Mittwoch, 9. August 2017

Der Rebecca-Effekt

Scheinbar sind auch Gothics nicht vor dem Rebecca-Effekt gefeit...

Die große Buba und ich haben ein regelmäßig wiederkehrendes Verhaltensmuster bei mir festgestellt, und ich glaube, wir können es auf die Hochbegabung schieben. Vielleicht findet sich ja der eine oder andere HB-Leser in diesen Zeilen wieder.

Zuächst zur Genese des Begriffs. Die große Buba und ich haben Resident Evil gespielt. Wir waren dabei, ein altes Herrenhaus zu erforschen - wir waren auch schon ziemlich weit gekommen, standen in einem düsteren Arbeitszimmer und hörten von oben einen Schrei um Hilfe. Buba: "Das klingt nach Rebecca, wir sollten schnell dahin und ihr helfen!" Hilarius: "Jaja, machen wir gleich, ich muss erst noch schauen, ob ich diese Schrotflinte jetzt mitnehmen kann oder nicht. Und wir sollten erst noch den Tresor aufbrechen, nicht, dass wir etwas verpassen!"

So haben wir gehandelt - und dann im Abspann erfahren, dass Rebecca von Monstern vernichtet wurde. Buba: "DUUUUUUUUUUU wolltest ja unbedingt noch nach der Schrotflinte suchen, ich hab dir gleich gesagt, dass Rebecca jetzt wichtiger ist, und nun ist sie tot, weil die Zombies sie gefressen haben, nur weil der Hochbegabte wieder nichts verpassen wollte, römpömpöm."

Das lässt sich abstrahieren in "Eigentlich haben wir ja eine Mission, aber nein, der HB muss erst noch alles Andere abklappern und lässt die da hinten verrecken."

Und da ist ja tatsächlich etwas dran! Wenn ich als HB mich für eine Sache voll interessiere, muss alles Andere warten. Dann habe ich keine Wahrnehmung für Anderes. Manchmal kann das unpraktisch werden: Wenn zum Beispiel etwas auf dem Herd kocht und ich plötzlich einen spannenden Artikel im Internet finde. Erst das Zischen dessen, was da auf die Herdplatte spritzt, erinnert mich dran, dass ich da ja eigentlich gerade Wichtigeres zu tun hatte.

Der Rebecca-Effekt bezieht sich also darauf, dass es mir manchmal nicht leicht fällt, anstehende Aufgaben ihrer objektiven Wichtigkeit nach zu sortieren - sondern wie ein Kleinkind gehe ich danach, was ich gerade am spannendsten finde. Und so sorgt dieser Effekt für die große Buba auch weiterhin für Titten-Platzanfälle, wenn ich eigentlich die Welt retten sollte, aber nein, da vorne blinkt ja noch etwas und da links ist eine ungeöffnete Schatztruhe. Buba: "Kannst Du jetzt bitte mal das Dorf vor der Zerstörung bewahren und den Monsterpudding besiegen???" Hilarius: "Warte, ich will nur noch schnell die Level-Ups überprüfen, und da vorne können wir noch einkaufen gehen."

And so the story goes...

Ich möchte nur noch einmal darauf verweisen, dass es für diese Neigung zur Ablenkung ein antikes Vorbild gibt, und zwar die olle Atalante. Streitbare Dame, tötete alle Männer, die scharf auf sie waren, im Wettlauf - bis da jemand so geschickt war und an der Rennbahn drei goldene Äpfel platzierte (Meilanion, du Schuft...!). Da wurde die offensichtlich hochbegabte Atalante so abgelenkt, dass sie sich danach bückte und schließlich von Hippomenes im Lauf besiegt wurde. Als Belohnung gab es Sex, leider nicht in ihrem eigenen kleinen Liebesnest, sondern in einem geweihten Tempel. Die Strafe? Absolut tierisch, sage ich nur, lässt sich nachlesen in Ovids Metamorphosen X, ein ganz wunderbar unterhaltsames-tragisches-perverses Buch (Myrrha und so, aber insgesamt eine sehr schöne Lektüre).

Wir merken: Der Rebecca-Effekt taucht immer wieder auf, und das wussten die Macher von Resident Evil natürlich ganz genau.

post scriptum: Ich fange jetzt einfach mal an, meine Beiträge mit Labels zu versehen, damit man schnell erkennen kann, ob es relevant für einen ist oder nicht.

Montag, 7. August 2017

"Du musst dir nur die Mutter anschauen..."

