Dienstag, 12. Dezember 2017

Nix da!

Beweis: Ich bin Lehrer... (und offensichtlich nicht in der Lage, mir die Hände zu waschen)

Dieser Tage schaut manch' ein Latinist aus seinem Fenster und denkt sich: "Nix da!" - oder zumindest "Nix!"; jeder Lehrer schiebt schnell noch ein "nivis, femininum" hinterher. Und betrachtet stolz seine Finger, die aussehen, als sei ein Lastwagen drübergefahren. Was ihnen tatsächlich "zugestoßen" ist, hat tatsächlich ähnliche Auswirkungen auf sein Nervenkostüm: Das Thema "Übersetzungsmethoden: Satzgliedanalyse", in einer Zeit glitzernder Einhörner ist dieses regenbogenbunte Thema beliebt wie nie. Wie lässt sich sonst erklären, dass scheinbar jeder Lehrer andere Farben dafür verwendet?

Wie es aussieht, sind sich alle nur beim Prädikat (rot) und dem Subjekt (blau) einig. Was früher mal Akkusativ (grün) und Dativ (braun) und Ablativ (gelb) war, ist jetzt Akkusativ (gelb), Dativ (orange), Ablativ und Subjunktionen (grün). Das alte Frettchen kommt damit kaum noch klar, deswegen habe ich heute in der Hauptsache rot und blau verwendet. Und überlege, jegliche Satzglieder - ausgenommen Subjekt und Prädikat - aus Sätzen zu streichen. Wir dürfen es unseren Schülern schließlich nicht zu schwer machen.

Das farbige Durcheinander ist eine willkommene Abwechslung zum Grau. Und während viele Regionen sich über den Schnee freuen können, sollte bitte niemand vergessen: Ich lebe in Kiel. Quodcumque nivis sit, ja, also was immer es hier auch an Schnee geben mag (mal gewissen "Schnee" ausgenommen), verwandelt sich dank Regen innerhalb kürzester Zeit in Matsch, von dem dann nichts Schönes mehr übrig bleibt. Nur eine Sandspur durch das Treppenhaus, die man dann in der Flurwoche wegputzen darf.

Warum eigentlich nicht Kalifornien?

post scriptum: Sollte sich irgendeine Möglichkeit ergeben, den aktuellen Vertrag zu verlängern, sollte ich SEHR gründlich aufpassen - ich verdiene bereits jetzt etwa zweihundert Euro weniger als mit dem Arbeitslosengeld. Wenn auf dieser Grundlage dann das nächste ALG (60%) berechnet wird...

Samstag, 9. Dezember 2017

"Die Schüler sind echt saudumm!"

Aber es betrifft nicht nur Lateinschüler...

Vorwort: Aus diesem Text wird man ein wenig Gegenwind gegen die eine oder andere Schule herauslesen können. Falls Du dich von dem Text angegriffen fühlst, falls Du dich im ganz konkreten Beispiel unten wiederfindest: Shame on you! Das ist nicht mein Problem, denn dann scheinst Du einen Fehler zu machen, den ich im heutigen Text einmal aufzeigen möchte. 

Es geht schon wieder um Schule. Sorry, aber über diesen Punkt möchte ich seit über anderthalb Jahren schreiben, und nun nutze ich die Gelegenheit dazu. Der Aufhänger ist der Satz im Titel des Beitrags. Es geht mir nicht darum, dass irgendeine Lehrkraft ihn so gesagt haben könnte (würde natürlich NIE jemand machen...), sondern dass im Kopf einiger Schüler der untilgbare Eindruck entsteht, dass sein Lehrer derart über ihn denkt. Dass ein Lehrer seinem Schüler das Gefühl gibt, dumm zu sein. Und das geht unglaublich einfach, unglaublich schnell, und ganz oft bekommen wir es nicht einmal mit. 

