Dienstag, 7. November 2017

...das kenne ich doch?

Klar, ein Déjà Vu, aber was für Konsequenzen hat es in diesem Fall?

Es geht mal wieder um ein Gefühl. Es ist mitten in der letzten Nacht aufgetaucht und heute ist es besonders präsent. Vielleicht erkennt sich ja jemand wieder. Und ich versuche, diesen Beitrag möglichst ohne spoiler zu schreiben.

Vor Kurzem habe ich bei Facebook um Rat gefragt, ich war auf der Suche nach einem "Mindfuck-Movie", irgendwas in Richtung David Lynch, weil ich mal wieder etwas Neues erleben wollte. Ich bekam den Tipp, mir einmal die sechsteilige deutsche Serie Weinberg (2015) anzuschauen, da diese für deutsche Verhältnisse schön düster sei. Letzte Nacht habe ich mir also die erste Folge angeschaut - Zeit für ein bisschen Bewusstseinsstrom:

Okay, das ist also diese Serie... Tatsächlich düster, und diese Kamerawinkel... lustig, das ist fast ein bisschen wie bei "Twin Peaks"... ach sieh' an, die örtliche Weinkönigin ist ermordet worden? Sie war überall beliebt? Und es deutet sich an, dass sich hinter der ganzen schönen Fassade Abgründe verbergen, moment mal, das ist ja genau wie Twin Peaks! Oder kommt mir das nur so vor?

Ähnlich wie per Kursivschrift angedeutet, bin ich irgendwann während der Episode "rausgerissen" worden und fing an, meine Twin Peaks-Theorie weiter zu spinnen. Heute habe ich damit weiter gemacht, habe mir einen Zettel zur Hand genommen und mit "Ähnlichkeiten" überschrieben. Und die Liste wurde immer länger, immer länger, und dann konnte ich die zweite Episode irgendwann nicht mehr einfach so genießen, weil ich plötzlich völlig auf Twin Peaks gepolt war. "Ha, wetten, da kommt auch ein geistig beeinträchtiger Junge vor?" - solche Gedanken häuften sich, ich überlegte mir, was die Merkmale der amerikanischen Serie waren und ob sie im deutschen Weinberg auch auftauchen würden. Natürlich führte das auch dazu, dass ich zu Beginn der zweiten Episode meine Theorie zu Mörder und Hintergründen hatte.

Genug davon, keine spoiler. Kennt Ihr das? Ihr seht euch einen Film an und nach kurzer Zeit überkommt euch das Gefühl "...das kenne ich doch?"; mir geht es darum, was das Wiedererkennen mit der Zuschauerhaltung anstellt. Schon vor Ende meint man, alle Rollen zu kennen, man gleicht Musik, Optik und Charaktere miteinander ab. Das Genießen gerät ein bisschen in die zweite Reihe, weil unaufhörlich sämtliche Informationen des "Originals" durch den Kopf rattern...

...und manche Menschen, die vielleicht sowieso gern meckern, denken sich "Abklatsch!" und schalten ab. Kann ich sogar sehr gut verstehen. Denn ich gebe zu, mir fällt es selbst recht schwer, an den Rest der Serie objektiv, möglichst wenig voreingenommen ranzugehen. Sicherlich hat da auch die Hochbegabung ihren Anteil daran: Ich kann mein Gehirn nicht abschalten, Szenen der Originalserie laufen durch meinen Hinterkopf, während vorne die neue Version läuft, natürlich fange ich gleich an zu überlegen, was ich wohl besser finde, die Dialoge werden vergleichen, die Interaktionen der Charaktere, die Regiearbeit, das Ganze wird beinah zu einer wissenschaftlichen Arbeit.

Es dauert wirklich lang, bis ich irgendwann die Augen schließe, den Kopf schüttele und mir sage: "Okay, jetzt akzeptier' es einfach, Weinberg ist sehr stark durch Twin Peaks inspiriert, fertig, das macht es nicht zu einer schlechten Serie, und jetzt lehn' dich zurück und genieße es, denn..."

...die deutsche Auflage ist wirklich hervorragend. Visuell und akustisch ein Genuss, fragmentarische Erzählweise, eine wunderbare Gudrun Landgrebe und viel Denkfutter für das Gehirn.