Diese Uhr - meine Armbanduhr - hat heute pädagogische Gedanken ausgelöst.

"...dann weißt du, woher das kommt."

Das ist mal wieder eine Phrase aus dem Lehrer-Bullshit-Bingo. Haben bestimmt einige schon gehört. Der Satz fällt gern, wenn an Schülern etwas in irgendeiner Hinsicht auffällig ist. Das kann lautes Reden sein, Neigung zu Gewalt, ungepflegtes Äußeres, besonderes Sprachregister - wir alle haben schon mal spezielle Kinder unterrichtet, und wir alle haben uns bei diesen Auffälligkeiten gedacht, dass etwas dahinter steckt. Und oft führen wir das auf die häuslichen Verhältnisse zurück, und oft ist das auch korrekt.

Was mir aber an Schulen bereits begegnet ist, ist eine voreingenommene Lehrerhaltung: Dieser Schüler ist auffällig, kein Wunder bei der Mutter (besonders beliebter Satz nach Elternsprechtagen, nicht wahr?), und eine Verschlossenheit. Wie Mutter, so Kind, wird mir da vorgelebt und ich finde es ganz schrecklich. Dass man dem Kind nicht einmal eine Chance gibt, individuell zu sein. Dass man sich selbst noch höher positioniert und auf den Schüler herabblickt.

Elitäre Schulsysteme neigen zu solch' einem Verhalten. Lehrer in diesen Schulen neigen dazu. Ich habe mich einmal an einer Schule vorgestellt, die ohne Klingelzeichen auskommt, weil die Kinder natürlich so gut erzogen sind. Selbstverständlich ein Gymnasium, das etwas auf sich hält, ich nenne keine Namen. Ich bin dort mit netten Worten hinausgebeten worden, und ich bin heilfroh! An jener Schule hätte ich nicht arbeiten können, denn das stellt sich mir verschlossen, arrogant und herablassend vor - und vor allem: voreingenommen. Ich kann damit nicht um.

Das war sicherlich einer der Impulsgeber für meinen Wunsch, an einer Gemeinschaftsschule zu unterrichten. Ich möchte wirklich jedem Kind an der Schule eine Chance geben - ob es daher rührt, dass ich selbst viel Ablehnung erfahren habe und es deswegen einfach besser machen möchte? Ich würde gern einen Aufruf an jeden meiner Kollegen loswerden:

"Lasst euch in eurem pädagogischen Wirken nicht von Äußerlichkeiten beeinflussen, gebt jedem Kind eine Chance, egal, ob sein Umfeld verwahrlost, krank, an der Armutsgrenze, obdachlos oder auf psychologische Hilfe angewiesen ist, jedes Kind hat ein Recht darauf, dass ihr ihm die Möglichkeiten und Grenzen, Rechte und Pflichten unseres Lebens erklärt."

Anlass für diesen Beitrag gab es heute zweifach. Heute vormittag ist mir eine Familie aufgefallen, die manche Menschen beim ersten Anblick "abwerten" würden, und ich musste daran denken, dass es auch für jenes Kind eine Schulpflicht gibt, und wer weiß, vielleicht steckt da ein ganz helles Köpfchen drinnen! Ich kenne jemanden, der selbst aus einem, sagen wir mal, komplizierten Umfeld kommt und sich richtig dort heraus gekämpft hat. Das finde ich toll, und solche Menschen sind darauf angewiesen, dass "wir Pädagogen" ihnen eine Chance geben.

Außerdem war ich beim Juwelier Happe am Alten Markt; ich war dort schon vor zwei Jahren, um mich wegen meines Freundschaftsanhängers (für ihn) beraten zu lassen. Heute, um eine neue Batterie in meine Armbanduhr einzusetzen (brauche ich als Lehrer immer, früher haben mich Armbanduhren genervt). Damals wie heute bin ich unglaublich freundlich und offenherzig begrüßt und bedient worden, und so hat sich heute beim Abholen der Uhr dieser Wortwechsel entsponnen:

Hilarius: "Ich muss ihnen ja mal sagen, dass ich es toll finde, dass sie mich so freundlich behandeln, trotz meines etwas abschreckenden Äußeren."
Happe: "Aber das Eine hat doch mit dem Anderen nichts zu tun, das ist doch selbstverständlich."
Hilarius: "Ja, das sagen sie, aber ausgerechnet in meinem beruflichen Umfeld - Lehrer - wo ich eigentlich aufgeschlossene Menschen erwarten sollte, ausgerechnet dort schlägt mir von Kollegen immer mal wieder Ablehnung entgegen allein aufgrund meines Erscheinungsbildes, und das ist ein Armutszeugnis."
Happe: "Sehen sie mal, und es hat doch jeder Mensch ein Anrecht auf seinen eigenen Stil und auf einen freundlichen Umgang miteinander."