Vielleicht zuerst ein Beispiel aus meiner eigenen Lebenswelt, noch gar nicht auf die Schule bezogen. Wer braucht schon Prädikate. Eines Tages habe ich meinen besten Freundinnen von den Inhalten in der Uni erzählt, muss in der Nähe des Examens gewesen sein, und habe ihnen gesagt, dass ich mich so dumm dabei fühle und dass ich das Examen versemmeln werde. Dieser Eindruck sei entstanden, als ich mit meiner Englischprofessorin Inhalte meiner Examensarbeit besprochen habe. Sowohl die Sannitanic als auch die große Buba haben dann unabhängig voneinander zu mir etwas gesagt wie: "Ja, jetzt weißt du mal, wie man sich fühlt, wenn man sich mit dir unterhält. Da fühle ich mich manchmal auch sehr dumm."

Bitte?!? Das habe ich nicht verstanden und habe mir das dann erklären lassen. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass ich hochbegabt bin, aber meine Art zu sprechen scheint wohl symptomatisch gewesen zu sein, und auch die Art und Weise, wie ich Inhalte aus Lehrveranstaltungen gelernt habe. Das hat also zu einem "Gegen dich komme ich nicht an"-Gefühl geführt. Und ich habe das nicht einmal bewusst wahrgenommen.

In unseren Unterrichtsfächern sind wir Lehrer fast immer fitter als unsere Schüler. Schließlich haben wir sie irgendwann einmal im Rahmen einer Fachwissenschaft studiert, bevor wir dann alle Inhalte auf ein Schulniveau herunterbrechen mussten. Und weil wir fitter sind, fällt es uns nicht schwer, unsere Schüler sich dumm fühlen zu lassen: Wir stellen Fragen, auf die wir natürlich die Antworten wissen, während manche Schüler auch nach langem Grübeln nicht auf die Lösung kommen. Für uns ist in unserem Fach (so gut wie) alles klar, während es Schüler gibt, die auch nach stundenlangem Lernen einfach gewisse Zusammenhänge nicht verstehen. Und so schaffen wir es, dass sie sich dumm fühlen, und ganz oft bemerken wir es nicht einmal. Nein, eher kommt es vor, dass eine richtige Antwort seitens des Schülers von uns nicht einmal gelobt wird, sondern als selbstverständlich hingenommen wird, womöglich noch mit einem "Na, das hättest du aber auch schneller wissen können".

Das zweite Beispiel eines Angriffs auf das Selbstwertgefühl eines Schülers liegt in den Erwartungen, die von allen Seiten an ihn gestellt werden. Nehmen wir eine Schülerin in der Oberstufe eines Gymnasiums. Alle Welt scheint zu erwarten, dass Schüler eines Gymnasiums das Abitur machen - ob sie es nun für ihren Lebens- bzw. Berufsweg brauchen oder nicht. Nun frage ich die Schülerin im Rahmen einer Vorstellungsrunde, was sie denn einmal machen möchte, wenn sie das Abitur bestanden hat. Sie antwortet mir, dass sie das Abitur nicht machen wird, sondern mit der Fachhochschulreife abgehen und eine Ausbildung machen wird. Ich antworte ihr, dass ich das großartig finde. Dass sie so einen konkreten Plan im Kopf hat und auch, dass sie sich entschieden hat, eben nicht das Abitur zu machen und noch mehr Zeit an der Schule zu verschwenden.

Nach der Stunde meint die Schülerin auf dem Weg nach draußen zu mir: "Ich wollte nochmal danke sagen. Sie sind der einzige Lehrer, der das gut findet, dass ich mit der Fachhochschulreife von der Schule gehe." Ich sage ihr, dass ich mir das nicht vorstellen kann und sie erzählt mir, horribile dictu, dass tatsächlich von allen Seiten, auch im familiären Umfeld, Gegenwind kommt, weil alle von ihr einen "vollwertigen Gymnasialabschluss" erwarteten und die FHR da anscheinend nicht zählt.

