Donnerstag, 9. November 2017

Fünfhundert Beiträge: Ein Résumé

Wie sehen die Dinge knapp zwei Jahre später aus?

Wenn ich diesen Artikel veröffentliche, befinden sich auf diesem Blog fünfhundert Artikel online. Ich habe einige mehr geschrieben, manche sind wieder vom Netz genommen worden, manche noch unveröffentlicht, aber es ist eine gute Gelegenheit, um mal Bilanz zu ziehen. Wie hilarious sind diese times noch?

Ich habe vor knapp zwei Jahren angefangen, in diesem Blog zu schreiben, um mich vor totaler Perspektivlosigkeit in meiner letzten Phase ohne Arbeit zu schützen (es ist schade, dass diese Phasen für mich mittlerweile einen Wiedererkennungswert haben, aber so ist es nun mal, und ich trage ja auch selbst dazu bei, indem ich der Voreingenommenheit der Menschen aktiv Futter gebe). Ich habe mir gedacht, wenn ich jeden Tag einen Artikel schreibe, egal, worüber, egal, für wen, dann habe ich eine Regelmäßigkeit. Etwas, wofür es sich lohnt, wach zu werden, etwas, worauf ich zufrieden beim Einschlafen zurückblicken kann. Das Gefühl, etwas geschafft zu haben.

Deswegen waren mir die Klickzahlen auch vollkommen egal. Man kann ja hier immer sehen, wie oft ein Artikel angeklickt worden ist. Und ich fand es faszinierend, damals zu sehen, wow, meine ersten paar Artikel sind innerhalb eines Tages sechsmal aufgerufen worden! Und ich habe mir überlegt, wer diese sechs Menschen wohl sind, und was sie wohl gedacht haben, als sie diesen Gedankenoutput gelesen haben. Und als dann nach einigen weiteren Tagen sogar mehr als zehn Klicks angezeigt wurden, musste ich einfach grinsen. Das war das Gefühl von "Naja, egal ob positiv oder negativ, irgendwas scheint es ja zu bringen" - das war irgendwie ein Antrieb, weiter zu machen. Mittlerweile sind es mehr Klicks, das geht schneller, und ich schwanke zwischen Verwunderung ("Das ist doch meistens nur normaler Alltag, warum will irgendjemand das lesen?") und Freude ("Hey, es bringt ja doch irgendwas!").

Und hin und wieder bekomme ich ein Feedback - so wie gestern von einer ehemaligen Tutantin vor langer, langer Zeit an der Uni. Und wenn ich sowas lese, geht im Kopf schon wieder alles rund: Gedanken, ob der Blog nicht irgendwann zu redundant wird und ich es einfach lassen sollte, sind weggeblasen. Ich staune, wer alles diese Texte liest - das sind ganz enge Freunde, aber mittlerweile auch Menschen, mit denen ich vielleicht nie so viel zu tun hatte, aber mit denen mich scheinbar ein gemeinsames Interesse verbindet, sei es nun die hochbegabte Sichtweise, oder Begeisterung für ungewöhnliche Filme, oder die Liebe zu unserem Beruf - auch wenn ich sie momentan eben nicht ausleben kann.

Und das lässt mich daran denken, dass ich durch den Blog auch häufiger als früher gezwungen werde, mich mit Dingen auseinanderzusetzen, die für mich vielleicht erstmal unangenehm sind. Ich habe es immer geliebt, solche Situationen zu vermeiden: Wenn ich vor etwas Angst habe, na dann gehe ich einfach nicht dorthin. Wenn ein Thema Konfliktpotential bieten könnte, na dann rede ich einfach nicht mit der betreffenden Person darüber. Die Sannitanic hat mir irgendwann einmal erklärt, dass es tatsächlich so etwas wie eine Vermeidende Persönlichkeit gibt. Mir ist das besonders deutlich vor Augen geführt worden im Umgang mit jemandem, der genauso gern wie ich früher jegliches Konfliktpotential zu vermeiden sucht.