Solche Aufgeklärtheit würde ich mir häufiger wünschen, und deswegen gehe ich auch gern zu Happe, wohingegen mir die Türsteher bei Mahlberg Angst einjagen, und ich befürchte, dass man dort voreingenommener an mich als Kunden herangehen würde (wobei, vielleicht unterstelle ich den Juwelieren hier auch etwas, das sind schließlich Profis).

Schlusswort: Ich muss mich immer wieder daran erinnern, unvoreingenommen an Menschen heranzutreten!

Sonntag, 6. August 2017

Expeditionen in die Tiefe II

Vor Jahrmillionen hinterlassenes Peace-Zeichen in der Waschgrotte

Ich danke ihnen, meine Damen und Herren, dass sie es so kurzfristig einrichten konnten. Es ist ein Notfall eingetreten, da während unserer Expedition in die Spülgrotte leider ein anderer Bezirk unbewacht geblieben ist. Hier wird es wirklich gefährlich, hier müssen wir mit Todesgefahren rechnen. Es geht um die Zwillingshöhle der Spülgrotte, die Waschgrotte. Diesmal müssen wir uns mit Waffen ausrüsten, es nützt nichts. Unsere Forschungsabteilung hat die Lage bereits sondiert und uns ein Paket bereitgestellt mit Allem, was wir brauchen.



Unser erstes Ziel ist der Einspülschacht. Er wurde von tapferen Bergleuten vor Hunderten von Jahren errichtet, ein Zeugnis wahrer Handwerkskunst. Mittlerweile wurde ein Fahrstuhl eingerichtet, damit die Waschweiber bequem zur Trommel der Reinheit fahren konnten. Das System ist auch heute noch aktiv. Allerdings sind die Regenzuläufe erodiert - wir sollten damit kein Problem haben, denn wir haben das Waschelixier, das unser Herr Rossmann entwickelt hat, und jeder möge bitte mit einem Schwamm die Zuläufe befreien. Das ist absolut nötig, damit der Lift nach unten ordnungsgemäß funktionieren kann, scheinbar wurde dieser Bereich zu lang vernachlässigt.


Wir gehen nun weiter zur Technologie der Altvorderen, sie sehen vor sich die Waschmittelkanone, ja, mit ein wenig Phantasie erkennen sie den Einsatzzweck als Geschütz, um die Feinde aus der Tiefe wahlweise mit Weichspülergranaten, Hygienebomben oder Stärkenetzen aufzuhalten. Doch genau diese Stärkenetze haben das Geschütz hier, da und dort verkleistert. Sehen sie diese milchig-weiße, schimmernde Schicht, die sich wie ein Spinnennetz um die Bauteile der Kanone legt? Wir müssen sie herausziehen, notfalls mit unseren Überlebensmessern abtrennen, und es kommt noch schlimmer! Kleine schwarze Punkte haben sich in diesem Gespinst eingenistet. Diese Punkte stellen eine akute Gefahr dar und müssen eliminiert werden. Niemand weiß, woher sie genau kommen, man vermutet eine Abstammung aus dem Einspülschachtsystem. Zum Glück hat unsere Forschungsabteilung Waffen mitgegeben, mit denen wir diese kleinen, fiesen Punkte bis in die hintersten Verstecke verfolgen können. Jeder möge sich nun bitte mit einem Wattestäbchen bewaffnen, ja, auch die Kinder! Tunken sie die fluffige Spitze in unser Waschelixier, um ihre Waffen mit Reinigungsenergie aufzuladen. Und dann stoßen sie gnadenlos zu, stochern sie jeglichen Punktebefall aus den hintersten Ecken heraus, hier hat kein Bösewicht etwas verloren! Wir müssen die Waschmittelkanone endlich wieder einsetzen können! JAAAAAAAA!!!!!!

