Samstag, 31. März 2018

Livius als Möbelfälscher



Das Abitur naht, für viele von uns stehen nach den Ferien haufenweise Prüfungen an, haufenweise Protokolle, das lässt mich an mein eigenes Abitur denken. Ich habe zwar meine Abizeitung nicht mehr, wohl aber den Beitrag, den ich vor rund sechzehn Jahren für das Blatt geschrieben habe. Wer Fehler findet, darf sie behalten ;-)

Livius als Möbelfälscher...“
oder: Latein-LK bei Peer Hedersen

...schrieb bereits vor mehr als 2000 Jahren die menschlichen Tugenden nieder. Einige seiner wichtigsten Virtutes:


Amor Patriae – Vaterlandsliebe: Oder wie sollte man es sonst nennen, wenn wir mal wieder vor dem verschlossenen Raum 12 saßen und den nächstbesten Lehrer (zufällig meistens Herr Köhmann) baten, die Tür zu öffnen und uns zurück in unsere erfrischende, unverbraucht duftende Heimat zu lassen?
Severitas – Strenge: Oh ja, in unserem Unterricht ging der Lehrer mit gnadenloser Härte gegen uns vor. Wurde unter den Schülern über ein außerunterrichtliches Thema diskutiert, hatte der Lehrer davon unterrichtet zu werden, um mitreden zu können. Man musste dabei laut genug reden, damit auch die kleinen Feinheiten verstanden wurden. Im Gegenzug wurde Gehorsam von den Schülern verlangt! Es war Vorschrift, dem Lehrer immer bis zum Ende der Campergeschichten zuzuhören.
Dignitas – Würde: Wer Schüler des Latein-LK war, hatte sich würdig zu äußern. Das galt natürlich auch für die Lehrer. Ausdrücke wie z.B. „Ach, das heilige Jahr des Vatikan... So´n Scheiß, wen interessiert das schon!“ waren selbstverständlich Tabu. Nie wurde abfällig spottend von drogensüchtigen, schwedischen Reitlehrerinnen gesprochen. Warum auch; Thema war schließlich gerade Seneca. „Perfer, obdura!“
Disciplina – Auch: Disziplin: Strengste Disziplin war vorgeschrieben und wurde stets befolgt. Dabei hatte der Lehrer die Rolle des Vorbildes inne und führte diese beispielhaft aus. Kam er jemals zu spät? Lachte er jemals lauthals über gewisse Äußerungen? Hat er jemals die Stunde überzogen? Nein, unser Lehrer hielt sich immer genau an die Vorschriften.
Audacia – Kühnheit: Die Schüler waren in der Tat kühn, dass lässt sich nicht bestreiten. Wie sollte man sonst einen Menschen nennen, der sich seine täglichen zehn Minuten Frischluft selbst im Winter nicht nehmen lässt und, wohl wissend, dass ihm von seinen Mitschülern ärgste Bestrafung droht, das Fenster öffnet, eine Lungenentzündung riskierend?
Constantia – Festigkeit: Es geht hier um die Festigkeit des Geistes. Zweifelsohne hatten die Schüler ihren schwankenden Geist längst hinter sich gelassen. Einmal mehr erwies sich der Magister als Wegbereiter für diese Entwicklung. Was man sich vorgenommen hatte, das wurde streng befolgt und konsequent durchgezogen, seien es nun die Vorsätze, nach einer Klausur besonders hart an der Grammatik zu arbeiten oder das Vorhaben, eine Vokabelsammlung gründlich durchzugehen. „Festina lente.“
Benevolentia – Wohlwollen: Dies ging von Seiten des Lehrers aus. Er hätte mit erbarmungsloser Härte sich uns verweigern können, doch was tat er, als in einem Anfall von geistiger Umnachtung einem Schüler während der Klausur der Atem stockte? Er erklärte die Deklination der Vokabel „duo, duae, duo“. War dieses nicht ein Zeichen des Lehrers, welches uns sagen sollte, dass er uns unbedingt wohlbehalten durch das Abitur bringen wollte? Auf jeden Fall!
Temperantia – Zurückhaltung: Wenn dem Lehrer in plötzlicher Großmut ein Stück Kuchen angeboten wurde, so lehnte er es selbstverständlich ab. Im äußersten Fall ließ er sich dazu hinreißen, mit seinem Taschenmesser einen kleinen Brocken des Gebäckes abzuschaben, enthaltsam aber, denn er achtete sehr auf seine Linie. Hätte er ungebändigt von dem Kuchen gegessen, so hätte er es sich schließlich nach erledigter Arbeit nicht mehr daheim mit einem Bier und seiner großen Latte von Grisham-Romanen gemütlich machen können. „Ergo bibamus!“
Modestia – Auch: Bescheidenheit: Obwohl der Magister sich selbst stundenlang für die Entwicklung der Schüler aufopferte, brüstete er sich nie mit ganz besonders guten Formulierungen. Falls mal ein Zitat angebracht wurde, so folgte stets der Satz: „Das ist nicht von mir.“ Wenn das nicht ein Zeichen von Bescheidenheit ist! Und erst recht der nächste Satz, in unmittelbarer Folge: „Aber ich könnte das auch so schreiben.“