Was bedeutet das konkret im Hinblick auf diesen Blog? Ich muss mich auseinandersetzen mit anderen Sichtweisen und anderen Meinungen. Endlich sagen bzw. schreiben mir Menschen hier "Nein, ich glaube, das siehst du vollkommen falsch!" oder "Hast du darüber überhaupt schon einmal nachgedacht?"; während ich früher immer schnell eingeknickt bin und den Anderen beschwichtigt habe, weil es sich für mich unschön angefühlt hatte und ich das nicht länger als nötig ertragen wollte, stelle ich mich mittlerweile der Auseinandersetzung. Ich stelle mich den anderen Meinungen. Ich stelle mich den selbstschädigenden Aspekten meines Verhaltens. Ich stelle mich dem Umstand, dass Er immer noch in meinem Kopf ist. Ich stelle mich der Frage, warum ich keinen Job habe.

All' diese Auseinandersetzungen sind durch die Arbeit mit dem Blog angestoßen worden, und auch wenn es unangenehm ist, bin ich sehr dankbar dafür. Denn das bringt mich weiter, und zwar erheblich mehr als die Augenwischerei mancher Menschen, die es oberflächlich gut mit mir meinen. Erheblich mehr als das Feedback jener Mitmenschen, die mir nach dem Mund reden. Ich habe hier ab und an über Buddhismus berichtet und über Pema Chödrön; eines ihrer Bücher heißt Geh' an die Orte, die Du fürchtest, und mittlerweile verstehe ich die Denkweise dahinter vollkommen.

Ich lerne zuzugeben, dass mein Können und Wollen seine Grenzen hat. Ich lerne, zu sagen "Es tut mir leid, das kann ich nicht." "Das schaffe ich nicht allein." "Nein, das möchte ich nicht." "Kannst du mir dabei helfen?" Und ich lerne, dass ich anders sein darf. Dass ich mich damit nicht verstecken muss.

Ich stehe sozusagen im Dialog mit diesem Blog - ich gebe meine Gedanken hinein und werde auf vielerlei Weise zur Reflektion und Weiterentwicklung gebracht. Diese Arbeit ist mittlerweile weit mehr als nur die "Regelmäßigkeit in meinem Alltag", und genau deswegen ist es auch keine ernsthafte Frage mehr, ob die times noch hilarious genug sind, um weiter geführt zu werden.

Auf die nächsten fünfhundert! Und danke... Ihr helft mir manchmal mehr, als Ihr vielleicht denkt.

Euer Dr Hilarius

Mittwoch, 8. November 2017

Auf Entzug: Wenn der Affe klopft

Quelle - https://www.usnews.com/dims4/USNEWS/b297286/2147483647/thumbnail/970x647/quality/85/?url=http%3A%2F%2Fmedia.beam.usnews.com%2F06%2Fe7%2F29cd1d65416fad63701e1252725a%2F140512-smoking-editorial.jpg

Das gab es schonmal, aber heute ist etwas anders, für die Raucher unter den Lesern. Da ich selbst nicht rauche, ist die Gefühlsbeschreibung ein Schuss in's Blaue, aber ich versuch's mal. Und auch Nichtraucher sollten das lesen!

Schulschluss, puh, endlich fällt die Tür hinter mir in's Schloss und ich schalte ab. Die 8a war heute echt unruhig, sonst hab' ich die so gut im Griff, aber die wollten heute echt nicht. Und meine letzte Stunde ist irgendwie anders gelaufen, als ich mir das vorgestellt hatte, das war nicht rund. Ich setze mich. Nein, ich haue mich in die Kissen. Erstmal Ruhelage, keine Bewegung, keine Geräusche.  Erstmal eine Zigarette, und während ich die rauche, denke ich nach. Ein Zug... und ich lasse die Stunden Revue passieren. Warum hatte Claudia heute plötzlich die Haare kurz rasiert? Ob das die Klasse so in Unruhe gebracht hat? Noch ein Zug, und ich schaue die gegenüberliegende Wand an. Der Verkehr rauscht vorbei und tut gerade ganz gut, hilft, dass ich mich nicht vollkommen tot fühle. Und David, der ist spannend, der zieht irgendwie sein eigenes Ding durch... ein Zug...pffhhhhhhh......ich könnte mir vorstellen, dass der hochbegabt ist, und es erkennt nur niemand. Das würde alles passen...mist, die Asche ist auf der Schulter gelandet und rollt herunter, ich habe das Abklopfen vergessen. Ist aber gerade so ein richtig schöner Flow aus Zigarettenrauch, Nochmal-Erleben der Schulstunden und Runterkommen für die Aufgaben, die noch anstehen...