Endlich haben wir uns unsere Technologie zurückerobert. Die Waschweiber können wieder den Einspülschacht-Lift benutzen und die Dreckmonster können wieder mit Zusatzmitteln bombardiert werden. Es bleibt nur noch ein letzter Bereich, vor dem man uns immer gewarnt hatte. Ein Tor, das seit Entdeckung der Waschgrotte sicher verschlossen blieb, es gab auch keinen Ansatzpunkt, es irgendwie zu öffnen. Sehen sie, dort rechts unten, das Flusensieb. Es handelt sich um ein Gerücht, von diesem Flusensieb haben wir noch nie etwas gehört, wir konnten immer nur das weiße, runde Tor sehen. Nun haben unsere Forscher allerdings einen Schlüssel gefunden, der genau in dieses Tor passt, und wir stehen womöglich vor einer großen Entdeckung. Nehmen wir also den Schraubenzieher und hebeln das Tor auf... unglaublich! wir sehen einen Griff, der sich scheinbar drehen lässt. Nicht nach rechts, da geht es nicht weiter (haben wir doch schon vor Jahren in der Schule gelernt, dass man zum Verschließen immer rechtsrum dreht, mittels des Spruches: "Solang' das Deutsche Reich besteht, wird die Schraube rechts gedreht!" Und das Deutsche Reich war ja definitiv verschlossen für Menschen von außen, so haben wir uns das gemerkt).

Also drehen wir linksherum, um hundertachtzig Grad und es passiert... nichts. Wir drehen weiter, nochmal, und nochmal, das scheint tief eingedreht zu sein, doch plötzlich löst sich der Griff and all hell breaks loose: Fluten an Stauwasser verteilen sich im gesamten Badreich, hierhin, dorthin, unbändig wabern die Wogen des wallenden Wassers ("Jaaa, lesen sie das mal laut, toll, oder?") hervor und verteilen Flusen, Sandkörner, Fäden und Kleinkram im gesamten Badreich. Nützt nichts, da werden wir später putzen müssen. Aber schauen sie! Es hat sich etwas angefunden im Flusensieb! Es ist also nicht nur ein Gerücht, und somit dürfen wir heute stolz zeigen, wie wir einen Schatz bergen konnten - nach Restauration des Einspülschachtes und Eliminierung der schwarzen Punkte sind wir jetzt um einen Cent reicher! Das ist doch was!!!

Action gibt es in den Gefilden dieser Weltraumbasis immer wieder, seien es nun Stürme, Badreich-Monster oder Spülgrotten-Expeditionen. Wir hoffen, sie bald wieder bei uns begrüßen zu dürfen!

post scriptum: Ja, es gibt einen Grund für diese beiden Geschichten gestern und heute. Nein, ich schreibe ihn hier (noch) nicht.

Samstag, 5. August 2017

Expeditionen in die Tiefe

Into the deep...

Meine Damen und Herren, ich sehe ihnen an, dass die damaligen Expeditionen in's Badreich Lust auf mehr gemacht haben. Ich freue mich, ihnen mitteilen zu können, dass wir einen neuen Sektor freigelegt haben, und zwar geht es in die Tiefe. Da sie ja sehr groß sind, müssen sie bitte auf den Knien rutschen, damit sie die aufregenden Kleinigkeiten bestaunen können, die wir da haben.

Ich kläre sie zunächst über diesen neuen Ort unserer Expedition auf - es geht um die Spülmaschinengrotte. Die kennen sie bereits hinlänglich, sie haben schon immer gestaunt ob der blinkenden, funkelnden Eindrücke und der Geruchswelle, wenn die Grotte nach dem Wasserspektakel ihre Pforten geöffnet hat. Alles sauber, alles rein, so denkt man sich, doch wir haben genauer geforscht. Ein paar Schalter umlegen, ein paar Teile entnehmen, und plötzlich ließen sich Paneele drehen!

So entdeckten wir die tieferliegenden Höhlen, in die wir vorher noch nie gewandert sind, und was haben wir nicht alles entdeckt! Die geheime Salzkammer und der Wasserablauf, das Reinigungssieb.

Gehen wir zur Salzkammer. Dort fällt uns sogleich auf, dass das Gewinde mit einer seltsamen Schicht organischen Materials überzogen ist, gelblich-rötlich gefärbt, ein nicht identifizierbarer Geruch geht davon aus. Wir wappnen uns besser mit Putzschwämmen und legen unsere Spülmittelpanzer an, um keine Keime davonzutragen. Auch hat unsere Rüstungsabteilung neuartige Handschuhe entworfen, die unbedingt zu tragen sind. Wir erkennen, dass diese Schicht sich leicht abtragen lässt, wunderbar, entfernen wir alles, was nicht in die Salzkammer gehört - dieser Bezirk ist sauber!