Kurz gesagt:
Wer Twin Peaks mochte, wird Weinberg genießen.
Wer Weinberg mochte, wird Twin Peaks lieben.

Ein großes Dankeschön an Cord für den Tipp, jetzt gibt es hier die zweite Hälfte, eine atmosphärische Weinberg-Nacht.

post scriptum: Über "Amazon Prime" kann man die Serie kostenlos anschauen.

Montag, 6. November 2017

Der Prüfungszwirn

Das war mein Versuch eines Kompromisses beim Prüfungsoutfit - natürlich mit schwarzem Nagellack!

"So, Dr Hilarius, zu ihrer mündlichen Examensprüfung kommen sie aber mal in anständiger Kleidung, ja? Einmal in diesem Studium möchte ich sie in etwas eleganterem Outfit sehen." - "Ich schaue mal, was sich machen lässt."

So also mein Lateinprof, als es auf das letzte Semester an der Uni zuging, und er meinte das wirklich ernst. Ich scheine wohl hin und wieder nicht elegante Klamotten getragen zu haben. Aber warum überhaupt für die Prüfung umziehen? Der Großteil der Studenten macht das - und auch sehr viele Schüler, wenn es an die mündlichen Abschlussprüfungen geht. Warum? Damit sie sich noch mehr unter Druck gesetzt fühlen? Damit sie noch nervöser werden, noch mehr schwitzen, noch verkrampfter in den Zwirn gekrampft ihrer Prüfungskommission gegenüber sitzend innerlich beten, dass die Prüfung bald vorbei ist?

Wäre es nicht sinnvoller, wenn bequem das oberste Gebot bei der Wahl der Prüfungsklamotte ist? Warum das Ganze? Warum ziehen sich Menschen zu Prüfungen schick an? Ist das historisch gewachsen? Ich verstehe das nicht: Was hat meine Leistung in meiner Abschlussprüfung mit meinem Outfit zu tun? Welchen Effekt hat diese Oberflächlichkeit auf die Aussage über meine Eignung als Latinist/Anglist/whatever?

Mir reicht es schon, dass manche Berufe Dresscodes haben, die sich nicht in der berufsgebundenen Funktionalität begründen. Und dass meine Chancen einer Einstellung an einer Schule wegen meines Äußeren öfters zu leiden haben, habe ich auch schon ab und an erwähnt.

Es muss einfach in der menschlichen Oberflächlichkeit begründet sein, von der ich mich auch nicht freimachen kann, auch wenn ich es eigentlich gern würde.

Sonntag, 5. November 2017

Ich hasse Trends - leider...?

Dem Trend hinterherlaufen? Nicht mir mir...
Quelle: https://www.lean.org/LeanPost/Images/325_large.jpg

Verhaltensweisen. Immer wieder spannend. Und heute geht es um Trends, und wie ich eine Auto-Abneigung gegen Trends zu haben scheine: Wann immer ein Trend aufkommt, stelle ich mich dagegen, sperre mich, möchte mich bloß nicht der Masse anschließen. Und ich überlege immer wieder interessiert, womit das wohl zusammenhängen mag.

Nehmen wir als konkretes Beispiel Game of Thrones (meiner Faulheit geschuldet: GoT). Mir ist bewusst, dass nicht jeder die Serie schaut. Ich denke aber, dass ich sie getrost als ein Massenphänomen bezeichnen darf. Ich kann nicht mehr sagen, wie oft ich schon gefragt worden bin "Schaust du GoT?" - was ich wahrheitsgetreu verneine, dann ein oftmals verblüfftes "Oh..." bekomme und eine mögliche Konversation vor ihrer Entfaltung bewahrt habe. Scheinbar geht man als Teil der Trendgruppe davon aus, dass tatsächlich jeder GoT schaut.

Und das kann ich sogar verstehen: In meiner eigenen kleinen verdrehten Welt denke ich ja auch immer, wenn ich etwas gerade toll finde, dass das doch auch jeder Andere toll finden müsste - war ein großer Schritt, irgendwann einzusehen, dass es meistens nicht so sein muss. Insofern lasse ich jedem Trendanhänger gern diese Wahrnehmung und nehme das begeisterte, strahlende Gesicht bei "Schaust du GoT?" und das verschwundene Lächeln bei "Oh..." in Kauf. Deal with it.