So in etwa kann es gehen, oder? Wenn noch Zigaretten da sind - fuck, ich wollte doch am Kiosk auf dem Heimweg ne Schachtel Kippen holen, ich klopfe die Jackentaschen ab, links das Portemonnaie, rechts die Schachtel, wie immer, nur ist die Schachtel leider leer. Ach scheiß, und der Zigarettenautomat unten an der Straße nimmt nur Bargeld, bisschen genervt bin ich jetzt schon, weil die 8a halt echt unruhig war, scheiße, passt jetzt genau in meinen Tag, dass auch noch die Zigis alle sind, und ich werde nervös, bin einfach nicht mehr gelassen, sollte mich auf andere Sachen konzentrieren, aber weil ich sehe, wie meine Hände fahrig werden, und weil ich merke, wie ich ein bisschen in's Schwitzen komme, werde ich immer wieder daran erinnert, dass ich keine Zigarette zur Hand habe, und ich schaue mich in der Wohnung um, als könnte ich durch Drehung des Kopfes bewirken, dass plötzlich die Marlboros da im dritten Regal von oben liegen, so wie sonst auch, scheiß, warum hab ich nicht rechtzeitig auf Vorrat gekauft?

Okay, Schluss damit. Ich wollte uns alle nur in die Stimmung bringen, die wir kennen: Wir möchten etwas genießen, wir brauchen etwas, wir haben es aber nicht. Denn von hier aus soll es weitergehen, es geht um das Gefühl, dass wir es wieder bekommen. Schachtel Zigaretten gezogen, endlich wieder in der Hand, endlich wieder in der Tasche, endlich wieder 'ne Stange im Haus, endlich wieder ein bisschen Vorrat, durchatmen. Zurücklehnen. Safe tonight. Kann weitergehen, ein entspanntes Lächeln kommt auf mein Gesicht, die Mundwinkel werden breiter, Augen zu, Blick nach oben, fallen lassen, alles wieder in Ordnung.

Genau darum geht's, und genau das Gefühl hatte ich heute an der Sky-Kasse, aber es hatte nichts mit psychoaktiven Substanzen zu tun. Kein Nikotin, kein Alkohol, nix da, sondern Schwachsinn. Anrempeln. An der Kasse vordrängeln. "Kannst du für mich mitbezahlen?" "Habt ihr gerade Freistunde oder warum seid ihr alle hier?" "Nein, wir haben Schulschluss und warten nur noch auf den Bus."

Ungelogen. In dieser Anstellschlange heute mittag bei Sky hatte ich dieses Gefühl. Diesen Genussmoment. Als sei ich von etwas abhängig, aber zur Zeit auf Entzug ("einen Affen schieben"), und dann bekomme ich wieder einen Rausch. Craving erfüllt. Ich halte in der Hand rechts Wäschestärke und links TK-Pizza und genieße die Schüler, etwa Klasse Sieben, und ich würde ihnen so gern sagen "Ich bin Lehrer."

Mir ist in dieser Anstellschlange bewusst geworden, dass ich wirklich wieder mit Schülern arbeiten will. Es war schön, einen Hauch von school life im Supermarkt zu bekommen.

Thanks for reading.

Dienstag, 7. November 2017

...das kenne ich doch?

Klar, ein Déjà Vu, aber was für Konsequenzen hat es in diesem Fall?

Es geht mal wieder um ein Gefühl. Es ist mitten in der letzten Nacht aufgetaucht und heute ist es besonders präsent. Vielleicht erkennt sich ja jemand wieder. Und ich versuche, diesen Beitrag möglichst ohne spoiler zu schreiben.

