Dienstag, 20. Februar 2018

Unangemessenes Auftreten

Daneben fühle ich mich fast ein bisschen fehl am Platze...

Tag der offenen Tür, und auch wenn ich mich nicht repräsentativ gefühlt habe, um selbst etwas zum Programm der Schule beizutragen, bin ich trotzdem hingegangen. Ich wollte mir die Schnupperstunde in Latein eines Kollegen anschauen (prima lectio Latina mit Sechst- und Viertklässlern). Ich fand das ganz spannend, zu beobachten, und sollte ich an der Schule bleiben wollen/können, würde ich irgendwann wohl selbst solch' eine Stunde zeigen. Und ich fand es sehr nostalgisch, meinen alten Lateinprof, die "Wurzel", samt Töchtern dort zu treffen.

Und dann wurde es Zeit für einen Moment der Wahrheit, als danach beim Bummeln durch die Gebäude ein Vater eines Schülers zu mir in den Raum kam und sich vorgestellt hat. Und ich hatte ziemlich weiche Knie, denn ich hatte seinen Sohn im Kopf und hatte mir schon öfters überlegt, was für Eltern dahinter stecken. Im positiven Sinne: So einen höflichen jungen Mann habe ich lange nicht in der Schule erlebt, mit einer unglaublich sauberen, ausgeschmückten Handschrift. Heute hat sich mir dann erklärt, warum das so ist, und ich habe mich völlig fehl am Platze gefühlt.

Ich habe mich in den letzten Jahren mit verschiedensten Eltern unterhalten, aber noch nie mit solchen, neben denen ich mich "klein" gefühlt habe. Nicht von der Körpergröße her (wobei der Vater auch die zwei Meter geknackt hatte), sondern vom Habitus. Von der gefühlt elitären Aura her. Dieses Gefühl "Sein Rasierwasser kostet bestimmt mehr, als ich im ganzen Jahr verdiene". Und sollte ich an der Schule bleiben wollen, werde ich mich auf mehrere solcher Begegnungen einstellen müssen. Die KGS hat nun mal ihre Zielgruppen, und sie alle fühlen sich nach Düsternbrook an [für die Nichtkieler: Düsternbrook ist ein sehr "feiner" Stadtteil].

So hat dieser Vater mich also abgehorcht. Gefragt, was es mit meinem Outfit auf sich hat, ein paar literarische Fetzen ausgetauscht, gefragt, ob ich mit meiner Unterrichtsart Erfolg habe (der sich nach seiner Einschätzung gut danach beurteilen lässt, ob man in der Lage ist, den Lehrplan durchzubekommen). Und ich war ein wenig perplex, denn das Gespräch hat sich dann sehr positiv entwickelt. Am Ende hat mein Gesprächspartner sich für das Kennenlernen bedankt; die Wirkung der Unterhaltung hat mich den ganzen Samstag hindurch getragen. Und lehrt mich, allen Menschen gegenüber aufgeschlossen zu sein.

Und lässt mich gleichzeitig feststellen: Egal, ob die Eltern Unternehmer sind, oder adelig, oder einer sozial schwächeren Gruppe angehören, oder ob sie Politiker sind: Ihre Kinder verhalten sich dann doch irgendwie alle ähnlich. Wie jugendliche Schüler eben.

Don't judge a book by its cover - auch keine Männer in Anzügen. War eine gute Lektion für mich.

Montag, 19. Februar 2018

WTEiscreme?!

Wie pervers kann es eigentlich noch werden?

Neue Sorte, ohne Worte... :D

post scriptum: Es kann eine echte Qual sein, wenn ich mir vornehme, meinen Zuckerkonsum auf ein Minimum herunterzuschrauben und dann Eiscreme mit Kuchenteig, Vanillecreme und Erdbeersauce entdecke. Hoc est Folter!

Freitag, 16. Februar 2018

Das Puzzle des Lebens

Langsam entsteht ein Alltag...

Mir hilft es, wenn ich komplexe Sachverhalte mit Bildern erklären kann. An einer anderen Stelle habe ich darüber geschrieben, dass ich in meinem Kopf eine Art Puzzle habe, dass die Wahrheit abbildet. Es ist zu einhundert Prozent genau, aber es fehlen sehr viele Teile. Wenn ich neue Informationen bekomme, gleiche ich sie mit dem bisherigen Puzzle ab - gegebenenfalls muss ein Teil entfernt werden, damit das Neue passt. Und so weiter - könnt Ihr ja dort nachlesen.