Vielen Dank, Herr Petersen, dass sie nicht in jeder Hinsicht dem römischen Ideal entsprochen haben, so wenig wie wir alle, wenn auch wahrscheinlich mit ein wenig mehr „Constantia“. Wie sagt man so schön? „Iucundi acti labores.“ Das soll aber nicht heißen, dass wir ihrem Unterricht nicht gerne beigewohnt hätten. Es heißt nämlich auch: „Ducunt volentem fata, nolentem trahunt.“ Es war der erste Latein-LK seit acht Jahren. Warum? Das ist wirklich eine gute Frage. Trotz einiger weniger Längen fanden wir den Unterricht sehr interessant und zügellos genug, dass man gleichzeitig lernte, ohne einem großen Druck unterworfen zu sein. Natürlich muss man sich für das Fach begeistern können, um den LK zu wählen. Die Ausrede: „Latein ist eine tote Sprache, ich bin doch nicht verrückt!“ gilt aber längst nicht mehr.
De gustibus non est disputandum.“

Donnerstag, 29. März 2018

Drei Sch(w)ulgeschichten

Was man als Lehrer so alles über die Jahre erlebt...

1. Fünfzehn Minuten Ruhm

"Ich finde deine mündliche Mitarbeit gut, du beteiligst dich aktiv und ich hoffe, dass du auch so weiter machst. Das finde ich deswegen gut, weil ich gehört hab, dass ein paar deiner Mitschüler auf dir rumhacken. Das hat mich nämlich an eine Geschichte erinnert, und zwar hatte ich mal einen Schüler, das müsste auch so neunte... nein, achte Klasse war das. Der war ziemlich intelligent, traute sich aber nicht, das zu zeigen, weil er dann als Streber beschimpft wurde. Er wusste alle Antworten, konnte das alles, aber wollte keine Angriffsfläche für's Mobbing bieten. Aber sie hatten ihn rausgepickt, weil er mit den Mädchen besser klar kam als mit den Jungs, das war komisch, und er war ein bisschen sensibel, und sie bezeichneten ihn als Schwuchtel. Das hat ihn echt verletzt, und er wusste auch nicht, warum sie das machen, er wusste nicht, ob er selbst etwas falsch macht und ob er etwas ändern sollte. Bis zur zehnten Klasse haben sie auf ihm rumgehackt, im Sportunterricht geschubst, härter angegangen als andere und es war eine grauenhafte Zeit für ihn. Vielleicht kennst du das. Vielleicht kannst du dich damit ein bisschen identifizieren. Dieser Schüler damals... ... ...das war ich. Und ich habe es gehasst, ich habe unter dem Mobbing echt gelitten. Ich erzähle dir diese Geschichte nicht einfach nur so. Denn ich hab gehört, dass sie dich auch Schwuchtel nennen. Und du kennst all' das... ... Andy Warhol hat einmal gesagt, dass jeder Mensch irgendwann seine fünfzehn Minuten Ruhm hat. Irgendwann ist jeder ein Star, kann glänzen, kann seine Stärken zeigen, ohne dafür gehasst zu werden. Mir ging es auch so. Und dir wird es auch so gehen. Irgendwann kommt der Moment, an dem du deine Stärken ausleben kannst, an dem du ganz du sein darfst. Ich möchte dir dafür den Rücken stärken. Und deswegen finde ich es toll, dass du dich nicht unterkriegen lässt, auch wenn sie dich Schwuchtel nennen und dich ärgern. Bleib am Ball, deine Zeit wird kommen, und ich finde, dass du ein intelligenter, toller junger Mann bist, lass' dir von niemandem etwas Anderes einreden. Okay?"