Ich weiß nicht, ob ich dieses Beispiel noch weiter kommentieren muss. Ich hoffe einfach, dass beide kleinen Geschichten erklären, warum ich aus dem Titel des Beitrags ein Zitat in Anführungszeichen gemacht habe, auch wenn vielleicht niemand ihn expressis verbis gesagt hat. Er steckt in den Köpfen vieler Schüler, und zwar oft unabhängig von deren tatsächlicher Intelligenz und unabhängig von der Schulform.

Lasst uns mal etwas dagegen tun, damit die Schule nicht noch mehr zu einem Ort der Erniedrigung wird, den die Schüler fürchten.

post scriptum: Das geht heute an Herrn Leinhos, der mir ein grandioses Beispiel für die Besessenheit der Japaner mit deutschen Namen gegeben hat (ein Typ, der "Frau" heißt...); ich spiele derzeit ein Spiel, in dem zwei Figuren "Adam" und "Eva" heißen. Natürlich zwei Männer. Und um es noch absurder zu machen, stellt Eva irgendwann beim Blick in ein Buch über die Menschheit fest, dass Eva ja eigentlich ein Frauenname ist. Und natürlich sind Adam und Eva spindeldürr, mit den üblichen hervortretenden Hüftknochen und die einzige Bekleidung besteht aus schwarzen, eng anliegenden Lederhosen, die just unter den Hüftknochen enden. Herrlich, wie sich sowas immer wieder findet!

Freitag, 8. Dezember 2017

Carepaket & Dosensuppe

Schwuler kann ein Carepaket kaum sein ;-)

Wie es mir geht, kann ich meistens an meinem Essverhalten feststellen. Klar könnte ich auch einfach in mich hineinhorchen und dann sagen "Och, eigentlich geht's mir ganz gut!" - aber zu oft kommt es vor, dass ich mich damit selbst belüge. Vielleicht, um mich zu beruhigen. Vielleicht, weil ich der Wahrheit nicht in's Auge sehen will. Das Essen bietet mir da eine viel treffendere Diagnose.

Wenn ich asketisch lebe, geht es mir in der Regel gut. Das klingt vielleicht anfangs widersprüchlich ("So selten und so wenig zu essen, wie kann es dir damit gut gehen?"), aber es lässt sich mit meinem Mindset erklären: Hin und wieder habe ich hier im Blog erwähnt, dass einige Ideen des Buddhismus für mich sehr einleuchtend klingen (irgendwann möchte ich mir mal die Lojong-Losungen ausdrucken). Ein wichtiger Gedanke ist Achtsamkeit. Ich soll achtsam durch's Leben gehen. Darauf achten, was ich tue, wie ich rede, was ich für wertvoll erachte, was ich esse. Das klingt einfach, aber wie oft kommt es vor, dass ich in einem Impuls dagegen verstoße! Oh warte, ich nehme noch schnell dies und das beim Einkaufen mit. Ach, zur Feier des Tages gönne ich mir mal Fast Food. Es gibt viele solcher Beispiele.

Wenn es mir gut geht, habe ich gedankliche Ordnung in meinem Kopf. Ich habe den Überblick über die Dinge und brauche nicht viel Zeit, um alles zu sortieren. Ich habe also mehr freie Zeit im Gehirn, und die kann ich nutzen, um achtsam zu sein und zu überlegen, was ich esse, wie ich rede, wie ich meine Zeit verbringe. Ich habe die gedankliche Freiheit, mir zu sagen "Ich möchte jetzt eine Weile asketisch leben." und das auch durchzuziehen.

Der Umkehrschluss: Wenn ich einfach alles Mögliche esse, Fertiggerichte, Dosensuppe, haufenweise Naschkram (obwohl ich genau weiß, dass meine Haut mir nicht dafür danken wird), dann ist das ein Symptom dafür, dass ich keine gedankliche Freiheit habe. Dass ich nicht den Überblick habe. Dass etwas nicht in Ordnung ist, und schließlich: Dass es mir eben doch nicht gut geht, auch wenn ich mir das noch so oft einrede.