Auch bei dem Wasserablauf entdecken wir diese Substanz und entfernen sie umgehend. Wir haben herausgefunden, dass man die Kuppel des Ablaufs anheben kann - eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sagt unsere Forschungsabteilung, aber bei diesem Ablauf geht es tatsächlich nicht! Im Hebelmechanismus hat sich ein Tomatenästchen verhakt, wie mag es nur dorthin gelangt sein? Helfen sie bitte alle, mit vereinten Kräften können wir das Gestrüpp entfernen. Lassen sie sich nicht von dem Mozzarella-Basilikum-Aroma in die Irre führen, Konzentration ist angesagt. Hau-RUCK! Und da sehen sie es, wir haben den Ast entfernt, der die Kuppel des Wasserablaufs blockiert hat - auch dieser Bezirk ist nun rein!

Lassen sie uns noch ein wenig tiefer gehen. Sie sehen dort an der Wand uralte Aufzeichnungen, die vermutlich von den Altvorderen stammen. Wir lesen dort S I E M E N S, Buchstaben, doch deren Sinn erschließt sich uns nicht, und unten auf der Tafel steht "empfiehlt CALGONIT". Soll das etwa bedeuten, dass in den tieferen Ebenen der Spülmaschinengrotte das sauteure Mineral Calgonit abgebaut werden kann? Lassen wir uns von diesen Hinweisen nicht aufhalten, streben wir direkt zum letzten Brennpunkt.

Und da sind wir nun, meine Damen und Herren, an den Staugefilden des Reinigungssiebs. Das Wasserspektakel, das sich mit schöner Regelmäßigkeit in der Grotte abspielt, fließt hier durch, und es gab eigenlich noch nie Probleme, doch nachdem wir diesen Schalter hier nach links gekippt haben, dann jenes Rad nach rechts gedreht, konnten wir einen Bolzen entfernen und einen noch tiefergehenden Blick werfen. Und da sahen wir ein Relikt aus uralten, längst vergangenen Zeiten. Niemand konnte genau sagen, auf welches Zeitalter dieses Artefakt zu datieren ist, weißlich, länglich, es schlängelt sich durch die Löcher des Reinigungssiebs. Unsere Forschungsabteilung weist uns darauf hin, dass es sich hierbei um eine Nudel handeln könnte, die das Wasserspektakel überlebt hat und sich nun hier ein gemütliches Zuhause eingerichtet hat. Wir müssen diese Nudel eliminieren, damit das Reinigungssieb wieder voll funktionstüchtig ist. Zum Glück ist das heutzutage mit einem Handgriff schnell erledigt. Wir stellen fest: Der Staudamm am Reinigungssieb ist nun auch lupenrein.

Meine Damen und Herren, werfen sie nun noch einen letzten Blick in die Spülgrotte, quasi zum Abschied. Wer weiß, vielleicht werden wir ihr eines Tages noch weitere Geheimnisse entlocken können? Seht, wie sie strahlt!


post scriptum: Das war unterhaltsam? In diesem Blog finden sich einige lustige Geschichten, ich denke, ich sollte bei Gelegenheit eine Übersicht dazu erstellen.

Freitag, 4. August 2017

Auf zu neuen Ufern!

Es ist mehr als einfach nur irgendein Ausspruch Buddhas - und es wirkt...

Die große Buba ist in Aufbruchstimmung, es geht an eine neue Schule und in eine neue Wohnung. Das triggert Erinnerungen in meinem Kopf...

Und zwar an Kronshagen. Mein Leben war bis zum ersten Staatsexamen so rund, es passte einfach alles, die olle Areté wäre stolz gewesen. Ich hatte Burger King in zehn Minuten Gehweite - und den Laden habe ich in meinem Studium oft besucht! YazzTazz und ich hatten immer mal wieder BK-Dates, sozusagen, schnacken bei Fast Food, es war großartig. Aldi war in fünf Minuten zu erreichen, ich hatte zwei Bushaltestellen zur Auswahl, wenn ich in die Stadt fahren wollte, und das habe ich auch oft gemacht. Der Bahnhof Suchsdorf war nur einen kurzen Fußmarsch entfernt, und ich bin oft mit dem Zug in die Stadt gefahren, einfach, weil es Spaß machte. Suchsdorf-Kiel-Suchsdorf. Meinen Hausarzt habe ich dort gefunden, und meinen ersten Freund und meinen ersten Kuss - ich hatte alles in Reichweite, Freunde, meine WG mit Conny und Paul. Behördengänge waren ein Kinderspiel, nachdem ich mich an das Kronshagener Bürgerhaus gewöhnt hatte. Ich habe mir über neun Jahre hinweg ein Leben aufgebaut, eine Identität, alles so, wie es sein sollte, ich sag nur Areté.