Vor Kurzem habe ich bei Facebook um Rat gefragt, ich war auf der Suche nach einem "Mindfuck-Movie", irgendwas in Richtung David Lynch, weil ich mal wieder etwas Neues erleben wollte. Ich bekam den Tipp, mir einmal die sechsteilige deutsche Serie Weinberg (2015) anzuschauen, da diese für deutsche Verhältnisse schön düster sei. Letzte Nacht habe ich mir also die erste Folge angeschaut - Zeit für ein bisschen Bewusstseinsstrom:

Okay, das ist also diese Serie... Tatsächlich düster, und diese Kamerawinkel... lustig, das ist fast ein bisschen wie bei "Twin Peaks"... ach sieh' an, die örtliche Weinkönigin ist ermordet worden? Sie war überall beliebt? Und es deutet sich an, dass sich hinter der ganzen schönen Fassade Abgründe verbergen, moment mal, das ist ja genau wie Twin Peaks! Oder kommt mir das nur so vor?

Ähnlich wie per Kursivschrift angedeutet, bin ich irgendwann während der Episode "rausgerissen" worden und fing an, meine Twin Peaks-Theorie weiter zu spinnen. Heute habe ich damit weiter gemacht, habe mir einen Zettel zur Hand genommen und mit "Ähnlichkeiten" überschrieben. Und die Liste wurde immer länger, immer länger, und dann konnte ich die zweite Episode irgendwann nicht mehr einfach so genießen, weil ich plötzlich völlig auf Twin Peaks gepolt war. "Ha, wetten, da kommt auch ein geistig beeinträchtiger Junge vor?" - solche Gedanken häuften sich, ich überlegte mir, was die Merkmale der amerikanischen Serie waren und ob sie im deutschen Weinberg auch auftauchen würden. Natürlich führte das auch dazu, dass ich zu Beginn der zweiten Episode meine Theorie zu Mörder und Hintergründen hatte.

Genug davon, keine spoiler. Kennt Ihr das? Ihr seht euch einen Film an und nach kurzer Zeit überkommt euch das Gefühl "...das kenne ich doch?"; mir geht es darum, was das Wiedererkennen mit der Zuschauerhaltung anstellt. Schon vor Ende meint man, alle Rollen zu kennen, man gleicht Musik, Optik und Charaktere miteinander ab. Das Genießen gerät ein bisschen in die zweite Reihe, weil unaufhörlich sämtliche Informationen des "Originals" durch den Kopf rattern...

...und manche Menschen, die vielleicht sowieso gern meckern, denken sich "Abklatsch!" und schalten ab. Kann ich sogar sehr gut verstehen. Denn ich gebe zu, mir fällt es selbst recht schwer, an den Rest der Serie objektiv, möglichst wenig voreingenommen ranzugehen. Sicherlich hat da auch die Hochbegabung ihren Anteil daran: Ich kann mein Gehirn nicht abschalten, Szenen der Originalserie laufen durch meinen Hinterkopf, während vorne die neue Version läuft, natürlich fange ich gleich an zu überlegen, was ich wohl besser finde, die Dialoge werden vergleichen, die Interaktionen der Charaktere, die Regiearbeit, das Ganze wird beinah zu einer wissenschaftlichen Arbeit.

Es dauert wirklich lang, bis ich irgendwann die Augen schließe, den Kopf schüttele und mir sage: "Okay, jetzt akzeptier' es einfach, Weinberg ist sehr stark durch Twin Peaks inspiriert, fertig, das macht es nicht zu einer schlechten Serie, und jetzt lehn' dich zurück und genieße es, denn..."

...die deutsche Auflage ist wirklich hervorragend. Visuell und akustisch ein Genuss, fragmentarische Erzählweise, eine wunderbare Gudrun Landgrebe und viel Denkfutter für das Gehirn.

Kurz gesagt:
Wer Twin Peaks mochte, wird Weinberg genießen.
Wer Weinberg mochte, wird Twin Peaks lieben.

Ein großes Dankeschön an Cord für den Tipp, jetzt gibt es hier die zweite Hälfte, eine atmosphärische Weinberg-Nacht.

post scriptum: Über "Amazon Prime" kann man die Serie kostenlos anschauen.

Montag, 6. November 2017

Der Prüfungszwirn

Das war mein Versuch eines Kompromisses beim Prüfungsoutfit - natürlich mit schwarzem Nagellack!

