Donnerstag, 14. Dezember 2017

Alte Schule

Was da wohl alles drinsteckt?

"Und, wie ist es hier so?" fragen mich Kollegen, die sich mir bestimmt schon einmal vorgestellt haben, aber mein Gehirn sagt sich, wenn ich sowieso nur zwei Monate bleibe, muss ich mir keine Namen merken. Eine objektive Antwort kann ich auf die Frage noch nicht geben, das ist meinem Gehirn klar, und deswegen ist das für mich ein unangenehmer Moment: Was antworte ich denn jetzt?

Gehirn denkt: "So ein geiles Sekretariat habe ich bisher nur in SPO erlebt, das rettet mir das Leben. Kollegen sind sicherlich nett, aber da sind so viele neue Menschen, ich möchte am liebsten gar nicht angesprochen werden, ich weiß nicht, wen ich wie grüßen soll, die Schüler sind halt gymnasial. Brav, lieb, nett, melden sich tatsächlich, wenn man eine Aufgabe gibt, bringen mir von sich aus bunte Kreide mit, wenn ich über deren Fehlen jammere - gutes Stichwort, die Schüler jammern wesentlich mehr "Wie sollen wir das schaffen?"-mäßig rum als GemS-Schüler. Bürokratie läuft extrem unkompliziert ab, ich mag zwar, wie man offen miteinander umgeht, aber hab schon einen "hinter dem Rücken"-Moment gehabt und ich kann all' diese Eindrücke nicht unter einen Hut bringen."

Mund sagt: "Die Lerngruppen sind ganz nett. Und irgendwie hätte ich mir das hier spießiger vorgestellt."

Es sind einfach zu viele Eindrücke, die ich alle nur mit Mühe verarbeiten kann (Donnerstag wird zum Meditationstag erklärt). Und natürlich mischt sich eine Angst hinein, dass alles so fake-freundlich sein könnte. Aber das Sekretariat. Das ist so authentisch, das zerstreut diese Angst wieder. Und dann solche Momente:

Ich sitze im kleinen, familiären Lehrerzimmer, versuche, Nepos auf irgendeine Form des Leistungsnachweises herunterzubrechen, und schräg von hinten kommt Herr Schöneich, der Schulleiter, auf mich zu, ach herrje, jetzt sind bestimmt die ersten Beschwerden angekommen und ich habe mal wieder direkt in's Klo gegriffen. Ist in SPO passiert, tatsächlich, als ich etwas zu unbedacht im Unterricht über Suizid gesprochen habe; ich habe damals einen freundlichen Hinweis vom Schulleiter bekommen, mann, war mir das peinlich! Aber da ich ja generell gern unbedacht und naiv bin, ordne ich das "Schöneich-Nahen" ein in die Kategorie "Ist ja schön, dass wir sie jetzt hier haben, aber vielleicht sollten sie dann doch ein wenig mehr auf ihre Unterrichtssprache achten". So in der Art.

Alle diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, vor mir Nepos in der für Schüler ansprechend aufbereiteten Legamus!-Ausgabe, hinter mir der Geniekopf im Anzug. Geniekopf. Ich habe Rainer Schöneich schon während meines Studiums öfters erlebt. Und irgendwie dachte ich schon damals, das wäre ein perfekter verrückter Professor. Ist halt so:

Wo weise Kräfte walten, könn' sich keine Haare halten.

Irgendwann aufgeschnappt und nie vergessen. Und dann drehe ich mich zu Herrn Schöneich um, wir lächeln uns freundlich an, wie man das so macht, er begrüßt mich und gibt mir die Hand - und geht wieder in Richtung seines Büros. WTF? Einfach nur mal Hallo sagen? Ja, das macht er, und das habe ich heute auch nicht zum ersten Mal erlebt. Ich kenne das gar nicht, eine so "aufmerksame" Schulleitung. Das ist halt alte Schule, mit wesentlich mehr Manieren als ich so mit mir herumtrage. Und ich denke direkt wieder an Jay. Auch alte Schule: Als ich ihn besucht habe, begrüßt er mich an der Haustür, wie man das so macht, und nimmt mir dann tatsächlich meine Jacke ab (und hilft mir beim Abschied auch wieder hinein); völlig unbeeindruckt von den zwanzig bis dreißig Zentimetern Größenunterschied, völlig unbeeindruckt davon, dass er ein paar Jahrzehnte älter ist: Er weiß sich zu benehmen und das hat mir mächtig imponiert.