Und dann das: Auf dem Weg nach draußen kommt mir der Paketbote entgegen, "Haben sie zufällig etwas für Homann dabei?" - "Zufällig ja!" und ich bin wieder auf dem Weg nach oben. Die große Buba hat es mal wieder geschafft und den Tag gerettet. Sie hat mir ein Carepaket geschickt, das wirklich ALLES enthält, was der Doc für einen Meditationstag braucht. Ich bin richtig glücklich! Das war einfach gutes Timing - aber eine Frage bleibt: Warum hast Du eine Taschentuchbox in das Paket gelegt, die große Buba?

Statt Dosensuppe esse ich jetzt eine belgische Waffel.

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Bewegte Tage

Es darf wieder Latein unterrichtet werden!

Ich habe Arbeit. Es dauert erstaunlich lange, das zu realisieren. Ich jedenfalls habe das noch nicht realisiert. Ich funktioniere momentan einfach nur. Würde ich realisiert haben, dass ich jetzt an einer neuen Schule tätig bin, hätte ich wesentlich mehr schulische Dinge geregelt. Bisher bin ich nur in die Schule gegangen, habe Unterricht gegeben, bin wieder nach Hause gegangen. Videospiele. Offensichtlich ist es an der Zeit, die vergangenen vier Tage zu rekapitulieren.

Oder zumindest gestern und heute - meine beiden ersten Schultage. Ich habe meine Lerngruppen kennengelernt, und sie mich. So wie ich das immer mache: Auf dem Fußboden. Im Sitzkreis, ein bisschen Gemeinschaftsgefühl schaffen. Kann nicht schaden, wenn die normale Sitzordnung das Reihensystem ist. Ich kann damit nicht arbeiten. In meinem Kopf fühlt sich das an wie eine Kriegssituation, Schüler gegen Lehrer, und deswegen mache ich auf diese Weise keinen Unterricht. Deswegen der Sitzkreis zum Kennenlernen, und dann geht es (je nach Praktikabilität) in meinen Stunden in's U oder O.

Ich möchte, dass wir miteinander kommunizieren und arbeiten. Ich möchte nicht etwas vordozieren, was die Schüler dann brav in ihre Hefte übertragen. Ich möchte lebendigen Unterricht haben. Und wenn das bedeutet, dass wir die ersten paar Minuten jeder Stunde nutzen müssen, um die Tische und Stühle umzustellen, dann ist das eben so. Auch wenn ich nur ein paar Wochen an der Schule sein werde, verrate ich nicht meine Prinzipien.

Ich habe ein bisschen gestaunt, dass alle Schüler sich ohne Widerworte auf den Fußboden gesetzt haben, und das, obwohl der recht dreckig war. In allen Lerngruppen. An anderen Schulen war der Fußboden blitzblank, und dennoch haben sich Schüler geweigert, sich hinzusetzen. Naja, eigentlich kann ich an der Kieler Gelehrtenschule einigermaßen brave Kinder erwarten. Ist tatsächlich so. Und die Kinder haben wesentlich mehr Vornamen als an meiner letzten Schule - ob es da einen Zusammenhang gibt? Aber ich räume mit dem Klischee auf, dass an solch' einer Schule nur Streberkinder sind - ganz so schlimm ist es nicht. Und selbst wenn es so wäre, sind sie immer noch Menschen. Und ich möchte mit Menschen arbeiten.

Und nun kommt dieser Lehrer, der immer nur schwarz trägt und ein sehr loses Mundwerk hat, an diese Schule. Ich hoffe, dass ich nicht allzu viel Schaden anrichten werde. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Ich weiß nicht, wen ich siezen soll. Das war an der Gemeinschaftsschule so schön einfach, praktisch und sinnvoll, da haben sich alle geduzt, ausnahmslos. Das mag ich, ich habe auch mal etwas dazu geschrieben. Und jetzt bin ich wieder verunsichert.