Ist übrigens auch sehr beliebt bei Schülern, diese "Ernüchterung"; scheinbar unabhängig von Schulstandort und Schulform habe ich ein wiederkehrendes Muster beobachtet: Schüler sind misstrauisch ("der sieht komisch aus"), Schüler sind neugierig ("der versucht uns zu verstehen"), Schüler sind zufrieden ("der ist endlich mal anders/cool") - und dann folgt, dass die Schüler denken, nur weil ich anders bin, dass ich einer von ihnen bin und natürlich auch alle Trends mitmache, die bei ihnen gerade rumgehen. Und dann sind sie perplex, wenn ich ihnen erzähle, dass ich kein Handy benutze, kein WhatsApp habe, kein GoT schaue und noch weiteres: "Oh..." und das verschwundene Lächeln. (dass das einen pädagogischen Nutzen haben kann, habe ich hier schon öfters beschrieben - nicht heute schon wieder)


Warum sträube ich mich dagegen? Die Serie GoT soll, ganz objektiv betrachtet, der absolute Knüller sein! Und wahrscheinlich wäre ich auch hoch begeistert, wenn ich irgendwann über meinen Schatten spränge (sprünge?). Das ist schon oft passiert, dass ich Filme etc. "danach" echt gut fand. The Hunger Games, Harry Potter, Fack ju Göhte und noch viele mehr. Aber nicht, "wenn alle das toll finden" - dann "muss" ich scheinbar dagegen sein.

Ob das auch ein Ausdruck des Wunsches ist, mich als "anders" zu outen? Zu inszenieren? Hat das mit Hochbegabung zu tun? Habt Ihr auch hin und wieder solche Tendenzen, oder ist es für Euch vollkommen irrelevant, wie populär eine Sache gerade ist? Ich glaube, das wäre der normale Fall, oder? Oder wäre normal genau das Gegenteil von meiner Denkweise, also: "Oh, das ist gerade total in, das schauen/lesen/hören gerade alle, da muss ich dabei sein!"

Oder versteckt sich dahinter der Gedanke, dass ich kein Herdentier sein möchte? Wie aber ist es, wenn ausnahmsweise ich selbst der Trendsetter bin? Das ist natürlich ein seltener Fall - wenn, dann taucht das nur bei Schülern auf (darüber habe ich einmal geschrieben) - aber es kommt vor. Genieße ich es dann nicht, Teil von etwas zu sein? Gibt es die generelle Unterscheidung, eher Anführer oder eher "Mitläufer" sein zu wollen?

Am Ende all' dieser Fragen bleibt, dass ich mit GoT noch warte, bis kaum noch jemand darüber spricht. Und dann schaue ich die Serie, werde hellauf begeistert davon sein und mich mal wieder fragen, warum ich mir selbst so lange im Weg gestanden habe (deswegen auch das "leider?" im Titel). Und mit dem Handy wird es genauso sein.

Freitag, 3. November 2017

Filmkritik

Er nimmt kein Blatt vor den Mund - und das ist auch gut so, denn dadurch weiß ich, dass ich ihn beim Wort nehmen kann. Ich habe gelernt, dass das unglaublich wertvoll ist - weil das eben nicht so oft vorkommt.

Ich nutze Teile meiner freien Zeit, um mir "neue" Filme anzuschauen, besser gesagt "mir unbekannte Filme". Gerade eben ging Zeugin der Anklage (1957) zu Ende, und ich habe gelacht, ich war gespannt, das ist schon eine sehr gute Verfilmung von Agatha Christies Theaterstück. Dabei wollte ich das eigentlich gar nicht sehen - Media Markt hat für acht Euro die 2D/3D-Version der Tribute von Panem: Mockingjay Teil 2 verteilt, ich habe zugegriffen. Zwölf Minuten reingeschaut, doch dann kam mir die Idee, dass ich gerne wieder richtig gute Filme sehen wollte. Amazon Prime kann da echt hilfreich sein, und so bin ich eher zufällig bei diesem Film gelandet, den ich schon seit Jahren mal sehen wollte. Und was für ein Genuss das war - Charles Laughton als Anwalt der Verteidigung legt eine unglaublich gute Performance hin - und ebenso überzeugend ist Marlene Dietrich. Sorry, Katniss, das war heute einfach besser.