Ein anderes Puzzle ist das gefühlte Puzzle des Lebens. Wer bin ich? Wer will ich sein? Wo ist mein Platz auf der Welt? Was ist der Sinn des Lebens? Ich habe eine ungefähre Vorstellung davon, wie ich mein Leben führen möchte. Da sind ganz viele kleine Puzzleteile, die genau passen müssen, sonst geht es mir nicht gut. Hochbegabung und so.

Damals in St.Peter-Ording schien es mir eine Zeitlang, als hätte ich meine Traumschule gefunden. Ich habe versucht, mein Puzzle an diesen Arbeitsplatz anzupassen, habe mit der Schule Abmachungen getroffen, um mein Puzzle zu vervollständigen. Dann aber hat ein Kollege mich darauf angesprochen, dass man manchmal im Leben Farbe bekennen muss. Das war ein unglaublich wichtiger Impuls - denn der hat dazu geführt, dass ich meinen Job in SPO aufgegeben habe.

Das war für alle eine unschöne Entscheidung. Weil eigentlich alles toll war - eigentlich. Denn irgendwie war da ein Fehler im Lebenspuzzle. Und so musste ich Teile herausbrechen, und ich vermisse die Nordseeschule in SPO immer noch sehr, ich denke oft an sie, denke daran, was die Schule von anderen unterschieden hat und sie toll gemacht hat.

Ich musste das Puzzle umsortieren. Mit SPO hätte ich es wohl nicht vervollständigen können (ob das überhaupt das Ziel ist, ist eine andere Frage - nicht nach Perfektion streben, sonst leidet der Genuss darunter). Das neue Puzzle hat wesentlich mehr freie Felder, was einfach daran liegt, dass ich wieder von vorn anfangen musste. Seitdem ich in meiner jetzigen Wohnung wohne (und eine Wohnung, die zu mir passt, ist ein ganz großes, komplexes Puzzleteil), sind allerdings viele Teile hinzugekommen, und es könnte sein, dass dieses Puzzle besser wird als das letzte - mir also ein glückliches Leben bescheren könnte.

Ein Puzzleteil ist vor ein paar Tagen per Post gekommen - meine Monatskarten der KVG. Ich steige um, wortwörtlich, vom Auto auf den Bus. Das ist teurer, als wenn ich mit dem Wagen fahren würde. Und ich bin nicht ganz so flexibel, wenn ich auf die Busfahrzeiten angewiesen bin. Aber: Alle Linien, die vor meiner Tür halten, fahren direkt an der Kieler Gelehrtenschule vorbei. Ich komme morgens aus der Tür, steige direkt in den Bus, steige wieder aus und stehe fast direkt in der Athenahalle der Schule. Und ich fühle mich etwas besser, weil ich meinen ökologischen Fußabdruck damit etwas verkleinere. Ich hätte nie gedacht, dass mir die Natur irgendwas bedeutet, aber es ist tatsächlich so - ich atme ein wenig leichter.

Ob das Lebenspuzzle in diese Richtung geht...? Ob ich an der KGS bleiben sollte...?

Warten wir es ab.

post scriptum: Schüler Piggeldi fragt im Unterricht, ob er etwas essen darf. Schülerin Tutsinelda (HB-Verdacht besteht schon länger) wirft ein: "Ich weiß gar nicht, was die Leute immer mit dem Essen haben. Man macht den Mund auf, schiebt irgendwas rein und schluckt es dann runter. So besonders ist das doch nun echt nicht, ich vergesse das andauernd." Dr Hilarius' Augen leuchten auf...

Donnerstag, 15. Februar 2018

"Die 9e kannst du vergessen!"


Ich habe heute zum zweiten Mal The Cabin in the Woods (2012) gesehen, eine sehr intelligente Horrorsatire, und jetzt, wo ich den Film schon kannte, habe ich ihn mit einer ganz neuen Perspektive erlebt. Und ich fand ihn noch deutlich besser als beim ersten Ansehen. Wenn ich einen neuen Film schaue, versuche ich immer, möglichst unvoreingenommen ranzugehen. Das klappt nicht immer, und vor allem schaffe ich das erst seit ein paar Jahren. Zu oft habe ich mir eine Inhaltsangabe im Netz durchgelesen und beschlossen: "Interessiert mich nicht." Auch bei Cabin habe ich vorher eine Zusammenfassung gelesen, denn ich hatte gehört, dass der Film richtig gut sein soll, aber ich wollte nicht unbedingt sehen, wie Menschen auf möglichst grausige Weise sterben, wie manche Horrorfilme es ja nun mal darbieten. Okay, dieser Film ist gen Ende etwas splatterig, aber so gut, satirisch und mit Meta-Ebene versehen, das schaue ich mir gern an.