2. Der Zusammenhang

"Aber diese Vokabel bedeutet doch eigentlich etwas ganz Anderes, wieso übersetzt man das hier denn so?" - "Naja, es kommt immer auf den Zusammenhang an, in dem die Vokabel steht. Ganz einfaches Beispiel: Hin und wieder sage ich zu meiner besten Freundin "Du Fotze!" - ohne dass ich das böse meine, im Gegenteil. Das ist dann keine Beleidigung, unter uns ist das witzig gemeint und das versteht sie auch so." Mädchen schauen sich an, Augen leuchten auf, Lächeln. "Ihr kennt das doch. Fotze, oder Schlampe, oder Bitch. Und genau so kann ein lateinisches Wort in einem anderen Textzusammenhang eine ganz andere Bedeutung haben." - "Ahhhhh! Jetzt macht das Sinn!"


3. Iiiieeehhh!!! 

Sechste Klasse, Intensivierung mit einer reinen Mädchengruppe. Black Stories gehen im Englischunterricht immer. So kann man wunderbar üben, Fragen zu stellen, und die Schüler zum Englischreden bringen, großartig. Two men are playing chess. The winner picks up a gun and shoots himself. Why did he do that? "Ääähhhmmm, maybe there was a backstory, maybe the mens had eine, wie sage ich das, Beziehung miteinander?" "Iiiieeehhh!!!" tönt es aus der ersten Reihe. "Nanu, Trulla, warum sagst du denn iieeehhh?" - "Naja, weil das voll eklig ist." - "Das verstehe ich nicht, das musst du mir erklären." - "Naja normalerweise sind doch Mann und Frau zusammen und das ist doch total eklig, wenn zwei Männer zusammen..." - von der rechten Seite widerspricht eine Mitschülern: "Das ist überhaupt nicht eklig. Das kommt Dir nur so vor, weil du das noch nicht kennst, aber eigentlich ist das voll in Ordnung!" Sechste Klasse. Meine Augen leuchten.

post scriptum: The two men were on a sinking submarine and their oxygen was running out. They knew they had to die, but there was only one bullet left in a revolver. So the two men played a game of chess: The winner was allowed to shoot himself and die a quick death, while the other one had to die slowly and painfully...

Mittwoch, 28. März 2018

Nummer Achtzehn

Ob ich jemals verbeamtet werde...?

Endlich: Die Ferien sind erreicht. Irgendwie habe ich mich noch nie so sehr nach den Ferien gesehnt wie diesmal - sonst war es eher in Richtung "Schade, dass wir uns jetzt zwei Wochen nicht sehen". In SPO hatte ich richtig Spaß am Unterrichten, da geht man dann schon etwas wehmütiger in die Ferien. Selbstverständlich freuen sich auch die Schüler - bei einigen stehen vielleicht richtig tolle Reisen an, bei mir zumindest der Hansa-Park; die Saison beginnt morgen und ich bin froh, dass ich - wenn es nötig ist - einfach mal ausbrechen kann. Muss mich dran erinnern, den ADAC zu rufen, ich brauche Starthilfe, nachdem das Auto den ganzen Winter über nur gestanden hat.