Das lässt mich wieder an "alte Filme" denken. Und macht Lust auf mehr. Diese Filme nehme ich echter wahr, damals gab es noch kein CGI, das war richtige Filmkunst, und ich mag es, Kunst zu rezipieren. Und lest da bitte keine Abneigung gegenüber CGI rein - ich finde es toll, was man mit Computern heutzutage alles machen kann.

Ich möchte "lernen", was alte Filme auszeichnet. Mal schauen, vielleicht hat ja Jay ein paar Tipps für mich parat, der hat nämlich zum Film promoviert. Und wenn ich dann mal Lust habe auf einen richtig guten Film? Wie finde ich raus, ob das ein guter Film ist? Ich hab erst relativ spät kapiert, dass die IMDb nicht Qualität, sondern Popularität widerspiegelt. Aber es gibt ja reichlich Rezensenten im world wide web.

Nehmen wir doch einfach das Lexikon des Internationalen Films, das klingt wichtig, das ist bestimmt gut. ...oder auch nicht, denn dieses Lexikon zerlegt sich mit Rezensionen wie dieser zu Suspiria selbst: "Dümmliche Mischung aus Horror und Okkultismus, die auf grobe Effekte setzt und die Atmosphäre völlig vernachlässigt." Suspiria sei ohne Atmosphäre? Nun gut, dann weiß ich, dass ich diese Quelle also nicht ernst nehmen kann.

Machen wir es kurz: Ich bin von Roger Ebert bisher noch nie enttäuscht worden. 2013 hat die Filmwelt eine Institution verloren. Ich mag es einfach, dass Ebert unvoreingenommen an die Filme geht - und eine Menge Ahnung hat. Bei ihm bekommt auch ein Splatterfilm mal eine sehr gute Wertung (Evil Dead 2); er gibt mir immer gute Denkimpulse. Manchmal kommt es vor, dass ich mit seiner Meinung überhaupt nicht übereinstimme; wunderbar, das regt zum Überdenken der eigenen Meinung an.

Ich muss mal schauen; er hat eine Liste von Great Movies erstellt, ich glaube, da werde ich mich (sofern dank Amazon Prime möglich) in den nächsten Tagen durcharbeiten. Es gibt so tolle Filme da draußen, gebt Euch nicht der Voreingenommenheit hin!

Und für mich gibt es nachher Sunset Boulevard (1950)...

Mittwoch, 1. November 2017

Ein schmaler Grat

VORSICHT - das kann böse enden...

Ich habe neulich etwas über Verantwortung geschrieben, und darüber, wie ungern ich eigentlich Verantwortung für andere Menschen übernehme - aus Angst, ich könnte irgendwann einen Unfall des Anderen, ein Missgeschick o.ä. zu verantworten haben und mir Vorwürfe machen zu müssen. Mir ist beim Nachdenken darüber noch ein anderes Beispiel eingefallen: Ich übernehme in meiner Präventionsarbeit öfters Verantwortung, als es mir vielleicht bewusst ist, weil manche User sich auf meine Ratschläge und Warnungen verlassen. Ein unvorsichtiger, nicht gut durchdachter Rat kann im schlimmsten Fall verheerende Konsequenzen für den Anderen haben.

Es gibt Tendenzen in der Drogenarbeit, die da behaupten, Abstinenz sei die optimale Lösung. Dass es nicht so ist, habe ich im Beitrag zum Thema "Drogenmündigkeit" beschrieben. Da es in der Regel nicht funktioniert, die Menschen von ihrem Konsum abzuhalten, versucht man, ihnen Tipps auf den Weg mitzugeben, nach dem Prinzip der harm reduction, der Schadensminimierung. Leider lassen sich solche Tipps oft als "Anregung zum Konsum" lesen und werden von konservativen Standpunkten als "Verführung" gedeutet, die nichts mehr mit Präventionsarbeit zu tun hat. Unsere Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, tickt so - und das wird sich leider nicht so schnell ändern; wäre schön, wenn FDP- und Grünen-Einfluss daran etwas ändern könnten.

