Samstag, 18. November 2017

HB erklimmt Mount Waschmore

Waschprogramme der neuen Generation...

Pet Hair Removal.

Was könnte damit nur gemeint sein? Ich vermute mal, ich stecke dazu einfach mein Haustier in die Waschmaschine als Alternative zum Kahlscheren? Das muss es sein! Es ist faszinierend, was Waschmaschinen heutzutage alles können, ich glaube, ich sollte mir extra eine Katze zulegen, nur um sie dann bei nächster Gelegenheit gründlich durchzuwaschen und zu enthaaren. Und schleudern dann bei tausendvierhundert Touren? Oder besser nur achthundert? Doch... vielleicht lieber von Anfang an.

Die natürlichen Sehenswürdigkeiten in der Weltraumbasis haben einen neuen Höhepunkt erreicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich meine damit nicht den Mount Trasherest, den es vor einiger Zeit zu erklimmen galt, sondern den neuen Gipfel, der sich diesmal im Badreich befindet, den fürchterlichen Mount Waschmore.

Es gibt Momente im Leben, da knallt einem die Waschmaschine durch. Die Stoßdämpfer sind im Eimer und beim Schleudern klingt es, als ob die Maschine systematisch die Wohnung zerlegt. Die Antriebsriemen sind defekt und es bewegt sich überhaupt nichts mehr. Die Zu- und Abläufe sind vergammelt und die Wäsche riecht nach Sumpfwasser. Wenn man Glück hat, wird nicht der gesamte Standort unter Wasser gesetzt. Es kann aber sein, dass man bis zur Reparatur oder zum Ersatz keine Wäsche mehr zuhause waschen kann. Und wenn man sich von so etwas lähmen lässt, anstatt zum Nachbarn, Freundin, Waschsalon o.ä. zu gehen, dann wächst er langsam heran, der Mount Waschmore, denn die Wäschekörbe sind voll, sie bersten fast, und so schwillt der Wäscheberg zu enormen Ausmaßen.

Anfangs irgendwie ganz witzig anzusehen - doch spätestens, wenn man ein bestimmtes Wäschestück braucht und sich auf die Suche machen muss, wird es beschwerlich: Man krabbelt über den Bergfuß, versucht, sich von der Spitze nach unten durchzuarbeiten, irgendwo muss das Teil doch sein. Der Gipfel wird in eine ganze Bergkette zerteilt, die Nerven zum Zerreißen gespannt, ich hatte das Teil doch letztens auf den Haufen geworfen, oder? Und da ich ja davon ausgehe, dass ich einfach nicht genau hingeschaut habe, durchwühle ich die Bergkette ein weiteres Mal, eine Stunde nach der anderen geht in's Land, ich verstehe die Welt nicht mehr. War das Teil etwa noch in der Waschmaschine? So siedele ich um in das Badreich, finde dort nichts. Schaue entmutigt in den Spiegel - so kann es nicht weitergehen. Den Blick in den Spiegel gerichtet, schmiede ich Pläne, um der Situation endlich zu Leibe zu rücken und merke, wie lange ich es mit solchen Missständen aushalte. Dabei ist es doch kein Problem, Abhilfe zu schaffen! Aber "irgendwie geht's ja doch", nicht wahr?

Und nach langem Starren in den Spiegel bemerke ich, dass ich das gesuchte Teil die ganze Zeit am Körper trage. Kann doch nicht wahr sein, das bringt das Faß zum Überlaufen, ich schmiede Pläne, mich der alten Maschine gewinnbringend zu erledigen - die Königin des Badreichs ist tot, lang lebe die neue Königin! Und suche eine neue Waschmaschine, mit der ich schon länger geliebäugelt habe wegen niedrigerer Waschtemperatur und weniger Energie- und Wasserverbrauchs. Netterweise kommen starke Männer vorbei, die die ganze Schlepperei erledigen, und so blicke ich auf die neue Maschine, blau, passend für ihr neues Reich, und diesen seltsamen Knopf Pet Hair Removal. Und schaue, was die Bedienungsanleitung dazu sagt, damit ich weiß, wie ich mein zukünftiges Haustier waschen muss:

Zum Glück war diese Warnung in der Waschanleitung enthalten!