"So, Dr Hilarius, zu ihrer mündlichen Examensprüfung kommen sie aber mal in anständiger Kleidung, ja? Einmal in diesem Studium möchte ich sie in etwas eleganterem Outfit sehen." - "Ich schaue mal, was sich machen lässt."

So also mein Lateinprof, als es auf das letzte Semester an der Uni zuging, und er meinte das wirklich ernst. Ich scheine wohl hin und wieder nicht elegante Klamotten getragen zu haben. Aber warum überhaupt für die Prüfung umziehen? Der Großteil der Studenten macht das - und auch sehr viele Schüler, wenn es an die mündlichen Abschlussprüfungen geht. Warum? Damit sie sich noch mehr unter Druck gesetzt fühlen? Damit sie noch nervöser werden, noch mehr schwitzen, noch verkrampfter in den Zwirn gekrampft ihrer Prüfungskommission gegenüber sitzend innerlich beten, dass die Prüfung bald vorbei ist?

Wäre es nicht sinnvoller, wenn bequem das oberste Gebot bei der Wahl der Prüfungsklamotte ist? Warum das Ganze? Warum ziehen sich Menschen zu Prüfungen schick an? Ist das historisch gewachsen? Ich verstehe das nicht: Was hat meine Leistung in meiner Abschlussprüfung mit meinem Outfit zu tun? Welchen Effekt hat diese Oberflächlichkeit auf die Aussage über meine Eignung als Latinist/Anglist/whatever?

Mir reicht es schon, dass manche Berufe Dresscodes haben, die sich nicht in der berufsgebundenen Funktionalität begründen. Und dass meine Chancen einer Einstellung an einer Schule wegen meines Äußeren öfters zu leiden haben, habe ich auch schon ab und an erwähnt.

Es muss einfach in der menschlichen Oberflächlichkeit begründet sein, von der ich mich auch nicht freimachen kann, auch wenn ich es eigentlich gern würde.

Sonntag, 5. November 2017

Ich hasse Trends - leider...?

Dem Trend hinterherlaufen? Nicht mir mir...
Quelle: https://www.lean.org/LeanPost/Images/325_large.jpg

Verhaltensweisen. Immer wieder spannend. Und heute geht es um Trends, und wie ich eine Auto-Abneigung gegen Trends zu haben scheine: Wann immer ein Trend aufkommt, stelle ich mich dagegen, sperre mich, möchte mich bloß nicht der Masse anschließen. Und ich überlege immer wieder interessiert, womit das wohl zusammenhängen mag.

Nehmen wir als konkretes Beispiel Game of Thrones (meiner Faulheit geschuldet: GoT). Mir ist bewusst, dass nicht jeder die Serie schaut. Ich denke aber, dass ich sie getrost als ein Massenphänomen bezeichnen darf. Ich kann nicht mehr sagen, wie oft ich schon gefragt worden bin "Schaust du GoT?" - was ich wahrheitsgetreu verneine, dann ein oftmals verblüfftes "Oh..." bekomme und eine mögliche Konversation vor ihrer Entfaltung bewahrt habe. Scheinbar geht man als Teil der Trendgruppe davon aus, dass tatsächlich jeder GoT schaut.

Und das kann ich sogar verstehen: In meiner eigenen kleinen verdrehten Welt denke ich ja auch immer, wenn ich etwas gerade toll finde, dass das doch auch jeder Andere toll finden müsste - war ein großer Schritt, irgendwann einzusehen, dass es meistens nicht so sein muss. Insofern lasse ich jedem Trendanhänger gern diese Wahrnehmung und nehme das begeisterte, strahlende Gesicht bei "Schaust du GoT?" und das verschwundene Lächeln bei "Oh..." in Kauf. Deal with it.