Menschen wie Jay oder Schöneich leben uns Kästner vor:

"Es nützt nichts, unsere Kinder irgendwie erziehen zu wollen; sie machen uns sowieso alles nach."

Mittwoch, 13. Dezember 2017

"Wo siehst du deine Stärken?"

"Stärken? Ich gebe den Schülern die Möglichkeit zur Entfaltung ihrer Individualität, zum Beispiel, indem sie sich aussuchen dürfen, wie sie genannt werden." - "Individualität? Sorry, aber das hat nichts mit Stärken zu tun. Das ist einfach nur Blumenwiesengerede, damit können sie an die Waldorfschule gehen und dort beim Vorstellungsgespräch ihre Ideologie vortanzen." (Die große Buba möge mir das verzeihen, aber wir beide wissen, dass die Klischees und das Unverständnis nun mal leider so gelagert sind.)

Vielleicht habt Ihr diese Frage schon einmal gehört. Vielleicht wurde sie Euch selbst ein- oder mehrmalig gestellt. Ich habe gemerkt, dass ich früher anders darauf geantwortet habe als es heute der Fall ist. Das muss noch nicht einmal abhängig sein von der Situation: Bei beiden folgenden Beispielen geht es um Vorstellungsgespräche.

An meiner ersten, hier nicht namentlich genannten (was allerdings nichts mit Respekt zu tun hat) Schule fragte mich die Schulleitung, wo ich meine Stärken sähe. Noch gar nicht auf einen schulischen Alltag bezogen; das wäre Unsinn gewesen, denn woher hätte ich einschlägige Erfahrungswerte ziehen sollen?
Meine Eltern haben mich zur Bescheidenheit und zur Zurückhaltung erzogen, gerade gegenüber Menschen, die ich nicht kenne. Ganz davon abgesehen, dass es eine wunderbare Variante des method acting ist, sich seinem Kommunikationspartner gegenüber dumm zu stellen. Also habe ich mich auch in diesem Gespräch als unerfahren, unterlegen gezeigt (Dinge, die die Schulleitung - wie ich später erfahren habe - generell gern gesehen hat, welch' Alliteration). Ich habe erzählt, dass ich im Englischstudium einigermaßen gute Noten hatte. Ich habe nicht von sozialem Engagement erzählt. Ich habe nicht von sehr guten Noten gesprochen, eigentlich, so meinte ich, wüsste ich gar nicht, ob der Lehrerberuf überhaupt das Richtige für mich ist.
Bis auf den letzten Satz war meine Antwort also geprägt von Unwahrheiten und Understatement. Aber ich habe die Stelle bekommen, denn ich habe schön der Schulleitung nach dem Mund geredet, die - wie ich ebenfalls später erfahren habe - verschlossener gegenüber Kollegen war, die sich als zu selbstbewusst entpuppt haben. Die Frage nach meinen Stärken ist also nicht mit der Absicht einer ehrlichen Antwort gestellt worden.

Nun habe ich also an unterschiedlichen Schulen (und Schularten) ein paar Jahre Erfahrung sammeln können. Ich habe mittlerweile eine recht akkurate Einschätzung darüber, wo meine Stärken und Schwächen im schulischen Kontext liegen. Zumindest habe ich einen Ansatz. So kam es also auch bei einer Bewerbung vor Kurzem wieder zu der Frage: "Wo siehst du deine Stärken?" Und nun, mehrere Jahre nach meinem ersten Vorstellungsgespräch, habe ich ehrlich geantwortet. Bei diesem armseligen Arbeitsmarkt für Lehrkräfte in Schleswig-Holstein muss man sich schmackhaft machen, wurde mir mittlerweile oft genug gesagt.
Ich kann sehr gut mit Menschen arbeiten, habe ich geantwortet. Ich finde besonders guten Zugang zu "schwierigen" Schülern. Ich kann eine gute Vertrauensbasis und daraus resultierende Lehrer-Schüler-Beziehung aufbauen, einer der sehr wichtigen Faktoren für sichtbaren Lernerfolg (wenn man einer gewissen Metastudie glauben möchte; viele konservative Lehrkräfte möchten das nicht). Ich schaffe es, dass Schüler gern in meinen Unterricht gehen, weil ich sie auf eine Reise mitnehmen kann. Ich kann gut schauspielern; nicht zuletzt dadurch erreiche ich in der Regel mein Ziel, dass die Schüler am Ende der Stunde den Unterricht "reicher" verlassen, als sie ihn betreten haben.
Das war ehrlich, und das war ein Fehler. Diese Performance möchten manche Menschen nicht hören, denn das ist zu selbstbewusst. Jemand in einem solchen Outfit kann noch gar nicht die Expertise besitzen, solche Aussagen über seinen Unterricht zu treffen. Das ist vermessen und wirkt unweigerlich arrogant. Kurz zitiert.