Und die Ferien sind bitter nötig, und das nicht nur aus spaßigen Gründen wie Freizeitparks oder Monster-mit-der-großen-Buba-verkloppen. Ich muss die Wohnung grundreinigen, weil ich so viel im Kopf hatte, dass ich nicht mehr an so banale Sachen wie "wegwerfen" gedacht habe. Kaum zu glauben: Alles steht überall herum - weil ich immer mit was Anderem im Kopf beschäftigt bin. Und ich muss auch mal gründlich über meine Zukunft nachdenken. Was erwarte ich von "meiner" Schule? Wie soll es weitergehen?

Und noch ein positiver Grund ist, dass gerade Ni No Kuni 2 erschienen ist - ich mag es, wenn pünktlich zu den Ferien ein neues Videospiel erscheint (an das ich aufgrund der hervorragenden Qualität des Vorgängers hohe Ansprüche stelle). Und ich werde auch noch für's Videospielen bezahlt, wenn man es so sehen will, denn...

...endlich ist der Anschlussvertrag da! Heute habe ich meinen achtzehnten Arbeitsvertrag unterschrieben, das Gehalt wird weiter gezahlt, schön. Für einen Monat. Ich hasse Bürokratie, wieder nur so ein Stückwerk, wieder fühle ich mich unsicher - ich muss mich daran gewöhnen und dagegen abhärten. Und für die Schüler ist das natürlich auch nur ansatzweise hilfreich.

Egal. Hauptsache, es geht weiter, und so starte ich jetzt in die Ferien mit einer Meditation, denn ich möchte ein Gespräch nochmals Revue passieren lassen. "Wenn ich hochbegabt bin, will ich das gar nicht wissen!" sagt heute ein Schüler zu mir. Vielleicht liest er das hier gerade. Meine Reaktion? Random-Fragen. Hast du Probleme mit Autorität? Hast du Neurodermitis? Wie stellst du die Lautstärke beim Fernsehen ein? Ich stelle meistens einfach nur Fragen und sage gar nichts weiter dazu. Informationen sammeln, Details sammeln, Puzzleteile.

Ich liebe es, Menschen kennenzulernen.
Kommt gut in die Ferien!

Montag, 26. März 2018

Ba-ba-dook. Dook! DOOK!!!

Was das genau ist? Wird zum Glück nie explizit gezeigt oder erklärt. Ist aber zutiefst menschlich...

Vorgestern hatte ich Lust auf einen neuen Film. Diesmal sollte es nichts Episches, Großes, Stundenlanges sein; ich hatte Lust auf einen kleinen, effektiven Horrorfilm. Genauer gesagt auf ein Subgenre, den sogenannten Psychological Horror. Das sind diese Geschichten, bei denen der Horror größtenteils im Kopf des Zuschauers stattfindet. Beispiele dafür sind Rosemary's Baby, The Shining oder die späteren Filme von David Lynch und die dritte Staffel seiner Serie Twin Peaks. Ich liebe es einfach, die oft subtile Abfahrt in den Wahnsinn zu genießen, und habe es dabei besonders gern, wenn meine Sinne verwöhnt werden - Spiel mit Licht und Schatten, Farbfiltern und sorgfältig gestalteten Surroundsound.

Also habe ich mich auf die Suche begeben und bin eher durch Zufall bei einem Film gelandet, der ein bisschen wie eine Gruselgeschichte für Kinder wirkte, wie etwas aus dem Geschichtenbuch. Wurde auf RogerEbert.com und Rottentomatoes extrem positiv bewertet, gilt als einer der kritisch erfolgreichsten Filme seines Jahres und das hat mich neugierig gemacht auf diesen unscheinbaren, unerwarteten Film aus Australien: The Babadook (2014).

If it's in a word or it's in a look, you can't get rid of the Babadook!

Eigentlich möchte ich nicht zuviel zum Inhalt sagen. Es geht um eine seit einem Unglück schwer belastete Mutter-Sohn-Beziehung. Der Junge ist stark verhaltensauffällig und die Unfähigkeit des Umfeldes, mit dieser Situation zurechtzukommen, führt nach und nach zur Isolation der Mutter; diese versucht, alle Anfeindungen auszuhalten, doch ihre "heile" Welt bricht nach und nach zusammen - spätestens seit einer Gutenacht-Geschichte, die sie ihrem Jungen vorliest, stellt sich eine Paranoia ein, die schließlich dazu führt, ihr Leben komplett zu hinterfragen.

