Donnerstag, 12. Juli 2018

Schule mit Courage? Leck' mich am Arsche!

Invisible poison...

Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage, das ist der Titel eines schulischen Netzwerkes, und eigentlich klingt das toll. Viele Schulen sind Mitglied und schmücken sich auch damit, viele Schulen haben eine Plakette, das sie als Schule mit Courage ausweist. Ich habe an mehreren dieser Schulen unterrichtet, und habe tatsächlich nicht so viel Rassismus erleben müssen. Das fand ich gut.

Allerdings stand Mobbing dort an der Tagesordnung wie an vielen anderen Schulen leider auch. Und nicht alle Lehrer konnten sich als Vorbild rühmen, denn im Kollegium wurde auch gemobbt. Lästern - darüber habe ich einmal geschrieben - und alles, was noch dazugehört. Schüler auslachen, sie in der Klasse diskriminieren, das hat für mich nicht viel mit Courage zu tun. Ich würde denken, wenn, dann sollte das auf jeder Ebene mitgetragen werden.

"Wenn wir schon Inklusion leben, dann gilt das selbstverständlich auch für das Kollegium!" - ebenfalls eine starke Aussage. Aber die Realität sah gern mal anders aus.

Ein ähnliches Beispiel ist Pilotschule irgendwas mit Hochbegabung, das klingt großartig, neue Wege werden erschlossen, hier sind Hochbegabte gut aufgehoben. Das vermittelt die Plakette, oder das Schulprogramm, oder man liest es auf der Homepage. In der Tat: Die Schule bietet Hochbegabten Möglichkeiten. Da gibt es das Drehtürmodell, Schnuppern im Unterricht anderer Jahrgangsstufen, vielleicht sogar sehr unkonventionelle Sprachkurse, und natürlich auch Enrichment.

Da sind wirklich großartige Ideen dabei, das klingt ganz toll, das sieht gut aus. Für erkannte Hochbegabte ein Paradies. Aber was ist mit den Unerkannten? Mit den Underachievern? Ich würde denken, dass eine Schule, die sich der Begabtenförderung verschrieben hat, Mittel und Wege zur Diagnostik hat, und Tricks findet, um bei Underachievern das Potential abzurufen. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich bei den meisten Schulen, bei denen ich bisher vorgesprochen habe, in dieser Richtung einen wunden Nerv treffe.

Und ich habe auch in diesem Blog schon hin und wieder geschrieben, dass ich auf Gegenwind gestoßen bin, wenn ich einen HB-Verdacht bei einem Schüler mit mäßig ausreichenden Leistungen hatte. Nicht überall: Es gab auch Schulen, die sich für solche Vermutungen aufgeschlossen gezeigt haben. Und meiner Meinung nach sind sie es, die eine Plakette für die Begabtenförderung verdienen, denn das ist wirklich harte Arbeit mit vielen Mühen und vielen Enttäuschungen.

Es gibt Schulen, da steckt drin, was draufsteht. Es gibt aber auch Schulen, die möglichst viele dieser Plaketten an ihre Hauswand pinnen möchten, um des Images Willen. Um mehr Schüler zu bekommen - um sich am Leben zu erhalten. Verständlich. Aber nicht meine Schule.

Montag, 9. Juli 2018

Was bleibt - die Antwort


Diese Mail hat mich am Sonntag erreicht, als Reaktion auf die Geschichte von Klaus, die ich im Beitrag "Was bleibt" beschrieben hatte:

Hallo Dr Hilarius!

Soll ich am Anfang anfangen? An welchem Anfang tho. Hm. Schwierig.
Ich fange mit gestern Mittag an. Ich bin nämlich von den alltäglichen Stallarbeiten reingekommen und habe meine Mutter vorgefunden, mit Tränen in den Augen, aber einem Lächeln im Gesicht. In der Hand hat sie ein ganz bestimmtes Buch gehalten, das gestern oder vorgestern angekommen sein muss. Ohne aufzusehen hat sie gesagt: “Ja, Klaus.“ Wie ja. Dann hat sie mich angesehen und die Worte sind nur so aus ihr herausgesprudelt. Noch nie habe ich meine Mutter mit einem derartigen Enthusiasmus reden gehört. Ich habe mir ernsthaft Gedanken darüber gemacht, ob sie gleich aufspringt und anfängt, mich zu schütteln. Was ich aus ihren Worten entnommen habe ist, dass meine Kindergartenzeit wohl voll und ganz auf die Beschreibung im Buch passt. Außerdem hat sie wohl diese eine Sache sehr berührt, dass nämlich alle Erzieher und später Grundschullehrer ihr vorgeworfen haben, dass sie mich zu sehr pusht, dass sie ihren Ehrgeiz an mir auslässt, obwohl das komplett nicht gestimmt hat. Sie war, wie exakt im Buch beschrieben, vollkommen bestürzt über meine damalige Diagnose Hochbegabung gewesen. Außerdem habe ich folgenden Dialog zwischen ihr und der Psychaterin aus ihrer heutigen Erzählung genommen: 
“Ich wollte doch einfach nur ein normales Kind! Wissen sie, woher das denn überhaupt kommen kann?“
“Hatten sie in ihrer Schulzeit Freunde?“
“Nicht wirklich.“
“Und wie haben sie ihre Schulzeit verbracht?“
“Also gelernt habe ich nicht.“
“Ja dann schauen Sie in den Spiegel, dann wissen Sie, woher das kommt!“
Ich wusste, dass meine Mutter hochbegabt ist. Sowohl ihre als auch meine Sensibilität hat uns beide immer wieder zur Weißglut getrieben und wir hatten unzählige Male unnötig Streit, weil wir beide in bestimmten Situationen zu sensibel waren. Mein Vater versteht uns nicht. Mein Vater versteht sich mit meiner Mutter nicht. Mein Vater hätte mir dieses Buch nicht mal gekauft. Wir beide können das Verhalten meines Vaters mittlerweile nicht mehr ab. Für meine Mutter wäre es schon längst fällig gewesen, wegzuziehen. Das hat sie nicht gemacht. Und heute habe ich verstanden, warum.

