Mittwoch, 9. Mai 2018

Das Milkaherzen-Muster-Mysterium

Vor dem Massaker...

Milkaherzen. Kaum ist die Schachtel da, ist sie auch schon wieder weg - aber nicht ohne System. Meine Damen und Herren, es tritt auf: Das Milkaherzen-Muster-Mysterium, kurz MMM. Das kenne nicht nur ich, und das hat auch nicht unbedingt etwas mit HB zu tun. Es kann jeden ereilen - diese Situation: Da öffnet man eine frische Schachtel Milkaherzen und fragt sich: Welches nehme ich zuerst? Wie möchte ich diese Schachtel entjungfern?

"Ach komm, so ein Schwachsinn, die schmecken doch eh' alle gleich", meckert Biege, die Ziege. Aber das hat damit gar nichts zu tun, es geht hier nicht um Geschmack, sondern visuelle Ästhetik. Also Biege, mach' die Fliege!
Ich versuche mit jedem Teil, das ich aus der Schachtel nehme, ein Muster hinzubekommen. Am liebsten symmetrisch, weswegen ich sehr selten nur eines esse. Und das könnte dann so aussehen:


Ist es nicht wunderbar? Diese Genugtuung, wenn man ein Muster in der Schachtel hinbekommt? Und es kommt noch besser: Die Macht des MMM erstreckt sich auch über andere Bereiche des Lebens. Man nehme einen Tablettenblister, zum Beispiel mit Nahrungsergänzungsmitteln. Natürlich drücke ich auch hier die Tabletten systematisch heraus. Welch' Drama es für mich war, als ich sah, wie unordentlich meine Eltern damit umgegangen sind!

Das geht wirklich überhaupt nicht, dann lieber gleich ganz aufessen!

Nein nein, Ordnung muss sein (außer es geht um meine Wohnung). Und gern symmetrisch und mit geraden Zahlen (ich achte zum Beispiel auch drauf, dass die Lautstärke meines Heimkinos immer durch zwei teilbar ist - ansonsten werde ich unruhig).

Das ist ja auch der Grund, warum ich symmetrische Zimmertürenspiegelverkleidungen habe, oder eine im Ansatz punktsymmetrische Regalwand über meinem Bett. Es beruhigt mich, es versichert mich, dass alles so ist, wie es sein soll. Und vielleicht geht diese Ausprägung manchmal rauf in die Kategorie HB/Autismus - wie beschrieben, die Lautstärke meines Heimkinosystems ist niemals ungerade -  acht, zehn, zwölf, super! Selbst wenn objektiv betrachtet elf besser wäre, würde ich diesen Level niemals wählen. Auch richte ich meine Schulsachen auf dem Lehrerpult immer mit Parallelitäten, fünfundvierzig Grad oder rechten Winkeln aus.

Denn es kann mich wirklich verunsichern, wenn die Sachen nicht passen...

post scriptum: Endlich ist dieser Beitrag fertig, der lag hier schon monatelang im "Entwurf"-Status, der musste dringend raus!

Dienstag, 8. Mai 2018

Ein ungewohntes Gefühl

You're welcome!

Als ich vor etwas mehr als zwei Jahren angefangen habe, diesen Blog zu schreiben, konnte ich sehen, dass im Durchschnitt sechs bis acht Menschen die Beiträge angeklickt hatten. Das war vollkommen in Ordnung, denn es geht mir ja nicht um Besucherzahlen. Ich wollte den Menschen, die es interessiert, etwas von mir preisgeben. Ich kann meine Gedankenwelt oft nicht in Worte fassen, und sicherlich sind viele Beiträge in diesem Blog missverständlich (wobei ich immer noch nicht nachvollziehen kann, dass ein Beitrag über Leni Riefenstahl als Deutung rechter Tendenzen bei dem Autor gelesen wurde).