Ist übrigens auch sehr beliebt bei Schülern, diese "Ernüchterung"; scheinbar unabhängig von Schulstandort und Schulform habe ich ein wiederkehrendes Muster beobachtet: Schüler sind misstrauisch ("der sieht komisch aus"), Schüler sind neugierig ("der versucht uns zu verstehen"), Schüler sind zufrieden ("der ist endlich mal anders/cool") - und dann folgt, dass die Schüler denken, nur weil ich anders bin, dass ich einer von ihnen bin und natürlich auch alle Trends mitmache, die bei ihnen gerade rumgehen. Und dann sind sie perplex, wenn ich ihnen erzähle, dass ich kein Handy benutze, kein WhatsApp habe, kein GoT schaue und noch weiteres: "Oh..." und das verschwundene Lächeln. (dass das einen pädagogischen Nutzen haben kann, habe ich hier schon öfters beschrieben - nicht heute schon wieder)


Warum sträube ich mich dagegen? Die Serie GoT soll, ganz objektiv betrachtet, der absolute Knüller sein! Und wahrscheinlich wäre ich auch hoch begeistert, wenn ich irgendwann über meinen Schatten spränge (sprünge?). Das ist schon oft passiert, dass ich Filme etc. "danach" echt gut fand. The Hunger Games, Harry Potter, Fack ju Göhte und noch viele mehr. Aber nicht, "wenn alle das toll finden" - dann "muss" ich scheinbar dagegen sein.

Ob das auch ein Ausdruck des Wunsches ist, mich als "anders" zu outen? Zu inszenieren? Hat das mit Hochbegabung zu tun? Habt Ihr auch hin und wieder solche Tendenzen, oder ist es für Euch vollkommen irrelevant, wie populär eine Sache gerade ist? Ich glaube, das wäre der normale Fall, oder? Oder wäre normal genau das Gegenteil von meiner Denkweise, also: "Oh, das ist gerade total in, das schauen/lesen/hören gerade alle, da muss ich dabei sein!"

Oder versteckt sich dahinter der Gedanke, dass ich kein Herdentier sein möchte? Wie aber ist es, wenn ausnahmsweise ich selbst der Trendsetter bin? Das ist natürlich ein seltener Fall - wenn, dann taucht das nur bei Schülern auf (darüber habe ich einmal geschrieben) - aber es kommt vor. Genieße ich es dann nicht, Teil von etwas zu sein? Gibt es die generelle Unterscheidung, eher Anführer oder eher "Mitläufer" sein zu wollen?

Am Ende all' dieser Fragen bleibt, dass ich mit GoT noch warte, bis kaum noch jemand darüber spricht. Und dann schaue ich die Serie, werde hellauf begeistert davon sein und mich mal wieder fragen, warum ich mir selbst so lange im Weg gestanden habe (deswegen auch das "leider?" im Titel). Und mit dem Handy wird es genauso sein.

Freitag, 3. November 2017

Filmkritik

Er nimmt kein Blatt vor den Mund - und das ist auch gut so, denn dadurch weiß ich, dass ich ihn beim Wort nehmen kann. Ich habe gelernt, dass das unglaublich wertvoll ist - weil das eben nicht so oft vorkommt.

Ich nutze Teile meiner freien Zeit, um mir "neue" Filme anzuschauen, besser gesagt "mir unbekannte Filme". Gerade eben ging Zeugin der Anklage (1957) zu Ende, und ich habe gelacht, ich war gespannt, das ist schon eine sehr gute Verfilmung von Agatha Christies Theaterstück. Dabei wollte ich das eigentlich gar nicht sehen - Media Markt hat für acht Euro die 2D/3D-Version der Tribute von Panem: Mockingjay Teil 2 verteilt, ich habe zugegriffen. Zwölf Minuten reingeschaut, doch dann kam mir die Idee, dass ich gerne wieder richtig gute Filme sehen wollte. Amazon Prime kann da echt hilfreich sein, und so bin ich eher zufällig bei diesem Film gelandet, den ich schon seit Jahren mal sehen wollte. Und was für ein Genuss das war - Charles Laughton als Anwalt der Verteidigung legt eine unglaublich gute Performance hin - und ebenso überzeugend ist Marlene Dietrich. Sorry, Katniss, das war heute einfach besser.

Das lässt mich wieder an "alte Filme" denken. Und macht Lust auf mehr. Diese Filme nehme ich echter wahr, damals gab es noch kein CGI, das war richtige Filmkunst, und ich mag es, Kunst zu rezipieren. Und lest da bitte keine Abneigung gegenüber CGI rein - ich finde es toll, was man mit Computern heutzutage alles machen kann.