Wir haben nämlich dann geredet, lange, ohne jede Provokation, ernsthaft. Sie hat mir immer weiter aus dem Buch vorgelesen, ich habe gesagt, wenn etwas davon auf mich zutraf oder eben nicht. Ich habe den Rest des Tages dann immer wieder durch das Buch geblättert, bis ich auf “drei besondere Fälle“ gestoßen bin und damit auf ein Mädchen namens Lilo. Vorher habe ich mir die typischen Fälle von Hochbegabten wieder und wieder durchgelesen und nur vereinzelt Dinge gefunden, die auf mich zugetroffen haben, ich habe schon fast gedacht, ich wäre überhaupt nicht hochbegabt. Ja, und dann der Fall mit Lilo, das war damals, als ich so 13 Jahre alt war, 1:1 ich. Nur diese Sache mit dem Schuleschwänzen und dem Drogenkonsum hat nicht zugetroffen. Weil ich auf dem Land wohne und darauf angewiesen war und bin, dass meine Eltern mich überall hin fahren und abholen, war es praktisch unmöglich, die Schule zu schwänzen oder viel Zeit mit falschen Freunden zu verbringen. Zudem hatte und habe ich hier Verantwortungen, die Pferde zum Beispiel. Sie haben mich damals davon abgehalten, solche Dummheiten zu veranstalten. Zusätzlich gehe ich ja auch noch auf eine relativ seriöse Schule, außerdem wollten die “Drogenleute“ sowieso nie irgendetwas mit mir zu tun haben. Wäre meine Mutter allerdings mit mir von meinem Vater weg in die Stadt gezogen, hätten die Dinge vollkommen anders ausgesehen. Ich habe endlich verstanden, dass meine Mutter es komplett richtig für mich ausgerichtet hat. Seit heute weiß ich sogar, dass sie mich erst auf ein Hochbegabteninternat schicken wollte, nur nicht das Geld dazu hatte. So kam diese schlaue Alternative zustande. Im Nachhinein bin ich ihr voll und ganz dankbar. Das Verhältnis zu ihr hat sich verändert (auch wenn es vielleicht nur für heute angehalten hat, wer weiß).

Und da haben wir auch gleich, was sich durch das Buch in jedem Fall geändert hat. Aber es hat sich noch was geändert. Ich sehe mich, auch wenn es nur minimal ist, anders. Dinge, die mir vorher “abnormal“ erschienen, sind mir jetzt als normal vorgestellt worden. *Das* bin ich. *Das* ist, was es heißt, ich zu sein. Wow. 
Und deshalb muss ich Ihnen schon wieder danken, schon wieder haben Sie mit einer für Sie vielleicht unbedeutenden Handlung mein Leben ein kleines bisschen verändert. 

Was mich zum nächsten Thema bringt. Ich würde Ihnen nämlich gerne erzählen, wie Sie das zuerst gemacht haben, weil es mir sehr am Herzen liegt. Naja, zum Einen durch “Lola rennt“, ich meine, das letzte Mal, dass mich ein Film so gepackt hat war, als ich mit sechs Jahren den Zeichentrickfilm “Spirit“ gesehen habe, der, obwohl er ein ziemlicher Kinderfilm ist, (vielleicht gerade deswegen) immer noch einen besonderen Platz in meinem Herzen hat. Aber zum Anderen durch das, was Sie nach der letzten richtigen Lateinstunde, die wir mit Ihnen hatten, gesagt haben. Ich habe zwar darüber nachgedacht, aber es gab jemanden, dem Ihre Worte wirklich und richtig zu Herzen gegangen sind. Fritz. Wir kannten uns zu dem Zeitpunkt kaum, nur vom Sehen, nie haben wir wirklich ein Wort gewechselt. Nach der Lateinstunde hatten wir Wipo. Er saß schräg hinter mir, Dennis neben ihm, und zufällig ist mir aufgefallen, dass er geweint hat, und Dennis neben ihm ziemlich hilflos war. Ich rücke mit meinem Stuhl zu ihm. 
“Hey, was ist denn?“
“Nichts.“
“Dann würdest du nicht weinen.“
“Es ist nichts, okay?“
“Ja, das sagen sie alle.“

Ein halbes Lachen huscht über sein Gesicht, aber er schluchzt sofort wieder los. Ich weiß keine Methode mehr und warte einfach.

“Das, was Dr Hilarius gesagt hat...“
“Ja?“
“Das ist so verdammt wahr.“

Wow. Ich weiß nicht mehr weiter, habe wohl irgendwas wie “ja, das stimmt“ oder so gestammelt, das nächste was ich weiß ist das:

“Wie kannst du das?“
“Was?“
“Ja, DAS!“

Ich habe absolut keine Ahnung, was er meint. 

“Was??“
“Warum bist du immer so gut drauf?“
“Bin ich das?“
“Ja! Was war denn das eben?“
“Naja, also, eh... ich habe glaube ich einfach gelernt, dass ich nichts bewirken kann, wenn ich meine Launen immer auslebe, wenn ich immer gut drauf zu sein scheine, dann... außerdem bin ich das gar nicht!“
“Aber du weißt immer, wie du dich verhalten musst.“
“Nein.“
“Doch!“
“Ist ja gut. Das Wichtigste ist, dass du stark bleibst. Ok? Nicht weinen. Kann ich sowieso nicht ab.“