Aha! Ich darf mein Haustier nicht in der Waschmaschine waschen! Ich gebe zu, ich bin ein bisschen enttäuscht... aber freue mich trotzdem, dass ich immerhin wieder frische Wäsche habe und nicht mehr Angst haben muss, dass ein Gast sich vom Mount Waschmore in den Tod stürzt ;-)

Freitag, 17. November 2017

Mein erster Stummfilm

Cesare, der Schlafwandler, aus dem Cabinet des Dr. Caligari

Vorweg: Eigentlich wollte ich heute von neuen Erlebnissen im Badreich berichten, denn der fürchterliche Mount Waschmore wurde nach langem Warten endlich erklommen. Dann aber kam eine spontane Entscheidung mit Auswirkungen auf diesen Blog.

"Stummfilme? Ne lass mal, das ist mir zu anstrengend", das war eigentlich immer meine unmittelbare gedankliche Reaktion auf die Aussicht auf einen Stummfilm. Meine Denkweise ganz klar engstirnig, mit Scheuklappen und voreingenommen, so wie ich es von mir leider schon häufiger erleben musste: "Da sind dann ja alle Dialoge als Text eingeblendet, ich hab keine Lust, den ganzen Film über so viel zu lesen!" - "Ich weiß auch gar nicht, ob ich das alles dann überhaupt verstehe!" - "Und dann diese altmodische Musik im Hintergrund, das Gedudel geht mir bestimmt bald auf die Nerven!" - "Und das ist ja auch noch alles schwarzweiß!" - "Ja, ein paar meiner Lieblingsfilme sind schwarzweiß, das weiß ich ja, aber bei den Stummfilmen ist die Bildqualität dann auch noch so schlecht, bestimmt nicht einmal vierhundertachtzig Pixel."

Kurz gesagt: "Moderne Filme sind viel bequemer, warum soll ich mir einen Stummfilm antun???"

So habe ich also bis in mein fünfunddreißigstes Lebensjahr hinein gelebt, ohne je einen dieser Filme zu sehen. Da konnte mir noch so oft aus der Internet Movie Database entgegenschallen, dass einige dieser Filme ungeheuer populär sind. Da kann mir Roger Ebert noch so oft sagen, dass einige dieser Filme zu seinen Great Movies gehören. Ich weiß es ja mal wieder besser.

Bis gestern.

In einem Anflug von "Ich muss meinen Horizont erweitern!" habe ich Amazon prime nach Stummfilmen durchstöbert, gezielt nach Das Cabinet des Dr. Caligari von 1919, und bin fündig geworden in einem Double Feature mit Nosferatu, eine Symphonie des Grauens von 1922 - zwei wichtige Filme des Deutschen Expressionismus, wie ich dem Internet entnahm. Nun denn, das Telefon ausgestöpselt, die Wohnung abgedunkelt und zuerst Nosferatu gestartet - und damit eine Aufklärungsrunde erster Güte, in der ich meine Vorurteile der Reihe nach über Bord werfen musste.

"Ich habe keine Lust, so viel Text zu lesen" - eine völlig unberechtigte Angst, denn der Film ist mit extrem wenigen Textkarten ausgestattet. Der Plot wird durch die Bilder erzählt und die Emotionen durch die Musik begleitet. Ich habe alles verstanden, allerdings war ich auch (im Vergleich zu manch' modernem Film) hoch aufmerksam, ich habe um mich herum kaum noch etwas mitbekommen. "...diese altmodische Musik nervt..." - ...so überhaupt nicht, denn nach einigen Minuten nimmt man sie kaum noch als "Filmmusik" mehr war, sondern als eigenständigen Charakter der Geschichte. Die Musik und die Bilder erzählen viel eindrucksvoller, als jegliche Dialoge oder textuelle Exposition es könnten. Ich gebe zu, ich habe ziemlich gestaunt... und ich war gespannt! So gespannt, wie es weitergeht - eben weil keine ablenkenden Farben dabei waren, keine überflüssigen Bildimpulse, keine nervigen Dialoge, ich war vollkommen absorbiert; zwischendurch musste ich pausieren, um dann in aller Eile etwas zu trinken zu besorgen, und bin sofort wieder auf die Couch gerast, um mit Thomas Hutter auf die Reise zu Graf Orlok und zurück in seine Heimat zu gehen.