Und generell verunsichert, und ich traue mich auch nicht, Kollegen anzusprechen, außer zweien, die ich persönlich kenne. Das ist alles so neu, und ich weiß nicht, ob ich mich darauf einlassen soll - wenn es sowieso nur für zwei Monate ist. Es hat an jeder Schule wesentlich mehr als zwei Monate gedauert, bis ich in einen Arbeitsrhythmus gekommen bin. Und die ganzen neuen Eindrücke lassen mich etwas vergessen: "Hey Doc, mach' dir nicht so einen Kopf, ist doch nur für eine kurze Zeit. Nimm's leicht, du kannst nicht viel falsch machen!"

Ich werde gleich meditieren. Und ich werde mich dabei auf die positiven Eindrücke konzentrieren, denn... es macht einfach wieder Spaß, zu unterrichten. Schüler aufzurufen, deren Namen ich nicht kenne, mich an der Tafel zu verschreiben, eine Kopie zu wenig gemacht zu haben, die Eintragungen im Klassenbuch vergessen zu haben - all' das macht Spaß. Klingt kontrovers, aber genau das sind die Dinge, die das Lehrerdasein ausmachen. Das gehört einfach dazu.

Und vielleicht sollte ich die Meditation nutzen, um mir einen Plan zu machen. Jetzt habe ich meine Schüler kennengelernt, jetzt habe ich meine Räume kennengelernt, jetzt fahre ich immer noch mit dem Bus dorthin, weil mir die Gegend zu neu ist und ich mich unsicher fühle, aber das ist okay.

"Wie lange bleiben sie?" - Grundsätzlich ist diese Frage ein Armutszeugnis an unser Bildungsystem, nur so am Rande. Ich weiß nicht, wie lange ich bleibe. Aber es scheint durchaus die Möglichkeit zu bestehen, im zweiten Halbjahr weiterzumachen. Schauen wir mal.

Für mich als Hochbegabten ist das ein tiefer Einschnitt im Leben, und ich komme dieser Tage nicht gut damit zurecht, alle Informationen zu sortieren und den status quo zu sichern. Aber ich versuche es. Und der Spaß mit den Schülern hilft mir dabei; wir haben heute in der Pause festgestellt, dass meine schwarzen Haare eher lila als blau leuchten. Und unabhängig voneinander wurde ich in zwei Lerngruppen gefragt, ob ich Goa höre. Tue ich und staune, dass die Schüler dies auch tun.

Und somit sind diese bewegten Tage nichts Halbes und nichts Ganzes und für mich sehr verwirrend, aber irgendwie wird es schon klappen, da Ordnung hineinzubringen.

Montag, 4. Dezember 2017

Kurzwirksam

It's time for Papierkram...

"I need a fix!"

Ich denke, jeder Abhängige wird mit diesem Ausdruck aus dem Drogenjargon etwas anfangen können. Er besagt, dass man dringend etwas von seiner Droge (was auch immer das sein mag) braucht, weil man nämlich merkt, wie der Entzug anklopft. Bei Hänschen würde das zum Beispiel bedeuten, dass er sich jetzt dringend einen Schuss Heroin setzen muss, um nicht zu verzweifeln.

Auch bei mir tanzt der Entzug seine drögen Runden über mein Wohnungsparkett - ich habe ja schon öfters davon geschrieben, wie ich in den letzten Wochen und Monaten affig geworden bin, und meine Laune hat ordentliche Tiefphasen durchgemacht. I need a fix, too! Aber wo soll ich den herbekommen?

Und nun ist es schließlich doch noch so weit gekommen: Ich bekomme endlich wieder einen Rausch. Meine ehemaligen Lateinkommilitonen ahnen, dass das durchaus wörtlich zu verstehen ist - denn ich habe eine Lateinvertretung angenommen; wenn alles klappt, bin ich ab Mitte der Woche an der Kieler Gelehrtenschule tätig. Für nicht einmal zwei Monate, bis zum Ende des Schulhalbjahres. Aber ich brauche so dringend wieder Schüler, mit denen ich arbeiten kann, da sind zwei Monate besser als gar nichts. Und den Rausch gibt's obendrauf.