Wieder huscht sowas wie ein Lachen über sein Gesicht. Wir wechseln das Thema. Wie damals auf der Skifahrt mit Paul, der jetzt eine Klasse wiederholen musste, schaffe ich es auf eine mir unerklärliche Weise, Fritz (eine mir bisher fremde Person) aufzuheitern, ihn zu reparieren. Danach schreibt er mir. Es wird häufiger. Und dann wird es so, wie es jetzt ist. Er wird der erste Mensch, der nicht meine Mutter ist, der mich unterstützt und immer will, dass ich glücklich bin. Mit seiner Hilfe und Unterstützung und mit meinem durch “Lola rennt“ veränderten Denken verändere ich die eine Sache, die mein Leben seit der sechsten, siebten Klasse bestimmt hat und bekomme die Bestätigung, dass meine “Freunde“ nie meine Freunde waren und dass meine ehemalige beste “Freundin“ (Verhältnis: Ich liebe sie, sie findet mich okay. Hätten wir doch nur nicht so verdammt viel gemeinsam gehabt, bis hin zu den IQ-Punkten!) absolut nichts für mich fühlt. Ich war so glücklich gewesen, dass es an der weiterführenden Schule Menschen gegeben hatte, die wenigstens eine geringe Ähnlichkeit mit mir gehabt haben und dann spreche ich endlich die Wahrheit aus, was jeder normale Mensch schon viel früher getan hätte und bekomme instantly meine alte Situation wieder. Alles schmerzhaft Erarbeitete war dann wieder weg. Im Nachhinein ist das aber nicht “alles verloren“. Aber mir ging es absolut nicht gut, ich habe mich wie ein einziger großer Fail gefühlt, dieses Denken hat Frau Wirwissenwer bestärkt. Und dann wurde ich, wieder durch Fritz, wieder stark. Habe unnötig Latein gepaukt, bis ich meine ach so liebenswerte Lieblingslehrerin sprachlos gemacht habe. Und langsam kann ich akzeptieren. Langsam besteht mein Leben nicht mehr nur aus “ihr“. Warum erzähle ich Ihnen das alles? 

Aber jetzt mal im “Lola rennt“- Denken: Was wäre und wäre nicht passiert, hätten Sie Fritz nicht zum Weinen gebracht? Wo wäre ich dann jetzt?

Ich sollte Ihnen die Reaktionen zu dem Buch schreiben. Ich glaube, auch die ganze Geschichte, von vorn bis jetzt, ist eine Reaktion auf das Buch, weil ich jetzt die ganze Geschichte *verstanden* habe. Ich kann gar nicht beschreiben, warum ich nur Ihnen das hier geschildert habe, denn was sollen Sie schon damit anfangen. 
Dennoch, danke. Für alles.

Klaus

Es war das zweite Mal, dass ich erstmal nicht wusste, was ich sagen, schreiben, antworten sollte.

Darum bin ich Lehrer geworden, und habe diese Entscheidung bisher nicht bereut.

post scriptum: Ich weiß, dass Klaus & Fritz diesen Beitrag lesen und bitte Euch auf diesem Weg um Geduld mit mir, eventuell steht eine neue Schule an, und sobald das geklärt ist, seid Ihr dran.

Sonntag, 8. Juli 2018

Die Lehrprobe

So hat er zu sein, der Lehrer...?

Ich erinnere mich an jede einzelne meiner Lehrproben in meiner Laufbahn als Nulltsemester und dann als Lehrkraft im Vorbereitungsdienst des Landes Schleswig-Holstein a.k.a. Referendar. Wie könnte ich auch nicht? Jede Lehrprobe dräute wie ein Todesurteil über mir, für mich hat es sich immer angefühlt, als müsste ich vor ein Erschießungskommando treten. Wundert das? Wenn ich eine Unterrichtsstunde zeigen soll, bei der im Hintergrund die Schulleitung sitzt, die Ausbildungskoordinatorin, mein Fachmentor und die gesamte Gruppe aller Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst unserer Schule?

"Zeigen sie uns einfach ganz normalen Unterricht, wir wollen keine Zauberstunden sehen."

Ja ne, is klar. In allen meiner achtzehn offiziellen Lehrproben habe ich diesen Satz als Zynismus empfunden, denn in dieser Stunde sitzen da hinten zwischen vier und neunzehn Besuchern, notieren jeden einzelnen Atemzug, den ich da vorne tätige, skrutinieren jegliche Armbewegung in meinem Unterricht, bereit, mich danach in der Stundenreflektion zu zerfleischen, und ich soll so tun, als seien sie nicht da? Und selbst, wenn ich das von Semester zu Semester trainiert hätte - meine ständig wechselnden Schüler haben das nicht unbedingt trainiert. Sie schauen nach vorne, im Rücken diese alten Männer und Frauen mit dem Kladden, als trügen sie Waffen, und die Schüler sollen sich entspannen?

Fuck you, System!

Also habe ich mir gar nicht erst vorgenommen, ganz normale Unterrichtsstunden zu zeigen, denn das wäre sowieso eine einzige Farce gewesen. Wenn die Lehrprobe schon einem Erschießungskommando gleicht, dann möchte ich die Damen und Herren erst einmal gründlich aus der Fassung bringen. Und so ging es dann in meinem ersten Semester an meine erste benotete Lehrprobe seitens der Schulleitung, Latein, Klasse neun, eine Klasse mit einem Ruf, wunderbar, das waren meine bevorzugten Lehrprobenschüler. Ganz ehrlich. Deswegen war ich auch froh, in meinem Examen die absolute Horrorklasse in Latein bekommen zu haben - dazu aber später.

Hier jetzt also der L3-Kurs, der den letzten Nulltsemester von der Schule geekelt hatte, worüber sie alle froh waren. Was mir aber keiner erzählt hat, sondern mich, quasi als cannon fodder, vor diese Jugendlichen gesetzt hat - perfekt! Mit Streberkursen kann ich nichts anfangen. Also hatte ich ein knappes Jahr Zeit, um diese kleinen Monster auf mein Kommando zu drillen - auf meine eigene Art. Und dann kam die Lehrprobe.

Mit klassischer Musik.

Um die Überraschung nicht vorweg zu nehmen, hatte ich das Stundenraster erst direkt zu Stundenbeginn ausgeteilt (bei schulintenernen Lehrproben war kein ausführlicher Unterrichtsentwurf nötig). Tafel zu. Lateinische Sätze angeschrieben. Und langsam tönte Edvard Grieg aus den Boxen, In the Hall of the Mountain King, Peer Gynt geht immer. Und im Takt der Musik habe ich dann die Farbmethode (lateinische Satzglieder, eigentlich nichts Ungewöhnliches, kannte der Kurs aber noch nicht) demonstriert, wortlos. Punktgenau mit dem letzten Ton hatte ich den Text quasi vorentlastet. Übersetzung nicht mehr nötig. Weiterhin wortlos die Tafel geöffnet, einen neuen lateinischen Text präsentiert und die bunte Kreide an ein paar Schüler verteilt. Davon hing alles ab: Entweder, sie hatten es kapiert und würden nun den Text vorentlasten oder die ganze bis in den letzten Winkel durchchoreographierte Stunde wäre für die Tonne.