Das Stellenangebot kam dann aus Husum. Ganz woanders. Darf man ein Stellenangebot ablehnen? Hab ich mir damals noch nicht so intensiv überlegt. Soll ich jetzt wirklich aus Kronshagen wegziehen? Ich hab' doch alles, was ich brauche, soll ich das nur für einen Job aufgeben? Aber irgendwoher muss das Geld kommen, und so war ich einigermaßen überfordert, als die Schulleiterin der Husumer Theodor-Storm-Schule mich kontaktierte, und ich sagte "Okay, dann muss das jetzt wohl so sein, das ist der Gang der Dinge, ich muss die Kronshagener Berge verlassen." Und ich wurde zu einem Häufchen Elend. Angst, traurig, mein Zimmer entmöblieren, helle Flecken an den Wänden, wo jahrelang die Poster hingen. Ich saß in der Ecke und weinte. All' das ist jetzt weg, kaputt, nicht mehr da.

Und dann haben sie mir alle gesagt, dass es total toll ist, dass ich eine Vertretungsstelle bekommen habe, wo doch die Lage für Junglehrer im Land so mies ist. Und die neue Schule soll einen sehr guten Ruf haben, und meine Mama hat aus ihrem Erfahrungsschatz berichtet: "Mach' Dir keine Sorgen, du wirst da nicht allein sein, du kommst in ein Kollegium, das dich aufnimmt. Da findest du schnell neue Bekanntschaften." Aber das wollte ich in dem Moment nicht hören. Mein Blick war nicht nach vorne gerichtet, ich sah nur, wie hinter mir alle Brücken einstürzten. Das war eine Scheißzeit, es fühlte sich an, als ob man mir alles wegnimmt...

Neue Wohnung besichtigen, und ich lächelte und zwang mich, die freigewordene Wohnung gut zu finden. Muss ja. Ist ja der Gang der Dinge. Und auf einmal war Schlüsselübergabe. Auf einmal lebte ich in Husum. Plötzlich waren sie alle weg. Alleingelassen in einer fremden Welt. Und ich hatte kein Smartphone und in der neuen Wohnung auch nicht sofort Telefon und Internet. Ich war komplett abgeschnitten von meinem alten Leben, gezwungen, jetzt in Husum neu zu funktionieren. Ich fand McD in Husum, ein Hauch von Bekanntem. Und Aldi, wo ich meine gewohnten Einkäufe tätigen konnte. Ich suchte überall nach Dingen, die mir bekannt vorkamen - überhaupt nicht aufgeschlossen für Neues, ich versuchte, mein altes Leben in Husum wiederzufinden.

Die ersten Wochen waren die Hölle. Freunde weg, Kronshagener Berge weg, YazzTazz weg, komische Kesseltherme für heißes Wasser, Wände dünn wie Papier, so dass ich den Nachbarn bei - Allem - zuhören konnte. Ich wollte mich nicht einfinden. Ich wollte mich nicht wohlfühlen. Ich wollte da nicht hingehören.

Aber Zeit bringt Gewohnheit, und so lernte ich meine Nachbarin von gegenüber kennen. Und lernte Kollegen kennen. Und genoss die Zeit in der Schule, weil es mir irgendwann ein Gefühl von Zugehörigkeit brachte. Das musste es sein, was Mama gesagt hat: Das Kollegium, dem ich gezwungenermaßen täglich begegnen musste, brachte mir eine neue Gewohnheit. Ein neues Sozialleben. Die Lerngruppen, die ich unterrichtete, das gab mir Kraft. Das waren neue Gefühle, die da mit der Zeit aufkamen, und es dauerte lange, bis sie kamen, aber sie bewirkten bei mir vor allem Eines: Sie waren der Beweis, dass es immer etwas Neues gibt am neuen Ort, an der neuen Schule - im neuen Lebensabschnitt.