Ich versuche, ein möglichst konkretes Beispiel zu finden, ohne dass ich hier jemanden auf Ideen bringe. Ich fürchte nur, ganz ohne Ideen wird es nicht gehen. Denn genau diesen schmalen Grat wandere ich immer wieder auf's Neue - Helfe ich jetzt einem Drogenkonsumenten, oder stürze ich ihn dadurch noch tiefer in sein Konsummuster hinein? Ich entscheide mich für das Beispiel Codein.

Codein ist ein Opiat mit einem breiten Einsatzsspektrum, hauptsächlich wird es entweder zur Unterdrückung von Reizhusten oder als Schmerzmittel verschrieben. Bei Menschen, die noch nicht viel Erfahrungen mit Opiaten gesammelt haben, ist Codein beliebt; wer bereits eine hohe Opiattoleranz hat, wird damit wegen des ceiling effects nicht mehr viel anfangen können. Aber Fachbegriffe beiseite. Manch' ein Drogenkonsument besucht also den einen oder anderen Arzt, hustet dort herum in der Hoffnung, Codein verschrieben zu bekommen. Er kann Glück oder Pech haben: Er bekommt ein Rezept oder eben nicht.

Es gibt allerdings auch eine nur halbwegs "erfolgreiche" Variante: Man bekommt ein Kombipräparat verschrieben. Codein wird sehr oft mit Paracetamol kombiniert verschrieben, oft auch mit ASS oder gelegentlich mit Diclofenac, allesamt Schmerzmittel, deren Effekte durch die Kombiwirkung verstärkt werden sollen. Wenn man nur des Codeins wegen gekommen ist, steht man vor einem Problem.

"Wieso?" fragen sich leider sehr viele unerfahrene Konsumenten. Ein Rechenbeispiel: Für einen entspannenden Rausch brauche ich 240mg Codein (je nach Körpergewicht, Toleranz und Empfindlichkeit). Eine Tablette des Kombipräparates XY enthält 30mg Codein, okay, also nehme ich einfach acht Tabletten. Was ich nicht bedacht habe: Jede Tablette enthält außerdem 500mg Paracetamol. Ich nehme also gleichzeitig 4000mg Paracetamol zu mir, und das kann ganz übel enden, denn Paracetamol wirkt hepatoxisch, belastet also (außerhalb des therapeutischen Dosisbereichs) die Leber sehr stark. Das kann zu einem Leberversagen und - im schlimmsten Fall - zum Tod führen.

Es ist immer wieder erschreckend, wie viele Neukonsumenten (gerade im jüngeren Alter) noch nicht einmal um diesen Umstand wissen (Drogenmündigkeit Säule 1: Substanzwissen). Doch selbst mit diesem Wissen scheuen sich viele dem Rausch zuliebe nicht davor, ihrem Körper eine gewaltige Belastung zuzumuten. Dabei könnte die Gefahr mit einer einfachen Methode extrem verringert werden. Und mein schmaler Grat sieht so aus: Lasse ich den Konsumenten weiterhin blindlings in's Krankenhaus laufen oder "verrate" ich ihm diese Methode, auf die Gefahr hin, dass ich ihm den Codeinkonsum für die Zukunft damit noch schmackhafter mache?

Manche Drogenforen haben da eine ganz klare Richtlinie: Keine Anleitungen posten! Und das ist auch nachvollziehbar - gerade weil diese Seiten für viele Menschen einsehbar sind. Im persönlichen Gespräch aber würde ich in diesem Fall immer wieder die Methode, die sogenannte Kaltwasserextraktion (KWE) erklären. Mit ihr kann man einen Großteil des enthaltenen Paracetamols vom Codein trennen und nimmt in der Folge weniger davon zu sich.

Da dieser Blog für die Öffentlichkeit einsehbar ist, sieht meine Gratwanderung diesmal so aus, dass ich zwar die KWE namentlich erwähne, aber keine detaillierte Extraktionsanleitung gebe. Ich wollte es nur als Beispiel verwenden, denn ich muss mich jedesmal wieder fragen: Kann ich es verantworten, diesem User die Anleitung mitzugeben? Wenn ich bedenke, dass ich ihn auf diese Weise vor einem Krankenhausaufenthalt oder Schlimmerem bewahren kann - dann tue ich das.