Wie also soll ich in meinem (unweigerlich nahenden) nächsten Vorstellungsgespräch antworten, wenn mir diese Frage gestellt wird? Am liebsten würde ich sagen: "Ich bin nicht sehr gut darin, meine Berufseignung selbst herauszustellen. Ich denke, dass sie meine Stärken dem vorliegenden Gutachten entnehmen können; darüber hinaus werden meine bisherigen Schulleitungen ihnen sicherlich eine objektivere Rückmeldung geben können als ich."
Aber das würde Aufwand für die Schulleitung bedeuten. Sie müssten den Text des Gutachtens lesen (und das dauert, und schließlich kann ja jeder alles Mögliche in die Gutachten schreiben), sie müssten Telefonate führen, sie müssten sich noch nach dem Vorstellungsgespräch mit mir als potentiellem Kandidaten auseinandersetzen. Es ist viel angenehmer, wenn man nach zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten Gespräch zu einem Entschluss kommen kann.
Entweder, sie mögen Deine Visage, oder Dein Outfit, oder Deine Art zu reden. Oder sie haben tatsächlich einen Blick für Menschen (wie z.B. die Schulleitung der Nordseeschule in St.Peter-Ording oder der Meldorfer Gelehrtenschule). Es geht hier nicht um Talent.

Ich hasse diese Bewerbungsscheiße.
Abgrundtief.

post scriptum: Und ich HASSE es, mich nach jeder einzelnen Absage wieder erklären zu müssen, wenn es heißt "Oooohhhh, wieso das denn?" Begründungen bekommt man eh' nur unter der Hand. Und sorry, aber mit meinem Outfit sehe ich nicht sozialtauglich aus. So etwas kann kein guter Lehrer sein. Arm, aber ist so.

Außerdem: Thank goodness, dass in Alabama der Demokrat Jones gewonnen hat. Nicht wegen seiner Vita, nicht wegen seines Wahlprogrammes, sondern einfach nur, weil er nicht Moore ist. Das erspart den Republikanern die Peinlichkeit, drei Jahre ertragen zu müssen, dass ein pädophiler Geisteskranker den Senat betritt. Reicht schon, wenn es ein sexistischer, golfsüchtiger Geisteskranker tut. Ich bin stolz drauf, dass die Stimmen der Afroamerikaner endlich wirklich etwas bewirkt haben - denn sie haben den Ausschlag gegeben. Dass drei Viertel der weißen Männer trotzdem für Moore gestimmt haben, lädt mich nicht zu einem Urlaub in Alabama ein. Nicht, dass ich mir das derzeit leisten könnte ^^ Und der nächste USA-Freizeitpark, den ich erobern möchte, liegt eh' in Ohio - mal wieder, aber so isses nun mal. Es gibt eben nur ein "Cedar Point" da drüben.

Und: Ich verbringe heute den Großteil des Tages im Bett, Erkältung oder so, jedenfalls Kopfschmerzen und kaum existenter Kreislauf. Hat jemand von Euch schon einmal die Erfahrung gemacht, dass es in diesem Zustand nicht ganz so einfach ist, eine faire Klassenarbeit für Schüler zu entwerfen, die man insgesamt nur drei Stunden lang gesehen hat?

Dienstag, 12. Dezember 2017

Nix da!