Diese eigentlich unschuldige Geschichte namens The Babadook handelt von einer Kreatur, die des Nachts versucht, von Menschen Besitz zu ergreifen. Aber sowas gibt es natürlich nicht im richtigen Leben... oder doch? Genau diese Frage dominiert das letzte Viertel des Films, und als Zuschauer ist man gut beraten, die Dinge, die man sieht, nicht ganz wörtlich zu nehmen. Es gibt etwas, das man subjektive Kamera nennt: Die Kamera zeigt Dinge so, wie sie von einer der Figuren wahrgenommen werden.

Wir haben hier psychologischen Horror, der sich vor allem im Kopf abspielt. Wer ein wenig Lebenserfahrung besitzt, wird sich mit den Figuren identifizieren können und deren Leid verstehen. Es fliegen keine Körperteile durch die Gegend. Es gibt noch nicht einmal einen nennenswerten Bodycount. Aber den gab es bei The Shining auch nicht, und trotzdem ging jener Film unter die Haut.

In diesem Film taucht nichts Übernatürliches auf. Metaphorisch, ja, und auch menschlich. Eben eine Allegorie auf menschliche Emotionen - und damit keinesfalls unrealistisch - und das gibt dem Film seine Energie: Dass jeder Mensch lernen muss, mit seinem Babadook zu leben ("You can't get rid of the Babadook!"). Du auch, und auch ich. Und auch wenn es jetzt vielleicht noch nicht so weit sein mag, so kommt dieser Moment unausweichlich.

post scriptum: Es ist doch mal wieder kennzeichnend für die menschliche Dummheit und den Unwillen, etwas verstehen zu wollen, wenn es Mühe erfordert. Während die Kritik den Film hoch lobt, ist er beim allgemeinen Publikum ziemlich unpopulär. Das zeigt sich in der Wertung der IMDb oder zum Beispiel in den Rezensionen bei Amazon. Bin froh, dass ich nicht zu dieser Gruppe gehöre - ich fand den Film klasse ;-)

Samstag, 24. März 2018

Stressige Gegend

So wie einst Dirk Bach, könnte ich mich auch rauslehnen und die Schlimme Ecke ein wenig beobachten...

Wer den Beitrag von vorletzter Nacht gelesen hat, erkennt die Anspielung. Es geht also mal wieder um unser kleines Viertel. Und die Welt ist so klein: Meine Mutter hat damals im Studium nebenan in der Rendsburger Landstraße eine Wohnung gehabt, und auch die große Buba kennt jemanden in ebendieser Straße. Wenn ich fünfzig Meter gehe, laufe ich an der Danewerkstraße vorbei, in der Er wohnt. Ein paar Nummern weiter wohnt ein ehemaliger Stupa-Kollege. Im gelben Haus schräg über die Straße hat eine Brachenfelder Kollegin gewohnt. Trägt alles dazu bei, dass ich mich "zuhause" fühle - und dass ich dadurch berufstechnisch extrem unflexibel bin, weil ich nicht wegziehen möchte. Da wäre die Kieler Gelehrtenschule ja eigentlich die perfekte Option für den Beruf; das geht in die Gesamtgedanken ein.

Aber ich bin völlig von meinem eigentlichen Thema abgekommen. Seit einer Woche ist der Wulfsbrook gesperrt. Whatever, Baustellen gibt es überall. Aber das hat ein paar Auswirkungen, die spannend sind. Wer die Gegend nicht kennt: Wenn man aus Kiel über die Hamburger Chaussee rausfährt, hat man nach dem Waldwiesenkreisel (beliebter Ort für Autounfälle) die Möglichkeit, entweder nach links abzweigend auf der Hamburger Chaussee zu bleiben und Richtung Molfsee zu fahren, oder aber rechts abzweigend auf der Rendsburger Landstraße gen Russee zu tingeln. Und sollte man die falsche Ausfahrt gewählt haben, gibt es immer noch die Möglichkeit, über den Wulfsbrook zwischen den Straßen zu wechseln.