Ich habe mehr als nur ein bisschen Angst; ich habe nicht ohne Grund diese Stelle schon mehrfach ausgeschlagen:

1) Ich habe seit fünf Jahren kein Latein mehr unterrichtet. Klar, das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht. Aber trotzdem stelle ich mir halt die Frage, ob ich überhaupt in der Lage bin, qualifizierten Lateinunterricht zu geben.

2) Der Vertretungszeitraum ist wirklich nur sehr kurz. Und dass mein Arbeitslosengeld höher ist als mein Gehalt in diesen zwei Monaten, das kann ich meinem Gehirn nicht so einfach erklären.

3) Die Schulart... es ist kein Geheimnis, dass ich an eine Gemeinschaftsschule bzw. Gymnasium mit Gemeinschaftsschulteil gehen möchte. Nun geht es aber um ein reines Gymnasium. Mit Kindern, die tatsächlich Unterricht machen wollen! Ob das die richtige Klientel ist? Meine Erfahrung lehrt, dass brave Schüler mit meiner Art öfters Probleme haben.

Was all' diese Bedenken vom Tisch fegt, ist die kurze Dauer des Vertrags, da wird es schon nicht allzu schlimm werden (wobei auch in Eckernförde zwei Monate vollkommen ausgereicht haben). Und ich bin in der Mittelstufe eingesetzt, also eigentlich genau die Altersstufe, mit der ich gern arbeite. Und ich kann meine Entzugserscheinungen stillen.

Dr Hilarius geht wieder zur Schule. Das kann ja was werden!

Samstag, 2. Dezember 2017

Gruppenarbeit - der Horror

Die Impro-AG war eine Ausnahme. Obwohl... eigentlich nicht, denn ich habe sie ja allein geleitet.

In der Lehrerausbildung bekommen wir immer wieder eingeprügelt, dass wir unsere Schüler nicht zu Einzelkämpfern erziehen sollen und daher möglichst viele kooperative Arbeitsformen in unsere Unterrichtsplanung einzubeziehen.

Als Schüler habe ich das gehasst.

Ich fand es immer grauenhaft, mit jemandem zusammen arbeiten zu müssen. Ich erläutere das einmal am ganz konkreten Beispiel des Referats im Studium. Es hat schon einen Grund, dass ich mit einer oder zwei Ausnahmen sämtliche Referate an der Universität allein gehalten habe.

Ich denke, dass sich viele der Gründe in der Hochbegabung erschließen. Ich fand es recht anstrengend, mein Denktempo auf meinen Partner herunterzubremsen, und Dinge mehrmals erklären zu müssen - kombiniert mit meiner bisweiligen Unfähigkeit, mich verständlich auszudrücken. Wann immer ich Texte für ein "Publikum" geschrieben habe (also auch im Theater), hatte ich eine sehr konkrete Mimik, Gestik und Tonfall im Kopf. Genau so sollte es sein und nicht anders - weil ich in meinem Kopf davon überzeugt war, dass es so am besten sei.

Ebenso war ich auch bei Referaten selten bereit, Kompromisse zu machen und ich habe mich davor gedrückt, Zugeständnisse machen zu müssen. Denn dann war es nicht mehr "mein" Referat, dann fühlte es sich an, als ob ich die Gedanken eines Anderen vortragen müsste. Und die waren mir oft nicht anspruchsvoll, präzise oder vollständig genug. Und es hat mir auch nicht der Gedanke behagt "Och, eine Note Zwei wäre doch super, Drei reicht sonst auch, Hauptsache bestanden." Nichts da, es musste eine Eins sein. Weniger wäre eine persönliche Niederlage, und wenn ich die Präsentation mit einem anderen Menschen zusammen gehalten hätte, hätte ich unweigerlich ihm die Schuld an der "schlechteren" Note gegeben. Wenn ich dagegen allein eine schlechtere Note kassiert hätte, wäre es nicht ganz so schlimm. Ich wäre zwar trotzdem wütend (eine Zwei vor dem Komma war im Studium für mich kaum erträglich), aber wenigstens wüsste ich dann, dass ich selbst Fehler gemacht habe und könnte daran arbeiten.