Beweis: Ich bin Lehrer... (und offensichtlich nicht in der Lage, mir die Hände zu waschen)

Dieser Tage schaut manch' ein Latinist aus seinem Fenster und denkt sich: "Nix da!" - oder zumindest "Nix!"; jeder Lehrer schiebt schnell noch ein "nivis, femininum" hinterher. Und betrachtet stolz seine Finger, die aussehen, als sei ein Lastwagen drübergefahren. Was ihnen tatsächlich "zugestoßen" ist, hat tatsächlich ähnliche Auswirkungen auf sein Nervenkostüm: Das Thema "Übersetzungsmethoden: Satzgliedanalyse", in einer Zeit glitzernder Einhörner ist dieses regenbogenbunte Thema beliebt wie nie. Wie lässt sich sonst erklären, dass scheinbar jeder Lehrer andere Farben dafür verwendet?

Wie es aussieht, sind sich alle nur beim Prädikat (rot) und dem Subjekt (blau) einig. Was früher mal Akkusativ (grün) und Dativ (braun) und Ablativ (gelb) war, ist jetzt Akkusativ (gelb), Dativ (orange), Ablativ und Subjunktionen (grün). Das alte Frettchen kommt damit kaum noch klar, deswegen habe ich heute in der Hauptsache rot und blau verwendet. Und überlege, jegliche Satzglieder - ausgenommen Subjekt und Prädikat - aus Sätzen zu streichen. Wir dürfen es unseren Schülern schließlich nicht zu schwer machen.

Das farbige Durcheinander ist eine willkommene Abwechslung zum Grau. Und während viele Regionen sich über den Schnee freuen können, sollte bitte niemand vergessen: Ich lebe in Kiel. Quodcumque nivis sit, ja, also was immer es hier auch an Schnee geben mag (mal gewissen "Schnee" ausgenommen), verwandelt sich dank Regen innerhalb kürzester Zeit in Matsch, von dem dann nichts Schönes mehr übrig bleibt. Nur eine Sandspur durch das Treppenhaus, die man dann in der Flurwoche wegputzen darf.

Warum eigentlich nicht Kalifornien?

post scriptum: Sollte sich irgendeine Möglichkeit ergeben, den aktuellen Vertrag zu verlängern, sollte ich SEHR gründlich aufpassen - ich verdiene bereits jetzt etwa zweihundert Euro weniger als mit dem Arbeitslosengeld. Wenn auf dieser Grundlage dann das nächste ALG (60%) berechnet wird...

Samstag, 9. Dezember 2017

"Die Schüler sind echt saudumm!"

Aber es betrifft nicht nur Lateinschüler...

Vorwort: Aus diesem Text wird man ein wenig Gegenwind gegen die eine oder andere Schule herauslesen können. Falls Du dich von dem Text angegriffen fühlst, falls Du dich im ganz konkreten Beispiel unten wiederfindest: Shame on you! Das ist nicht mein Problem, denn dann scheinst Du einen Fehler zu machen, den ich im heutigen Text einmal aufzeigen möchte. 

Es geht schon wieder um Schule. Sorry, aber über diesen Punkt möchte ich seit über anderthalb Jahren schreiben, und nun nutze ich die Gelegenheit dazu. Der Aufhänger ist der Satz im Titel des Beitrags. Es geht mir nicht darum, dass irgendeine Lehrkraft ihn so gesagt haben könnte (würde natürlich NIE jemand machen...), sondern dass im Kopf einiger Schüler der untilgbare Eindruck entsteht, dass sein Lehrer derart über ihn denkt. Dass ein Lehrer seinem Schüler das Gefühl gibt, dumm zu sein. Und das geht unglaublich einfach, unglaublich schnell, und ganz oft bekommen wir es nicht einmal mit. 

Vielleicht zuerst ein Beispiel aus meiner eigenen Lebenswelt, noch gar nicht auf die Schule bezogen. Wer braucht schon Prädikate. Eines Tages habe ich meinen besten Freundinnen von den Inhalten in der Uni erzählt, muss in der Nähe des Examens gewesen sein, und habe ihnen gesagt, dass ich mich so dumm dabei fühle und dass ich das Examen versemmeln werde. Dieser Eindruck sei entstanden, als ich mit meiner Englischprofessorin Inhalte meiner Examensarbeit besprochen habe. Sowohl die Sannitanic als auch die große Buba haben dann unabhängig voneinander zu mir etwas gesagt wie: "Ja, jetzt weißt du mal, wie man sich fühlt, wenn man sich mit dir unterhält. Da fühle ich mich manchmal auch sehr dumm."