Ich möchte "lernen", was alte Filme auszeichnet. Mal schauen, vielleicht hat ja Jay ein paar Tipps für mich parat, der hat nämlich zum Film promoviert. Und wenn ich dann mal Lust habe auf einen richtig guten Film? Wie finde ich raus, ob das ein guter Film ist? Ich hab erst relativ spät kapiert, dass die IMDb nicht Qualität, sondern Popularität widerspiegelt. Aber es gibt ja reichlich Rezensenten im world wide web.

Nehmen wir doch einfach das Lexikon des Internationalen Films, das klingt wichtig, das ist bestimmt gut. ...oder auch nicht, denn dieses Lexikon zerlegt sich mit Rezensionen wie dieser zu Suspiria selbst: "Dümmliche Mischung aus Horror und Okkultismus, die auf grobe Effekte setzt und die Atmosphäre völlig vernachlässigt." Suspiria sei ohne Atmosphäre? Nun gut, dann weiß ich, dass ich diese Quelle also nicht ernst nehmen kann.

Machen wir es kurz: Ich bin von Roger Ebert bisher noch nie enttäuscht worden. 2013 hat die Filmwelt eine Institution verloren. Ich mag es einfach, dass Ebert unvoreingenommen an die Filme geht - und eine Menge Ahnung hat. Bei ihm bekommt auch ein Splatterfilm mal eine sehr gute Wertung (Evil Dead 2); er gibt mir immer gute Denkimpulse. Manchmal kommt es vor, dass ich mit seiner Meinung überhaupt nicht übereinstimme; wunderbar, das regt zum Überdenken der eigenen Meinung an.

Ich muss mal schauen; er hat eine Liste von Great Movies erstellt, ich glaube, da werde ich mich (sofern dank Amazon Prime möglich) in den nächsten Tagen durcharbeiten. Es gibt so tolle Filme da draußen, gebt Euch nicht der Voreingenommenheit hin!

Und für mich gibt es nachher Sunset Boulevard (1950)...

Mittwoch, 1. November 2017

Ein schmaler Grat

VORSICHT - das kann böse enden...

Ich habe neulich etwas über Verantwortung geschrieben, und darüber, wie ungern ich eigentlich Verantwortung für andere Menschen übernehme - aus Angst, ich könnte irgendwann einen Unfall des Anderen, ein Missgeschick o.ä. zu verantworten haben und mir Vorwürfe machen zu müssen. Mir ist beim Nachdenken darüber noch ein anderes Beispiel eingefallen: Ich übernehme in meiner Präventionsarbeit öfters Verantwortung, als es mir vielleicht bewusst ist, weil manche User sich auf meine Ratschläge und Warnungen verlassen. Ein unvorsichtiger, nicht gut durchdachter Rat kann im schlimmsten Fall verheerende Konsequenzen für den Anderen haben.

Es gibt Tendenzen in der Drogenarbeit, die da behaupten, Abstinenz sei die optimale Lösung. Dass es nicht so ist, habe ich im Beitrag zum Thema "Drogenmündigkeit" beschrieben. Da es in der Regel nicht funktioniert, die Menschen von ihrem Konsum abzuhalten, versucht man, ihnen Tipps auf den Weg mitzugeben, nach dem Prinzip der harm reduction, der Schadensminimierung. Leider lassen sich solche Tipps oft als "Anregung zum Konsum" lesen und werden von konservativen Standpunkten als "Verführung" gedeutet, die nichts mehr mit Präventionsarbeit zu tun hat. Unsere Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, tickt so - und das wird sich leider nicht so schnell ändern; wäre schön, wenn FDP- und Grünen-Einfluss daran etwas ändern könnten.

Ich versuche, ein möglichst konkretes Beispiel zu finden, ohne dass ich hier jemanden auf Ideen bringe. Ich fürchte nur, ganz ohne Ideen wird es nicht gehen. Denn genau diesen schmalen Grat wandere ich immer wieder auf's Neue - Helfe ich jetzt einem Drogenkonsumenten, oder stürze ich ihn dadurch noch tiefer in sein Konsummuster hinein? Ich entscheide mich für das Beispiel Codein.