So nach und nach erweitert sich die Leserschaft, ich sehe vierzig, fünfzig Klicks, und frage mich, woher die wohl kommen mögen. Ob es so viele Menschen gibt, die immer mal wieder in diesen Blog hineinschauen. Das ist das ungewohnte Gefühl: Gibt es da draußen ernsthaft Leute, die sich dafür interessieren, was ich zu sagen habe? Ich bin während meines gesamten Studiums davon ausgegangen, dass dem nicht so ist; deswegen habe ich während meiner dreijährigen Abgeordnetenzeit im Studierendenparlament meistens den Mund gehalten. Zuschauen, zuhören, Verbindungen im eigenen Kopf knüpfen, fertig. Sehr selten habe ich etwas gesagt (abgesehen von den Finanzanträgen, die ich als Vorsitzender des Haushaltsausschusses dem Parlament aufbereitet präsentieren musste).

Weil ich mich eben auch nicht getraut habe, all' diese Dinge zu sagen. Meine Gedanken, meine Richtlinien und Denkrichtungen gehen kreuz und quer, und manchmal so sehr entgegen dem Mainstream, oder auch entgegen dem gesunden Menschenverstand, darf ich solche Gedanken überhaupt äußern? Klar haben wir in Deutschland Presse- und Meinungsfreiheit, und mir ist bewusst geworden, was das bedeutet, nachdem mir in diesem Blog zeitweise der Mund verboten wurde. Aber ich hatte ja auch schon als Jugendlicher immer Angst davor, etwas Falsches zu sagen, und deshalb habe ich lieber gar nichts gesagt.

Nun äußere ich mich in dieser Publikation seit etwa fünfundzwanzig Monaten und es finden sich immer neue Leser, während andere abspringen, aber der allgemeine Trend geht dahin, dass es mehr werden. Mittlerweile wird ein Beitrag innerhalb von vierundzwanzig Stunden nicht mehr sechsmal angeklickt, sondern sechzigmal. Natürlich ist das nichts im Vergleich zu Kolumnisten, zu V-Loggern, Youtubern, zu all' diesen Menschen, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und denen Tausende, ja, Millionen Menschen folgen.

Aber es geht ja gerade auch um das Gefühl, das ich habe. Ich kann nicht benennen, ob das gut oder schlecht ist. Ich schreibe einfach weiter, und wenn ich durch einen Beitrag auch nur bei einem einzigen Leser irgendwas bewirken konnte, dann bin ich ziemlich stolz darauf.

So, das musste ich mal loswerden.

Montag, 7. Mai 2018

Wie peinlich!


"Oh mein Gott, Herr Lauber hat schon wieder loggisch gesagt!"

Fremdschämen pur. Lateinunterricht elfter Jahrgang, erstes Jahr in der Oberstufe und wir kamen uns alle unglaublich erwachsen vor. Umso mehr versuchten wir, unsere Würde zu bewahren, wann immer der kleine dickliche Mann da vorne, mein Lateinlehrer, das Wort "logisch" wie "loggisch" aussprach. Ich meine, wir wussten doch alle, dass es "loooooogisch" heißt. Einige von uns lachten - immer wieder, wenn Lauber sich diesen vermeintlichen Fehltritt leistete.

Denn vermeintlich, das war dieser Fehltritt, und nicht mehr. Herr Lauber wusste natürlich, dass unser heutiges Wort "logisch" sich vom altgriechischen lógos ableitete, an beiden Stellen mit je einem Omikron geschrieben. o-mikron - "kleines O". Und natürlich sagen die altsprachlich nicht bewanderten Menschen Oooohhhmikron und Ommmeeeehhhga, obwohl es genau andersherum lauten müsste - Ommmmikron und Oooohhhmegga. Herr Lauber wusste einfach nur Bescheid, und wir nicht, und weil wir diese Aussprache nicht kannten, weil wir das noch nie gehört hatten, weil es ungewohnt war, wollten wir uns darüber lustig machen.

Wie viele Jugendliche eben so sind: Halten sich für das Zentrum der Welt, für das Maß aller Dinge, was sie nicht kennen, gibt es nicht, oder zumindest ist es eklig, wie in der schwulen Schulgeschichte hier. Und wir werden alle erwachsener, erweitern unseren Horizont, jeder in seinem eigenen Tempo und in seiner eigenen Ausprägung. Wir werden aufgeschlossener, Ungewohntes nicht als eklig oder falsch zu betrachten, sondern Neues kennenzulernen. Zumindest gibt es viele Menschen, die sich so entwickeln. Manche fühlen sich im Konservativismus wohler aufgehoben, manchen macht das Progressive Angst.