Und was soll das nun mit der 9e zu tun haben - eine Klasse, die ich nicht unterrichte, weil es sie an meiner Schule nicht einmal gibt? Der gemeinsame Faktor ist die Unvoreingenommenheit, und das Zauberwort heißt:

Lerngruppenübergabe.

Wir Vertretungslehrer kennen das und leben davon: Dass unbefristet beschäftigte Kollegen ausfallen und wir sie für eine Zeit vertreten können. Also setzen wir uns mit ihnen in Verbindung, und sei es nur, um eine Namensliste und bisherige Leistungsübersicht der Klasse zu bekommen. Ganz oft habe ich kleine Kommentare unter diesen Listen gesehen, in etwa "...eine ganz liebe Klasse." oder "...die sind richtig aufgeweckt."

Ich mag das nicht.

Ich mag das wirklich gar nicht. Auch wenn die beiden Beispielkommentare doch eigentlich recht positiv und nett sind: Ich möchte mir mein eigenes Bild meiner Lerngruppe machen. Ich möchte unvoreingenommen auf sie zugehen, ich möchte sie authentisch und ohne Hintergedanken erleben. Es gibt Sätze, die möchte ich einfach nicht hören, wenn ich eine Lerngruppe übernehmen soll. Beispiele gefällig?

"Die 9e kannst du vergessen, die sind tierisch faul."
"Also bei einem Schüler musst du aufpassen, der ist ein Leistungsverweigerer, das könnte stressig werden."
"Also bis auf Schüler XY können die eigentlich gar nichts. Da unterrichte ich lieber in meiner 5a, die haben echt was drauf!"
"Kann anstrengend werden, die 8b ist eine der lautesten Klassen der Schule, die haben ein echtes Problem."

Und solche Sätze begegnen mir immer und immer wieder, und der großen Buba auch, und der Sannitanic auch. Was mich daran stört? Ich habe in den letzten sechs Jahren die Erfahrung gemacht, dass manche Schüler bei mir ein ganz anderes Unterrichtsverhalten an den Tag legen als bei anderen Kollegen. Das kann eher zum Besseren (Verhaltensauffällige) oder zum Schlechteren (Schleimerella) tendieren. Ich sage jedem meiner neuen Schüler: "Ihr startet bei mir mit einer tabula rasa, ausgeglichenes Konto, und ihr könnt von Anfang an alles richtig oder alles falsch machen." Und ich möchte wirklich, dass die Schüler mich dabei beim Wort nehmen können, und dann sind Sätze wie "Die Jungs hinten machen fast nie mit." nicht förderlich. Ganz im Gegenteil. Und ich gehe noch einen Schritt weiter.

"Die 9e kannst du vergessen, die sind tierisch faul" sagt mir wesentlich weniger über die Klasse selbst aus als über den Kollegen, der diesen Kommentar äußert. Er lässt mich denken, dass der Kollege Probleme in der Klasse hat. Er lässt mich vermuten, dass der Kollege in seinem Wertungsschema festgefahren ist und dass es keine großen Notenüberraschungen bei ihm gibt. Er lässt mich befürchten, dass jener Kollege selbst vielleicht nicht unvoreingenommen auf jeden seiner Schüler zugehen kann, und das tut mir für alle Beteiligten leid: Für den Schüler, der demotiviert wird, weil ihm nicht die Chance eingeräumt wird, sich im Unterricht drastisch zu verbessern, und für den Lehrer, der vielleicht so festgefahren in dieser Situation ist, dass er es selbst nicht mehr bemerkt und sich eben dessen nicht mehr bewusst ist - dass der Kopf rund ist, damit das Denken die Richtung ändern kann.

Ich schaue mir Vornoten nur vor den Zeugniskonferenzen an (weil große Notensprünge erklärt werden müssen). Ansonsten biete ich meinen Schülern die Möglichkeit, etwas Neues aus sich zu machen, wenn sie es denn wollen.

Ich hoffe, ich werde nicht selbst irgendwann sagen: "Die 9e kannst du vergessen!"

Mittwoch, 14. Februar 2018

Ich bin so geil! - Etiam altera pars audiatur...

Weekend is calling...