Und so schließe ich diesen Beitrag mit Reminiszenzen an die emotionale Achterbahn, die ich damals durchgemacht habe. Trauer, tiefe Traurigkeit über den Verlust meines Kronshagener Lebensabschnitts. Angst davor, dass es in Husum nichts Neues geben würde ("Ich habe mir in Kronshagen ein Leben aufgebaut, das werde ich niemals wieder schaffen!"). Leere. Einsamkeit allein schon durch nicht funktionierendes Telefon und Internet. All' das hat mich so weit runtergezogen, dass ich irgendwann sehr empfänglich wurde für den Wandel, irgendwann akzeptierte ich, dass das Leben rückwärts verstanden, aber vorwärts gelebt wird.

Vielleicht erkennt der eine oder andere Leser sich wieder. Diese Gefühle. Und weiß mittlerweile, durch Lebenserfahrung, dass die neuen Ufer immer etwas bereit halten, man muss es nur empfangen wollen.

Donnerstag, 3. August 2017

Kommt auf den Blickwinkel an

Immer ausgehend vom Weltall

Ich habe gestern mal wieder das jüngste Werk The Journey des Projektes Lichtmond angeschaut. War erst mein zweites Mal, da ich mich noch erinnerte, dass ich beim ersten Ansehen absolut enttäuscht war. Gestern wollte ich mich dann erinnern lassen, warum das so war, und das Vorhaben ist gnadenlos gescheitert, denn es hat mir echt gut gefallen. Das lag nicht nur daran, dass ich nach langer Pause endlich mal wieder einen 3D-Film gesehen habe, sondern auch daran, dass es immer mehr als einen Blickwinkel auf eine Sache gibt, und dass es nie schaden kann, aus mehr als einer Perspektive draufzuschauen. Diese Erkenntnis ist für Menschen wie mich sehr wertvoll, denn ich neige manchmal dazu, etwas zu schnell zu verurteilen und keine zweite Chance zu geben - oder aber im anderen Extrem die Dinge über den Klee zu loben, ohne auch mal einen kritischen Standpunkt einzunehmen. Und das gilt nicht nur für Filme, sondern für alle Situationen im Leben, und anhand von Lichtmond stelle ich diese unterschiedlichen Blickwinkel vor.

Man kann das Projekt so beurteilen:

Der neue Lichtmond-Film gehört wie auch die vorherigen Filme der Brüder Koppehele zu den Werken, die die Welt nicht braucht. Sie entbehren genau genommen jeglicher Substanz: Sie haben keinen Plot (auch wenn mancher mit viel Wohlwollen im letzten Film eine voranschreitende Handlung erkennt). Die Musik ist hochgradig weichgespülter Mainstream-Pop, die Texte bestehen aus Platitüden, egal ob als Lied oder als Rezitativ, egal ob auf deutsch oder englisch. Wobei man sich wünschen würde, dass die Sänger ausgetauscht werden, weil gerade ein paar der männlichen Stimmen (von I Muvrini mal abgesehen) sehr nach Amateurgesang klingen - man möchte reinspringen und das Ganze abbrechen - und es selbst besser machen. Und dann das Visuelle: Wie auch in den vorherigen Filmen sind es Kameraflüge durch generische, digitale Landschaften mit Edelsteinen, die vom Himmel regnen, und morphender Flugkörper, zwischendurch mit Weltallszenen versehen. Es ist unglaublich schwer, sich in den ersten Sequenzen von den Gedanken freizumachen, eine schwebende Kloschüssel am Himmel zu sehen, durch die Kristalle auf die Erde regnen - getoppt eigentlich nur von den überdimensionalen Kristalldildos in der anschließenden Sequenz. Spätestens nach einer halben Stunde fragt man sich, warum man das Ganze überhaupt weiter anschaut, und wünscht sich seine vergeudete Lebenszeit zurück. Man munkelt, der Film sei nur auf Drogen zu ertragen.

Oder aber, man sieht es so:

The Journey ist, genau wie die vorherigen Filme, ein Genuss für Menschen, die sich gern audiovisuell auf höchstem technischen Niveau berieseln lassen. Es wird die Entstehung der Welt beschrieben - sozusagen. Es beginnt bei der DNS und führt uns durch die Entstehungsphasen der Menschheit. Grafisch ein Genuss, noch detailreicher als bei den Vorgängern. Die Inspirationen kommen nicht selten aus der Mathematik - wenn man zum Beispiel durch einen Menger-Schwamm schwebt oder das Sierpinski-Dreieck wie ein Raumschiff abhebt. Man bekommt viele Denkimpulse, Inspirationen, und kann seinen Geist schweifen lassen, während man die Bilder genießt. In 3D wirkt das Ganze natürlich noch immersiver, und die Soundmischung sorgt dafür, dass man live dabei ist. Ich höre, wie links neben mir ein Raumschiff vorbeischwebt, ich höre, wie der Sprecher die Gedichte mal hier, mal dort spricht, als wäre er mit im Raum und ginge um mich herum. Das ist ein echtes Erlebnis, es passiert so viel in diesen Bildern, ich kann mich gar nicht satt sehen. Gegen Ende mag es ein wenig lang wirken, aber wenn man die Melodien von Robert Miles' Children wiedererkennt, ist man sofort wieder bei der Sache und am Ende der Reise angekommen.