Ich denke, eine unserer Aufgaben besteht darin, Schüler dahingehend zu schulen, dass sie auf das Unbekannte neugierig zugehen, nicht abwehren, dichtmachen, auslachen.

Samstag, 5. Mai 2018

Verkauft

Wie wird es weitergehen...?

Eigentlich hätte ich es kommen sehen müssen.

Ich bin in den letzten Wochen immer mal wieder in unserem Viertel umhergewandert und mir ist aufgefallen, dass an einem Haus in der Helgolandstraße irgendwann ein neues Schild angebracht worden ist. So ein weißes, transparentes, wie es häufig üblich ist bei Wohnungsbaugesellschaften. Ich kenne das, weil ich in Kronshagen neun Jahre lang in einer solchen Wohnung gelebt habe. Und danach in Husum ebenso.

Mich machen diese Gesellschaften zwar etwas misstrauisch - weil sie in Kronshagen sehr gern und regelmäßig die Miete erhöht haben, und weil sie in Husum nur noch darauf gewartet haben, dass niemand mehr in ihre Wohnungen zieht, damit sie die ganze Häuserzeile plattmachen können. Aber das hat mich nicht interessiert.

Ich habe einen privaten Vermieter, über ein Mietbüro, und ich muss zugeben, ich bin bisher sehr zufrieden: In den vier Jahren, die ich jetzt hier lebe, ist die Miete nur einmal und auch nur geringfügig angepasst worden. Ich fühle mich hier sauwohl. Bis heute. Vielleicht.

Denn heute ist ein Schreiben eingetrudelt, vom Vermieter, dass das ganze Haus verkauft worden ist, und zwar an dieselbe Wohnungsbaugesellschaft, die ich vor einigen Wochen schon ein paar Häuser weiter an der Hauswand als Schild habe blitzen sehen. Und diese Mitteilung löst bei mir natürlich gedankliche Lawinen aus, allerdings versuche ich, sie unter Kontrolle zu halten. Und die erste Frage geht natürlich in die Richtung: Wie wird sich das auf die Miete auswirken? Natürlich kommen Überlegungen, ob jetzt auch jährlich die Miete steigen wird, wie (un)kompliziert sind diese Menschen - deswegen würde ich jetzt gern Euch, liebe Leser, fragen, ob jemand schon einmal Erfahrungen gesammelt hat mit der BUWOG (bei'm Vorlesen bekomme ich Hunger auf asiatische Nudeln).

Die große Buba meinte heute, dass die einen relativ guten Ruf haben - das würde mich freuen. Für einen HB fällt so ein Vermieterwechsel unter Umständen in die Kategorie "schwerwiegende Veränderung im Leben", ich hoffe, dass ich mittlerweile etwas reifer geworden bin und damit gut umgehen kann.

Freitag, 4. Mai 2018

Who am I kidding?

Es wird Zeit, die Zeit zu nutzen...

Es stehen eine Menge freie Tage an, dank Feiertagen, beweglichen Ferientagen, Brückentage, man nimmt sich halt eine kleine Auszeit. Klein bedeutet, dass ich nicht nur heute frei habe (bedingt durch meinen Stundenplan), sondern auch die nächsten neun Tage. So ist es, die ganze nächste Woche ist frei. Und eine meiner ersten Reaktionen war: "Endlich kann ich ein bisschen abschalten, puh, das kommt genau richtig."

Als hätte ich das nötig.