So, nach ein paar Tagen kreativer Pause (Kulturschock voller Stundenplan? Wohl eher mittlerweile drei Nächte mit nur je zwei Stunden Schlaf; ich seh' schon die "Stell Dich nicht so an, werd' Du erstmal Vater!"-Kommentare dieser verrückten jungen Dame aus dem Nordosten eintrudeln ^^ Jedenfalls bin ich wirklich froh, dass ich endlich wieder den SPO-Rhythmus habe, das bedeutet mir ziemlich viel) melde ich mich zurück - nicht mit dem Beitrag, den ich eigentlich posten wollte - darüber, wie man sich Stück für Stück sein "richtiges" Leben zurechtpuzzelt - sondern es ist, wie so oft, etwas in der Schule dazwischengekommen. Weil manche SoS (Schüler oder Schülerinnen, ich versuche zu chiffrieren) einfach nicht ihre Klappe halten können, wenn sie ihre Chance auf eine Bühne sehen. Und ich meckere ja auch gar nicht, denn ich kann das wunderbar nachvollziehen. Gibt ja schließlich nicht nur einen Menschen, der sich selbst so unglaublich geil findet, also sollte auch die andere Seite gehört werden. Oder zumindest erwähnt.

Und die hat heute gefragt, was sie denn tun muss, um in diesem Blog Erwähnung zu finden. Und damit die Frage eigentlich schon selbst beantwortet. Da man aber scheinbar, wie ich heute gelernt habe, in diesem Blog nur drei Beiträge finden kann, muss ich ernsthaft in Frage stellen, ob jene SoS, die dieser Beitrag betrifft, ihn überhaupt werden auffinden können. Wenn sie nur so viel Zeit in ihre Lateinübungen investieren würden... aber fünf Punkte verdienen sich in E ja von selbst, nicht wahr?

Kampf um Anerkennung, anyone? Dabei haben jene SoSuS das ja vielleicht gar nicht nötig ;-)

So, Zeit für's Abendessen und dann ein weiterer Versuch, eine Nacht vernünftig zu schlafen. Liebste Sannitanic... ich weiß gar nicht, wie Du das meistern wirst, mit Kind und Job. Höchsten Respekt an alle Eltern da draußen!

post scriptum: Ich finde es faszinierend, dass das Kendama zur Zeit die Runde unter Jugendlichen macht. Ich hab' es vor einigen Jahren liebgewonnen, als einer der Charaktere aus "Tales of Symphonia" ein Kendama als Waffe benutzt hat ;-)

paulo post scriptum: Dass ein Sechstklässler "The Shawshank Redemption" (Die Verurteilten, 1994) gesehen hat und ihn zu seinen Lieblingsfilmen zählt, beeindruckt mich mächtig. Auch wenn es mich angesichts seines Unterrichtsverhaltens nicht wirklich überrascht hat. Ich finde das toll.

Samstag, 10. Februar 2018

"Ah ah ich sterbe du Idiot"

"Bin das Baby, musst mich liebhaben!"

Thema heute: Wie nenne ich mein Kind?

Auslöser war ein spontaner Gedanke an die Serie Die Dinos, mit der ich aufgewachsen bin: Herrliche Satire, politisch und albern. Die Dinofamilie Sinclair hat ein Baby und es ist an der Zeit, ihm einen Namen zu geben. Für die Namensvergabe ist ein weiser alter Dino im Amt zuständig. Als die Eltern nun fragen, wie das Baby heißen soll, verschluckt der Weise sich, fängt an zu husten. Der Protokollant fragt genervt: "Wie soll das Kind denn nun heißen?", der Weise antwortet röchelnd: "Aaahhh.... aaahh... ich sterbe, du Idiot!" Protokollant: "Aha. Das Kind heißt [Ah ah ich sterbe du Idiot]. Der Nächste!"

Ich liebe diesen abgefahrenen Humor. Die Sache an sich bleibt aber interessant; ich würde mein Kind wohl nicht "Ah ah ich sterbe du Idiot" nennen (auch wenn es in der Serienfolge für einige Lacher sorgt). Wonach entscheidet man den Namen des Kindes? Ich habe jetzt an unterschiedlichen Schulen unterrichtet und das gesamte soziale Spektrum abgedeckt. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien eher Justin, Nancy oder Keira heißen, als ob man sich bei amerikanischen Popstars bedient hat.

Derzeit unterrichte ich am anderen Ende der sozialen Leiter, dort scheint man sich an historischen Persönlichkeiten zu orientieren. Carl Oscar Friedrich, hier ein Aeneas, da eine Klara, und generell mehrere Vornamen.

Natürlich hasse ich Verallgemeinerungen, aber das ist eine sehr spannende Beobachtung. Ich möchte in diesem Beitrag auch keine Namen bewerten; manche Namen sind leichter zu rufen, andere etwas komplizierter. Wird einem als Lehrer immer wieder bewusst, wenn man eine bunte Schar von Käwiehns und Schanntallähs und Tim und Tom und Klaus und Maria und Marieke Sophie und Otto und Carlotta und Regina und Corinna unterrichtet.