Und es klappte... ... ...tatsächlich. Super. Der Rest der Stunde war dann ganz klassischer Lateinunterricht. Die Schulleiterin hat mir dann in einem ersten Schritt für die Stunde eine Eins gegeben, im zweiten Schritt dann aber gesagt, dass sie die nicht werten könne, weil das ja kein normaler Unterricht sei. Dementsprechend ist diese Note nicht in das Gutachten eingegangen. Ich lasse das an dieser Stelle unkommentiert.

Nicht alle Lehrproben waren Zauberstunden. Man konnte recht schnell erkennen, wer wirklich normale Stunden sehen wollte und wer das nur als Floskel vorschob, und so wurde auch meine schulinterne, benotete Englisch-Lehrprobe zu einer Zauberstunde mit Gedankenreise und Synästhetik-Phase im Englischkurs des Kunstprofils.

Im Gegensatz dazu fällt mir auf, wie ich vor den Studienleiterbesuchen wesentlich mehr "Respekt" hatte und es nicht auf Zauberstunden anlegen wollte, sondern auf normalen Unterricht, herkömmliche Einstiege, normale Phasierung, klassische Unterrichtsziele. Und dass ich darin völlig untalentiert war, hatte ich gleich in der ersten Lehrprobe bei meinem Studienleiter in Latein unter Beweis gestellt - der aber offensichtlich auf etwas ganz Anderes geachtet hatte als die strenge Einhaltung des Unterrichtsrasters und mir eine sehr seltsame, meiner Wahrnehmung nach nicht zu der gezeigten Stunde passende Rückmeldung zur Lehrprobe gegeben hat. Von diesem Zeitpunkt im ersten Semester an wurde mein Studienleiter zum Objekt genauer Beobachtung, denn von da an hatte ich eine grundlegende Idee dessen, was er im Unterricht sehen wollte, und diese Idee materialisierte sich mit jedem Zusammentreffen immer weiter. Und entlud sich in dem, was Hochbegabte zu lieben scheinen, als kleine Fingerübung oder große Herausforderung, je nach Umfang:

Manipulation.

Ich musste eigentlich für meine Examensstunden nichts weiter tun, als die Schüler dazu bringen, nach meiner Pfeife zu tanzen. Auf jeden meiner Fingerzeige so zu reagieren, wie ich es erwartete. Regisseur spielen: Antizipieren, wie das Publikum auf die gezeigte Show reagieren würde. Geplante Fehler meinerseits einbauen, die ich im Nachzug dann besprechen könnte. Und vor allem: Unschuldig tun. Ich hatte von meinem ersten Unterrichtsbesuch in Latein an etwa ein Jahr Zeit, um diese Examensstunde zu planen. Aber woher sollte ich die Zutaten bekommen?

Ich brauchte eine widerspenstige Schülerschaft, die keine Lust auf Unterricht hat, und die ich in den drei Monaten vor meinem Examen so dressieren konnte, dass sie Spaß an dem hatten, was ich mit ihnen durchführte. Ich brauchte schräge Schüler, die nicht so handeln, wie erwartet. Am besten einen Hochbegabten mit ADHS, der mir den Unterricht zerlegen will. Und vor allem eine Gruppe, die kein Bock auf Latein hat. Was gab es also Besseres als den neuen Latein Drei-Kurs in Klasse Acht, mit siebzehn Schülern, von denen nur vier sich bewusst für das Fach entschieden hatten, der Rest wurde aus den überfüllten Fächern NaWi und Informatik umsortiert. Wie geil! Das waren genau meine Leute, pubertär, widerspenstig, chaotisch, bunt. Wie ich.

Dann brauchte ich einen Unterrichtsinhalt, der nichts mit den üblichen Lehrproben zu tun hatte - so viele Referendare konzentrieren sich auf die Ausbildung von Sach- und Methodenkompetenz, schön und gut, aber weil das der Standard zu sein schien, wollte ich etwas Anderes machen. So wie immer: Normal ist langweilig. Also formulierte ich mein Stundenziel als Indem die Schülerinnen und Schüler ihre Übersetzungen nicht gegenseitig korrigieren, sondern nur Einhilfen geben, trainieren sie das ShS-Prinzip als Teil ihrer Sozialkompetenz. Ich hatte in meinem Ref keine einzige Stunde mit Schwerpunkt Sozialkompetenz gesehen - perfekt! Das war meine road less travelled.

Dann die Absprache mit meinem Lateinmentor, die nicht viel mit "Absprache" zu tun hatte. Wir setzten uns eines Tages im Glaskasten zusammen, ich legte ihm einen handschriftlichen Zettel hin und sagte: "So, collega cuneusligneus, das ist meine Examensstunde. Die klingt albern und komisch, aber ich werde sie genau so machen. Sie haben mir in den letzten zwei Semestern vertraut - bitte vertrauen sie mir auch auf diesen letzten Metern." Und der cc hat gelächelt, den Kopf geschüttelt und wir haben die Stunde per Handschlag abgemacht.

Manipulation in jedem Winkel und jeder Ecke, jeglicher Gesichtsausdruck genau festgelegt, ich fühlte mich ein bisschen wie Hitchcock: I like to play the audience like a piano. Und so kam es dann auch. Unerwartete Komponente war ein zusätzliches Mitglied der Prüfungskommission, der Schulartleiter im IQSH, aber das war dann eben schmückendes Beiwerk. Ich hatte siebzehn Schüler, die genau so agierten, wie es im Unterrichtsentwurf beschrieben war, und ich hatte eine Bewertungskommission, die genau so reagierte, wie ich es mir vorher zurecht gelegt hatte. Klasse. Alles Andere an diesem Examenstag war mir scheißegal. Die Lateinstunde hatte geklappt, meine kleine persönliche Spielerei, manipulatio delectat, ich war glücklich. Alles Weitere war Dreingabe.