Ist es verantwortungslos, Safer Use zu unterstützen, bzw. dabei zu helfen?

(Auch in der Fragestellung interessant: Druck-Checking; werde ich ein andermal hier thematisieren)

Dienstag, 31. Oktober 2017

Kann nur schlechter werden?

Quelle: http://www.joblo.com/images_arrownews/suspiria-2017.jpg

Kann nur schlechter werden, das war mein erster Gedanke, als ich gelesen hatte, dass nun endlich ein Remake von Dario Argentos Horrorfilm Suspiria (1977) in die Kinos kommen soll.

Ich frage mich immer, wozu man Remakes macht. Bei Videospielen taucht es ab und an auf, dass die Macher eines Spiels die Kritiken der Spieler ernst nehmen und eine Neuauflage herausbringen, bei der die Kritikpunkte ausgebessert worden sind. Kann ich verstehen, finde ich gut. Aber bei Filmen?

Mir fallen spontan zwei Fälle ein, in denen der Film gelitten hat, nämlich Gus Van Sants Neuverfilmung von Psycho (1998) und Jan De Bonts Neuauflage von The Haunting (1963), unter dem Titel Das Geisterschloss (1999). Da muss man sich die Frage stellen, warum ein Film, der im Original so gut war, überhaupt neu verfilmt werden muss. Dann kommen Totschlagargumente - "An die Generation Internet anpassen", "für die heutige Jugend zugänglich machen" - als müssten Neuauflagen per se schon einmal einige Niveaus tiefer angesiedelt werden.

Wollen wir doch mal schauen, an welchen Stellen Suspiria denn etwas frischen Wind vertragen könnte. Die Story ist relativ schnell erzählt, die Ballettschülerin Suzy Bannion beginnt einen Kurs in der berühmten Freiburger Tanz-Akademie (inklusive Internat; das Remake spielt im Berlin der Siebziger), allerdings merkt sie sehr schnell, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Das merkt man als Zuschauer ebenfalls in jeder Szene - Argento hat ein Auge für Details und präsentiert uns bereits in der ersten Szene, Suzys Ankunft am Flughafen, surreale Perspektiven: Ob das Remake auch die intensive Ausleuchtung der alltäglichsten Orte mit den Farben Rot, Grün und Blau vornimmt? Ob es auch ein Closeup der Automatiktür am Eingang zur Wartehalle unheimlich und bedrohlich wirken lassen kann? Ich bin sicherlich nicht der Einzige, der so gespannt und kritisch auf die Neuverfilmung zugeht. Die Taxifahrt zur Tanzakademie dürfte eine der Szenen darstellen, an denen der Film gemessen wird: Wie wird das Wetter? Wird es im Tunnel regnen? Wie viele Lichteffekte werden verwendet, wie wird der Soundtrack? Wie creepy wird der Taxifahrer?

Und spätestens jetzt überlege ich, wie das Remake besetzt wird. Dario Argento und Daria Nicolodi hatten in ihrem Original ganz klare Vorstellungen: Die Tanzschülerinnen sollten so jung wie möglich sein, idealerweise noch Kinder (deswegen war Jessica Harper mit ihren großen Augen als Suzy ein Volltreffer, und deswegen hat man damals alle Türklinken im Schulgebäude möglichst hoch angebracht - um die Schülerinnen kleiner wirken zu lassen). Die beiden leitenden Tanzlehrerinnen, Madame Blanc und Miss Tanner, sollten direkt einschüchternd und unheimlich wirken. Die Leiterin der Tanzakademie sollte "die älteste Frau [sein], die man sich vorstellen kann".

Suspiria wirkt auf der sinnlichen Ebene. Es ist ein visueller und akustischer Albtraum; natürlich wird das Casting des Remakes einer gründlichen Prüfung unterzogen, wobei es eben nicht so sehr um schauspielerisches Talent geht, sondern um die Wirkung, die die Charaktere auf den Zuschauer haben.

Ich werde ganz bestimmt nicht Alida Valli in der Rolle der damaligen Miss Tanner vergessen - der Beiname Butch From Hell trifft es eigentlich ganz gut. Sie ist streng, streng gekleidet, dosiert ihre Mimik sehr sparsam - und wenn sie einmal lächelt, dann bekommt man als Zuschauer direkt Angst, weil man merkt, dass etwas nicht stimmt. Im Remake erhält die deutsche Schauspielerin Angela Winkler die Rolle, und ich glaube, das könnte passen.