Und habe ganz nebenbei gelernt, wie richtiger Horror funktioniert. Das sind keine scare tactics; ich bin nicht vor Schreck aufgesprungen. Dazu haben moderne Filme zu gute Techniken (z.B. im Sinne der jumpscares) entwickelt. Aber ich muss zugeben, dass nicht viele Filme mich so sehr mitgenommen haben. Erübrigt sich, zu sagen, dass die Meditation danach ein einziger Genuss war - diese neue Erfahrung noch einmal Revue passieren zu lassen. Und eigentlich wollte ich danach diesen Artikel schreiben, aber ich war mittlerweile viel zu neugierig geworden auf den zweiten Film, Caligari.

Ich hatte keine Ahnung, dass ich mir den ersten Horrorfilm der Welt anschauen würde. Ich hatte keine Ahnung über seinen literarischen und interpretatorischen Anspruch. Ich hatte keine Ahnung von seinem twist ending. Ich hatte keine Ahnung, wie wichtig dieser Film mittlerweile ist. Ich weiß nur, ich war gebannt wie zuvor bei Nosferatu, und am Ende habe ich gestaunt und mit Genuss die Rezensionen und vor allem die Interpretationen vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges - und vor allem der damals noch weit entfernten Bedrohung durch die Nazis gelesen.

Wow. Lange keinen so guten Filmabend gehabt.
Und wieder ein paar Vorurteile über Bord gekickt.

Mittwoch, 15. November 2017

Liebe, Augenhöhe, Er und ich

Körperlich auf Augenhöhe zu sein, bedeutet noch lange nicht, dass man den Anderen gleichwertig behandelt...

Vorwort: Manchmal sind die Pausen zwischen zwei Beiträgen länger. Oft liegt es daran, dass ich "viel" an einem Tag zu tun habe und mein "Sozialkonto" abends aufgebraucht ist, dann möchte ich nur noch meine Ruhe haben und nichts mehr schreiben. Oder aber, wie in diesem Fall, ein Beitrag braucht einfach länger; das ist völlig unabhängig von der Länge des Textes, sondern davon, wie lange ich über den Inhalt nachdenken muss. Und das hat bei diesem Beitrag ein wenig länger gedauert.


Wir begegnen Menschen. Das gehört zu unserem Alltag dazu. Es gibt unzählige spannende Studien zur "Ich und das/der/die Andere"-Thematik; ich möchte heute einen Pädagogen-Bingo-Begriff beleuchten, den jeder in seinem Referndariat schon einmal gehört haben wird: Augenhöhe. Bzw., "auf Augenhöhe miteinander umgehen". Ich habe das Konzept irgendwann bei den Gesprächen mit der großen Buba fallengelassen, neulich hatte sie ihn selbst benutzt. Scheint gezündet zu haben, da scheint also etwas dran zu sein.


Natürlich hat das nichts mit der wörtlichen Augenhöhe, bedingt durch die Körpergröße, zu tun. Da gibt es zwar auch einen Effekt (große Menschen, größer als man selbst), aber mir geht es um Anderes: Selbst wenn wir miteinander reden und uns dabei in die Augen schauen können - wenn man sich setzt, fallen die Größenunterschiede gar nicht mehr so auf - selbst dann kann es erhebliche "Höhenunterschiede" geben.


Man stellt sich vielleicht höher als der Andere. "Ich habe mehr Erfahrung. Ich habe den höheren Posten. Ich bin dein Vorgesetzter." Und jetzt wird's eklig zu tippen, denn jetzt wird es persönlich. Ich probier's trotzdem. Denn mir passiert das sehr oft, dass ich mich im Bewusstsein meiner höheren Lebenserfahrung über meinen Gesprächspartner stelle. "Ja, das habe ich auch schon mal durchgemacht, das ist echt schlimm." - "Ah, ich kenne das, du solltest das vielleicht lieber so und so machen!" Ich gefalle mir viel zu oft in der Lehrer- oder Mentorrolle. Und trage damit Einiges dazu bei, dass ich Probleme habe, gleichberechtigte Beziehungen einzugehen. Zum Glück habe ich nicht viele Freunde, so kann das nicht allzu oft passieren.


Man kann sich natürlich auch unter seinen Kommunikationspartner stellen. Zu ihm aufblicken. Mache ich zum Beispiel bei Jay, habe ich von Anfang meines Studiums an gemacht. Zu ihm hochgeschaut. Er hat mehr Lebenserfahrung, mehr Bücher gelesen, da gehe ich dann gern in die Schülerrolle. Allerdings passiert das eher selten - ich tendiere zum Mich-Höherstellen.