Bitte?!? Das habe ich nicht verstanden und habe mir das dann erklären lassen. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass ich hochbegabt bin, aber meine Art zu sprechen scheint wohl symptomatisch gewesen zu sein, und auch die Art und Weise, wie ich Inhalte aus Lehrveranstaltungen gelernt habe. Das hat also zu einem "Gegen dich komme ich nicht an"-Gefühl geführt. Und ich habe das nicht einmal bewusst wahrgenommen.

In unseren Unterrichtsfächern sind wir Lehrer fast immer fitter als unsere Schüler. Schließlich haben wir sie irgendwann einmal im Rahmen einer Fachwissenschaft studiert, bevor wir dann alle Inhalte auf ein Schulniveau herunterbrechen mussten. Und weil wir fitter sind, fällt es uns nicht schwer, unsere Schüler sich dumm fühlen zu lassen: Wir stellen Fragen, auf die wir natürlich die Antworten wissen, während manche Schüler auch nach langem Grübeln nicht auf die Lösung kommen. Für uns ist in unserem Fach (so gut wie) alles klar, während es Schüler gibt, die auch nach stundenlangem Lernen einfach gewisse Zusammenhänge nicht verstehen. Und so schaffen wir es, dass sie sich dumm fühlen, und ganz oft bemerken wir es nicht einmal. Nein, eher kommt es vor, dass eine richtige Antwort seitens des Schülers von uns nicht einmal gelobt wird, sondern als selbstverständlich hingenommen wird, womöglich noch mit einem "Na, das hättest du aber auch schneller wissen können".

Das zweite Beispiel eines Angriffs auf das Selbstwertgefühl eines Schülers liegt in den Erwartungen, die von allen Seiten an ihn gestellt werden. Nehmen wir eine Schülerin in der Oberstufe eines Gymnasiums. Alle Welt scheint zu erwarten, dass Schüler eines Gymnasiums das Abitur machen - ob sie es nun für ihren Lebens- bzw. Berufsweg brauchen oder nicht. Nun frage ich die Schülerin im Rahmen einer Vorstellungsrunde, was sie denn einmal machen möchte, wenn sie das Abitur bestanden hat. Sie antwortet mir, dass sie das Abitur nicht machen wird, sondern mit der Fachhochschulreife abgehen und eine Ausbildung machen wird. Ich antworte ihr, dass ich das großartig finde. Dass sie so einen konkreten Plan im Kopf hat und auch, dass sie sich entschieden hat, eben nicht das Abitur zu machen und noch mehr Zeit an der Schule zu verschwenden.

Nach der Stunde meint die Schülerin auf dem Weg nach draußen zu mir: "Ich wollte nochmal danke sagen. Sie sind der einzige Lehrer, der das gut findet, dass ich mit der Fachhochschulreife von der Schule gehe." Ich sage ihr, dass ich mir das nicht vorstellen kann und sie erzählt mir, horribile dictu, dass tatsächlich von allen Seiten, auch im familiären Umfeld, Gegenwind kommt, weil alle von ihr einen "vollwertigen Gymnasialabschluss" erwarteten und die FHR da anscheinend nicht zählt.

Ich weiß nicht, ob ich dieses Beispiel noch weiter kommentieren muss. Ich hoffe einfach, dass beide kleinen Geschichten erklären, warum ich aus dem Titel des Beitrags ein Zitat in Anführungszeichen gemacht habe, auch wenn vielleicht niemand ihn expressis verbis gesagt hat. Er steckt in den Köpfen vieler Schüler, und zwar oft unabhängig von deren tatsächlicher Intelligenz und unabhängig von der Schulform.

