Mittwoch, 9. August 2023

Tag 9 - Pink Judeath


"Ja, ich habe gerade ihren Lebenslauf gesehen, das muss auch echt anstrengend und belastend sein, wenn man immer wieder an eine neue Schule kommt, immer wieder neue..."

"Sie müssen mir nicht erklären, wie sich das anfühlt. Das weiß ich seit zehn Jahren sehr gut. Diese Phrasen helfen mir nicht. Meine Frage ist: Warum bin ich hier? Was können wir tun?"

Das muss ein bisschen harsch geklungen haben, als ich meine Sachbearbeiterin "R" abgewürgt habe, als sie gerade das Mitleids-Skript herunterrattern wollte. Und auch auf ihre Begrüßungsfrage "Wie geht es ihnen?" habe ich vielleicht ein bisschen zu ehrlich geantwortet, habe ihr direkt von den Problemen mit dem ALG-Antrag erzählt - ach ja, ich wollte heute meine Sachbearbeiterin im Dienstleistungszentrum Personal Schleswig-Holstein erreichen, bin extra eine Stunde früher aufgestanden, habe extra gestern vor dem Schlafengehen eine Tablette Bromazepam genommen, damit ich zum einen gut schlafen kann und zum anderen heute dann ruhig und entspannt bin und mich ohne Wut oder Traurigkeit über die Ungerechtigkeit der Situation mit diesen Menschen unterhalten kann.

Es war ein schöner Termin und bei'm Herausgehen ist mir erst bewusst geworden, dass ich im Gespräch vielleicht etwas zynisch und unwirsch war, und das tat mir so leid, weil R alles richtig gemacht hat. Freundliches, aufgeschlossenes Auftreten, mir zugewandt, mich über Rechte und Pflichten aufgeklärt und sich für mich als direkter Ansprechpartner für alles angeboten, auch wenn sie in vielen Fällen mir wahrscheinlich nur sagen kann, an wen ich mich stattdessen wenden muss.

Aber das hilft, das tut gut. Zu wissen, ich habe in der AA jetzt eine R, mit der ich kommunizieren kann. Und sie hat mich darin bestätigt, dass ich mich jetzt erstmal auf mich konzentrieren soll - dass ich nicht sofort in die erste Vertretungsstelle, die sich anbietet, einsteigen muss. Ich habe erstmal Wichtigeres zu erledigen. Und es muss heartbreaking für sie gewesen sein, meinen Lebenslauf inklusive aller Empfehlungen vor sich zu sehen und mir mitteilen zu müssen, dass sie mir leider keine Stelle verschaffen kann. 

Pflichtgemäß hat sie natürlich auch die Frage gestellt, ob ich denn schonmal überlegt habe, etwas Anderes zu machen. Ich habe ihr dann die Anekdote mit der Toni erzählt ("Entweder es klappt, oder ich hänge den Beruf an den Nagel"); dann wiederum, dass ich gerade die Arbeit im Brennpunkt mit SchülerInnen der Klassenstufen sieben bis zehn nicht nur kann, sondern auch liebe, und sie hat mir dann beigepflichtet mit dem Punkt, dass so viele Menschen auf Lehrerstellen gesetzt werden, die gerade diese Arbeit nicht machen wollen oder können. Dass es einfach unfair ist. Und dass ich gerade deshalb unbedingt Lehrer bleiben sollte.

Trotzdem war es ein schöner Termin. Nicht nur wegen Bromazepam, sondern auch weil R mich so intensiv an Judith Rakers erinnert hat, blond, mit dem offenen, hellen Lächeln, und sie hatte nur pinke Kleidungsstücke an und einen pinken Armreif. 

Liegt vielleicht an der Barbenheimer-Welle...

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