Was hat das nun mit Liebe zu tun? Und wann kommt Er in's Spiel?


Fangen wir mit der Liebe an: Reflektiert mal ein wenig, ob Ihr mit eurem Lebenspartner auf Augenhöhe seid, oder ob Ihr zum Bemuttern neigt, oder vielleicht zum "Unterwerfen" (mal von sexuellen Tendenzen abgesehen). Ich behaupte einfach mal, und da dürft Ihr mich sehr gern widerlegen und/oder aufklären: Eine "ideale" Liebesbeziehung oder Partnerschaft für's Leben kann es nur geben, wenn man es irgendwann geschafft hat, sich auf Augenhöhe einzustellen. Wenn das nicht möglich ist - ist er oder sie dann wirklich der/die Richtige? Ich schaue gerade mal wieder Twin Peaks und mir werden zu Unterhaltungszwecken diverse Beziehungskonstellationen präsentiert, das regt zum Nachdenken an. Zum Kommentieren: "Shelly, warum lässt du es zu, dass dein Mann dich schlägt und als Haushälterin sieht?!"


Zurück aus der Fiktion in das reale Leben, die Zeit um sechs Jahre zurück gedreht, und nun kommt Er. Unser Kennenlernen war von Augenhöhe meilenweit entfernt, wenn ich ihm glauben darf. Ich war damals noch Teil der Saturnalien-Crew, Theater, Sketche, Musik, und "leider" die perfekte Möglichkeit für mich, die absolute Rampensau zu werden (oder besser rauszulassen, weil sie scheinbar immer schon da war). Und dabei war es meine letzte Aufführung, und ich hatte mich schon möglichst zurückgenommen, ich habe es wirklich versucht. Und dann kam Er neu in die Theatergruppe. Und seine erste Wahrnehmung von mir hatte mit Augenhöhe nichts zu tun: "Du standest im Mittelpunkt, du hattest immer alles im Griff, du warst im Examen, du hast das alles geleitet, ich hab zu dir aufgeschaut. Dr Hilarius war das Mastermind, irgendwie, und das hat mich beeindruckt." (meinte Er Jahre später zu mir)

Er hat zu mir aufgeschaut. Und ich bin dann irgendwie wieder in die Mentorrolle gekommen. Das passte zusammen, auch wenn es keine gleichwertige Freundschaft zu sein schien. Und ich hab' das auch noch genossen! Ich habe es nicht mitbekommen, wie ich ihn bevormundet habe, ich habe es nicht gemerkt, dass Er alles Mögliche mir zuliebe gemacht hat. Wie sich das dann weiter entwickelt hat, möge Privatsache bleiben. Es geht mir nur darum, aufzuzeigen, dass diese Freundschaft zwar wunderbar geklappt hat (wir haben uns damals nie beschwert), weil wir uns beide in unseren Rollen wohl gefühlt haben.

Aber kann das eine Grundlage für eine lebenslange Freundschaft sein? Kann das ewig gut gehen? Ich bin mittlerweile bei der Meinung angekommen, wie eingangs beschrieben, dass eine ernste, enge Partnerschaft Umgang miteinander auf Augenhöhe beinhalten muss.

Und ja, mir ist bewusst, dass es da ja einen Unterschied gibt zwischen einer Freundschaft und einer Partnerschaft. Aber wie gesagt, ich möchte hier nicht seine weitere Gefühlswelt preisgeben. Schaut Euch einmal Die Verurteilten (The Shawshank Redemption, 1994) an. "Freundschaft oder Liebe" ist totaler Unsinn...


post scriptum: Das Thema für morgen steht bereits und wird definitiv leichter verdaulich - wenn alles glatt läuft!

Dienstag, 14. November 2017

Angst vor'm Zahnarzt?

Gothic-Zahnseide! :D

Ich hatte immer fürchterliche Angst vor dem Zahnarzt. Das hat sich in meiner Kindheit manifestiert: Zuviel süßes Essen, zu selten oder zu ungenau geputzt - perfekte Grundlage dafür, dass bei jedem Zahnarztbesuch irgendwas gemacht werden musste. Und insgeheim hatte ich immer gehofft, dass meine Mutter die Prophylaxetermine alle sechs Monate vergaß. Machte die Lage bei meinen Zähnen nur noch schlimmer.