Beides beliebt, die Hamburger Chaussee ist eine recht vielbefahrene Straße, besonders Blaulicht-intensiv wegen der anliegenden Helios-Klinik. Umso erstaunlicher ist es, wie ruhig es in unserer peacigen Gegend sein kann - doch das war einmal. Wie gesagt, der Wulfsbrook ist gesperrt, man kann also nicht mehr so einfach zwischen Rendsburger Landstraße und Hamburger Chaussee wechseln, sondern muss jetzt den umständlichen Weg mitten durch unser Viertel nehmen, durch die Helgolandstraße.

Und so kommt es, dass ich seit letztem Montag tatsächlich auf die Fußgängerampel achten muss, bevor ich die Straße zum Sky oder der Sparkasse kreuze, denn es herrscht Stau. In der Helgolandstraße, in der sonst nur hin und wieder ein paar Autos fahren, ist es laut geworden, es wird gedrängelt, es wird gehupt. Menschen werden noch unruhiger und stressiger, als sie es sowieso schon sind, hinter ihrem Steuer. Die Schlange der wartenden Autos reicht quer über den Karpfenteich (lustiger Ausdruck, wenn man es mal bedenkt...), dazu die Wagen, die alles zugeparkt haben, das sorgt für - ja, für was eigentlich?

Man hat die Wahl, sich dem Stress hinzugeben, zu hupen, möglichst schnell vorankommen zu wollen. Sich aufzuregen, den Blutdruck steigen zu lassen. Scheiße, mach' mal schneller da vorne! Diese dämliche Baustelle im Wulfsbrook, ich könnte kotzen, auch die Buslinie Zweiundsechzig fährt jetzt anders, ich muss Umwege laufen, kann nicht einfach mal kein Stau sein? Das Gefühl habe ich schon einmal beschrieben.

Oder man nimmt es, wie es ist. Man akzeptiert seine Lage. Man realisiert, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist, dass es auch andere Autofahrer gibt, die ebenso die Umleitungen nehmen müssen, die ebenso für ihren Weg länger brauchen. Und man versucht, zu entspannen.

Und ich? Ich genieße die Tatsache, dass ich von meiner Wohnung aus all' das ansehen kann, wenn ich das will. Und dass ich im dritten Stock wohne. Über den Dingen. Wörtlich und im übertragenen Sinne.

Zeit für ein Bad.

Donnerstag, 22. März 2018

Peacige Gegend

Waldwiese - gehört einfach dazu.

Ich mag es ja eigentlich nicht, von fremden Menschen unerwartet angesprochen zu werden. Oder, sagen wir es so, ich habe Angst davor. Weil ich nicht weiß, ob ich vielleicht unangemessen reagieren werde usw., hochbegabtes Kopfzerbrechen, das eigentlich echt nicht nötig wäre.

Wie dem auch sei, heute bin ich angesprochen worden. Da setzt sich im Bus eine ältere Dame neben mich, nachdem sie gefragt hat, ob der Platz frei sei. Und leitet direkt über in ein Gespräch, und ich war so überfordert mit der Situation, dass ich einfach das Gehirn beiseite geräumt und mitgemacht habe. Warum das möglich war - weiter unten. Jedenfalls erzählen wir so über Kiel, über unsere Berufe, sie kommt aus der Gegend um Hannover, was hat uns nach Kiel gezogen, wir reden über Mieten, vielleicht sind es die schwarz lackierten Fingernägel, jedenfalls geht sie schnell in's "Du" (was mir sehr zusagt) und wir unterhalten uns, als wären mehrere Jahrzehnte Altersunterschied gar nicht präsent.