Resümee

Mir ist bewusst, dass das Alles nicht einmal im Ansatz so gelaufen wäre, wenn ich einen gewissen (oder jeden) anderen Studienleiter in Latein gehabt hätte. Aber darin besteht ja gerade die Herausforderung in der Manipulation: Sich genau auf seinen Gegenüber einzustellen. Genau zu fühlen, wie er fühlt. Zu ahnen, wie er reagieren wird. Und die eigenen Pläne dementsprechend zu legen. Die besten Regisseure der Welt haben genau so gehandelt und tun es noch immer - und irgendwo habe ich mich als Lehrer auch immer in der Rolle eines Regisseurs gesehen.

Und auch wenn das alles sehr negativ klingen mag - jemand, der so gern und oft unbewusst manipuliert - so versuche ich das immer zum Positiven einzusetzen. Und weiß gleichzeitig auch, dass sehr intelligente Menschen diese Fähigkeit zum Negativen verwenden.

So sind wir Menschen nun einmal.

post scriptum: Und als Filmempfehlungen zu diesem Menschentyp wabern mir "Lawrence of Arabia", "Citizen Kane" und "Apocalypse Now" durch den Kopf, die sich allesamt mit enigmatischen Menschen beschäftigen, denen nicht einfach ein einziges Label angeheftet werden kann.

Freitag, 6. Juli 2018

My Bucket List

Mit Fantasie und Durchhaltewillen kann man Vieles möglich machen, auch ein ägyptisches Museum mitten in Kiel.

Manche Menschen machen sich irgendwann im Leben eine Liste mit Dingen, die sie erlebt haben möchten, bevor sie mit dem guten Gefühl sterben können, dass es nun reicht. Man kann es Lebensziele nennen, oder Meilensteine, oder Herausforderungen. Klassiker sind zum Beispiel "ein Haus bauen" oder "eine Familie gründen". Im Englischen gibt es den Ausdruck bucket list, und ich bin heute beim Meditieren auf die Idee gekommen, dass ich mir auch solch' eine Liste machen möchte (wobei, genaugenommen habe ich diese Liste schon seit Jahren im Kopf, ich gebe ihr nun endlich eine Gestalt). Ich pinne sie links im Blog an, mit der Option, sie gegebenenfalls zu erweitern. Ein paar Punkte kann ich schon heute aufschreiben, deren Reihenfolge völlig irrelevant ist.

- Er

Irgendwann möchte ich ihn als Teil meines Lebens bezeichnen können, ohne dabei ein schlechtes Gefühl zu haben. Ohne es geheimhalten zu müssen. Ich möchte mit ihm quality time verbringen, die Zeit genießen können. Ich möchte das ohne Gewitterwolken im Hintergrund. Ich möchte mich mit ihm einmal richtig frei fühlen.


- Top Thrill Dragster

Irgendwann möchte ich in die Vereinigten Staaten von Amerika reisen, mit einem ganz konkreten Ziel. Ich möchte in den Vergnügungspark Cedar Point im Bundesstaat Ohio gehen, der nicht ohne Grund als Coaster Capital of the World bezeichnet wird. Und ich möchte diesen Park nicht nur betreten, sondern möchte im Top Thrill Dragster fahren. Ich möchte mich mit fast zweihundert Sachen auf einen über einhundert Meter hohen Turm hinauf katapultieren lassen. Ich möchte die Angst vor dem allerersten Mal fühlen und den Rausch, wenn es soweit ist.

- Downtempo-Event

Irgendwann möchte ich einmal an einem atmosphärischen Ort einfach nur die Augen schließen und mich treiben lassen, während hervorragende DJs meinen Geist mit auf eine Reise in meine Gedanken nehmen. Seitdem ich solch' ein Event im Carl-Zeiss-Planetarium verpasst habe, möchte ich dieses Abenteuer erleben.

- Full Moon Festival

Irgendwann möchte ich einmal auf der Insel Kho Pha Ngan das Full Moon Festival erleben. Einmal an einem völlig fremden Ort unter einem vollen Mond mit Menschen tanzen, die genau wie ich dorthin gekommen sind, um ihren Horizont zu erweitern.


- "Meine" Schule

Irgendwann möchte ich an einer Schule unterrichten, die mich nimmt, wie ich bin. An der ich etwas bewirken kann, ohne alles kaputtzumachen. An der meine Arbeit nach anfänglichem Misstrauen geschätzt wird, und an der ich meine pädagogischen Konzepte umsetzen kann. An der ich mich wohlfühle.

- Unterwasser

Irgendwann möchte ich endlich einmal ohne Panik unter Wasser meine Augen öffnen können. Aus irgendeinem Grund bilde ich mir ein, dass es schädlich für meine Augen sein könnte, wenn ich das mache - dabei sehe ich in Filmen immer wieder, dass es ganz einfach geht. Ist vielleicht die Angst vor dem Unbekannten.

Donnerstag, 5. Juli 2018

Was bleibt

Ich glaube, ich werde Manches tatsächlich vermissen... auf jeden Fall das Kollegium, was echt kollegial war, das war toll.

vorweg: Namen und Geschlechter sind wie immer eventuell geändert.

"Dr Hilarius, sie haben mein Leben verändert."

Wha... ... w... eh... ... hmm... - ganz richtig, in dem Moment war ich ehrlich sprachlos. DAS bleibt.

Aber von Anfang an. Heute waren die schulinternen Verabschiedungen an der Kieler Gelehrtenschule. Die Erfahrung (auf die ich mittlerweile zugreifen kann) lehrt mich, dass mein letzter Tag an einer Schule immer etwas Spezielles ist. Vielleicht habe ich ein paar Abschiedsworte vorbereitet - heute gab es Kreislers Opernboogie, der die üblichen Reaktionen hervorgerufen hat - und vielleicht haben mich der Personalrat und die Fachschaften auf eine schöne persönliche Art und Weise verabschiedet. Jedenfalls nehme ich immer unglaublich viele Eindrücke mit, wenn ich aus der Schule nach Hause komme.  Nach SPO habe ich bei der Rückkehr in meine Wohnung geweint. Bei den anderen Schulen war ich mehr oder weniger froh, oder aber indifferent.