Die Angst, dass der Zahnarzt bei der ganz normalen Untersuchung irgendwo draufdrückt und es wehtut. Und dass dann gebohrt werden muss. Dieses whiiiiiiiiiiiiiiiiiiii..., wenn der Bohrer eingeschaltet wird. Und was man da noch alles im Mund hängen hat. Und die Angst, dass die Betäubung nicht ausreichend wirkt und der Schmerz sich vom Backenzahn gefühlt durch die Augen bis in's Hirn verbreitet. Grausig!

Als mein Zahnarzt dann zu Anfang des Studiums andeutete, dass die Weisheitszähne raus müssen, sind bei mir alle Lichter ausgegangen und ich habe das fünf Jahre vor mir hergeschoben. Darauf hatte ich ja gar keine Lust, das Zersägen der Zähne, das Rauslöffeln, das Knacken dabei... zum Glück gab es die Option Vollnarkose.

Dass hier und da gebohrt werden musste, habe ich mit Vorliebe auf meine Zähne geschoben, die sind halt einfach so anfällig. Ich wusste zwar, dass ich selbst die Verantwortung dafür hatte (Putzen mal wieder vergessen?), aber verinnerlicht hatte ich das nicht. Sonst hätte ich mein Verhalten vielleicht umgestellt.

ein paar Jahre später

"Das ist perfekt, hier ist nichts, nichtmal Zahnstein. Machst du irgendwas anders als früher?" fragt mich Ulf, mein Zahnarzt, und ich antworte wahrheitsgetreu: "Ich putze nur noch einmal täglich die Zähne." Und dann hat er mir erklärt, dass das durchaus eine sinnvolle Methode ist, "wenn du damit solche Ergebnisse erzielst." Ich bin noch nie so strahlend aus einer Zahnarztpraxis gegangen.

Warum nur noch einmal täglich? Weil ich das einfacher ritualisieren kann. Wie oft habe ich mir abends, müde, gedacht "Ach, mach das Zähneputzen morgen!" - und am Morgen war alles wieder vergessen, weil ich mit dem Kopf schon wieder woanders war. Ich vergaß das Zähneputzen genau so wie manchmal das Essen und Trinken. Und abends gern auch der Gedanke "Och nö, das dauert jetzt noch so lange, habe ich keine Lust drauf."

Wenn ich nur diesen einen Termin vor dem Schlafengehen habe, kann ich das leichter als Regelmäßigkeit verbuchen. Ich weiß genau, dass ich dafür zwölf Minuten brauche (putzen, Zahnseide (jeden Zwischenraum einzeln), Interdentalbürste, Mundspülung). Jetzt klappt es also, und so habe ich gestern einen sehr schnellen Besuch bei Ulf gehabt und bin strahlend nach Hause gegangen. Und mit Angst ist auch nix mehr: Die Meditationen haben mir die Furcht vollkommen genommen.

Muss ich also erst vierunddreißig Jahre alt werden, um meinen Frieden mit der Zahnpflege zu machen. ;-)

Samstag, 11. November 2017

Sprayer

Immerhin sind die Türklingeln nicht verklebt worden ^^

Ich glaube, Graffiti sind für niemanden etwas Neues mehr. Für mich war in der letzten Woche zumindest neu, dass unser Hauseingang mal des Nachts eingesprüht worden ist - aber nicht nur der, auch die Schaufenster-Eingangstür-Front von Sky nebenan ist komplett umdekoriert worden - mit weiß, ausgerechnet.

Warum gerade dieser Name???

Dieser Umstand bietet einen Denkimpuls, besonders für Leser, die selbst aus "spannenden" Umfeldern kommen oder mit "schwierigen" Schülern zu tun haben. Es geht gar nicht um die Meinung zu dieser Verschönerung - klar, das ist Sachbeschädigung und es sieht noch nichtmal gut aus. Und wenigstens hätten sie Tscheeeeeeßn richtig schreiben können. Nein, hier fliegt wieder die HB-Dauerfrage herum: Warum tut man sowas?

Ich glaube, wenn ich mich mal ein bisschen online informieren würde, wüsste ich die Antwort längst. Und es ist kein Geheimnis, dass der Anteil der Graffiti in sozial schwächeren Vierteln höher ist als in elitären Gegenden. Man wird in Düsternbrook nicht so viele Graffiti finden wie in Mettenhof. Und wenn ich durch Berlin fahre, entdecke ich auf der Fahrt durch Zehlendorf deutlich weniger Spray"kunst" als in Ahrensfelde; das wird auch Herr Leinhos bestätigen können. Und warum ist das so?