Lasst uns mal etwas dagegen tun, damit die Schule nicht noch mehr zu einem Ort der Erniedrigung wird, den die Schüler fürchten.

post scriptum: Das geht heute an Herrn Leinhos, der mir ein grandioses Beispiel für die Besessenheit der Japaner mit deutschen Namen gegeben hat (ein Typ, der "Frau" heißt...); ich spiele derzeit ein Spiel, in dem zwei Figuren "Adam" und "Eva" heißen. Natürlich zwei Männer. Und um es noch absurder zu machen, stellt Eva irgendwann beim Blick in ein Buch über die Menschheit fest, dass Eva ja eigentlich ein Frauenname ist. Und natürlich sind Adam und Eva spindeldürr, mit den üblichen hervortretenden Hüftknochen und die einzige Bekleidung besteht aus schwarzen, eng anliegenden Lederhosen, die just unter den Hüftknochen enden. Herrlich, wie sich sowas immer wieder findet!

Freitag, 8. Dezember 2017

Carepaket & Dosensuppe

Schwuler kann ein Carepaket kaum sein ;-)

Wie es mir geht, kann ich meistens an meinem Essverhalten feststellen. Klar könnte ich auch einfach in mich hineinhorchen und dann sagen "Och, eigentlich geht's mir ganz gut!" - aber zu oft kommt es vor, dass ich mich damit selbst belüge. Vielleicht, um mich zu beruhigen. Vielleicht, weil ich der Wahrheit nicht in's Auge sehen will. Das Essen bietet mir da eine viel treffendere Diagnose.

Wenn ich asketisch lebe, geht es mir in der Regel gut. Das klingt vielleicht anfangs widersprüchlich ("So selten und so wenig zu essen, wie kann es dir damit gut gehen?"), aber es lässt sich mit meinem Mindset erklären: Hin und wieder habe ich hier im Blog erwähnt, dass einige Ideen des Buddhismus für mich sehr einleuchtend klingen (irgendwann möchte ich mir mal die Lojong-Losungen ausdrucken). Ein wichtiger Gedanke ist Achtsamkeit. Ich soll achtsam durch's Leben gehen. Darauf achten, was ich tue, wie ich rede, was ich für wertvoll erachte, was ich esse. Das klingt einfach, aber wie oft kommt es vor, dass ich in einem Impuls dagegen verstoße! Oh warte, ich nehme noch schnell dies und das beim Einkaufen mit. Ach, zur Feier des Tages gönne ich mir mal Fast Food. Es gibt viele solcher Beispiele.

Wenn es mir gut geht, habe ich gedankliche Ordnung in meinem Kopf. Ich habe den Überblick über die Dinge und brauche nicht viel Zeit, um alles zu sortieren. Ich habe also mehr freie Zeit im Gehirn, und die kann ich nutzen, um achtsam zu sein und zu überlegen, was ich esse, wie ich rede, wie ich meine Zeit verbringe. Ich habe die gedankliche Freiheit, mir zu sagen "Ich möchte jetzt eine Weile asketisch leben." und das auch durchzuziehen.

Der Umkehrschluss: Wenn ich einfach alles Mögliche esse, Fertiggerichte, Dosensuppe, haufenweise Naschkram (obwohl ich genau weiß, dass meine Haut mir nicht dafür danken wird), dann ist das ein Symptom dafür, dass ich keine gedankliche Freiheit habe. Dass ich nicht den Überblick habe. Dass etwas nicht in Ordnung ist, und schließlich: Dass es mir eben doch nicht gut geht, auch wenn ich mir das noch so oft einrede.

Und dann das: Auf dem Weg nach draußen kommt mir der Paketbote entgegen, "Haben sie zufällig etwas für Homann dabei?" - "Zufällig ja!" und ich bin wieder auf dem Weg nach oben. Die große Buba hat es mal wieder geschafft und den Tag gerettet. Sie hat mir ein Carepaket geschickt, das wirklich ALLES enthält, was der Doc für einen Meditationstag braucht. Ich bin richtig glücklich! Das war einfach gutes Timing - aber eine Frage bleibt: Warum hast Du eine Taschentuchbox in das Paket gelegt, die große Buba?

Statt Dosensuppe esse ich jetzt eine belgische Waffel.

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Bewegte Tage

Es darf wieder Latein unterrichtet werden!

Ich habe Arbeit. Es dauert erstaunlich lange, das zu realisieren. Ich jedenfalls habe das noch nicht realisiert. Ich funktioniere momentan einfach nur. Würde ich realisiert haben, dass ich jetzt an einer neuen Schule tätig bin, hätte ich wesentlich mehr schulische Dinge geregelt. Bisher bin ich nur in die Schule gegangen, habe Unterricht gegeben, bin wieder nach Hause gegangen. Videospiele. Offensichtlich ist es an der Zeit, die vergangenen vier Tage zu rekapitulieren.