Codein ist ein Opiat mit einem breiten Einsatzsspektrum, hauptsächlich wird es entweder zur Unterdrückung von Reizhusten oder als Schmerzmittel verschrieben. Bei Menschen, die noch nicht viel Erfahrungen mit Opiaten gesammelt haben, ist Codein beliebt; wer bereits eine hohe Opiattoleranz hat, wird damit wegen des ceiling effects nicht mehr viel anfangen können. Aber Fachbegriffe beiseite. Manch' ein Drogenkonsument besucht also den einen oder anderen Arzt, hustet dort herum in der Hoffnung, Codein verschrieben zu bekommen. Er kann Glück oder Pech haben: Er bekommt ein Rezept oder eben nicht.

Es gibt allerdings auch eine nur halbwegs "erfolgreiche" Variante: Man bekommt ein Kombipräparat verschrieben. Codein wird sehr oft mit Paracetamol kombiniert verschrieben, oft auch mit ASS oder gelegentlich mit Diclofenac, allesamt Schmerzmittel, deren Effekte durch die Kombiwirkung verstärkt werden sollen. Wenn man nur des Codeins wegen gekommen ist, steht man vor einem Problem.

"Wieso?" fragen sich leider sehr viele unerfahrene Konsumenten. Ein Rechenbeispiel: Für einen entspannenden Rausch brauche ich 240mg Codein (je nach Körpergewicht, Toleranz und Empfindlichkeit). Eine Tablette des Kombipräparates XY enthält 30mg Codein, okay, also nehme ich einfach acht Tabletten. Was ich nicht bedacht habe: Jede Tablette enthält außerdem 500mg Paracetamol. Ich nehme also gleichzeitig 4000mg Paracetamol zu mir, und das kann ganz übel enden, denn Paracetamol wirkt hepatoxisch, belastet also (außerhalb des therapeutischen Dosisbereichs) die Leber sehr stark. Das kann zu einem Leberversagen und - im schlimmsten Fall - zum Tod führen.

Es ist immer wieder erschreckend, wie viele Neukonsumenten (gerade im jüngeren Alter) noch nicht einmal um diesen Umstand wissen (Drogenmündigkeit Säule 1: Substanzwissen). Doch selbst mit diesem Wissen scheuen sich viele dem Rausch zuliebe nicht davor, ihrem Körper eine gewaltige Belastung zuzumuten. Dabei könnte die Gefahr mit einer einfachen Methode extrem verringert werden. Und mein schmaler Grat sieht so aus: Lasse ich den Konsumenten weiterhin blindlings in's Krankenhaus laufen oder "verrate" ich ihm diese Methode, auf die Gefahr hin, dass ich ihm den Codeinkonsum für die Zukunft damit noch schmackhafter mache?

Manche Drogenforen haben da eine ganz klare Richtlinie: Keine Anleitungen posten! Und das ist auch nachvollziehbar - gerade weil diese Seiten für viele Menschen einsehbar sind. Im persönlichen Gespräch aber würde ich in diesem Fall immer wieder die Methode, die sogenannte Kaltwasserextraktion (KWE) erklären. Mit ihr kann man einen Großteil des enthaltenen Paracetamols vom Codein trennen und nimmt in der Folge weniger davon zu sich.

Da dieser Blog für die Öffentlichkeit einsehbar ist, sieht meine Gratwanderung diesmal so aus, dass ich zwar die KWE namentlich erwähne, aber keine detaillierte Extraktionsanleitung gebe. Ich wollte es nur als Beispiel verwenden, denn ich muss mich jedesmal wieder fragen: Kann ich es verantworten, diesem User die Anleitung mitzugeben? Wenn ich bedenke, dass ich ihn auf diese Weise vor einem Krankenhausaufenthalt oder Schlimmerem bewahren kann - dann tue ich das.

Ist es verantwortungslos, Safer Use zu unterstützen, bzw. dabei zu helfen?

(Auch in der Fragestellung interessant: Druck-Checking; werde ich ein andermal hier thematisieren)