Das scheint eine ziemlich antisoziale Haltung zu sein. Eingebildet. Arrogant. Halt all' das, was Kollegen mir auch in der Schule an den Kopf werfen - denn auch da mag ich es nicht, Unterricht mit jemandem zusammen entwerfen zu müssen (Ausnahme ist die Arbeit mit den Sonderpädagogen). Und ja, Asche und Kreide auf mein Haupt, manchmal liegt es daran, dass ich meinen Unterricht für besser halte. Ich bin so einer...

Vielleicht geht es ja auch dem einen oder anderen Hochbegabten so, der das hier liest. Vielleicht sind bei ihm auch immer alle Lichter ausgegangen, wenn der Lehrer anordnete: "Dann findet euch mal in Gruppen zusammen!" Vielleicht arbeitet Ihr ja auch am liebsten und am effektivsten allein. Und habt Euch irgendwann im Leben einmal gefragt, ob Ihr deswegen asozial seid, oder so etwas.

Freitag, 1. Dezember 2017

Ich bin alt...

Wie fühlt sich Älterwerden an?

...nein, nicht wirklich, aber je älter ich werde, umso häufiger treten Situationen auf, die mich daran erinnern, dass meine einigermaßen unbeschwerte Studentenzeit dahin ist und dass ich nun erwachsen bin.

Ich schaue mir ganz gern das Schleswig-Holstein-Magazin im Fernsehen an, Nachrichten, Klatsch&Tratsch und Lokalkolorit. Dort wurde in den letzten Wochen und Monaten häufiger über die Vorfälle bei der Polizei berichtet, speziell in der Ausbildung (sexuelle Belästigung, Demütigung etc., hat der Eine oder Andere sicherlich mitbekommen). Im Zuge dieser Berichterstattung fanden viele Interviews mit jungen Kadetten statt. Ich schaue mir also ein solches Interview an - in dem es ausnahmsweise mal nicht um die Vorfälle, sondern um den benötigten Nachwuchs ging - und sehe eine junge Frau, die erzählt, warum sie zur Polizei gegangen ist.

Seltsam, denke ich mir, irgendwie kommt mir das Gesicht bekannt vor. Blendet doch mal den Namen ein! Aber nein, den Gefallen tut man mir nicht, also muss ich mein geistiges Archiv durchgehen und plötzlich fällt der Groschen; ich sehe die junge Frau nicht mehr als Polizeianwärterin vor der Kamera, sondern als junges Mädchen in meinem Lateinkurs sitzen, hinten links in der Ecke, genauso still wie ihre Sitznachbarin, aber gerade dadurch konnte ich mir ihre Namen merken.

Das ist jetzt knapp sechs Jahre her. Damals habe ich sie unterrichtet, und jetzt sehe ich zum ersten Mal eine meiner ehemaligen Schülerinnen im Fernsehen. Kinder, wie die Zeit vergeht! Aber irgendwie ist es ein schönes Gefühl. Denn es ist nicht der "Hilfe, ich bin alt!"-Gedanke, sondern ein kleines bisschen Stolz, der da mitschwingt.

Und irgendwann, wenn (besser: falls) ich alt und in Rente bin, wird einer meiner Schüler Einkäufe für mich erledigen - tempus fugit!

post scriptum: Ha, wie herrlich, soeben wurde eine Postkarte bei mir eingeworfen - das erste Wort, das ich gelesen habe, lautet "SHE-LODHZ!". Natürlich weiß nur die große Buba, was damit gemeint ist; es hat mir so gut getan, die Karte zu lesen. Ich habe gelacht, bis ich Bauchkrämpfe bekam. Danke für ein Grinsen auf meinem Gesicht; wir sehen uns!