Miss Tanner 2017 (Angela Winkler) und 1977 (Alida Valli)


Noch mehr allerdings bin ich vom Casting der Madame Blanc beeindruckt. Im Original die letzte Filmrolle für Joan Bennett, spielte sie eine fürsorgliche, wenngleich sinistre Tanzlehrerin, eine Stufe menschlicher als Miss Tanner. Für das Remake, lese ich, wurde Tilda Swinton gecastet (ganz oben im Bild ganz rechts) - wow, ich kann es gar nicht genau beschreiben, aber wenn man Argentos Vorstellungen für die Tanzlehrerinnen im Kopf hat, passt Swinton einfach unglaublich gut in die Rolle. Hoffen wir mal, dass sie sie mit derselben unheilvollen Aura füllt wie Bennett damals. Oh, gerade gesehen, ein Foto vom Suspiria-Set; ja, das ist Swinton, nein, ich kann das Bild nicht erklären ^^

Tilda Swinton als Madame Blanc - unkonventionell, wie man es erwartet...

Und dann hätten wir natürlich die Schülerinnen. Mein Augenmerk wandert auf drei, die für den Film absolut unentbehrlich sind. Vielleicht zuerst Pat - auch wenn sie innerhalb der ersten zwanzig Minuten eindrucksvoll ermordet wird: Dieser Mord ist so umfangreich ausgestattet, so sehr in die Länge gezogen und so detailverliebt gefilmt, dass Suspiria schnell auf dem Index gelandet ist. Da kann das Blut noch so sehr nach Wandfarbe aussehen. Dabei ist dieser (Doppel-)Mord ein kleines Kunstwerk und ich bin sehr gespannt, wie Chloe Grace Moretz, im modernen Horror kein unbekanntes Gesicht mehr (Carrie anyone?) dahingemeuchelt wird: Gibt es die Escher-Tapete in ihrem Schlafzimmer? Wird ihr Gesicht in Zeitlupe durch das Fenster gedrückt? Um nicht zu spoilern, wer den Film noch nicht kennt: Es passiert noch ein bisschen mehr, bevor sie dann endlich tot durch das Deckenlicht im Foyer kracht, und selbst die Blutflecken zeigten im Original Hexenmotive - ob das auch wieder alles beachtet wird? An diesem surrealen Mord wird der Film gemessen werden, und deswegen hat Moretz hier durchaus eine zentrale Rolle.

Chloe Grace Moretz (links) übernimmt die Rolle der Pat Hingle, rechts gespielt und gestorben von Eva Axén.

Wen ich mir im Remake gut vorstellen kann, ist Mia Goth in der Rolle der Sara. Sie hat diese kindliche, naive Ausstrahlung - eigentlich genau so, wie Argento sich das damals gedacht hat. Gleichzeitig spielt ihre Figur eine wichtige Rolle, da sie den sinistren Spuren in der Tanzschule hartnäckig nachgeht (und letztlich den Preis zahlen muss). Bleibt also zuletzt nur noch die Frage nach der Hauptdarstellerin. Sie schlüpft in die Rolle der Suzy Bannion, die das magische Geheimnis der Lehrerinnen enthüllt und sich schließlich der Hexenmutter, Mater Suspiriorum, stellen muss. Jessica Harper hat damals genau die richtigen Töne getroffen zwischen Naivität und Hartnäckigkeit, zwischen kindlichem Liebreiz und Zigaretten (und es bleibt ewig die Spekulation, ob sie vielleicht weit mehr war als nur eine weitere Tanzschülerin; ein paar Szenen des Originals regen zur Diskussion an). Hinzu kamen ihre großen Manga-Augen... ich bin gespannt, ob Dakota Johnson (mittig auf dem obersten Bild) diesen hohen Ansprüchen gerecht werden kann. Ich versuche, aufgeschlossen zu bleiben.

Dakota Johnson am Set von Suspiria - rote Haare, ein Kleid, das "Siebziger!" schreit - langsam werde ich ungeduldig...