Und so unterhalten wir uns auch, wo wir wohnen und wie wir wohnen. Über die Mieten, die am Blücherplatz in die Höhe geschossen sind - ist ja auch so, wer kann sich schon Blücherplatz leisten? Ich unterrichte Blücherplatz, erkläre ich ihr, ich unterrichte Düsternbrook, und wir verstehen uns. Und ich erzähle ihr, dass ich mich in Hassee verdammt wohlfühle. Natürlich liegt das auch an der Art der Wohnung und was ich daraus mache, aber es ist schon ein nettes Viertel. Gar nicht weit zum Drachensee oder Russee, wenn man in die Natur möchte, gute Verkehrsanbindung, es fühlt sich nicht so tot an, hier findet auch mal Alltag statt, natürlich haben wir hier auch kleinere oder größere Problemchen, Einbrüche, Pöbeleien und Zeugs, aber ich find's hier toll, und die ältere Dame auch. Sie sagt: "Hassee ist eine ganz peacige Gegend." Und allein die Verwendung dieses Ausdrucks qualifiziert sie dafür, in Hassee zu leben.

Das war also wirklich eine unterhaltsame Busfahrt; normalerweise bin ich immer froh, wenn man mich nicht anspricht, sondern ich in Ruhe nachdenken kann, Stunden durchgehen, Erlebnisse verarbeiten, all' sowas. Aber heute war die olle Areté hyperaktiv; in meinen zwei Freistunden bin ich nach Hause gefahren, just in dem Moment kommt der Paketbote vorbei, ich kann das Paket in Ruhe auspacken, mich drüber freuen und wieder in den Bus zurück Richtung Schule steigen - Laune im oberen Drittel, und wenn ich dann von so einer fetzigen Oma angesprochen werde, mache ich nicht dicht, sondern gehe drauf ein und genieße den Moment. Wie sagte einst der Dalai Lama?

"Nichts ist entspannender, als das anzunehmen, was kommt."

Dienstag, 20. März 2018

Elternabend: Brennende Fragen

Schick machen? Nee...!

Elternabende sind doch eine fantastische Erfindung - zumindest, wenn man davon überzeugt ist, als Lehrkraft alles richtig gemacht zu haben.  Wenn nicht... davon handelt das heute etwas umfangreichere post scriptum.

Wenn man nicht gerade Klassenlehrer ist, besteht die eigene Hauptaufgabe am Elternabend darin, sich kurz vorzustellen (wenn man neu an der Schule oder in der Klasse ist), die Stoffverteilung zu skizzieren und für Fragen bereit zu stehen, derer normalerweise nicht viele auftauchen, denn die meisten Eltern wollten "nur mal sehen, wie der Neue aussieht." Und/oder sich von ihrer vorgefertigten Meinung überzeugen; ich habe es an anderen Schulen hin und wieder erlebt, dass mein Verhalten wohl doch nicht dem entsprochen hat, was die Eltern dachten ("macht keinen Unterricht, ist eine Gefahr für unsere Kinder, hält sich nicht an den Lehrplan, hat rechte Tendenzen, keine Umgangsformen, keinerlei pädagogische Kompetenz, überhaupt keine Erfahrung, noch nicht einmal sein Staatsexamen" und vieles mehr - nichts davon von mir erfunden, leider).

Mittlerweile ist es bei mir mit den Elternabenden wie mit dem Elternsprechtag - ich freue mich drauf. Wobei ich mir nicht sicher bin, wieviel "Mühe" ich mir geben soll - wenn ich nicht weiß, ob ich an der Schule bleibe oder nicht. Da besteht immer die Gefahr, dass sich eine "Scheißegal-Haltung" einstellt. Ich bereite nichts Konkretes vor, was ich vielleicht sagen möchte, stelle mich nicht auf eventuelle Fragen ein, und es bleiben in meinem Kopf als brennende Fragen nur noch übrig:

Was ziehe ich an? Szene oder etwas dezenter? Mit oder ohne Nagellack? Vielleicht mit ein bisschen Kajal? Die Eltern, die mich bereits kennen, sollen mich ja schließlich wiedererkennen können; das geht nicht, wenn ich in Bluejeans auftauche. Schauen wir mal. Mehr Zeit als auf mein Erscheinungsbild werde ich im Vorfeld darauf verwenden, mich nicht schuldig zu fühlen für das, was die Eltern zu beklagen haben. Zu dem Thema hatte ich bereits einmal einen Beitrag geschrieben, aber nicht veröffentlicht - das wird heute im PS nachgeholt.

post scriptum: Schuldgefühle. Kennt jeder, denke ich mir zumindest, und vielleicht hat ja der eine oder andere Lehrerkollege die hier beschriebene Variante auch schon einmal erlebt.