Selbstverständlich ist es ein Meditationstag. Ich brauche Zeit, um die gesammelten Eindrücke zu verarbeiten. Das ist mir einfach zuviel, und ich brauche Sinnesdeprivation, das macht das Gedankenreisen einfacher. Mein Ziel ist es dann, vor dem Schlafengehen in meinem Kopf aufgeräumt zu haben. Ich lasse Szenen Revue passieren und das hilft mir oft, sie besser zu verstehen. Am Ende des Tages bleiben dann nur noch die wirklich eindrucksvollen Momente im Kopf, und es war heute sehr spannend, herauszufinden, welche Momente das wohl sein würden.

Es war nicht die Busfahrt mit zwei Blumengebinden in den Händen - gar nicht so leicht, damit in der Apotheke etwas für den Husten zu bekommen oder die Busfahrkarte vorzuzeigen. Es war nicht das wunderschöne Lied, das die Musikfachschaft zu Ehren des Kollegen einstudiert hat, der jetzt gerade sein zweites Examen bestanden hat. Und es war definitiv nichts vom Opernboogie, denn so ist das: Wenn ich einen Text auswendig gelernt habe, ist jeglicher Zauber des Textes verflogen. Ich habe mich gefühlt wie eine Maschine, die Zeilen runterrattert, aber für den Rest des Kollegiums war es immer noch wirkungsvoll. Es waren auch nicht die (positiven und negativen) Reaktionen auf eben jenen Vortrag.

Nein, interessanterweise habe ich diese Sachen jetzt durchgearbeitet - was bleibt, ist die erste große Pause. Ich hatte in den ersten beiden Stunden in einem Anfall von Einfallslosigkeit mit meinen Schülern Bill & Ted`s Excellent Adventure (1988) geschaut. Der geht eigentlich immer, und ist gar nicht mal so schlecht (noch immer staune ich, dass Roger Ebert dem zweiten Teil drei Sterne gegeben hat - manche finden die Filme einfach nur schwachsinnig). Klasse in die Pause entlassen und ich räume in Ruhe den Mediencontainer auf. Plötzlich stehen zwei Schüler in der Tür und schauen mir zu. "Dr Hilarius!" sagt der eine. Ich drehe mich um, erkenne das Gesicht und der Gedankenzug fährt ab.

Das ist Klaus. Ihn und seine Klasse habe ich tatsächlich nur sehr kurz unterrichtet, könnten so etwa sechs bis acht Wochen gewesen sein. Fand den aber cool, hat gut mitgemacht, war nicht so sehr auf dem Mainstream unterwegs. Und in diesem Moment fällt mir ein, was eine Kollegin schon gestern zu mir meinte: "Du, der Klaus hat nach dir gefragt, der sucht dich überall, weißt du, welcher das ist? Aus der Zehn B?" Ja, wusste ich, aber ich wusste nicht, was Klaus mit mir würde besprechen wollen.

Und er kommt direkt zum Punkt, als er sagt: "Ich möchte mich bei ihnen bedanken, denn sie haben mein Leben verändert." Das kam vollkommen ohne Vorwarnung, Kabel in der linken Hand, DVD in der rechten, und ich wusste wirklich nicht, was ich sagen soll. Hallo? Ich hatte den Knaben nichtmal zwei volle Monate im Unterricht, wie soll ich da etwas verändert haben?

"Das verstehe ich nicht, wie meinst du das?" antworte ich ihm. Klaus zeigt auf Fritz, der neben ihm steht, auch aus der Klasse. "Dank ihnen habe ich Fritz als Freund kennengelernt." Ich, immer noch hilflos, verstehe nicht, was gerade abgeht: "Äh, und das soll ich in der kurzen Zeit bewirkt haben?" - "Ja, ich habe einen Freund gewonnen und das tut so gut, weil ich alles Andere verloren habe", und nun kommen die Tränen. Die näheren Details haben hier nichts zu suchen; während ich Klaus' Geschichte höre, kommt mir ein Verdacht, und ich frage dazwischen: "Weißt du zufällig, wie intelligent du bist?" - Bingo, 'nuff said. 

Klaus' Fall taucht häufiger mal bei Hochbegabten auf: Sie kommen mit ihren Lehrern nicht so wirklich klar, melden sich nicht, können sich die Sachen nicht merken, weil sie sie nicht interessieren, fühlen sich wie ein Alien in der Klasse. Doch dann kommt ein neuer Lehrer - man kann es nicht beschreiben, glaube ich. Ich war damals ja auch so, und bei mir war es Steffi Schiller. Sie hat in meinem Kopf einen Schalter umgelegt - so wie ich bei Klaus, scheinbar.

Und werde ein bisschen wehmütig, denn an dem Fall würde ich gern näher dranbleiben. Natürlich gebe ich Klaus die Daten zu Andrea Brackmanns Buch über die Hochbegabung. Sage ihm, er soll das mal lesen, vielleicht bekommt er dann endlich das Verständnis, das ihm offensichtlich nicht viele Mitmenschen - Eltern inklusive - zukommen lassen. Die Tränen fließen weiter, denn natürlich wissen Klaus und ich - und Fritz, der dabeisteht - dass ich die Schule verlasse. Also schreibe ich unter die Buchdetails noch meine Mailadresse. Das mache ich öfters so: Mit Hochbegabten, die erst noch "entdeckt" werden mussten, bleibe ich gern in Kontakt. Und ich würde mich freuen, wenn Klaus das Buch liest und mir dann seine Reaktionen schreibt.

"Sie haben mein Leben verändert."