Oder zumindest gestern und heute - meine beiden ersten Schultage. Ich habe meine Lerngruppen kennengelernt, und sie mich. So wie ich das immer mache: Auf dem Fußboden. Im Sitzkreis, ein bisschen Gemeinschaftsgefühl schaffen. Kann nicht schaden, wenn die normale Sitzordnung das Reihensystem ist. Ich kann damit nicht arbeiten. In meinem Kopf fühlt sich das an wie eine Kriegssituation, Schüler gegen Lehrer, und deswegen mache ich auf diese Weise keinen Unterricht. Deswegen der Sitzkreis zum Kennenlernen, und dann geht es (je nach Praktikabilität) in meinen Stunden in's U oder O.

Ich möchte, dass wir miteinander kommunizieren und arbeiten. Ich möchte nicht etwas vordozieren, was die Schüler dann brav in ihre Hefte übertragen. Ich möchte lebendigen Unterricht haben. Und wenn das bedeutet, dass wir die ersten paar Minuten jeder Stunde nutzen müssen, um die Tische und Stühle umzustellen, dann ist das eben so. Auch wenn ich nur ein paar Wochen an der Schule sein werde, verrate ich nicht meine Prinzipien.

Ich habe ein bisschen gestaunt, dass alle Schüler sich ohne Widerworte auf den Fußboden gesetzt haben, und das, obwohl der recht dreckig war. In allen Lerngruppen. An anderen Schulen war der Fußboden blitzblank, und dennoch haben sich Schüler geweigert, sich hinzusetzen. Naja, eigentlich kann ich an der Kieler Gelehrtenschule einigermaßen brave Kinder erwarten. Ist tatsächlich so. Und die Kinder haben wesentlich mehr Vornamen als an meiner letzten Schule - ob es da einen Zusammenhang gibt? Aber ich räume mit dem Klischee auf, dass an solch' einer Schule nur Streberkinder sind - ganz so schlimm ist es nicht. Und selbst wenn es so wäre, sind sie immer noch Menschen. Und ich möchte mit Menschen arbeiten.

Und nun kommt dieser Lehrer, der immer nur schwarz trägt und ein sehr loses Mundwerk hat, an diese Schule. Ich hoffe, dass ich nicht allzu viel Schaden anrichten werde. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Ich weiß nicht, wen ich siezen soll. Das war an der Gemeinschaftsschule so schön einfach, praktisch und sinnvoll, da haben sich alle geduzt, ausnahmslos. Das mag ich, ich habe auch mal etwas dazu geschrieben. Und jetzt bin ich wieder verunsichert.

Und generell verunsichert, und ich traue mich auch nicht, Kollegen anzusprechen, außer zweien, die ich persönlich kenne. Das ist alles so neu, und ich weiß nicht, ob ich mich darauf einlassen soll - wenn es sowieso nur für zwei Monate ist. Es hat an jeder Schule wesentlich mehr als zwei Monate gedauert, bis ich in einen Arbeitsrhythmus gekommen bin. Und die ganzen neuen Eindrücke lassen mich etwas vergessen: "Hey Doc, mach' dir nicht so einen Kopf, ist doch nur für eine kurze Zeit. Nimm's leicht, du kannst nicht viel falsch machen!"

Ich werde gleich meditieren. Und ich werde mich dabei auf die positiven Eindrücke konzentrieren, denn... es macht einfach wieder Spaß, zu unterrichten. Schüler aufzurufen, deren Namen ich nicht kenne, mich an der Tafel zu verschreiben, eine Kopie zu wenig gemacht zu haben, die Eintragungen im Klassenbuch vergessen zu haben - all' das macht Spaß. Klingt kontrovers, aber genau das sind die Dinge, die das Lehrerdasein ausmachen. Das gehört einfach dazu.

Und vielleicht sollte ich die Meditation nutzen, um mir einen Plan zu machen. Jetzt habe ich meine Schüler kennengelernt, jetzt habe ich meine Räume kennengelernt, jetzt fahre ich immer noch mit dem Bus dorthin, weil mir die Gegend zu neu ist und ich mich unsicher fühle, aber das ist okay.