Ich frage mich, ob das Sprayen neben der Gebietsmarkierung bestimmter Gruppen auch eine Art Ventil sein kann; dann nämlich hätte es einen pädagogischen Nutzen, den Sprayern Flächen zur Verfügung zu stellen, an denen sie sich austoben können. Seit der Gemeinschaftsschularbeit ist mir bewusst, dass viele Jugendliche Energie loswerden müssen, Frust abbauen - ob Graffiti dabei helfen können?

Wenn sie mal etwas hübschere Motive nehmen würden - ein weißer Jason in unserem Hauseingang ist einfach langweilig. Witzig finde ich, wie die Außenwände des plaza-Gebäudes verziert sind: Dort sind nämlich Szenen aus dem Einkaufsalltag hingemalt/gesprüht worden. Find' ich gar nicht schlecht.

post scriptum: Er hat sich gemeldet, von sich aus - das bringt ein Lächeln auf mein Gesicht. Ich hab tatsächlich überlegt, ob Er "uns" aus dem Blick verloren hat. Hat Er nicht. Und mittlerweile sind die Graffiti weg, zumindest in unserem Hauseingang.

Donnerstag, 9. November 2017

Fünfhundert Beiträge: Ein Résumé

Wie sehen die Dinge knapp zwei Jahre später aus?

Wenn ich diesen Artikel veröffentliche, befinden sich auf diesem Blog fünfhundert Artikel online. Ich habe einige mehr geschrieben, manche sind wieder vom Netz genommen worden, manche noch unveröffentlicht, aber es ist eine gute Gelegenheit, um mal Bilanz zu ziehen. Wie hilarious sind diese times noch?

Ich habe vor knapp zwei Jahren angefangen, in diesem Blog zu schreiben, um mich vor totaler Perspektivlosigkeit in meiner letzten Phase ohne Arbeit zu schützen (es ist schade, dass diese Phasen für mich mittlerweile einen Wiedererkennungswert haben, aber so ist es nun mal, und ich trage ja auch selbst dazu bei, indem ich der Voreingenommenheit der Menschen aktiv Futter gebe). Ich habe mir gedacht, wenn ich jeden Tag einen Artikel schreibe, egal, worüber, egal, für wen, dann habe ich eine Regelmäßigkeit. Etwas, wofür es sich lohnt, wach zu werden, etwas, worauf ich zufrieden beim Einschlafen zurückblicken kann. Das Gefühl, etwas geschafft zu haben.

Deswegen waren mir die Klickzahlen auch vollkommen egal. Man kann ja hier immer sehen, wie oft ein Artikel angeklickt worden ist. Und ich fand es faszinierend, damals zu sehen, wow, meine ersten paar Artikel sind innerhalb eines Tages sechsmal aufgerufen worden! Und ich habe mir überlegt, wer diese sechs Menschen wohl sind, und was sie wohl gedacht haben, als sie diesen Gedankenoutput gelesen haben. Und als dann nach einigen weiteren Tagen sogar mehr als zehn Klicks angezeigt wurden, musste ich einfach grinsen. Das war das Gefühl von "Naja, egal ob positiv oder negativ, irgendwas scheint es ja zu bringen" - das war irgendwie ein Antrieb, weiter zu machen. Mittlerweile sind es mehr Klicks, das geht schneller, und ich schwanke zwischen Verwunderung ("Das ist doch meistens nur normaler Alltag, warum will irgendjemand das lesen?") und Freude ("Hey, es bringt ja doch irgendwas!").

Und hin und wieder bekomme ich ein Feedback - so wie gestern von einer ehemaligen Tutantin vor langer, langer Zeit an der Uni. Und wenn ich sowas lese, geht im Kopf schon wieder alles rund: Gedanken, ob der Blog nicht irgendwann zu redundant wird und ich es einfach lassen sollte, sind weggeblasen. Ich staune, wer alles diese Texte liest - das sind ganz enge Freunde, aber mittlerweile auch Menschen, mit denen ich vielleicht nie so viel zu tun hatte, aber mit denen mich scheinbar ein gemeinsames Interesse verbindet, sei es nun die hochbegabte Sichtweise, oder Begeisterung für ungewöhnliche Filme, oder die Liebe zu unserem Beruf - auch wenn ich sie momentan eben nicht ausleben kann.