Die Klassenarbeit steht an, und ich fühle mich entspannt, weil ich im Kurs- oder Klassenbuch genau nachvollziehen kann, dass wir alle Themen, Grundregeln, Ausnahmen und Eselsbrücken im Unterricht vorbereitet haben. Sogar den Großteil der Vokabeln (am Beispiel der Lateinarbeit) haben wir explizit wiederholt. Es kann eigentlich gar nichts mehr schiefgehen.

Und dann nimmt man sich den Stapel mit den Arbeiten vor. Ach herrje, ganz oben liegt die Arbeit von Schüler XYZ, der schon im Unterricht nicht der Leistungsstärkste ist. Ich schaue in seine Übersetzung und werde bestätigt. Ich lege seine Arbeit erstmal zur Seite, ich würde gern zuerst eine gute Arbeit korrigieren, um zu sehen, dass das Niveau leistbar war. Und so forste ich den Stapel durch...

...und finde keine einzige Arbeit, die auf Anhieb gut gelungen scheint. Nicht einmal der Paradeschüler ABC landet im oberen Notenbereich, und auf einmal stellt sich eine Befürchtung ein: Muss ich zur Genehmigung? Weil womöglich mehr als ein Drittel der Schüler eine Fünf oder Sechs bekommen hat? Was kann ich nur tun? Kann ich den Fehlerindex ein bisschen anpassen, kann ich einzelne Fehler schönen? Was ist denn da nur schiefgegangen?

Es muss an mir gelegen haben. Irgendwas muss ich im Unterricht falsch gemacht haben, wenn selbst die Vorzeigeschüler nicht auf eine Eins oder Zwei geschafft haben. Und sofort legt mein Kopfkino eine Extraschicht Horror ein. Vor meinem geistigen Auge sehe ich... [und hier darf jeder seiner Fantasie freien Lauf lassen] - es wäre ja nicht meine erste Genehmigung. Gerade an den GemSen ist das hin und wieder mal vorgekommen, da hatte ich auch nie ein schlechtes Gewissen. Aber an einer Schule, deren Leitbild umfasst, die Schüler zu möglichst guten Leistungen zu bringen, bin ich nicht ganz so entspannt. Also... gar nicht entspannt. 

Denn dann sind sie wieder da, die Schuldgefühle. Als ob es in der Macht der Lehrkraft läge, jedem Schüler mindestens zu einer Zwei zu verhelfen. Dabei habe ich mir den Arsch aufgerissen, habe in jeder Stunde wieder versucht, ein Bewusstsein und einen Respekt vor den Anforderungen des Faches zu schaffen. Weil ich einen katastrophalen Ausfall habe kommen sehen - aber was kann ich sonst noch machen? 

Sie sind Jugendliche. Ich nehme es niemandem übel, wenn er keinen Bock auf Schule hat. In diesem Alter sind andere Sachen wichtiger: Freundschaft, Sex, Drogen, Selbstfindung und vieles mehr, was einen Teenager mächtig aus der Bahn werfen kann. 

Manch' einer muss eben erst richtig auf die Fresse fallen, bevor er merkt, dass "am Abend vorher lernen" irgendwann nicht mehr klappt... und ich muss genügend Rückgrat aufbringen, zu sagen, dass es eben nicht mehr für das Latinum (oder ESA, MSA, whatever) ausreicht. Anstatt so lange an Fehlerindizes herumzudrehen, Bonuspunkte zu kassieren und Sonstiges, nur damit es für fünf Punkte reicht. Denn manche Schüler suggerieren durch ihr Verhalten im Unterricht, dass sie es gar nicht auf die fünf Punkte anlegen - und das möchte ich entsprechend honorieren. 

Pädagogik und so.