Als arbeitete ich jeden Tag voll durch, nach der Schule gleich rein in die Korrekturen. Wem will ich da etwas vormachen: Wenn ich nach sieben Stunden Unterricht nach Hause komme, bin ich platt. Bzw., im Gegenteil, mein Gehirn ist aufgebläht mit Eindrücken des Schultages, die verarbeitet werden müssen. Sieben Stunden hintereinander, dazwischen Pausenaufsicht und Notenbesprechungen, das ist hart. "Ach du Armer", bekundet eine Kollegin ihr Mitleid. Aber ich habe mir das ausgesucht, ganz bewusst, und ziehe das auch durch - Dienstag, Mittwoch und Donnerstag je sieben Stunden am Stück. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich damit ganz gut klar komme, allerdings brauche ich dann zurück in meiner Wohnung erstmal eine Weile, um die Eindrücke sacken zu lassen. Mein Gehirn rennt dann auf Hochtouren, und meistens springe ich in die Welt der Videospiele, um auf andere Gedanken zu kommen. Oder ich gehe direkt in die Meditation, um das alles abzuarbeiten. Unter'm Strich bleibt: Ich tue an einem Schultag nicht mehr wirklich viel für die Schule, von der Kopfarbeit mal abgesehen (die ist dafür sehr umfangreich, you gotta love Hochbegabung). Und so stapeln sich die Klassenarbeiten...

Und deswegen sollte ich mir jetzt nichts vormachen. Ich sollte jetzt keine freien Tage machen. Ich sollte mir einen Rhythmus einrichten, in dem ich einen Teil des Tages arbeite und einen Teil entspanne, denn ich möchte das Leben genießen, ich lebe nicht, um zu arbeiten. Ich möchte mir den Genuss aber verdienen, denn er fühlt sich dann so viel besser an.

Also, Dr Hilarius: Hör' auf mit dem "Endlich frei"-Gelaber und komm' in die Gänge, nutze die freie Zeit sinnvoll und vergiss' dabei nicht, im Einklang mit Dir selbst zu bleiben. Keine Flucht in "Endlich frei"-Räume oder -Phasen, sondern aktiv und bewusst bleiben.

Das Genöle muss aufhören.

post scriptum: Ob sich jemand ertappt fühlt???

Donnerstag, 3. Mai 2018

Kuchen und Leistungsdruck

Nix Karies: Ungebacken lösen die Brownies die Zähne direkt im Mund auf!

"Also, deine Brownies, die waren ja echt superlecker, haben dir bestimmt schon mehrere Kollegen gesagt" - nein, eigentlich nicht, und noch besser: Es ist zum ersten Mal seit vierzehn Jahren vorgekommen, dass etwas von den Brownies übrig geblieben ist! Dabei dachte ich immer, Lehrer wären alle verhungert und/oder verfressen, aber vielleicht sollte ich nicht schon wieder von mir auf Andere schließen. Und es ist toll, dass ein großes Stück übrig geblieben ist, so kann ich mich heute durch den Korrekturfrust kämpfen.

Korrekturfrust? Nur wegen einer schlechten Note, oder einer Arbeit, die dann mal eben nicht so gut ausgefallen ist? Stimmt. Eigentlich sollte ich mir das nicht zu Herzen nehmen. Denn schließlich ist alles ab Vier aufwärts bestanden, ist doch voll in Ordnung. Es ist ja nicht so, dass auf den Schülern ein Leistungsdruck herrscht, es ist ja nicht so, dass eine Drei schon als "sauschlecht" angesehen wird. Es ist ja nicht so, dass Zeugnisnoten ab Drei Minus schon eine Benachrichtigung an die Eltern ergeben und dann etwas mehr Druck auf die Schüler gemacht wird. Wir sind in einem Bildungsbetrieb, in dem wir unseren Schülern suggerieren, dass sie okay sind, wie sie sind. Niemals würden wir da von allen Seiten - auch wegen des Eindrucks nach außen hin - zu erreichen versuchen, dass nur gute Noten entstehen, weil alle denken sollen, dass wir eine Schule sind, die Hochleister produziert, und die Eliten fördert. So ist es ja nicht.

