt, dass ich im Englischstudium einigermaßen gute Noten hatte. Ich habe nicht von sozialem Engagement erzählt. Ich habe nicht von sehr guten Noten gesprochen, eigentlich, so meinte ich, wüsste ich gar nicht, ob der Lehrerberuf überhaupt das Richtige für mich ist.
Bis auf den letzten Satz war meine Antwort also geprägt von Unwahrheiten und Understatement. Aber ich habe die Stelle bekommen, denn ich habe schön der Schulleitung nach dem Mund geredet, die - wie ich ebenfalls später erfahren habe - verschlossener gegenüber Kollegen war, die sich als zu selbstbewusst entpuppt haben. Die Frage nach meinen Stärken ist also nicht mit der Absicht einer ehrlichen Antwort gestellt worden.

Nun habe ich also an unterschiedlichen Schulen (und Schularten) ein paar Jahre Erfahrung sammeln können. Ich habe mittlerweile eine recht akkurate Einschätzung darüber, wo meine Stärken und Schwächen im schulischen Kontext liegen. Zumindest habe ich einen Ansatz. So kam es also auch bei einer Bewerbung vor Kurzem wieder zu der Frage: "Wo siehst du deine Stärken?" Und nun, mehrere Jahre nach meinem ersten Vorstellungsgespräch, habe ich ehrlich geantwortet. Bei diesem armseligen Arbeitsmarkt für Lehrkräfte in Schleswig-Holstein muss man sich schmackhaft machen, wurde mir mittlerweile oft genug gesagt.
Ich kann sehr gut mit Menschen arbeiten, habe ich geantwortet. Ich finde besonders guten Zugang zu "schwierigen" Schülern. Ich kann eine gute Vertrauensbasis und daraus resultierende Lehrer-Schüler-Beziehung aufbauen, einer der sehr wichtigen Faktoren für sichtbaren Lernerfolg (wenn man einer gewissen Metastudie glauben möchte; viele konservative Lehrkräfte möchten das nicht). Ich schaffe es, dass Schüler gern in meinen Unterricht gehen, weil ich sie auf eine Reise mitnehmen kann. Ich kann gut schauspielern; nicht zuletzt dadurch erreiche ich in der Regel mein Ziel, dass die Schüler am Ende der Stunde den Unterricht "reicher" verlassen, als sie ihn betreten haben.
Das war ehrlich, und das war ein Fehler. Diese Performance möchten manche Menschen nicht hören, denn das ist zu selbstbewusst. Jemand in einem solchen Outfit kann noch gar nicht die Expertise besitzen, solche Aussagen über seinen Unterricht zu treffen. Das ist vermessen und wirkt unweigerlich arrogant. Kurz zitiert.

Wie also soll ich in meinem (unweigerlich nahenden) nächsten Vorstellungsgespräch antworten, wenn mir diese Frage gestellt wird? Am liebsten würde ich sagen: "Ich bin nicht sehr gut darin, meine Berufseignung selbst herauszustellen. Ich denke, dass sie meine Stärken dem vorliegenden Gutachten entnehmen können; darüber hinaus werden meine bisherigen Schulleitungen ihnen sicherlich eine objektivere Rückmeldung geben können als ich."
Aber das würde Aufwand für die Schulleitung bedeuten. Sie müssten den Text des Gutachtens lesen (und das dauert, und schließlich kann ja jeder alles Mögliche in die Gutachten schreiben), sie müssten Telefonate führen, sie müssten sich noch nach dem Vorstellungsgespräch mit mir als potentiellem Kandidaten auseinandersetzen. Es ist viel angenehmer, wenn man nach zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten Gespräch zu einem Entschluss kommen kann.
Entweder, sie mögen Deine Visage, oder Dein Outfit, oder Deine Art zu reden. Oder sie haben tatsächlich einen Blick für Menschen (wie z.B. die Schulleitung der Nordseeschule in St.Peter-Ording oder der Meldorfer Gelehrtenschule). Es geht hier nicht um Talent.

Ich hasse diese Bewerbungsscheiße.
Abgrundtief.

post scriptum: Und ich HASSE es, mich nach jeder einzelnen Absage wieder erklären zu müssen, wenn es heißt "Oooohhhh, wieso das denn?" Begründungen bekommt man eh' nur unter der Hand. Und sorry, aber mit meinem Outfit sehe ich nicht sozialtauglich aus. So etwas kann kein guter Lehrer sein. Arm, aber ist so.

Außerdem: Thank goodness, dass in Alabama der Demokrat Jones gewonnen hat. Nicht wegen seiner Vita, nicht wegen seines Wahlprogrammes, sondern einfach nur, weil er nicht Moore ist. Das erspart den Republikanern die Peinlichkeit, drei Jahre ertragen zu müssen, dass ein pädophiler Geisteskranker den Senat betritt. Reicht schon, wenn es ein sexistischer, golfsüchtiger Geisteskranker tut. Ich bin stolz drauf, dass die Stimmen der Afroamerikaner endlich wirklich etwas bewirkt haben - denn sie haben den Ausschlag gegeben. Dass drei Viertel der weißen Männer trotzdem für Moore gestimmt haben, lädt mich nicht zu einem Urlaub in Alabama ein. Nicht, dass ich mir das derzeit leisten könnte ^^ Und der nächste USA-Freizeitpark, den ich erobern möchte, liegt eh' in Ohio - mal wieder, aber so isses nun mal. Es gibt eben nur ein "Cedar Point" da drüben.

Und: Ich verbringe heute den Großteil des Tages im Bett, Erkältung oder so, jedenfalls Kopfschmerzen und kaum existenter Kreislauf. Hat jemand von Euch schon einmal die Erfahrung gemacht, dass es in diesem Zustand nicht ganz so einfach ist, eine faire Klassenarbeit für Schüler zu entwerfen, die man insgesamt nur drei Stunden lang gesehen hat?