Und das lässt mich daran denken, dass ich durch den Blog auch häufiger als früher gezwungen werde, mich mit Dingen auseinanderzusetzen, die für mich vielleicht erstmal unangenehm sind. Ich habe es immer geliebt, solche Situationen zu vermeiden: Wenn ich vor etwas Angst habe, na dann gehe ich einfach nicht dorthin. Wenn ein Thema Konfliktpotential bieten könnte, na dann rede ich einfach nicht mit der betreffenden Person darüber. Die Sannitanic hat mir irgendwann einmal erklärt, dass es tatsächlich so etwas wie eine Vermeidende Persönlichkeit gibt. Mir ist das besonders deutlich vor Augen geführt worden im Umgang mit jemandem, der genauso gern wie ich früher jegliches Konfliktpotential zu vermeiden sucht.

Was bedeutet das konkret im Hinblick auf diesen Blog? Ich muss mich auseinandersetzen mit anderen Sichtweisen und anderen Meinungen. Endlich sagen bzw. schreiben mir Menschen hier "Nein, ich glaube, das siehst du vollkommen falsch!" oder "Hast du darüber überhaupt schon einmal nachgedacht?"; während ich früher immer schnell eingeknickt bin und den Anderen beschwichtigt habe, weil es sich für mich unschön angefühlt hatte und ich das nicht länger als nötig ertragen wollte, stelle ich mich mittlerweile der Auseinandersetzung. Ich stelle mich den anderen Meinungen. Ich stelle mich den selbstschädigenden Aspekten meines Verhaltens. Ich stelle mich dem Umstand, dass Er immer noch in meinem Kopf ist. Ich stelle mich der Frage, warum ich keinen Job habe.

All' diese Auseinandersetzungen sind durch die Arbeit mit dem Blog angestoßen worden, und auch wenn es unangenehm ist, bin ich sehr dankbar dafür. Denn das bringt mich weiter, und zwar erheblich mehr als die Augenwischerei mancher Menschen, die es oberflächlich gut mit mir meinen. Erheblich mehr als das Feedback jener Mitmenschen, die mir nach dem Mund reden. Ich habe hier ab und an über Buddhismus berichtet und über Pema Chödrön; eines ihrer Bücher heißt Geh' an die Orte, die Du fürchtest, und mittlerweile verstehe ich die Denkweise dahinter vollkommen.

Ich lerne zuzugeben, dass mein Können und Wollen seine Grenzen hat. Ich lerne, zu sagen "Es tut mir leid, das kann ich nicht." "Das schaffe ich nicht allein." "Nein, das möchte ich nicht." "Kannst du mir dabei helfen?" Und ich lerne, dass ich anders sein darf. Dass ich mich damit nicht verstecken muss.

Ich stehe sozusagen im Dialog mit diesem Blog - ich gebe meine Gedanken hinein und werde auf vielerlei Weise zur Reflektion und Weiterentwicklung gebracht. Diese Arbeit ist mittlerweile weit mehr als nur die "Regelmäßigkeit in meinem Alltag", und genau deswegen ist es auch keine ernsthafte Frage mehr, ob die times noch hilarious genug sind, um weiter geführt zu werden.

Auf die nächsten fünfhundert! Und danke... Ihr helft mir manchmal mehr, als Ihr vielleicht denkt.

Euer Dr Hilarius

Mittwoch, 8. November 2017

Auf Entzug: Wenn der Affe klopft

Quelle - https://www.usnews.com/dims4/USNEWS/b297286/2147483647/thumbnail/970x647/quality/85/?url=http%3A%2F%2Fmedia.beam.usnews.com%2F06%2Fe7%2F29cd1d65416fad63701e1252725a%2F140512-smoking-editorial.jpg

Das gab es schonmal, aber heute ist etwas anders, für die Raucher unter den Lesern. Da ich selbst nicht rauche, ist die Gefühlsbeschreibung ein Schuss in's Blaue, aber ich versuch's mal. Und auch Nichtraucher sollten das lesen!