Ich bin immer wieder sehr froh, wenn ich erleben darf, wie Schule ein Lebensraum für die Schüler ist. Wenn ich sehe, dass sie dort ohne Angst sind, denn schließlich nimmt die Unterrichtszeit einen großen Raum ihrer Jugend ein. Ich mag den Grundgedanken der Gemeinschaftsschulen, dass jeder Schüler nach seinen Möglichkeiten arbeitet und dass es in Ordnung ist. Ich mag die Geisteshaltung, dass eine Drei total toll ist. Manchmal frage ich mich, wenn ich mündliche Noten geben soll und die Schüler sich immer anhand von Leitfragen selbst einschätzen lasse, ob da eine Paralleldimension existiert. In den meisten Fällen treffen die Schüler ihre Note recht gut - kritisch wird es, wenn der Schüler dann sagt "Also, ich seh' mich eigentlich besser" - kritisch deswegen, weil da Aufklärungsbedarf herrscht. Respekt vor den Noten einimpfen und die Lerner von ihren hohen Rössern herunterholen.

Ich hasse Leistungsdruck, der auf Schülern lastet, und ich versuche immer ein Mindset herzustellen, in dem man sich seine Noten erkämpfen kann und jede erlangte Note ein Triumph ist.

Dienstag, 1. Mai 2018

Plädoyer für Videospiele

Für viele Spieler hat alles damit begonnen.

Ich lege den Controller zur Seite. Ich lehne mich zurück, lehne den Kopf an die Lehne der Couch. Ich schaue nach oben, ich schließe die Augen und atme tief durch. Im Hintergrund läuft unbeirrt die dramatische Musik des Streicherorchesters, uneingedenk der Tatsache, dass mir gerade der Boden unter den Füßen weggezogen wurde und ich mich verloren, hilflos, verwirrt, wütend und begeistert sortieren muss.

Das war ein Schlag, ein emotionaler Schock, den ich in dieser Intensität nur bei wenigen Filmen miterlebt habe - und ich liebe Filme und bin dabei, mein Repertoire ständig zu erweitern, um immer wieder auf's Neue begeistert zu werden. Doch es gibt Dinge, die ein Film nicht leisten kann. Diese kleine Eigenart, die eben nur die Videospiele mit sich bringen: Der - je nach Spiel - unglaublich hohe Grad an Immersion. Das Eintauchen. Die eigene Verantwortung für das, was auf dem Bildschirm passiert. Ich identifiziere mich nicht nur mit den Hauptfiguren, ich werde zu ihnen, ich denke wie sie, ich versinke in der Spielewelt. Ich steuere jede einzelne ihrer Aktionen, ich übernehme das Denken und das Handeln, sie werden zum Ausdruck dessen, was ich in dieser fiktiven Welt bewirken möchte.

Ein Film nimmt mich neunzig Minuten mit, vielleicht hundertzwanzig, vielleicht drei Stunden oder, wie bei Shoah (1985), vielleicht sogar über neun Stunden, und sie mögen über die gesamte Dauer ihrer Spielzeit Meisterwerke sein. Ein Videospiel kann mich wesentlich länger mitnehmen und mich zu einem festen Bestandteil seiner Welt machen. Ich gewöhne mich an die Spielfiguren, an ihre Stimmen, an ihre Charakterzüge. Mit der Zeit, den Stunden, den Tagen, werden sie zu einer Familie für mich, und ich bekomme das Gefühl, sie besser zu kennen als sie selbst.

Und genauso glaubte ich ihn, den Helden dieses Spiels, zu kennen. Leibwache und Berater eines jungen Königs, der ein eigenes Königreich aufbauen will, um den Mord an seinem Vater zu rächen, unterstützt von ihm, dem Berater, in dessen Rolle ich seit über sechzig Stunden in der Welt von Ni No Kuni 2 umherstreife. Und dann, in einem Moment genialer Irreführung - bzw. besser Augenöffnung, realisiere ich, unterstützt von obliquen Kameraperspektiven und einem dramatischen orchestralen Soundtrack, dass ich in Wahrheit den Bösewicht spiele. Mein Mund steht offen, fassungslos erlebe ich mit, wie mein Protagonist einen seiner engsten Freunde erschießt - in einem Spiel für Kinder!

Ich lehne noch immer zurück auf meiner Couch, ich fühle mich hilflos, als ob mir plötzlich, nach diesen Tagen in jener Welt, die Kontrolle entgleitet. Was habe ich getan?! Ich hinterfrage all' mein Handeln, ich hinterfrage die Rolle von Gut und Böse und werde mir gleichzeitig der Genialität der Köpfe hinter diesem Spiel bewusst - und werde an dieser Stelle auch nicht weiter spoilern.