Liebe Kollegen: Viele von Euch kennen diese Situation, andere werden sie bestimmt einmal erleben. Es ist tatsächlich so: Wir können einen sehr starken Einfluss auf Kinder ausüben, im Positiven wie im Negativen. Dieses Potential sollte man nicht missbrauchen. Und wenn Eure Schülerin dann einmal zu Euch kommt und sagt: "Sie haben mein Leben verändert." - dann dürft Ihr stolz sein.

Darum bin ich Lehrer geworden. Um etwas bei Kindern zu bewirken.

Sonntag, 1. Juli 2018

Kresch Buhm Beng!


Seit Sonntag dürfen Frauen in Saudi-Arabien ein Auto fahren. Ist es rückständig, wenn Frauen das Fahrverbot einhalten müssen? Ich denke schon. Und, wenngleich es ein großer Schritt vorwärts ist für die dortigen Frauenrechte, so muss es weitergehen, wie in den Nachrichten vermerkt wurde; zum Beispiel muss die männliche Vormundschaft für Frauen abgeschafft werden.

"Ja, also wirklich, die Menschenrechte müssen eingehalten werden" hört man es dann öfters tönen - also seien nur die Saudis "schlecht". Ich mag diesen Begriff nicht, weil ich versuche, mich an der Humanistischen Pädagogik zu orientieren, und die sieht zuallererst, dass jeder Mensch an sich gut ist. Manchmal mögen uns die Verhaltensweisen der Anderen missfallen, doch hat jedes Verhalten seine Gründe und ich denke nicht, dass es "das Böse" gibt. Nur ein Potential des Menschen, "Böses" zu tun (das Leitthema der TV-Serie Twin Peaks).

Und leider zeigen mir die Nachrichten Tag für Tag, was die Menschen Negatives zu tun imstande sind, und um eine solche Situation geht es mir heute. Wenn ich mit Schülern spreche, sind es ihrer Meinung nach immer ganz schlimme Menschen, die Schlimmes tun. Zum Glück sind es nur die Anderen, man selbst natürlich nicht. Okay, hin und wieder ist man frech, man macht die Hausaufgaben nicht, man stört im Unterricht, aber was richtig Schlimmes würde man nie tun. Okay, ja, man hat vielleicht mal einen Mitschüler gemobbt, geschubst, in's Wasser geworfen, mit Müll beworfen, aber das ist ja alles nur Spaß. Ja okay, der Mitschüler hat dann Selbstmord begangen, oder hat einen Amoklauf gemacht, aber der war ja sowieso ein Spasti, der war nie richtig im Kopf, total behindert, der Typ.

Dass auch in ihnen selbst das Potential zu Negativem ruht, merken viele zu diesem Zeitpunkt noch nicht, und viele merken es ihr Leben lang nicht. Wir sind Menschen, und deswegen sollte uns nichts Menschliches fremd sein, wie Terenz einst geschrieben hat. Wir alle können Schlechtes tun, und oft geschieht das mit den ursprünglich besten Absichten.

So bin ich mir sicher, dass auch Donald Trump eigentlich nur das Richtige machen wollte - und dennoch gelangen immer wieder Skandale aus seinem Stab in die News, aus dem Weißen Haus - oder von ihm selbst, schnell und praktisch via Twitter. Dass dabei die Grenze guten Geschmacks oft überschritten wird, wissen wir. Doch vielleicht ist gerade das der Grund, weshalb ihn knapp die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung zum Präsidenten gewählt hat.

Eine der Skandalnudeln in Trumps Mitarbeiterriege ist Corey Lewandowski, und ich möchte mich nur auf eine winzige Aussage von ihm beziehen. Eines der aktuellen Probleme der USA liegt in der Trennung von Familien, die in die USA zu fliehen versuchen. Kinder werden von Müttern isoliert, Ihr kennt die ganze Story. In einem Interview wird Lewandowski mit diesem Umstand konfrontiert, es geht um ein kleines Mädchen mit special needs, das ohne seine Mutter klarkommen muss. Ohne den Interviewer ausreden zu lassen, wirft Lewandowski ein "Womp womp!" ein.

Das entspricht so etwa dem Sound, der mit dem Spielshow-Zonk verbunden ist. "Reingefallen!" oder "Pech gehabt!" oder "Mehr Glück beim nächsten Mal!" - was in dieser Situation einfach schrecklich ist, das lässt sich nicht wegdiskutieren. "How dare you!" antwortet der Interviewer entrüstet, und vollkommen zu Recht. Wie kann man nur so wenig Respekt vor einem menschlichen Leben haben, es widert mich an. Und trotzdem muss ich mir bewusst sein, dass ich auch Dinge tue, die aus diversen Blickwinkeln negativ erscheinen.

Um zum Start zurückzukehren: Aus irgendeinem dieser Blickwinkel mag es richtig gewesen sein, Frauen kein Auto fahren zu lassen. Aus allen anderen Winkeln nicht. Frauen verursachen mehr Unfälle? Whatever - Männer sind diejenigen, die drängeln, rechts überholen und vieles mehr.

Wir sollten alle von unseren Voreingenommenheiten ablassen, damit wir nicht aus Versehen auch unser Potential zu Schlechtem ausreizen. Manchmal bekommen wir es nicht mit, dass das, was wir gerade getan haben, negativ gewirkt haben kann. Vielleicht wäre es gut, besonnener zu handeln. Mir würde es jedenfalls gut tun, wenn ich manchmal etwas mehr nachdächte, bevor ich handele.

post scriptum.: Hier das Interview:


Samstag, 30. Juni 2018

Immer schön geschmeidig bleiben!

Alles fließt, und das noch nicht einmal mit griechischen Schriftzeichen und Akzenten...

Klack! Klacker-klacker-klack! Klack-tacktack-tack-klacktack. PAFF!

Bei der großen Buba geht am Ende der ersten Zeile die Hand in die Höhe, weil sie genau weiß, dass ich damit die Geräusche meine, die beim Tippen entstehen, und ich habe eine Tendenz dazu, die Enter-Taste sehr energetisch zu drücken, gelinde gesagt. Und genauso klackert es auch jetzt gerade wieder, während diese Gedanken in den Blog gegossen werden.