Hoffentlich kommt man am Ende des Tages zu der Einsicht, dass eine Meinung, die beide Perspektiven einbezieht, die beste ist. Nüchtern betrachtet bietet die Scheibe wenig Neues, Sound in 2.1, 5.1, 7.1 und Dolby Atmos, Bild in 2D, 3D und 4K UHD. Man muss schon ein vernünftiges Equipment besitzen, um sich von diesem Film beeindrucken zu lassen.

Hinweis an alle Kieler: Lichtmond 3 gehört zum Programm im Mediendom der Fachhochschule, da kann man sich - wie im Planetarium - in den gemütlichen Sesseln zurücklehnen und sich mittels Kuppelkino auf die Reise mitnehmen lassen.

Hier geht's zum Mediendom.

Abschließend noch ein Video aus Lichtmond 3, um das Thema Kitsch-Pop zu veranschaulichen: Wenn man es bei Youtube ansieht, naja, geht so. Aber mit Heimkino zieht's mich vom Sessel.


Mittwoch, 2. August 2017

Das dauert...

Sowas kann einem schonmal Angst machen - und nicht nur einem HB, der sich tausend Horrorszenarien ausmalt.

Was zwei einfache Briefe in der Post ausmachen können. Ich neige ja dazu, die Briefe erstmal allesamt ungelesen in die Ablage zu werfen, wo sie dann vergammeln und mit jedem weiteren ungeöffneten Tag zu einer zusätzlichen Last auf meiner Seele werden. Das habe ich mittlerweile so oft erlebt, dass ich im Rahmen meiner Wohnungsumstrukturierung auch solche Sachen immer sofort erledige. Die Ausrede "Mh, das dauert aber wieder so lange und eigentlich wollte ich jetzt was Anderes machen" ist zwar irgendwo noch nachvollziehbar, aber es dauert ja nicht weniger lange, wenn ich die Post zu einem späteren Zeitpunkt erledige; im Gegenteil: Wenn, so wie heute, ein Einwurfeinschreiben dabei ist, dann zieht eine Verzögerung unter Umständen Mahnschreiben und noch viel mehr Papierkram nach sich.

Also habe ich zuerst die Vermieterpost erledigt und dann den Brief von einer ehemaligen Kollegin, und irgendwie war das ganz gut, denn dann war ich auf einmal in einem Sachen-erledigen-Schwung drin und habe mir gleich die Wäsche und die Geschirrspülmaschine vorgenommen, durchgesaugt, Rechnungen erledigt - okay, dann war es irgendwann drei Stunden später als ich eigentlich geplant hatte, aber das soll mir eine Lehre sein, dass ich lerne, es zu akzeptieren, wenn die Sachen ihre Zeit brauchen. Und dass es nicht immer das Klügste ist, zur Zeit gerade das zu machen, worauf ich Lust habe.

"Sachen sofort erledigen" zieht sich immer wieder durch diesen Blog, und irgendwann werde ich es hoffentlich komplett verinnerlicht haben, dass die schönen Sachen dann mehr Freude bringen, wenn man alles Andere vorher erledigt hat, nicht wahr, iucundi acti labores und so'n Geschmeiß, taucht hier immer wieder auf. Und so habe ich heute vielleicht nicht so viel geschafft, wie ich wollte - zumindest nicht so viel an "schönen" Sachen, aber ich habe Einiges erledigt und kann jetzt entspannt in das Land der Kohlköpfe fahren.

post scriptum: Ach, das Einschreiben - meine erste Mieterhöhung nach dreieinhalb Jahren in dieser Wohnung, das lässt sich verkraften, gerade wenn es nur so ein kleiner Betrag ist. Viel belastender wäre es gewesen, wenn dieses Einschreiben meines Vermieters die ganze Zeit ungeöffnet auf meinem Schreibtisch gelegen hätte.

Denke ich mal.