Und geniale Köpfe finden sich hinter so vielen Videospielen. So genial, dass Hitchcock stolz wäre, der einst gesagt hat "I like to play the audience like a piano". Die besten Spielentwickler wissen genau, wie sie ihr Publikum zu führen haben, lenken mich in die Irre, arbeiten mit geradezu filmischen Techniken und erweitern nicht nur meinen Horizont, sondern füttern meine Fantasie, meine Vorstellungskraft, meine Kreativität.

So habe ich damals, als ich ein junger Teenager war, in meiner Freizeit alle Items aus Zelda - A Link To The Past mit realen Gegenständen nachgebastelt und damit gespielt. Ich habe eine Kurzgeschichte geschrieben, inspiriert von Secret Of Mana, und ich habe meine erste längere Geschichte geschrieben als literarische Umsetzung von Resident Evil. Die Geschichte Das Schiff in der Nacht basiert offensichtlich auf Eindrücken aus Videospielen. Die Fantasiewelten in meinem Kopf sind um so Vieles bereichert worden, auf das ich nun in meinen Gedankenreisen und Meditationen nach Lust zugreifen kann.

Ich habe Tempel auf Südseeinseln erforscht (Indiana Jones And The Infernal Machine), ich habe alte, verfallene Herrenhäuser durchstreift (Alone In The Dark - The New Nightmare), ich habe fremde Planeten und Dimensionen bereist (Metroid Prime 2: Echoes), ich habe eine Familie gegründet und durch die Höhen und Tiefen des Lebens geführt (The Sims), eine Welt vor dem Untergang durch einen größenwahnsinnigen Irren gerettet (Final Fantasy VI), ich habe Zeitreisen erlebt (Secret Of Evermore), habe mit dem Schmetterlingseffekt herumprobiert (Shadow Of Memories), eine Familiengeschichte in bester Gothic-Tradition miterlebt (Black Mirror), eine andere Familiengeschichte von epischen Ausmaßen begleitet (die Myst-Reihe), mich auf die Suche nach Atlantis gemacht (Tomb Raider), den Untergang von Atlantis erlebt (Atlantis - The Lost Tales), eine Horrorgeschichte mit literarischem Anspruch erfahren (Silent Hill 2), nur mit einer Kamera bewaffnet japanischen Horror kennengelernt (Project Zero 2: Crimson Butterfly)...

...diese Liste könnte noch weit fortgeführt werden, mit weiteren Namen, die nicht umsonst von vielen Publikationen als best video games ever made genannt werden. Und je mehr Namen ich aufliste, umso stolzer werde ich. Ich habe vor einigen Tagen ein Plädoyer gegen Videospiele im Blog veröffentlicht, und auch wenn es eine ironische Vorbereitung auf diesen Beitrag sein sollte, waren einige wahre Punkte dran - zum Beispiel, dass Videospiele extrem viel Zeit fressen können. Und ich habe - leider - auch Schüler erlebt, die unter dem Einfluss von Videospielen mehrere Noten abgerutscht sind. Deswegen halte ich es für eine wichtige Aufgabe für mich als Pädagogen, Videospiele nicht zu verbieten, im Gegenteil, sondern den Schülern eine Kompetenz für den Umgang mit ihnen mitzugeben. Sie könnten daraus etwas über das Maß aller Dinge lernen.

Selbstkompetenz.

post scriptum: Selbstverständlich gibt es Spiele, in denen ich einen nicht so großen positiven Effekt für die Schüler sehe, und oftmals spielen sie genau diese Spiele. "Castle Wolfenstein", "Fifa", "Grand Theft Auto" - aber, um ehrlich zu sein, ich möchte mir eigentlich kein Urteil über diese Spiele erlauben, bevor ich sie selbst gespielt habe. Nicht, dass ich das derzeit vorhätte; ich mag es aber auch in anderen Situationen nicht, wenn Menschen sich ein Urteil anmaßen, ohne überhaupt zu wissen, worüber sie sprechen, zum Beispiel bei Filmen oder Achterbahnen. The proof is in the pudding.