"Wie lange bleiben sie?" - Grundsätzlich ist diese Frage ein Armutszeugnis an unser Bildungsystem, nur so am Rande. Ich weiß nicht, wie lange ich bleibe. Aber es scheint durchaus die Möglichkeit zu bestehen, im zweiten Halbjahr weiterzumachen. Schauen wir mal.

Für mich als Hochbegabten ist das ein tiefer Einschnitt im Leben, und ich komme dieser Tage nicht gut damit zurecht, alle Informationen zu sortieren und den status quo zu sichern. Aber ich versuche es. Und der Spaß mit den Schülern hilft mir dabei; wir haben heute in der Pause festgestellt, dass meine schwarzen Haare eher lila als blau leuchten. Und unabhängig voneinander wurde ich in zwei Lerngruppen gefragt, ob ich Goa höre. Tue ich und staune, dass die Schüler dies auch tun.

Und somit sind diese bewegten Tage nichts Halbes und nichts Ganzes und für mich sehr verwirrend, aber irgendwie wird es schon klappen, da Ordnung hineinzubringen.

Montag, 4. Dezember 2017

Kurzwirksam

It's time for Papierkram...

"I need a fix!"

Ich denke, jeder Abhängige wird mit diesem Ausdruck aus dem Drogenjargon etwas anfangen können. Er besagt, dass man dringend etwas von seiner Droge (was auch immer das sein mag) braucht, weil man nämlich merkt, wie der Entzug anklopft. Bei Hänschen würde das zum Beispiel bedeuten, dass er sich jetzt dringend einen Schuss Heroin setzen muss, um nicht zu verzweifeln.

Auch bei mir tanzt der Entzug seine drögen Runden über mein Wohnungsparkett - ich habe ja schon öfters davon geschrieben, wie ich in den letzten Wochen und Monaten affig geworden bin, und meine Laune hat ordentliche Tiefphasen durchgemacht. I need a fix, too! Aber wo soll ich den herbekommen?

Und nun ist es schließlich doch noch so weit gekommen: Ich bekomme endlich wieder einen Rausch. Meine ehemaligen Lateinkommilitonen ahnen, dass das durchaus wörtlich zu verstehen ist - denn ich habe eine Lateinvertretung angenommen; wenn alles klappt, bin ich ab Mitte der Woche an der Kieler Gelehrtenschule tätig. Für nicht einmal zwei Monate, bis zum Ende des Schulhalbjahres. Aber ich brauche so dringend wieder Schüler, mit denen ich arbeiten kann, da sind zwei Monate besser als gar nichts. Und den Rausch gibt's obendrauf.

Ich habe mehr als nur ein bisschen Angst; ich habe nicht ohne Grund diese Stelle schon mehrfach ausgeschlagen:

1) Ich habe seit fünf Jahren kein Latein mehr unterrichtet. Klar, das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht. Aber trotzdem stelle ich mir halt die Frage, ob ich überhaupt in der Lage bin, qualifizierten Lateinunterricht zu geben.

2) Der Vertretungszeitraum ist wirklich nur sehr kurz. Und dass mein Arbeitslosengeld höher ist als mein Gehalt in diesen zwei Monaten, das kann ich meinem Gehirn nicht so einfach erklären.

3) Die Schulart... es ist kein Geheimnis, dass ich an eine Gemeinschaftsschule bzw. Gymnasium mit Gemeinschaftsschulteil gehen möchte. Nun geht es aber um ein reines Gymnasium. Mit Kindern, die tatsächlich Unterricht machen wollen! Ob das die richtige Klientel ist? Meine Erfahrung lehrt, dass brave Schüler mit meiner Art öfters Probleme haben.

Was all' diese Bedenken vom Tisch fegt, ist die kurze Dauer des Vertrags, da wird es schon nicht allzu schlimm werden (wobei auch in Eckernförde zwei Monate vollkommen ausgereicht haben). Und ich bin in der Mittelstufe eingesetzt, also eigentlich genau die Altersstufe, mit der ich gern arbeite. Und ich kann meine Entzugserscheinungen stillen.

Dr Hilarius geht wieder zur Schule. Das kann ja was werden!