Schulschluss, puh, endlich fällt die Tür hinter mir in's Schloss und ich schalte ab. Die 8a war heute echt unruhig, sonst hab' ich die so gut im Griff, aber die wollten heute echt nicht. Und meine letzte Stunde ist irgendwie anders gelaufen, als ich mir das vorgestellt hatte, das war nicht rund. Ich setze mich. Nein, ich haue mich in die Kissen. Erstmal Ruhelage, keine Bewegung, keine Geräusche.  Erstmal eine Zigarette, und während ich die rauche, denke ich nach. Ein Zug... und ich lasse die Stunden Revue passieren. Warum hatte Claudia heute plötzlich die Haare kurz rasiert? Ob das die Klasse so in Unruhe gebracht hat? Noch ein Zug, und ich schaue die gegenüberliegende Wand an. Der Verkehr rauscht vorbei und tut gerade ganz gut, hilft, dass ich mich nicht vollkommen tot fühle. Und David, der ist spannend, der zieht irgendwie sein eigenes Ding durch... ein Zug...pffhhhhhhh......ich könnte mir vorstellen, dass der hochbegabt ist, und es erkennt nur niemand. Das würde alles passen...mist, die Asche ist auf der Schulter gelandet und rollt herunter, ich habe das Abklopfen vergessen. Ist aber gerade so ein richtig schöner Flow aus Zigarettenrauch, Nochmal-Erleben der Schulstunden und Runterkommen für die Aufgaben, die noch anstehen...

So in etwa kann es gehen, oder? Wenn noch Zigaretten da sind - fuck, ich wollte doch am Kiosk auf dem Heimweg ne Schachtel Kippen holen, ich klopfe die Jackentaschen ab, links das Portemonnaie, rechts die Schachtel, wie immer, nur ist die Schachtel leider leer. Ach scheiß, und der Zigarettenautomat unten an der Straße nimmt nur Bargeld, bisschen genervt bin ich jetzt schon, weil die 8a halt echt unruhig war, scheiße, passt jetzt genau in meinen Tag, dass auch noch die Zigis alle sind, und ich werde nervös, bin einfach nicht mehr gelassen, sollte mich auf andere Sachen konzentrieren, aber weil ich sehe, wie meine Hände fahrig werden, und weil ich merke, wie ich ein bisschen in's Schwitzen komme, werde ich immer wieder daran erinnert, dass ich keine Zigarette zur Hand habe, und ich schaue mich in der Wohnung um, als könnte ich durch Drehung des Kopfes bewirken, dass plötzlich die Marlboros da im dritten Regal von oben liegen, so wie sonst auch, scheiß, warum hab ich nicht rechtzeitig auf Vorrat gekauft?

Okay, Schluss damit. Ich wollte uns alle nur in die Stimmung bringen, die wir kennen: Wir möchten etwas genießen, wir brauchen etwas, wir haben es aber nicht. Denn von hier aus soll es weitergehen, es geht um das Gefühl, dass wir es wieder bekommen. Schachtel Zigaretten gezogen, endlich wieder in der Hand, endlich wieder in der Tasche, endlich wieder 'ne Stange im Haus, endlich wieder ein bisschen Vorrat, durchatmen. Zurücklehnen. Safe tonight. Kann weitergehen, ein entspanntes Lächeln kommt auf mein Gesicht, die Mundwinkel werden breiter, Augen zu, Blick nach oben, fallen lassen, alles wieder in Ordnung.

Genau darum geht's, und genau das Gefühl hatte ich heute an der Sky-Kasse, aber es hatte nichts mit psychoaktiven Substanzen zu tun. Kein Nikotin, kein Alkohol, nix da, sondern Schwachsinn. Anrempeln. An der Kasse vordrängeln. "Kannst du für mich mitbezahlen?" "Habt ihr gerade Freistunde oder warum seid ihr alle hier?" "Nein, wir haben Schulschluss und warten nur noch auf den Bus."

Ungelogen. In dieser Anstellschlange heute mittag bei Sky hatte ich dieses Gefühl. Diesen Genussmoment. Als sei ich von etwas abhängig, aber zur Zeit auf Entzug ("einen Affen schieben"), und dann bekomme ich wieder einen Rausch. Craving erfüllt. Ich halte in der Hand rechts Wäschestärke und links TK-Pizza und genieße die Schüler, etwa Klasse Sieben, und ich würde ihnen so gern sagen "Ich bin Lehrer."

Mir ist in dieser Anstellschlange bewusst geworden, dass ich wirklich wieder mit Schülern arbeiten will. Es war schön, einen Hauch von school life im Supermarkt zu bekommen.

Thanks for reading.