Ich glaube, ich müsste eine sehr lange Zeit überlegen, um zu einem Schluss zu kommen, wie mein Kind heißen soll. Wenn ich mich überhaupt irgendwie festlegen könnte. Naja, im Zweifel rufe ich dann irgendwann durch's Haus: "Ah ah ich sterbe du Idiot, es gibt Essen!"

post scriptum: Wer lachen möchte, hier ist ein kleines Best Of Baby Sinclair - Buba, schau Dir das an und spül' Dich tot, bei Sachen wie "Schnucki Schnucki Schnuck" (aber richtig ausgesprochen ^^)


Freitag, 9. Februar 2018

Ich bin so geil!

Echo and Narcissus (John William Waterhouse) - eines der bekanntesten Motive der Metamorphosen Ovids.

Es gibt da diese Phasen in meinem Leben, in denen ich mich richtig toll finde. Wenn ich allein bin. Wenn andere Menschen dabei sind, versuche ich immer etwas bescheidener aufzutreten - was mir lang nicht mehr so gut gelingt wie noch vor einigen Jahren. Aber wenn ich allein bin, setze ich mich in Ruhe hin und denke nach: "Ach, das war ein geiler Schultag, und mein Unterricht ist sowieso viel besser als der von Kollege XYZ." - "Die sind ja nett und sicher auch gute Fachvermittler, aber bei weitem keine so guten Pädagogen. Darin bin ich echt gut." - "Ich glaube, ich schaue mir nochmal die alten Saturnalien-Aufnahmen an - natürlich nur die Szenen, in denen ich vorkomme, weil ich einfach nochmal sehen will, wie geil ich bin." - "Ich glaube, ich sollte einen Blog schreiben, damit ich regelmäßig Feedback bekomme, wie toll ich bin." (Zum Glück habe ich kritische Leser, das hilft mir, diesen Gedanken nie Ernst werden zu lassen.)

Wow, das so aufzuschreiben weckt in mir ein recht widerliches Gefühl. Ziemlich ekelhaft, diesen Narzissmus auch noch schwarz auf weiß zu sehen. Und da nützt es auch nicht, wenn Mr Egomaniac pur Präsident der USA ist und das Ganze noch wesentlich weiter auf die Spitze treibt (indem er sich auch offiziell und vor Publikum endlos geil findet). Ekelhaft, und trotzdem genieße ich diese Momente, und ich kenne mindestens einen Menschen, dem es auch so geht.

Eigentlich könnte das ja eine niedliche kleine Macke sein. Aber ich muss aufpassen: Gerade wenn es um Schule geht, kann dieser Narzissmus zu Engstirnigkeit führen, zu Borniertheit, dazu, dass ich meine eigenen Unterrichtsmethoden so geil finde, dass ich überhaupt keine Alternativen mehr gut finden kann. Das kann sich über die Jahre unglaublich verhärten und dazu führen, dass man diese Scheuklappen selbst gar nicht mehr wahrnimmt. Ich habe in den paar Jahren Schule, die ich bisher erlebt habe, relativ viele Kollegen kennen gelernt, denen es ebenso geht. Die vollkommen unkritisch von ihrer Methode überzeugt sind und z.B. die Bedürfnisse ihrer Schüler kaum noch wahrnehmen. Und wenn ich nicht aufpasse, werde ich ganz genau so werden.

Immer schön geschmeidig bleiben, Dr Hilarius!

Woher dieses Verhalten wohl kommt? Und ob es jedem Menschen irgendwann so geht? Ich führe das ein bisschen auf die persönliche Entwicklung zurück. Als Kinder sehen wir uns selbst als Zentrum des Universums, kein Wunder, als Baby und Kleinkind werden wir ja oft auch so behandelt. Das führt ohne ordentlichen Gegenwind dazu, dass wir recht überhebliche Teenager werden; ich denke, jeder Kollege wird solche Schüler schon einmal erlebt haben. Und wir sollten uns dann nicht über ihr Verhalten ärgern, sondern versuchen, subtilen Einfluss auszuüben.

Ich glaube, dass Jugendliche, die in unsteten, schwierigen Verhältnissen aufwachsen (müssen), diesen Egozentrismus viel schneller ablegen als Jugendliche in behüteten Elternhäusern. So kann ich mir einen Menschen in meinem Bekanntenkreis vorstellen, der diese "Ich bin so geil"-Phasen sicherlich nicht so intensiv erlebt wie ich. Aber vielleicht liege ich mit dieser Erklärung auch vollkommen daneben.

...

Aber nein, ich bin ja so geil, ich habe natürlich Recht!

post scriptum: Liebe Kollegen, herzlich willkommen im wohlverdienten Wochenende!