Heute nachmittag hat es allerdings nicht geklackert, da war alles still, und trotzdem habe ich Dinge bei Google gesucht, Links angeklickt und vieles mehr. Meine Finger sind nicht über diese schwarze Plastiktastatur gewandert wie jetzt, sondern über den Touchscreen meines Notebooks. Wenn ich es aufklappe und vollständig umklappe, kann ich es im Tablet-Modus benutzen. Das ist heutzutage natürlich längst ein alter Hut. Zuerst habe ich das vor Jahren bei der Sannitanic gesehen, und nun hat es mich auch erwischt.

Dabei wollte ich das eigentlich gar nicht. Ich bin froh, wenn ich weiß, wie mein Notebook funktioniert. Wenn ich die Dinge unter Kontrolle habe. Aber zum Spaß habe ich heute nachmittag das Gerät entstöpselt, umgefaltet und mit auf die Couch genommen, um mich der intuitiven Steuerung hinzugeben, und es hat wunderbar geklappt. Sicherlich habe ich Entwicklungspotential im Umgang mit dem Notebook als Tablet, aber ein erster Schritt ist geschafft. Mal schauen, vielleicht ist es ja praktischer als das klassische Notebook.

Eines der Labels, die ich in diesem Blog verwende, heißt Home Improvement. Verbesserung meiner Wohnung, sozusagen. Ich versuche, mir das Leben praktischer zu machen, weil ich mir so oft im Weg stehe; so bin ich erst nach dreieinhalb Jahren in Hassee auf die Idee gekommen, meine Meditationsposition innerhalb der Soundscape der Anlage um neunzig Grad zu drehen, um die Klänge so erleben zu können, wie sie vorgesehen sind. Seitdem meditiere ich nur noch in der neuen Position.

Aber eigentlich hat ja vorher auch alles funktioniert und ich war ganz zufrieden. Zeit für Hochbegabung und einen Hauch von Autismus: Ich mag Sicherheiten. Ich mag es, wenn Dinge sich nicht unerwartet ändern, sondern alles so läuft wie geplant, so aussieht, wie es aussehen soll, und das ergibt sich daher: Im Kopf bin ich immer schon drei Schritte weiter als das, was ich mache. Wenn ich an der Achterbahn Kärnan anstehe, bin ich in Gedanken schon wieder zuhause und genieße die Meditation. Wenn ich in der Schule bin, sind meine Gedanken mit der Gestaltung des Nachmittags beschäftigt.

Das geht auch soweit gut, denn als Hochbegabter weiß man, wie Dinge funktionieren (sollten), und kann einen verlässlichen Ablauf der Dinge im Kopf haben, die dann zu dem Gedankenstatus "drei Schritte weiter" führen. Wenn aber eine Unregelmäßigkeit auftritt, gerät die ganze Ursache-Wirkung-Kette in's Wanken und das Resultat ist nicht mehr sicher. Ich muss umgehend alles neu planen. Richtige Beobachtung: "Lebe den Moment" ist für einen HB eine echte Herausforderung - oder zumindest für mich. War interessant zu sehen, wie das als Teil des Filmkonzeptes zu Arrival (2016) verwendet wurde.

Sichere Abläufe verschaffen mir geistige Ruhe. Klare, strukturierte Abläufe, auf die ich mich verlassen kann, tun mir gut. Und mit diesem Mindset denke ich mir also: "Warum soll ich den Tabletmodus nutzen, wenn es doch gut funktioniert, so wie es ist. Das wäre nur eine Störung, eine neue Situation, auf die ich mich einstellen muss." Und wir reden hier nicht von Kleinigkeiten; ein Autist, oder ein Asperger, kann sich den ganzen Tag ruinieren, wenn er es nicht schafft, mit einer unerwarteten Situation klarzukommen. Hatte ich in SPO und NMS als Schüler, Wutausbrüche, Handgreiflichkeiten, es muss eine Qual für die Schüler gewesen sein.

Aber es führt kein Weg drumherum: Ich muss versuchen, mir etwas Flexibilität zu bewahren. Um mithalten zu können mit den Entwicklungen, die da draußen in der Welt vor sich gehen. Ich habe noch immer kein eigenes Handy, bzw. Smartphone. Ich habe diesen "Luxus" sehr genossen, jahrelang. Wozu sollte ich ein Handy brauchen? Dann muss ich wieder lernen, wie man damit umgeht, und dann bin ich ja auf einmal immer erreichbar, und überhaupt würde es eine Ewigkeit dauern, bis ich mich mit dieser neuen Situation arrangiert habe. Ich vermute, ein Handy ist eine neue Situation. Eine, die Auswirkungen haben kann.

Ich gebe zu, als ich mein Notebook heute nachmittag im Tabletmodus benutzt habe - das war einfach toll! Ich konnte es ohne Probleme längs oder hochkant stellen, das Bild wurde mitgedreht, die Bildschirmtastatur ist immer bereit, ich kann Dinge auf dem Bildschirm nach links und rechts wischen, um mir die wichtigen Sachen herauszusuchen... wie oben schon beschrieben: Das ist ein alter Hut, das machen doch alle so, und das seit Jahren. Ja, aber ich hänge hinterher. Weil es für mich bedeutet, gewissermaßen, aus dieser sicheren Hülle auszubrechen und mich weiterzuentwickeln.

Nun dürfte sich ablesen lassen, dass ich mir nach Jahren der Verweigerung in diesem Sommer endlich ein Smartphone zulegen werde. Ich brauche dafür ganz viel Beratung von meinen Freunden. Es fühlt sich an, als müsste ich zum Zahnarzt gehen, wirklich. Wobei das ein blödes Beispiel ist, denn zum Zahnarzt gehe ich dank buddhistischer Denkart mittlerweile gern.

Dr Hilarius, immer schön geschmeidig bleiben, um nicht zu verhärten!

post scriptum: Ich verlinke diesen Artikel auf der linken Seite unter "Thema Flexibilität", vielleicht geht es ja auch anderen HBs so, oder Autisten, die diesen Blog lesen.