Fragt sich nur noch, wie es mit der Oberhexe, Mater Suspiriorum, aussieht. Im Original uralt, lese ich jetzt, dass im Remake Malgosia Bela diese Rolle übernehmen soll. Eine hübsche Frau mit einer düsteren Aura, vielleicht angelehnt an die jugendlichen matres der beiden anderen Teile der Trilogie (mit Inferno und La Terza Madre). Damit habe ich nicht gerechnet und ich spare mir meinen Kommentar, bis ich den Film gesehen habe. Zur Erinnerung: Argento wollte für diese Rolle die älteste Frau bekommen, die für die Kamera zur Verfügung stand.

Kurz gesagt: Ich bin wirklich gespannt. Und diesmal ist es auch keine leere Ankündigung - seit Mitte März 2017 ist der Film im Kasten und befindet sich nun in der post-production. Ich kann nicht verstehen, warum jemand diesen Film, im Original ein echtes Kunstwerk (wenn man es zu würdigen weiß), neu auflegen will. Vielleicht habe ich in ein paar Monaten eine Antwort darauf. Argento selbst ist nicht begeistert von der Idee eines Remakes und bringt es in einem Interview auf den Punkt:

"Why are you opposed to it?
Well, the film has a specific mood. Either you do it exactly the same way — in which case, it’s not a remake, it’s a copy, which is pointless — or, you change things and make another movie. In that case, why call it “Suspiria”? (...)"

post scriptum: Jetzt habe ich richtig Lust bekommen, mir heute die Fortsetzung anzuschauen, "Inferno" von 1980. Auf einmal habe ich wieder ein echtes Interesse, mir "gute" Filme anzuschauen, das werde ich mal ausnutzen.

Montag, 30. Oktober 2017

Gedanken über Geld

Ich habe im Portemonnaie noch immer meine drei Dollarnoten aus Kings Island, 2011 - um mich daran zu erinnern, dass ich wiederkommen werde.

Es geht um ein Gefühl. Für dieses Gefühl ist es vollkommen irrelevant, ob man mit Millionen hantiert oder ein Durchschnittseinkommen besitzt - ich meine das Gefühl von Sicherheit.

Mir ist bewusst, dass mein Arbeitslosengeld I (ALGI)  höher ist als das, was manche Menschen regulär verdienen. Es reicht für die Wohnung, das, was man gemeinhin Unterhalt nennt. Ich bräuchte mir also keine Sorgen zu machen. Als ich damals realisiert hatte, dass wieder die Arbeitslosigkeit auf mich zukommt, hat die Sannitanic das Beste getan, was in dem Moment möglich war - nämlich mich beruhigt und darauf aufmerksam gemacht, dass ich immerhin zwölf Monate lang finanziell abgesichert bin.

Es ist allerdings ein meilenweiter Unterschied, ob ich tausenddreihundert Euro als ALGI oder Gehalt bekomme; auf dem Kontoauszug sieht das gleich aus, aber ohne Arbeit habe ich das Gefühl, dass ich wieder jeden Cent doppelt umdrehen muss. Ich kaufe meine Kochzutaten mit dem Kontostand im Kopf ein. Ich kaufe mir eine Herbstjacke und denke mir, dass das schon wieder purer Luxus ist.

Ich hätte nie gedacht, wie wichtig finanzielle Sicherheit ist, welche Auswirkungen es auf das Leben haben kann, wenn diese Sicherheit eben nicht da ist. Geld. Bedeutet mir irgendwie nichts. Ist Mittel zum Zweck. Ich brauche nicht immer mehr und mehr Geld, ich strebe nicht nach Reichtum. Ich möchte nur einfach mein Leben leben können, ohne dass mir das Geld im Weg steht.

Und deswegen bin ich mit der Situation nicht zufrieden, obwohl ich finanziell erstmal abgesichert bin.

post scriptum: Im englischen Sprachgebrauch gibt es einen schönen Spruch, mit dem man sich merken kann, ob die Uhren vor- oder zurückgestellt werden müssen: "Spring forward, fall back."

paulo post scriptum:  Dieser Artikel hat überhaupt keinen roten Faden. Aber wenn ich von einem Gefühl schreibe, das ich scheiße finde, dann habe ich keine Lust, mir Mühe zu geben.